Das Europäische Zentralbanksystem

Was steckt hinter dem Euro? – katastrophale Konstruktionsfehler – Abschaffung der Sicherungen gegen Währungs- und Bankenkrisen

dieser Artikel ist erschienen bei MOM im Februar 1999 – einen Monat nach dem der Euro zunächst als Buchgeld eingeführt wurde.

Inhalt

Vorwort……………………………………………………………………………. 21
Das Europäische Zentralbanksystem (EZBS) ………… 22

Gunnar Heinsohn / Otto Steiger
Die drei Achillesfersen des Euro:
machtlose Europäische Zentralbank, nicht marktfähige
Sicherheiten der öffentlichen Hand und fehlende Instanz für
Liquiditätskrisen………………………………………………………………….. 25

Nachwort des Herausgebers………………………………………………. 34

Für die meisten Menschen bleiben Geld, Währung, Notenbank usw. ein Leben lang unverstanden, obwohl sie ständig damit konfrontiert sind. Selbst Führungskräfte – von den Finanzchefs abgesehen – befassen sich kaum mit Fragen der Währungspolitik und des Zentralbanksystems. Im allgemeinen ist das auch nicht notwendig. Man kann auch ohne ein vertieftes Verständnis dieser Dinge ein sehr guter Manager sein.
Die meisten halten das Währungs- und Zentralbanken-System für eine hochkomplizierte Materie, die nur von wenigen Spezialisten verstanden werden kann. Darum versuchen sie gar nicht, sich ein Bild zu machen. Dieser – übertriebene – Respekt ist ganz unnötig.
Im Grunde sind die Dinge sehr einfach:

Wie jedes Unternehmen hat auch eine Zentralbank eine Bilanz. Als wichtigste Position der Passivseite findet man den Banknotenumlauf (in Deutschland rund 270 Milliarden DM).
Das von einer Zentralbank ausgegebene Geld muss auf irgendeine Weise durch Positionen auf der Aktivseite gedeckt werden. Zum Teil geschieht das, allerdings in immer geringerem Umfang, durch Gold. Viel wesentlicher aber sind Forderungen gegen erstklassige Schuldner, z.B. große  Industrie-Unternehmen und Geschäftsbanken.
Das ist der eigentliche Grundmechanismus der Geldversorgungsaufgabe:

Die Notenbanken geben Geld aus gegen die Hereinnahme erstklassiger Sicherheiten, also Forderungen, v.a. Wechsel gegen außer Zweifel stehende Schuldner.
Sie kaufen also Forderungen gegen Noten. Soll mehr Geld ausgegeben werden, müssen mehr Forderungen angekauft werden. Sinken die Forderungen, muss Geld aus dem Umlauf abgehoben werden; es wird Geld vernichtet. Diese Sicherheiten – und nicht etwa der Zinssatz – sind der Kern der Währungsqualität. Je besser sie sind, umso sicherer ist eine Währung. Es ist somit von ausschlaggebender Bedeutung, ob und in welcher Weise eine Zentralbank diese Sicherheiten beeinflussen kann, ob sie schlechte Forderungen hereinnehmen kann oder gar muss, oder ob sie die Freiheit – noch besser die Pflicht – hat, sie zurückzuweisen. Insbesondere im deutschsprachigen Raum gab es keinen Anlass, sich mit diesen Themen zu befassen. In Deutschland sorgte die Bundesbank mit strenger Disziplin für die
Stabilität der Währung, Österreich orientierte sich an der D-Mark und in der Schweiz durfte man sich ebenfalls auf die Beherrschung der Zentralbank-Kunst verlassen, auch wenn naturgemäß die Ergebnisse nicht immer für jedermann günstig sein konnten. Seit der Einführung des Euro ist die Sachlage allerdings ganz anders.
Ob das alle europäischen Länder zu interessieren braucht, bleibe dahingestellt. Einige sind ohnehin nur vom Regen in die Traufe gekommen. Es muss aber die Menschen in den deutschsprachigen Staaten beschäftigen, weil sie besonders davon betroffen sind und sich für sie strukturell am meisten geändert hat.
Mittel- bis langfristig können die Folgen nicht ausbleiben.

Am 1. Januar 1999 wurde nämlich nicht nur eine neue Währung im Sinne von Noten und Münzen eingeführt, sondern ein gänzlich neues Zentralbanksystem. Sein wichtigstes Element – die EZB Europäische Zentralbank kann aber nicht eine einzige der wirklich wichtigen Notenbank-Aufgaben erfüllen, und das System als Ganzes – das Europäische Zentralbanksystem (EZBS) – ist eine monströse Missbildung, bei deren Konstruktion die meisten Erfahrungen des 20. Jahrhunderts unbeachtet blieben.
Das kann den echten Fachleuten, insbesondere den deutschen, wohl kaum verborgen geblieben sein. Damit bleibt im Grunde nur die Erklärung, dass das System gewollt ist, dass es politischer Absicht entspricht und dass die volatilen politischen Interessen – und nicht die Zentralbank-Kunst – die Zukunft des Euro bestimmen werden.

Das schlimmste am gesamten System ist, dass es nun kein letztes und außer Zweifel stehendes Bollwerk mehr im Falle von Liquiditätskrisen gibt – keinen „lender of last resort“.
Das Timing dafür hätte nicht „besser“ sein können. Genau jetzt, wo alles davon abhängt, dass die Institutionen des Geld- und Kreditsystems funktionieren – man sehe nach Asien und Lateinamerika –, werden die  Lehren der 30er Jahre mit großen Europa-Gesten beiseite gewischt. In dieser Ausgabe lasse ich noch einmal zwei der in diesen Fragen klar und präzise argumentierenden Ökonomen zu Wort kommen – die Professoren.
Jenen, die aus beruflichen Gründen in Wirtschaftsfragen kompetent sein müssen, wird der Artikel sehr nützlich sein. Aber auch an sich nicht gerade brennend an gesamtwirtschaftlichen Fragen interessierte Leser werden daraus Nutzen ziehen und die Vorgänge im Europäischen Zentralbanksystem besser verstehen.

Die Achillesfersen des Euro:
Machtlose Europäische Zentralbank, nicht marktfähige Sicherheiten der öffentlichen Hand und fehlende Instanz für Liquiditätskrisen

1. Zeitgleich mit der Unterzeichnung des Vertrages von Maastricht am 7. Februar 1992, mit dem der Euro auf den Weg gebracht wurde, erschien eine „warnende Fabel“ über die frühen Jahres des amerikanischen Zentralbanksystems, des Federal Reserve System (Fed.).
In ihr warnte der US-Geldtheoretiker Barry Eichengreen vor den Gefahren der Dysfunktionalität eines zu stark dezentralisierten Zentralbanksystems, von denen auch das – aus Europäischer  Zentralbank (EZB) und nationalen Zentralbanken (NZBs) bestehende – Europäische System der Zentralbanken zu lernen habe. Um solchen Bedrohungen begegnen zu können, bedürfe es:
(1) einer machtvollen Zentrale,
(2) einer zentralen Kontrolle der Qualität der für die Geldemission verwandten Sicherheiten und
(3) vor allem eine wirksame Instanz für die jederzeitige Unterbindung von Liquiditätskrisen, die zu einem Kollaps des Finanzsystems führen können.

2. Amerika – so Eichengreen – habe aus den schmerzvollen Erfahrungen der dezentralen Struktur der Fed in den ersten Jahren ihrer Existenz (1913-1933) und dabei insbesondere während der Weltwirtschaftskrise (1929-1933) gelernt. Seit dieser Zeit habe es kein System mehr gegeben, in dem das Direktorium der Fed in Washington gegen die Präsidenten der zwölf regionalen – unter sich ebenfalls streitenden – Zentralbanken um die wirksame Durchsetzung einer einheitlichen Geldpolitik und die Stabilisierung des Bankensystems zu kämpfen hatte. Von da ab wurde für ein Zentralbanksystem gesorgt, das auch bei der Einführung der Deutschen Mark Pate gestanden hat.
Das siebenköpfige Washingtoner Direktorium der Fed hat zusammen mit der mächtigsten der zwölf Zentralbanken, der Federal Reserve Bank of New York, die Schlüsselrolle in der Durchsetzung der Geldpolitik und der Überwachung des Bankensystems erhalten.
Die übrigen elf regionalen Zentralbanken bestehen nach wie vor als Institutionen, ihre Präsidenten werden aber vom Direktorium bestimmt und vier von ihnen dürfen dem Zentralbankrat nur auf rotierender Basis angehören.
Die New Yorker Bank, deren Präsident dem Rat ständig angehört, exekutiert seine Beschlüsse und sorgt auch für die Verhinderung von Liquiditätskrisen.

3. Das von den Amerikanern mit der Währungsreform von 1948 inspirierte und bis 1957 existierende System „Bank deutscher Länder“ (BdL) wich von der Struktur der Fed nach 1933 nur graduell ab. Die BdL war formal eine Tochter der elf Landeszentralbanken (LZBs).
Ihre Präsidenten waren – neben dem sechsköpfigen Direktorium der BdL – alle im Zentralbankrat vertreten und hatten sogar einen eigenen Präsidenten der LZBs, der zusammen mit dem Präsidenten der BdL agierte. Gleichwohl war die Macht der damaligen LZBs kaum grösser als die der LZBs im System „Bundesbank“, das seit 1958 arbeitet.
Sie waren zwar nicht wie diese auf den Status von bloßen Hauptverwaltungen reduziert, hatten aber schon alle entscheidenden Machtbefugnisse an die BdL delegiert. Dazu gehörte vor allem das Monopol der Notenemission und die Möglichkeit des Direktoriums, jederzeit am Offenen Markt ohne Rückfrage beim Zentralbankrat intervenieren zu können. Damit war das System Bundesbank im wesentlichen vorweggenommen, wie der Geld-Historiker Christoph Buchheimer in der Jubiläumsschrift der Bundesbank zum fünfzigjährigen Bestehen der Deutschen Mark schön herausgearbeitet hat.

4. Die deutsche Debatte um den Euro hat sich das Verhältnis von EZB und EZBS immer so vorgestellt wie das System „BdL“ oder das System „Bundesbank“. In beiden Fällen haben also selbst die renommiertesten Repräsentanten dem Publikum für die Europäische Währungsunion (EWU) eine mächtige Zentrale suggeriert.
So hat der ehemalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl die EZB als „Super-Bundesbank“ etikettiert, die – wie vor ihm schon Altbundeskanzler Helmut Schmidt versichert hat – „alle nationalen Zentralbanken ersetzen wird.“ Ganz in diesem Sinne hat der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, den Status der bisherigen Bundesbank im zukünftigen EZBS als den „einer Landeszentralbank“ gekennzeichnet. Auch der bekannte Göttinger Geldtheoretiker Hans-Joachim Jarchow ist überzeugt, dass die Organisationsstruktur des EZBS derjenigen der Bundesbank ähnelt.
Nicht einmal die aktuellen Bundesbankspitzen – Hans Tietmeyer und sein Stellvertreter Jürgen Stark, der als Sherpa Waigels immerhin den Maastricht-Vertrag ausgehandelt hat – verstehen die Stellung der EZB im EZBS.
Sie halten mit dem viel gelesenen Würzburger Geldtheoretiker Peter Bofinger die EZB für ein Gegenstück zur BdL, wobei letzterer die EZB sogar als „stärkste Notenbank der Welt“ preist.

5. Die EZB ist aber etwas ganz anderes. Sie entspricht im Wesentlichen dem machtlosen Direktorium des Fed vor 1933. Der Unterschied besteht lediglich darin – und das hat zur Verwirrung der Euro-Experten beigetragen –, dass sie, anders als das alte Fed-Direktorium, auch noch eine – allerdings sehr kleine – Bank ist. Die Aktiva für die Emission der Euros werden nämlich nicht von der EZB, sondern ganz über-wiegend von den elf nationalen Zentralbanken (NZBs) gehalten, weshalb diesen die entscheidenden Offenmarktoperationen obliegen, durch die neues Geld geschaffen oder zirkulierendes wieder vernichtet wird. Allerdings wird gegenüber der europäischen Öffentlichkeit regelrecht verschleiert, dass der Euro keineswegs von der Frankfurter EZB, sondern von den NZBs zwischen Lissabon und Helsinki emittiert wird: Anders bei den Dollarnoten, die zu jeder der zwölf amerikanischen Zentralbanken zurückverfolgt werden können, darf auf den Euronoten nur die EZB mit der Unterschrift Wim Duisenbergs erscheinen, der aber bestenfalls einen kleinen Anteil emittieren darf. Die irreführende einheitliche Gestaltung der Euronoten hat einen der angesehensten deutschen Ökonomen, Hans-Werner Sinn, zur Förderung des Mythos einer allmächtigen EZB verführt. Er glaubt, dass die Bundesbank ihre DM-Noten in Höhe von 270 Milliarden bei der EZB gegen Euronoten umtauschen müsse:
„Die Bundesbank kauft die entsprechende Euro-Menge beim Nachbarn EZB gegen Hergabe ihrer verzinslichen Wertpapiere.“ Dadurch und über die parallelen Transaktionen mit allen anderen Euro eintauschenden NZBs müssten die Vermögensbestände der EZB in der Tat gigantische Ausmaße annehmen.

6. In Wirklichkeit liegen bei der EZB mit 40 Milliarden Euro lediglich fünf Prozent der Aktiva der NZBs in Höhe von 800 Milliarden Euro. Da die EZB-eigenen Aktiva lediglich bloß aus einem Teil der Währungsreserven der NZBs bestehen, könnten sie ohnehin nur auf den Gold- und Devisenmärkten eingesetzt werden. Zu dieser Beschränkung passt, dass das sechsköpfige EZB-Direktorium nicht ohne Rücksprache handeln kann. Bei seinen Entscheidungen ist es in den siebzehnköpfigen Rat der EZB eingebunden, in dem die elf Präsidenten der NZBs automatisch die Mehrheit haben. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass der EZB von den NZBs lediglich ein Personalbestand von einem einzigen Prozent der Angestellten aller NZBs zugestanden worden ist (570 zu 57000). Zugleich bauen gegenwärtig alle NZBs außer der Bundesbank ihr Personal nicht etwa ab, sondern stocken es auf. Dazu haben sie guten Grund.
Bisher sind ihnen viele eigenständige Entscheidungen durch die souverän-artige Stellung der Bundesbank im Europäischen Währungssystem verstellt geblieben. In Zukunft jedoch brauchen sie sich mit ihrer neu gewonnenen Souveränität nicht mehr den Vorgaben der Bundesbank anzupassen, sondern können eigene Entscheidungen ausarbeiten lassen. Dazu brauchen sie die EZB keineswegs erst unter Kontrolle zu bringen – wie neuerdings gerne befürchtet wird –, da dafür der Maastricht-Vertrag bereits vor sieben Jahren gesorgt hat.

7. Nun ist die EZB nicht nur vom Volumen her eine zu vernachlässigende Instanz. Sie hat auch keine Zuständigkeit für die Kontrolle der Qualität der Sicherheiten, gegen die von den NZBs der Euro emittiert werden darf. Das bestimmen die NZBs selbst, und sie brauchen nicht einmal offen zulegen, wer die Emittenten der von ihnen akzeptierten Papiere sind. Obwohl die Bundesbank für sich selbst kategorisch ausgeschlossen hat, Euro gegen nicht marktfähige Staatstitel zu emittieren, konnte sie nicht verhindern, dass die übrigen NZBs den Euro ganz legal auf diese Weise in den Umlauf bringen können.
Und so emittierte Euro kann auch die Bundesbank nicht zurückweisen, sondern muss sie wie ihre solide emittierten eigenen behandeln, sie also ohne Abschlag für die Tilgung von bei ihr bestehenden Schulden der Geschäftsbanken akzeptieren.
Diese Möglichkeit führt zu einem Problem, das man im Vertrag von Maastricht nicht beachtet und auf das jüngst der Trierer Ökonom Klaus Reeh aufmerksam gemacht hat. Ungeachtet des einheitlichen Zinses bei der Herausgabe von Eurogeld kann die unterschiedliche Qualität der Sicherheiten zu einer ungleich schritt-mäßigen Expansion der Geldmenge der einzelnen NZBs führen, mit der Folge, dass einige NZBs einen Überschuss an Notenbank-Geld erhalten und andere entsprechend ein Defizit. Wenn beispielsweise der Bundesbank über ihre Geschäftsbanken Euronoten zufließen, die von der Banca d’Italia gegen weichere Sicherheiten und daher in relativ größerem Umfang emittiert worden sind, dann muss dies zu einem monetären Transfer von der Bundesbank zur Banca d’Italia führen, da letztere ja im Besitz der Sicherheiten bleibt, gegen die sie die Noten emittiert hat, die zur Bundesbank geflossen sind. Ein solcher Transfer könnte nur durch eine Noten-Umtausch-Pflicht der Banca d’Italia gegenüber der Bundesbank vermieden werden, die im Regelwerk des Vertrags von Maastricht aber nicht vorgesehen ist.

8. Eine Zentralbank kann ihre Währung nur sichern, wenn sie wie eine solide Geschäftsbank handelt. Eine solide Geschäftsbank zu sein, bedeutet ja, dass Kredite nicht nur gegen markt-übliche Zinsen, sondern vor allem und immer auch gegen gute Eigentumstitel vergeben werden, die Schuldner als Sicherheiten zu verpfänden haben. Auch eine solide Zentralbank nimmt also nur solche Geschäftsbanken als Schuldner an, die ihr dafür erstklassige – und darüber hinaus marktfähige – Sicherheiten abzutreten haben. Deshalb wird bei Ausfall solcher Schuldner eine solide Zentralbank jederzeit imstande sein, ihre Banknoten (ihre Passiva) durch Verkauf der ihr verpfändeten guten Sicherheiten wieder aus dem Umlauf zu ziehen und so ihre Währung knapp zu halten. Die Bundesbank hat zwar nicht marktfähige private Titel für ihre Euro-Emission akzeptiert, wird diese aber nur gegen hohe Abschläge (bis zu 20%) hereinnehmen.

9. Zentralbanken sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts – zuerst die damals führende Bank der Welt, die Bank of England – für eine besondere Funktion geschaffen worden:
die Bewältigung von Liquiditätskrisen. Walter Bagehot, der Gründer des Economist, hat in seinem berühmten Buch Lombard Street: Der Weltmarkt des Geldes in den Londoner Bankhäusern schon 1873 gezeigt, dass eine Geldwirtschaft eine zentrale Institution benötigt, die – gegen marktübliche Zinsen und erstklassige Sicherheiten – jederzeit Liquidität zur Verfügung stellen muss. Er hatte gesehen, dass Geschäftsbanken illiquide werden können, obwohl sie solvent sind. Jede solide Geschäftsbank verfügt über Titel in einem Wert-Umfang, der – neben dem Eigenkapital – mindestens dem Wert-Umfang ihrer laufenden Verbindlichkeiten – Zins- und Einlösungs-Ansprüche ihrer Einleger bzw. Gläubiger – entspricht. Dennoch kann die Lage eintreten, dass eine Geschäftsbank Sichtguthaben nicht zu jeder Zeit bzw. nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt in Zentralbankgeld umwandeln kann, das sie selbst ja nicht zu schaffen vermag. Das ist immer dann der Fall, wenn sie ihre Forderungstitel bei Ausbleiben von Käufern am Geldmarkt – also Anbietern von Liquidität bzw. Zentralbankgeld – nicht verkaufen kann.

10. Im Maastricht-Vertrag von 1992 über den Euro, für den ab 1. Januar 1999 die EZB und das EZBS eine einheitliche Geldpolitik verwirklichen müssen, bestehen nicht nur bei der Macht-Ausstattung und der zentralen Überprüfung der Sicherheiten erhebliche Konstruktionsfehler. Noch gravierender ist in diesem Dokument das schlichte Vergessen einer „Kreditnehmer“
lender of last resort-Instanz.

11. Die EZB kann diese Institution nicht sein. Anders als die bundesdeutsche Debatte über den Euro es wahrhaben will, ist sie innerhalb des dezentralen EZBS eben keine europäische Super-Bundesbank, sondern eine vergleichsweise machtlose Tochter der mächtigen elf NZB-Mütter. Die bisherige Bundesbank als in jeder Hinsicht machtvolle Zentralbank erfüllt ihre lender of last resort-Verantwortung mit Hilfe einer dreifachen Verteidigungslinie, in der sie selbst nicht einmal sichtbar hervortritt:
(1) das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen,
(2) die Liquiditäts-Konsortialbank und
(3) die Einlageversicherung sowie – notfalls – öffentliche Fonds.
In der Konsortialbank, an der die Bundesbank selbst nur 30 % des Kapitals hält, hat sie sich besonders starke Geschäftsbanken als Partner geholt. Wenn das Bundesaufsichtsamt solvente, momentan aber illiquide Institutionen ausfindig gemacht hat, dann veranlasst die Bundesbank ihre starken Konsortialpartner, erstklassige Titel der gefährdeten Banken zu kaufen und diese so wieder liquide zu machen.

12. Innerhalb der Fed übernimmt die Federal Reserve Bank of New York die lender of last resort-Verantwortung. Das bewies sie exemplarisch am 22. September 1998, als sie die Rettungsaktion für den Hedge-Fund Long-Term Capital Management (LTCM) koordinierte, dessen Illiquidität zu einem Kollaps des amerikanischen Geschäfts-Banken-Systems hätte führen können. Ganz ähnlich wie bei der Bundesbank, gibt es für die lender of last resort-Funktion also bereits im Vorfeld eine Verteidigungslinie. Die New Yorker Zentralbank stellte ebenfalls keine eigenen Mittel zur Verfügung, sondern veranlasste 14 nationale und ausländische Geschäftsbanken zur Bereitstellung der umgehend benötigten Liquidität.

13. In der EWU gibt es weder ein Gegenstück zur deutschen Liquiditäts-Konsortialbank noch
zur Federal Reserve Bank of New York. Es fehlt überdies ein europaweites Aufsichtsamt für das Kreditwesen. Da in der EWU die Geschäftsbanken selbstverständlich aber europaweit agieren, werden eventuelle Liquiditätskrisen umgehend als europaweite Paniken ablaufen.
Selbst wenn jedes EWU-Land eine vorbildliche lender of last resort-Instanz hätte, wäre jede allein der blitzartigen kontinentalen Ansteckung ohnmächtig ausgeliefert.
Das EZBS – von der EZB ganz zu schweigen – wird nach den bestehenden Vereinbarungen des Vertrages von Maastricht jedoch keine systematisch gewonnenen Überwachungs-Information erhalten, die es zu einem internen Risikomanagement verwenden könnte.

14. Von den vier Hauptaufgaben einer Zentralbank –
(i) Monopol der Geldemission,
(ii) Zurückweisung schlechter Sicherheiten,
(iii) Festlegung des Refinanzierungs-Zinses und
(iv) vor allem jederzeitige Bereitstellung von Liquidität
kann die EZB allein also keine einzige erfüllen. Im EZB-Rat des EZBS darf sie, aus einer Minderheitenposition heraus, bei der dritten Aufgaben lediglich mitwirken. Am bedenklichsten aber bleibt, dass eine lender of last resort-Verantwortlichkeit weder von der EZB noch vom EZBS wahrgenommen werden kann. Der Euro erweist sich insofern einmal mehr als vorrangig politische Konstruktion, bei der die von Eichengreen für die EWU angemahnte Zentralbank-Kunst immer als ärgerliche Störung empfunden wurde.
Nun müssen ein Helmut Schmidt oder ein Präsident der Bundesbank nicht unbedingt die Sorgen eines amerikanischen Theoretikers kennen. Ein wenigstens oberflächliches Studium der Dokumente des Vertrages von Maastricht hätte aber genügt, die fehlerhafte Konstruktion der europäischen Geld-Verfassung zu erkennen und rechtzeitig vor dem endgültigen Beschluss der europäischen Regierungschefs über die Einführung des Euro vom 2. Mai 1998 Nachbesserungen anzumahnen.

Gunnar Heinsohn (55) und Otto Steiger (60) lehren Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Bremen. Ihre zum Thema umfassendste gemeinsame Veröffentlichung ist Eigentum, Zins und Geld“. Bereits Anfang 1997 haben sie die hier entwickelten Gedanken bei der „Forward Studies Unit“ der Europäischen Kommission in Brüssel vorgetragen. Eine ausführlichere Darstellung findet sich in dem Beitrag der Autoren über „Zentralbankkunst und Europäische Währungsunion“, in: W. Nölling, K.A. Schachtschneider und J. Starbatty, (Hrsg.), Wilhelm Hankel zum 70. Geburtstag, Stuttgart 1999, S. 69-88.

Nachwort des Herausgebers

Ich sah mich veranlasst, wegen der Tragweite der Aussagen von Heinsohn und Steiger diesen Artikel mehrmals zu lesen – und die wichtigsten Punkte auch zu prüfen. Vom Prinzip her wäre die Konstruktion des Europäischen Zentralbanksystems korrigierbar. Ob man das will und ob man die Konstruktion überhaupt als fehlerhaft ansieht, das sind die offenen Fragen. Aus Sicht von Regierungen und Politikern, die sich nicht von einer starken Notenbank disziplinieren lassen wollen, ist das neue System natürlich insofern nachgerade  perfekt, als es sie aus der de facto europaweit bestehenden Kandare der Deutschen Bundesbank befreit hat. Sie können jetzt in erheblichem Umfange tun und lassen, was ihnen politisch opportun erscheint.
Mein Fazit ist: dass Währungskrisen programmiert sind und – was viel schlimmer ist – dass Europa kein verlässliches System hat, um Bankenkrisen mit der erforderlichen Schnelligkeit und Kompromisslosigkeit unter Kontrolle zu bringen. Als Treppenwitz der Geschichte muss angesehen werden, dass die ansonsten in allen Fragen zentralistisch operierenden Europapolitiker genau dort, wo sie für einmal wirklich zentralistisch hätten agieren sollen, kläglich versagt haben.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Der Inhalt ist geschützt!