Es ist möglich als großer Mensch zu handeln

Die Lotusblüte als Sinnbild natürlicher Perfektion - Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Manche Menschen betrachten Akademien[ref]Vortrag von Jan Teunen, gehalten am 5. November 2009 im Hotel Adlon, Berlin im Rahmen des Symposiums der Vermögensakademie: Wie macht man gutes Geld in einer öko-humanen Marktwirtschaft?[/ref] als Orte, an denen man schöne Trinkgelage abhalten kann. Sie leiten Akademie von Akademos ab, dem Beinamen von Bacchus. Zu diesen Menschen gehöre ich nicht. Für mich sind Akademien irdische Repräsentanzen des Universums. Das griechische Kosmos, das lateinische Universum und das mittelhochdeutsche All sind Begriffe, die eine schöne, geordnete, tugendhafte Welt umschreiben. Eine solche Welt ist das Modell, auf das wir unsere Vermögen ausrichten sollten. Was immer wir im Privaten oder Geschäftlichen unternehmen, wir sollten unsere Vermögen so einsetzen, dass die Häuser unserer Familien und die Häuser unserer Unternehmen zu etwas werden, das sich als geschrumpfter Kosmos bezeichnen lässt.

Das stellt hohe Anforderungen an das Vermögen, Menschen zu lieben, an das Denkvermögen, ans Sprachvermögen und an das Vermögen zu handeln, oder dort, wo dies eher angebracht ist, an das Vermögen, das Handeln zu unterlassen. In diesem Zusammenhang kommt mir das weise Gebet der Teresa von Ávila (1515-1582) in den Sinn:

Herr, gib mir die Weisheit, das, was ich ändern kann, von dem zu unterscheiden, was ich nicht ändern kann, die Kraft, das zu ändern, was ich ändern kann, und die Gelassenheit, das zu ertragen, was ich nicht ändern kann.“

Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen in der Wirtschaft über diesen Satz meditieren würden, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen. Wenn ich dann noch etwas mehr wünschen dürfte, würde ich darum bitten, dass sie sich auf dem Weg zur Arbeit immer wieder folgende Sätze aus dem Talmud vergegenwärtigen, nicht zuletzt auch, um ihre eigenen Vermögen zu schützen und zu mehren:

Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden deine Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“

Ich habe mich für diesen Text inspirieren lassen von den Weisheiten alter Chinesen, die der Meinung waren, dass alle Angelegenheiten des Universums in den Bereich ihrer Verantwortung fielen und dass ihre Verantwortung alle Angelegenheiten des Universums einschloss. Mein Titel heute, „Es ist möglich als großer Mensch zu handeln“, ist vom chinesischen Philosophen Meng-Tzu (372-289 v.Chr.). Die Methode des Vortrages habe ich von dem Nobelpreisträger der Literatur Joseph Brodsky übernommen. Eine Methode, die er angewandt hat, als er als Redner am internationalen Zermatter Symposium zum Thema „Intuition und Kreativität“ teilgenommen hat. Dort hat er seine gewagte Behauptung wiederholt, dass die Ästhetik die Mutter der Ethik sei. Die entscheidende Aufgabe für eine Gesellschaft, für eine Ansammlung von Individuen, so Brodsky, ist die individuelle Entwicklung des Geschmacks. Denn wenn man den Geschmack entwickle, lasse man sich nicht so leicht täuschen.

Die Zuhörer in Zermatt waren von den Ausführungen Brodskys begeistert und bedankten sich mit einer stehenden Ovation. Brodsky, der ein sehr bescheidener Mensch war, bat sie mit dem Klatschen aufzuhören und sich wieder zu setzen. „Danken Sie mir für nichts“, so sagte er. „Ich sitze hier, aber das bin nicht genau ich. Ich bin die Endsumme all dessen, was ich gelesen habe und woran ich mich erinnere… Und in dem Augenblick, wo ich mich nicht mehr daran erinnere, kann mich in der Straße irgendeiner erstechen, und es wäre kein großer Verlust. Doch solange ich Erinnerung habe, bin ich eine Schatztruhe.“

Eine solche Schatztruhe will ich heute für Sie sein, in der Hoffnung, dass dadurch in Ihren Köpfen und zwischen Ihnen die eine oder andere neue Kombination entsteht. Ich habe mich erinnert an die vielen Lektionen, die ich von meinen Philosophenfreunden Hajo Eickhoff und Arnold Cornelis erhalten habe, an die Lektionen des Friedennobelpreisträgers Professor Yunus und des Systemwissenschaftlers Professor Laszlo sowie an die Lektüre von Texten einer Vielzahl weiser Menschen, von Sri-Aurobindo bis Peter Sloterdijk.

Bei den alten Chinesen war der Weise derjenige, der die Normen des Himmels und der Erde zu den Menschen herab holte und für Ordnung im All sorgte. Weise sind Brückenbauer. Zum Wohle der Menschen überbrücken sie die makro- und mikrokosmischen Sphären mit Hilfe der Tugenden und stellen die Menschlichkeit allem voran. Viele Führungskräfte in der Wirtschaft sind nicht weise, weil sie es zulassen, dass Unternehmen und Organisationen, für die sie Verantwortung tragen, geprägt sind von der Dominanz wirtschaftlicher Rationalität. In einer solchen Enthumanisierung der Gesellschaft durch die Wirtschaft wird Vermögen in einem unvorstellbar großen Ausmaß vernichtet. Das bringt nicht nur die Wirtschaft und die Weltgemeinschaft in große Schwierigkeiten, wie wir es gerade erleben, es bringt auch den Kosmos in Unordnung. Weiterlesen…

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