Es ist möglich als großer Mensch zu handeln

Die Antwort liegt nahe: In der fortgeschrittenen modernen Welt ist die Büroarbeit zur eigentlichen gesellschaftlichen Tätigkeit geworden. Dadurch ist das Büro automatisch zu einem wichtigen Steuerungsinstrument geworden für nahezu alle Prozesse, die die Welt verändern. Von der Qualität dieses Steuerungsinstrumentes hängt ab, ob die Prozesse sich in Richtung Globalität oder in Richtung Holzweg entwickeln. Ich fordere Sie auf: Gehen Sie einmal kritisch durch die eigenen Büroräume und durch die Büroräume anderer Unternehmen. Ich bin ziemlich sicher, dass Sie feststellen werden, dass die meisten Menschen in enthumanisierten Büroräumen arbeiten müssen. Ihre Büros haben Kanalcharakter. Sie sind ausgeprägt funktional und bestens dazu geeignet, die Prozesse in einem hohen Tempo durchzupressen. Auf der Strecke bleibt das größte Vermögen, über das Unternehmen dann nicht mehr verfügen; auf der Strecke bleiben die Mitarbeiter, weil sie in einem kulturellen Umfeld arbeiten müssen, das weder motiviert noch die Vermögen der Kreativität und Intuition steigert. In seiner Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn unterstreicht Gerald Hüther diese Tatsache:

Die Welt, in die die meisten Menschen hineinwachsen, ist eine mit den Maßstäben von vergangenen Generationen mehr oder weniger bewusst gestaltete Welt. Das ist nicht zwangsläufig auch eine besonders menschliche Welt und deshalb auch nicht zwangsläufig eine Welt, in der optimale Bedingungen für die Entwicklung eines menschlichen Gehirns herrschen.“

Er fordert dazu auf, die gegenwärtig herrschenden Verhältnisse so zu verändern, dass die Ausbildung immer menschlicherer Gehirne ermöglicht wird.

Wer Vermögen beschützen will, sollte sich im Klaren darüber sein, dass die Architektur und die Welt der Dinge zu unserer zweiten Natur geworden sind. Das kann, wie die erste, auch eine sehr schöne Natur sein, vorausgesetzt, sie hat eine Qualität, die nicht nur eine funktionelle, sondern auch eine poetische Beziehung zulässt. Wir müssen, wenn wir Vermögen mehren wollen, uns intensiv mit der Schönheit auseinander setzen.

Im alten Griechenland waren alle freien Bürger verpflichtet, regelmäßig die Tempel zu besuchen. Nicht unbedingt, um zu hören, was die Priester zu sagen hatten, sondern um mit der Schönheit konfrontiert zu werden. Die Griechen waren davon überzeugt, dass diese Begegnung den Betrachter verändern würde, ihn dazu motivieren würde, sich als ein großer Mensch zu verhalten. Ja, der menschliche Geist braucht ein Gegengewicht gegen negative Informationen. Er will sie neutralisieren, und deswegen braucht es positive Informationen, die die Schönheit bietet. Im Grunde genommen hat der große weise Yehudi Menuhin in einem Satz das auf den Punkt gebracht, was ich mit meinen Ausführungen versucht habe zu vermitteln, als er sagte:

Wir sind auf Erden, um zu lernen und zu dienen. Wir müssen demütige Diener des Schönen sein. Wir haben das Bedürfnis nach Geborgenheit. Wir brauchen die Schönheit.“

Wenn wir so dienen, ist es zum Verdienen von gutem Geld nicht weit und auch nicht zur Rückkehr der Ideale, die in der Renaissance vorherrschten. Schönheit, Harmonie, Dauerhaftigkeit, Annehmlichkeit. Wir müssen dies alles nicht nur wissen, sondern müssen auch danach handeln. Und wir müssen den Hinweis von Joseph Brodsky, mit dem ich meine Ausführungen begann, ernstnehmen. Ich wiederhole diesen Hinweis:

Die entscheidende Aufgabe für eine Gesellschaft, für eine Ansammlung von Individuen ist die individuelle Entwicklung des Geschmacks.“

Weil dies so ist, schließe ich diesen Vortrag ab mit einigen Sätzen zum Thema „Motivation“ und „guter Geschmack“.

Jedem Handeln liegen Absichten, Motive zugrunde. Beweggründe, Gründe für Bewegungen. Motive folgen unmittelbar auf eine innere Berührung und motivieren den Menschen.

Motivation ist eine Bewegung von innen her. Sie bestimmt das Denken, Fühlen, Verhalten und Handeln. Wird der Mensch innen berührt, öffnen sich seine Sinne und er wird positiv gestimmt – wie in der Liebe. Wenn der Mensch in seinem Innern, seinem Wesen, das seine Qualität ist, von einem Wesen, das die Qualität eines Objekts ist, angesprochen wird, wird er berührt und gerät in Resonanz mit dem Objekt.

Weil in dieser Art des Berührtseins die Möglichkeiten für ein verantwortungsvolles Gestalten und Produzieren liegen, ist es unsere gemeinsame Aufgabe, die Dinge so zu gestalten, dass sich die Gestaltung aus dem Wesen der Aufgabe herleitet, weil dann eine Welt entstehen kann, die die Menschen berührt – und motiviert durch Qualität. Dadurch werden die Menschen angeregt, ihrerseits eine berührende und motivierende Welt einzurichten. In der Weise verbinden sich in der Gestaltung von Beziehungen und in der Gestaltung des Umfeldes und im guten Geschmack Qualität und Motivation zu einer neuen Form: zur Oikologie der Gestaltung.

Doch Ethik und Wert können sich nur behaupten, wenn sie attraktiv und in der Lage sind, den Menschen zu rühren. Wie der über zweitausend Jahre alte Spruch des chinesischen Weisen Meng Tzu: „Es ist möglich, als großer Mensch zu handeln.“ Die darin enthaltene Ethik gewinnt an Attraktion und Schönheit, indem der Spruch Ethik, Politik, Qualität und guten Geschmack in einer Formel verbindet.

Da das Haus der Erde zwar groß, aber nicht unermesslich ist und ihre Energie und ihre Biomasse begrenzt sind, müssen die Menschen mit ihrer Lebensgrundlage, der Erde, an­gemessen umgehen und sich für eine Lebensweise entscheiden, nach der sie sorgfältig und verantwortungsbewusst – also nachhaltig – mit den Stoffen und den Energieträgern der Erde umgehen.

Dazu müssen sie lernen, gut mit sich selbst und mit ihren Vermögen umzugehen. Weniger effektiv sind moralische Appelle, da sie über den Verstand und das Gefühl negativ aufgenommen werden. Wirkungsvoller sind Berührungen, die das Gefühl positiv ansprechen. Unter den Bedingungen der Globalisierung ist das keine individuelle, sondern eine gesellschaftliche, politische und oikologische Aufgabe, in der die Gestaltung eine große Bedeutung bekommt, denn gut funktionierende, gut gestaltete Beziehungen und gut gestaltete und gut verarbeitete Dinge geben den Menschen Festigkeit und Vertrauen, die wiederum eine Basis für Motivation bilden und den Menschen zu einem verantwortungsvollen Leben inspirieren.

Der gute Geschmack ist die orientierende Kostbarkeit der menschlichen Existenz. Sie ist das, was unsere Vermögen wirklich wirksam werden lässt.

Jeder kann an seinem Ort dazu beitragen, Unternehmen zu oikologisieren. Jeder kann zum Botschafter des Schönen und der Nachhaltigkeit werden. Er kann guten Geschmack verbreiten, Wissen weitergeben und Motivation fördern. Ich schließe mit der einfachen und optimistischen Weisheit des chinesischen Lehrmeisters Meng Tzu:

Es ist möglich als großer Mensch zu handeln.“

Möge er ein Motiv werden für unser aller berufliches und kulturelles sowie privates und gesellschaftliches Engagement.

Jan Teunen (*1950) versteht sich als Diener der Diener. Als Cultural Capital Producer betreut er mit seiner Teunen Konzepte GmbH Unternehmen in einer umfassenden Art und mit einer übergreifenden Philosophie. Kunden, die sich bewusst sind, dass Wirtschaftskraft zunehmend aus kultureller, moralischer und ästhetischer Kraft entsteht, hilft er dabei, ihre Unternehmen weiter zu kultivieren, indem er sich um all das kümmert, was nicht in der Bilanz steht: die Werte, das Wissen, das Verhalten. Dadurch entstehen neue Kombinationen, die in den Unternehmen zu einem Mehr an Motivation, Kreativität, Produktivität und Gesellschaftsorientierung führen.

Literatur

  • Ervin Laszlo, Macroshift. Die Herausforderung, Frankfurt am Main und Leipzig 2003.
  • Alan Watts, Der Lauf des Wassers, Frankfurt am Main und Leipzig 2003.
  • Oskar Negt, Arbeit und menschliche Würde,
  • Gerald Hüther. Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Göttingen 2007.
  • Gottlieb Guntern. Kreativität und Intuition, Zürich 1996.
  • Arnold Cornelis. Logica van het gevoel, Amsterdam/Brüssel/Middelburg 1997.
  • Sri Aurobindo und Die Mutter. On Money,
  • Hajo Eickhoff / Jan Teunen, Form:Ethik. Ein Brevier für Gestalter, Ludwigsburg 2005/2006.
  • Hajo Eickhoff / Jan Teunen. Der Geschmack des Design, Halle/Saale 2008.
  • Hajo Eickhoff. Horizont der Verantwortung, Wiesbaden 2002
  • Hajo Eickhoff. Essenz der Zukunft. Vom Möglichkeitssinn, Wiesbaden 2009
  • Peter Sloterdijk. Du musst dein Leben ändern, Frankfurt am Main 2009
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