Es ist möglich als großer Mensch zu handeln

Im Moment läuft in den Kinos der Film „VISION“ von Margarethe von Trotta über das Leben der Hildegard von Bingen. Wie wir jetzt, lebte auch sie in einer Zeit der Spaltung, und als Mystikerin und Seherin riet sie dem Papst, dem Kaiser und anderen, die sich von ihr beraten ließen, wieder den Blick für das Ganze zu öffnen. Denn, so betonte sie immer wieder:

Ganzheitliches Leben ist heiles Leben.“

Dieser Rat der Hildegard ist heute aktueller als jemals zuvor, denn uns ist etwas Fatales passiert: Wir haben das Einfache durch das Vielfache ausgetauscht, und dadurch ist uns die Rückkopplung zur Einheit verloren gegangen. Diese Rückkopplung ist zur Richtungsbestimmung, zur Wegbestimmung der Zukunft erforderlich. Das ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen von uns, aber auch die von Unternehmen, Organisationen und Institutionen. Es muss die abgebrochene Verbindung mit dem Kosmos wieder hergestellt werden.

Die verloren gegangene Verbindung mit dem Kosmos wiederherstellen. Was für ein Satz! Spätestens jetzt werden einige von Ihnen denken: Was ist denn das für ein esoterischer Spinner, den die Vermögensakademie uns hier zumutet?

Urteilen Sie nicht zu schnell. Der Satz stammt nicht von mir. Gehört habe ich ihn in der Haniel Akademie aus dem Munde des Aufsichtsratsvorsitzenden eines der größten DAX-Unternehmen. Er war lange Vorstandsvorsitzender dieses Unternehmens und steht nicht im Verdacht, ein esoterischer Spinner zu sein. Im Saal waren auch keine Esoteriker, sondern viele Captains of Industry – man hätte denken können, die Führung der Deutschland AG habe sich versammelt. Nachdem der Satz über die Notwendigkeit einer Rückkopplung zur Einheit ausgesprochen war, gab es einen lang anhaltenden Applaus. Sehen Sie – das ist eine neue Qualität. Esoterik hin oder her.

An der Spitze der Unternehmen ist man sich inzwischen darüber im Klaren, dass die Verbindung zum Ganzen des Seins unterbrochen ist. Man ist sich auch im Klaren darüber, dass dies für das Geschäft nicht gut ist. Die alten Chinesen hätten das so kommentiert: Die haben ihre Finger durch die eigene Papierlaterne gesteckt. Was jetzt Not tut, ist nicht eine diesbezügliche Erweiterung des Bewusstseins, sondern eine Vertiefung, und das ist die gute Nachricht. Es vertieft sich das Bewusstsein vieler Führungskräfte in Unternehmen tatsächlich. Es vertieft sich, weil Kunden kritischer, mündiger, fordernder und informierter geworden sind. Sie erwarten von Führungskräften mehr Einsicht, ein Weiterdenken und Verantwortung. Sie verlangen, dass die Führungskräfte die Unternehmen, für die sie Verantwortung tragen, sich und ihre Unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes weiterentwickeln.

Entwicklung – schöne deutsche Sprache. Entwickeln bedeutet buchstäblich: die Wickel entfernen, zum Kern, zum Wesen einer Sache vordringen. Wenn Unternehmer und Führungskräfte die Wickel entfernen und zum Kern kommen, entsteht von alleine die Einsicht, dass es die Hauptaufgabe von Unternehmen ist, Gesellschaft zu gestalten. Seit dem denkwürdigen Abend in der Haniel Akademie habe ich mir die Frage gestellt: Wie schaffen es eigentlich Unternehmen, sich so weiterzuentwickeln, dass sie die Rückkopplung zur Einheit wieder hinbekommen?

Inzwischen habe ich eine Antwort gefunden, wie so oft im Dialog mit dem Philosophen Hajo Eickhoff. Die Antwort habe ich mitgebracht.

Wenn Unternehmen sich wieder mit dem Ganzen verbinden wollen, müssen ihre Häuser wie in der alten Ökonomik wieder zum Modell werden für Wirtschaftlichkeit und Schutz sowie für Zusammengehörigkeit und Kulturpflege. Dieses Modell ist übrigens die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen das Konzept der Nachhaltigkeit umsetzen können, so wie es ihre Kunden zunehmend verlangen und erwarten.

In vielen Unternehmen ist man intensiv dabei, genau daran zu arbeiten. Ja, manche Aufsichtsratschefs sehen in Unternehmen, die sie beaufsichtigen, bereits ein Spiegelbild des Kosmos, so z.B. Stephen Green, der Aufsichtsratschef des Finanzkonzerns HSBC in einem Interview mit der FAZ vom 9. August 2009. Er plädiert in diesem Interview für die Entwicklung eines ethischen Kapitalismus.

Wer sein Haus so bestellen möchte, dass es zum Modell wird für Wirtschaftlichkeit, Schutz, Zusammengehörigkeit und Kulturpflege, braucht engagierte Stakeholder. Wer solche will, muss sie von innen her bewegen, sprich motivieren. Am Engagement und an der Motivation fehlt es, wie wir vorhin gesehen haben, hier zu Lande an viel zu vielen Stellen, und in meiner Heimat ist das nicht viel anders.

Wer bedenkt, dass von den Organisationskosten die Personalkosten 80% ausmachen und dass von diesen 80% bis zur Hälfte durch sogenannte Reibungsverluste verloren gehen, weiß, welcher wirtschaftliche Schaden hierdurch entsteht. Dabei ist der gesellschaftliche Schaden durch den Vertrauensverlust weitaus größer. Wenn die Vermögen der Menschen – damit meine ich Vermögen wie Menschlichkeit, wie Talent und Kreativität – in Unternehmen nicht stimuliert und ausgeschöpft werden, können diese Unternehmen nicht zur Beschleunigung der Globalisierung beitragen. Ja, Sie hören richtig: Das ist eine weitere Hauptaufgabe von Unternehmen. Sie müssen sich entwickeln, um die Globalisierung zu beschleunigen. Sie müssen Gesellschaft gestalten, damit die Globalisierung beschleunigt wird, und zwar auf ein ganz bestimmtes Ziel hin, und das ist die Globalität.

Globalität meint ein Mehr an Kooperation statt mörderischer Konkurrenz, ein Mehr an Wohlstandsverteilung, ein Weniger an Armut, Hunger und Krieg. Der Weg zu diesem Ziel verläuft nicht linear. Er wächst, wie alles Lebendige, in Sprüngen. Dieser Weg ist ein Entscheidungsweg, und immer wieder kommen Menschen an Gabelungen, an denen entschieden werden muss, ob der Weg gewählt wird, der zur Globalität führt, oder der andere, der in der Regel ein Holzweg ist. Damit der richtige Weg gewählt wird, braucht es nicht nur Motivation, es braucht auch Kreativität und Intuition.

Kreativität und Intuition haben ihr Zentrum in der rechten Gehirnhemisphäre des Menschen, und wer weiß, dass diese Gehirnhälfte bei Heerscharen von Menschen, die in Unternehmen tätig sind, ausgetrocknet ist, weil sie ständig an der Peripherie des unternehmerischen Handelns herumrennen, der wundert sich zum einen über gar nichts mehr; der weiß aber auch, was zu tun ist. Es müssen in den Unternehmen Möglichkeiten geschaffen werden, die die Dekompression, die Stressreduktion ermöglichen, die ein Entschleunigen zulassen, die es möglich machen, dass nach jeder Kreation die Rekreation erfolgt. Auch hier können wir vom Wasser lernen. Auf seinem Weg von der Quelle zum Meer meandert der Fluss. Dieses Meandern ist eine Entschleunigung des Wassers durch Reibungswiderstand. Die Frage, die sich stellt, ist: Wo sollten wir ansetzen mit der Stressreduktion, mit der Dekompression, damit die rechte Gehirnhälfte der Menschen vor der Austrocknung bewahrt bleibt, damit ihre kreativen und intuitiven Vermögen beschützt werden? Weiterlesen…

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