Menschenrechte, Menschenwürde und die Bedeutung der Politik

Das Grundgesetz in Glas garviert vor dem Jakob-Kaiser-Haus im Berliner Regierungsviertel - Bild: Michael Rose / Wikipedia

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Mit diesem deutlichen Bekenntnis zur Menschenwürde seitens des Staates und der Menschenrechte durch uns, das Volk, beginnt unser Grundgesetz. Die Menschenrechte, bestmöglich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinen Nationen gefasst, können dabei vor allem als von allen Individuen und Kollektiven zu beachtende äußere Rahmenbedingungen betrachtet werden. Die Menschenwürde hingegen ist ein juristisch nicht einzugrenzender und schwer zu bestimmender menschlicher Selbstentwurf, ja, sie setzt dem Recht „einen außerrechtlichen absoluten Wert“ entgegen, wie es der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio in seinem Buch Die Kultur der Freiheit einst formulierte.

Die Menschenrechte formulieren also das Recht des Menschen an sich selbst, insbesondere die Freiheit von allen möglichen Zwängen sowie die Gleichheit vor dem Gesetz. Die Menschenwürde korrespondiert mit der Freiheit und der Gleichheit, es kann aber nicht letztendlich festgelegt werden, ob sie sich aus diesen beiden Werten gewissermaßen automatisch ergibt oder ob sie einen dritten, ggfs. sogar konkurrierenden Wert darstellt. Für die folgenden Überlegungen kann jedoch festgehalten werden, dass gemäß dem Resonanzgesetz die Art und Weise, wie der Mensch sich selbst sieht und behandelt, sich eins zu eins im äußeren Erleben abbildet.

Auf der Handlungsebene können wir beispielsweise die Spekulation mit Nahrungsmitteln auf Kosten hungernder Menschen als einen Verstoß gegen die Menschenwürde betrachten, auch wenn genaugenommen keine Menschenrechte direkt verletzt werden. Es geht also darum, festzustellen, was würdig ist, um im Umkehrschluss die Grenzen zu unwürdigem Verhalten festlegen zu können.

Aus oekohumaner Sicht ist es deswegen notwendig, die Menschenrechte weiter zu fassen, damit sie sie die Achtung der Menschenwürde garantieren, so wie es z.B. Pico della Mirandola ausgedrückt hat oder wie es in der Bibel steht: jedem das Seine auf gleicher Augenhöhe. Denn zu den Menschrechten zählt meiner Meinung nach neben der Versorgung mit guten Lebensmitteln, das Recht auf saubere Luft, das Recht auf Ruhe, das Recht auf Wasser, das Recht auf Sauberkeit in allen Bereichen, das Recht auf Bildung, das Recht auf Selbstfindung und Selbstverwirklichung, das Recht auf Gerechtigkeit, das Recht auf Gesundheit und das Recht auf Freiheit (möglichst mit dem Verständnis der damit einhergehenden Verantwortung). Kurz: Behandle Alles und Alle so, wie du selbst behandelt werden willst.

Die oekohumane Perspektive zum Geld und dem Umgang mit Geld ist ein wertvoller Spiegel unserer Gesellschaft für den Umgang mit den Menschenrechten und der Würde des Menschen. Da Geld immer aus einer gebrauchten Leistung des Menschen entsteht (siehe Beispiel weiter unten), ist in dieser Quittung und dem Recht die faire Anerkennung der Leistung eine Art materielles Menschenrecht. Allerdings liegt schon im Verständnis vom und im Umgang mit Geld der berühmte Hase im Pfeffer, denn die meisten Definitionen von Geld kennen die oben beschriebenen Rechte, wenn überhaupt, nur oberflächlich. Nun gibt es in unserem Rechtsverständnis eine goldene Regel: Unwissenheit schützt nicht vor den Konsequenzen. Meine Beobachtung ist, dass gegen die oben genannten Rechte ganz oder teilweise jede Sekunde, Minute und Stunde verstoßen wird. Ein Beispiel:

Geld entsteht aus meiner Leistung, die ich erbringe und die ein anderer braucht. Ich erhalte gewissermaßen eine Quittung (Geld), dass ich diese Leistung auch wirklich erbracht habe. In dieser Leistung ist immanent die Qualität, da es sonst Abzüge gibt, bis hin zu keiner Quittung. Nun stellt diese Quittung gleichzeitig das Recht dar, im Gegenwert (Qualität) meiner Leistung eine andere Leistung, die noch kein anderer gebraucht hat, aus dem Markt zu nehmen. Dieser Vorgang heißt kaufen. Ich verkaufe also meine Leistungsfähigkeit und tausche diese (kaufe) gegen eine andere.“

So meine Grunddefinition, was Geld ist. Mit oder ohne diese Definition gibt es die Spielchen der Menschen untereinander, mit der Erde und allem was lebt, von Stehlen, Unfairness, Betrügen, Abwerten bis hin zum Versklaven, um den eigenen Gewinn (Geld und Geltung) auf Kosten anderer zu steigern. Beim Versklaven, da sind wir uns wohl alle einig, liegt ein Verstoß gegen die Menschenrechte vor. Wo bei allen anderen Umgangsformen ein Verstoß beginnt, darauf muss sich jede Gemeinschaft in Form von Gesetzen selbst einigen. Für mich fängt der Verstoß schon an, wenn ich es nötig habe, einen Menschen herablassend zu behandeln, um meinen Gewinn (Geltung, Selbstwert und Geld) zu steigern, wenn ich also zur eigenen Aufwertung mein Gegenüber abwerte. Also bemühe ich mich, jedem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und ihn zu achten. Manchmal fällt dieser Grundsatz mir leicht und manchmal schwerer.

Da nun die Verfügbarkeit von Lebensmitteln (aus oekohumaner Sicht) ein Menschenrecht ist, werden die hungernden Menschen von denen versklavt, die ihnen die Lebensmittel durch ihre Handlungen vorenthalten oder schlechte Lebensmittel produzieren. Für alle anderen oben aufgeführten Menschenrechte gilt das gleiche. Da nun nicht nur wir Menschen Lebewesen sind, sondern auch die Erde und alles Leben auf der Erde, gelten diese Rechte für Alles und Alle gegenseitig.

Wieder gilt die schon angeführte, einfache Formel, mit der jeder bei sich anfangen kann: Behandle Alles und Alle so, wie du selbst behandelt werden willst. Ich für meinen Teil versuche das jeden Tag bestmöglich umsetzen und wenn es mir an einem Tag nicht gelingt, sorge ich am nächsten für den Ausgleich.

Nun können wir uns ein scheinbar banale Frage stellen: Wenn das jeder so umsetzt, haben wir dann so etwas wie den Himmel auf Erden oder doch eher die Hölle? Ich sehe eher den Himmel auf Erden und ich sehe vor allem, dass es möglich ist. Nur beginnen muss jeder bei sich selbst.

Die gewählten Regierungen, sprich die Menschen namens Politiker, sind nun unsere Auftragnehmer, und der Auftrag lautet: Lass es uns anpacken, den fairen Wohlstand für alle. Die Politiker sind also die Schiedsrichter und Manager, um diese komplexe Aufgabe zum Erfolg zu bringen. Ich denke nun, dass diese Aufgabe nur unternehmerisch gelöst werden kann. Es gilt, das Unternehmen Erde für Alle und Alles und für alle nachkommenden Generationen so zu führen, dass es den Wohlstand (beinhaltet alle Rechte und Pflichten) in einem rechten Maß (was ist genug) für jeden sicher stellt.

Wir, das Volk, alle Menschen sind die Auftraggeber. Aber wir müssen den Auftrag auch geben und klar definieren. Nehmen wir einmal an die überwiegende Menschheit würde sich für das Ziel Wohlstand für Alles und Alle, sozusagen den Himmel auf Erden entscheiden, wie gehen wir dann mit dem Status Quo um? Verteufeln, anklagen, mit Wut und Zorn alles zerschlagen oder annehmen, akzeptieren, neu wählen und mit Ruhe und Kraft die Aufgaben bewältigen? Es ist genau diese Entscheidung, die uns entweder nur an den Symptomen herumdoktern oder die falschen in richtige Ursachen ändern lässt. Wir müssen anfangen, uns der grundsätzlichen Bedeutungen der Worte bewusst zu werden, wir müssen die Prinzipien unserer Gesellschaften, wie Menschenrechte und Menschenwürde verstehen. Wo etwa Wohlstand anfängt, kann völlig neu definiert werden, was also braucht es mindestens zum würdigen Leben und was ist höchstens möglich, bei dem heutigen Bewusstseinsstand und was können wir tun, um diesen ohne Benachteiligung und Gefährdung vom erreichten Wohlstand zu erweitern?

Meine Hypothese dabei lautet, dass die Quittung und das Recht, Geld genannt, erst dann glücklich machen wird, wenn jeder mit sich und dem Umgang mit Allen zufrieden ist. Ich nenne dies einen gesunden Egoismus, der sich an der oben angeführten Formel, der sogenannten Goldenen Regel orientiert.

Diese Einstellung und Haltung in die Welt zu tragen, ist das Ziel des OekoHuman und von mir. Wer dies unterschreiben kann, ist herzlich willkommen, denn wir müssen immer mehr werden, die nach solchen Zielen streben. Meine Haltung ist: Gewaltfrei, gewinnend, nicht klagend oder anklagend. Stattdessen alles mit absoluter Freude und Hingabe, die Gedanken und Gefühle hebend, mit Dankbarkeit, Begeisterung und vor allem Entschlossenheit.

Für unsere Kinder und Kindeskinder

Nachhaltigkeit bedeutet, unseren Kindern mindestens eines genauso gute Welt zu übergeben, wie wir sie bekamen - Bild: Gerd Altmann/Shapes:AllSilhouettes.com / pixelio.de

Nachhaltigkeit ist zu einem politischen Schlagwort geworden, um das zahlreiche Debatten geführt werden und das natürlich auch nicht vor Missbrauch gefeit ist. Der ursprüngliche Wortsinn zeigt dabei eigentlich nur auf ein dem gesunden Menschenverstand innewohnendes Wirtschaften, das nicht nur die Gegenwart bzw. die nächste Ernte, sondern auch die Zukunft und die Ernten unserer Kinder und Kindeskinder im Auge hat. Im Jahr 1713 tauchte der Begriff in einer Publikation von Hans Carl von Carlowitz auf und beschrieb ein forstwirtschaftliches Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann.

Dieses Prinzip kann auf nahezu alle Lebens- und Arbeitsbereiche des Menschen angewendet werden: Dort wo Ausbeutung oder Raubbau betrieben werden, werden Kräfte und Ressourcen nicht lange vorhalten. Bei Wikipedia findet sich ein Beispiel, das die Relativität, also die Abhängigkeit des Nachhaltigkeitsbegriffs von der jeweils gegebenen Situation verdeutlicht: Gegenüber Häusern aus Stroh, die der Wind jedes Jahr wegweht, sind Häuser aus Stein, die lange bestehen, vereinfacht ausgedrückt nachhaltig. Unter Häusern aus Stein wiederum ist dasjenige nachhaltiger, das bei gleichen Wartungskosten z.B. der Witterung dauerhaft besser trotzt und dadurch länger hält als die anderen. Für eine nomadische Lebensweise ist hingegen ein Zelt oder Wohnwagen nachhaltiger als ein Haus, das man nicht mitnehmen kann in die Nähe der zu erschließenden Ressourcen.

Nachhaltigkeit bezieht sich somit zwangsläufig auch auf die Wartungs- und Energiekosten bzw. die durchschnittliche jährliche Wirtschaftlichkeit über einen (theoretisch) unbegrenzten Lebenszyklus gesehen. Davon abzugrenzen ist der Begriff Beständigkeit, der sich mehr auf nicht aktive Systeme bezieht.

Im Kontext des OekoHuman ist der Begriff der Nachhaltigkeit auf alles Leben zu erweitern, weil nur so die Verantwortung für unsere Kinder und die, die noch geboren werden, deutlich wird. Außerdem entsteht so ein Bewusstsein dafür, dass Nachhaltigkeit vor allem auch die (insbesondere für Deutschland so wichtige) Ressource Bildung betrifft, sowie Kreativität und Gesundheit.

Hier kommt der Begriff der Generationenbilanz ins Spiel, eine Methodik, die Anfang der 1990er Jahre in den USA zur langfristigen Analyse der Fiskalpolitik und Sozialpolitik entwickelt wurde. Dabei werden die ausgewiesenen gesamtwirtschaftlichen Budgetposten, wie etwa Renten- und Steuerzahlungen, mit Hilfe von altersspezifischen Profilen einzelnen Jahrgängen zugewiesen und dann unter Zuhilfenahme von Bevölkerungsprojektionen weiter in die Zukunft fortgeschrieben.

Auch hier erfordert die Perspektive des OekoHuman eine Erweiterung auf alle zukünftigen Ausgaben, die ein Staat zu erfüllen hat. Ähnlich einer Unternehmensbilanz, die Rückstellungen und Abschreibungen zu bilden hat. Dadurch kommt Transparenz ins staatliche Wirtschaften und der Staatshaushalt wird nicht mehr nur in Bezug auf seine Auswirkungen im nächsten Jahr erstellt.

Leider ist davon auszugehen, dass die Generationenbilanz ein großes Defizit aufweist, die sogenannte Nachhaltigkeitslücke. Sie setzt sich aus den bereits heute ausgewiesenen expliziten Verbindlichkeiten des Staates und den sogenannten impliziten Verbindlichkeiten zusammen. Die impliziten Verbindlichkeiten geben die Differenz aller zukünftigen Leistungen und Beiträge an, die bei geltendem Recht von allen heute lebenden und allen zukünftigen Generationen noch empfangen bzw. gezahlt werden müssen. Mit anderen Worten zeigt die Nachhaltigkeitslücke, wie groß die Rücklagenbildung sein müsste, damit das heutige Leistungsniveau auch für die Zukunft finanzierbar bleibt. Zu diesen verdeckten Verbindlichkeiten zählen alle Leistungen, die der Staat seinen Bürgern und anderen Berufstätigen in Form von Rentenzahlungen, Pflegeleistungen oder Krankenversicherung schuldet. Ausgaben also, für die die Staaten „rechtswirksame Verpflichtungen eingehen, ohne entsprechende Rücklagen zu bilden“ (Vgl. Wikipedia).

Wird wiederum die oekohumane Brille aufgesetzt, dient die Methodik der Nachhaltigkeitslücke zur Analyse der Fiskal- und Sozialpolitik auf ihre generationsübergreifenden Verteilungswirkungen. Die Nachhaltigkeitslücke zeigt ein klares Bild der staatlichen Kraft – oder eben leider Schwäche. Dadurch können die Aufnahme von Krediten und deren Verwendung effektiver und effizienter geplant werden.

Unterstützend dazu könnte das heute bekannte Brutto-Inlands-Produkt (BIP) um die folgenden BIPs erweitert werden:

  1. Ökologie-BIP, also das Kerngebiet der Nachhaltigkeit,
  2. Ökonomie-BIP, am besten zweigeteilt für Qualität und Quantität,
  3. Sinn-BIP bezüglich von Menschenrechten, Forschung und Entwicklung,
  4. Bildungs-BIP, hier geht es vor allem um den Stand der Kreativität und Erziehung,
  5. Sozial-BIP, auch in Bezug auf die Gesundheit der Beziehungen der Menschen zu sich selbst und anderen.

Die Bewertungskriterien dafür werden an der Qualität ausrichtet, die Quantität hat zu folgen. Unabhängige Ratingagenturen bewerten die Qualität von Staaten und Unternehmen und vergeben Noten. Investoren erhielten so ein viel umfassenderes Bild von einem Staat, weit über den Aspekt von finanzieller bzw. fiskalischer Sicherheit hinaus.

Nicht-Wählen ist keine Alternative!

Sie haben die Wahl – Bild: Wilhelmine Wulff / pixelio.de

Neben dem Stimmzettel Geld ist der Wahlschein wohl die am häufigsten verwendete Methode, seine Stimme zu delegieren. Schließlich leben wir in Europa in sogenannten repräsentativen Demokratien – mit Ausnahme der Schweiz. Repräsentativ sind unsere Demokratien, weil wir unsere Stimme an einen geeignet erscheinenden Repräsentanten in der Volksversammlung – in Deutschland dem Bundestag bzw. dem jeweiligen Landtag und nachgeordneten kommunalen Organen – vergeben. Der Ursprungsgedanke der repräsentativen Demokratie besagt, dass bestimmte Volksgruppen, die eine ausreichende Schnittmenge bei ihrer politischen Meinung aufweisen, Parteien bilden und sich von diesen vertreten lassen. Also wähle ich am Tag X die Partei oder den einzelnen Politiker (z.B. bei Bürgermeisterwahlen), von der bzw. dem ich denke, dass sie bzw. er meine Interessen am besten vertritt.

Dieses System hat so lange sehr gut funktioniert, wie deutliche Unterschiede bei den Politiken der unterschiedlichen Parteien sichtbar waren. Doch diese Unterschiede sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr zusammengeschrumpft, vor allem in Deutschland. Verortungen auf einer politischen Links-Rechts-Achse sind mittlerweile inadäquat, andere Versuche wie etwa der von der Piratenpartei verwendete politische Kompass helfen auch nicht viel weiter. Ein sinnvolles Unterscheidungsmerkmal scheint noch die Staatsgläubigkeit zu sein, also inwieweit ein politischer Akteur darauf vertraut, Probleme staatlich zu lösen. Diese etatistischen Haltungen finden sich jedoch mittlerweile sogar bei der FDP, der ehemals liberalen Partei, insofern verschwindet auch hier die Differenzierungsfähigkeit. Einige Probleme löst der freie Markt bzw. der Kapitalismus jedoch erheblich besser und effektiver als der Staat mit seiner überbordenden Bürokratie. Wer das jedoch glaubt, findet kaum noch politische Vertreter in der Parlamenten.

Die daraus resultierende Alternativlosigkeit an der Urne führt seit Jahren zu abnehmender Wahlbeteiligung. Den aktuellen Bundestag wählten nur noch 70 Prozent der wahlberechtigten Deutschen, der absolute Tiefstand seit dem Zweiten Weltkrieg. Schlimmer noch sieht es bei den Landtagen aus, hier lag die Wahlbeteiligung im Jahr 2011 selten bei mehr als 60 Prozent, Spitzenreiter war Baden-Württemberg mit 66 Prozent (und das auch nur aufgrund des sogenannten Fukushima-Effektes). Meist geben bei Umfragen die Bürger bis kurz vor den Wahlen an, noch nicht zu wissen, wen sie wählen wollen. Nicht umsonst sagen wir Politikwissenschaftler angesichts des schwindenden Bindungspotenzials der Parteien, dass Wahlkämpfe in den letzten zwei Wochen entschieden werden. Finden die Bürger jedoch keine Antworten mehr (wenn sie sie überhaupt noch suchen), dann bleiben sie am Wahltag zu Hause.

Der steigende Nicht-Wähler-Anteil bei jeder Wahl ist allerdings ein schwerwiegendes Problem für unsere Demokratie. Denn die Nachricht an „die da oben“ heißt dann: macht doch was ihr wollt! Vor allem aber bedeutet die sinkende Wahlbeteiligung, dass die daraus resultierenden Regierungen demokratisch nicht mehr ausreichende legitimiert sind, wenn es sich nicht gerade um eine große Koalition handelt. So traten beispielsweise im Jahr 2006 bei der vorletzten Landtagswahl in Berlin nur 58 Prozent der Wahlberechtigten an die Urne. Die anschließende rot-rote Regierung wurde also nur von gut einem Viertel der Berliner gewählt. Selbst der Volksentscheid zur Offenlegung der Wasserprivatisierungsverträge Anfang 2011 erreichte mit 27 Prozent mehr Zustimmung.

Nichtwählen ist also eine Zustimmung zu den aktuellen Zuständen und zur aktuellen Politik. Und wer möchte die nicht ändern? Wer sich seiner Stimme bei Wahlen enthalten will, kann dies hierzulande weder durch Nichtwählen noch durch Ungültig-Wählen oder das in der Schweiz üblich „Leer-Einlegen“, also einen unausgefüllten Wahlzettel deutlich machen.

Nun ist es mehr als verständlich, wenn man keine Lust hat, sich durch Hunderte Seiten von Wahlprogrammen und (leeren!) Wahlversprechen zu lesen. Doch es gibt mehrere Möglichkeiten, schnell und mit nur wenig Aufwand herauszufinden, wem man seine Stimme noch am meisten geben kann:

Der Wahl-O-Mat: Welche Partei passt zu mir?

Für den Wahl-O-Mat, bereitgestellt von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), werden die zu einer Wahl antretenden Parteien aufgefordert, zu über 80 Thesen ihre Zustimmung bzw. Ablehnung zu äußern, außerdem gibt es die Möglichkeit, die Entscheidung kurz zu begründen. Mit knapp der Hälfte der Thesen, nach denen die Parteien statistisch am unterscheidbarsten sind, geht der Wahl-O-Mat dann online. Jeder Wähler bzw. Interessierte kann nun ebenfalls seine Zustimmung oder Ablehnung zu diesen Thesen per Mausklick äußern, auch neutral abstimmen oder sich sogar enthalten. Sind alle Thesen durchgeklickt, können wichtige Politikfelder auch noch doppelt gewichtet werden, dann zählt die Übereinstimmung mit den Parteien hier mehrfach.

Anschließend kann sich der Bürger mit bis zu sieben Parteien vergleichen, die Auswahl der Parteien kann jederzeit geändert werden. In der Zusammenfassung wird ersichtlich, welche Partei die größte Übereinstimmung mit den persönlichen Präferenzen aufweist. Außerdem kann die Übereinstimmung für jede einzelne These verglichen werden. Letztlich ist es sehr interessant, sich die jeweilige Begründung der Partei zum politischen Vorschlag durchzulesen.

Ihr Wahlkreiskandidat im Check

Nun gibt es bei den meisten Wahlen in Deutschland zwei Stimmen zu vergeben. Ein geeigneter Platz für das Kreuz bei der  sogenannten Zweitstimme für eine Partei ist über den Wahl-O-Mat gut zu finden. Um zu herauszufinden, welcher Kandidat im eigenen Wahlkreis am geeignetsten ist (Erststimme), kann man ihm entweder über www.abgeordnetenwatch.de eine Frage stellen bzw. dort die Antworten zu schon von anderen gestellten Fragen lesen. Oder aber man benutzt den sogenannten Kandidatencheck, erstellt von Spiegel und Abgeordnetenwatch. Hier sollten sich die einzelnen Kandidaten ebenfalls zu einer gewissen Zahl von Thesen äußern und man kann nun seine persönliche Übereinstimmung prüfen. Das Ganze funktioniert also im Prinzip wie der Wahl-O-Mat. Diesen Kandidatencheck findet man immer über die Themenseite zur jeweiligen Wahl bei Spiegel Online, z.B. für die anstehende Wahl in NRW (für Schleswig-Holstein scheint kein Kandidatencheck vorzuliegen).

Der Vorteil der letztgenannten Online-Wahlhilfe ist, dass sie kaum verfälscht werden kann – im Gegensatz zum Beispiel zu den bei Abgeordnetenwatch an die Kandidaten zu stellenden Fragen, wo bei einigen Wahlen z.T. Kandidaten diskriminiert werden und wo man sich als Kuratorium vorbehält, besser zu wissen, was die Wahlkreiskandidaten antworten dürfen.

Es ist möglich als großer Mensch zu handeln

Die Lotusblüte als Sinnbild natürlicher Perfektion - Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Manche Menschen betrachten Akademien[ref]Vortrag von Jan Teunen, gehalten am 5. November 2009 im Hotel Adlon, Berlin im Rahmen des Symposiums der Vermögensakademie: Wie macht man gutes Geld in einer öko-humanen Marktwirtschaft?[/ref] als Orte, an denen man schöne Trinkgelage abhalten kann. Sie leiten Akademie von Akademos ab, dem Beinamen von Bacchus. Zu diesen Menschen gehöre ich nicht. Für mich sind Akademien irdische Repräsentanzen des Universums. Das griechische Kosmos, das lateinische Universum und das mittelhochdeutsche All sind Begriffe, die eine schöne, geordnete, tugendhafte Welt umschreiben. Eine solche Welt ist das Modell, auf das wir unsere Vermögen ausrichten sollten. Was immer wir im Privaten oder Geschäftlichen unternehmen, wir sollten unsere Vermögen so einsetzen, dass die Häuser unserer Familien und die Häuser unserer Unternehmen zu etwas werden, das sich als geschrumpfter Kosmos bezeichnen lässt.

Das stellt hohe Anforderungen an das Vermögen, Menschen zu lieben, an das Denkvermögen, ans Sprachvermögen und an das Vermögen zu handeln, oder dort, wo dies eher angebracht ist, an das Vermögen, das Handeln zu unterlassen. In diesem Zusammenhang kommt mir das weise Gebet der Teresa von Ávila (1515-1582) in den Sinn:

Herr, gib mir die Weisheit, das, was ich ändern kann, von dem zu unterscheiden, was ich nicht ändern kann, die Kraft, das zu ändern, was ich ändern kann, und die Gelassenheit, das zu ertragen, was ich nicht ändern kann.“

Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen in der Wirtschaft über diesen Satz meditieren würden, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen. Wenn ich dann noch etwas mehr wünschen dürfte, würde ich darum bitten, dass sie sich auf dem Weg zur Arbeit immer wieder folgende Sätze aus dem Talmud vergegenwärtigen, nicht zuletzt auch, um ihre eigenen Vermögen zu schützen und zu mehren:

Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden deine Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“

Ich habe mich für diesen Text inspirieren lassen von den Weisheiten alter Chinesen, die der Meinung waren, dass alle Angelegenheiten des Universums in den Bereich ihrer Verantwortung fielen und dass ihre Verantwortung alle Angelegenheiten des Universums einschloss. Mein Titel heute, „Es ist möglich als großer Mensch zu handeln“, ist vom chinesischen Philosophen Meng-Tzu (372-289 v.Chr.). Die Methode des Vortrages habe ich von dem Nobelpreisträger der Literatur Joseph Brodsky übernommen. Eine Methode, die er angewandt hat, als er als Redner am internationalen Zermatter Symposium zum Thema „Intuition und Kreativität“ teilgenommen hat. Dort hat er seine gewagte Behauptung wiederholt, dass die Ästhetik die Mutter der Ethik sei. Die entscheidende Aufgabe für eine Gesellschaft, für eine Ansammlung von Individuen, so Brodsky, ist die individuelle Entwicklung des Geschmacks. Denn wenn man den Geschmack entwickle, lasse man sich nicht so leicht täuschen.

Die Zuhörer in Zermatt waren von den Ausführungen Brodskys begeistert und bedankten sich mit einer stehenden Ovation. Brodsky, der ein sehr bescheidener Mensch war, bat sie mit dem Klatschen aufzuhören und sich wieder zu setzen. „Danken Sie mir für nichts“, so sagte er. „Ich sitze hier, aber das bin nicht genau ich. Ich bin die Endsumme all dessen, was ich gelesen habe und woran ich mich erinnere… Und in dem Augenblick, wo ich mich nicht mehr daran erinnere, kann mich in der Straße irgendeiner erstechen, und es wäre kein großer Verlust. Doch solange ich Erinnerung habe, bin ich eine Schatztruhe.“

Eine solche Schatztruhe will ich heute für Sie sein, in der Hoffnung, dass dadurch in Ihren Köpfen und zwischen Ihnen die eine oder andere neue Kombination entsteht. Ich habe mich erinnert an die vielen Lektionen, die ich von meinen Philosophenfreunden Hajo Eickhoff und Arnold Cornelis erhalten habe, an die Lektionen des Friedennobelpreisträgers Professor Yunus und des Systemwissenschaftlers Professor Laszlo sowie an die Lektüre von Texten einer Vielzahl weiser Menschen, von Sri-Aurobindo bis Peter Sloterdijk.

Bei den alten Chinesen war der Weise derjenige, der die Normen des Himmels und der Erde zu den Menschen herab holte und für Ordnung im All sorgte. Weise sind Brückenbauer. Zum Wohle der Menschen überbrücken sie die makro- und mikrokosmischen Sphären mit Hilfe der Tugenden und stellen die Menschlichkeit allem voran. Viele Führungskräfte in der Wirtschaft sind nicht weise, weil sie es zulassen, dass Unternehmen und Organisationen, für die sie Verantwortung tragen, geprägt sind von der Dominanz wirtschaftlicher Rationalität. In einer solchen Enthumanisierung der Gesellschaft durch die Wirtschaft wird Vermögen in einem unvorstellbar großen Ausmaß vernichtet. Das bringt nicht nur die Wirtschaft und die Weltgemeinschaft in große Schwierigkeiten, wie wir es gerade erleben, es bringt auch den Kosmos in Unordnung. Weiterlesen…

Eine lebenswerte Zukunft für unsere Kinder

Wir müssen handeln, soll nicht bald alles Wüste sein - Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Nach den Vorschlägen zur echten und praxisorientierten Gewaltenteilung sowie zur Vollwertkost an Kitas und Schulen habe ich nun noch einen allgemeineren, dafür umso bedeutsameren Aufruf zur Vernunft an unsere Politiker bei Merkels Zukunftsdialog gerichtet. Bitte stimmen Sie hier dafür ab:

Wir Erwachsenen haben vor allem eine Verantwortung, unseren Kindern und Kindeskindern eine lebenswerte Zukunft zu schaffen. Oder wie es ein Sprichwort aus dem Amischen besagt: „Wir haben das Land nicht von unseren Vätern geerbt. Wir leihen es von unseren Kindern.“

Wir fordern von unseren Politikern, dass sie konsequent und entschlossen dafür eintreten, unseren Kindern und allen Kindern in der Welt eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Die heutige Politik richtet sich mehr nach dem was populär ist, als nach dem, was notwendig ist, um Wohlstand für alle zu schaffen. Die Worte unseres ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel haben ihre Gültigkeit keinesfalls eingebüßt, im Gegenteil, sie sind wahrer denn je: „Es kann nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun. Aufgabe der Politiker ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen.“

Die heutige Politik in Deutschland, Europa, den USA und der Welt schafft Dummheit statt Bildung, Armut statt Wohlstand, Wüste statt blühende Landschaften, Verdruss statt Freude, Angst statt Sicherheit, Trennung statt Gemeinschaft. Politiker werdet wach! Ihr seid die gewählten Führungskräfte, die das Unternehmen Nationalstaat und Europäische Union zum Besten aller leiten sollen. Doch mit dieser Freiheit, zu bestimmen, wo es lang geht, haben wir Euch auch die Verantwortung übertragen, dies im Einklang von Eigennutz und Gemeinnutz zu tun.

Bitte geben Sie dem Vorschlag hier Ihre Stimme!