Haben wir unsere Hausaufgaben gemacht?

Europa: Staaten- und Wertegemeinschaft oder nur Friedensbund? - Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

„Friede in Europa ist keine Selbstverständlichkeit, gerade deshalb ist die Sicherung des Friedens die größte historische Leistung der europäischen Integration“, schrieb  Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Kulturstaatsminister im ersten Kabinett von Gerhard Schröder, vor einigen Tagen in der Zeit. Gleichzeitig stellt er ernüchtert fest, das „Europa des großen Visionärs, Strategen und Administrators Jean Monnet ist am Ende.“

Umfragen zufolge ist fast die Hälfte der Bevölkerung der Meinung, dass die EU aus der Friedenssicherung ihre wichtigste Legitimation gewinnt. Tatsächlich geht dieses Pro-EU-Argument aber weit vor das 20. Jahrhundert zurück, nämlich im Wesentlichen auf  Immanuel Kant, der für das als demokratischer Frieden bezeichnete Prinzip mit seiner Schrift Zum ewigen Frieden (1795) ausformulierte, warum 1) die Staatsform (Demokratie) und 2) ein Friedensbund (in diesem Falle die EU) für einen dauerhaften Frieden notwendig sind. Die Ideengeschichte lässt sich sogar noch weiter bis hin zu Niccolò Machiavelli und Montesquieu (und gewissermaßen auch auf Giovanni Pico della Mirandola) zurückverfolgen.

Prof. Gunnar Heinsohn hielt dem von Nida-Rümelin vertreten Ansatz jedoch schon vor einem Jahr im Cicero (2/2011) entgegen:

Sogar aus der Psychologie – hier in Gestalt des hoch angesehenen Thomas Elbert (Universität Konstanz) – kommt Zustimmung: „Stellen Sie sich vor, der Euro zerbricht, und die  materiellen Sicherheiten gehen verloren: Europa hat die Sprengkraft auseinanderzufliegen – und wir alle haben das Potenzial zum Töten ins uns“ (Süddeutsche Zeitung, 28./29.8 2010). Nun ist dieses „in uns“ ja nicht falsch. Da es aber vor, während und nach den großen Auslöschungen wirkt, muss gefragt werden, was hinterher nicht mehr da ist, so dass die Potentiale inaktiv bleiben.

Doch umgekehrt wird ein Schuh draus. Erst die Kriegsunfähigkeit Europas nach 1945 ermöglicht seine Einigung. Angriffskriege hören ja nicht auf, weil die Beteiligten nach 500 Jahre davon genug haben. Würden dafür nicht auch 90 oder 490 Jahre reichen? Fast immer werden Räume dann friedlich, wenn sie keine disponiblen Söhne mehr verbrauchen können. Hätte sich der Kontinent seit 1920 auch nur vermehrt wie die USA (106 auf 310 Millionen), stände man heute – nach knapp 500 Millionen damals – nicht bei gut 700 Millionen, sondern bei 1,4 Milliarden Menschen und wäre die unangefochtene Nummer eins vor China und Indien. Hätten sich die Kolonialgebiete hingegen weiter so langsam vermehrt wie vor 1920, dann hätten die europäischen Mächte ihre Imperien verteidigt und noch jede Menge Wut und Personal für Konflikte vor Ort einsetzen können.

Hätte das imperiumslose Deutschland sich seit 1950 vermehrt wie vor 1900 oder wie die Menschen im Gazastreifen jetzt (200.000 auf 1,6 Millionen), dann stände man nicht bei 82 Millionen mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren, sondern bei 530 Millionen mit einem Durchschnittsalter von 16 Jahren. Statt 7,5Millionen hätte man 75 Millionen wehrfähige Männer. Würden die aus Liebe zu den Römischen Verträgen (25. März 1957) zehnmal so viel Pazifismus in die Welt tragen oder würden sie auf Palästinenser machen, also Bomben in den verlorenen Gebieten hochgehen lassen, weil man die fortschrittliche deutsche Jugend doch nicht für die Verbrechen der Nazis bestrafen dürfe? Welche Verträge hätten solche Megaarmeen in Ketten schlagen können?“

Zwei Meinungen, zwei Theorien. Welcher können Sie, liebe Leser besser folgen? Darüber würde ich mit ihnen diskutieren. Vielleicht gibt es ja auch noch eine Dritte? Es spricht einiges für Heinsons Thesen, denn an unserer Währung sehen wir, dass es uns in Europa an gemeinsamen Werten und Zielen fehlt. Mehr dazu bald hier…

Lesen Sie dazu auch:

Gunnar Heinsohn (2003): Söhne und Weltmacht. Terror und Aufstieg im Fall der Nationen.  Orell Fuessli, 192 Seiten. Entweder als Buch (Amazon) oder kostenlos als PDF auf dieser Webseite (inklusive einiger Links zu Diskussionsbeiträgen dazu). 

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.