Der etwas andere Blick auf …

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Unser Motto stammt von George Santayana:
Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann,
ist dazu verdammt, sie zu wiederholen
”.

 

WECK-RUF ⇔ HALLO WACH!
Schein-Heiligkeit?

 

 

Effektiv, effizient und präzise eine Sache vom Anfang, Ende und Holistischen her denken.
Und dann: Was könnte schlimmstenfalls passieren?
Und dann: Was könnte bestenfalls passieren?

Um diesen Kern herum, die „OeHu-Farb-Brillen”

 


Scheinheiligkeit des Westens:Was unterscheidet uns von Russland?

Wladimir Putin lügt, er lässt morden, er gefällt sich dabei. Und er sagt Richtung Nato: Ihr seid nicht besser, ihr tut nur so. Hat er recht? Von Viktoria Morasch.

In der Serie „Politisch motiviert“ ergründen unsere Autorinnen und Autoren das überwölbende politische Thema der Woche. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende Ausgabe 22/2022. Es hilft, sich seinen Feind anzusehen, um sich selbst zu erkennen. Klingt wie ein Spruch auf dem Zettelchen eines Tees mit viel Süßholz, stimmt aber und trifft auch auf die Politik zu. Der Blick auf den anderen führt zu sich selbst und zur Frage: Was unterscheidet uns?

Seit drei Monaten, seit dem Beginn des umfassenden Angriffskriegs gegen die Ukraine, schaut sich die Welt Wladimir Putin näher an und sieht: Er lügt, er lässt morden, er gefällt sich dabei. Er sagt in Richtung Westen und Nato: Ich bin genau wie ihr, euer Spiegel. Nichts unterscheidet uns in dem, wie wir vorgehen. Als Hobbyhistoriker gilt Putins Interesse vorwiegend den angeblichen Demütigungen Russlands und der Scheinheiligkeit des Westens. Er spürt ihr nach – und findet sie. Verbrechen, Lügen, Folter. Sein Krieg hat auch ein vermeintlich pädagogisches Motiv, die Lektion: Was ihr könnt, kann ich auch. Ihr seid nicht besser, ihr tut nur so.

Putin ist nicht der Erste und der Einzige, dem die Scheinheiligkeit westlicher Politik aufgefallen ist. Vor allem im Rückblick wird sie ersichtlich. Sie geht mindestens zurück bis zur Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, in der das Recht jedes Menschen auf Leben und Freiheit festgeschrieben wurde. Versklavte Menschen waren davon aber ausgenommen. Der Unabhängigkeitskrieg wurde sogar durch Tabaklieferungen finanziert, die Sklaven erwirtschaftet hatten. Gerade aber betonen primär all jene diese Doppelmoral, die von russischen Verbrechen ablenken wollen. Ob in Russland selbst oder im Rest der Welt. Das will ich nicht. Aber Wladimir Putin und seinen Freunden auch nur in einem Punkt recht geben zu müssen (aber der Irakkrieg, aber die Massenvernichtungswaffen!), stört so sehr, dass er vielleicht mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die letzte Woche gab leider einen aktuellen Anlass dazu:

Gerade bereitet die Türkei – Nato-Partnerin, riesige Armee – einen weiteren Angriff beziehungsweise eine „Militäroperation“ im Nordosten Syriens vor. Ein Gebiet, das von Kurdinnen und Kurden kontrolliert wird. Erdoğan spricht von einer Sicherheitszone, die Menschen vor Ort sprechen von „ethnischen Säuberungen“ und internationale Beobachterinnen von einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Seit Jahren geht das so. Aber die Kritik ist zurückhaltend.

Erdoğan bleibt ein wichtiger Partner, einer, der womöglich im Ukraine-Krieg vermitteln kann und nebenbei Flüchtlinge aus anderen Konflikten aufhält, bevor sie weiter in Richtung Westen ziehen. Kurdische Aktivisten und Politikerinnen werden nach wie vor auch aus Deutschland in die Türkei abgeschoben – zuletzt stieg ihre Zahl sogar sprunghaft an. Und die Türkei erpresst Schweden und Finnland in den Verhandlungen um deren Nato-Beitritt. Politiker aus beiden skandinavischen Ländern erkennen die Autonomieregion in Nordsyrien an. Schweden liefert wegen der türkischen Invasionen seit 2019 keine Waffen mehr an die Türkei. Erdoğan will das ändern und es sieht so aus, als gelänge es ihm. Weil Putin einen Krieg gegen „uns“ führt, darf Erdoğan weitestgehend ungehindert seine autoritären, islamistischen und nationalistischen Pläne umsetzen.

Dabei geht es auch für die Kurden in Nordsyrien um Autonomie und Selbstverteidigung. Zwar hatten sie bisher kein völkerrechtlich zugesichertes Staatsgebiet, aber auch sie kämpfen wie die Menschen in der Ukraine gegen Faschismus und gegen die Auslöschung ihrer Kultur. Bejubelt und unterstützt vom Westen haben sie ihre Gebiete vom sogenannten Islamischen Staat befreit. Ihr heutiger Kampf aber bleibt beinahe ungesehen. Sie haben nicht genug Einfluss und werden zur Verfügungsmasse in Deals zwischen Großmächten.

Warum? Weil Politik, auch westliche, oft heuchlerisch ist. Und wahnsinnig kurzsichtig. Um auf die Schnelle eine Lösung für ein Problem zu finden, verspielt man das Potenzial, das eine aufrichtige Politik auf lange Sicht hätte. Die kurdische Soziologin Dilar Dirik erinnert auf Twitter daran, dass der Kampf der Kurdinnen und Kurden für mehr Demokratie und Selbstbestimmung eine Massenbewegung ist, „eine der beliebtesten und fortschrittlichsten in Europa“. Sie schreibt weiter: „Wer diese Bewegung stigmatisiert, stigmatisiert Protest und politischen Aktivismus generell.“

Ist „der Westen“, ist die Nato also genauso kaputt wie das System von Wladimir Putin? Ist jede Politik letztlich eigennützig, pragmatisch und bestenfalls scheinheilig – oder können wir mehr von ihr erwarten?

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev sagt in einem Podcast, er beantworte sich solche Fragen so (er bezieht sich auf den Irakkrieg ab 2003): Der wesentliche Unterschied liege nicht darin, was das Militär tue, sondern darin, wie eine Gesellschaft reagiere. Folter und Gräueltaten gebe es auf beiden Seiten, aber im Westen folgten darauf Empörung, Aufarbeitung, eine Analyse der Befehlskette, eine Suche nach Schuldigen. In Russland gebe es so was nicht. Im Gegenteil: Putin erklärte diejenigen, die für die brutalen Verbrechen in Butscha verantwortlich sein sollen, zu Helden.

Stimmt. Immerhin Empörung. Aber reicht das?

Heute weiß jeder, dass George W. Bushs Irakkrieg eine Farce war, die etwa einer halben Million Menschen den Tod gebracht hat. In jüngster Vergangenheit ging ein Video um die Welt, in dem Bush eine Art Witz macht oder einen Versprecher. Dabei nennt er die Invasion des Irak brutal und ungerechtfertigt. Das Publikum in Texas lacht.

Die Schuhe, die der irakische Journalist Montazer al-Zaidi Bush auf einer Pressekonferenz in Bagdad entgegenwarf, bleiben wohl die einzige Konsequenz für den ehemaligen amerikanischen Präsidenten. Al-Zaidi landete im Gefängnis. Das wird Bush nie passieren. Die USA erkennen den internationalen Strafgerichtshof nicht einmal an. Genauso wenig wie Russland oder die Türkei. Wenn man sich also seinen Feind vornimmt, um sich selbst zu erkennen, sieht man: Es gibt einen Unterschied zwischen denen, die keine Ideale haben, und denen, die welche haben, aber zugeben, immer wieder an ihnen zu scheitern. Und es gibt einen Unterschied zwischen denen, die Ungerechtigkeit zynisch umarmen, und denen, die gegen sie ankämpfen. Wer wollen wir sein?

Wer die Ukraine unterstützt, muss es aufrichtig tun. Und muss auch den Kurdinnen und Kurden helfen. Allein, um glaubwürdig zu bleiben. Was aus der Einsicht folgt, etwas falsch gemacht zu haben, ist: Es darf nicht wieder passieren.


Steven Covey hat in seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität“ diesen Gedanken populär gemacht. Er empfiehlt, das eigene Wirken vom Ende her zu denken. Was soll übrig bleiben? Wie lautet das Vermächtnis, das man hinterlässt?

1. Klarheit schaffen.

Vom Ende her denken sorgt für Klarheit im Kopf und im Handeln. Wie von allein und nahezu mühelos sortiert sich Unwichtiges von Wesentlichem, wenn man vom Ergebnis kommend denkt und handelt. Die Klarheit, die diese Perspektive mit sich bringt, bewahrt einen auch vor manchem Umweg.

2. Versöhnte Beziehungen leben.

Wer vom Ende her denkt, priorisiert versöhnte Beziehungen, denn er weiß, dass bei allem Wettbewerb es wichtig ist, die Brücken zu anderen Menschen, also auch zu Mitbewerbern, offenzuhalten.
Versöhnte Beziehungen beginnen zu Hause, im engsten Kreis, jenseits der Öffentlichkeit.

3. Klären, wer wirklich wichtig ist.

Mein Kollege Glenn Carlson, der mich zur Trauerfeier von Dolf van de Vegte begleitete, meinte nachher, als wir über das herzerschütternde Weinen eines Enkels am Grab sprachen: „Dolf hat etwas richtig gemacht. Er hat nicht nur große Projekte lanciert. Er hat auch im Leben seiner Kindeskinder eine Rolle gespielt. Jetzt vermissen ihn seine Enkel.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

4. Dankbarkeit.

Dankbarkeit ist eine besonders gut wahrnehmbare Form versöhnter Beziehungen. Sie ist anziehend. Das liegt auch daran, dass dankbare Menschen in der Regel sich bewusst diese Haltung angewöhnt haben. Sie haben die Entscheidung getroffen, zufrieden zu sein.

Echte Dankbarkeit am Ende eines Lebens signalisiert, dass etwas Wesentliches gelungen ist. Und ist das nicht das, wonach wir alle streben: ein gelungenes Leben?

Überdies zeigt Dankbarkeit, dass Prioritäten gut gewählt wurden:

5. Prioritäten setzen.

Die Australierin Bronnie Ware hat als Krankenschwester auf der Palliativstation eines Krankenhauses gearbeitet. Ihre Erfahrungen aus der Betreuung sterbender Menschen hielt sie in ihrem Blog fest. Später veröffentlichte sie ein Buch, dessen deutsche Übersetzung im März 2013 unter dem Titel „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“, erschienen ist.
Kurz und knapp: Niemand hat es bereut, nicht noch länger im Büro gearbeitet zu haben. Dafür haben viele es bedauert, nicht den Mut aufgebracht zu haben, ihr eigenes Leben zu leben – im Kontext der „Goldenen Regel, versteht sich. Sich über das bewusst zu werden, wer man am Ende sein will und darauf zielstrebig zuzuleben, erspart viele traurige Momente.

6. Der Berufung folgen.

Zurück zu meinem Geschäftsfreund Dolf van de Vegte: In seinem Fall gibt es noch einen Faktor zu bedenken, ohne den sein Leben und Handeln kaum zu verstehen sind. Er lebte seine Berufung. Tief in seinem christlichen Glauben verwurzelt, wirkte sie sich auf jeden Aspekt seines Lebens und Arbeitens aus. Früh in seinem beruflichen Werdegang hatte Dolf van de Vegte für sich die Warum- und Wozu-Fragen geklärt. Das gab ihm Kraft und Klarheit, privat und beruflich gute Entscheidungen zu treffen. „Hut ab, Dolf, für dein Vorbild!”

7. OekoHuman-Standpunkt:

Wer vom Ende her denkt, ist nicht am Ende, sondern es ist für ihn der Beginn seines holistischen Fühlens, Spürens, Empfindens und Denkens. So ist es für ihn eine Herausforderung, was vor ihm noch keiner gefühlt und gedacht hat, zu suchen und zu finden.

Hut ab, auch vor diesen Persönlichkeiten!

Die OekoHuman-Frage im Zeichen des aktuellen Krieges:

Würde heute Krieg herrschen, wenn sich die Führenden an die o.g. Aussage gehalten hätten?

Dies die Antwort auf den Dialog zwischen Mensch und Christus:


Der neueste Artikel wird am Anfang veröffentlicht,
danach in die richtige Reihenfolge eingeordnet.

Inhaltsverzeichnis:

1. Buchauszug: Wie ich lernte, die Welt zu verstehen – 01.12.2019 – Hans Rosling und Fanny Härgestam.
2. Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit.
3.  Was heißt denn hier frei und gleich? Buch über US-Geschichte – „Diese Wahrheiten” erzählt die Historikern Jill Lepore die Geschichte der Vereinigten Staaten auf unterhaltsame und unprätentiöse Art – QuelleRezension SZ.
4. Psychologie: Ich war nie gut genug!

5. Wie bezahlen wir das?

Die Katastrophen dieser Tage lassen sich nicht mehr einfach mit Geld bewältigen. Die Wahrheit ist: Wir müssen verzichten lernen – Von Mark Schieritz – ZEIT.

Kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brachte der britische Ökonom und Regierungsberater John Maynard Keynes eine kurze Streitschrift heraus.

Titel: How to Pay for the War. Keynes geht darin der Frage nach, was die Aufrüstung und der Kriegseintritt des Vereinigten Königreichs für die wirtschaftliche Lage bedeuten. Seine Schlussfolgerung: nichts Gutes. Das „Zeitalter des Überflusses“ werde abgelöst von einem „Zeitalter der Knappheit“, in dem sich alle einschränken müssten. Womöglich steht ein solcher Epochenbruch nun auch in Deutschland bevor, beziehungsweise: Vielleicht steckt die Republik schon mittendrin. Das würde bedeuten, dass sich die Probleme des Landes nicht mehr so einfach mit frischem Geld vom Staat für die Pendler, das Klima oder die Bundeswehr lösen lassen. Weil nämlich etwas anderes knapp wird: der Mensch und das Material.

Damit würde sich für die Regierung politisch so ungefähr alles ändern. Deren Lehre aus den Großkrisen der vergangenen Jahre war ja diese: Es ist eigentlich nie etwas knapp. Weil der Staat im Zweifel recht leicht für Nachschub sorgen kann. Das fängt beim Geld an: Es lässt sich heutzutage praktisch unbegrenzt vermehren, weil es nicht mehr aus Gold oder seltenen Muscheln besteht. Sondern aus bedrucktem Baumwollpapier. Davon gibt es auf der Welt mehr als genug. Der Unterschied zwischen 10 Euro und 10.000 Euro sind am Ende nur drei Nullen.

  1. 400.000Wohnungen will die Regierung bauen.
  2. 100Milliarden soll es für die Bundeswehr geben
  3. 50 Prozent ihres Vermögens mussten Reiche nach dem Zweiten Weltkrieg abgeben.
  4. Von den Investitionen, um den Klima-Wandel abzufedern ganz zu schweigen.

Geld allein baut keine Windräder und keine Wohnungen. Erst recht keine Panzer!

Auf die kommt es aber an: Wann immer die Beschäftigungslosigkeit zu steigen drohte, hat die Regierung Schulden aufgenommen und mit dem Geld Straßen gebaut. Oder Schulen saniert. Die Folge: Die Arbeitslosen hatten wieder Arbeit und das Land mehr Straßen und bessere Schulen. Und alle waren zufrieden. Die Arbeitslosenquote in Deutschland ist auch dank der vielfältigen staatlichen Rettungsmaßnahmen selbst auf dem Höhepunkt der Corona-Krise nur leicht gestiegen – und sinkt seit Monaten schon wieder. Ein wenig ist es wie in der Geschichte vom Baron Münchhausen, der sich an den eigenen Haaren aus der Misere zieht. Nur dass das im Kapitalismus tatsächlich funktionieren kann. Der Koalitionsvertrag der Ampel ist ein Produkt dieser Philosophie der unbegrenzten Vermehrbarkeit der Dinge, die Knappheiten als prinzipiell behebbares Investitionsdefizit begreift. Denn im Wesentlichen will die neue Regierung bauen, um das Land möglichst zumutungsfrei, sozial, klimaneutral und verteidigungsfähig zu machen. 400.000 Wohnungen, ein paar Tausend Windräder und jetzt noch: neue Panzer und Flugzeuge. Wenn dabei die Schuldenbremse im Weg ist, wird eben wie im Fall der Bundeswehr ein Sondervermögen in die Verfassung geschrieben, da? es erlaubt, über die festgelegten Grenzen hinaus Kredite aufzunehmen.

Die Operation Münchhausen kann allerdings nur klappen, wenn es genug Arbeitslose gibt, die in Arbeit gebracht werden können. Denn Geld allein baut keine Windräder. Und auch keine Wohnungen. Und gewiss keine Panzer. Das tun Menschen. Und davon gibt es nicht unendlich viele. Die nun ausgerufene Zeitenwende fällt mit dem Beginn der kritischen Phase des demografischen Wandels zusammen. Bereits in diesem Jahr werden in Deutschland 300.000 Personen mehr in Ruhestand gehen, als neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Bis zum Jahr 2030 summiert sich diese Lücke Schätzungen zufolge auf fünf Millionen Menschen. Und schon heute sind Fachkräfte knapp. Im Handwerk, in der Industrie, in der Pflege. Allein Rheinmetall plant, 3000 Stellen zu schaffen, um die zusätzlichen Rüstungsaufträge abarbeiten zu können. Diese Leute fehlen dann anderswo. Wenn man sie überhaupt bekommt.

Es fehlen auch: Zement, Stahl, Weizen, Benzin, Gas. Was wiederum mit der Globalisierung zu tun hat, beziehungsweise mit ihrem Niedergang. Denn ökonomisch betrachtet ist Globalisierung der Zugriff auf Menschen und Material jenseits der eigenen Grenzen. Auf billige Arbeit aus China etwa. Oder eben auf billiges Gas aus Russland. Doch erstens altert auch die chinesische Gesellschaft; zweitens hat sich gezeigt, dass das russische Gas zwar billig war, dass die deutschen Zahlungen dafür aber zur Finanzierung eines Angriffskriegs dienten. Weshalb die Regierung sich nun Gas aus Katar sichern will, was unter geostrategischen Gesichtspunkten auch nicht ideal ist: Ein demokratischer Musterstaat ist das Emirat sicher nicht. Und dann muss das Zeug aus aller Welt auch noch irgendwie nach Deutschland geschafft werden. Was nicht so einfach ist, wenn sich wie jetzt gerade wegen coronabedingter Engpässe in den Häfen die Container stauen.

So zeigt sich in diesen Tagen, wie anfällig ein Wirtschaftsmodell ist, das auf die ständige globale Verfügbarkeit von Waren angewiesen ist, seien es elektronische Bauteile aus China oder Energie aus dem Nahen Osten. Deshalb setzt sich die Regierung dafür ein, verstärkt national zu produzieren. Doch die Ressourcenknappheit wird dadurch nicht geringer. Im Gegenteil: Für Sachsen-Anhalt mag es ein Glücksfall sein, wenn Intel auch als Reaktion auf die Anfälligkeit der globalen Lieferketten nun in Magdeburg eine neue Chipfabrik eröffnet. Doch gesamtwirtschaftlich gilt: Ein Arbeiter, der Halbleiter baut, kann nicht gleichzeitig Panzer bauen oder Häuser isolieren. Inzwischen müssen Unternehmen schon weit in die Ferne gehen, um den Fachkräftemangel durch mehr Zuwanderung zu lösen. In Polen etwa sind Handwerker längst auch knapp.

Im Zeitalter von Vollbeschäftigung und Deglobalisierung zählen also nicht die monetären, sondern die tatsächlich vorhandenen Ressourcen. Und die lassen sich nicht so leicht vermehren. Damit verliert das Geld einen Teil seiner Münchhausenkräfte. Es gelangt eben nicht in den Wirtschaftskreislauf, weil die entsprechenden Mittel nicht abgerufen werden. Rund drei Jahre nach dem Start des Digitalpakts für die Schulen ist bislang nur knapp ein Fünftel der 6,5 Milliarden Euro an Fördergeldern ausgegeben worden. Oder aber es gelangt in den Wirtschaftskreislauf, hingegen weil die Produktion nicht ausgeweitet werden kann, steigen lediglich die Preise. Bauholz war 2021 rund 70 Prozent teurer als im Vorjahr, Stahlmatten für den Rohbau 50 Prozent.

Damit ändert sich die Arbeitsgrundlage für die Politik. Denn was nicht vermehrt werden kann, muss verteilt werden. Fehlt beispielsweise das Material für neue Wohnungen, könnte man vielleicht in den bestehenden zusammenrücken. Wenigstens in jenen, die groß genug sind. Die pro Einwohner genutzte Wohnfläche betrug 2020 in Deutschland im Schnitt 47,4 Quadratmeter. Nur dass manchmal eine vierköpfige Familie auf 80 Quadratmetern lebt und ein Alleinstehender auf 180. Beides muss eigentlich nicht sein. Der Staat könnte Anreize für einen Ausgleich schaffen – zum Beispiel durch eine Steuer auf einen besonders hohen Quadratmeterverbrauch (darüber wird in der Wissenschaft schon diskutiert).

Auch das Mobilitätsgeld, der Tankrabatt oder die Pendlerpauschale sind Formen der staatlichen Umverteilung. Sie zaubern schließlich nicht magisch mehr Benzin herbei, sondern bürden die Kosten der Spritknappheit der Allgemeinheit auf. Die muss nämlich die Vergünstigungen für die Autofahrer finanzieren. Und diese Zuteilungsmethode dürfte an ihre Grenzen stoßen, wenn die Bundesregierung dem internationalen Druck nachgibt und die Einfuhr von russischem Gas und Öl doch noch komplett stoppt und sich die Ressourcenkrise verschärft. Dann würden wahrscheinlich nicht die Preise, sondern die Mengen reguliert. Die Bundesnetzagentur würde entscheiden, welche Unternehmen noch mit Energie versorgt werden und welche nicht, weil einfach nicht genug für alle da ist. Möglicherweise würde der Spritverbrauch über ein Tempolimit begrenzt. Die Rationierung ist gewissermaßen die maximale Eskalationsstufe der Verteilungspolitik.

So könnte eine Erkenntnis dieser Tage sein, dass sich der Staat nicht einfach so aus einer Krise herausinvestieren kann. Weil man Benzin oder Gas nicht einfach so herbeischaffen kann. Vor allem aber, weil für eine Investition Menschen und Material benötigt werden, die dann an anderer Stelle fehlen. Keynes hat daraus den Schluss gezogen, dass die höheren Verteidigungsausgaben nicht durch neue Kredite finanziert werden sollten – und das, obwohl er sonst immer vehement für staatliche Konjunkturprogramme plädiert hatte. Doch so wie heute in Deutschland waren damals auch in Großbritannien die volkswirtschaftlichen Kapazitäten bereits stark ausgelastet, Unternehmen konnten also einfach nicht mehr produzieren. Und Keynes fürchtete, dass weitere kreditfinanzierte Staatsausgaben die Inflation anheizen, weil die zusätzliche Nachfrage in einer solchen Lage nicht so leicht durch eine Ausweitung des Angebots aufgefangen werden kann.

Tatsächlich besteht der Clou einer Schuldenfinanzierung öffentlicher Aufgaben im besten Fall darin, dass mit den Schulden neue Vermögensgegenstände geschaffen werden (Windräder, Schulen, Straßen) und die ganze Angelegenheit sich für den Staat am Ende rechnet. Weil das Vermögen mehr wert ist als die Schulden. Oder zumindest nicht viel weniger. So wie es sich für ein Unternehmen rechnet, einen Kredit für die Anschaffung einer Maschine aufzunehmen. Wenn aber mangels Material kein neues Vermögen entstehen kann, dann geht die Rechnung nicht mehr auf.

Diesmal kann sich der Staat nicht einfach aus der Krise herausinvestieren.

Keynes sprach sich deshalb dafür aus, die Rüstungsausgaben durch höhere Steuern zu finanzieren. Auf diese Weise würde der Wirtschaft die zusätzliche Nachfrage an anderer Stelle wieder entzogen. Denn die Privathaushalte hätten wegen der gestiegenen Steuerbelastungen weniger Geld übrig, das sie ausgeben können. Für Restaurantbesuche. Oder neue Schuhe. Außerdem würden dann mehr Kriegswaffen produziert und weniger Konsumartikel, weil sich die Unternehmen an das veränderte Nachfrageverhalten anpassen. Zugespitzt formuliert: mehr Kanonen, weniger Butter. Was dann nicht mehr geht: mehr Kanonen und mehr Butter. So zeichnet sich ab, dass die Zeitenwende nicht umsonst zu haben sein wird. Sie bedeutet Verzicht, zumindest bis die Bundeswehr auf dem neusten Stand und die Energiewende vollzogen ist. Also wahrscheinlich für 15 oder 20 Jahre, wenn alles gut läuft. Wer verzichten muss, ist allerdings eine politische Entscheidung. Nach den letzten großen Kriegen in Europa wurden hohe Vermögen mit einer Abgabe besteuert, um Kriegskosten zu bezahlen und den Wiederaufbau zu finanzieren – man hat also die Konsummöglichkeiten der Vermögenden eingeschränkt, damit die weniger Vermögenden mehr konsumieren können: im Jahr 1919 durch das sogenannte Reichsnotopfer, im Jahr 1952 durch den Lastenausgleich, eine einmalige Abgabe in Höhe von 50 Prozent auf alle Vermögen, zahlbar in vierteljährlichen Raten über einen Zeitraum von 30 Jahren.

Danach kam das Wirtschaftswunder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13/2022. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.


1. Buchauszug: Wie ich lernte, die Welt zu verstehen –
01.12.2019 – Hans Rosling und Fanny Härgestam.

Für seine faktenbasierte Weltsicht war Hans Rosling international bekannt und berühmt. Vorlesungen vor Studierenden in Stockholm, Vorträge auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, Freundschaften wie mit Melinda und Bill Gates oder Gespräche mit dem Revolutionsführer Fidel Castro bestärkten ihn in seiner Botschaft:

Wir müssen unser vermeintliches Wissen über den Zustand der Welt hinterfragen und uns den Fakten zuwenden – denn die Wirklichkeit ist oft viel besser als wir glauben. Im Folgenden handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch „Wie ich lernte, die Welt zu verstehen“, im Ullstein Buchverlag erschienen, von Hans Rosling und Fanny Härgestam.
Ich war neunundzwanzig Jahre alt, hatte zwei Kinder und Krebs. Agneta und ich umarmten uns und weinten. Würde ich die Kinder aufwachsen sehen? Würde ich überleben? In mir vereinten sich das schwärzeste Chaos und die stärkste Liebe. Wenn sich das ganze Leben solchermaßen verändert, braucht man einen Plan. Was geschieht jetzt – und morgen? Darum kümmerte sich Agneta. Sie managte alles und trug mich durch die Tage, Wochen und Monate. Innerhalb einer Stunde organisierte sie unbezahlten Urlaub von ihrer Arbeit für die kommenden Monate. Sie vereinbarte mit ihrer Tante Eda, dass die ganze Familie auf deren Hof außerhalb von Uppsala wohnen durfte statt zu Hause in Hudiksvall.

Sie erklärte den Kindern, dass wir nicht nach Afrika führen, sondern stattdessen bei Tante Eda wohnen würden, wo wir immer Weihnachten feierten. Wir beluden das Auto. Mir fiel die Aufgabe zu, mit den Kindern die Spielsachen einzupacken. Agneta hatte gerade erst den Führerschein gemacht und fuhr nicht gern Auto. Doch sie brachte uns dorthin. Es war ein Sonntag, und als wir nach Uppsala hineinfuhren, war ich ergriffen vom Anblick des Schlosses und des Doms. Hier war ich aufgewachsen, und ganz plötzlich wurde ich traurig. Agneta hielt an, und ich stieg aus, um mich zu beruhigen. In der folgenden Woche begannen die Tests und die Bestrahlung. Es war die Hölle. Nachdem die Leberwerte Anomalitäten aufgewiesen hatten, wurden vermeintliche Metastasen in den Lymphknoten und in die Leber entdeckt. Die Lymphknoten konnte man bestrahlen, aber Metastasen in der Leber bedeuten den Tod innerhalb eines Jahres.

Das ganze Leben kam zum Stillstand. Mosambik existierte nicht. Alles drehte sich nur ums Überleben. Ich weinte tagelang, während Agneta sich um die Kinder kümmerte und mich tröstete. Die Krankheit führte dazu, dass ich gegenüber meiner Umgebung missgünstig wurde. Sie hatten ein schönes Leben, während ich selbst der Bote von Trauer und Elend war. Ich konnte nur im Garten in der Hollywoodschaukel liegen und Kommissar Maigret lesen. Meine Mutter kam damit nicht zurecht. Sie war zu traurig, als dass sie mir eine Stütze hätte sein können. Agnetas Tante Eda und deren Mann Per ignorierten meine Krankheit, was sehr angenehm war. Sie fragten mich nicht, wie es mir ging, sondern halfen uns einfach mit praktischen Dingen. Per, der zweiter Hafenmeister in Sigtuna war, organisierte für uns ein kleines Segelboot. Das Haus war groß, und die ganze Familie fand in der oberen Etage Platz. Vom Hof aus war ich schnell in der Onkologie in Uppsala für meine Bestrahlungen.

Mein Ziel war es, solange zu leben, dass ich dabei sein konnte, wenn die Kinder eingeschult wurden. Einige Tage später saß ich auf meinem Bett in der oberen Etage von Edas Hof und schaute hinaus auf die Apfelbäume. Da fiel mir plötzlich etwas ein: Vor zehn Jahren hatte ein Arzt schon einmal zu mir gesagt, dass meine Leberwerte erhöht seien und ich meinen Alkoholkonsum einschränken solle. Das war merkwürdig, da ich überhaupt keinen Alkohol trank. Die Werte hätten damals beobachtet werden sollen, aber dazu war es nicht gekommen.

Die Patientenakte musste noch existieren, in der Infektiologie, wo ich gearbeitet hatte. Dort kannte ich außerdem die sehr kompetente Stationsschwester. Innerhalb einer Minute wusste ich, was zu tun war: die Notiz finden und mir die damaligen Laborergebnisse ansehen. Ich gebe nie auf, solange ich nicht völlige Klarheit habe. Viele finden deshalb meine Gegenwart schwer zu ertragen. Diesen Charakterzug hatte ich schon, als ich durch Europa trampte. Ich saß vor der Jugendherberge in Marseille, wo ich der jüngste der Tramper war. Die anderen nannten mich »der Junge mit dem blauen Buch«, denn ich hatte immer den Europaatlas des schwedischen Automobilclubs Motormännens Riksförbund in der Hand. Der Atlas enthielt auch Fakten über europäische Städte, weshalb ich Aussagen, die jemand in meiner Umgebung machte, überprüfen und kommentieren konnte, wie: »Nein, du irrst dich, Prag ist viel älter, als du gesagt hast.« Meine ganze Forschung und die Lehrtätigkeit, der ich mein Leben gewidmet habe, beruhten darauf, herauszufinden, wie die Dinge wirklich sind.

Ich fuhr zum Krankenhaus, und es dauerte eine Stunde, bis ich die Erlaubnis der Krankenschwester hatte und die Beschreibung, wo ich die handgeschriebene Patientenakte im Kellerarchiv finden könne. Wir legten die Akte im Archiv auf einen kleinen Tisch. Durch das Kellerfenster über uns fiel ein Lichtstrahl herein. Ja, ich hatte die gleichen erhöhten Leberwerte schon vor zehn Jahren gehabt, also waren sie womöglich nicht auf den Krebs zurückzuführen. Jetzt konnte ich Hoffnung schöpfen, ohne gleich überschwänglich zu werden. Ich war immer noch ganz weit unten. Nun musste ich herausfinden, was Sache war. Eine Woche später hatte ich die Diagnose Chronische Hepatitis statt Leberkrebs – ein echter Lichtblick. Zwei Wochen später wurden auch die Lymphknoten noch einmal überprüft, und die Ergebnisse besagten, dass ich auch keine Lymphmetastasen hatte. Die zweite Serie an Bestrahlungen wurde abgebrochen.

Es war sehr verwirrend – würde mein Leben noch einmal neu beginnen? Hatte ich keine Metastasen? Wir zogen wieder in unsere Wohnung in Hudiksvall. Ich ging jeden Monat zur Kontrolle, dann jeden zweiten Monat. Die Zeit verging, und der Krebs kam nicht wieder. Es fiel mir erstaunlich schwer, an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Viele Kollegen wussten nicht einmal, dass ich krank gewesen war. Im Aufzug begegnete ich einem Kollegen, der ausrief: »Du bist wieder zurück! Wie war es in Afrika?« Allen von meiner Krankheit zu erzählen – oder mich zu entscheiden, eben nichts zu erzählen – war aufreibend. Aber das Leben ging weiter, und die Motivation, nach Mosambik zu gehen, wurde wieder größer. Ein Jahr verging. Die Frage war, ob ich nach den Bestrahlungen gesund genug war und wie die neue Diagnose der Leberkrankheit meine Möglichkeiten, in Afrika zu arbeiten, beeinflusste. Agneta und ich führten darüber abends eingehende und innige Gespräche. Fahren wir, fahren wir nicht? Wie wollen wir leben? Wir wollten fahren. Wir spürten, dass uns das bestimmt war. Unser bisheriges Leben war die Vorbereitung darauf gewesen, die Reise durch Asien ebenso wie unsere Fortbildungen und unser Engagement für ARO.

Falls ich nur noch ein paar Jahre zu leben hätte, wäre es da nicht besser, uns in dieser Zeit auf das zu konzentrieren, was wir wirklich wollten? Oder sollten wir lieber zu Hause bleiben und Zeit mit unseren Kindern verbringen? Unser Umfeld versuchte, uns von der Reise abzubringen. Doch der Entschluss reifte heran. Wir entschieden ganz allein: Wir fahren. Ein entscheidender Punkt war die Frage der Versicherung. Der Onkologe verweigerte mir die Unterschrift auf der Bescheinigung, die ich brauchte, um die notwendige Versicherung zu erhalten. Ich wurde an den Leiter der Infektiologie, Folke Nordbring, verwiesen, für den ich früher einmal gearbeitet hatte und dem ich nun einen Brief schrieb, in dem ich ihm die Situation schilderte. Als ich sein Büro betrat, wusste ich, dass sein Urteil über den Rest meines Berufslebens entscheiden würde. Doch ich vertraute Folke Nordbring und hatte ein gutes Gefühl dabei, dass gerade er die Beurteilung schreiben sollte.

»Setzen Sie sich doch bitte. Eine körperliche Untersuchung ist nicht notwendig, wir sprechen nur miteinander. Ich habe Ihre Patientenakte gelesen«, sagte er und legte seine rechte Hand auf den Papierstapel vor sich. Er fragte mich, welcher Art meine Arbeit in Mosambik sein würde und ob ich mich dabei Infektionsrisiken durch Nahrungsmittel, Wasser, Malaria oder Mücken aussetzen würde. In dieser Art fuhr er fort, und ich bejahte alle Fragen. Wäre ich medizinisch gut versorgt, falls ich krank würde? Gäbe es dort Ärzte, die mich behandeln könnten? Wie sähe es mit Labors aus? Auf diese Fragen antwortete ich mit Nein. Er nickte ruhig und ließ mich erzählen. Als ich mich reden hörte, dachte ich, dass das Ganze natürlich ein Ding der Unmöglichkeit sei. Er fragte mich, weshalb ich unter derartigen Bedingungen arbeiten wolle, und ich schilderte ihm, welchen riesigen Bedarf an Ärzten das erst kürzlich unabhängig gewordene Mosambik hatte. Ich erzählte, dass ich mich jahrelang vorbereitet hatte und meine Frau ebenfalls dort arbeiten würde, als Hebamme. Er betrachtete mich schweigend. »Ich sehe keinen Grund, warum Sie nicht fahren sollten. Ich werde alle erforderlichen Dokumente unterschreiben.« Viele Jahre später traf ich Folke Nordbring auf einer Konferenz über Antibiotika in Vietnam wieder. Als ich zu ihm ging, um ihm für die wichtige Entscheidung zu danken, rief er aus: »Wow, Sie leben.« Überrascht antwortete ich: »Natürlich lebe ich. Ich wollte Ihnen dafür danken, dass Sie mich nach der Bestrahlung gesund geschrieben haben. Dadurch konnte ich nach Mosambik gehen und danach die internationale Arbeit beginnen, mit der ich mich jetzt beschäftige.« »Ja, Hans, ich habe bescheinigt, dass Sie gesund waren, aber in Wahrheit habe ich sehr daran gezweifelt. Ich habe geglaubt, dass Sie schon bald an einer aggressiven Form von Krebs sterben
würden. Aber ich konnte in Ihren Augen sehen, dass Sie unbedingt fahren wollten, um die Arbeit zu tun, für die Sie und Ihre Frau sich vorbereitet hatten. Ich dachte mir, wenn er nur noch ein paar Jahre zu leben hat, warum soll er dann nicht das tun dürfen, was er so schrecklich gern will? Deshalb habe ich die unzutreffende Beurteilung geschrieben, mit der Sie nach Mosambik reisen konnten.« Diese Verantwortung hatte Folke Nordbring auf sich genommen. Am 23. Oktober 1979 gingen Agneta, Anna, Ola und ich an Bord des Flugzeugs nach Maputo, der Hauptstadt von Mosambik – Quelle.

Wie ich lernte, die Welt zu verstehen



2. Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit (Ungekürzte Lesung)
von Rutger Bregman – Gesprochen von Julian Mehne – Link zu
SCRIBD.


3.  Was heißt denn hier frei und gleich? Buch über US-Geschichte – „Diese Wahrheiten” erzählt die Historikern Jill Lepore die Geschichte der Vereinigten Staaten auf unterhaltsame und unprätentiöse Art – Quelle – Rezension SZ.

Im Mittelpunkt in: „Diese Wahrheiten“, stehen die Zentralwerte der Unabhängigkeitserklärung: der Anspruch auf klassen- wie rassen- und geschlechterübergreifende Freiheit und Gleichheit. Um sie herum bündelt sich eine komplexe Erzählung, der es insbesondere um die Ambivalenzen der amerikanischen Geschichte zu tun ist. Warum kämpften gerade Sklavenhalter im Namen der Freiheit gegen ein britisches Parlament, das sich doch denselben Freiheiten verpflichtet wusste? Wie wirkten sich die schwierigen, durch die Tradition der Sklaverei begründeten Beziehungen zwischen Weiß und Schwarz über die nächsten Jahrhunderte nach der Revolution von 1776 aus? Welche Rolle spielten Gewalt und Unterdrückung in der Freiheitsgeschichte?

Pessimismus ist ihre Sache nicht, aber ebenso wenig huldigt sie einem Optimismus.

Lepore verzichtet sowohl auf den liberalen Triumphalismus früherer Jahrzehnte, als man noch eine eindimensionale Fortschrittsgeschichte erzählen konnte, als auch auf jene düsteren, pessimistischen und anklägerischen Narrative, wie sie Howard Zinn oder Ibram X. Kendi vorgelegt haben. Sie arbeitet dagegen differenziert die Probleme und die immer nur vorläufigen Lösungsansätze in den spannungsreichen Rassenbeziehungen in den USA heraus. Pessimismus ist ihre Sache nicht, aber ebenso wenig huldigt sie einem Optimismus, der sich gegenüber den Fehlern der amerikanischen Gesellschaft blind stellt.

Dieser Nuancenreichtum macht den Wert der Darstellung aus, ohne dass Lepore auf eine eigene Stellungnahme verzichten würde. Das ist alles gewiss nicht neu, aber selten derart lebendig und konstruktiv erzählt worden. Natürlich, man hätte bestimmte Schwerpunkte im chronologischen Ablauf anders setzen können. Beispielsweise wird die gesellschaftlich formative Phase der Hochindustrialisierung und des Aufstiegs der USA zur ökonomischen Weltmacht etwas stiefmütterlich abgehandelt. Zudem handelt es sich überwiegend um eine eher traditionelle politisch-soziale Ideengeschichte. Für das 18. und 19. Jahrhundert, so der Eindruck, gibt es keine amerikanische Kultur, keine Rezeption von Walter Scott, keinen Nathaniel Hawthorne, keinen James Fenimore Cooper, keine Hudson River School, keine Transzendentalisten.

Aber derartige Schwerpunktsetzungen sind wissenschaftlich und schriftstellerisch vollkommen legitim. Weit weniger legitim sind die zahlreichen sachlichen Fehler, die sich vorrangig in den Kapiteln zur Kolonialzeit und zur frühen Republik finden. Nein, die von antipuritanischen Baptisten und Quäkern gegründete Kolonie Rhode Island kannte keine Toleranz gegenüber Katholiken. 1680 lebte dort kein einziger Katholik, weil der Gründer dieses Staatswesens, Roger Williams, ganz im Sinne der Aufklärungsphilosophie von John Locke, die Anhänger des römischen Papsttums explizit von der religiösen Toleranz ausgenommen hatte. Echte Duldungstoleranz fand sich, von Lepore nicht erwähnt, einzig bei den Quäkern von Pennsylvania und – ausgerechnet – im katholischen Maryland bis in die 1680er-Jahre, als dort die Protestanten die Herrschaft übernahmen.

Nein, Benjamin Franklin war nicht nur ein Rassist, er hasste hauptsächlich deutsche Immigranten, weil er sich bis in die 1760er-Jahre in erster Linie als britischer Patriot verstand, wie nahezu alle amerikanischen Kolonisten. Nein, Andrew Jackson war nicht der erste Präsident, der ein Veto einlegte und damit eine Verfassungskrise heraufbeschwor, sondern George Washington, der erste Präsident der USA, machte 1792, drei Jahre nach seiner Wahl, erstmals von seinem verfassungsgemäßen Vetorecht Gebrauch. Was Jackson von seinen Vorgängern unterschied, war die Häufigkeit, mit der er dieses Instrument im parteipolitischen Kampf einsetzte. Viel bedeutsamer war demgegenüber seine bewusste Missachtung des Obersten Bundesgerichts, die Lepore nur beiläufig erwähnt.

Es fällt auf, dass nicht nur die spanische Monarchie verkürzt und einseitig dargestellt wird, sondern mehr noch die britische.

Nein, nicht nur Engländer, sondern auch die Spanier waren nach Amerika gekommen, um zu siedeln, auch wenn die Spanier es angesichts des Wirtschaftsbooms im Mutterland weniger nötig hatten, ihre gesellschaftlichen Konflikte nach Übersee zu exportieren. Überdies kamen die Engländer schon gar nicht, wie ein Text des englischen Geografen Richard Hakluyt suggerierte, um den Indianern die Freiheit zu bringen. Weil sie nicht über vertiefte Kenntnissen zur spanischen Kolonialpraxis verfügt, kann Lepore nicht erklären, warum es im spanischen Amerika trotz der Gräuel der Konquista weitaus mehr überlebende Indianer gab als in den britischen Kolonien. Mit Ausnahme von Bartolomé de Las Casas weiß sie nichts von den intensiven theologischen Kontroversen um die natürlichen Eigentums- und Herrschaftsrechte der Indianer, wie sie beispielsweise von Francisco de Vitoria angestoßen worden waren, und die man in Großbritannien deshalb nicht führte, weil Indianer schlicht zur Natur gerechnet wurden, weswegen sie gar nicht erst als eigentumsfähig angesehen wurden.

Liest man weiter, so fällt auf, dass nicht nur die spanische Monarchie verkürzt und einseitig dargestellt wird, sondern mehr noch die britische. Wieder einmal wird die Amerikanische Revolution zu Unrecht als Konflikt zwischen König und Kolonisten dargestellt, obwohl es sich in der Genese um einen Konflikt der Kolonisten mit dem britischen Parlament handelte. Dadurch versteht man dann nicht, warum neben den schwarzen Sklaven und vielen Indianern eine gehörige Anzahl gerade armer, sozial marginalisierter und subalterner Kleinbauern aus dem Hinterland der dreizehn Festlandskolonien erbittert für Krone und Parlament kämpften. Im Gegensatz zu Lepore war ihnen der oligarchische Charakter der amerikanischen Revolution vollkommen bewusst.

Eine Unwucht, die erzählerisch nicht mehr aufgefangen werden kann.

Nicht einmal am Rande erwähnt Lepore die gewalttätigen sozialen Konflikte zwischen 1760 und 1798, die nicht unmittelbar mit der Revolution oder der ansonsten im Vordergrund stehenden Sklavenfrage verknüpft waren. An dieser Stelle rächt es sich, dass sie die Rassenbeziehungen narrativ derart konsequent in den Vordergrund stellt, dass soziale Konflikte innerhalb der Weißen erst knapp in den 1830er- und 1840er-Jahren mit der Immigration katholischer Iren und dann nach 1865 ausführlicher behandelt werden. Damit aber entsteht eine Unwucht, die erzählerisch nicht mehr aufgefangen werden kann. Die Ambivalenz der amerikanischen Geschichte umfasst viele Ebenen, und Rassenkonflikte bezeichnen nur eine davon.

Diese Unwucht des Buches verdankt sich nicht etwa einer schlampigen Recherche. Sie entspringt den in der Einleitung dargelegten Grundannahmen zur amerikanischen Geschichte. Sie erweisen sich als tragfähig für die Entwicklungen ab 1865, für die Zeit davor aber oft genug als anachronistisch. Lepore geht davon aus, die Hinwendung der amerikanischen Revolutionäre zum aufgeklärten Naturrecht habe eine entsakralisierte, nichttheologische, gewissermaßen naturwissenschaftliche Herleitung universaler, rational erfassbarer Menschenrechte mit den Idealen von Freiheit und Gleichheit im Zentrum ermöglicht. Zum einen hat aber etwa Michal Rozbicki anhand intensiver Quellenanalysen nachweisen können, dass das Gros der amerikanischen Revolutionäre unter Freiheit etwas ganz anderes, sehr viel begrenzteres verstand als wir Heutigen. Und J. C. D. Clark hat gezeigt, dass der revolutionäre Vordenker Thomas Paine primär der Vergangenheit und nicht der liberalen Zukunft verhaftet war.

Rechte freier Engländer“ statt universale Menschenrechte.

Zum anderen klärt Lepore nicht, was überhaupt, abstrakt und zu einem jeweiligen Zeitpunkt, unter Freiheit verstanden wurde. Die Unterscheidung zwischen instrumenteller Freiheit von oder Freiheit zu etwas und einer absolut gesetzten Freiheit des autonomen Subjekts, wie sie erst im Laufe des 18. Jahrhunderts überhaupt denkbar wird, taucht ebenso wenig auf wie die theologisch verortete gnadenbewirkte Freiheit von der Sünde. Ähnliches gilt für das Gleichheitskonzept. Geht es um Gleichheit der Lebensumstände, Gleichheit vor dem Recht, Gleichheit vor Gott, Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit? Unter der Hand, und das ist erstaunlich für eine Historikerin, führt Lepore einen transhistorischen, überzeitlichen, inhaltlich unbestimmten, essenzialistischen Begriff von Freiheit und Gleichheit ein und folgt damit Thomas Jeffersons ebenso vagen Vorgaben aus der Unabhängigkeitsbegründung, in der beide Zentralwerte im Anschluss an John Locke mehr behauptet als begründet werden.

Wie wenig es den Amerikanern mehrheitlich um ein abstraktes Verständnis von Freiheit und Gleichheit ging, zeigen die Quellen. Sie sprechen bevorzugt von den „Rechten freier Engländer“, also von partikularen Bürgerrechten, nicht von universalen Menschenrechten. Vor die Wahl gestellt, die Konzepte zu historisieren oder sie philosophisch zu vertiefen und damit zu relativieren, verweigert Lepore die Diskussion und flüchtet sich in eine inhaltsarme Apodiktik. Die negativen Effekte dieser Verweigerung lassen freilich nach, je näher die Darstellung an die Gegenwart heranrückt und die sozial und kulturell grundgelegten Intuitionen, die wir in der Gegenwart mit beiden Zentralbegriffen verbinden, besser zu den Quellenaussagen passen. Kurz, den Anspruch des Buches, eine Gesamtdarstellung zur Geschichte der Vereinigten Staaten zu geben, wird man relativieren müssen. Jill Lepore hat eine großartige Geschichte der USA von 1865 bis zur Gegenwart geschrieben, deren Vorgeschichte aber durch ihre weltanschaulichen Prämissen eher verzerrt als geklärt wird – Michael Hochgeschwender lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2016 veröffentlichte er „Die Amerikanische Revolution. Geburt einer Nation 1763 – 1815“.


4. Psychologie: Ich war nie gut genug!

Eltern werden oft für Probleme ihrer erwachsenen Kinder verantwortlich gemacht. Zu Recht? Forscher haben viele Jahre lang Familien begleitet und sind zu einem erstaunlichen Schluss gekommen –
von Sebastian Herrmann.

Die Erinnerung an das Leben puzzelt sich aus Momenten zusammen. Manche dieser Momente zeichnet das Gedächtnis in einem kitschigen Gegenlicht süßer Verklärung. Ach, wie war das alles unbeschwert und unschuldig damals. Die Sorgen bestanden schlimmstenfalls darin, dass die Eltern auf einem Abendessentermin bestanden, der in einem Konflikt mit dringenden Spielverpflichtungen mit den Kinderkollegen kollidierte. Die anderen Momente aus der Vergangenheit melden sich hingegen eher in Phasen akuter Niedergeschlagenheit. Dann zerrt die Erinnerung jene Momente hervor, in denen der Schmerz regierte. Der wütende Vater oder die abweisende Mutter spielen darin tragende Rollen, es tauchen alte Ängste aus der Schulzeit auf oder Einsamkeitsgefühle. Diese miesen Momente aus der biografischen Vergangenheit dienen einem gerne dazu, um Unzulänglichkeiten oder Probleme zu deuten. Natürlich, so sagt man sich dann, rühren gegenwärtige Anfechtungen aus den Kränkungen der Jugendzeit her: Schwere Kindheit, schweres Leben, lautet die populäre Gleichung.

Aber stimmt das denn auch wirklich, was man sich über die eigene Kindheit erzählt? Sind diese Erinnerungen zuverlässig? Entwicklungsforscher um Marissa Nivison und Glenn Roisman von der University of Minnesota haben gerade eine Studie vorgelegt, die dem Hang zur autobiografischen Selbstgewissheit einen Dämpfer verpassen sollte. Im Fachjournal Psychological Science berichten die Wissenschaftler, dass das Verhältnis zu den Eltern in der Retrospektive recht verzerrt erinnert wird. Es sind aktuelle Zustände, welche die Interpretation der Vergangenheit maßgeblich prägen. Rückblickende Aussagen über die Qualität der Beziehung zu den Eltern und der genossenen Erziehung sollten deshalb mit großer Vorsicht betrachtet werden, sagen die Entwicklungsforscher um Nivison und Roisman.

Wer heute mit Problemen kämpft, erinnert sich eher an schlimme Momente.

Die Beziehung zu den Eltern übt einen Einfluss auf die Entwicklung und das Leben der Kinder aus, eine Binsenweisheit, natürlich. Aber welchen Effekt sie genau hat, ist alles andere als leicht zu beantworten. Eine viel beachtete Studie von Forschern um Vincent Felitti legte 1998 einen recht klaren Weg nahe. Die Erinnerung an widrige Umstände in der Kindheit, so berichteten die Wissenschaftler, korrelierte mit ähnlichen Umständen im Erwachsenenalter. Wer mit Übergewicht, Alkoholismus, Depressionen kämpfte oder Suizidversuche unternommen hatte, entsann sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schlimmer Momente aus ferner Vergangenheit mit den eigenen Eltern: Missbrauchserfahrungen, aggressive Streitereien zwischen Mutter und Vater oder andere böse Ereignisse. William Chopik und Robin Edelstein publizierten 2019 dann Daten, die diesen Zusammenhang auch für positive Gedächtnisinhalte zeigte: Wer sich an Momente emotionaler Nähe zu den Eltern erinnerte, war mit höherer Chance ein Erwachsener von guter geistiger und körperlicher Gesundheit.

So weit, so klar: „Ein Problem von diesen einflussreichen Studien ist jedoch, dass sie Erziehungserfahrungen retrospektiv gemessen haben“, schreiben nun die Forscher um Nivison und Roisman. Aber wie vertrauenswürdig sind Erinnerungen an Ereignisse, die teils Jahrzehnte in der Vergangenheit liegen? Es existieren zahlreiche Studien, die zu Skepsis an solchen Gedächtnisinhalten auffordern. Schon 1935 zeigten Forscher, dass sich Mütter nach weniger als einem Jahr nicht mehr an das Geburtsgewicht ihrer Kinder erinnerten. Und Marian Yarrow zeigte 35 Jahre später, dass selbst grundlegende Erinnerungen an eigentlich prägende Zeiten mit Kindern im Kopf der Eltern verschwimmen. Besonders eindrücklich ist eine Nebenbeobachtung aus der Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study, für die Probanden seit Jahrzehnten begleitet werden. Dabei beobachteten die Entwicklungsforscher, dass sich drei Viertel der Eltern von Kindern mit ADHS nach einigen Jahrzehnten nicht mehr an die Diagnose erinnern konnten. Und das, obwohl diese Eltern in den Jahren direkt nach der Diagnose in den Interviews mit den Forschern über nichts anderes so ausgiebig klagten wie über das schwierige Verhalten ihrer Kinder mit ADHS. Das Leiden hatte Leben und Alltag der Väter und Mütter dominiert – und trotzdem hatten sie das in der Mehrzahl vergessen. Warum also sollten die Erinnerungen der Kinder aus dieser Zeit zuverlässiger sein?

Aussagen über die einstige emotionale Nahbarkeit der Eltern haben oft wenig mit der Realität zu tun.

„Es ist gut möglich, dass das gegenwärtige Verhältnis zu den Eltern die Rückschau stärker prägt als die tatsächlichen Ereignisse“, sagen Nivison, Roisman und ihre Kollegen. Die Gegenwart färbt die Bewertung der Vergangenheit, das ist auch aus anderen Bereichen der Psychologie bekannt. Wer unter anderem seine generelle Lebenszufriedenheit bewerten soll, gibt auch häufig eher ein Urteil darüber ab, wie gut es ihm jetzt im Moment geht. Diese Frage lässt sich schließlich auch deutlich leichter beantworten. Um diese Form der Verzerrung auszuschließen, werteten Nivison und Roisman nun Daten zweier prospektiver Langzeitstudien aus, für die der Lebensweg von Kindern über Jahrzehnte begleitet wird. Dazu wurden über viele Jahre immer wieder Interaktionen zwischen den Müttern, den Vätern und ihren Kindern beobachtet. Außerdem gaben sowohl die Eltern als auch die Kinder regelmäßig Einschätzungen zu ihrem gegenseitigen Verhältnis und der emotionalen Nähe zueinander ab. Als die Kinder schließlich junge Erwachsene waren, wurden sie abermals befragt, im Alter von 26 Jahren. Die Probanden gaben dazu an, wie nah ihr Verhältnis gegenwärtig zu Mutter und Vater ist, wie es um den Familienzusammenhalt steht und ob sie selbst unter depressiven Symptomen oder Verstimmungen litten. So ließen sich erinnerte und tatsächliche Erfahrungen gut vergleichen.

Dabei zeigte sich, dass die erinnerten Aussagen über die emotionale Nahbarkeit der Eltern während der Kindheit in einem eher losen Zusammenhang mit den Beobachtungen und den Einschätzungen der Eltern aus jener Zeit standen. Die eigenen Angaben aus der Kindheit deckten sich zwar etwas genauer mit den Aussagen, die die Probanden dann als Erwachsene machten. Doch auch hier wichen die Einschätzungen aus der Vergangenheit und die Erinnerungen daran meist voneinander ab. Vor allem die gegenwärtige seelische Verfassung sowie das aktuelle Verhältnis zur Familie prägten die retrospektive Bewertung der Kindheit stark. Dieses Ergebnis decke sich mit anderen Studien aus der Forschungsliteratur, dass depressive Episoden den Blick auf die eigene Vergangenheit stark verzerren, so die Forscher um Nivison und Roisman. Wenn in der Gegenwart alles auf der Kippe steht und die Seele friert, dann verengt sich der Blick zurück. Wer schwere Zeiten erlebt, sucht nach schweren Momenten, die diese aktuelle Lage erklären könnten. Dabei kann es sein, dass die Erinnerung trügt – oder jene vergegenwärtigten Momente aus der Vergangenheit untypische Ausreißer waren, die vielleicht gar keine wesentliche Bedeutung hatten. Erst der Blick zurück ändert alles. Was aber stimmt, was war damals wirklich, und welche Wirkung hatte es? Wer weiß das schon?

Entwicklungsforscher arbeiten mit komplexen Methoden daran, den Einfluss der Kindheit auf den späteren Weg eines Menschen zu entschlüsseln. Über eine Expedition an die Quelle des Ichs – SZ.

In der siebten Klasse drängelte sich Latein in den Lebenslauf und bereitete die Bühne für eine Serie von Demütigungen. Dieses Fach bestraft Schüler unbarmherzig: Ein, zwei Monate improvisieren, halten den Kopf gerade so über Wasser, dann ertrinkt der faule Schüler im Rubikon, statt ihn zu überschreiten und glorreiche Siege einzufahren. Also im übertragenen Sinne natürlich. Vater wollte das nicht zulassen und helfen. Insbesondere wollte er das deshalb, weil ihn seine Eltern Jahrzehnte zuvor im Stich gelassen und bei ersten Problemen in der zehnten Klasse, zack, von der Schule genommen hatten. Daran knabberte er ein Leben lang. Vaters Motive waren edel, die Umsetzung grauenhaft. Konjugieren, deklinieren, übersetzen, Ablativus absolutus, all das eskalierte zu einem galligen Krieg der Generationen. Vater nörgelte, war ungeduldig und frustriert, dass er sich in seiner knappen Freizeit mit diesem lästigen Mist herumärgern musste. Oft wurde er laut, manchmal brüllte er. Nie war er zufrieden, immer fand er einen Fehler. Auf der anderen Seite dieser pädagogischen Bruchlinie verfestigten sich Frust, Bockigkeit und Abwehr zu der Überzeugung, dass es niemals reichte, egal, wie groß die Bemühungen waren. Fast immer flossen Tränen. Ein Foto im Familienalbum hält die Verwundungen noch Jahrzehnte später frisch. Vater hatte sich eine Spiegelreflexkamera gekauft, eine Nikon F-301, damals sein ganzer Stolz. An einem Wochenende war die Lektion routinemäßig eskaliert, Tränen kullerten, der Heulrotz in der Nase musste geräuschstark gehindert werden, auf dem Aufgabenblatt die Vokabeln zu verschmieren – da begann Vater zu fotografieren. Das Bild ist im Album mit einer knappen Unterschrift versehen: „Oktober 1986. Latein mit Sebastian“.

Die Erinnerung bleibt wach; wegen des Fotos und weil der Schmerz von damals als Erklärungsschablone für gegenwärtiges Unbehagen dient. Haben die Versagensängste ihren Ursprung in den Lateinschlachten? Rührt daher das Gefühl, dass Leistungen nie gut genug und empfundene Ansprüche unerfüllbar sind? Persönliche Unzufriedenheiten aktivieren den inneren Küchenpsychologen. Als melde sich ein vulgärer Sigmund Freud zu Wort, gelten erinnerte Konflikte oder singuläre Kindheitsereignisse als Keimzelle erwachsener Fehlbarkeiten – meist unabhängig von der tatsächlichen Schwere der Begebenheiten. Die Lateinstunden zum Beispiel sind in der Rückschau ehrlicherweise vor allem: banal. Doch die Erinnerung bleibt.

Selbstverständlich hinterlässt die Kindheit Spuren, doch fundierte Antworten sind viel komplexer.

Solche simplen Erklärungen wirken, als Seelenbalsam und haben mit der Realität wenig zu tun. Populäre Vorstellungen über die persönlichkeitsformenden Kräfte der Kindheit stecken meist in Plattitüden fest, sagen die Entwicklungspsychologen Jay Belsky, Avshalom Caspi, Terrie Moffitt und Richie Poulton. Dazu gehörten Kernbehauptungen wie: Es steckt alles nur in den Genen. Oder: Lediglich der Einfluss von Familie und Gesellschaft formt den Menschen. Natürlich auch: Die ständigen Zweifel rühren von den Lateinstunden mit dem Vater her. Derlei Vereinfachungen würden der Komplexität des Menschen nicht gerecht, sagt also das Quartett, zu dem sich diese vier Virtuosen der Entwicklungsforschung zusammengeschlossen haben. Selbstverständlich hinterlässt die Kindheit Spuren im Erwachsenen, natürlich prägen die Jugendjahre, zu was für einem Menschen ein gerade frühpubertierender Plagegeist einmal wird, der sich gegen schulische Unterstützung sträubt. Doch welche Kraft welche Weiche umstellt, welche Faktoren Wege vorzeichnen und Wirkungskaskaden in Gang setzen, ist unendlich schwer zu klären. Wer nach fundierten Antworten sucht, muss sich auf eine Reise durch ein komplexes, unübersichtliches Labyrinth aus unzähligen Einflüssen begeben. Die Quelle der Schrullen des erwachsenen Selbst hingegen mit einigen spärlichen Kindheitserinnerungen zu deuten, gleicht dem Versuch, mit der Pipette eine Wasserprobe aus dem Amazonas zu nehmen, um daraus den vollständigen Verlauf dieses Flusssystems zu erklären.

Den Einfluss der Kindheit zu erforschen, bedeute, auf eine Abenteuerreise aufzubrechen, schreiben auch die Entwicklungsforscher Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton, die gerade ihr Lebenswerk in dem Buch „The Origins of You. How Childhood Shapes Later Life“ (Harvard University Press, 2020) zusammengefasst haben. Die vier Forscher haben sich in jahrzehntelanger Arbeit einer Leitfrage unterworfen: Warum sind wir so, wie wir sind, und anders als andere? „Unsere Ergebnisse bestätigen und fordern weit verbreitete Ansichten über die Natur menschlicher Entwicklung heraus“, schreiben sie. Die einzelnen Kapitel in ihrem Buch stehen unabhängig voneinander und verknüpfen sich noch nicht zu einem großen, geschlossenen Bild – die Reise führt von Fragen der Kontinuität der Persönlichkeit über genetische Faktoren rund ums Rauchen bis hin zu der Beobachtung, wonach eine Kindheit in prekären Verhältnissen bei Mädchen die Pubertät beschleunigen kann. Die Antworten sind weit entfernt davon, die Quellen des erwachsenen Ichs vollständig zu erklären; aber sie sind ein ernst zu nehmender Versuch.

Das Kind sei tatsächlich der Vater des Mannes, sagen Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton, mit Verweis auf ein Gedicht von William Wordsworth, in dem diese Zeile vorkommt. Die Persönlichkeit in jungen Jahren steht – natürlich – in starker Verbindung zu der Persönlichkeit im späteren Erwachsenenalter. Wenn das Kind voller Zweifel ist, dann stecken diese wahrscheinlich auch noch im Erwachsenen – und zwar nicht notwendigerweise, weil das Lernen mit dem Vater zu Quälend war. Die Qual damals war hingegen auch Ausdruck dessen, was schon im Kind steckte: Die Zweifel haben das Lernen kompliziert gemacht, sie waren mehr Ursache der Konflikte als deren Folge. Manche Ergebnisse wirken offensichtlich. Und doch strahlen sie, weil sie erstens Themen aus dem Gestrüpp des weltanschaulich Erwünschten lösen, insbesondere die langfristigen Effekte frühkindlicher Betreuung, von Cannabiskonsum oder sozialen Unterschieden. Zweitens sind die Ergebnisse wertvoll, weil sie die Grenzbereiche ausloten, also die Frage, unter welchen Bedingungen tatsächlich Effekte zu erwarten sind.

Die besondere Magie steckt in der unglaublich aufwendigen Methode, mit der Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton zu den kindlichen Quellen des erwachsenen Selbst vorzudringen suchen. Denn wie kann man den Verlauf eines Lebens erforschen? Indem man es begleitet, solange und so eng wie möglich. Das Werk der vier Expeditionsteilnehmer beruht auf dem Lebensweg von mehr als 4000 Menschen, die sie in drei prospektiven Kohortenstudien in Neuseeland, Großbritannien und den USA teilweise seit ihrer Geburt begleiten. Die bekannteste dieser Untersuchungen ist die Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study, welche den Lebensweg von 1000 Menschen beobachtet, die in den Jahren 1972 und 1973 in dieser Stadt im Südosten Neuseelands geboren wurden. Alle paar Jahre besuchen Mitarbeiter die Teilnehmer dieser Studie, erst als Babys, dann als Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und schließlich als Erwachsene. Größe, Gewicht und andere körperliche Merkmale werden vermessen, Blutproben genommen, Tests zu kognitiven, zur sozialen und emotionalen Entwicklung durchgeführt, Verhalten und Persönlichkeitsmerkmale erfasst, das Familienumfeld einbezogen und befragt, Freunde und Bekannte interviewt, das Umfeld in der Nachbarschaft, dem Kindergarten und der Schule berücksichtigt. Seit es die Technik zulässt, werden genetische Faktoren berücksichtigt. Mit dem gleichen Instrumentarium untersuchten die Forscher mehr als 1000 eineiige Zwillingspaare in Großbritannien im Rahmen der Environmental-Risk Study; und schließlich auch in den USA, wo im Rahmen der NICHD Study of Early Child Care and Youth Development 1300 Kinder von der Geburt bis zum Alter von 15 Jahren begleitet wurden, um spezifisch die Effekte frühkindlicher Betreuung in Krippen oder Kindergärten zu erfassen.

„Dort, wo die empirischen Chips hinfallen, dort fallen sie hin.“

Die Forscher fragen nicht danach, wie die Entwicklung eines Kindes optimalerweise verlaufen sollte. Sie wollen beobachten, wie sich Biografien tatsächlich gestalten und welche Mächte dabei wirken, mehr nicht. Ihre Forschung sei niemals interessengeleitet, betonen sie in jenen Kapiteln, deren Themen heute ideologisch aufgeladen sind: „Dort, wo die empirischen Chips hinfallen, dort fallen sie hin.“ So haben sie in den Daten aus Dunedin beobachtet, dass jahrzehntelanger, regelmäßiger Cannabis-Konsum kognitive Spuren hinterlässt: Der gemessene Intelligenzquotient ist im Erwachsenenalter im Vergleich um wenige Punkte niedriger. Je früher Marihuana ins Leben tritt, desto ausgeprägter der Effekt. Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton betonen in diesem Kapitel mehrmals, dass sie keinerlei Agenda verfolgten: Weder wollten sie Gefährlichkeit, noch Unbedenklichkeit von Cannabis belegen, sondern schlicht prüfen, was ist. Die nüchterne Beschreibung von Beobachtungen provoziert mitunter Widerstand – meist dann, wenn diese Aussagen auf Werte und Vorstellungen treffen, wie die Dinge idealerweise sein sollten. In ihrem Kapitel zu den Effekten frühkindlicher Betreuung formulieren Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton deshalb besonders behutsam. Das Thema Kita ist hochumstritten und berührt zahlreiche Zwänge, Werte und Vorstellungen: über das Familienbild, darüber, wie sich Arbeit und Familie vereinbaren lassen, welchen Einfluss die Mutter auf die Entwicklung eines Kindes hat und vieles mehr.

Interessen und Werte dominieren diese Diskussion und trüben den Blick auf die Daten. Die Ergebnisse der vier Entwicklungsforscher legen also nahe, dass das Familienumfeld prägender bleibe. Für Kitas und Kindergarten gelte, dass deren (pädagogische) Qualität im Vergleich zur täglichen Dauer, die die Kinder dort verbringen, nahezu unerheblich sei – jedoch nur, wenn eine gesunde Bindung zwischen Eltern und Kind bestehe.

Der soziale Vergleich schürt destruktive Wut.

Diese Grenzbedingungen – etwas gilt, wenn etwas anderes auftritt – fördern die spannendsten Ergebnisse der großen Kohortenstudien zutage. So haben sich Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton der Frage angenommen, wie sich die sozio-demografische Zusammensetzung einer Nachbarschaft auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. Besonderen Fokus legten sie auf die Frage, wie und ob eine Jugend in armen Stadtvierteln antisoziales Verhalten fördert. Und ja, es bestehe ein Zusammenhang, wenig überraschend, vor allem, weil Kinder dort häufiger in dysfunktionalen Familien aufwachsen. Aber: Vor allem Jungen fielen dann häufiger als antisoziale Charaktere auf, wenn sie in gemischten Vierteln aufwuchsen – in denen Armut und Wohlstand nebeneinander existierten. Schmerzt der direkte Vergleich mit Bessergestellten so sehr, daß sich daraus erst destruktive Wut speist? Vielleicht. Gewiss sei, dass diese Beobachtung stadtplanerischen Ideen widerspricht, Viertel sozio-demografisch gut durchzumischen, sagen die Forscher.

Aus einer solchen Einsicht ließen sich womöglich Interventionen ableiten. Doch selbst die stärkste Evidenz kann nicht helfen, das Lebensglück aller Menschen zu verbessern: Mit den großen prospektiven Kohortenstudien betrieben sie probabilistische Wissenschaft, betonen Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton. Aus einzelnen Faktoren, Kräften und Ereignissen im Leben folgten niemals zwingend immer die gleichen Ergebnisse für alle Menschen. Ein Stein fällt zu Boden, wenn man ihn loslässt. Das besorgt die Schwerkraft, da ist die Vorhersage klar. Wollen Forscher aber den Lebensweg eines dreijährigen Kindes mit impulsivem Verhalten prognostizieren, verhandeln sie über Wahrscheinlichkeiten. Die Chance ist unter anderem hoch, dass eine Frau mit ihren kleinen Kindern umgeht, wie sie das selbst einst mit der eigenen Mutter erlebt und mitgenommen hat. Und zeigten Kinder in den Untersuchungen mehr Selbstkontrolle, erhöhte das die Wahrscheinlichkeit für positive Effekte im Erwachsenenalter: Gesundheit und Wohlstand zum Beispiel.

Doch es folgt daraus keine Zwangsläufigkeit. Genug Kinder wandern auf Wegen durch ihr Leben, die ihr individuelles Gepäck zunächst unwahrscheinlich erscheinen ließ. Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton verdeutlichen dies mit einem Vergleich: Im Juli sei es in New York City stets heißer als im April; aber an manchen Tagen im April ist es heißer als an manchen Tagen im Juli, nur eben seltener. Gemobbte Kinder zeigen als junge Erwachsene häufiger Verhaltensauffälligkeiten, aber nicht alle gemobbten Kindern kämpfen später mit diesen Problemen. Wer in späteren Lebensjahren an sich selbst leidet, der findet in derlei Aussagen vermutlich wenig Trost. Das aber liegt nicht an den Forschungsergebnissen, sondern daran, welche Erinnerungen aus der Kindheit präsent sind. Diese fallen im Wesentlichen in zwei Kategorien. Süße Nostalgie auf der einen Seite: Wie war das schön damals, das Abenteuer der Kindheit und der Jugend, meine Güte, wann sind wir aus diesem Paradies vertrieben worden? Die andere Kategorie besteht aus Schmerz, aus Erinnerungen wie jener aus der Lateinarena mit dem Vater, die im Vergleich zu wirklichen Kindheitskatastrophen natürlich harmlos ist.

Es sind die leidvollen Momente, auf die sich das Denken vieler Erwachsener häufig richtet, wenn sie an ihrem aktuellen Selbst leiden. Auch das haben Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton beobachtet: Traurigkeit fokussiert die Erinnerungen auf Szenen der Vergangenheit, die einem Schmerz bereitet haben. Wer glücklich ist, richtet seine persönliche Rückschau hingegen auf die fröhlichen Bilder aus vergangenen Zeiten. Das Latein-Foto im Familienalbum rahmen auch schöne Bilder ein: von gemeinsamen Bergtouren, Familienfesten, Ausflügen. Diese spielen im Gedächtnis nur keine Rolle, wenn gegenwärtige Zweifel die Suche auf Spuren längst vergangener kindlicher Unzufriedenheit zentrieren.

Es sind die leidvollen Momente, auf die sich das Denken häufig richtet.

Der Wert dieser prospektiven Kohortenstudien liegt gerade darin, dass sie diese Form der Verzerrung ausschließen. Die Wissenschaftler fragen die Teilnehmer, bevor etwas eintritt, und können dann Jahre später auf diese Aussagen rekurrieren. In anderen Studien werden Teilnehmer hingegen nur nach Erinnerungen gefragt, um Erkenntnisse zu sammeln: Wie war Ihre Kindheit? Wie haben Sie sich ernährt? Wie war das Verhältnis zu Ihrem Vater, Ihrer Mutter? Wie fehlerhaft Antworten auf solche Fragen sind, zeigte sich unter anderem, als Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton das Thema ADHS untersuchten. Nach Jahrzehnten konnten sich die meisten betroffenen Eltern in den Befragungen gar nicht mehr daran erinnern, wie sehr sie unter dem Verhalten ihrer damals hyperaktiven Kinder gelitten hatten. Die meisten wussten so gar nicht einmal mehr von der ADHS-Diagnose ihrer Kinder, obwohl sie den Studienmitarbeitern damals Stunde um Stunde davon erzählt hatten. Erinnerungen trügen, eigene Introspektion sagt viel darüber aus, wer man heute ist, und wenig, wie man dazu geworden ist. Aber vielleicht könnte die Wissenschaft eines sehr, sehr fernen Tages dank Abenteurern wie Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton einen klaren Blick auf die verschlungenen Pfade des Lebens anbieten. Die Entschlüsselung menschlicher Entwicklung gleiche am ehesten der Meteorologie, sagen die vier. Das Wetter und das Klima sowieso hängen von unzähligen Einflussgrößen ab, die komplex interagieren. Der Mensch erlebe im Laufe seines Lebens seine Stürme, regnerische Momente, er sieht emotionalen Sonnenschein, er wandert durch fruchtbare Landschaften und erträgt Dürreperioden.

Das Ziel der Forscher, so könnte man sagen, um im Bild zu bleiben, ist eine Art Klimamodell oder wenigstens Wettervorhersage für den Menschen: Wie wird sich ein Individuum in den kommenden Jahrzehnten entwickeln? Bis dahin wird die Forschung auf eine sehr, sehr lange Reise ins Ungewisse, in das Labyrinth des Lebens, Liebens, Lachens und Leidens gehen müssen. Aber die Wettervorhersage funktioniert heute ja auch ziemlich gut, wenn auch nur für ein paar Tage im Voraus.

 



… dafür hat er den Menschen geschaffen, um sicherzustellen,
daß die Energie „ewig” in Bewegung bleibt!

GENIAL oder ….

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