Es ist möglich als großer Mensch zu handeln

Die Realität sieht anders aus. Im Durchschnitt geht ein Drittel aller Investitionen verloren durch innere – das heißt personalbedingte – Reibereien. Informationen werden blockiert, Mitarbeiter harmonieren nicht oder missverstehen sich, werden krank durch das Gefühl, in dem Unternehmen nicht weiter zu kommen oder unterdrückt zu sein. All das nimmt die Motivation bei der Arbeit und schwächt die Wirtschaftskraft eines Unternehmens. Der Tatbestand wird immer häufiger Gegenstand von Untersuchungen, denn die Menschen verstehen, dass Wirtschaftskraft nicht nur Geldflüsse in Bewegung bringt, sondern vor allem Motor von Gesellschaft und Moral, von Kultur und Ästhetik ist bzw. sein soll.

Um diese umfassende Kraft auszubilden, müssen sich Unternehmen um die Ausgewogenheit von wirtschaftlicher und ethischer Verantwortung kümmern. Diese Ausgewogenheit ist die Voraussetzung für das Entstehen einer oikologischen Unternehmenskultur, aus der sich die Werte Dialogbereitschaft und Solidarität, Achtsamkeit und Verantwortung entwickeln lassen. Sitte, Moral und Ethik versammeln die Werte einer Gemeinschaft. Sie verbinden zuerst die Menschen miteinander, sollten aber auch die Gemeinschaft mit der Natur und dem Naturstoff verbinden.

Unter den Bedingungen der Globalisierung, in der die Menschheit zu einer Weltgemeinschaft zusammenwächst, muss auch die Ethik zusammenwachsen. Sie muss zu einer Weltethik werden. Eine Weltethik fasst alle Kulturen zusammen, lässt ihnen aber die Eigenständigkeit. In einem solchen Modell findet ein ideeller demokratischer Diskurs zwischen den Kulturen statt. Unternehmen mit einer so weit gefassten Ethik entwickeln eine oikologische, das heißt positive Unternehmenskultur. Das unternehmerische Handeln einer oikologischen Unternehmenskultur besteht im Erarbeiten von Strukturen, die es ermöglichen, die Mitarbeiter für die Arbeit, für das Miteinander und das Engagement für Natur und Gesellschaft zu motivieren. Eine solche Unternehmenskultur produziert in allen Bereichen Qualität – im gegenseitigen Handeln, in der Arbeit und in der Art, die Dinge zu produzieren und zu konsumieren.

Darin steckt der Gedanke, dass der Mensch nicht nur sich und dem Unternehmen, sondern auch einem allgemeinen Zweck zu dienen bereit ist. Geld ist nicht die Mitte des Lebens. Der Mensch muss das ganze Haus besorgen, das heißt für die Ordnung des Hauses Sorge tragen.

Davon wird gleich noch die Rede sein. Das T hinter mir wird vom Wasser umspült. Für die alten Chinesen war Wasser der Schlüssel zur Wandlung der Welt. Nur wer mit den Prinzipien des Wassers umzugehen weiß, so sagten sie, kann in rechter Weise handeln. Die Prinzipien des Wassers lassen sich gut auf das unternehmerische Handeln übertragen:

  • Es bringt die Dinge zur Blüte.
  • Es pflegt die Wurzeln.
  • Es vergisst niemals seine Quelle.
  • Es treibt sich selbst an.
  • Es bleibt in Bewegung.
  • Es geht dort hin, wo es hingehen muss, und nicht dort hin, wo es hingehen will.

Wasser ist auch eine Metapher für Geld. Wir reden von Geldquellen, von Liquidität, von Geldwäsche, vom Abregnen des Geldes. Wer taucht, weiß was passiert, wenn man unter Wasser ist und etwas, das sich im Wasser befindet, greifen will. Man greift daneben. Dieses Bild illustriert, dass die Wirklichkeit zerbricht, wenn man alles durch die Brille des Wassers bzw. durch die Brille des Geldes sieht.

Geld, so Sri Aurobindo, ist das sichtbare Zeichen einer universellen Kraft. Geld ist nicht dazu da, um daraus mehr Geld zu machen. Geld sollte eingesetzt werden, um die Welt auf die neue Kreation vorzubereiten. Geld sollte darauf verwendet werden, um idealerweise, so Aurobindo, den Wohlstand über die ganze Erde zu verteilen.

Wenn das so ist, dann haben die Menschen bisher einen falschen Weg eingeschlagen, ihr Geld verkehrt eingesetzt, ihre Vermögen nicht richtig genutzt. Und das hat viele Probleme verursacht. Da die Weltprobleme ein Resultat menschlichen Handelns sind, das Ursachen hat, müssen wir die Ursachen untersuchen und nach anderen Wegen suchen. Nach Wegen der Integrität. Integer bedeutet unberührt und unbescholten und zielt auf Verlässlichkeit und Treue. Zwei Merkmale, die garantieren, dass im Tierreich die Eltern ihre Nachkommen beschützen, versorgen und ins Leben führen. Aus demselben Grunde sind es den Menschen Begriffe der Ethik. Ohne sie kann keine Gemeinschaft existieren. Verlässlichkeit und Treue offenbaren Unternehmen in der Güte ihrer Unternehmenskultur. Die aktive Seite dieser Haltung ist der Mut. Eine innere Haltung, die jede Art Unternehmung braucht. Hier denke ich an den zentralen Satz der Aufklärung, formuliert von Immanuel Kant: „Sapere aude! – „Wage zu denken!“ oder „Wage, dich deines Verstandes zu bedienen!“ Dieses Wagnis als Heraustreten aus der Unmündigkeit ist der Mut, der den Menschen zu einem mündigen und politisch selbstständigen Bürger macht. Das ist derselbe Mut, über den Führungskräfte verfügen müssen, damit sie nicht das Risiko suchen, sondern verantwortungsvoll die Risiken abwägen. Verantwortungsvoll Risiken abwägen bei der Erneuerung von Unternehmen. Dienen, einen Unterschied machen, Bedeutung konstruieren, d.h. seine Vermögen zukunftsträchtig und sinnstiftend einsetzen – darum geht es.

Bedeutung konstruieren, die gestörte Ordnung ordnen, das ist die Aufgabe derer, die die höchste Entwicklungsstufe des irdischen Daseins erreicht haben. Das ist die Aufgabe der Menschen. Sie müssen ihre rationalen Fähigkeiten mit ihrem emotionalen Vermögen verbinden  und sich als Teil des Universums erfahren. Die Kunst liegt also darin, die Welt in der Balance zu halten, während wir ihr etwas Neues hinzufügen.

Beim Untersuchen der Ursachen für die Schieflage in der Welt machen wir die Feststellung, dass der Mensch zunächst in einer von der Natur geschaffenen Umwelt lebte. Menschen sind aber Doppelwesen, zweifach geordnet. Als Naturwesen sind sie Geschöpfte, als Kulturwesen sind sie Schöpfer. Der Mensch hat das Vermögen, sich der Natur entgegen zu stellen, sie geistig zu durchdringen und den Naturstoff neu zusammenzusetzen und in künstliche Produkte zu verwandeln. Einmal auf den Geschmack gekommen, entwickelt sich der Mensch zu einem Wesen, das unablässig Naturstoff in Gegenstände umarbeitet.

Gegenstände sind Produkte. Das mit der Hand aus der Erde Hervor-Geführte – das Pro-ducere. Mit der Verwandlung der Natur durch die menschliche Hand begann die Evolution der Gegenstände und mit ihr die Geschichte der Gestaltung im engeren Sinne. Da das der Natur Entnommene dem Bereich der Natur, der Götter angehörte, musste es sorgsam behandelt werden. Es war dieses sorgfältige Pro-ducieren – Herstellen und Gestalten –, das das der Natur Entnommene in den Rang des Kostbaren erhob. Das Schonen des Gegenstandes ist seine Schönheit. Die schöne und gute Gestalt war Ausdruck der Achtung vor der Natur. Die Achtung vor der Natur und die Wertschätzung des Produkts sind mancherorts in den Hintergrund geraten. Schieflage und Verletzungen sind das Resultat.

Die Schieflage und die Verletzung der Welt hat in dem Moment begonnen, als Menschen sesshaft wurden, als sie die ersten Häuser bauten, als Architektur ihren Anfang nahm. Beim Bau der ersten Häuser war die kosmische Ordnung das Modell. Die Architektur machte die Menschen zu neuen Wesen, zu Sesshaften, die durch das Dach das Hauses das Modell der kosmischen Ordnung, an dem sie sich bis dahin orientiert hatten, aus den Augen verloren. Das geschah natürlich nicht sofort, sondern ganz allmählich. Wir können davon ausgehen, dass die ersten Hausbewohner noch über die Reinheit der Intuition verfügten. Durch die ältesten, bewahrt gebliebenen abendländischen Bücher über die Baukunst wissen wir, dass gleichzeitig mit dem Haus die Sprache entstand. Als Kompensation für den Verlust des Modells der kosmischen Ordnung erfanden die Menschen den Begriff Ethik und somit eine Art von Kodex für das Haushalten, für das In-Ordnung-bringen des Hauses. Ethik bedeutete damals, je nach dem, wie das Wort geschrieben wurde, sowohl Haus als auch Sitten im Sinne eines Gesamtkodexes von Mitteln und Wegen in Richtung auf ein bestimmtes Ziel, nämlich etwas Gutes und Höheres. Durch die Zunahme von Komplexität seit dem Bau des ersten Hauses wurde es immer schwieriger, die Regeln, die Grammatik, die Ethik zu kontrollieren, so dass sich Mensch und Gesellschaft, Denken und Handeln fragmentierten, woraus sich ein Teil der heutigen Weltprobleme herleiten. Deshalb ist ein Weg in die Zukunft das Zusammenfügen getrennter Bereiche zu einem Ganzen. Dazu gehören genaue Analysen, da wir sonst Symptome behandeln und nicht an Ursachen arbeiten. Weiterlesen…

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