Wissenschaft – Schutz – Impfen – Menschenverstand

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Besonders in der Krise wird die Bedeutung „guter“ Entscheidungen deutlich. Tatsächlich ist der Begriff der Krise in seinem Wortursprung eng mit dem der „Entscheidung“ verbunden und deutet damit an, worauf es in dieser besonderen Phase ankommt.

Warum?

Weil in der Krise jene Option, die gerne gewählt wird, nämlich das Verweilen im Status-Quo wegfällt. Man kann aufgrund der Umstände nicht so weitermachen wie bisher, muss deswegen festlegen, welcher neue Weg gegangen werden soll, um ein bestimmtes Ziel (bspw. den Erhalt des Unternehmens) zu erreichen. Selten wurde das in jüngerer Zeit so deutlich wie in der Corona-Krise, die in einer bis dahin nicht für möglich gehaltenen Geschwindigkeit zu tiefgreifenden Veränderungen in sämtlichen Lebens- und Arbeitsbereichen geführt hat und sicherlich nachhaltig führen wird. Diese Krise ist für Entscheidungen auch deshalb von besonderem Interesse, da die mit ihr einhergehenden Unsicherheiten und Ängste besonders prominent hervortreten.

  • Komplexe Situationen zwingen zu unsicheren Entscheidungen bei begrenzten zeitlichen, materiellen und kognitiven Ressourcen. Daraus resultieren Bedingungen, die zur unbewussten Anwendung von vereinfachenden und Selbst-Wert erhaltenden Strategien führen können (kognitiven Verzerrungen und Schatten-Arbeit).
  • Das eigentliche, inhaltliche Sachziel wird dabei unbewusst zweitrangig, das Handeln richtet sich stärker an Bedürfniszielen aus. Dadurch kann es passieren, dass Optionen ausgewählt werden, die kurzfristig dem Bedürfnisziel dienen, langfristig aber nicht optimal für das Sachziel sind.
  • Der Mechanismus ist an sich „psychisch“ gesehen sinnvoll, deshalb nicht „irrational“, wie oft beschrieben. Er ist in diesem Kontext für die Qualität von Entscheidungen jedoch längerfristig nachteilig.
  • In dem Beitrag wird dieser Mechanismus bewusst gemacht und anhand von Beispielen erläutert.
  • Schatten-Arbeit.

Update 01.08.2022:

Wie wirken sich Mutationen von SARS-CoV-2 auf PCR-, Antigen- und Antikörpertests aus? – von Georg Hoffmann (Trillium, Grafrath)

SARS-CoV-2 zeichnet sich durch eine hohe Mutationsrate aus: Für rund zwei Drittel seiner knapp 30.000 Nukleotide wurden bereits Polymorphismen beschrieben, die sich in unterschiedlichem Maß auf die Infektiosität und Krankheitsschwere auswirken. Das aktuell dominierende Omikron-Virus unterscheidet sich von früheren Varianten einerseits durch eine höhere Übertragungsrate und andererseits durch eine geringere Hospitalisierungsrate, weil es aus dem Nasenrachenraum weniger gut in die unteren Luftwege vordringen kann.
Während die epidemiologischen und klinischen Auswirkungen der verschiedenen Virusvarianten intensiv erforscht werden, ist die Datenlage über die Beeinflussung der derzeit verfügbaren Virus- und Antikörpertests noch dünn. Angesichts dessen organisierte die IFCC am 16.2.2022 unter der Leitung ihres Präsidenten Koshrow Adeli ein Webinar mit über 4.000 Teilnehmern aus über 100 Ländern. Redner aus Italien, den USA und Kanada berichteten, dass die zunehmende Anzahl von Mutationen zu falsch negativen Befunden führen kann. Deshalb sei eine regelmäßige Reevaluation der aktuell eingesetzten Assays auf der Basis von Sequenzanalysen erforderlich.
Einen Überblick über alle bislang beobachteten Varianten von Corona- (und Influenza-) Viren bietet die GISAID-Datenbank (de.wikipedia.org/wiki/GISAID). Aus ihr wird ersichtlich, dass die mit griechischen Buchstaben bezeichneten Varianten keineswegs zeitlich aufeinanderfolgen, sondern an unterschiedlichen Orten parallel auftauchen. Omikron gibt es seit Anfang 2020, doch sein Siegeszug in Deutschland begann erst Ende 2021. Die Referenten stellten in der Diskussion fest, dass sich die Omikronvarianten an den humanen Wirt besonders gut anzupassen scheinen und sich folglich im Lauf der nächsten zehn Jahre analog zu Influenzaviren zu einem ständigen Begleiter der Menschheit entwickeln könnten.
Vor allem die für den Virusnachweis besonders wichtigen Spike-Proteine S1 und S2 der diversen Omikronvarianten sind im Vergleich zum Wuhan-Virus stark verändert: Bei der in Europa und den USA dominierenden BA.1-Linie findet man hier bis zu 37 Mutationen, bei der BA.2-Linie, die derzeit aus Indien auf die westliche Welt zurollt, sind es 31. In einer systematischen Analyse von RT-qPCR-Assays waren bei BA.1 25 %, bei BA.2 33 % Assays anfällig für falsch negative Befunde [3]. Die GISAID-Initiative erarbeitet derzeit universell einsetzbare Primerpaare für konservierte Bereiche des SARS-CoV-2-Genoms, die falsch negative Befunde zu vermeiden helfen sollen.
Kommerzielle Antigentests (Lateral-Flow-Schnelltests, Chemilumineszenz-Labortests) verwenden aus Sensitivitätsgründen in der Regel Antikörper gegen das Nucleocapsid-Protein, dessen Aminosäurezusammensetzung sich ebenfalls ändert (D614G, N510Y, R203M, D399N…). Es wurde beobachtet, dass sich dies bei der Omikron-Variante auf die – ohnehin im Vergleich zu PCR-Tests geringere – Sensitivität ungünstig auswirken kann [5]. Mangels systematischer Studien sind die Labore angehalten, die eingesetzten Tests selbst zu überprüfen.
Antikörpertests scheinen von den neuen Varianten weniger betroffen zu sein als Virusnachweise, doch ist dabei die Studienlage noch schlechter als bei den Antigentests. Aus rein theoretischen Überlegungen heraus kann man davon ausgehen, dass Assays mit polyklonalem Design relativ unempfindlich sind, weil hier eine Vielzahl unterschiedlicher Antikörper erfasst wird. Auch hier ist die Empfehlung, die im Labor eingesetzten Assays regelmäßig zu überprüfen.

Literatur:

Koslow M. Omicron’s feeble attack on the lungs could make it less dangerous. Nature 2022. DOI: 10.1038/d41586-022-00007-8.
Lippi G et al. Updated picture of SARS-CoV-2 variants and mutations. Diagnosis 2022. DOI: 10.1515/dx-2021-0149.
Sharma D et al. In silico evaluation of the impact of the omicron variant on the sensitivity of RT-qPCR assays for SARS-CoV-2 detection using whole genome sequencing. Research Square 2022.
Davi M. et al. Design and in silica validation of polymerase chain reaction primers to detect severe acute respiratory syndrome coronavirus 2. Nature Scientific Reports 2021/12565.
Beklitz M et al. Analytical sensitivity of seven SARS-CoV-2 antigen-detecting rapid tests for omicron variant. medRxiv 2021. DOI: 10.1101/2021.12.18.21268018.


Update 12.04.2022:

„Nach der dritten Immunisierung reagiert das Immunsystem immer weniger“:

Ungeimpft, geimpft, geboostert, genesen, doppelt genesen und ein Mix all dessen – die Vielfalt der Corona-Immunität ist derzeit enorm. Ein Immunologe erklärt, was das bedeutet – und warum auch eine Impfung Long Covid auslösen kann. Dreifach-Geimpften gibt er einen wichtigen Rat:
Corona tritt in den Hintergrund, der Peak der Omikron-Welle ist überschritten. Und manche Studien lassen die Hoffnung auf einen besseren Herbst und Winter 2022 aufkommen. Die Impfstoffe wirken bislang gut, und offenbar schützen Infektionen mit Omikron sogar vor anderen Virusvarianten. Der Immunologe Andreas Radbruch erklärt, warum es aber ein Missverständnis ist, dass eine Infektion genauso gut oder sogar besser ist als eine Impfung. Und warum Wissenschaftler im ständigen Boostern keine Lösung sehen.

WELT: Kürzlich kam eine Studie heraus, wonach jemand, der sich mit Omikron infiziert, nicht vor einer Infektion mit anderen Varianten geschützt ist. Die Kreuzimmunität ist nicht groß genug. Heißt das, eine Infektion schützt nicht so gut wie eine Impfung?

Andreas Radbruch: Immunologisch gesehen ist diese Studie Unfug. Hier wurden nur neutralisierende Antikörper im Blut untersucht, aber im Blut sind sie gar nicht so wichtig. Neutralisierende Antikörper brauchen wir auf den Schleimhäuten der Atemwege, um eine Infektion zu verhindern. Ob und wie lange sie dort vorkommen, wurde in der Studie nicht untersucht. Daten einer anderen Untersuchung legen aber nahe, dass nach der Impfung nur wenige Antikörper auf die Schleimhäute gebracht werden und sie auch nicht sehr lange dort bleiben. Im Blut schützen uns dagegen alle Antikörper gegen das Virus vor einem schweren Verlauf der Krankheit, ob sie jetzt neutralisieren oder das Virus nur verklumpen und für Fresszellen markieren. Und im Blut haben wir auch noch die anderen Immunzellen, die T-Lymphozyten und die natürlichen Killerzellen, die infizierte Zellen erkennen und abtöten, bevor das Virus sich darin richtig vermehren kann. Weder die anderen Antikörper noch die Immunzellen lassen sich von den Omikron-Mutationen so stark beeindrucken wie die neutralisierenden Antikörper. Deshalb sagt diese Studie, wie auch eine ganze Reihe anderer, ähnlicher Studien weder etwas aus über den Schutz vor Infektion, noch über den Schutz vor schwerer Krankheit.

WELT: Schützt eine Impfung denn vor Reinfektionen?

Radbruch: Dazu gibt es erste epidemiologische Daten. Sie zeigen, dass der Schutz vor Infektion, die Schleimhautimmunität, sowohl nach Impfung als auch nach Infektion recht rasch abnimmt, nach sechs Monaten nur noch rund 50 Prozent beträgt. Bei geimpften Genesenen bleibt er aber stabil, beträgt noch rund 90 Prozent nach einem Jahr. Am besten schützt also eine Kombination aus Impfung und Infektion vor einer erneuten Infektion.

WELT: Ungeimpft, geimpft, geboostert, genesen, doppelt genesen und ein Mix all dessen – die Vielfalt der Immunität gegen das Coronavirus ist derzeit enorm. Und mindestens genauso vielfältig sind die Fragen, die sich ergeben. Was wissen Immunologen über den Ablauf der Impfantwort – und über ihre Haltbarkeit?

Radbruch: Die eigentliche Immunreaktion nach einer Impfung oder nach einer Infektion dauert recht lange an. In den Lymphknoten und der Milz werden die Zellen des Immunsystems aktiviert, sie vermehren sich, reagieren gegen das Antigen, entwickeln sich zu Gedächtniszellen. Dafür benötigen sie Zeit. Im Fall des Coronavirus, und nebenbei gesagt auch vieler anderer Immunantworten, dauert das offenbar mindestens sechs Monate, vielleicht sogar noch länger, Menschen reagieren sehr unterschiedlich.

WELT: Es dauert mindestens sechs Monate, bis der maximale Schutz aufgebaut ist?

Radbruch: Ja, das ist für manche vielleicht überraschend. Aber die Vorgänge im Körper zum Aufbau eines wirksamen Immungedächtnisses sind ziemlich komplex, und auch frühestens dann abgeschlossen, wenn das Antigen beseitigt ist. Zu Beginn ist die Konzentration des Antigens – also des Virus oder des Impf-Antigens – sehr hoch. Alle Immunzellen, die das Antigen irgendwie erkennen, werden aktiviert. Anfangs passen die Antikörper noch nicht so gut, Hauptsache, sie binden überhaupt. Aber wenn das Antigen abnimmt, werden nur noch die Zellen aktiviert, die auch außerdem von wenig Antigen aktiviert werden. Wissenschaftlich sprechen wir von einer Affinitätsreifung. Die dauert ihre Zeit, ist aber sehr effektiv. Das Immunsystem arbeitet hier sehr nachhaltig: Mit zehnmal weniger Antikörpern wird eine bis zu 100-fach höhere Schutzwirkung erzielt als direkt nach der Impfung. Und diese sehr guten Antikörper werden in das immunologische Gedächtnis übernommen. Die Zellen, die sie machen, wandern ins Knochenmark und überleben dort jahrzehntelang. So schützt uns das Gedächtnis dauerhaft vor schwerer Erkrankung.

WELT: Wenn das Immunsystem sich so genau an den Impfstoff oder die eingedrungene Virusvariante anpasst, bedeutet das dann nicht, dass der Schutz bei einer neuen Virusvariante nicht mehr besteht?

Radbruch: Nein. Forschungsarbeiten aus den USA haben gezeigt, dass diese Immunität sehr breit ist. Die Antikörper erkennen nicht nur das Originalvirus, sondern auch viele Varianten, sogar solche, die es noch gar nicht gibt. Das kennen wir auch von anderen Immunantworten: Das immunologische Gedächtnis muss reifen!

WELT: Die vielen Impfdurchbrüche in Israel wurden damit in Zusammenhang gebracht, dass die Abstände zwischen den Impfungen zu kurz waren.

Radbruch: Das liegt wohl daran, dass durch eine Impfung, aber auch durch eine Infektion nur wenige neutralisierende Antikörper und auch die nur für relativ kurze Zeit auf die Schleimhäute der Atemwege gebracht werden.

WELT: Daten der amerikanischen Seuchenkontrollbehörde CDC haben gerade gezeigt, dass der Schutz vor einem schweren Verlauf leider auch nach einem Booster wieder etwas nachlässt. Bedeutet das, dass wir in einer ewigen Impfschleife gefangen sind?

Radbruch: Es wäre ja ein Ausweg, vielleicht kein wünschenswerter, aber immerhin, wenn wir durch ständiges Boostern immer wieder neu Antikörper auf die Schleimhäute der Atemwege bringen könnten. Aber das funktioniert leider nicht, denn nach der dritten Immunisierung reagiert das Immunsystem immer weniger, es werden weder neue Antikörper für das Blut noch auf den Schleimhäuten gebildet. Das immunologische Gedächtnis hat sich an den Impfstoff gewöhnt. Wir haben unser immunologisches Pulver verschossen. Hinzu kommt, dass die unangenehmen Nebenwirkungen durch die Reaktion des angeborenen Immunsystems wahrscheinlich zunehmen werden. Denn diese Zellen, die uns keinen langfristigen und spezifischen Immunschutz geben, werden durch ständiges Impfen trainiert. Ständiges Boostern ist keine Lösung.

WELT: Bei vielen Menschen ist der Booster bald vier Monate her. Was empfehlen sie diesen Menschen als Immunologe?

Radbruch: Das immunologische Gedächtnis ist nach bisherigen Daten nach drei Impfungen „gesättigt“. Schon nach zwei Impfungen haben wir eine gute Grundimmunität und einen langfristigen, mehr als 95-prozentigen Schutz vor schwerer Erkrankung gegen alle bisher vorkommenden Varianten. Das sieht man auch an der relativ niedrigen Häufigkeit schwerer Erkrankungen bei sehr hohen Inzidenzen.

WELT: Eine vierte Impfung bringt nichts mehr?

Radbruch: Ich glaube, die vierte Impfung bringt den meisten Menschen nur wenig.

WELT: Schadet sie?

Radbruch: Sie prägt das immunologische Gedächtnis so, dass es weniger flexibel auf neue Varianten reagieren wird, die die gegenwärtige Immunität umgehen. Für jüngere, gesunde Menschen ist eine vierte Impfung also nicht unbedingt empfehlenswert. Bei Älteren könnte es etwas anders aussehen, denn ihr Immunsystem reagiert manchmal mit Verzögerung, braucht eine Aufforderung mehr. Auf jeden Fall sollte man aber eher länger warten, mit der vierten Impfung.

WELT: Wenn ich aber jetzt in den Urlaub fliegen will – wäre eine Impfung dann nicht zwei, drei Wochen vorher sinnvoll – um auch eine Infektion zu unterbinden? Man kommt ja in Ferienklubs oder auf Kreuzfahrtschiffe nur mit negativem Schnelltest …

Radbruch: Noch einmal: Der kurzfristige Schutz vor Infektion durch Impfung, er beträgt nach sechs Monaten nur noch rund 50 Prozent, lässt sich nur dreimal abrufen, schon beim vierten Mal nicht mehr. Dann beträgt der Schutz vor Infektion nur noch rund zehn Prozent bei Moderna und 30 Prozent bei Biontech. Also: Nein, es ist keine gute Idee.

WELT: Es gibt Berichte dazu, dass Menschen nach einer Impfung Long-Covid-Symptome entwickeln. Sie sind nicht nur zwei, drei Tage schlapp, sondern wochenlang. Was ist da los?

Radbruch: Das wüssten wir auch gerne. Das Phänomen ist auch und vor allem von Virusinfektionen bekannt, aber nicht wirklich verstanden. Es gibt verschiedene Theorien. Eine schreibt das Phänomen dem Epstein-Barr-Virus zu, mit dem sich 95 Prozent der Menschen bereits im mittleren Alter infiziert haben. Die Viren werden erfolgreich vom Immunsystem bekämpft, es schafft es aber nicht, sie vollständig zu eliminieren. Sie überleben „schlafend“ in B-Lymphozyten, den Zellen, die Antikörper machen. Werden die B-Lymphozyten aktiviert, wird manchmal auch das Virus aktiviert. Solche Zellen werden normalerweise durch andere Immunzellen eliminiert, aber vielleicht eben nicht immer erfolgreich. Sie könnten dann Long-Covid-Symptome verursachen. Aber es gibt auch andere Theorien.

WELT: Im November hat der Immunologe William Murphy von der University of California in Davis im Fachjournal „New England Journal of Medicine“ die These aufgestellt, das Spike-Protein des Virus als auch das der Impfstoffe könne die Ursache für die Long-Covid-Symptome sein. Er vermutet, es könne Ausdruck einer Art Auto-Immunisierung sein. Was steckt dahinter?

Radbruch: Das ist einer der alternativen Erklärungsversuche. Aber Long-Covid-ähnliche Symptome gibt es auch bei anderen Infektionskrankheiten. Zurzeit wissen wir es einfach nicht genau.

WELT: Müssen Menschen mit unterdrücktem oder weniger gut funktionierendem Immunsystem bei Impfungen vorsichtiger sein als andere?

Radbruch: Es kann vorkommen, dass durch die Impfung Schübe bestehender Erkrankungen ausgelöst werden. Das kann etwa bei rheumatoider Arthritis passieren, bei Lupus und bei Multipler Sklerose. Wichtig ist aber zu betonen, dass die Impfung diese Erkrankungen nicht entstehen lässt und dass man diese Schübe normalerweise gut behandeln kann. Menschen mit einem Immunsystem, das nicht gut reagieren kann, sollten unbedingt „passiv“ geschützt werden, also zum Beispiel durch die verfügbaren therapeutischen Antikörper. Eine solche passive Immunisierung, übrigens ähnlich der von Emil von Behring vor mehr als 100 Jahren entwickelten Tetanusimpfung, schützt eine gewisse Zeit ganz gut.

Ein dritter Fall, sind die Menschen, meist ältere, die Autoantikörper gegen Interferone haben. Man geht davon aus, dass das etwa vier Prozent der über 70-Jährigen betrifft. Sie können keine gute Immunantwort gegen das Virus machen, landen überdurchschnittlich oft auf den Intensivstationen, weil bei der Reaktion gegen das Virus die Interferone eine wichtige Rolle spielen. Diese Menschen reagieren allerdings sehr gut auf die Impfstoffe, sie sollten sich unbedingt impfen lassen.

WELT: Was halten Sie davon, sich nach drei Boostern mit Omikron zu infizieren, um den Schutz noch weiter zu erhöhen?

Radbruch: Der Schutz gegen schwere Erkrankung ist nach drei Impfungen beachtlich, mehr als 95 Prozent, aber eben nicht absolut. Es kommt 20-mal seltener zu schweren Verläufen. Statt früher 100 Menschen landen also nur fünf auf der Intensivstation. Will man das Risiko eingehen dazuzugehören? Sich absichtlich zu infizieren ist aus meiner persönlichen Sicht deshalb keine gute Idee. Das Virus hat ja auch die unangenehme Eigenschaft, dass es versucht, unser Immunsystem auszutricksen, dabei Botenstoffe freisetzt, die eine ganze Reihe von Nebenwirkungen auslösen können, beispielsweise Thrombosen, Fibrosen, auch Long Covid.

WELT: Der Immunschutz in den Schleimhäuten wird durch eine Impfung, aber auch durch eine Infektion nicht dauerhaft aufgebaut, werden wir uns also immer und immer wieder infizieren können? Und falls ja – was bedeutet das dann für den weiteren Umgang mit der Pandemie?

Radbruch: Nach gegenwärtigem Stand der Forschung ist unklar, ob und wenn ja, wie wir eine stabile Immunität auf die Schleimhäute der Atemwege bringen können. Nach neuesten Ergebnissen könnte eine solche Immunität durch die Kombination von Infektion und Impfung entstehen, aber wie stabil sie wirklich ist, bisher gezeigt sind 90 Prozent nach einem Jahr, werden wir sehen. Unklar, ob es auch durch die Kombination von bisherigen Impfstoffen mit neuen Impfstoffen möglich wäre, die über die Schleimhäute appliziert werden, also uns so wie das Virus treffen. Aber auch, wenn wir auf Dauer keine sterile Immunität erreichen und uns immer mal wieder infizieren, den Schutz vor schwerer Erkrankung sollten wir auf Dauer haben.

WELT: Sie sind kein Epidemiologe – dennoch die Frage: Werden uns die enorm hohen Infektionszahlen derzeit im Herbst helfen?

Radbruch: Als Immunologe würde ich sagen, dass wir zurzeit in der glücklichen Lage sind, uns diese hohen Inzidenzen leisten zu können, dank des enormen Schutzes vor schweren Erkrankungen durch die neuen Impfstoffe. So werden die Geimpften durch die Infektionen noch zusätzlich immunisiert, sie entwickeln auch ein Gedächtnis gegen andere Komponenten des Virus als nur das Spike-Protein. Das wird uns sicherlich bei zukünftigen Virusvarianten helfen, das Virus variiert ja nicht alle seine Komponenten gleichzeitig. Die Immunität der Bevölkerung wird wesentlich gestärkt.

Zur Person:
Professor Andreas Radbruch ist Immunologe und Wissenschaftler, Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums in Berlin. Zudem ist er Professor für Experimentelle Rheumatologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin – Quelle: Welt


Update 28. März 2022: IMMUNSYSTEM.

Warum das Immunsystem bei Risikogruppen so schlecht gegen das Coronavirus ankommt!

Risikogruppen bilden zur Abwehr von SARS-CoV-2-Viren zwar besonders häufig T-Helferzellen, diese sind aber in ihrer Funktion eingeschränkt. Das haben Forscher der Berliner Charité herausgefunden.

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Ältere Menschen und Personen mit Grunderkrankungen haben ein besonders hohes Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken. Was einer der Gründe dafür sein könnte, hat jetzt eine Forschungsgruppe der Charité – Universitätsmedizin Berlin herausgefunden: Bei Risikogruppen werden wichtige Zellen des Immunsystems, die T-Helferzellen, zwar besonders häufig gebildet, sie sind aber in ihrer Funktion eingeschränkt. Diese „Immunbremse“ zu lösen, könnte ein Therapieansatz beispielsweise bei schweren COVID-19-Verläufen sein (siehe Journal of Clinical Investigation, Online-Veröffentlichung am 24.8.2020).

Schon früh nach dem ersten Auftreten von COVID-19 wurde flächendeckend dieselbe Beobachtung gemacht: Die Erkrankung verläuft häufig besonders schwer bei älteren Personen und bei Menschen mit Grunderkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Wahrscheinlich gibt es eine Reihe medizinischer Gründe dafür, dass der Körper im Alter oder bei bestehenden gesundheitlichen Einschränkungen schlechter mit einer SARS-CoV-2-Infektion fertig wird. Ein wichtiger Faktor, so wurde vermutet, könnte das ebenfalls alternde Immunsystem sein. Ein interdisziplinäres Team der Charité hat jetzt Erkenntnisse gesammelt, die diese Vermutung unterstützen.

Für ihre Studie untersuchte die Forschungsgruppe das Blut von 39 Patientinnen und Patienten, die mit SARS-CoV-2-Infektion in die Charité aufgenommen worden waren. Aus deren Blutproben gewannen die Forschenden Immunzellen, die sie mit kleinen, künstlich hergestellten Bruchstücken des SARS-CoV-2-Erregers stimulierten. Anschließend machten sie die T-Helferzellen, die auf die Virus-Bruchstücke reagierten, mithilfe von spezifischen Farbstoffen sichtbar und bestimmten ihre Anzahl. Schließlich überprüfte das Forschungsteam, ob es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der aktivierten T-Helferzellen und den Risikofaktoren der Patienten gab.

Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler belegen konnten, wiesen die COVID-19-Betroffenen umso mehr Virus-spezifische T-Helferzellen in ihrem Blut auf, je älter sie waren. Derselbe Zusammenhang fand sich auch für den sogenannten Komorbiditätsindex – eine Maßzahl für die Schwere von 19 verschiedenen Grunderkrankungen: Je höher der Komorbiditätsindex lag, desto mehr SARS-CoV-2-spezifische T-Helferzellen zirkulierten im Blut der Patientinnen und Patienten. Wie das Team jedoch beobachtete, produzierten mit fortschreitendem Alter der Betroffenen und Gesamtlast ihrer Grunderkrankungen immer weniger dieser Zellen den Botenstoff Interferon gamma (IFN?). Diesen Botenstoff geben die Zellen normalerweise ab, wenn sie ein Virus erkannt haben, um andere Komponenten der Immunabwehr gegen den Erreger zu stimulieren. „Die übermäßig vielen gegen das neue Coronavirus gerichteten T-Helferzellen, die wir im Blut von COVID-19-Betroffenen mit Risikofaktoren gefunden haben, sind also teilweise nicht mehr richtig funktionstüchtig“, erklärt Dr. Arne Sattler, leitender Erstautor der Studie von der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie der Charité. „Die T-Helferzellen werden bei Menschen mit Risikofaktoren also gewissermaßen ausgebremst. Wir gehen davon aus, dass das hinderlich für eine effiziente Bekämpfung des Erregers sein könnte“, resümiert der Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Translationale Immunologie.

Eine bekannte molekulare „Bremse“ des Immunsystems ist das Protein PD-1. Es sorgt auf der Oberfläche von T-Zellen normalerweise dafür, dass eine Immunantwort nicht überschießt und sich beispielsweise gegen den eigenen Körper richtet. Tatsächlich konnte die Charité-Forschungsgruppe nachweisen, dass die Virus-spezifischen T-Helferzellen während einer akuten SARS-CoV-2-Infektion deutlich mehr PD-1 bilden als nach einer Infektion mit vergleichsweise milden Symptomen. „Zusammen mit Beobachtungen anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen unsere Daten darauf hin, dass PD-1 mitverantwortlich dafür sein könnte, dass das Immunsystem bei einigen COVID-19-Betroffenen zu wenig Botenstoffe zur Erregerabwehr ausschüttet“, erläutert Dr. Sattler. „Möglicherweise könnten COVID-19-Patientinnen und -Patienten von Therapien profitieren, die darauf abzielen, eine solche ‚Immunbremse‘ wieder zu lösen. Um das zu klären, sind aber noch zahlreiche Studien nötig.“ Quelle: Charité – Universitätsmedizin Berlin – Foto: Helferzellen_Gutwasser_Charité – ein Video dazu!


Update 23. März 2022: IMMUNSYSTEM.

Warum sich manche Menschen nicht mit Corona anstecken!

Es kommt vor, dass Corona in einer Familie grassiert und alle erkranken – nur einer nicht. Immunologen testen, ob manche Menschen tatsächlich von Natur aus immun sind. Oder ob dahinter eine Kreuzimmunität steckt. Es passiert immer wieder: Das Coronavirus wird in eine Familie eingeschleppt, es steckt alle an – bis auf die Mutter. Obwohl sie sogar eng mit den infizierten Kindern kuschelt. Ein Phänomen, das auch Immunologen überrascht.

Manche Menschen scheinen tatsächlich ohne Impfschutz in der Lage zu sein, dem Virus zu trotzen. „Warum einige ungeimpfte Menschen besser vor Sars-CoV-2 und seinen Varianten geschützt sein könnten, ist nicht einfach zu beantworten. Es gibt bislang eigentlich nur Hypothesen zu dieser Fragestellung“, sagt Carsten Watzl, Professor für Immunologie und Leiter des Forschungsbereichs Immunologie im Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. „Wir müssen auch klar unterscheiden zwischen anstecken oder nicht anstecken, und erkranken oder nicht erkranken.“ So habe sich die erwähnte Mutter möglicherweise zwar infiziert, aber ihr Immunsystem hat stark reagiert, dass das Coronavirus so schnell eliminiert wurde und deshalb keine Symptome auftraten.

Eine wichtige Rolle zur Klärung dieser Frage ist, wie viel Virusmenge eigentlich nötig ist, um einen Menschen zu infizieren. Eine Antwort erbrachte kürzlich die Human Challenge Study. Wissenschaftler des Imperial College in London hatten junge gesunde Freiwillige bewusst mit dem Coronavirus infiziert, um herauszufinden, bei welcher Dosis sich die Hälfte der 34 Teilnehmer ansteckten, die weder geimpft noch genesen waren. Dafür sah der Studienplan vor, die Virusdosis langsam zu steigern. Der Versuch war schnell beendet: Bereits bei der kleinsten Dosis hatte sich die Hälfte der Teilnehmer infiziert. Die Überraschung war groß. Das Virus ist sehr ansteckend, und zwar bei fast allen Menschen.

Die genetische Komponente der Schutzblase.

Aber warum infizieren sich dennoch nicht alle? Experten vermuten, dass mehrere Faktoren dafür ursächlich sind. So spielt möglicherweise das Alter eine kleine Rolle. Aber auch das Erbgut des einzelnen Menschen führen Wissenschaftler zur Erklärung an. „Die Genetik rund um den ACE-2-Rezeptor könnte wichtig sein“, sagt Watzl. An diesen ACE-2-Rezeptor dockt Sars-CoV-2 mit seinem Spike-Protein an, um sein genetisches Material in die Zelle einzuschleusen und sich zahlreich zu vermehren. „Da die Menschen genetisch nicht gleich sind, können minimale Variationen bei Höhe, Breite, Tiefe oder Ähnlichem beim Gen für den ACE-2-Rezeptor auftreten. Und die können zur Folge haben, dass das Spike-Protein bei Herrn X besser auf den ACE-2-Rezeptor passt als bei Frau Y. Das hat zur Folge, dass Herr X sich leichter ansteckt als Frau Y.“

So eine von den Genen gesteuerte Immunität ist bereits von anderen Viren bekannt. Etwa einem Prozent der Bevölkerung fehlt der Rezeptor, an den das Aids-Virus andockt. Deshalb sind sie vor einer Infektion geschützt. Doch für das Coronavirus trifft dies nicht zu. „Der ACE-2-Rezeptor hat sonst bedeutungsvolle Funktionen, und die Betroffenen wären sehr krank, wenn er fehlen würde“, sagt Carsten Watzl. „Es ist aber auch möglich, dass jemand genetisch oder hormonell bedingt mehr ACE-2-Rezeptoren auf seinen Zellen ausbildet als normal. Männer haben beispielsweise mehr ACE-2-Rezeptoren als Frauen. Das Virus hat dann größere Chancen, in die Zelle zu gelangen.“

Schützt ein vorheriger Schnupfen?

Im Hinblick auf „Anstecken oder nicht“ geht es auch um sogenannte kreuzreaktive Antikörper. Antikörper sind Teil der ersten schnellen Abwehr des angeborenen Immunsystems. „Es gibt Studien zur Existenz und dem Schutzeffekt kreuzreaktiver Antikörper, die aber zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen“, so Carsten Watzl. Er dämpft aber die Hoffnung, dass frühere Infektionen mit einem der vier saisonal auftretenden Corona-Erkältungsviren zu einem Schutz vor Sars-CoV-2 führen. „Sie haben dadurch eigentlich keine Antikörper gebildet, die sie vor der Infektion mit Sars-CoV-2 schützen könnten. Es gibt jedoch Menschen, die bei einer früheren Infektion mit Sars-CoV-1 Antikörper gebildet haben, die Teile des Spike-Proteins von Sars-CoV-2 neutralisieren können.“

Anders sieht es aus, wenn es um kreuzreaktive T-Zellen geht. T-Zellen sind Teil des erworbenen Immunsystems, welches erst aktiviert wird, wenn bereits erste Zellen virusinfiziert sind. Sie schützen zwar nicht vor einer Infektion, aber vor einer Erkrankung. „Es gibt T-Zellen, die wahrscheinlich Relikte früherer Infektionen mit Coronaviren sind. Sie sind imstande, ein Sars-CoV-2 oder Bruchstücke davon zu sehen“, sagt Watzl. „Der Prozentsatz der Leute, die kreuzreaktive T-Zellen haben, variiert von Studie zu Studie zwischen 30 und 40 Prozent.“ Die Virologin Alexandra Trkola von der Universität Zürich hatte in einer Studie Ende 2021 zeigen können, dass Menschen, die eine Immunität gegen harmlose Coronaviren haben, besser vor schweren Verläufen von Covid-19 geschützt sind als die Anderen. Die T-Zellen früherer Infektionen sorgen dafür, dass das erworbene Immunsystem schneller auf Sars-CoV-2 reagiert.

Aber einen vollkommenen Schutz bieten diese Zelle nicht. „Sie dominieren die Immunreaktion, passen aber eigentlich nicht ganz ideal auf das ‚aktuelle’ Spike-Protein, weshalb die Immunreaktion suboptimal ist“, gibt Watzl zu bedenken. Ob das insgesamt einen besseren Schutz vor Erkrankung zur Folge hat, sei fraglich.

Frühes Abwehrsystem der Interferone.

Interferone (IFNs) sind körpereigene Proteine bzw. Zytokine, die von einer Vielzahl von Zellen bei der Entzündungsreaktion auf Infektionen produziert werden. Interferone spielen eine wichtige Rolle bei der angeborenen Immunantwort auf Virusinfektionen. Zu Beginn einer Corona-Infektion ist eine kräftige Reaktion des angeborenen Immunsystems besonders wichtig, um das Virus effektiv zu bekämpfen. Ist das Virus in Zellen eingedrungen, wird eine Art Warnsystem aktiv. Es handelt sich um Interferone, wichtige antivirale Botenstoffe. „Wenn Zellen erkennen, dass das Virus in sie hineingelangt ist, produzieren sie Interferon. Sie alarmieren damit benachbarte Zellen, die daraufhin in einen Lockdown gehen. Lockdown heißt: Sie hören auf, Proteine herzustellen, hacken sämtliche RNA in der Zelle klein, um sicher zu sein, dass keine Virus-RNA übrigbleibt“, beschreibt Watzl die Reaktionen auf zellulärer Ebene. „Sollten dann doch Viren in diese vorgewarnten Zellen eindringen, können sie sich in ihnen nicht mehr vermehren.“

Frauen haben übrigens während ihrer fruchtbaren Jahre ein besseres Interferonsystem als Männer. Und bei Kindern ist das Interferonsystem stärker als bei Erwachsenen. „Deshalb wird diskutiert, ob das der Grund dafür ist, dass Kinder weniger schwer erkranken als Erwachsene.“ Infizieren die Viren die Zellen, wird auch das erworbene Immunsystem aktiviert. Bis es einsatzfähig ist, vergehen ein paar Tage. Ist jemand geimpft, geht es schneller, weil bereits Gedächtniszellen für T- und B-Zellen vorhanden sind. Dann müssen die T-Zellen und Antikörper nur noch gebildet werden. Bei einer Erstbegegnung mit einem Virus muss das erworbene Immunsystem erst einmal erfahren, um welchen Eindringling es sich handelt und welche T-Zellen zu dem Virusbruchstück passen und vermehrt werden müssen.

Deshalb präsentieren ihm bestimmte Immunzellen charakteristische Bruchstücke des Virus auf ihrer Oberfläche, quasi wie Kuchenbrösel auf einem Silbertablett. Nur dass das Silbertablett spezielle körpereigene Moleküle (MHC-Moleküle) sind, die wie Miniatur-Heugabeln aussehen. In jede dieser Heugabeln wird ein Virusbruchstück eingebaut und im nächstgelegenen Lymphknoten den dort wartenden T- und B-Zellen gezeigt. Die zu den Virusbruchstücken passenden Immunzellen werden vervielfältigt und in den Kampf gegen Sars-CoV-2 geschickt. Hier können erneut genetische Faktoren eine Rolle bei der Frage spielen, wie schnell das erworbene Immunsystem aktiv wird.

Insbesondere bei den „Heugabeln“ gibt es genetisch bedingt Variationen, sodass Frau X andere Virusbruchstücke präsentiert als Herr Y, was die Qualität der Immunantwort und damit das Erkrankungsrisiko beeinflusst. „Schon kleinste genetische Unterschiede in den Genen für die präsentierenden MHC-Moleküle können die Immunantwort verändern“, sagt Watzl. Gut, dass man sich nicht nur auf die eigene Schutzblase verlassen muss und es eine Impfung gibt. Sie mag zwar keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 bedeuten, aber sie führt dazu, dass passende T-Zellen schneller verfügbar sind.


Ein Naturstoff wird zur Jahrhundertmedizin.

FAZ von Barbara HobomAktualisiert am

Eine wichtige Rolle im Immunsystem spielen sogenannte Interferone, besondere Eiweiße. Sie sorgen dafür, dass Viren schnell abgewehrt werden können. Doch die Erreger von Grippe, Sars, Tollwut und Co. finden immer neue Wege, die Wirkung der Immunsubstanz zu sabotieren. Alle vielzelligen Lebewesen besitzen die angeborene Fähigkeit, Krankheitserreger abzuwehren. Bei den Säugetieren und dem Menschen ist das angeborene Immunsystem besonders vielschichtig ausgebaut und entsprechend wirkungsvoll. Dass die Menschen dennoch in großer Zahl von Erkältungskrankheiten, Darminfektionen, die Grippe und vielen anderen Infektionen heimgesucht werden, hängt mit der Raffiniertheit der Krankheitserreger zusammen. Sie haben ihrerseits Tricks entwickelt, um den Abwehrstrategien ihres Wirts zu entgehen. So findet bis heute ein nie endender Wettlauf zwischen Erreger und Wirt statt.

Im Mittelpunkt der angeborenen Immunabwehr gegen Viren steht beim Menschen und bei den Säugetieren ein lösliches zelluläres Protein, das man wegen seiner mit dem Erreger interferierenden Wirkung als Interferon bezeichnet. Es kommt in vielen Varianten mit jeweils unterschiedlichen Spezialitäten vor. Interferone arbeiten an der vordersten Front der Infektabwehr, weil sie von fast allen Zellen des Körpers gebildet werden können. Außerdem stehen sie in wenigen Stunden zur Abwehr bereit, viel schneller als etwa die viel spezifischer wirkenden Antikörper.

Entdeckt wurde das Interferon vor 50 Jahren von Alick Isaacs vom britischen National Institute for Medical Research in London und seinem Schweizer Mitarbeiter Jean Lindemann. Die Erforschung und therapeutische Nutzung des Interferons stand im Mittelpunkt des dritten Europäischen Virologen-Kongresses, der in der vergangenen Woche in Nürnberg stattfand. Isaacs und Lindemann hatten beobachtet, dass von Influenzaviren befallene Zellen einen Stoff absondern, der benachbarte, nichtinfizierte Zellen in die Lage versetzt, den Erreger abzuwehren. Zu einer Zeit, als es praktisch noch keine Medikamente gegen Viruserkrankungen gab, setzten viele Forscher sogleich große Hoffnungen in dieses vielversprechende antivirale Zellhormon. Charles Weissmann von der Universität Zürich hat das Interferon-Gen des Menschen 1980 in Bakterienkulturen vermehrt. Schon bald wurde Interferon als Arzneimittel gentechnisch hergestellt und war nach dem Hormon Insulin das zweite rekombinante Medikament überhaupt. Als besonders erfolgreich erwiesen sich Interferone zur Behandlung primär von virusbedingten chronischen Leberentzündungen, der Hepatitis B und der Hepatitis C.

Überraschenden Strategien der Viren.

Mit einer modernen Kombinationstherapie mit modifiziertem Interferon und dem Medikament Ribavirin können heute viele Patienten von einer chronischen Hepatitis-C-Infektion geheilt werden, hob Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover auf der Tagung hervor. Es ist dies das erste Beispiel, dass man vermeintlich dauerhaft eingenistete Viren vollständig aus dem Organismus vertreiben kann. Interferone nutzt man außerdem zur Behandlung mancher Krebserkrankungen, Leukämien etwa oder schwarzer Hautkrebs. Auch bei der Behandlung der Multiplen Sklerose hat man damit Fortschritte erzielt. Wie sich auf dem von Bernhard Fleckenstein von der Universität Erlangen-Nürnberg und Otto Haller von der Universität Freiburg organisierten Kongress zeigte, haben die Forscher den Wirkmechanismus der Interferone in den vergangenen Jahren in vielen Einzelheiten erhellt. Spannend sind ihre Einblicke in die vielfältigen und oft überraschenden Strategien, mit denen sich die Viren der Interferon-Wirkung zu entziehen versuchen.

Gut bekannte Kommunikationswege.

Wenn ein Virus eine Zelle befällt, setzt es eine ganze Kaskade von Reaktionen in Gang, die schließlich in der Abwehr des Virus münden. Eines dieser Gefahrensignale sind vom Virus in der Zelle gebildete doppelsträngige Ribonukleinsäure-Moleküle, die fremd erscheinen, weil sie in dieser Form nicht zum Repertoire der Zelle gehören. Sie werden von bestimmten Proteinen im Zellplasma abgefangen, woraufhin diese verschiedene Informationsvermittler (wie den Faktor IRF-3) zum Handeln antreiben. Im Doppelpack wandert der Vermittler vom Zytoplasma in den Zellkern hinein und nimmt dort Verbindung zu genregulatorischen Proteinen auf, die daraufhin ein Interferon-Gen aktivieren, so dass Interferon in der Zelle gebildet wird.

Die Interferon-Moleküle werden aus der Zelle geschleust und geben über geeignete Andockstellen – Interferon-Rezeptoren – auf benachbarten Zellen die Information weiter, dass Viren das Gewebe bedrohen. Diese Information wird im Zellinneren über bereits gut bekannte Kommunikationswege („Jak/Stat-Kaskade“) bis in den Zellkern weitergetragen, wo letztendlich mehr als dreihundert verschiedene Gene für die Abwehr aktiviert werden können. Zu deren Produkten zählen drei Enzyme, darunter das Mx-Protein, das seit vielen Jahren von der Arbeitsgruppe um Haller in Freiburg untersucht wird.

Tricks von Sars, Tollwut und Influenza.

Das Mx-Protein ist deshalb so interessant, weil es bei der Abwehr der Influenzaviren und vieler anderer gefährlicher Viren eine zentrale Rolle spielt. Es bindet an wichtige Virusbestandteile und stört dadurch die Vermehrung des Erregers. Dagegen sterben bestimmte Mäusestämme, die natürlicherweise Influenzaviren widerstehen, in kurzer Zeit, wenn man ihr Mx-Gen zerstört. Wie das Zelleiweiß seine Schutzfunktion im Detail zustande bringt, ist noch ein Geheimnis.

Praktisch alle Viren haben im Verlauf der Evolution Tricks entwickelt, um der Wirkung des Interferons zu entgehen. In Nürnberg wurden zahlreiche Strategien vorgestellt, wie die Erreger jeweils unterschiedliche Etappen der Interferon-Wirkung blockieren. So stören zum Beispiel Influenzaviren den Informationsfluss in der Zelle bereits am Anfang der Signalkaskade. Der Erreger der Tollwut verhindert die Aktivierung des zentralen Informationsvermittlers IRF-3, das Schweinefiebervirus hingegen erzwingt die Demontage dieser Relaisstation. Papillomaviren lagern eigene Proteine an den Informationsvermittler an und lähmen ihn. Der Sars-Erreger verhindert, dass Interferon die Zelle verlassen kann, so dass keine Nachbarzellen zur Abwehr animiert werden können. Besonders raffiniert ist auch der Verursacher des als Kaposi-Sarkom bezeichneten Hautkrebses, das Herpesvirus 8. Es täuscht die Zelle mit einer eigenen Variante des Informationsvermittlers IRF-3 und bringt mit dieser Konkurrenz den Signalfluss ins Stocken.

Manches noch so rätselhaft wie vor fünfzig Jahren.

Die großen Pockenviren haben der Zelle sogar Gene für Interferon-Rezeptoren geraubt und nutzen diese, um Interferon-Moleküle abzufangen und damit unwirksam zu machen. Das Hepatitis-C-Virus und der Aidserreger HIV schließlich bilden kleine Ribonukleinsäure-Moleküle, die ebenfalls Vermittler für die Bildung antiviraler Stoffe behindern. Das Cytomegalievirus und andere Herpesviren zerstören architektonische Strukturen im Zellkern, was ebenfalls die Bildung antiviraler Stoffe behindert. Es gibt wohl keine Etappe in dem durch Interferone ausgelösten Informationsfluss in der Zelle, die nicht durch ein Virus gestört werden könnte. Die meisten Viren nutzen eine Kombination mehrerer Strategien, um sich gegen die Abwehr der Zellen durchzusetzen. Dies dürfte, wie Richard Randall von der University of St. Andrews in Schottland zusammenfasste, ein wichtiger Grund dafür sein, dass Viren bei der Infektion des Menschen oft so erfolgreich sind. Doch trotz all der detaillierten Einblicke, die man nun in den Wirkmechanismus der Interferone und in die Gegenwehr der Viren gewonnen hat, bleiben, wie Jean Lindemann in Nürnberg anmerkte, manche Interaktionen bei Virusinfektionen auch heute noch so rätselhaft wie vor fünfzig Jahren.


Update 1. März 2022:

Bauen sich mRNA-Impfstoffe in die Zellen ein? – Von Pia Heinemann WELT.

Impfskeptiker befürchten, dass die Vakzine von Biontech und Moderna sich in das Erbgut der Zellen einbauen können. Das, so die Sorge, könnte dann zu Krebs führen. Eine neue Studie wird als Beleg für diese These herangezogen. Eine Studie sorgt derzeit in den sozialen Medien für viel Wirbel. Sie bestätige, so schreiben es die User, „schlimmste Befürchtungen“. Mit dieser Studie sei der Beweis erbracht, dass „das mRNA-Gen-Material der Impfstoffe“ in das menschliche Genom eingebaut werde.

Dahinter steckt eine Befürchtung, die viele Impfskeptiker umtreibt: Denn falls es so wäre, dass sich die Erbinformation der Impfstoffe einbaut, so könnte – wie es von einzelnen anderen Viren bereits beschrieben ist – die Krebsgefahr nach einer Impfung erhöht werden. Doch diese Ängste belegt die als Beleg herangezogene Studie nicht.

Die Wissenschaftler um Markus Aldén und Yang De Marinis von der schwedischen Universität Lund haben ihr Paper im Fachjournal „Current Issues in Molekular Biology“ veröffentlicht. Sie haben darin Zelllinien verwendet, die ursprünglich aus Leberkrebs gewonnen wurden, die sich unbegrenzt teilen können. Sie sind somit praktisch unsterblich. Diese sogenannten Huh7-Zellen unterscheiden sich von normalen Körperzellen auch dadurch, dass sie anstelle von 23 Chromosomen eine sehr variable Anzahl von um die 60 haben. Der Mikrobiologe Emanuel Wyler vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin verweist deshalb auch darauf, dass diese Zellen nicht repräsentativ für normale Körperzellen sind, und belegt es mit einer Studie aus dem Mai 2018 im Fachjournal „Human Cell“. Die Zellen sind gut für die Grundlagenforschung geeignet, Erkenntnisse lassen sich aber nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen.

Sehr artifizielle Zellexperimente.

Doch, zurück zum Forschungspapier der schwedischen Wissenschaftler. Sie haben mRNA auf diese Huh7-Zellen gegeben, die in den Impfstoffen von Moderna und Biontech verwendet werden. Die Konzentration war mit 1 bis 4 Mikrogramm pro einige Zehntausend bis Hunterttausend Zellen sehr hoch. Das entspricht ungefähr dem Volumen eines Kubikmillimeter – ist also eine gewaltige Menge im Vergleich mit den 30 Mikrogramm, die einem Menschen in den Oberarmmuskel injiziert werden. Im nächsten Schritt haben die Wissenschaftler zeigen können, dass sogenannte LINE1-Elemente (L1) in den Zellen aktiviert wurde. Diese Moleküle, sogenannte Retrotransponsons, sind im Erbgut herumhüpfende kleine Gensequenzen, die etwa 17 Prozent unserer DNA ausmachen. Sie sorgen letztlich dafür, dass die mRNA des Impfstoffs in DNA umgeschrieben werden kann. In ihren Experimenten konnten die Wissenschaftler zeigen, dass L1 da war und dass auch DNA in den Zellen vorhanden war, die dieselben Sequenzen wie die Impfstoff-RNA enthielt. Ein klarer Beweis der These, dass der Impfstoff in die Zell-DNA eingeschrieben wird?

Eher nicht. Denn die DNA-Mengen waren sehr gering. Zudem waren die Ergebnisse dieser Versuche nicht konsistent: Bei den niedrigeren und den höchsten mRNA-Konzentrationen, die auf die Zellen gegeben wurden, fanden die Forscher die höchsten DNA-Mengen. Bei mittleren Konzentrationen die wenigsten. Biologisch erwartbar wäre eher gewesen, dass es mit steigenden RNA-Konzentrationen zu steigenden DNA-Konzentrationen kommt. Zudem wurde nicht nachgewiesen, dass die gefundenen DNA-Fragmente tatsächlich in der Zell-DNA eingebaut gewesen waren.

„Es wurde in der Studie gezeigt, dass L1-Elemente aktiviert wurden, und es wurde DNA in winzigen Mengen nachgewiesen“, sagt Wyler, der auch den Blog „Coronainfo“ beim MDC betreibt. „Es wurde aber nicht gezeigt, dass diese DNA auch in das Erbgut der Zellen eingebaut wurde.“ Kurz gesagt: Die mRNA kann möglicherweise in DNA umgeschrieben werden – aber ob sie dann auch ins Erbgut der Zellen integriert wird, das bleibt unklar.

Um das zu überprüfen, müsste man Experimente durchführen, wie sie Wissenschaftler um den deutschstämmigen Genetiker Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology im Journal „PNAS“ im Mai 2021 publiziert haben. Sie hatten untersucht, ob sich Sars-CoV-2 in das Erbgut des Menschen einbauen kann. Auch hier waren die L1-Elemente aktiviert worden. Zudem hatte das Team um Jaenisch in Proben von Covid-Patienten untersucht, ob es darin Fragmente gibt, die sowohl Virus- als auch Zellgenom enthalten – also ein Beleg für den Einbau des Virus ins Genom sind. Einen solchen Nachweis, dass Virusgenom in Zell-DNA eingebaut wurde, haben die Wissenschaftler aus Schweden allerdings nicht unternommen.

Die Studie kann das also weder be- noch widerlegen!

„Rudolf Jaenisch hat in seiner aufwendigen Arbeit gezeigt, dass das Virus tatsächlich Mechanismen in Gang setzen kann, die möglicherweise einen Einbau viraler Gene in das menschliche Erbgut ermöglichen“, sagt Reinhold Förster, Immunologe an der Medizinischen Hochschule Hannover und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Dass das Coronavirus dazu in der Lage ist, wird beispielsweise auch als Erklärung dafür herangezogen, dass manche Menschen nach einer Infektion über sehr lange Zeiträume hinweg PCR-positiv sind. Das Virus ist dann möglicherweise gar nicht mehr vorhanden – und die Nachweismethode findet nur ehemalige Virengene, die in die DNA des Patienten integriert wurden.

„Dass Viren dazu in der Lage sind, ist nicht neu“, erklärt Förster. „Man hat das beispielsweise für das Lymphozytäre-Choriomeningitis-Virus nachgewiesen, welches Hirnhautentzündung auslösen kann.“ Auch das Humane Herpesvirus 6, daß das Drei-Tage-Fieber bei Kleinkindern auslöst, ist dazu in der Lage. Die überwiegende Mehrheit der Menschen trägt es in Erbgut. Dass aber auch die mRNA-Impfstoffe dazu in der Lage sind, ist auch mit dieser Studie nicht nachgewiesen. „Theoretisch denkbar ist es“, sagt Molekularbiologe Wyler. „Die Experimente zeigen aber eher, dass auch in einem artifiziellen System, wo man richtig Druck macht, nur wenig geschieht. Das spricht eher dagegen.“

Was aber, wenn es doch geschehen würde, wenn sich also die mRNA der Impfstoffe in die DNA der Körperzellen integrieren könnte?

„Die Frage ist wichtig, und es ist gut, wenn daran geforscht wird“, sagt Immunologe Förster. „Hierfür stehen viele experimentelle Ansätze zur Verfügung. Die in der schwedischen Studie durchgeführten Versuche sind hierfür nicht geeignet, die Autoren behaupten dies aber auch gar nicht.“ Zudem, so betont Emanuel Wyler, würde dann wohl nicht die ganze Spike-Information eingebaut – in der schwedischen Studie wurden auch nur ein kleiner Teil der gesamten Information der RNA nachgewiesen. „Sollte es aber doch dazu kommen, dass die komplette Information des mRNA-Impfstoffs in eine Zelle integriert würde und danach dann von dieser Zelle Spike-Proteine produziert würden, so würde diese Zelle vom Immunsystem erkannt und eliminiert“, erklärt er. „In unserem Körper werden täglich Milliarden von Zellen eliminiert als Teil natürlicher Erneuerungsprozesse.“

Die zweite Möglichkeit wäre, dass sich die Information der mRNA-Impfstoffe in die Zell-DNA einschreibt und dabei ein wichtiges zelleigenes Gen zerstört wird. „Dann würde diese Zelle absterben, oder sie könnte einen ersten Schritt in Richtung zu abnormen Zellwachstum nehmen.“ Das ist nicht unmöglich, die Wahrscheinlichkeit dafür sei aber extrem gering. „Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es in der Biologie allerdings nie.“ Die Studie aus Schweden, die in den sozialen Medien für große Aufregung sorgt, ändert also nichts an der Einschätzung der Experten: Die Impfung und ihre Nebenwirkungen bergen ein geringeres Risiko als eine Infektion.

Für das eigene Wohl sorgen, mit persönlicher Gewinn- und Profit-Steigerung,
im Bereich Menschen-Würde, versteht sich.

UK Health Security Agency – der Link, wenn Sie sich umfassender informieren wollen.

Fragezeichen beim mRNA-Impfstoff.

Stand: 17.02.2022 | Die WELT+ von Elke Bodderas, Cornelia Stolze.

14 Monate nach der ersten Impfung sind Biontech und Moderna noch immer ohne ordentliche Zulassung – weil essenzielle Studien fehlen. Der Vorgang ist ungewöhnlich. Mediziner und Pharmazie-Experten haben Fragen.

Etwa 62 Millionen Deutsche sind mittlerweile geimpft, die Präparate dazu lieferten überwiegend Moderna und Biontech. Dennoch ist bis heute keiner der beiden mRNA-Impfstoffe ausreichend erforscht, um die Standards für eine ordentliche Zulassung der Europäischen Arzneimittel-Behörde EMA zu erfüllen. Legal in Umlauf sind sie trotzdem, jedoch nur vorläufig und auf Zeit, per befristeter „bedingter Genehmigung“.

14 Monate nach Eröffnung der ersten deutschen Impfzentren liegen hauptsächlich wichtige Studien zu Sicherheit und Wirksamkeit noch nicht vor. Die Liste ist lang, die Spanne reicht von produktionstechnischen Nachweisen bis hin zu Standardverträglichkeitsstudien. Über den aktuellen Stand zum Genehmigungsverfahren, wann das Provisorium als überwunden gelten kann, vor allem aber zu den zwangsläufigen Studien über Risiken und Nebenwirkungen schweigen sich die Hersteller genauso aus wie die Behörden.

Riskante Wissenslücken

Bis Juli 2021, so hatte die EMA frühzeitig klargemacht, seien die Studien nachzureichen. Aber die Frist verstrich still und ereignislos. Stattdessen verlängerte die EMA im Oktober 2021 die „bedingte Zulassung“ in aller Diskretion um ein Jahr. Zunächst für Spikevax von Moderna und Anfang November für Comirnaty von Biontech. Das brachte in der wissenschaftlichen Fachwelt erste Irritationen auf, es gab Fragezeichen, auch den Verdacht der Geheimniskrämerei, inzwischen erweitert um offenes Befremden.

So fragt sich Susanne Wagner, langjährige Expertin in der Pharmaentwicklung, „ob die Hersteller ihre Produkte jemals in Europa regulär zulassen wollen“. Die promovierte Medizinerin ist spezialisiert auf die Erstellung von Prüfplänen für neue Medikamente. Wagner ist eine der erfahrensten Spezialisten der Branche, seit 30 Jahren in der Hightech-Forschung, unter anderem bei Schering und der Charité. Als selbstständige Expertin berät sie hauptsächlich jene Start-ups, die einen Großteil neuartiger Arzneimittel entwickeln – letztlich oft in Partnerschaft mit Pharmariesen wie Biontech mit Pfizer. Wagner ist spezialisiert auf Nano-Carrier und Lipid-Nano-Partikel. Die Stoffe bringen in den Corona-Impfstoffen die empfindliche mRNA an ihr Ziel im menschlichen Körper. Sie umhüllen den Wirkstoff, sie helfen, die Zellmembran schadlos zu überwinden.

Quelle: Infografik WELT

Bei den mRNA-Impfstoffen erkennt Wagner riskante Wissenslücken, hauptsächlich bei der Pharmakokinetik – also der Frage, welchen Weg der Wirkstoff im Körper nimmt, an welchen Organen er sich ablagert, wo genau er wirkt und wie lange er im Körper bleibt. Auch ihr ist die Notlage bewusst, der Zeitdruck, unter dem Industrie, Politik und die Genehmigungs-Institutionen standen: „Dass die Hersteller nicht gleich zu Beginn der Pandemie sämtliche Nachweise erbringen konnten, ist verständlich und entschuldbar“. Nach eineinhalb Jahren allerdings sei es höchste Zeit zumindest „für einen Teil der Studien“. Zumal Hersteller und Behörden Spekulationen auf sich zögen wie etwa „Liegt es einfach nur am Aufwand? Oder stimmt möglicherweise das Ergebnis nicht?“

Auch der Virologe Alexander Kekulé stößt sich an mangelnder Transparenz: „Bei den mRNA-Impfstoffen handelt es sich um neue Wirkstoffe. Vor allem bei den darin enthaltenen Lipiden sind einige Standardauflagen, etwa bezüglich der Herstellung, schwierig zu erfüllen“, sagt er. „Ich weiß nicht, welche Gründe Pfizer hat, die Auflagen der EMA innerhalb der Fristen nicht zu erbringen, aber ich hätte mir gewünscht, dass die Gründe transparenter gemacht werden“. Warum wurden die Nachweise nicht erbracht? Gab es hierzu eine Erklärung? „Man sollte hier den Querdenkern keine Munition liefern“, empfiehlt Kekulé. Seit Anfang Dezember kursieren in den sozialen Netzwerken Gerüchte, der Impfstoff von BioNTech/Pfizer enthalte Bestandteile, die nicht für die Anwendung am Menschen geeignet seien. Gemeint sind die Lipid-Nanopartikel ALC-0315 und ALC-0159. Deren toxikologische und pharmazeutische Eigenschaften seien nicht vollständig bekannt, so heißt es. Die Rede ist von „schweren allergischen Reaktionen“.



In Großbritannien und Deutschland werden Antikörper-Studien durchgeführt, um neue Erkenntnisse
über die Covid-19-Impfung zu gewinnen. (Symbolbild / Quelle: qimono / Pixabay)

Ein weiterer Blickwinkel –  UK Health Security Agency:

In einem Blog wird behauptet, Daten aus dem Wochenbericht der U.K. Health Security Agency zeigten, dass die Covid-19-Impfung zu einer langfristigen Zerstörung des Immunsystems führe. Das stimmt nicht, Teile des Berichts wurden falsch interpretiert.

„Nun schwarz auf weiß: Corona-Impfung zerstört langfristig das Immunsystem!“, titelte der Blog Unser Mitteleuropa am 15. November 2021. In dem Artikel wird behauptet, die mRNA-Impfung gegen das Coronavirus führe zu einer langfristigen Zerstörung des menschlichen Immunsystems. Grundlage für die Behauptung soll ein Wochenbericht der U.K. Health Security Agency sein. Der Blogartikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bisher fast 4.500 Mal geteilt (Stand 13. Dezember). Der rechte Blog verbreitet nicht zum ersten Mal irreführende oder falsche Informationen. Wir haben bereits Behauptungen des Blogs über die Covid-19-Impfungen und den Corona-Lockdown geprüft.

Auch die aktuell verbreitete Behauptung ist falsch: Die Daten, auf die sich der Artikel bezieht, stammen von Antikörpertests, die bei Blutspenderinnen und Blutspendern in England durchgeführt wurden. Dort fand man nach Impfdurchbrüchen, also bei infizierten Geimpften, geringere Werte spezieller Antikörper als bei ungeimpften Menschen, die an Covid-19 erkrankten. Wie uns eine Pressesprecherin der U.K. Health Security Agency schreibt, sind die Befunde jedoch nicht überraschend: Sie weisen auf mildere Krankheitsverläufe bei geimpften Personen hin, bei denen weniger Antikörper gebildet werden, und haben nichts mit einer Zerstörung des Immunsystems zu tun -selbst weiterlesen, um sich selbst eine Meinung bzw. Überzeugung zu bilden.

OeHu gibt Impulse, die in jedem verschiedenes bewirken können! Unser Ziel: Selbst-Verantwortung bilden durch innere Widerstände, die motivieren sich selbst ein Bild zu verschaffen.


Mitochondrien und T-Zellen = Immunsystem.

Aus der Grundlagenforschung:

Immunmetabolismus – zentraler Kontrollpunkt der T-Zelldifferenzierung und -funktion.
T-Zellen spielen eine wichtige Rolle bei der Pathogenabwehr, Kontrolle von Tumoren, aber auch Aufrechterhaltung der Gewebshomöostase und damit bei der Balance aus entzündlichen und antientzündlichen Prozessen. Dies wird durch ein Zusammenspiel unterschiedlicher T-Zellarten wie konventionellen CD4+-T-Helferzellarten und CD8+-zytotoxischen T-Zellen als auch Foxp3+-regulatorischen T-Zellen garantiert. Konventionelle CD4+- und CD8+-T-Zellen verändern ihren Aktivierungszustand nach Antigenkontakt von ruhenden, naiven T-Zellen zu sich schnell teilenden Effektor-T-Zellen. Aus diesen entstehen wiederum ruhende Gedächtnis-T-Zellen. Besonders Effektor-T-Zellen sind durch die Produktion von Zytokinen und Effektormolekülen gekennzeichnet. Diese Unterschiede in der Funktion und dem Aktivierungszustand von T-Zellen sind begleitet von einer fein abgestimmten Umstellung des zellulären Metabolismus mit einem Wechsel von vornehmlich katabolem zu anabolem Stoffwechselprozess. Veränderungen in Anzahl und Form der Mitochondrien sind mit dieser Umstellung des Stoffwechsels verbunden.
Schlüsselwörter: naive, regulatorische, Gedächtnis- und Effektor-T-Zellen, Metabolismus, Mitochondrienmorphologie.

Einleitung.

T-Zellen als Bestandteil des erworbenen Immunsystems treiben antigen-spezifische Abwehrmechanismen zur Beseitigung von extra- und intrazellulären Pathogenen und malignen Körperzellen an. Sie sind aber auch an der Aufrechterhaltung der Gewebshomöostase und der Inhibition autoreaktiver Immunantworten beteiligt.
Diese sehr unterschiedlichen Funktionen werden durch ein Zusammenspiel an unterschiedlichen T-Zellarten gewährleistet. So orchestrieren die verschiedenen CD4+-T-Helferzellarten wie Th1-, Th2-, Th17- oder follikuläre T-Helfer (Tfh)-Zellen die zelluläre und humorale Abwehr gegen intra- und extrazelluläre Erreger [1–4]. CD8+-zytotoxische T-Zellen sind für die Eliminierung Virus-infizierter oder maligner körpereigener Zellen zuständig.
Th1-Zellen koordinieren über die Produktion von IL-2, IFNg und TNF die Aktivierung von CD8+-T-Zellen, NK-Zellen und Makrophagen, und damit die Abwehr intrazellulärer Pathogene. Th2-Zellen sind durch die Produktion von IL-4, IL-5 und IL-13 gekennzeichnet und spielen eine Rolle sowohl bei der Abwehr von Parasiten als auch bei der Entstehung von Allergien. Th17-Zellen sezernieren unter anderem IL-17A und IL-22, regulieren die Abwehr gegenüber extrazellulären Bakterien und Pilzen. Ihnen wird aber auch eine pathologische Bedeutung für die Entstehung von Autoimmunerkrankungen zugesprochen. Tfh-Zellen sezernieren IL-21 und kontrollieren die Aktivierung und Antikörperproduktion von B-Zellen in den Follikeln der sekundären lymphatischen Organe.
Die Aktivierung der konventionellen T-Zellarten wird durch CD4+CD25­highFoxp3+-regulatorische T-Zellen (Tregs) kontrolliert, die dadurch überschießende Immunreaktionen, aber auch die Entstehung von Autoimmunreaktionen verhindern [5]. Bei konventionellen T-Zellen unterscheidet man zwischen nicht-aktivierten naiven T-Zellen, aktivierten Effektor-T-Zellen und daraus entstehenden ruhenden Gedächtnis-T-Zellen [6]. Charakteristisch für Effektor-Zellen im Gegensatz zu Tregs ist die massive Produktion von inflammatorischen Zytokinen wie IFNg, TNF, IL-4 oder IL-17A und Effektormolekülen wie Perforin und Granzyme B. In den letzten Jahren wurde klar, dass diese unterschiedlichen Differenzierungs- und Funktionszustände eng mit Veränderungen im zellulären Metabolismus verknüpft sind [3, 4, 7, 8].
Grundsätzlich wird zwischen katabolen und anabolen metabolischen Prozessen unterschieden [3, 7]. Der Katabolismus umfasst den schrittweisen Abbau von Substraten zur Gewinnung des Energieträgers Adenosintriphosphat (ATP) und der Reduktionsäquivalente Nicotinamid­adenindinukleotid (NADH/H+) und reduziertem Flavin-Adenin-Dinukleotid (FADH2). Demgegenüber umfasst der Anabolismus energie- und reduktionsäquivalente konsumierende Aufbauprozesse zur Biosynthese von DNA, Lipiden und Proteinen. Zu den katabolen Prozessen zählen die Glykolyse, der Citrat-Zyklus (TCA), die Fettsäureoxidation (β-Oxidation oder FAO) sowie die Glutaminolyse [3, 7].
Während der Glykolyse wird Glukose unter Gewinnung von ATP und NADH/H+ entweder zu Laktat, das von der Zelle ausgeschieden wird, oder zu Pyruvat, das in den TCA einfließt, abgebaut [3, 7]. Der TCA läuft im Mitochondrium ab und dient der weiteren Gewinnung von NADH/H+ und FADH2. Die Reduktionsäquivalente fungieren als Elektronendonoren für die Atmungskettenkomplexe und ermöglichen die Synthese von ATP durch oxidative Phosphorylierung (OXPHOS) am Komplex V [3, 7]. Neben Pyruvat kann der TCA auch durch Produkte des Fettsäure- und Aminosäurestoffwechsels durch FAO oder Glutaminolyse gespeist werden [3]. Die Bereitstellung von Aminosäuren für den TCA erfolgt dabei primär durch die Verstoffwechselung von Glutamin zu α-Ketoglutarat [3, 7].
Die Glykolyse und der TCA dienen jedoch nicht allein dem Gewinn von ATP und Reduktionsäquivalenten. Intermediate beider Stoffwechselwege werden auch für anabole Prozesse zur Synthese von Zellmaterial und Effektormolekülen genutzt [3, 7].
Folglich steht die Glykolyse im Zen­trum der Regulation von katabolem zu anabolem Stoffwechsel, und T-Zellen durchlaufen analog in ihrer Differenzierung von naiv zu Effektor- und Gedächtniszellen multiple, substantielle Veränderungen ihres Metabolismus.

Metabolische Veränderungen nach Aktivierung und Effektor-T-Zell­differenzierung.

Naive, nicht-aktivierte CD4+- und CD8+-T-Zellen zirkulieren zwischen Blut und sekundären lymphatischen Organen. Sie befinden sich in einem ruhenden Zustand (Abb. 1, linke Seite). Sie sind nur durch eine geringfügige Zellteilungsrate gekennzeichnet. Alle aufgenommenen Nährstoffe werden somit nur zur Homöostase und dem Zellerhalt, aber nicht zur Neusynthese von Proteinen oder Lipiden verwendet – weiterlesen im Fach-Artikel von Trillium Immunologie.

Umstellung im Metabolismus während der Effektor- und Gedächtniszelldifferenzierung Nicht-aktivierte, naive T-Zellen (linke Seite, hellrote Zellen) sind durch einen vornehmlich auf niedrigem Niveau ablaufenden katabolen Stoffwechsel aus Glykolyse, Fettsäureoxidation, TCA und ATP-Gewinnung über oxidativer Phosphorylierung (OXPHOS) gekennzeichnet.Nach Aktivierung über MHCII- oder MHCI-Peptid-Erkennung durch den T-Zellrezeptor stellen die entstehenden CD4+- und CD8+-Effektor-T-Zellen (Bildmitte, dunkelrote Zellen) ihren Stoffwechsel um. Über einen erhöhten Durchsatz der Glykolyse und Induktion der Glutaminolyse werden Substrate für anabole Stoffwechselwege zur Bildung von Nukleotiden, Lipiden und Protein und damit Proliferation und Effektormolekülproduktion geliefert. Die ATP-Gewinnung erfolgt vornehmlich im Rahmen der Glykolyse.Für die Differenzierung von ruhenden Gedächtniszellen (rechte Seite, blau-violette Zellen) wechselt die T-Zelle zu einem ausschließlich durch FAO gespeisten katabolen Metabolismus und ATP-Gewinnung über OXPHOS.

Fazit des noch im Dunkeln liegenden, was das Impfen angeht:

Die Ausprägung der unterschiedlichen Aktivierungs- und Funktionszustände der konventionellen und regulatorischen T-Zellen wird neben Umgebungssignalen auch durch Veränderungen des zellulären Metabolismus gesteuert. Substrate und Produkte der Stoffwechselwege stellen nicht nur Bausteine für Makromoleküle dar, sondern sind aktiv an der Aktivierung und Differenzierung der Zellen beteiligt.
Diese Unterschiede im zellulären Metabolismus sowohl zwischen ruhenden T-Zellen und aktivierten Effektor-T-Zellen als auch konventionellen und regulatorischen T-Zellen eröffnen Möglichkeiten für neue therapeutische Ansätze zur Behandlung von z. B. chronischen Entzündungsreaktionen. Da Umstellungen im zellulären Metabolismus eine zentrale Rolle für die Funktion vieler Organsysteme spielen, wird es darauf ankommen, einen detaillierteren Einblick in die Zelltyp-spezifischen, den Funktionszustand aufrechterhaltenden Kontrollpunkte zu gewinnen.


Deutschland droht exponentieller Anstieg ab Oktober

Wissenschaftler der TU Berlin sagen eine vierte Coronawelle voraus, die auch die Kliniken treffen wird. Helfen würden nur eine sehr hohe Impfquote, hochwirksame Vakzinen – und bessere Konzepte für die Schulen. Laut unseren Simulationen wird im Oktober ein exponentieller Anstieg bei den Krankenhauszahlen starten«, heißt es im neuen Bericht der Gruppe um den Mobilitätsforscher Kai Nagel an das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Mit Blick auf die Inzidenz in Deutschland schreibt die Forschungsgruppe weiter: »Falls die derzeitige Entwicklung anhält, wird dies sogar früher beginnen und sich im Oktober dann noch mal verstärken. Den zuletzt bereits verzeichneten Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenzen wertet das Team wegen hoher relativer Zunahmen als »beunruhigend«. Die Infektionslage würde sich rapide verschlechtern, wenn die Schulen nach den Sommerferien ohne Schutzmaßnahmen öffnen und im Herbst weniger Aktivitäten im Freien möglich seien – SPIEGEL.

Warum die Delta-Variante gefährlicher ist!

Politik-Wirtschaft- Geld-Update:


Update 28.11.2021.

So gefährlich ist die neue Variante aus dem südlichen Afrika – Flugverkehr eingeschränkt.

Die neue Form B.1.1.529 versetzt Wissenschaft und Politik in Aufruhr. Deutschland, die EU und andere Staaten reagieren bereits. Auch Biontech äußert sich.
Die Sorge vor einer neuen möglicherweise ansteckenderen Virusvariante ist zurück. Grund ist die sich in Südafrika stark ausbreitende Variante B.1.1.529. „Das Letzte, was uns jetzt noch fehlt, ist eine eingeschleppte neue Variante, die noch mehr Probleme bereitet“, sagte der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Freitag. Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Sabine Dittmar, warnte angesichts der hohen Auslastung der Intensivbetten: „Wir müssen dringend verhindern, dass eine weitere Virusvariante eingetragen wird.“ In der Folge erklärte die Bundesregierung Südafrika zum Virusvarianten-Gebiet. Die Regelung tritt in der Nacht in Kraft. Fluggesellschaften dürfen dann nur noch deutsche Staatsbürger nach Deutschland befördern.Sollte sich eine leichtere Übertragbarkeit bestätigen, sei es unvermeidlich, dass die Variante auch nach Großbritannien gelange, so der Experte weiter. Die Wissenschaftlerin Susan Hopkins vom Imperial College in London bezeichnete die neue Variante als „die besorgniserregendste, die wir je gesehen haben“. Die in Südafrika bislang festgestellte Übertragungsrate (R-Wert) liege bei zwei. Das ähnele den Werten zu Beginn der Pandemie, sagte Hopkins im BBC-Radio. Noch seien mehr Daten notwendig, um zu einer abschließenden Bewertung zu kommen.

So wirken die Impfstoffe gegen die Südafrika-Variante:

Angesichts der noch nicht ausreichenden Datenlage lässt sich diese Frage nicht sicher beantworten. Experten rechnen allerdings damit, dass die Impfstoffe weniger wirksam sein könnten. „Es steht jedoch zu befürchten, dass wegen der vielen Mutationen die Oberflächenstrukturen auf dem Virus ganz anders aussehen könnten, so dass die bisher durch Impfung erzeugte Immunität nicht mehr ausreicht, um gegen diese neue Variante zu schützen“, sagte Epidemiologe Ulrichs dem Handelsblatt. „In diesem Fall müssten wir die Impfstoffe anpassen und mit einer neuen Impfkampagne bei null anfangen.“ Die derzeit verfügbaren Coronaimpfstoffe sind nach Ansicht eines britischen Experten „fast sicher“ weniger effektiv gegen die im südlichen Afrika entdeckte neue Variante B.1.1.529. Das sagte James Naismith, Professor für Strukturbiologie an der Universität Oxford, in der Radiosendung BBC 4 Today am Freitag.

Das sagt Impfstoffhersteller Biontech zur Variante:

Das Mainzer Unternehmen Biontech hat nach eigenen Angaben unverzüglich Untersuchungen zur Variante B.1.1.529 eingeleitet. Man könne die Besorgnis von Experten nachvollziehen, heißt es von Seiten des Unternehmens. Die Variante unterscheide sich deutlich von bisher beobachteten Varianten, da sie zusätzliche Mutationen im Spike-Protein aufweise. Biontech untersucht nach eigenen Angaben die Variante sowohl computertechnisch als auch im Labor. Dafür teste man das Blut von geimpften Personen und prüfe, wie gut deren Antikörper das neue Spike-Protein neutralisieren. Spätestens in zwei Wochen erwarte man weiterführende Daten aus den Labortests, erklärte eine Sprecherin des Mainzer Unternehmens. Diese Daten sollen Aufschluss darüber geben, ob es sich bei B.1.1.529 um eine sogenannte Escape-Variante handeln könnte, die eine Anpassung des Biontech-Impfstoffs erforderlich machen würde, wenn sich diese Variante international ausbreiten sollte.

So reagiert die Bundesregierung:

Die Bundesregierung erklärte Südafrika zum Virusvarianten-Gebiet. Die Regelung tritt in der Nacht in Kraft. In der Folge dürften Fluggesellschaften nur noch deutsche Staatsbürger nach Deutschland befördern. Es gelte nach Ankunft 14 Tage Quarantäne für alle, auch für Geimpfte. Weil die Regelung erst in der Nacht greift, bat der geschäftsführende Gesundheitsminister Spahn Reisende aus Südafrika, sich freiwillig mit einem PCR-Test testen zu lassen.Spahn: „Zusätzliche Variante ist das letzte, was wir brauchen“ – ohne Kommentar!

So reagiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO):

Die UN-Gesundheitsorganisation WHO empfiehlt wissenschaftlich fundierte Maßnahmen und Risikobewertungen gegen die Variante, aber aktuell keine Reisebeschränkungen. WHO-Sprecher Christian Lindmeier sagte am Freitag in Genf: „Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es Vorbehalte gegen Reisebeschränkungen“. Demnach sollen Corona-Maßnahmen den internationalen Verkehr nicht unnötig behindern und Reisende nicht automatisch als Verdachtsfälle eingestuft werden. Staaten könnten auch ohne Reiseeinschränkungen eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, um die Ausbreitung von neuen Varianten einzudämmen. Dazu gehörten die genaue Beobachtung des Infektionsgeschehens und die Genanalyse von auftretenden Corona-Fällen. Die WHO wollte noch im Laufe des Freitags entscheiden, ob die neue Variante als „besorgniserregend“ klassifiziert werden soll. Lindmeier betonte, bekannte Mittel wie Masken, Handhygiene, Frischluft und das Vermeiden von Menschenmengen seien auch gegen B.1.1.529 wirksam – alles lesen im Handelsblatt.


Update 14.11.2021.

In den vergangenen Tagen wurden so viele Corona-Infektionen gemeldet wie niemals zuvor. Das Robert Koch-Insititut hat die Risikobewertung für Ungeimpfte von „hoch“ auf „sehr hoch“ geändert.

Kurz-Darstellung:

Situation in den Krankenhäusern.

Gleichzeitig haben wir das Problem, dass die Intensivmedizin gerade ganz besonders dünn dasteht. Während in der Öffentlichkeit immer diskutiert wird, dass das am Pflegemangel liegt: Das stimmt, die Pflegekräfte sind natürlich erschöpft und es sind sowieso schon zu wenige. Der eigentlich akute Grund ist jetzt aber im Moment, dass die Kliniken diese Kapazitäten nicht freigemacht haben. Denn ein gut geführtes Krankenhaus hat nicht lauter freie Intensivbetten herumstehen, sondern die sind natürlich alle in Betrieb belegt.

Es kommen einige Dinge zusammen, also gerade diejenigen, die vielleicht keinen guten Informationsstand haben, die sind häufig auch gerade gesundheitlich nicht so gut aufgestellt. Die haben Grunderkrankungen und sind besonders gefährdet. Und die sind, gerade weil sie schlecht informiert sind, nicht geimpft. In dieser Situation bewegen wir uns jetzt. Und in dieser echten Notfallsituation, wo jetzt ganz dringend etwas gemacht werden muss, wird vorgeschlagen, es über Testung zu lösen. Da ist natürlich die Frage, ob das in so kurzer Zeit möglich ist. Wir müssen uns dazu mal überlegen, welche Arten von Testungen wir eigentlich haben können.

Die Daten zeigen auch, wie sehr sich das Risiko durch eine dritte Impfung reduziert, hauptsächlich für ältere Menschen. Ist es dann überhaupt noch sinnvoll, weiter von „Auffrischimpfung“ zu sprechen? Bedeutet das nicht eigentlich, dass der Covid-19-Impfstoff einer ist, der einfach drei Dosen braucht, um den vollständigen Schutz zu entfalten?

Drosten: Ja, das muss man inzwischen so sehen. Ich finde das eigentlich eine gute Sichtweise. Man kann darüber diskutieren, ob man das am Anfang schon richtig erfasst hat. Ich denke, dass der Plan, am Anfang mit zwei Dosen zu arbeiten, richtig war. Denn, was sich hier geändert hat, war das Virus. Jetzt müssen wir aber einfach anerkennen, der Impfstoff ist nicht speziell auf das Delta-Virus gezielt, sondern auf ein Virus, das heute gar nicht mehr zirkuliert. Das Virus hat sich verändert.

Drei Impfdosen bei Delta.

Jetzt haben wir eine erhöhte Übertragungskraft dieses Virus. Dieses Virus dominiert jetzt gerade global, also auf der ganzen Welt hat es die Herrschaft übernommen, dieses Delta-Virus und seine Abkömmlinge und dagegen brauchen wir wahrscheinlich drei Impfungen. Das heißt, wir müssen beginnen, eine vollständige Impfung als eine Impfung mit drei Dosen zu betrachten. Es gibt ganz viele Impfungen, bei denen das normal ist. Nehmen wir bestimmte Hepatitisvirus-Impfungen oder nehmen wir Impfungen gegen Tollwut, gegen Japan-Enzephalitis und so weiter. Alle diese klassischen Totimpfstoff-Impfungen, die arbeiten fast alle mit drei Dosen. Das funktioniert ganz hervorragend. Die dritte Dosis ist meistens mit einem größeren Abstand zu den ersten zwei, so wie das jetzt auch bei der Covid-19-Impfung gemacht wird.

Drosten: Ich will es jetzt auch nicht dramatisieren. Ich will auch sagen, es gibt Gründe, die dagegensprechen. Natürlich will ich jetzt hier auch nicht die Stiko kritisieren. Die Stiko musste einfach irgendwann auch eine Festlegung treffen. Dieser Punkt lag auch in der Vergangenheit, das hat die Stiko vor vielen Wochen festgelegt, als sie noch gar nicht wussten, wie das jetzt mit der Welle ist, wie schnell das ansteigt. Ich will hier jetzt nicht in irgendeinem politischen Lager stehen, sondern mir geht es einfach nur darum, den Hintergrund zu erklären – ganz hören im Podcast.

Die Prognose vom 03.09.2021.

Folge 97: Wir müssen uns aus der Pandemie rausimpfen – alle Podcast-Folgen.

Update 19.09.2021

Versöhnung auf lange Sicht

Wie gehen wir weiter mit Corona um? Gewöhnen wir uns an das Virus wie an die Grippe? Wird Sars-CoV-2 irgendwann harmlos wie ein Schnupfen sein? Eine Erkundung in Laboren rund um die Welt – von . Ende Januar 2020 scheint für einige Tage, für einen Augenblick, den die Welt längst vergessen hat, das heute Unmögliche noch vorstellbar: das neue Coronavirus wieder von der Erde zu verbannen.

Als China in einem Gewaltakt versucht, dem Virus beizukommen, und über Nacht Wuhan und andere Millionenstädte abriegelt, da dauert es nur wenige Tage, bis die Welle bricht. Wichtiger noch: Die Infizierten, die in anderen Ländern auftauchen – in Thailand, Japan, Singapur, Deutschland, den USA –, kommen zumeist aus China. Neue, lokale Ausbrüche gibt es noch nicht; und wenn doch, werden sie wie im bayerischen Stockdorf, beim Autozulieferer Webasto, im Keim erstickt. Ende Januar 2020 hätte die Welt mit einigem Grund hoffen können, dass ihr diese Pandemie erspart bleibt.

Aber dann kam Bergamo, kamen New York, Kapstadt, Lima, Manaus und Delhi. Es kamen die Bilder überfüllter Krankenhausflure und verwaister Städte. Es kamen die Virusvarianten Alpha und Delta. Und es folgte die Einsicht, dass dieses Virus wohl nie mehr weggehen wird. Dass aus der Pandemie eines Tages eine Endemie werden würde, das Virus und der Menschenwirt also in eine Form der Koexistenz eintreten würden. Wie soll diese Koexistenz aussehen? Wie werden sich Mensch und Virus miteinander arrangieren? Eine häufige These lautet: Irgendwann einmal müsse sich das Immunsystem eines jeden Menschen mit diesem Virus auseinandersetzen, entweder in Form einer Impfung (günstige Variante) oder in Form einer natürlichen Ansteckung (gefährliche Variante). Sei das geschehen, dann sei die Gefahr für das Individuum und die Gesellschaft gebannt. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Lässt man die klassische Grippe, die Influenza, einmal beiseite, können wir momentan erstmals wissenschaftlich mitverfolgen, wie ein Atemwegsvirus sich weltweit im menschlichen Reservoir einnistet, wie es heimisch wird oder, wie Epidemiologen sagen: endemisch. Und weil es bei Premieren wenige gesicherte Erfahrungswerte gibt, muss man an dieser Stelle etwas spekulieren. Die Spekulation lässt sich aber stützen mit Erkenntnissen der Immunologie und Virologie sowie mit dem, was man über die Influenza weiß und die nahen Verwandten von Sars-CoV-2, die vier bereits endemischen Coronaviren, die sich, lange bevor die Wissenschaft Viren kannte, über die Welt ausbreiteten. Diese vier Humanen Coronaviren, die kryptische Kürzel tragen wie (HCoV)-229E, -NL63, -OC43, -HKU1, infizieren uns alle gelegentlich, machen aber nicht sonderlich krank.

Bei Sars-CoV-2 gibt es trotz aller Unsicherheit einige Punkte, in denen sich die Wissenschaft recht einig ist. Zunächst: Der erste Kontakt eines Menschen mit dem Virus ist der gefährlichste, denn dann trifft es auf ein Immunsystem, das den Erreger nicht kennt und sich erst noch spezialisierte Waffen zulegen muss. Zweitinfektionen oder Infektionen nach einer Impfung verlaufen in den allermeisten Fällen viel milder. Deshalb kann man, zweitens, nur allen Menschen zur Impfung raten. Schon jetzt zeigt sich überdeutlich, wie in jenen Ländern, in denen genug Menschen geimpft sind, die Tödlichkeit des Virus stark abgenommen hat – weiterlesen in der ZEIT.


Udate 29.08.2021 – SZ Immunologe Satyajit Rath im Interview: „Sprechen Sie bitte nicht immer von Wellen“.

Sprechen Sie bitte nicht immer von Wellen, das Bild ist irreführend. Eine menschliche Fiktion. Als viele Menschen in Indien über die zweite Welle sprachen, war in Delhi schon von der dritten die Rede. In Europa zählen sie die vierte Welle. Sehen Sie sich die Ausbrüche auf einem Globus an, dann erkennen Sie: Es ist keine Welle. Wenn Sie schon ein Bild brauchen, dann ist es eher ein Waldbrand, wo mal hier, mal dort ein Brandherd entsteht, manche verglimmen, weil die lokalen Umstände sie ersticken, andere verbinden sich und werden zu einem Großbrand, manchmal zu einer Feuerwalze. Aber es bleibt ein einziger Brand. Und er ist nicht gelöscht.

Die indische Regierung – wie praktisch alle Regierungen weltweit – behandelt diese Pandemie immer noch wie ein akutes Desaster. Nicht wie eine anhaltende Krise. Sie müssen sich nur ansehen, wer in Indien mit der Sache betraut ist: die National Desaster Agency. Desaster aber geschehen, unerwartet, unverhinderbar. Ein Damm bricht, ein Erdbeben oder ein Tsunami erschüttert das Land. Aber eine Pandemie ist nicht so, und keine Regierung hat sich auf die lange Strecke vorbereitet, darauf, dass wir mit dieser Sache leben müssen, zumindest für eine ganze Weile. Ein Sonderproblem der indischen Regierung ist zudem, dass sie sich gerne triumphal inszeniert. Dazu passt es nicht, eigene Limitationen oder Fehler einzuräumen.

Am Anfang hat die Regierung doch sehr hart und konsequent reagiert.

Man hoffte wohl, wenn wir die Zähne zusammenbeißen und zu Hause sitzen bleiben, würden wir nach einer Zeit in alter Größe ins Leben zurückkehren, die Götter preisen, und alles wäre vorbei. Doch eine Pandemie verhält sich nach einer eigenen Logik, die für Menschen nicht immer nachvollziehbar ist. Wenn Sie an die Pandemie von 1918 denken…

Sie meinen die Spanische Grippe?

Bitte nennen Sie es nicht Spanische Grippe, das ist ebenfalls irreführend, die Spanier haben sie ja nicht erfunden. Es ist irreführend genug, wenn man sie als Pandemie von 1918 bezeichnet, denn sie dauerte vom Frühjahr 1918 bis zum Herbst 1920. Zweieinhalb Jahre. Und damals konnte sich ein Virus noch nicht so gut verbreiten, die Bevölkerungsdichte war geringer, es gab noch keine Globalisierung – alles lesen.


Update 15.08.2021 – WDR-Wissenschaft – Quarks.

Antikörper und T-Zellen -Corona: Sind wir nach Infektion oder Impfung immun?
Viele sind geimpft, einige genesen: Wie lange schützt uns das vor Infektion und schwerem Verlauf?

Schon zu Beginn der Pandemie berichteten erste Medien darüber, dass sich Menschen in Japan oder Südkorea ein zweites Mal mit dem Coronavirus infiziert hätten. Mittlerweile ist klar: Ja, Reinfektionen sind möglich – wenn auch selten. Mit den neuen, mutierten Virusvarianten könnte sich das ändern, Berichte darüber häufen sich. Das ist Ausgangspunkt für viele fundamentale Fragen, etwa:

  • Wie lange ist man nach einer Infektion immun?
  • Schützt die Immunantwort auch vor den mutierten Varianten?
  • Und was bedeutet das für die Impfungen?

Wir versuchen diese so gut es geht zu beantworten – doch auf einige davon gibt es noch keine endgültige Antwort. Das liegt auch daran, dass viele Arbeiten derzeit noch als Preprint vorliegen und damit weder final noch peer-reviewed sind. Was ihr jetzt lest, ist der aktuelle Wissensstand.

Haben sich Menschen bereits mehrfach infiziert?

Ja, inzwischen ist klar: Es ist möglich, sich nach einer überstandenen Covid 19-Infektion erneut mit dem Virus zu infizieren – das Risiko ist im Allgemeinen gering. Im letzten Jahr steckten sich nur 0,02 bis 5 Prozent der Genesenen wieder an und entwickelten Symptome. Das Infektionsrisiko steigt allerdings wieder an, je länger die Infektion zurückliegt – und hängt auch mit den neuen Varianten zusammen. Der Anteil an Neuinfektionen lag bei der Beta-Variante aus Südafrika deutlich höher, ebenso bei Gamma aus Brasilien.

Impfungen weiter wirksam.

Mehrere Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Impfungen auch bei den Virusvarianten weiter wirksam sind – die Antikörperantwort bei den Varianten aus Indien, Brasilien und Südafrika aber etwas schwächer ist. Vermutlich steckt man sich schneller und häufiger wieder an, die Krankheitsverläufe verlaufen aber in den allermeisten Fällen mild – Mehr zu den Mutationen und wie gut die Impfstoffe noch wirken, erklären wir hier.

Bleibt man immun – und wenn ja, wie lange?

Ja, die allermeisten Menschen bilden eine stabile Immunantwort aus, die recht lange anhält. Gleichzeitig wird deutlich: Das Immunsystem reagiert nicht bei jedem gleich.

Antikörper schon nach kurzer Zeit verschwunden 

So zeigen Studien, dass die Konzentration der Antikörper gegen SARS-CoV-2 mit der Zeit abnimmt. Das ist ein üblicher Vorgang, allerdings haben Forscher bei einigen Patienten mit milden Verläufen schon nach drei bis sieben Wochen keinerlei Antikörper mehr im Blut gefunden. Die gelernte Immunreaktion nach einer Infektion kann also mitunter nur kurzfristigen Schutz bieten. 

Schutz durch T-Zellen hält länger an

Etwas ermutigender sind Studien, in der die Immunantwort nach einer Infektion sehr detailliert und über acht Monate hinweg untersucht wurde. Das Ergebnis: 

  • Einen Monat nach der Infektion hatten 98 Prozent der Probanden Antikörper gegen das Spike-Protein, nach sechs bis acht Monaten waren es immer noch 90 Prozent. 
  • Auch neutralisierende Antikörper, die die Bindung des Virus an die Zellen blockieren, waren über längere Zeit stabil und bei 90 Prozent der Probanden noch nach sechs bis acht Monaten nachweisbar.
  • Die Antikörper allerdings, die auf der Schleimhaut von Nase und Rachen das Virus direkt beim Eindringen bekämpfen (Immunglobulin A, IgA), nehmen schneller ab: Nach neun Monaten waren nur noch bei rund 20 Prozent der Genesenen diese Antikörper messbar. 
  • Lymphozyten wie T- oder B-Zellen, die zu den weißen Blutkörperchen gehören, sind in der akuten Phase messbar – aber auch noch danach. Sie fallen zwar schneller etwas ab, sind aber dann langanhaltend auf diesem Niveau.

Wie lange die unterschiedlichen Immunantworten tatsächlich schützen und warum manche Menschen besser geschützt sind als andere, das müssen jetzt weitere Langzeitstudien zeigen. 

Quellen des WDR-Quarks:


Update 07.08.2021:

Das Problem der Wissenschafts-Aktivistin:

„Als Journalist mit aufs Kampffeld“: Mai Thi Nguyen-Kim  warb auf Youtube früh für harte Lockdowns, warnte vor Lockerungen – und legte in der Pandemie eine beispiellose Karriere hin, die sie bis ins ZDF und eine Regierungserklärung der Kanzlerin brachte. Doch die Journalistin und Wissenschafts-Aktivistin hat ein Problem. Im März wurde die Chemikerin, Youtuberin und Fernsehmoderatorin (u.a. „Quarks“) Mai Thi Nguyen-Kim in der „Zeit“ nach ihrer Popularität in der Schulzeit gefragt. Ihre Antwort lautete: „Ich hatte viele Freunde. Das war mir sehr wichtig, weil ich eine Streberin war. Ich wollte zeigen: Man kann Streberin und beliebt sein.“

Glaubt man der Aussage, besaß die Medienaufsteigerin des Jahres 2020 bereits als Jugendliche das perfekte Mindset für ihre spätere Karriere als „Wissensvermittlerin“ im Internet, wo nerdiger Inhalt unentwegt über persönliche Resonanz vermarktet werden muss. Fest steht in jedem Fall, dass Nguyen-Kim und ihr von 1,3 Millionen Menschen abonnierter YouTube-Kanal maiLab noch nie so viele Freunde hatten wie dieser Tage – und dass die mediale Quereinsteigerin, die vor wenigen Jahren aus der Laborforschung in die Welt des „Scientainments“ wechselte, in den vergangenen Monaten mehr Erfolge feiern konnte als andere Menschen im Laufe eines ganzen Lebens. Nicht nur, dass die Doktorin mit Harvard-Erfahrung seit Juni 2020 im Senat der Max-Planck-Gesellschaft sitzt und erst vor Kurzem mit der Leibniz-Medaille geehrt wurde. Nguyen-Kim schaffte noch dazu den Sprung in die Königsklasse des öffentlich-rechtlichen Fernsehjournalismus und unterschrieb Anfang des Jahres einen Exklusivvertrag als neue Wissenschaftsstimme des ZDF. Sie holte sich den Grimme-, den Nannen- und den Deutschen Fernsehpreis – um nur einige Auszeichnungen zu nennen. Sie landete mit ihrem Sachbuch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste. Und sie erhielt das Bundesverdienstkreuz aus den Händen von Frank-Walter Steinmeier, der sich selbstverständlich bereitfand, das maiLab-Schlusswort „Bleibt sicher!“ vor laufender Kamera einzusprechen.

Die virale Hiobsbotschaft

Nun wäre es unfair, Nguyen-Kims Erfolgsgeschichte als reines Pandemiephänomen abzutun. Schließlich genießt die Youtuberin seit Langem eine ausgezeichnete credibility als viewerstarke „Debunking“-Instanz, die Alltagsmythen über die Schädlichkeit von Fluor-Zahnpasta ebenso Studien-kritisch entlarvt wie uninformierten Unsinn über die Ursachen von Homosexualität. Der eigentliche Durchbruch kam jedoch erst mit ihrem maiLab-Video „Corona geht gerade erst los“, das im April 2020 viral ging und bis Jahresende zum meistgesehenen YouTube-Clip in Deutschland avancierte. Darin präsentierte sich die „Science“-Spezialistin als vorausschauende (und in der langfristigen Vorhersage erstaunlich präzise) Epidemie-Exegetin, die ihre Viewer mit einer von politischer Seite so noch nicht artikulierten Hiobsbotschaft konfrontierte: Der Kampf gegen das Virus sei noch lange nicht vorbei, denn angesichts der inhumanen Kosten eines natürlichen Weges zur Herdenimmunität könne der gerade erst gestartete „Marathon“ nicht vor der erfolgreichen Entwicklung eines Impfstoffs enden – also womöglich erst in eins bis zwei Jahren, wie die maiLab-Moderatorin mehrfach betonte.

Passend zu dieser Sichtweise sprach sich Nguyen-Kim gegen verfrühte Lockerungs-„Fantasie(n)“ und für harte und konsequente Eindämmungsmaßnahmen aus. Diese Opfer seien nötig, um die sogenannte effektive Reproduktionszahl so weit abzusenken, dass eine wirksame Infektionskontrolle und ein halbwegs lebbares „Ausharren“ bis zum Ende der Wegstrecke ermöglicht werden könnten – nämlich: mit Werten unter 1 (die, wohl auch dank saisonalen Faktoren, tatsächlich erstmals Ende des Monats April 2020 erreicht wurden). Nguyen-Kim positionierte sich mit dieser Auffassung gegen die offizielle Losung „Flatten the Curve“. Und sie traf mit ihrer bestechend klaren Durchsage den Nerv all jener, die sich in der angstbesetzten Unsicherheit der ersten Corona-Wochen nach emotionalem Halt und mathematisch berechenbarer Orientierung sehnten – den gesamten Artikel lesen.


Update 24.07.2021:

Zur Einführung, dieses Video!

Pandemien enden nicht mit einer Parade, sagt Devi Sridhar, Professorin an der Universität Edinburgh.

Corona rigoros eindämmen, das riet Devi Sridhar 2020 der schottischen Regierung. Bald sei das nicht mehr nötig, sagt sie – und warnt trotzdem vor dem englischen Weg.

Alles ist offen: England hat seine Corona-Maßnahmen aufgehoben. Doch statt die Freiheit zu genießen, seien die Menschen verunsichert, sagt Devi Sridhar, Professorin für öffentliche Gesundheit im schottischen Edinburgh. ZEIT ONLINE hat mit ihr über die schwierigen Abwägungen gesprochen, die auch Deutschland bevorstehen: Wann ist die Pandemie dank der Impfungen beherrschbar? Wann sollten welche Freiheiten zurückkommen? Wie geht es weltweit weiter?

ZEIT ONLINE: Am Montag wurden in England alle gesetzlichen Vorgaben zur Eindämmung des Virus aufgehoben. Im Nahverkehr eine Maske zu tragen, ist jetzt freiwillig, alle Pubs sind geöffnet. „Freedom Day„, „Tag der Freiheit“, nennen Politiker und Medien den 19. Juli schon. Ein passender Begriff?

Sridhar: Überhaupt nicht. Es ist ein Fehler, den Tag als Big Bang deklarieren zu wollen, an dem vermeintlich alles vorbei ist. Wir haben aus der Geschichte von Pandemien gelernt, dass sie nicht mit einer Parade und einem Feuerwerk enden. Sie enden, wenn die Gefahr einer ansteckenden Krankheit gemanagt werden kann, wenn wir gelernt haben, irgendwie damit umzugehen.

ZEIT ONLINE: Boris Johnson sagt zumindest nicht, dass die Pandemie zu Ende sei. Er hat sogar betont, man müsse mit mehr Toten und Hospitalisierten rechnen. Was schätzen Sie, wie hoch der Preis der englischen Freiheit sein wird?

Sridhar: Das wurde modelliert. Aber eine der Schwierigkeiten ist es, Delta zu berücksichtigen. Bisher weiß niemand richtig, ob die Variante kränker macht als Alpha oder der Wildtyp. Eine kleine Studie aus Schottland deutet an, dass Delta zu mehr Krankenhauseinweisungen führt (The Lancet: Sheikh et al., 2021). Gleichzeitig verändert sich das Altersprofil der Infizierten aber in Richtung junger Menschen, die weniger schwere Verläufe haben.

ZEIT ONLINE: Aber gibt es Zahlen dazu, wie das Gesundheitssystem belastet werden könnte?

Sridhar: Einige Modelle rechnen mit bis zu 1.000 neuen Hospitalisierten pro Tag. Auch, wenn davon weniger Menschen sterben werden, könnte das Gesundheitssystem dann nicht mehr mitkommen. Dann sinkt die Qualität der medizinischen Versorgung und wir sehen etwas, was wir weltweit gesehen haben: Die Leute sterben nicht nur an Covid, sie sterben auch an Krebs oder Herzinfarkten, weil sie nicht behandelt werden können. Und man darf eines nicht vergessen: Die Ärzte und Pfleger, die Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, sind völlig ausgebrannt. Sie sind am Ende ihrer Kräfte.

ZEIT ONLINE: Die britische Regierung bittet die Menschen zumindest, sich freiwillig an Hygienemaßnahmen zu halten, etwa Maske in der U-Bahn zu tragen.

Sridhar: Das geht doch nach hinten los. Großbritannien ist von der Pandemie schrecklich getroffen worden. Viele sind gestorben oder waren im Krankenhaus und leiden unter Long Covid. Viele glauben nicht, dass wir vor all dem einfach weglaufen können. Sie empfinden das Ende der Corona-Maßnahmen als Kapitulation. Ich bekomme eine Menge Mails von Menschen, die Angst davor haben, vom Staat verlassen zu werden. Supermärkte und andere Orte konnten bisher auf das Gesetz verweisen, wenn es darum ging, dass Kunden Masken tragen sollen. Jetzt geht das nicht mehr. Das erzeugt eine Menge Spannungen. Und Umfragen zeigen eine große Zustimmung zum Tragen von Masken. Natürlich müssen wir wieder zurück zu einem normalen Leben. Aber wäre es nicht besser gewesen, noch ein paar Wochen zu warten, bis alle geimpft sind?

ZEIT ONLINE: Heißt das, Sie verabschieden sich von der Strategie der radikalen Eindämmung des Virus, für die Sie im vergangenen Jahr eine der bekanntesten Verfechterinnen waren?

Sridhar: Im vergangenen Jahr war das die beste Strategie. Ich habe an einer im Fachmagazin The Lancet veröffentlichten Studie mitgearbeitet, die zeigt: Länder, die Covid strikt eingedämmt haben, hatten weniger Tote zu beklagen, kamen ökonomisch besser klar, und auch den bürgerlichen Freiheiten tat es gut, weil sie kürzer eingeschränkt werden mussten (Oliu-Barton et al., 2021). In Schottland habe ich mich für eine maximale Eindämmung stark gemacht. Wir hatten zeitweise nur noch drei Covid-Fälle am Tag, bei einer Bevölkerung von fünf Millionen. Die zweite Welle mit einem harten Lockdown im Winter kam dann, weil wir das Virus wieder importiert haben. Damals gab es nur zwei Optionen: Entweder, wir brechen die Welle, oder alle bekommen Covid. Aber jetzt haben wir Impfstoffe, die effektiver sind, als sich es viele hätten vorstellen können. Massenimpfungen sind jetzt der Schlüssel, um Krankheit und Tod zu verhindern. Sie sind der Weg aus der Pandemie hinaus.

ZEIT ONLINE: Die Delta-Variante ist deutlich ansteckender als bisherige Varianten. Ein Infizierter steckt unter Ungeimpften im Schnitt fünf bis acht andere an. Sars-CoV-2 ist damit fast so infektiös wie die Masern. Kann man es überhaupt noch eindämmen?

Sridhar: Ist Delta noch kontrollierbar? Ich weiß es nicht. Schauen Sie sich an, wie Thailand, Vietnam, Taiwan und Südkorea sich gerade mit dem Virus abmühen. Wir haben es mit einer anderen Pandemie zu tun. Delta ist ein game changer. Es ist, als säßen wir alle in der Titanic und sänken. Und die Rettungsboote, das sind die Doppelimpfungen – weiterlesen in der ZEIT.


Update 16.07. 2021:

Kein anderes Land in Europa hat seine Bevölkerung Anfang des Jahres so schnell geimpft wie Großbritannien. Das Land hatte sich früher als die EU Impfstoff gesichert und wurde vor allem von AstraZeneca mit größeren Mengen beliefert. In Großbritannien sind bereits ungefähr 53 Prozent der Bevölkerung zwei Mal geimpft, in Deutschland ungefähr 48 Prozent.*

Premierminister Boris Johnson hatte bereits Ende Februar verkündet, dass am 21. Juni in England die Corona-Maßnahmen fallen sollten. Wegen der Ausbreitung der Delta-Variante wurden die Öffnungen dann auf den 19. Juli verschoben. Noch bis zum 16. August gilt allerdings für alle Menschen, auch Geimpfte, eine Quarantänepflicht, sollten sie Kontakt zu Infizierten haben. Und die Öffnungen gelten nur für England. Schottland etwa will eine Maskenpflicht für Innenräume beibehalten.

Die Länder, die „vorpreschen” und sich für einen „Feldversuch” zur Verfügung stellen – ähnlich seinerzeit Schweden & Co..
Die wohl entscheidende Frage:
Wird die Zahl der schwer Erkrankten das Gesundheitssystem noch einmal an seine Grenzen bringen?

Bei der Infektionssterblichkeit ist die Dunkelziffer komplett ausgeleuchtet. Sie ist definiert als der Anteil derjenigen, die sterben, wenn sie sich mit Sars-CoV-2 angesteckt haben, das heißt in sie gehen auch all jene ein, die nie getestet werden, zum Beispiel weil sie keine oder nur wenige Symptome haben. Das macht es schwer, die Infektionssterblichkeit zu berechnen.

Bei der Fallsterblichkeit werden nur diejenigen berücksichtigt, die eine Covid-19-Diagnose bekommen haben, also ein statistisch erfasster Fall sind. Die Fallsterblichkeit, die etwa das Robert Koch-Institut herausgibt, ist deshalb leichter zu erfassen als die Infektionssterblichkeit. Sie ist aber extrem anfällig dafür, wie viel getestet wird. Wer sich die Fallsterblichkeit anschaut, überschätzt oft die Tödlichkeit einer Erkrankung. Je höher die Dunkelziffer, desto stärker bläht sich die Fallsterblichkeit auf.

Der Vergleich mit der Influenza, der bisher wenig hilfreich war, könnte dann wieder interessant werden. Doch vorsichtig irren war immer schon ein Gebot der Stunde, nicht erst seit Corona!

Die vierte Welle hat begonnen

Die Virusvariante Delta treibt die Infektionszahlen nach oben. Gleichzeitig sind immer mehr Menschen durch eine Impfung geschützt. Wird diesmal alles anders? – Von  und .
Sie steigt wieder, die Zahl der Corona-Infektionen in Deutschland. Zwar stecken sich aktuell bei einer Inzidenz von 8 Infektionen pro Woche und 100.000 Einwohnerinnen noch immer relativ wenige Menschen an – doch die Tendenz ist klar steigend. Die vierte Welle, so sieht es aus, hat begonnen. Fachleute gehen davon aus, dass die Zahlen in den kommenden Wochen und Monaten steil ansteigen könnten. „Wir können – wie bei der letzten Welle – am Beispiel England sehen, was auch in Deutschland passieren wird“, sagt etwa André Karch, Epidemiologe von der Uni Münster. „Die Frage ist, was wir daraus machen.“
Aktuell liegt die Inzidenz in etwa so hoch wie Anfang August 2020, der Anstieg beginnt in diesem Jahr etwas früher. Und doch ist nichts so wie im vergangenen Sommer: Die Impfungen verändern die Dynamik der Pandemie entscheidend, zugleich machen neue Virusvarianten die Situation unberechenbar. Viele der Fragen, die bisher eindeutig beantwortet werden konnten, müssen nun neu durchdacht werden. Es beginnt eine neue Phase der Pandemie – und noch fehlen dazu wichtige Daten. Die wohl entscheidende Frage: Kann die Zahl der schwer Erkrankten noch einmal so stark ansteigen, dass das Gesundheitssystem an seine Grenzen gerät? Drohen Zustände ähnlich wie in der zweiten Welle im vergangenen Winter oder der dritten Welle im frühen Frühjahr? Damals geriet das Personal in den Krankenhäusern an den Rand dessen, was es leisten kann; zumindest regional waren die Intensivstationen so voll, dass manche Patienten in Hunderte Kilometer entfernte Kliniken verlegt werden mussten. Unter einem solchen Szenario leiden, weil die Versorgungsqualität insgesamt abnimmt, nicht nur die Covid-Erkrankten, sondern auch alle anderen Patienten und das Personal. Oder schützen die Impfungen vor solchen Situationen? Folgt auf die Welle der Fallzahlen also nur ein müder Anstieg der Hospitalisierungen und Todesfälle oder wird es noch einmal kritisch?
Durch den Effekt der Impfungen führen mehr Infektionen vermutlich nicht mehr im gleichen Maß zu einer Zunahme der Schwererkrankten. Es müssen deutlich weniger Menschen ins Krankenhaus, auf die Intensivstation oder sterben. Hinzu kommt: Gerade diejenigen, die durch eine Infektion besonders stark gefährdet sind, wurden bevorzugt geimpft. Selbst wenn sich also viele Menschen anstecken, wird das Gesundheitssystem nicht mehr so stark belastet. Inzidenz und Krankheitslast entkoppeln sich mit zunehmendem Impffortschritt voneinander.

Klar ist aber auch, dass die Entkopplung nicht absolut ist. Wenn die Infektionszahlen weiter steigen, wird es auch wieder vermehrt zu ernsthaften Erkrankungen kommen. In Großbritannien landen schon jetzt wieder mehr Menschen auf der Intensivstation. Und nicht alle davon sind ungeimpft. Die Impfung schützt gut, aber nicht perfekt, vor allem nach nur einer verabreichten Dosis. Man muss außerdem davon ausgehen, dass eine schwere Infektion nach einer Impfung ausgerechnet die trifft, die ohnehin ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 haben – und die viele Länder im vergangenen Jahr nach Kräften zu schützen versucht haben. Es sind all jene, deren Immunsystem schwächer ist: Menschen, die bestimmte Krebs- oder Autoimmunerkrankungen haben oder Medikamente nehmen, die das Immunsystem bremsen, und vor allem ältere Menschen, deren Immunsystem schwächer ist als das der Jungen. Im Schnitt haben sie nach der Impfung eine schwächere Immunreaktion und deshalb auch einen weniger guten Schutz, wenn sie mit dem Virus in Kontakt kommen.

Die Überlastung der Intensivstationen kann nicht ausgeschlossen werden

All das – die Impfquote, die Schutzwirkung der Impfungen und das Verhalten des Virus – lässt sich in Modelle einspeisen. Daraus lässt sich zwar keine exakte Prognose für den Herbst ableiten, schließlich ist vor allem das Verhalten der Menschen kaum vorhersehbar, schon gar nicht über so einen langen Zeitraum. Was die Modelle aber aufzeigen, ist ein Spektrum möglicher Szenarien. Wer diese Szenarien studiert, findet gute und schlechte Nachrichten. Zunächst die guten: Epidemiologen halten es für unwahrscheinlich, dass die Zahl der Todesfälle noch mal das Niveau vom Winter erreicht, als in der Spitze mehr als 1.000 Menschen am Tag an Covid-19 starben. Das zeigt zum Beispiel eine Modellierung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig, die ZEIT ONLINE vorliegt. Die London School for Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM) kommt in einer Studie für England zu einem ähnlichen Ergebnis – selbst unter Berücksichtigung der weitreichenden Lockerungen, die dort ab Mitte Juli in Kraft treten sollen.

Entwarnung also?

Nicht ganz. An der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen hat der Mathematiker Andreas Schuppert die Zahl der Intensivpatienten modelliert. Und seine Ergebnisse klingen nicht nach großer Entspannung. Schuppert schreibt in einer noch unveröffentlichten Analyse, die ZEIT ONLINE vorliegt: „Die hohe Ausbreitungsgeschwindigkeit der Delta-Mutante kann auch bei der schon erreichten Impfquote noch zu extremen Belastungen der Intensivstationen führen“. Auch dieser Befund deckt sich mit den Zahlen der LSHTM für England. Demnach könnte in England die Zahl der Intensivpatientinnen ab dem Spätsommer oder Herbst den bisherigen Höchststand erreichen oder gar übersteigen. Dazu komme es aber nur dann, errechnen die Londoner Epidemiologen, wenn die Mobilität durch wegfallende Auflagen deutlich zunimmt, die Menschen häufiger auf Masken verzichten und der Impfschutz nach einigen Monaten etwas nachlässt. Das Virus ganz ohne Vorsicht laufen zu lassen, ist bisher nie infrage gekommen und würde die Virusausbreitung mehr als je zuvor beschleunigen.

Sowohl im Modell von Andreas Schuppert als auch in dem aus London, stellt die Überlastung der Intensivstationen das Worst-Case-Szenario dar. Man könnte sie mit „übertriebenem Leichtsinn“ betiteln. Schon moderate Vorsichtsmaßnahmen wie konsequentes Maskentragen im Inneren, regelmäßiges Testen, Quarantäne bei Symptomen und Kontaktnachverfolgung könnten zusammen mit der Impfung ausreichen, um die vierte Welle zumindest in den Krankenhäusern zu brechen. Der Helmholtz-Epidemiologe Michael Meyer-Hermann spricht von „weichen Mitteln“ zur Viruseindämmung und einer „Kultur der Achtsamkeit“. Den Rest erledigen im besten Fall die Impfungen. Wichtig ist: Je länger man die Welle laufen lässt, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass man weitreichendere Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen braucht, um eine Überlastung zu verhindern. Entscheidend wird in jedem Falle sein, wie viele Menschen, die noch nicht geimpft sind, sich in den kommenden Wochen impfen lassen werden. Ausschlaggebend ist dabei der Anteil unter den 12- bis 59-Jährigen (Jüngere können derzeit nicht geimpft werden, Ältere sind zum größten Teil schon geschützt). Eine kürzlich erschienene Studie des Robert Koch-Instituts macht das deutlich: Verharrt die Impfquote bei 65 Prozent, ist eine größere Welle an Intensivpatienten sehr wahrscheinlich; lassen sich dagegen 85 Prozent impfen, lässt sich die Zahl der Erkrankten durch moderate Schutzmaßnahmen niedrig halten.

Die Inzidenzen bleiben ein wichtiger Faktor.

Wenn sich die Fall- und die Todeszahlen zunehmend entkoppeln, wird sich auch die Bedeutung und die Bewertung der bisher wichtigsten Kennzahl – der Inzidenz – verändern. Die Krankenhäuser werden erst die Belastung von höheren Inzidenzen spüren. Irgendwann aber könnten sie trotzdem an ihre Grenzen kommen. Mindestens die doppelte Inzidenz als bisher kann das System wohl verkraften, glauben Fachleute, vielleicht auch die vierfache oder mehr – wobei zwischen diesen Werten wohlgemerkt nur ein, zwei Verdopplungsschritte liegen. Im exponentiellen Wachstum sind das nur ein paar Tage. Um die Situation besser einschätzen zu können, will das RKI in Zukunft auch die Zahl aller Krankenhauseinweisungen mit Covid-19 erfassen und für die Bewertung der Situation hinzuziehen. Aufgeschlüsselt nach Impfstatus und Virusvariante könnte das wertvolle Erkenntnisse liefern. Bisher wurde nur die Zahl der Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen systematisch erfasst. Das bedeutet aber nicht, dass die Inzidenz vollkommen unwichtig werde, sagt Meyer-Hermann. Sie sei weiterhin der „beste Indikator“. Trotz Impfung lasse sich aus ihr die zu erwartende Belastung des Gesundheitssystems ablesen, lediglich die Höhe, ab der es kritisch wird, verschiebe sich nach oben. Und die Zahl der Neuinfektionen besagt weiterhin, wie viel Arbeit in den Gesundheitsämtern bei der Kontaktnachverfolgung anfällt.

Sollten die Infektionszahlen noch einmal stark ansteigen, dann ist außerdem zu erwarten, dass ein Teil der Infizierten langfristig unter den Folgen der Infektion mit Sars-Cov-2 leidet. Noch ist nicht wirklich klar, wie viele Menschen Long Covid wie hart trifft und wie lange die Probleme anhalten, auch weil es vielen Studien an einer Kontrollgruppe mangelt und man sich nicht immer einig ist, womit man die Long-Covid-Patienten eigentlich vergleichen soll: mit Menschen, die ansonsten gesund sind, oder mit solchen, die einen schweren Virusinfekt wie eine Influenza oder Pfeiffersches Drüsenfieber hinter sich haben? Das macht es schwierig, das Risiko, das Long Covid für die Bevölkerung darstellt, realistisch einzuschätzen. Klar aber ist: Selten ist das Problem nicht. So fand erst kürzlich eine methodisch gute Studie, dass selbst viele Menschen unter 30, die wegen ihrer Corona-Infektion nicht ins Krankenhaus mussten, noch ein halbes Jahr später diverse Probleme hatten (Nature Medicine: Blomberg et al., 2021). So litt eine von vier Studienteilnehmerinnen an Geschmacks- und Geruchsverlust, fast jede Fünfte an schwerer Erschöpfung und jede Zehnte an Konzentrationsstörungen oder Atemnot. Die Immunologin Carmen Scheibenbogen von der Berliner Charité schätzt, dass ungefähr ein bis zwei Prozent der Infizierten später ein Chronisches Fatigue Syndrom bekommen, also extreme Erschöpfungszustände, die viele Menschen arbeitsunfähig machen.

Noch schlechter als bei Erwachsenen ist die Datenlage zu Long Covid bei Kindern – wobei das Syndrom zumindest deutlich seltener sein dürfte als bei Erwachsenen. Das ist ein Problem, denn wenn die Zahlen wieder stark steigen und die Sommerferien enden, wird es an Schulen, wo nun mal kaum jemand geimpft ist, zu vielen Ansteckungen kommen. Dann wird abgewogen werden müssen, was für Kinder problematischer ist: andauernde Schulschließungen oder eine Infektion. Es wird nun, wo die Impfungen das Virus, zumindest in Deutschland und anderen westlichen Ländern, zu zähmen beginnen, vermehrt darum gehen, welches Risiko eigentlich akzeptabel ist. Den Begriff „allgemeines Lebensrisiko“ dürfte man in Zukunft häufiger hören, genau wie die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Eingriffen.

Auch der Vergleich mit der Influenza, der bisher wenig hilfreich war, könnte dann wieder interessant werden. Wenn die Infektionssterblichkeit, wie die englischen Daten vermuten lassen, aufgrund der Impfungen wirklich nur noch der Bruchteil eines Prozents ist, dann ähnelt sie der einer schweren Influenzasaison. Allerdings gilt es auch hier, vorsichtig zu sein. Denn erstens sorgen auch schwere Influenzasaisons wie die 2017/18 für erhebliche Belastungen des Gesundheitssystems. Und zweitens scheinen saisonale Influenzawellen deutlich behäbiger zu verlaufen als bisherige Corona-Wellen. Der R-Wert, der angibt, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt, liegt bei der saisonalen Influenza bei gerade einmal 1,3 (BMC Infectious Diseases: Biggerstaff et al., 2014), der der Corona-Deltavariante Schätzungen zufolge bei 5 bis 8, wenn sich das Virus dank fehlender Immunität frei bewegen kann. Corona sorgt gegenwärtig also für deutlich explosivere Anstiege. Das lässt sich aktuell beispielsweise in den Niederlanden beobachten, wo sich bei einer mit Deutschland vergleichbaren Impfquote die Fallzahlen alle zwei Tage verdoppelten. Und bei einer derart rasanten Dynamik sorgt die schiere Menge der gleichzeitig Infizierten – auch wenn nur sehr wenige krank werden – für große Belastungen.

Klar ist, dass zu vieles noch unklar ist:

Von der Abschätzung des Impfschutzes älterer Menschen bis zur Frage der Impfakzeptanz und Long Covid bei Kindern. Es bleibt viel Raum sich zu irren, den Fortschritt zu über- und das verbleibende Risiko zu unterschätzen. Und vielleicht sollte man in einer derartigen Situation im Zweifel lieber auf der Seite der Vorsicht irren.


Update 10.07. 2021.

Aktuelle Zahlen zum Coronavirus:

In welchen Grafiken lässt sich die Dynamik der Pandemie am besten abbilden? Der ständig aktualisierte Daten-Überblick der SZ wurde angepasst und enthält nun auch Werte zu Intensiv-Fällen und Gesamtsterblichkeit.Von Christian Endt und Benedict Witzenberger. Dieser Artikel zeigt die wichtigsten Zahlen und Grafiken zum Verlauf der Corona-Pandemie. Der obere Teil widmet sich der Situation in Deutschland – im Bezug auf Infektionen, Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, Todesfälle und Impfungen. Sofern möglich, werden die Daten differenziert nach Regionen und Altersgruppen dargestellt.

Dieser Artikel zeigt die wichtigsten Zahlen und Grafiken zum Verlauf der Corona-Pandemie. Der obere Teil widmet sich der Situation in Deutschland – im Bezug auf Infektionen, Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, Todesfälle und Impfungen. Sofern möglich, werden die Daten differenziert nach Regionen und Altersgruppen dargestellt – zum SZ-Artikel.

Daten zur Pandemie


Update 03.07. 2021

Angst vor dem „Vermögensteuer-Virus“:
Der neue Run zur LGT, auf Stiftungen in Liechtenstein.

Die Beratung zu Steuersparmodellen mit Hilfe von Stiftungen im Fürstentum boomt. Experten warnen jedoch vor einer übereilten Flucht ins Ausland. Die Pläne mehrerer deutscher Parteien, nach der Bundestagswahl im September eine Vermögenssteuer einzuführen, verunsichern vermögende Deutsche. Auf der Suche nach Möglichkeiten, eine solche Steuer zu umgehen, boomt die Beratung zu Modellen mithilfe Liechtensteinischer Familienstiftungen. „Die Zahl der Anfragen ist sprunghaft angestiegen“, sagt etwa Thorsten Klinkner, Geschäftsführer der auf Stiftungen spezialisierten Rechts- und Steuerberatungsgesellschaft Unternehmerkompositionen. „Die mögliche Wiedereinführung einer Vermögenssteuer treibt sehr viele Unternehmer und Investoren um.“Ein für den deutschen Markt verantwortlicher Treuhänder in Liechtenstein bestätigt: „Wir erhalten beinahe jede Woche neue Anfragen von deutschen Kunden.“ Sie reagieren damit auf die Wahlprogramme der Parteien im Bundestagswahlkampf: Die SPD fordert eine Vermögenssteuer in Höhe von einem Prozent pro Jahr ab zwei Millionen Euro.Sehr große Vermögen sollen mit bis zu zwei Prozent besteuert werden. Auch die Grünen fordern eine Vermögenssteuer für „Superreiche“. Die Linke will Vermögen ab einer Millionen Euro mit fünf Prozent besteuern. Und Friedrich Merz, Finanzexperte im Schattenkabinett von CDU-Chef Armin Laschet, zeigte sich im Handelsblatt-Interview offen für eine höhere Erbschaftssteuer. Der Treuhänder, der bei einer großen Beratungsgesellschaft in Vaduz arbeitet, erwartet nicht, dass das Interesse abreißt: „Ich denke, das wird sich eher noch verstärken.“

Liechtenstein lockt mit tiefen Steuersätzen

Für den Finanzplatz Liechtenstein ist es eine Art Comeback: „Der Beratungsbedarf im Bereich Vermögensschutz ist aktuell sehr hoch“, sagt Lutz Schmidt, Steuerberater und Partner bei der Legal-Tax-Solutions-Partnerschaft in Düsseldorf. So ist die Vermögensteuer in Deutschland nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts lediglich ausgesetzt. Die Gesetzestexte müssten jedoch so angepasst werden, dass sie in Karlsruhe Bestand haben. Zudem gilt bei Steuerexperten die Erbschaftsteuer theoretisch als geeignet, um eine einmalige Corona-Abgabe einzuführen – weiterlesen im Handelsblatt.


Update 27.6. 2021

So spült das Leben!

Wie viel Chilisauce haben die Leute gegessen, wie viel Koks gezogen, wie viele Viren tragen sie in sich?
Jörg Drewes weiß, was das Abwasser alles über die Menschen erzählt.
Dumm nur, dass die Politik das so lange nicht verstehen wollte – Text: Josef Wirnshofer, Fotos: Friedrich Bungert.

Schließlich sammelten sie dort, wo das Abwasser der Stadtbewohner ankommt: in den Kläranlagen. Und sie fanden das Corona-Virus. Genauer gesagt das, was von Sars-CoV-2 dann noch übrig ist: das Kapsid, die Proteinhülle, in der die genetischen Baupläne hinterlegt sind. Wenn das Coronavirus den Körper befällt, macht es sich erst mal in den oberen Atemwegen breit. In der Nase, den Nebenhöhlen, im Rachen. Natürlich auch im Speichel, wozu sonst die Masken. Schluckt man, landet es im Magen. Ein pH-Wert um die 1 bis 2. Extrem sauer. Mag das Virus nicht. Jörg Drewes kann sich vorstellen, dass die äußere Proteinhülle – die kleinen Stempel, die aussehen wie Nelken – schon im Magen angegriffen wird.

Sicher ist, dass die Klospülung das Virus aus dem Haus schwemmt. Dass sie es in die Kanalisation treibt, wo es auf Spülwasser trifft und auf Rückstände aus der Waschanlage. Auf Dreckwasser, Nudelwasser, garstige Gesellschaft. Kann sein, dass Bakterien auf seine Hülle einprügeln. Kann sein, dass Hitze oder Kälte sie aufreiben, oder wieder ein unwirtlicher pH-Wert. Hat das Virus Pech, treibt es durch eine Großstadt und ist zehn, fünfzehn Kilometer unterwegs. Bei seiner Ankunft im Klärwerk dürfte es reichlich ramponiert sein. Das Genom aber, die RNA, ist intakt. Drewes und seine Leute können sie mit den passenden Primern aufspüren, extrahieren – und ein kleines Stück in die Zukunft schauen.

Die Pandemie war noch nicht alt, man teilte die Zeit noch nicht in Wellen, als Drewes eine Förderung für sein Modellprojekt beantragte. Er war längst überzeugt davon, dass sich mit den Biomarkern im Abwasser ein Frühwarnsystem aufbauen lässt. Auch Kollegen in den Niederlanden und Italien testeten das Abwassermonitoring als Waffe gegen die Seuche. Im April 2020 stellte er seinen Antrag beim Bildungsministerium. Es dauerte Monate, dann kam die Absage.

Er erklärt die Vorteile an einem PCR-Test, von der Infektion bis zu dem Moment, von dem an ein Fall in den offiziellen Zahlen auftaucht. Drewes beginnt, die Tage an seiner Hand abzuzählen. Wer sich infiziert hat, muss das erst mal merken – erster Finger. Der Patient braucht einen Testtermin, wenn’s blöd läuft, dauert das einen Tag – zweiter Finger. Der Abstrich, die Laboranalyse, der Befund – nächster Finger. Die Meldung ans Gesundheitsamt, die Weitermeldung ans Landesgesundheitsamt und schließlich ans RKI, „sehen Sie, wie hier die Finger hochgehen?“

Dann fährt er seine Finger wieder ein, noch ein Zahlenspiel, diesmal eines zum Abwasser: Leute, die sich infiziert haben, scheiden das Virus aus. Wenn am Mittwoch die Proben in Berchtesgaden rechtzeitig in den Expressversand gehen, kann das Partnerlabor in Karlsruhe sie am Donnerstag analysieren. Läuft alles gut, bekommt Drewes die Befunde am Freitag, arbeitet sie durch, tippt seinen Bericht und schickt ihn am selben Tag an den Krisenstab. Im Idealfall 48 Stunden. Zwei Finger – weiterlesen in der SZ.


Antikörper vs. Impfung!
Wie sinnvoll eine Impfung für Genesene ist?

Oskar Paulicks erwischte ihn gleich mit der ersten Welle. Das Fieber stieg, dann kamen die Atemprobleme. Der PCR-Test bestätigte: Corona. Es folgten sechs Tage Krankenhaus. Das war im März 2020, als kaum einer eine Maske trug oder Abstand hielt, die Schulen noch offen waren und die Politiker gerade anfingen, über Hygieneregeln zu debattieren. Wo Oskar Paulicks sich angesteckt hat, weiß er nicht. Vielleicht in der S-Bahn, möglicherweise als Berufsschullehrer in München bei der Arbeit, sicher nicht daheim. Längst geht es dem Abteilungsleiter des TSV Unterhaching wieder gut. Doch weil seine Infektion mehr als sechs Monate zurückliegt, gilt er nicht mehr als Genesener. Will er in den Genuss von Lockerungen kommen, muss er sich impfen oder ständig testen lassen. Doch mehr als ein Jahr nach der Erkrankung hat der 66-Jährige noch immer einen sehr hohen Antikörpertiter. Auch T-Zellen, die Schutz vor dem Virus bieten, wurden durch einen Test nachgewiesen. Seine Hausärztin hatte dies das erste Mal im März, also ein Jahr nach der Covid-Erkrankung, festgestellt; ein erneuter Test an diesem Mittwoch bestätigte sogar einen noch höheren Wert. Paulicks fragt sich daher: Macht eine Impfung überhaupt Sinn?

Die Anzahl der Antikörper lasse keinen sicheren Rückschluss auf den Schutz vor einer Infektion zu

So wünscht sich Paulicks das auch und hat sich deshalb an das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen gewandt, weil der Münchner dort seinen ersten Wohnsitz hat. Die Behörde hat ihn allerdings an die Ministerien verwiesen. Im Bundesgesundheitsministerium in Berlin bleibt man aber dabei, dass ein Antikörpertest nicht ausreicht, um eine überstandene Covid-19-Erkrankung nachzuweisen. Wie eine Sprecherin der SZ mitteilt, lasse die Anzahl der Antikörper keinen sicheren Rückschluss auf den Schutz vor einer Infektion zu. Die nachgewiesenen Antikörper seien nicht immer wirksam, zudem könnten auch andere Coronaviren den Antikörpernachweis verursachen. Dieser lasse auch keinen Rückschluss auf den Zeitpunkt der Infektion zu. Das bayerische Gesundheitsministerium verweist darauf, dass Antikörper im Mittel in der zweiten Woche nach Symptombeginn nachweisbar seien. Im Verlauf nehme der Titer neutralisierender Antikörper wie auch der Gesamt-IgG-Antikörper ab, insbesondere bei Personen mit milder oder asymptomatischer Infektion.

In Wuhan sei festgestellt worden, dass man neun Monate nach der Erkrankung noch „ganz gute Antikörperantworten“ hat. Zweimal Geimpfte hätten fast immer einen höheren Titer als Genesene; Genesene, die einmal geimpft wurden, den höchsten. Eine im New England Journal of Medicine publizierte Studie der Icahn School of Medicine at Mount Sinai New York ergab zudem, dass nach der ersten Impfung die Titer von Genesenen zehn bis 20 Mal höher lagen als bei den zuvor nicht infizierten Probanden.

Aktuell wird sich Paulicks impfen lassen müssen, will er die gleichen Freiheiten genießen wie andere. Er sei prinzipiell absolut für das Impfen, betont er. Nur hält er es in seinem Fall für nicht notwendig, zumal es derzeit nicht genügend Impfstoff gebe. Auch stellt sich natürlich die Frage nach etwaigen medizinischen Folgen, impft man Personen mit einem hohen Antikörpertiter. Das RKI teilt dazu mit: „Bei Personen mit durchgemachter Sars-CoV-2-Infektion kann es nach der Impfung zu vorübergehenden verstärkten systemischen Reaktionen kommen. Nach den bisher vorliegenden Daten gibt es aber keinen Hinweis darauf, dass die Impfung in diesen Fällen eine relevante Gefährdung darstellt.“ – Vollständigen Artikel in der SZ lesen.


Update 25.06.2021

Die Delta-Variante ist ein Game-Changer

Die Pandemie in Israel schien beendet, sogar die Maskenpflicht wurde aufgehoben. Doch plötzlich erlebt das Land wieder Ausbrüche, die Delta-Variante tritt vor allem an Schulen auf. Und die Regierung ändert ihre Impfstrategie.

Ein Vorbote für Deutschland?

Eigentlich hätte jetzt gefeiert werden sollen. Das Schuljahr in Israel endet, die großen Sommerferien beginnen. Die Grundschulen hatten Theateraufführungen geplant, Tänze und Musik. Doch nun müssen die Kleinen vor leeren Rängen auftreten. Die zentralisraelische Stadt Modiin hat die Eltern aufgefordert, von den Schulen fernzubleiben. Die Corona-Pandemie in Israel schien bereits beendet. Die Zahl der Neuinfektionen war unter zehn pro Tag gesunken. Vergangene Woche hatte die Regierung alle verbliebenen Restriktionen wie das Maskengebot in Innenräumen aufgehoben. Nun erlebt das Land plötzlich einen neuen Ausbruch. Am Donnerstag lagen die Infektionszahlen den vierten Tag in Folge über 100. Rund die Hälfte der Neuinfizierten seien Schüler, sagt das Gesundheitsministerium. An knapp 30 Schulen im Zentrum des Landes wurden lokale Ausbrüche gemeldet. Mehr als 6000 Schüler und 100 Lehrer wurden aufgefordert, sich zu Hause zu isolieren. In Modiin und Binyamina wurde die Maskenpflicht an Schulen wieder eingeführt.

Besorgniserregend sei, heißt es aus dem Gesundheitsministerium, dass zwischen 40 und 50 Prozent der Neuinfizierten vollständig geimpft seien. An mindestens zwei Schulen wurden geimpfte Lehrer positiv getestet. Der aktuelle Ausbruch geht demnach auf Reisende zurück, die aus dem Ausland wiedergekehrt sind und sich nicht an die Quarantänepflicht gehalten haben. Der Großteil der Betroffenen hat sich mit der sogenannten Delta-Variante infiziert, die erstmals in Indien nachgewiesen wurde und weitaus ansteckender ist als andere bekannte Mutationen des Virus.

Die Regierung rät, Kinder schnellstmöglich zu impfen

Israel erlebt ein Déjà-vu. Die neue Regierung hat das sogenannte Corona-Kabinett neu aufgelegt, welches die Pandemie gemanagt hatte und bereits aufgelöst worden war. Das Kontaktverfolgungssystem wird wieder hochgefahren. Und die Armee hat ihre Corona-Taskforce angeordnet, die Zelte doch noch nicht wie geplant abzubrechen.

Am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv wurden die Testkapazitäten verstärkt. Eigentlich muss jeder Einreisende einen PCR-Test machen und sich bis zum Ergebnis zu Hause isolieren. Doch die Teststationen waren zeitweise so überlastet, dass sie Ankommende ohne Kontrolle durchwinkten.

Update 23.06.2021

Am Montag stellte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in einem Interview mit der Funke Mediengruppe ein schrittweises Ende der Maskenpflicht bei weiterhin fallenden Inzidenzwerten in Aussicht: Im ersten Schritt könne die Maskenpflicht draußen grundsätzlich entfallen. Wolfgang Kubicki (FDP) stieg mit ein und forderte eine vollständige Aufhebung der Pflicht, auch in Innenräumen. Eine Maskenpflicht hätte bei dauerhaften Sieben-Tage-Inzidenzwerten unter 35 keine rechtliche Grundlage mehr. Karl Lauterbach von der SPD warf Kubicki daraufhin vor, „Wahlkampf mit der Gesundheit der Bürger“ zu betreiben.

Hier geht es gut ohne Maske

Und was sagen die Wissenschaftler und Experten? Aus seiner Sicht spreche nichts dagegen, die Maskenpflicht in Außenbereichen auszusetzen, sagt Epidemiologe Hajo Zeeb. Es gebe viele Argumente dafür: „Wir haben hohe Temperaturen und UV-Einstrahlung draußen, was für den Virus eher nicht so gut ist, und an der Luft verteilen sich die Aerosole schnell und gut. Außerdem haben wir sehr niedrige Inzidenzzahlen und immer mehr Geimpfte.“

Nur bei Gedränge oder gut besuchten Außenveranstaltungen mahnt er zur Vorsicht, im Zweifel sollte man dann lieber die Maske aus der Tasche holen. Diesen Empfehlungen folgt die Politik: In vielen Bundesländern, beispielsweise in Rheinland-Pfalz, wurde die Maskenpflicht im Freien bereits aufgehoben, nur bei Gedränge gilt sie weiterhin. Zuvor galt sie vielerorts beispielsweise in Innenstädten oder Parks unabhängig von der Personendichte.

Bei der Schulfrage ist es etwas komplizierter. Tatsächlich werden in vielen Bundesländern aktuell die Maskenregelungen für jüngere Kinder gelockert. Peter Walger aus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene fordert gar, die Maskenpflicht für Kinder unter zehn Jahren dort sofort zu beenden. Von ihnen gehe keine wirkliche Gefahr aus, sagt Walger. Gegenwärtig ist die Studienlage noch uneindeutig, auch wenn aus den bisherigen Daten hervorgeht, dass Kinder sich insgesamt seltener mit dem Virus infizieren (zum Beispiel Jama Pediatrics: Viner et al., 2020), vor allem jüngere. „Kinder über zehn ähneln mit zunehmendem Alter dann dem Risikoprofil der Erwachsenen“, sagt Walger.  Für sie solle es abgestufte Empfehlungen geben. „Wobei auch hier die Tendenz ist, die Pflicht komplett aufzuheben, einfach weil das Risiko, sich in der Schule überhaupt anzustecken, deutlich geringer ist im Vergleich zum privaten Umfeld“.

Hajo Zeeb, der an einer Leitlinie über sichere Schulen in der Corona-Pandemie mitgeschrieben hat, wünscht sich, dass verschiedene Faktoren berücksichtigt werden. Sind die Fallzahlen lokal niedrig? Und zwar nicht nur im eigenen Landkreis, sondern auch in der Umgebung? Wie sieht die altersspezifische Inzidenz aus? Zeeb sagt, die Diskussion um Masken an Schulen sei eine schwierige. „Die Frage ist: Neigt man eher dazu mutig zu sein oder vorsichtig?“ Wo die Rahmenbedingungen gut sind und die Zahlen dauerhaft niedrig, könne man die Maskenpflicht durchaus aufheben, sagt der Epidemiologe. „Insgesamt aber ist meine Einstellung: Warum nicht bis zu den Sommerferien noch durchhalten?“ Tatsächlich wird die Impfquote nach den Sommerferien noch einmal substanziell höher sein – weiterlesen in der ZEIT.


Update 21.06.2021

Die Delta-Variante hat mehrere Mutationen. Während das Coronavirus zirkuliert, mutiert es ständig, das ist ganz normal. Manchmal machen diese Mutationen das Virus effektiver, etwa wenn es sich Impfungen entzieht, manchmal machen sie das Virus weniger effektiv, und oft machen sie überhaupt keinen Unterschied.

Die genauen Funktionen der Delta-Mutationen sind bisher nicht wissenschaftlich erforscht. Bisher bekannt sei aber, dass die Mutationen dem Virus erlauben, sich einfacher an die Zellen der Menschen zu binden und einigen Immunreaktionen zu entgehen, sagt Deepti Gurdasani, klinische Epidemiologin an der Queen Mary University of London, im DW-Interview. Neben Delta gibt es noch die Delta-Plus-Variante (oder AY.1). Diese Variante sei noch übertragbarer und resistenter gegen die bisher zugelassenen Impfstoffe, so Gurdasani, ist aber laut der Seite PANGO Lineages bisher kaum verbreitet.

Wie verbreitet ist die Delta-Variante?

Die Delta-Variante ist weltweit immer mehr verbreitet. Sie wurde laut WHO bisher in über 80 Ländern festgestellt – Tendenz steigend. Die meisten Fälle meldet Großbritannien, wo die Variante bereitsmehr als 46.000 Mal (Stand 17.06.2021) identifiziert wurde. Es folgen nach Daten der Gisaid-Initiative Indien, die USA und Deutschland. Lesen Sie mehr: Delta-Variante breitet sich auch in Deutschland aus

Ist die Delta-Variante ansteckender?

Wissenschaftliche Studien darüber gibt es noch nicht viele. Maria Van Kerkhove, Covid-19 Technical Lead der WHO, schrieb auf Twitter, dass die Delta-Variante ansteckender sei als die Alpha-Variante und der Wildtyp des Coronavirus. Auch die Corona-Zahlen in Großbritannien deuten auch auf eine höhere Ansteckungswahrscheinlichkeit hin. Zwischen dem 2. und 9. Juni stieg die Zahl der Infektionen um 30.000 rapide an. Dies geht einher mit der immer stärkeren Ausbreitung der Delta-Variante. Über 90 Prozent der Menschen, die sich aktuell in Großbritannien mit dem Coronavirus anstecken, tun dies mit der Delta-Variante, so Daten von Public Health England (PHE), einer Behörde des britischen Gesundheitsministeriums. Einer weiteren Studie des PHE zufolge steigt die Chance, sich im eigenen Haushalt mit der Variante anzustecken, um 64 Prozent im Vergleich zu der Alpha-Variante des Coronavirus. Das bestätigt auch die Wissenschaftlerin Gurdasani: „In Indien stellten wir fest, dass die Delta-Variante sich schneller verbreitete als die Alpha-Variante, die zunächst in Großbritannien festgellt wurde. Und das ist besorgniserregend, denn wir wussten ja schon, dass die Alpha-Variante ansteckender als der Wildtyp war.“ Gurdasani geht von einer verdreifachten Übertragungswahrscheinlichkeit aus.

Ist die Delta-Mutation tödlicher?

Bisher gibt es wenig wissenschaftliche Daten dazu, ob die Delta-Variante wirklich mehr Todesfälle hervorruft als andere Varianten. Fest steht aber: In Großbritannien sind der PHE zufolge bereits gegen COVID-19 geimpfte Menschen an einer Infektion mit der Delta-Variante verstorben. Sieben Menschen starben an einer Delta-Infektion 21 Tage nach der ersten Dosis, und zwölf weitere mehr als zwei Wochen nach der zweiten Dosis. Verglichen mit der Alpha-Variante führen der PHE zufolge Infektionen mit der Delta-Variante zu mehr Hospitalisierungen von Patienten. In Großbritannien stieg die Hospitalisierungsrate zuletzt rapide an: Mehr als 1.300 Menschen kamen zwischen dem 7. und 13. Juni wegen einer COVID-19 Erkrankung ins Krankenhaus – 43 Prozent mehr als noch eine Woche zuvor. Wichtig ist dennoch, dass immer mehrere Faktoren eine Rolle spielen, ob ein Mensch an Corona stirbt oder nicht, wie beispielsweise Vorerkrankungen. „Wir brauchen mehr Informationen, um festzustellen: Ist es wirklich die Variante selbst oder ist es eine Kombination von Faktoren?“ so Van Kerkhove von der WHO. Auch überlastete Gesundheitssysteme könnten dazu führen, dass Menschen nicht die nötige Versorgung erhielten – und dann versterben könnten.

Schützen die Corona-Impfstoffe gegen die Delta-Variante?

Aktuellen Erkenntnissen zufolge schützen sowohl die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer als auch der Impfstoff von AstraZeneca vor einem schweren Verlauf mit der Delta-Variante – wobei die Schutzwirkung geringer ist als gegen den Wildtyp und die Alpha-Variante. Einer PHE-Studie zufolge, die noch begutachtet werden muss, sollen zwei Dosen der oben genannten Impfstoffe stark vor eine Hospitalisierung schützen. BioNTech/Pfizer soll nach der ersten Impfung bereits zu 94 Prozent vor einer Hospitalisierung schützen, nach der zweiten Dosis sogar zu 96 Prozent. Mit AstraZeneca geimpfte Menschen sind nach der ersten Impfung zu 71 Prozent davor geschützt, einen schweren Verlauf mit Krankenhausaufenthalt zu haben – nach der zweiten sogar zu 92 Prozent.

DIE REDAKTION EMPFIEHLT:

 


Update 17.06.2021

Den Sommer mag das Virus nicht – ein Artikel der SZ.

Forscher haben berechnet, wie stark die Sommertage das Coronavirus ausbremsen – mit erstaunlichen Ergebnissen. Woran das liegen könnte und warum wir uns trotzdem nicht auf ein Wunder verlassen sollten – von Hanno Charisius.

Jahr für Jahr verschwindet das Influenzavirus im Frühling, die Grippewelle ebbt ab, und schon im Mai kann man kaum noch glauben, dass vor wenigen Wochen noch Menschen durch diesen Erreger gestorben sind. Doch im Herbst kehrt das Virus zurück, und die nächste Influenza-Saison beginnt. Es spricht viel dafür, dass sich auch Sars-CoV-2 so verhalten wird. Wie andere Coronaviren hat auch der neue Erreger eine Vorliebe für den Winter und zieht sich im Sommer zurück. Die Frage ist, wie stark dieser saisonale Effekt bei Sars-CoV-2 ist.

Dazu gibt es bereits viele Untersuchungen mit einer großen Spannbreite von Ergebnissen. Am Wochenende gesellte sich eine weitere Studie hinzu, die zu einem erstaunlichen Resultat kommt. Die Arbeitsgruppe um den theoretischen Physiker Jan Kulveit von der University of Oxford schätzt, dass die Reproduktionszahl R im Sommer rund 40 Prozent niedriger ist als im Winter. Die Zahl gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person durchschnittlich ansteckt. Ohne jegliche Gegenmaßnahmen wird die Reproduktionszahl für Sars-CoV-2 vom Robert-Koch-Institut (RKI) auf 2,8 bis 3,8 geschätzt. Am Mittwoch berechnete das RKI für Deutschland einen R-Wert von 0,72. Das heißt: 100 Infizierte geben das Virus an 72 Menschen weiter.

In diese Zahl spielt der Saisoneffekt hinein und alle Maßnahmen, die zur Abwehr der Viren getroffen werden: Abstand, Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln, Masken, Impfungen, Zahl der Genesenen. Wenn neue Virus-Varianten auftreten, die infektiöser sind als ihre Vorgänger, so beeinflusst auch das die R-Zahl. So wird geschätzt, dass die Alpha-Variante, die vor Weihnachten zuerst in England entdeckt wurde, die Reproduktionszahl im Vergleich zum unveränderten Virus um 50 Prozent angehoben hat. Die jüngere Delta-Variante, die sich zuerst in Indien verbreitet hat, erhöht diesen Wert grob geschätzt nochmals um 50 Prozent.

Ab einer Luftfeuchtigkeit von 60 Prozent sinkt die Infektionsgefahr deutlich.

Das Team um Kulveit betrachtete das Infektionsgeschehen verschiedener Regionen Europas und rechnete auch den Effekt verschiedener Maßnahmen gegen das Virus heraus. So kommen die Wissenschaftler in ihrem Bericht, der noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet wurde, auch zu einem Vergleich zwischen Saisoneffekt und Schutzmaßnahmen. Die berechnete Saisonalität liegt demnach etwa in der Größenordnung des Effekts von Schulschließungen oder vom Verbot von Treffen zwischen mehr als zehn Personen. Doch zusammengerechnet vermindern die Corona-Maßnahmen auch in dem neuen Modell die Ausbreitung des Virus weitaus effektiver als allein der Saisoneffekt.

Dass es einen solchen gibt, ist unstrittig. Andere Coronaviren zeigen ebenfalls eine ausgeprägte Saisonalität. Auch die meisten anderen Erreger akuter Atemwegserkrankungen verbreiten sich in den kalten Jahreszeiten besser. Influenza ist da nur ein typisches Beispiel. „Wobei man sagen muss, dass wir bis heute nicht genau verstehen, was die Saisonalität respiratorischer Viren wirklich ausmacht. Diese Frage haben wir auch bei Influenza bis heute nicht befriedigend beantwortet“, sagt Infektionsforscher Ralf Bartenschlager von der Universität Heidelberg, Präsident der Gesellschaft für Virologie.

Es gibt ein paar generelle Faktoren, die beeinflussen, wie gut sich Viren übertragen. Einige Erreger kommen zum Beispiel mit Hitze nicht gut klar. Erreger, die wie Sars-CoV-2 per Aerosol oder Tröpfchen übertragen werden, leiden unter hoher Luftfeuchtigkeit, weil die feinen Tröpfchen Feuchtigkeit binden und zu Boden sinken. „Ab einer Luftfeuchtigkeit von 60 Prozent sinkt die Infektionsgefahr deutlich“, sagt der Virologe Ulf Dittmer vom Universitätsklinikum Essen. Die im Sommer verstärkte UV-Strahlung der Sonne könne zudem das Erbgut der Viren zerstören und sie „innerhalb von Minuten unschädlich machen“. Auch die Immunabwehr der Menschen habe es im Sommer leichter, „wir ernähren uns besser und bewegen uns mehr, das verbessert die Immunabwehr“, sagt Dittmer. Zudem spiele das menschliche Verhalten eine wesentliche Rolle, mehr Aufenthalte im Freien bremsen die Verbreitung.

Kulveit und sein Team warnen in ihrem Aufsatz davor, ihre Modellrechnungen falsch zu verstehen. Infektionen und auch größere Ausbrüche seien auch im Sommer möglich, schrieb Kulveit auf Twitter. Im Brasilien und auch in Südafrika gab es katastrophale Ausbruchswellen im Sommerhalbjahr, was auch zeigt, dass die aktuellen Berechnungen nicht auf alle Teile der Welt übertragbar sind. Auf gar keinen Fall sei der Saisoneffekt groß genug, um auf Schutzmaßnahmen wie Abstand, Masken und Lüften zu verzichten. Vorsichtiges Verhalten sei weiter notwendig.

Auch dürfe man die sinkenden Fallzahlen nicht als Impferfolg oder zunehmende Gruppenimmunität missverstehen. Als im vergangenen Sommer die Fallzahlen gen null sanken, wurden Schutzmaßnahmen reduziert und die Menschen waren nicht mehr so vorsichtig. Trotzdem blieben die Infektionszahlen niedrig. Doch schon im September reichte das nicht mehr aus, und wenige Wochen später türmte sich eine gewaltige zweite Welle auf. Das könnte auch im kommenden Herbst wieder geschehen.


Update 28.03.2021

Epidemiologischer Steckbrief zu SARS-CoV-2 und COVID-19 vom RKI

Stand: 18.3.2021

Und ein Faktencheck: HINTERGRUND

Coronavirus-Faktenchecks: Diese Behauptungen hat CORRECTIV geprüft

Rund um das neuartige Coronavirus und die damit verbundene Pandemie werden seit Wochen zahlreiche Falschinformationen und Halbwahrheiten verbreitet – vor allem in den Sozialen Netzwerken. Hier sind alle Faktenchecks im Überblick.

Über das neuartige Coronavirus kursieren zahlreiche Behauptungen. Das Faktencheck-Team von CORRECTIV veröffentlicht seit Wochen Faktenchecks dazu. (Symbolbild: Ivo Mayr/Correctiv)

Seit Anfang 2020 beherrscht das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 die Berichterstattung. Auch Desinformationen rund um das Virus und die Lungenkrankheit Covid-19 sind an der Tagesordnung. Die Behauptungen verbreiten sich vor allem über die Sozialen Netzwerke, zum Beispiel Facebook oder Whatsapp.

Diese Behauptungen hat das Team von CORRECTIV.Faktencheck seit Januar 2020 überprüft.

(Achtung: Alle Informationen in den Faktenchecks geben den jeweiligen Stand der Dinge zu dem Zeitpunkt wieder, an dem sie veröffentlicht wurden. Und ein Tipp: Durchsuchen Sie den Artikel mit der Tastenkombination STRG+F oder CMD+F nach Stichworten.)

Behauptung: Das Bild einer Impfstoff-Dose mit dem Datum 15. März 2020 beweise, dass die Corona-Pandemie geplant gewesen sei.Bewertung: Falsch

Auf Twitter und Whatsapp verbreitet sich das Foto einer Impfstoff-Dose mit dem Namen des Corona-Impfstoffes von Astrazeneca. Weil sie das Datum 15. März 2020 trägt, spekulieren Nutzer, die Pandemie sei geplant gewesen. Die Universität Oxford forscht jedoch nach eigenen Angaben schon seit Januar 2020 an dem Impfstoff. Faktencheck vom 26. März 2021.

Behauptung: Ein Bild von der Corona-Demonstration in Dresden am 13. März zeige, wie Polizisten einen Mann mit Gewalt zu Boden drücken.

Bewertung: Fehlender Kontext

Ein Bild von der Festnahme eines Mannes bei einer Corona-Demonstration in Dresden am 13. März wird auf Facebook als „Bild der Schande“ bezeichnet. Das Bild wurde jedoch aus dem Kontext gerissen. Wir haben recherchiert, wie es zu der Szene kam. Faktencheck vom 25. März 2021.

Behauptung: Der PCR-Test weise keine Infektionen nach, und der Virologe Christian Drosten könne keinen Doktortitel nachweisen.

Bewertung: Falsch

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, PCR-Tests könnten keine Infektionen nachweisen und der Virologe Christian Drosten keinen Doktortitel. Beide Behauptungen sind schon älter und zudem falsch. Faktencheck vom 23. März 2021.

Behauptung: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer plane, Lebensmitteleinkäufe nur noch mit negativem Corona-Test zu erlauben.

Bewertung: Falsch

Die rechte Bewegung „Freie Sachsen“ behauptet auf Facebook, Ministerpräsident Michael Kretschmer plane, eine Testpflicht für den Kauf von Lebensmitteln einzuführen. Somit müssten ungetestete Menschen „verhungern“. Das ist eine Falschinformation. Faktencheck vom 23. März 2021.

Behauptung: Die Anzahl der Thrombose-Fälle bei der „Anti-Baby-Pille“ sei wesentlich höher als die nach Erhalt des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca. Das Thromboserisiko sei also höher.

Bewertung: Fehlender Kontext

In Sozialen Netzwerken werden Fälle von Thrombose nach Impfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff mit den Nebenwirkungen der Anti-Baby-Pille verglichen. Es handelt sich jedoch um unterschiedliche Krankheitsbilder. Das Thromboserisiko lässt sich nicht vergleichen. Faktencheck vom 19. März 2021.

Behauptung: Das Labor in Wuhan gehöre Glaxosmithkline und es gebe eine Kette von Verbindungen über Pfizer, Dr. Fauci und Blackrock bis zu George Soros und Bill Gates.

Bewertung: Größtenteils falsch

Ein Kettenbrief konstruiert angebliche Verbindungen zwischen einem Labor in Wuhan, Pharmakonzernen und verschiedenen Personen. Er soll offenbar belegen, dass es eine große Verschwörung rund um die Corona-Pandemie gebe, er besteht jedoch hauptsächlich aus Falschinformationen. Faktencheck vom 18. März 2021.

Behauptung: Der Internationale Strafgerichtshof habe eine Klage wegen Verletzung des Nürnberger Kodex durch die israelische Regierung und Pfizer angenommen.

Bewertung: Fehlender Kontext

Ein Bericht der Seite Uncut-News legt nahe, dass es eine Verhandlung vor dem Internationalen Strafgerichtshof in den Haag gegen die israelische Regierung und den Impfstoffhersteller Pfizer geben werde. Doch das ist irreführend, das Gericht hat lediglich eine Eingangsbestätigung versendet. Faktencheck vom 17. März 2021. Behauptung: Im Sana-Klinikum in Berlin seien 50 Angestellte nach Covid-19-Impfungen gestorben.

Bewertung: Frei erfunden

Vor allem auf Facebook und Telegram kursiert aktuell das Gerücht, dass 50 Mitarbeitende im Berliner Sana-Klinikum zeitlich nach Covid-19-Impfungen gestorben seien. Für die Behauptungen gibt es keinerlei Belege. Das Klinikum weist sie als Falschmeldung zurück. Faktencheck vom 17. März 2021.

Behauptung: Fotos zeigten Schokoladenhasen mit Mundschutz anlässlich des Osterfestes.

Bewertung: Größtenteils richtig

Fotos von Hasen aus Schokolade, die Masken tragen, kursieren aktuell in Sozialen Netzwerken. Die Schokoladenhasen wurden tatsächlich verkauft, allerdings bereits im Frühjahr 2020 in der Schweiz. Faktencheck vom 16. März 2021.

Behauptung: In einem Video behauptet ein Mann, Impfstoffe enthielten Aluminium in Form von Nanopartikeln, die ins Gehirn gelangen und Krankheiten auslösen könnten.

Bewertung: Unbelegt

Auf Facebook wird ein Video aus den USA verbreitet, in dem ein Mann behauptet, Impfstoffe würden Aluminium in Form von Nanopartikeln enthalten. Diese seien angeblich schädlich. Aussagen wie diese kursieren seit Jahren unter Impfgegnern, obwohl es keinen Anhaltspunkt dafür gibt, dass sie stimmen. Faktencheck vom 16. März 2021.

Behauptung: Christian Drosten habe im Jahr 2014 gesagt, Händewaschen reiche bei Coronaviren „völlig aus“.

Bewertung: Teilweise falsch

Der „Deutschland-Kurier“ verbreitet ein zugespitztes Zitat von Christian Drosten. Er habe im Jahr 2014 gesagt, Händewaschen reiche bei Coronaviren völlig aus. Drostens Aussage wurde jedoch irreführend verändert und ist nicht auf SARS-CoV-2 übertragbar. Faktencheck vom 16. März 2021.

Behauptung: Seit die WHO ihre Pandemiekriterien verändert habe, könne man „im Grunde jedes Jahr mit jeder popeligen Grippe“ eine Pandemie Stufe 6 ausrufen.

Bewertung: Größtenteils falsch

Der Homöopath Rolf Kron behauptet, die WHO könne „im Grunde jedes Jahr mit jeder popeligen Grippe“ eine Pandemie der Stufe 6 ausrufen. Das stimmt nicht: Bei einer Influenza-Pandemie kommt es unter anderem darauf an, ob es sich um ein neues Influenzavirus handelt, das sich weltweit ausbreitet. Faktencheck vom 12. März 2021.

Änderungen gegenüber der Version vom 25.2.2021

Update: 19.03.2021

Was Corona-Mutanten so ansteckend macht

B.1.1.7 verbreitet sich auch in Deutschland schnell. Wie solche Varianten entstehen, wann sie gefährlich sind und was sie für Impfungen bedeuten, erklären wir im Video – von Claudia Bracholdt und Liza Arbeiter.

Update: 01.03.2021

Bald beim ZDF: Mai Thi Nguen-Kim.Viele Zahlen, noch mehr Unwissen – unser Umgang mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 erfordert robuste und anpassbare Strategien.
MAI THI NGUYEN-KIM IM GESPRÄCH:Lager bilden hilft nicht – von ANNE AMERI-SIEMENS

Wir brauchen ein besseres naturwissenschaftliches Grundwissen, um uns gegen Desinformation zur Wehr zu setzen. Ein Gespräch mit der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim. Im vergangenen Jahr wurde die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim als „Stimme der Aufklärung“ über das Coronavirus bekannt; der Bundespräsident zeichnete sie mit dem Bundesverdienstkreuz aus, Angela Merkel zitierte sie im Bundestag. Schon lange davor produzierte Mai Thi Nguyen-Kim auf Youtube das Wissenschaftsformat „maiLab“, mit dem sie ein Millionenpublikum erreicht. Ab 1. April wird sie für das ZDF tätig sein. Die promovierte Chemikerin, die ihre Doktorarbeit an der RWTH Aachen, der Harvard University und dem Fraunhofer Institut für Angewandte Polymerforschung schrieb, veröffentlicht jetzt das Buch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ über Streitfragen, die unsere Gesellschaft prägen – und fordert dazu auf, nicht weniger zu streiten, sondern besser.

Ihr Buch heißt „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ – was verstehen Sie darunter?

Wir alle erleben seit einem Jahr sehr deutlich, wie unsere Gesellschaft auseinanderdriftet. Auch vor Corona war dieser Prozess erkennbar, wenngleich nicht so emotional aufgeladen wie jetzt. Aber auch wenn es um die Klimakrise geht, liegen die Überzeugungen darüber, was wahr ist und was nicht, zum Teil weit auseinander. Wir müssen als Gesellschaft zueinanderfinden und sehen, was wirklich ist. In dem Buch nehme ich mir verschiedene Themenbereiche vor und zeige, was wissenschaftlich plausibel ist, gehe der Frage nach, auf welche „kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ wir uns einigen können.

Nun ist es aber doch gerade in den letzten 12 Monaten so gewesen, dass wir täglich Stimmen aus der Wissenschaft gehört und uns als Gesellschaft mit wissenschaftlichen Inhalten beschäftigt haben. Trotzdem gibt es Menschen, die Corona leugnen – oder den Klimawandel, um bei Ihren Beispielen zu bleiben.
Stimmt. Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, was müssen wir tun, um Menschen klarzumachen, dass es keine Alternative zu Fakten gibt, hätte ich gesagt: Am besten hören wir tagtäglich Stimmen aus der Wissenschaft. Aber ich hatte ein zu idealistisches Bild davon, was so bewirkt werden kann.

Grundsätzlich ist meine Lehre aus dem letzten Jahr: Wir brauchen mehr Dolmetscher – und damit meine ich Experten, Wissenschaftsjournalisten –, um komplexe Inhalte verständlich zu vermitteln und Informationen, den Wust an immer neuen Nachrichten, in das größere Bild einzuordnen.

Woran hat es am meisten gefehlt?

Besser zu erklären, mit welcher Methodik Daten erhoben wurden und was sie aussagen können.

Es gibt leider einige, aber ich möchte vorher noch etwas zur Methodik und ihrer Bedeutung sagen.

Ja?

Wichtig ist eine saubere Trennung zwischen Debatten innerhalb der Wissenschaft und solchen, die in der Gesellschaft darum kreisen. Wir erleben in Echtzeit mit, wie die Wissenschaft versucht, den Umgang mit einem hochansteckenden Virus zu finden, während wir alle zuschauen. Und wir alle haben ja erlebt, dass wissenschaftliche Debatten sich im letzten Jahr mit gesellschaftlichen Debatten vermischt haben, sie folgen aber unterschiedlichen Prinzipien. In der Wissenschaft geht es um den wissenschaftlichen Konsens als Navigationspunkt, nicht darum, wie sehr man etwas als zustimmungswürdig empfindet.

Dazu gehört auch, dass man eigentlich nicht zwingend unterschiedliche Wissenschaftler braucht, die ihren Standpunkt zu Corona vertreten. Sinnvoll wäre gewesen, in der Kommunikation stärker den Fokus darauf zu legen, wie der wissenschaftliche Konsens ist. In der Wissenschaft bestimmt das beste Argument mit der stärksten Methode die Diskussion. Man muss immer wieder erklären, das ist der wissenschaftliche Konsens. Der hat sich natürlich immer wieder verändert, das ließ sich ja nicht vermeiden. Aber wahrscheinlich schien es für manche Menschen, als sei richtig, was von welchem Experten besonders lautstark vertreten werde. Aufklärung ist jetzt ein wichtiges Ziel – auf verständliche Art und verbunden mit Empathie, um Menschen in einer Zeit von großer Verunsicherung und Krise angemessen zu informieren. Das ist sicher eine der größten Herausforderungen für den Bundestagswahlkampf. Viele Bürger erfahren täglich von neuen Studienergebnissen, aber die Einordnung – die Aufklärung – hinkt hinterher. Das hat auch damit zu tun, dass wir Deutschen einem soliden naturwissenschaftlichen Basiswissen einen zu geringen Stellenwert einräumen.

Wie meinen Sie das?

Wir wertschätzen Wissen in Geschichte, Politik, Kunst, Literatur – aber wer kann auf Anhieb die drei Hauptsätze der Thermodynamik erklären, wenn er ein paar Jahre aus der Schule raus ist – oder den Unterschied zwischen einem Bakterium und einem Virus? Wenn ich über meinen Beruf spreche, wird mir oft Respekt ausgesprochen, auch Bewunderung – aber auch in dem Sinne: wow, dass du dich dafür interessierst. Als sei Chemie eine Nische. Wir brauchen als Gesellschaft eine bessere Quellenkompetenz, um wissenschaftliche Inhalte einordnen zu können, und ein besseres naturwissenschaftliches Basiswissen.

Folgt man Ihrem Gedanken, dass es diese Schieflage gibt, und blickt nun auf die nächsten Monate vor der Bundestagswahl und das Ziel, Wissenschaftskommunikation zu verbessern – wo würden Sie ansetzen?

Medien und Social Media kommt natürlich große Verantwortung zu, damit Verschwörungstheorien und Desinformation nicht noch mehr wachsen. Man kann es nicht oft genug sagen – gerade Medien können unmittelbar reagieren, journalistisch sauber arbeiten, Fehlinformationen in Kommentaren kenntlich machen. Ich habe den Eindruck, dass bis heute nicht alle Journalisten verstanden haben, was sie gesellschaftlich – auf lange Sicht – damit anrichten, schnell mal eine Schlagzeile ins Netz zu stellen, die falsch informiert, im schlimmsten Fall Verschwörungstheorien nährt. Ist doch interessant, dass es darüber nicht viel mehr Empörung gibt.

Die Berichterstattung über den AstraZeneca-Impfstoff, die dazu führt, dass Menschen ihren Fokus auf den Vergleich zu anderen Impfstoffen richten und die Schutzwirkung dieses Impfstoffs in Zweifel ziehen.

Man könnte entgegnen, dass Sie doch dazu auffordern zu hinterfragen.

Aber hier ist die Debatte einfach fehlgeleitet, denn man muss in der jetzigen Situation vergleichen: Was bringt mir eine Impfung mit Astra-Zeneca im Vergleich zu keiner Impfung. Der nächste Schritt ist dann die Auseinandersetzung mit Studien darüber, ob ein längeres Impfintervall zu größerer Wirksamkeit führt. Aber zu sagen: Ich will einen anderen Impfstoff, und so lange warte ich lieber, ist irrational. Wir wissen, dass die britische Mutante B.1.1.7 ansteckender ist – deswegen wird eine schnelle Impfung immer wichtiger. Ich möchte betonen, dass ich es wichtig finde, Sachverhalte zu hinterfragen, aber das geschieht hier nicht. Hier fördern Medien Vorbehalte, die Gesundheit und Gesellschaft schaden. Ich würde mich sofort mit Astra-Zeneca impfen lassen und auch meinen Eltern dazu raten.

Für diese Haltung zur Impfung werden Sie im Internet in teils hasserfüllten Kommentaren als Marionette der Pharmaindustrie beschimpft.

Solche Kommentare gibt es immer wieder. Sie zeigen, wie weit wir auseinandergedriftet sind. Ich sage bewusst wir, denn wir sind eine Gesellschaft. Diese Krise werden wir nur gemeinsam lösen können. Ich ignoriere oft Anfeindungen oder Verschwörungserzählungen, obwohl es nur ein paar Sätze brauchte, um den Unsinn zu widerlegen. Würde man sich dabei in die Augen schauen können, wäre das Gespräch wahrscheinlich konstruktiv. Aber in Kommentaren ist das nie zielführend.

Warum?

Einerseits möchte ich natürlich gegen jeden Funken von Desinformation vorgehen, aber eine der wichtigsten Ressourcen in unserem Zeitalter, das so stark vom Internet geprägt ist, ist Aufmerksamkeit. Ginge ich auf die Kommentare in allen möglichen Foren ein, würde ich die Aufmerksamkeit der Leute dort halten, in ihrer Blase. Ich will ihnen dort keine Bedeutung zukommen lassen. Am Rande bemerkt: Es ist interessant, dass Corona-Leugner lautstark vertreten, nicht die Schafe sein zu wollen, die der Herde nachlaufen, also den Direktiven des Politikapparats – dann aber Aufrufen bei Telegram folgen, zum Beispiel mein Video zu „stürmen“ und es mit Dislikes und bösen Kommentaren zu bombardieren. Allerdings ohne sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen und sich selbständig und mündig eine eigene Meinung dazu zu bilden.

Nein, ich schenke Hasskommentaren und Verleumdungen möglichst wenig Beachtung. Aber mein Leben hat sich verändert. Im letzten Jahr war als Teil der Lesereise zu meinem letzten Buch eigentlich noch eine Veranstaltung geplant. Der Verlag buchte für mich einen Security Service, das gab es vor Corona nicht. Die Lesung musste dann wegen der Pandemie abgesagt werden. Aber der Security Service wird wohl ein Thema für mich bleiben, ich falle jetzt in das Raster „kontroverse Autorin“. Das hätte ich mir vor ein paar Jahren nicht vorstellen können.

Um noch einmal auf die Verantwortung der sozialen Medien zu sprechen zu kommen: Welche Maßnahmen halten Sie für richtig, um gegen Desinformation vorzugehen?

Desinformation wird ja von vielen Plattformen inzwischen gezielt gekennzeichnet. Gut finde ich, wie es bei Youtube bereits gemacht wird: dass gut sichtbar unter jedem Corona-Video ein Link zu offiziellen Seiten steht, die auf die Fakten hinweisen.

Sie sehen dennoch skeptisch aus, während Sie das sagen.

In einer Krisenzeit sind solche Maßnahmen sinnvoll. Aber langfristig kann man Solidarität und Aufklärung nicht erzwingen, man kann nur konstruktiv dazu auffordern. Gerade überlagert die Pandemie andere drängende Themen, aber mein Plädoyer gilt natürlich auch für den Umgang mit der Klimakrise, Energiewende, alle Bereiche, die damit verknüpft sind. Desinformation wird ja nicht nur gezielt von Querdenkern verbreitet, es gibt einfach auch viele Menschen, die alleingelassen sind mit der Einordnung dessen, was durch die Öffentlichkeit schwirrt. Der Titel meines Buchs, „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“, stand schon 2019 fest, vor Corona. Die letzten Monate haben uns deutlich gemacht, dass es Spaltungen in der Gesellschaft gibt, aber die existieren schon länger. Lager zu bilden hilft uns nicht.

Für Ihr Buch haben Sie sich mit verschiedenen Themenbereichen beschäftigt, wo haben Sie am meisten dazugelernt?

Mich hat bei der Recherche am meisten überrascht, wie schwierig es ist, eine Drogenreform wissenschaftlich einzuordnen. Im Grunde müsste jede Droge für sich im Hinblick auf ihre Schädlichkeit bewertet werden – und nicht die Drogen im Vergleich zueinander.

 

Steigt die Zahl der Corona-Fälle, weil mehr getestet wird? Stand: 23.10.2020 15:38 Uhr.

Grundlage für den Spiegel-Artikel vom 04.02.2021 – siehe weiter unten.

Dreimal so viele Tests wie im Frühjahr und gleichzeitig steigende Neuinfizierten-Zahlen: Gibt es einen Zusammenhang? Experten bezeichnen die Frage nach der Höhe der Dunkelziffer als „Millionen-Frage“.

von Anja Martini, Marvin Milatz

Es ist nur ein Gedankenspiel, zeigt aber einen wichtigen Punkt in der Debatte um die Stichhaltigkeit der Corona-Zahlen: Wollte man wissen, wie viele Corona-Infizierte es in Deutschland wirklich gibt, müsste man an einem Tag die gesamte Bevölkerung testen. Nur dann ließe sich eine repräsentative Aussage über die Größe einer vermeintlichen zweiten Welle treffen, dann gäbe es keine Dunkelziffer und es ließe sich eine zentrale Frage vollständig klären: Lässt sich der jüngste Anstieg der Infizierten-Zahlen damit erklären, dass die Zahl der Tests stark gestiegen ist?

Fakt ist: Betrachtet man die Entwicklung der gemeldeten Fälle, steigt die Zahl der Neuinfektionen seit Kalenderwoche 29, also seit der Woche ab dem 13. Juli, wieder an. Dieser Anstieg beschleunigt sich langsam, aber zunehmend. Inwiefern ist die Zahl der Testungen, die in den vergangenen zwei Monaten von mehreren 100.000 auf rund eine Million Tests pro Woche angestiegen ist, dafür verantwortlich?

Die „Million-Dollar-Question“

Die kurze Antwort darauf ist: Man weiß es nicht. Die Hypothese lautet: Je mehr getestet wird, desto niedriger müsste die Dunkelziffer liegen. „Natürlich ist es so, dass, wenn ich dreimal mehr teste, auch mehr Menschen finde, die infiziert sind“, sagt Dirk Brockmann. Als Professor am Institut für Biologie der Humboldt-Universität in Berlin beschäftigt er sich mit statistischen Modellierungen von Epidemien und forscht auch am Robert Koch-Institut (RKI). Wie stark dieser Effekt sich allerdings bemerkbar mache, das könne derzeit niemand verlässlich sagen. Eine Aussage, die alle Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, mit denen der NDR für diese Recherche sprach, grundsätzlich teilen. Ein Forscher bezeichnete die Frage nach der Höhe der Dunkelziffer sogar als „Million-Dollar-Question“.

RKI-Daten sind nicht für solche Aussagen gemacht

Das Problem: Die Daten, die das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht, lassen Berechnungen, die dafür nötig wären, gar nicht zu. Ihr Zweck ist nicht, eine repräsentative Aussage zu treffen, sondern als Alarmanlage zu fungieren: Bricht die Pandemie irgendwo aus, müssen Behörden schnell reagieren können, um die Bevölkerung zu schützen. Jede wissenschaftliche Studie wäre dafür zu langsam. Genauso falsch wäre es aber, aus den RKI-Daten Ergebnisse wie den Zusammenhang zwischen der Zahl der Testungen und der Zahl der Corona-Neuinfektionen berechnen zu wollen. Dafür sind die Daten nicht verlässlich genug. „Man darf die Daten nicht überinterpretieren“, warnt Jürgen May, Professor für Epidemiologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.

„Pandemie-Verlauf gleicht einem Schwelbrand“

Es spricht also einiges dafür, dass die derzeitige breite Teststrategie ein realistischeres Bild der Pandemie zeichnet als noch im Frühjahr, als die Testungen eingeführt wurden um Schlimmeres zu verhindern. Wobei auch hier weiterhin unbekannt ist, wie stark dieser Effekt ist. So ist es auch weiterhin verfrüht, Entwarnung zu geben: Zwar blieb das explosive Wachstum der Fallzahlen bisher aus, die zweite Welle gleicht eher einem Plateau. Doch der Physiker Brockmann vergleicht die aktuelle Situation mit einem Schwelbrand, der jederzeit wieder auflodern kann: „Ich glaube, dass ein Plateau, das sich über Monate hinwegzieht, ebenso gefährlich ist wie eine zweite Welle“ – den ganzen Bericht lesen.

Update 04.02.2021

Die wichtigsten Zahlen für Deutschland – allen Graphiken im Artikel:

Wie viele Menschen infizieren sich derzeit, wie viele sind gestorben? Welche Regionen in Deutschland sind besonders betroffen? Wie angespannt ist die Lage in den Kliniken? Die aktuellen Zahlen – von Marcel Pauly Impfungen. Mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland haben sich nachweislich mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert. Ein Großteil von ihnen gilt als wieder gesund, doch schon mehr als 50.000 Infizierte sind gestorben. Nach einem Rückgang des Infektionsgeschehens über den Sommer ist die Zahl der bestätigten Neuinfektionen seit Herbst deutlich angestiegen. Zuletzt sanken die Zahlen wieder. Die meisten Städte und Landkreise liegen über der Marke von 50 Neuinfektionen in sieben Tagen je 100.000 Einwohner. (Lesen Sie hier, warum für diese sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz verschiedene Werte kursieren und mit welchen Werten der SPIEGEL arbeitet. Die Dynamik der Pandemie kann nicht nur durch die Infektionszahlen allein beschrieben werden, sondern auch durch deren Veränderung. Dafür stellen wir die bestätigten Neuinfektionen der jüngsten sieben Tage jenen der vorangegangenen sieben Tage gegenüber.
Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht:

 allen Graphiken im Artikel

Bei der Übersterblichkeit werden auch Nebeneffekte offenkundig: Gehen Menschen mit anderen Erkrankungen aus Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus nicht mehr zum Arzt oder ins Krankenhaus, kann das zu einem tödlichen Krankheitsverlauf führen, der mit einer entsprechenden Behandlung vermeidbar gewesen wäre. Auch solche Todesfälle sind letztlich indirekt durch die Pandemie verursacht und steigern die Übersterblichkeit. Andersherum führen weniger persönliche Kontakte auch zu einer Abnahme anderer Infektionskrankheiten. Sie werden demnach als Todesursache seltener und beeinflussen so ebenfalls die Übersterblichkeit.

Mehr zum Thema.

Update 15.01.2021

»Ich bin wieder gesund, lass uns treffen, ich kann niemanden mehr anstecken!«

Wenn Corona-Kranke wieder gesund sind, können sie angeblich ihre Mitmenschen nicht mehr anstecken. Demnach könnten die Corona-Regeln für sie hinfällig sein. Doch ist es so einfach?
Update 13.01.2021

Was ist dran an den Sorgen vor der Impfung?


Über die Covid-Impfung kursieren Gerüchte, die einige Menschen verunsichern. Der Faktencheck zeigt: zu Unrecht – siehe auch weiter unten Petra Falb, sie Gutachterin in der Zulassung für Impfstoffe.

Alternative – gleiche Aussage.


Petra Falb, Austria, ist Veterinärmedizinerin und nach einigen Zwischenstationen mit virologischer Forschung an FIV und Dengue-Viren, Veterinärpathologie und tierärztlicher Praxis letztlich vor mehr als 17 Jahren in der Arzneimittelbehörde gelandet. Dort ist sie Gutachterin in der Zulassung für Impfstoffe.

Einer der meistgesagten Sätze während der letzten Wochen: „Aber wir haben überhaupt keine Langzeitdaten für diese neuen Impfstoffe! Da kann man ja keine Spätfolgen abschätzen!“ Bevor wir uns an den grundlegenden Irrtum hinter dieser Aussage und natürlich auch ausführlichere Erklärungen heranwagen: es gibt in der Zulassung keine Definition oder Vorgabe für „Langzeit“. Und warum das so ist, sollte nach dem Lesen dieses Artikels klar sein. In erster Linie ist es wichtig zu wissen: Impfstoffe haben eine gänzlich andere Wirkungsweise als die sogenannten „klassischen Pharmazeutika“ – unter diesem Begriff fassen wir alle Arzneimittel zusammen, die nicht mittels biologischer Methoden hergestellt werden. Klassische Pharmazeutika sind z.B. Antibiotika, Psychopharmaka, Wundsalben, Blutdrucksenker, Fieberzäpfchen, Schmerztabletten….

Was sind nun die bedeutsamen Unterschiede zwischen einem „klassischen“ Arzneimittel und einem Impfstoff?

  • Pharmazeutika haben eine sogenannte „Pharmakokinetik“. Darunter versteht man „den Weg des Arzneimittels durch den Organismus“. Man hat zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Konzentrationen davon im Körper, sie können sich bei längerer Therapie anreichern, werden abgebaut (dabei entstehen neue Zwischenprodukte), sie werden in der Leber metabolisiert, über die Nieren ausgeschieden… Ein Impfstoff hat keine Pharmakokinetik, da hier nichts verstoffwechselt wird. Es gibt hier nur eine sogenannte „Pharmakodynamik“ – darunter versteht man die Wirkung, die ein Arzneimittel im Körper auslöst – in diesem Fall eine immunologische Reaktion.
  • Man bekommt Pharmazeutika meist für längere oder sogar lange Zeiträume verordnet. Man nimmt Antibiotika eine Woche lang, Antihistaminika oder Cortison für die Dauer der Pollenallergiesaison, ein Schmerzmittel, bis der Rücken nicht mehr wehtut oder einen Blutdrucksenker lebenslänglich. Einen Impfstoff bekommt man jedoch niemals als „Dauertherapie“. Man bekommt ihn einmal, vielleicht im Rahmen einer Grundimmunisierung ein zweites oder drittes Mal, aber auch das dann in Abständen von Wochen oder Monaten, danach vielleicht nie mehr oder vielleicht alle 5 oder 10 Jahre.

Bei einem Impfstoff gibt es demnach schon aus biologischen Gründen keine „Spätnebenwirkungen“, die 5 Jahre nach der Impfung plötzlich auftreten. Es werden keine neuen Metaboliten im Körper erzeugt, es reichert sich nichts an. Nebenwirkungen zeigen sich binnen weniger Stunden bis 1 – 2 Tage nach der Impfung, bei Lebendimpfstoffen nach der Inkubationszeit der natürlichen Erkrankung (z.B. sogenannte – ungefährliche – „Impfmasern“ können ca. 10 – 12 Tage nach der Masernimpfung auftreten). Auch allergische Reaktionen – ob leicht oder schwerwiegend – kommen bald nach der Verabreichung. Als sehr seltene Nebenwirkungen sind unterschiedliche Autoimmunreaktionen möglich, aber selbst diese treten spätestens nach wenigen Wochen auf.

Warum also sind Daten über einen längeren Zeitraum dennoch grundsätzlich wichtig, wenn doch ohnehin „nach Jahren“ nichts mehr zu erwarten ist? Das liegt an möglichen seltenen und sehr seltenen Nebenwirkungen. Wenn eine bestimmte Nebenwirkung nur bei einer von 20.000 oder einer von 50.000 oder 100.000 Personen auftritt, brauchen wir eine sehr große Anzahl geimpfter Personen, um diese überhaupt zu erkennen – und bis genug Personen geimpft sind, dauert das einfach normalerweise eine längere Zeit. Auch eine umfangreiche klinische Studie kann sehr seltene Nebenwirkungen im Allgemeinen nicht zeigen. „Langzeit“ bezieht sich bei Impfstoffen also nicht auf die Zeit, nach der eine Nebenwirkung auftritt, sondern auf die Zeit, nach der überhaupt genug Personen geimpft sind, um selbige dem Impfstoff sicher zuordnen zu können!

Wie kommt es nun zu dieser falschen Interpretation von „fehlenden Langzeitdaten“?

Beispiel 1: Sehen wir uns eine „alte“ Impfung an, die Pockenimpfung. Für diese herrschte Impfpflicht, Ende der 1970er Jahre konnten die Pocken als ausgerottet erklärt werden; die weltweite Impfkampagne war also ein durchschlagender Erfolg. Die Pockenimpfung war jedoch im Vergleich zu unseren modernen Impfungen deutlich reaktiver, in seltenen Fällen gab es auch Impfschäden durch eine impfbedingte Encephalitis (Gehirnentzündung). Diese Impfung konnte somit Langzeitschäden verursachen – einfach, weil JEDE Encephalitis dauerhafte Schäden hinterlassen kann, egal, wodurch sie entsteht. Das Wort „Langzeitschaden“ hat sich hier im täglichen Sprachgebrauch etabliert und wird vielfach fälschlich – übertragen auf die aktuelle Situation – interpretiert als „Schaden, den die Impfung erst nach langer Zeit verursacht“. Das Auftreten dieser Encephalitis geschah jedoch im Schnitt innerhalb einer Woche nach der Impfung. Das heißt, das AUFTRETEN dieser Schädigung geschah zeitnah, nicht erst nach Jahren, auch wenn die Auswirkungen jahrelang bestehen blieben!

Kleine Bemerkung am Rande: diese damaligen Impfstoffe würden es nach heutigen Kriterien nicht durch ein Zulassungsverfahren schaffen.

Beispiel 2: derzeit vielfach und gerne erwähnt: Narkolepsie beim Impfstoff Pandemrix© zu Zeiten der sogenannten „Schweinegrippe“. Die detaillierten molekularen Mechanismen für den Zusammenhang mit der Impfung sind noch immer nicht restlos geklärt, aber es liegt wohl an einem Bestandteil des verwendeten Adjuvans (Wirkverstärker) in Kombination mit einer genetischen Veranlagung der Betroffenen. Die Häufigkeit dieser Nebenwirkung liegt bei etwa 1:20.000, das Auftreten geschah im Schnitt innerhalb weniger Wochen nach der Impfung, in einigen einzelnen Fällen etwa 4 Monate danach. Bemerkt hat man es aber eben auch erst nach etwa einem Jahr, gesichert noch später, weil erst dann genügend Personen geimpft waren, um diesen Zusammenhang zu erkennen. Erschwert war die Situation noch dadurch, dass diese Nebenwirkung nur in einigen wenigen – vorwiegend skandinavischen – Ländern auftrat. Auch hier hat sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt: „Ein Spätschaden! Das war ja erst nach einem oder zwei Jahren!“. Nein, war es nicht! Es trat viel früher auf, aber aufgrund der erst dann erreichten ausreichenden Durchimpfungsraten hat man es erst nach diesem Zeitraum sicher zuordnen können!

Zusätzlich muss noch ein wichtiger Faktor zur Beurteilung von Nebenwirkungen erwähnt werden: die sogenannte Hintergrundinzidenz. Als Hintergrundinzidenz bezeichnet man die Menge an Fällen einer bestimmten Erkrankung, die auch in einer ungeimpften Population innerhalb eines bestimmten Zeitraumes auftreten würde. Hier gibt es auch etwas Aktuelles vom ersten zugelassenen COVID – Impfstoff Comirnaty©. Es traten während der Studien 4 Fälle von Gesichtslähmung auf. Diese 4 Fälle entsprechen allerdings genau der bekannten Hintergrundinzidenz: während eines vergleichbaren Zeitraumes entsprechen 4 Fälle von Gesichtslähmung bei einer vergleichbaren Population also genau der erwarteten Anzahl, auch ohne jegliche Impfung. Dennoch wurde diese potenzielle Nebenwirkung in die Fach- und Gebrauchsinformation aufgenommen, weil sie in der Impfstoffgruppe und nicht in der Placebogruppe auftrat und ein Zusammenhang somit nicht ausgeschlossen werden kann.

Wir können also zusammenfassen: aufgrund der Eigenschaften und Wirkungsweise eines Impfstoffes sind Nebenwirkungen ziemlich bald – nach Stunden oder Tagen – zu erwarten, selbst in seltenen Fällen von Autoimmunerkrankungen meist nach wenigen Wochen. Langzeitdaten brauchen wir also nicht, weil Nebenwirkungen so lange nach einer Impfung auftreten können, sondern um sehr seltene Nebenwirkungen überhaupt erkennen zu können – es muss eine ausreichende Menge an Personen geimpft sein, damit diese Nebenwirkung überhaupt erstmals auftritt und dann dem Impfstoff zugeordnet werden kann. Diese – somit durchaus notwendige – Langzeitbeobachtung findet immer und für alle Arzneimittel erst in der sogenannten „klinischen Phase IV“ – in der Beobachtung nach der Zulassung – statt!

Inwieweit sind diese Erkenntnisse nun umsetzbar auf die aktuellen COVID – Impfstoffe?

Wir haben hier 2 vorteilhafte Situationen:

  • die Anzahl der Probanden schon in den klinischen Studien vor der Zulassung war auffallend groß (bei anderen – ebenfalls ganz neu zugelassenen – Impfstoffen in Europa während der letzten Jahre bewegten sich die Probandenzahlen meist in Bereichen von 10.000 – 15.000; beim ersten zugelassenen COVID – Impfstoff bei ca. 40.000)
  • bedingt durch die durchgeführte Massenimpfkampagne ist eine notwendige Anzahl Geimpfter für das Erkennen seltener Nebenwirkungen sehr schnell erreicht – alleine in England wurden während der ersten beiden Wochen der Impfkampagne rund eine halbe Million Personen geimpft. Da die Impfkampagnen mittlerweile weltweit laufen, ist die Anzahl der Personen, von denen sehr schnell Daten zur Verfügung stehen also hier extrem hoch – ein unter normalen Umständen quasi unerfüllbarer Traum auch für die Behörden 😉

Wer sein Wissen über Impfnebenwirkungen ein bisschen vertiefen will, dem empfehle ich, diese beiden Publikationen zu lesen (ich hatte die Ehre, beide mit zu Verfassen):

Impfungen – kein Nutzen ohne Risiko? und Reaktionen und Nebenwirkungen nach Impfungen.

 

 

Havarie-Konzepte, sind auf das schlimmste vorbereitet und so situationselastisch,
um dann vom Besten auszugehen!

Absturz oder Aufschwung – bis März entscheidet sich Deutschlands und damit Europas Schicksal

Viele Unternehmen überleben aktuell nur dank staatlicher Hilfen. Wie lange kann die Bundesrepublik das noch durchhalten? Ökonomen erklären, welche Faktoren nun für die Wende zum Guten entscheidend sind – und wann harte Rezession und Massenarbeitslosigkeit drohen. Die Rechnung ist schon jetzt gewaltig: 212.808.600.000 Euro hat Deutschland bisher die Corona-Pandemie an Wohlstand gekostet. Selbst wenn bis Frühjahr das Schlimmste überstanden ist und die Wirtschaft sich danach langsam erholt, sind es am Ende der Krise noch einmal fast 179 Milliarden Euro mehr, also insgesamt gut 391 Milliarden. Das ergaben Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) für WELT AM SONNTAG. Die Ökonomen verglichen dafür das tatsächliche und prognostizierte Wachstum mit dem sogenannten Potenzialwachstum. Es sagt aus, wie stark die deutsche Wirtschaft ohne die Pandemie in den Jahren 2020 bis 2022 gewachsen wäre. Die Summen klingen hoch. Und gleichzeitig gering, bedenkt man, was dem Land, den Unternehmen und Millionen von Arbeitnehmern ohne die Milliardenhilfen gedroht hätte. Auch im zweiten Lockdown soll es Unterstützung geben. Dass dies aber nicht ewig durchzuhalten ist, zeichnet sich bereits ab.

Sinken die Infektionen bis März nicht, droht die Katastrophe

2021 wird ein Schicksalsjahr. Alle Hoffnungen ruhen auf dem Impfstoff und den höheren Temperaturen im Frühjahr, die das Infektionsgeschehen beruhigen und der Wirtschaft Auftrieb verleihen sollen. Doch reichen die Hilfen, um bis dahin die Bundesrepublik vor einer Pleitewelle und daraus folgender Massenarbeitslosigkeit zu bewahren? Was ist, wenn die Seuche länger wütet als erwartet? Kommt es noch einmal zum Absturz, da sind sich Ökonomen einig, würde das Land auf Jahre in der Rezession verharren. „Sollten wir es bis März nicht schaffen, die Infektionszahlen deutlich zu drücken, wäre das eine Katastrophe“, sagt DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Sobald die Staatshilfen auslaufen, könnte dann ein Pleite-Tsunami über Deutschland hereinbrechen.

„Die meisten Menschen, die dann arbeitslos würden, hätten es sehr schwer, auf absehbare Zeit eine neue Anstellung zu finden. Die Nachfrage würde deutlich sinken – europaweit. Es würde Jahre dauern, bis sich Europa und insbesondere Deutschland erholt, da es stark von Exporten in die Euro-Zone abhängt.“ Das Risiko ist hoch. Die Folgen wären dramatisch. Doch bislang erwarten Ökonomen, dass sich die Wirtschaft ab dem zweiten Quartal erholen wird, dass es zu keinem Absturz kommt, dass alles gut wird. Das gilt für führende Wirtschaftsinstitute wie das DIW genauso wie für die Commerzbank. „Ich gehe fest davon aus, dass die Corona-Infektionen im Frühjahr deutlich zurückgehen werden“, sagt deren Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Es wird sich neue Zuversicht unter den Menschen verbreiten – sie werden sehr viel tun, wonach sie sich in den vergangenen Monaten gesehnt haben: essen gehen, reisen oder sich etwas Schönes kaufen.“

Steigender Konsum allein reicht nicht für kräftigen Aufschwung

Geld dafür ist vorhanden. 90 Milliarden Euro haben die Deutschen in den ersten neun Monaten aus Mangel an Konsummöglichkeiten zusätzlich zur Seite gelegt. „Zahlen für das vierte Quartal liegen noch nicht vor, aber ich gehe davon aus, dass die Ersparnisse weiter gestiegen sind“, sagt Krämer. Würde all das Geld auf einmal ausgegeben, würde der private Konsum um vier Prozent und das Bruttoinlandsprodukt um zwei Prozent steigen. „Das ist natürlich ein Extremfall und dürfte so auch nicht eintreffen, da sich viele Dienstleistungen schlicht nicht nachholen lassen – man kann ja nicht plötzlich doppelt so oft zum Friseur gehen –, aber der Konsum wird definitiv deutlich steigen.“

Doch reicht das? Für einen längeren kräftigen Aufschwung bedarf es Investitionen von Firmen. „Wir beobachten aber, dass die Gewinne der deutschen Unternehmen deutlich gesunken sind, sie weniger Rücklagen bilden und die Verschuldungsquote steigt“, sagt Gabriel Felbermayr, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. „Selbst bei Nullzinsen werden sich dann kleinere Unternehmen schwertun, Kredite zu bekommen, um Anschaffungen zu tätigen.“ Das werde den Aufschwung bremsen.

Hinzu kommt: Die Pandemie hat in einigen Branchen dauerhaft Spuren hinterlassen. Die Menschen haben sich an die Vorteile des Onlineshoppings gewöhnt, Firmen haben erkannt, wie viel Geld man durch Videokonferenzen sparen kann, Angestellte verbringen ihre Mittagspause lieber im Homeoffice als beim Italiener und bereiten sich ihren Kaffee selbst zu. Der stationäre Einzelhandel hat damit ein grundsätzliches Problem, Vermieter von Büros, Fluggesellschaften, Hotelbetreiber und zahlreiche Gastronomen ebenso. „Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen wird nächstes Jahr steigen“, sagt DIW-Ökonomin Geraldine Dany-Knedlik. Wie stark, hänge auch davon ab, wie schnell sich der Staat zurückziehe und seine Hilfen für bestimmte Branchen kürze. Aktuell sind die Firmenpleiten auf einem Tiefpunkt. In den ersten neun Monaten dieses Jahres gingen sie um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Das lag auch daran, dass die Anmeldepflicht für Insolvenzen ausgesetzt wurde. Für Insolvenzen aufgrund von Überschuldung gilt das weiterhin bis mindestens Ende Januar. Seit Oktober müssen allerdings Unternehmen, die zahlungsunfähig geworden sind, wieder Insolvenz anmelden. Mehrwertsteuersenkung? Für den Handel ein 20 Milliarden Euro teurer Fehler

„Zahlungsunfähigkeit ist der häufigste Grund für Insolvenzen von kleineren Unternehmen. Man hätte erwarten können, dass deren Insolvenzen Ende des Jahres sprunghaft anziehen – auch wegen des erneuten Lockdowns. Doch dies lässt sich den aktuellen Zahlen nicht entnehmen“, sagt Dany-Knedlik. Für die Ökonomin gibt es eine Erklärung: Die Hilfen kommen genau bei den Unternehmen an, die sie brauchen, sodass sich auch kleinere Firmen über Wasser halten können. „Wird die Unterstützung bis zum Sommer aufrechterhalten und hat sich bis dahin das Infektionsgeschehen beruhigt, bin ich zuversichtlich, dass der Anstieg der Insolvenzen moderat bleiben wird.“ Unter diesen Voraussetzungen, so glaubt das DIW, werde die Arbeitslosigkeit dann eine halbe Million Menschen mehr betreffen als vor Ausbruch der Pandemie. Die Kosten der Krise fallen in der Euro-Zone sehr unterschiedlich aus. Andere Länder trifft die Pandemie in Relation zur Größe der Wirtschaft noch einmal sehr viel härter. Deutschland kommt im Vergleich zu Frankreich, Italien, Spanien und auch zu den Niederlanden mit einem blauen Auge davon – vorausgesetzt, das Virus wird gebändigt.

Ordnung – Toleranz – Kreativität – Innovation – Alleinstellungs-Merkmale in Bildern

Weiter unten: Hans-Werner Sinn warnt vor Kontrollverlust: „Die Politik verliert das Maß“.
Und nach der Pandemie wird es eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben. Der in Stanford lehrende Historiker prophezeit nach dem Ende der Pandemie in 2021 einen wirtschaftlichen Boom – und warnt vor Inflation und Schuldenbergen. Niall Ferguson hat die Corona-Pandemie bereits Anfang 2020 vorausgesagt – das ganze Interview

 

1. Die Impfstoffe und die Mutationen eines jeden Virus.

Virusvarianten sind wohl deutlich ansteckender als das bisher bekannte Coronavirus. Es ist wahrscheinlich, dass ein Impfstoff auch gegen die Mutationen wirkt. Sicher ist es allerdings nicht. Deshalb werden „Up-Dates“ entwickelt, wie es bei der Grippe_Impfung Usus ist.

2. Die Impfung verändert die DNA nicht.

Comirnaty ist ein sogenannter mRNA-Impfstoff. Dieser enthält kein abgeschwächtes oder abgetötetes Virusmaterial, sonst würde die Gefahr bestehen, durch eine Impfung an COVID-19 zu erkranken. Der mRNA enthält ausgewählte Teile vom Erbgut eines Virus. Der Impfstoff wird lediglich ins Muskelgewebe gespritzt, wo das Immunsystem ihn als fremd erkennt und Antikörper bildet (für mich: eine Infektion wird simuliert).

3. Impftypischen Nebenwirkungen: 

  • Bei allergischen Vorerkrankungen:
  • Schmerzen und Jucken an der Einstichstelle der Impfnadel.
  • Kopfschmerzen.
  • Übelkeit.
  • Durchfall.
  • Fieber.
  • Muskel- und Gelenkschmerzen.
  • Leichter Schüttelfrost.

4. Der Impfschutz hält keine zwei Wochen

Tatsache ist: Die Wissenschaft kann noch nicht genau bestimmen, wie lange der Impfschutz wirkt. Uğur Şahin, Mitbegründer von Biontech, erklärte auf einer Pressekonferenz kurz vor Weihnachten, er und sein Team gehen von einem Impfschutz für „mindestens drei Monate“ aus. Man wolle allerdings im Laufe der Anwendung eine Schutzdauer von bis zu zwei Jahren erreichen. Was die Immunität angeht, gab es auch bei den schon mit Corona Infizierten bisher keine konkreten Ergebnisse. Mittlerweile hat sich ein Team um Assistenzprofessor Menno van Zelm von der Monash University in Melbourne aber dem Thema angenommen und ist zu einem überraschenden Ergebnis gekommen. Die Forscher untersuchten Blutproben von 25 Corona-Patienten zwischen Tag 4 und Tag 242 nach der Infektion. Dabei konnte fest gestellt werden, dass die für die Immunität entscheidenden „Gedächtniszellen“ auch nach acht Monaten noch vorhanden waren. Zwar ist die Studie durch die kleine Stichprobe nicht repräsentativ, aber gibt doch zumindest Hoffnung auf einen länger andauernden Immunschutz. Der Biontech/Pfizer-Impfstoff wird in zwei Dosen im Abstand von rund drei Wochen verabreicht. Knapp vier Wochen nach der ersten Impfung besteht wohl ein vollständiger Impfschutz – siehe dazu auch 1.. 

 

Soyeon Schröder-Kim im Interview mit Gabor Steingart über die Corona Politik in ihrem Heimatland.

Wo sich in China gerade Finanzmarktrisiken aufbauen.

Der chinesische Finanzmarkt könnte vor einer harten Belastungsprobe stehen. Quelle: dpa Geld-Gewitter über Peking. Der chinesische Finanzmarkt könnte vor einer harten Belastungsprobe stehen. (Foto: dpa).
Auch Aufseher Guo von der staatlichen Regulierungsbehörde CBIRC schaut sehr genau auf die Zahlen – und die Folgen für die Kreditgeber: Der Druck durch notleidende Kredite im Bankensektor sei wieder angestiegen, schrieb er in seinem Grundsatzaufsatz. Nach der offiziellen Statistik ist die Quote der ausfallgefährdeten Darlehen im dritten Quartal auf 1,96 Prozent geklettert – den höchsten Stand seit mindestens sechs Jahren.

Durch die Coronakrise sind auch die Gefahren für das Finanzsystem der Volksrepublik gestiegen. Experten schlagen Alarm. Die Regierung will gegenhalten. In China passieren gerade Dinge, die lange Zeit für nahezu unmöglich gehalten wurden: Kurz hintereinander mussten mehrere große Staatsunternehmen einräumen, dass sie ihre Schulden nicht pünktlich zurückzahlen können. Die Ausfälle bei den Anleihen ließen die Finanzmärkte aufschrecken, denn es sind durchaus prominente Namen dabei: Im Oktober war es Huachen, der Mutterkonzern von BMWs chinesischem Joint-Venture-Partner Brilliance, der einen Bond in Höhe von einer Milliarde Yuan (rund 120 Millionen Euro) nicht zurückzahlen konnte. Im November erging es dem staatseigenen Bergbauunternehmen Yongcheng Coal and Electricity Holding Group ähnlich. In einem dritten Fall konnte die Tsinghua Unigroup, ein Chiphersteller, der von Pekings renommierter Tsinghua-Universität unterstützt wird, gleich zwei Anleihen nicht pünktlich zurückzahlen. Das sind längst keine Einzelfälle mehr: In den ersten zehn Monaten des Jahres kam es nach Berechnungen der Ratingagentur Fitch zu einem Rekordausfall bei Bonds von staatseigenen Unternehmen in Höhe von 40 Milliarden Yuan (rund fünf Milliarden Euro).
Der Plaque-Assay von HSV-1 infizierten Vero B Zellen (Färbung mit Coomassie).

Wir verbinden Biologie und Technik:
Wie können wir Ressourcen und das Klima schützen? Wie die Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung mit Wasser, Nahrung und Rohstoffen sicherstellen? Und was können wir tun, um Erkrankungen präzise zu diagnostizieren, Wirkstoffe zu bezahlbaren Kosten zu testen und die Gesundheit einer alternden Gesellschaft mit personalisierten Therapien zu verbessern?

Das Fraunhofer IGB entwickelt Verfahren, Technologien und Produkte für Gesundheit, Nachhaltige Chemie und Umwelt. Dabei setzen wir auf die Kombination biologischer und verfahrenstechnischer Kompetenzen, um mit dem Systemansatz der Bioökonomie und bioinspirierten, biointegrierten und biointelligenten Lösungen zum Wohlergehen des Menschen, einer nachhaltigen Wirtschaft und einer intakten Umwelt beizutragen.

Unseren Kunden bieten wir Komplettlösungen vom Labor- bis zum Pilotmaßstab, ergänzt durch ein breites Spektrum an Analyse- und Prüfleistungen. Neben dem an anderer Stelle beschriebenen Antiviralen Assay AVA, bieten wir weitere zellbasierte Testsysteme an, um den Titer zytopathischer Viren in unterschiedlichen Proben zu bestimmen. Die Assays können unter unterschiedlichen Qualitätssicherungskategorien, von der Anforderung in Forschung und Entwicklung bis zum zertifizierten GLP-Standard, durchgeführt werden. Zytopathogene Viren können durch die Anzahl der Plaques quantifiziert werden, die sie in einem Zellmonolayer verursachen. Mittels dieses Testsystems kann nach Wirkstoffen mit antiviraler Aktivität gesucht werden, welche diese Plaquebildung inhibieren – Quelle: Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB.

Norbert Hofstätter
COVID-19 Mutanten und erhöhte Ansteckungsfähigkeit.
Für alle die es interessiert: Wie kann man feststellen, ob so eine neue Variante tatsächlich ansteckender ist? Das scheint ja nicht so leicht zu sein – weil die Transmission der Virionen ja von vielen Faktoren – zu allermeist vom menschlichen Verhalten (social distancing, Hygieneregeln) – abhängt. Wie misst man das daher? Tatsächlich sind derartige Aussagen die Ansteckungsfähigkeit betreffend gestützt durch gut etablierte Verfahren mit menschlichen epithelialen (aus inneren Lungengewebeoberflächen) Zellkulturen. Vergleiche über die Ansteckungsfähigkeit unterschiedlicher Virentypen/Mutanten sind schon lange standardisiert und wurden natürlich auch schon für MERS, seasonal Flu Viruses und alle anderen Covid-Varianten gemacht und natürlich auch für die Entwicklung antiviraler Medikamente die zuvor in Zellkultur getestet werden. Deshalb konnte man auch zu Beginn der Covid-19 Pandemie das Ausbreitungspotential des SARS-Cov-2 schon sehr früh gut einschätzen. Man geht dabei wie folgt vor: Man exponiert eine definierte Menge von menschlichen Lungenepithelzellen mit Virionen in Zellkultur und misst die notwendige Menge an Virionen um 50% der Zellen zu befallen (TCID50 – tissue culture infection dose 50). Das Verhältnis der TCID50 von verschiedenen Viren/Mutationen zueinander beschreibt dann deren relative Infektiosität zueinander. So einfach geht das, gut etabliert und eine IM VERGLEICH VON VIREN zuverlässige Aussage.
So sind daher derartige Feststellung vermutlich wissenschaftlich ziemlich solide – und die Verschärfung der Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung gerechtfertigt.

 

Klinische Prüfung der Impfstoffentwicklung in drei Phasen

 

Uniklinikum Salzburg – SALK – Update zur Corona-Impfung.

Die Phase-3-Studie zum RNA-Impfstopf BNT162b2 von BioNTech/Pfizer liegt vor:
• 21.720 Geimpfte (16 bis 91 Jahre, 42 % über 55) mit BNT162b2, 21.728 mit Placebo.
• Zwei Injektionen in Oberarm im Abstand von 21 Tagen.

• Probanden waren gesund oder hatten stabile chronische Erkrankungen, Immunsupprimierte waren ausgeschlossen.

Effektivität
• 8 COVID-Fälle bei Geimpften, 162 in Placebogruppe – 95 % Effektivität.
• Erkrankungsrate unterschied sich ab Tag 12 nach 1. Dosis mit 52 % Teilschutz.

• Daten zu asymptomatischen Infektionen liegen noch nicht vor.

Nebenwirkungen
• Milde bis moderate Schmerzen an Injektionsstelle gaben bis 55 Jahre 83 bzw. 78 % an, über 55 Jahre 71 bzw. 66 %, in der Placebogruppe bis zu 14 %. Unter 1 % hatte starke Schmerzen.
• Milde oder moderate Rötung und/oder Schwellung wurde in 5 bis 7 % berichtet, schwere in unter 1 %.
• Lokale Reaktionen dauerten ein bis zwei Tage.
• In sieben Tagen nach der Impfung gaben bis 55 Jahre 59 bzw. 52 % und über 55 Jahren 51 bzw. 39 % milde bis moderate Müdigkeit und Kopfschmerzen an, in der Placebogruppe 14 bis 34 %.
• Stark erschöpft waren 3,8 %, 2 % hatten starke Kopfschmerzen.
• Fieber über 38 °C bekamen 4 bzw. 16 % der jüngeren Geimpften und 1 bzw. 11 % der älteren.
• Fieber bis 40 °C trat bei 0,2 % der Geimpften und 0,1 % unter Placebo nach 1. Dosis und bei 0,8 % bzw. 0,1 % nach 2. Dosis auf.
• Je zwei Personen der Impf- und Placebogruppe hatten mehr als 40 °C Fieber.
• Fieber kam in den ersten beiden Tagen und dauerte nur kurz.
• 64 Geimpfte und 6 aus der Placebogruppe hatten geschwollene Lymphknoten.
• Vier schwere Nebenwirkungen gehen auf die Impfung zurück (Schulterverletzung, axilläre Lymphadenopathie, paroxysmale Kammerrhythmusstörung, Beinparästhesie).
• 6 Personen starben während der Studie – zwei in der Impfgruppe (Arteriosklerose und Herztod). Es wurde kein Zusammenhang mit der Impfung gesehen.

Quelle: New England Journal of Medicine, https://www.nejm.org.

Wie gefährlich ist die mutierte Variante in England?

Im Südosten Englands verbreitet sich ein verändertes Coronavirus aus: Die Variante mit der H69/V70-Mutation scheint schneller zu sein, als andere. Experten halten sie sogar für doppelt so ansteckend. Und: Was bedeuten Mutationen für den Impfstoff? Es war eine beunruhigende Nachricht, die der britische Gesundheitsminister Matt Hancock am Montag im Unterhaus bekannt gab: „In den letzten Tagen haben wir eine neue Variante des Coronavirus entdeckt, die vielleicht im Zusammenhang mit der schnelleren Ausbreitung des Virus im Südosten Englands steht.“ Eine erste Analyse habe ergeben, dass sich diese Variante schneller ausbreite als andere. Bei mehr als 1000 Menschen hätten die lokalen Behörden bereits eine Infektion mit der neuen Variante nachgewiesen, und das vor allem im Südosten Englands. Man wisse noch nicht, in welchem Ausmaß dies der neuen Virus-Variante zuzuschreiben sei. Der Minister rief an dieser Stelle nochmals zu entschiedenem Handeln auf, um die tödliche Krankheit zu stoppen.

Unter Wissenschaftlern, die sich mit Covid-19-Mutationen beschäftigen, brach erhebliche Verwirrung und auch Ärger aus – denn nähere Einzelheiten nannte Hancock zunächst nicht. So konnten die Experten nur mutmaßen, von welcher der vielen bekannten Virus-Varianten der Minister überhaupt gesprochen hatte. „Es ist frustrierend, dass solche Behauptungen gemacht werden, ohne dass die dazugehörige Evidenz für eine wissenschaftliche Einschätzung präsentiert wird“, so äußerte sich etwa Lucy van Dorpe vom UCL Genetics Intstiute. Inzwischen aber hat das Covid-19 Genomics UK Consortium (COG-UK) näherere Einzelheiten bekannt gegeben.

Die neue Virus-Variante vereint eine Reihe von Mutationen, die Genetikern schon länger bekannt sind. Eine Mutation – die sogenannte H69/V70-Mutation – ist es vor allem, die Aufmerksamkeit erregt, denn sie bewirkt eine Veränderung in einem besonders wichtigen Teil des Virus, dem Spike-Protein. Spike-Proteine sitzen auf der Außenhülle des Virus, mit ihnen bindet das Virus an bestimmte Rezeptoren auf menschlichen Körperzellen, den ACE2-Rezeptoren. Die Bindungsstelle des Spike-Proteins wird durch die H69/V70-Mutation in seiner Form leicht verändert.

zum Artikel.
Für sich genommen ist die Mutation keineswegs neu: Sie ist schon an vielen Orten auf der Welt entdeckt worden und tritt entweder allein oder zusammen mit anderen Mutationen auf. Von Mutationen spricht man, wenn durch Kopierfehler bei der Vermehrung Veränderungen im genetischen Code des Virus entstehen. Das passiert bei allen Viren, allerdings mutieren manche Viren langsamer, manche schneller. Das Coronavirus mutiert deutlich seltener als etwa Grippeviren. Dennoch haben sich inzwischen Tausende von Mutationen angesammelt, seit das Virus erstmals 2019 auf den Menschen übersprang.

Corona-Impfzentren: Der große Impfplan
Der Impfplan
Bald schon soll auch in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft werden. Wie wird das ablaufen? Ein Überblick zu den wichtigsten Fakten und allen bekannten Impfzentren. Von  und .

So schnell lässt sich Corona nicht wegimpfen

Zu Recht setzen im Kampf gegen die Pandemie alle auf die Impfstoffe. Doch die Hoffnungen auf eine schnelle Besserung sind übertrieben. Jetzt also ist sie gestartet in Europa, die erste Impfkampagne gegen das Virus Sars-CoV-2. Während wir in Deutschland angesichts der hohen Infektionszahlen über eine schnelle Verschärfung des Lockdowns diskutieren, schauen wir hoffnungsvoll und vielleicht auch ein wenig neidisch nach Großbritannien, wo die ersten Menschen am Dienstag mit dem Biontech/Pfizer-Vakzin geimpft wurden. Vom „V-Day“ sprach der britische Gesundheitsminister.Die Aktienkurse steigen weltweit in Erwartung, dass mit der Immunisierung alles besser wird. In den USA erreichten die wichtigen Börsenindizes am Dienstag neue Rekorde. Der S&P 500 schloss erstmals über der Marke bei 3700 Punkten. Die Covid-geplagte Weltmacht könnte schon an diesem Freitag mit den ersten Impfungen beginnen. Die EU-Staaten dann spätestens Ende des Monats. Die Impfungen sind ein wichtiger Lichtblick in einer Zeit, in der Covid-Neuinfektionen und tägliche Todesfälle weltweit auf Rekordniveau gestiegen sind, in der die europäischen Staaten in ihren zweiten Lockdowns stecken und sich eine Corona-Müdigkeit wie Mehltau über das Gemüt der Menschen ausbreitet. Wir brauchen diese Aussicht, dass die Einschränkungen wegfallen, privat, gesundheitlich, wirtschaftlich. Doch ein halbwegs Covid-freies Leben werden wir als Gesellschaft vermutlich nicht so schnell erreichen, wie viele dies derzeit hoffen. Auch 2021 wird es weitere lokale, regionale, vielleicht auch nationale Ausbrüche geben.

Das hat mehrere Gründe: Die ersten zugelassenen Impfstoffe sind noch rar, sodass es dauern wird, bis die Impfungen zu sinkenden Infektionszahlen führen werden. In Deutschland hofft Gesundheitsminister Spahn auf Massenimpfungen ab Sommer kommenden Jahres. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt, dass eine Immunisierung von etwa zwei Dritteln der Bevölkerung ausreicht, um die Verbreitung von Corona aufzuhalten. Diesen Wert müssen die Länder erst einmal erreichen. Lokale Epidemien sind auch Ende 2021 möglich. Nicht umsonst warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO, es sei noch lange nicht ausgemacht, dass überall in Europa ein dritter Lockdown verhindert werden könne. Lokale Epidemien kann es auch Ende kommenden Jahres noch geben – mit den daraus folgenden Einschränkungen zur Eindämmung des Virus. Weltweit müssen rund fünf Milliarden Menschen geimpft werden, um die nötigen zwei Drittel zu erreichen – mit jeweils zwei Impfdosen. In vielen Schwellenländern wird es weitaus länger dauern, auf solch einen Wert zu kommen, weil sie auf die einfacher zu handhabenden und günstigeren herkömmlichen Vektorimpfstoffe setzen müssen.

Daneben gibt es weitere Risiken: Nebenwirkungen der im Eilverfahren zugelassenen Impfstoffe können auftreten und zu Verzögerungen der Impfkampagnen oder zu einer sinkenden Impfbereitschaft führen. Südkorea etwa wartet trotz millionenfacher Bestellung mit dem Einsatz des Impfstoffes, weil das Land sich erst einmal die Resultate im Massentest der anderen Länder anschauen will. Ebenso können Produktionsprobleme auftreten, wie es sich zuletzt bei Biontech/Pfizer, aber auch bei Astra-Zeneca im britischen Werk gezeigt hat. Noch ist nicht klar, ob und nach welcher Zeit Menschen das Virus nach einer Immunisierung übertragen können. Auch Mutationen des Virus wie zuletzt in einzelnen Fällen in Dänemark sind Risiken, die zu Rückschlägen auf dem Weg aus der Pandemie führen können.

Rückschläge einkalkulieren

Die Erwartungen an eine schnelle Wirkung der Impfstoffe sind aber so hoch, dass die Gefahr einer Enttäuschung derzeit groß ist. Wir müssen mit Rückschlägen rechnen. Nicht umsonst bezeichnete die Ratingagentur Fitch etwa Probleme oder Verzögerungen bei der Einführung der Impfstoffe in dieser Woche als das Schlüsselrisiko ihrer Wirtschaftsprognose für die kommenden beiden Jahre. Institutionelle Investoren in den USA sind derzeit – mitten in der heftigen zweiten Corona-Welle im Land – so optimistisch wie seit Anfang 2018 nicht mehr. Und die Impfstoffe sind neben den Rettungsaktionen von Staaten und Notenbanken ein wichtiger Grund.

Erste Aktienstrategen raten da bereits zur Wette gegen den schnellen Impferfolg, weil die Hoffnungsbewertungen an den Finanzmärkten übertrieben seien. Und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Zentralbank der Notenbanken, warnt vor überzogenen Bewertungen bei Aktien und Anleihen. Es ist gut und berechtigt, dass die Impfungen Hoffnung machen. Wir sollten nur darauf vorbereitet sein, dass nach dem Covid-Jahr 2020 zumindest auch das kommende Jahr 2021 ein Covid-Jahr wird. Und uns von Rückschlägen auf dem Weg heraus aus der Pandemie nicht frustrieren lassen, weil wir zuvor übertrieben optimistisch waren.

Der frühere Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung sagt: „Man muss nur Corona rufen, und schon fließen die Milliarden.“ Quelle: dpa
Hans-Werner Sinn warnt vor Kontrollverlust: „Die Politik verliert das Maß“.

Der Ökonom spricht über Inflationsgefahren und eine drohende Zombifizierung der Marktwirtschaft. Große Chancen für Deutschland sieht Sinn im Machtwechsel in den USA.
Herr Sinn, ein denkwürdiges Jahr geht zu Ende. Immerhin gibt es zum Jahresschluss Hoffnungssignale: einen Impfstoff und die Abwahl eines US-Präsidenten, der, vorsichtig ausgedrückt, an den Grundfesten der Weltordnung rüttelte. Wie blicken Sie auf dieses Jahr zurück? Oder besser: Mit welchem Gefühl gehen Sie in das neue?
Ich gehe mit einem großen Gefühl der Erleichterung ins nächste Jahr. Auf dem Höhepunkt der Pandemie kam nun der Impfstoff aus Mainz, der die Welt retten wird. Es reißen sich alle darum. Nachdem die Kontrollbehörden von Kanada, Großbritannien, den USA und einer wachsenden Zahl anderer Länder den deutschen Impfstoff freigegeben haben, sollte Europa ebenfalls sofort mit den Impfungen beginnen. Der Lockdown ist zwar im Moment alternativlos, doch jeder Tag, den wir früher impfen, erspart uns Hunderte von Toten und eine Milliarde ökonomischer Kosten.

Wie steht es um den zweiten Aspekt, also die Abwahl Donald Trumps?
Welche Erleichterung! Trump hat einen Zweifronten-Krieg mit China und Europa geführt. Der demokratische Wahlgewinner Joe Biden ist klug genug zu wissen, dass das nicht funktionieren kann. Der neue US-Präsident wird sich auf China konzentrieren und sich wieder stärker um die europäischen Verbündeten kümmern. Auch ein neuer transatlantischer Freihandelsvertrag ist wieder möglich.

Sie glauben also, der Trumpismus verschwindet mit Trump?
Nein, da soll man sich nichts vormachen. Die Polarisierung und auch die Rassenkonflikte in den USA, die mit der Coronakrise aufbrachen, werden nicht verschwinden. Ich glaube nicht, dass Trump die Spannungen in der amerikanischen Gesellschaft verursacht hat, sondern dass die Spannungen Trump hervorbrachten.

Sie meinen die Spannungen zwischen Arm und Reich beziehungsweise Weiß und Schwarz?
Ja, sehen Sie, ich erinnere mich gut an das Jahr 1968. Ich bin damals auf die Straße gegangen und habe wegen der Ermordung Martin Luther Kings demonstriert. Diese Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen sind nach wie vor riesengroß. Reihenweise wurden zuletzt die Statuen und Denkmäler der Helden der amerikanischen Geschichtsbücher gestürzt – etwa die von Robert Lee. Das lässt sich in seiner Wucht durchaus mit dem Sturz der Lenin-Statuen in der Sowjetunion vergleichen – zum Artikel.

Nach der Pandemie wird es eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben. Der in Stanford lehrende Historiker prophezeit nach dem Ende der Pandemie in 2021 einen wirtschaftlichen Boom – und warnt vor Inflation und Schuldenbergen. Niall Ferguson hat die Corona-Pandemie bereits Anfang 2020 vorausgesagt. Aus historischer Sicht werde es Covid-19 nicht unter die 20 schlimmsten Pandemien der Menschheitsgeschichte schaffen. „Die schnelle Entwicklung der Impfstoffe wird dafür sorgen, dass die Pandemie Ende nächsten Jahres in den meisten Orten der Welt Geschichte ist“, sagte Ferguson, der in Stanford lehrt, im Interview mit dem Handelsblatt. „Und dann setzt die kollektive Amnesie ein, durch die wir auch frühere Pandemien schnell vergessen haben.“ Die Corona-Pandemie wird nach Meinung des gebürtigen Schotten keine bleibenden wirtschaftlichen Schäden hinterlassen. Unterm Strich seien die wirtschaftlichen Auswirkungen sogar geringer als nach der Finanzkrise 2008. Die US-Haushalte haben laut Ferguson in 2020 rund eine Billion Dollar zwangsweise gespart. Dieses Geld werde ausgegeben, wenn dies wieder möglich sei. „Es wird eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben, und die Sparrate in den USA wird wieder auf ihr historisches Maß sinken.“

Der konjunkturelle Boom in 2021 werde die Notenbanken dazu zwingen, früher als geplant auf die Bremse zu treten. Überschattet bleibe der Aufschwung vom neuen kalten Krieg zwischen den USA und China, dem sich auch Europa nicht entziehen könne.

Der Historiker befürchtet außerdem, dass Deutschland und Frankreich nach dem Abgang von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) politisch unterschiedliche Richtungen einschlagen werden. „Die CDU hat die Frage, wer folgt auf Merkel, so schlecht gemanagt, dass niemand eine Ahnung hat, wer in ihre Fußstapfen tritt“, sagte Ferguson. Die entscheidende Frage sei, wer in der Post-Merkel-Ära den Ton in Europa angibt. „Der französische Präsident Emmanuel Macron hat schon deutlich gemacht, dass er diese führende Rolle übernehmen will.“

Herr Ferguson, hat die Pandemie die Weltwirtschaft nachhaltig geschädigt?
Ökonomisch betrachtet wird die Coronakrise die stärkste, aber auch kürzeste Rezession sein, die es je gegeben hat. Das Tempo der wirtschaftlichen Erholung in den USA und anderswo ist schon jetzt enorm, obwohl die Impfungen gerade erst begonnen haben. Nur etwa fünf Prozent unserer Volkswirtschaft mussten wir zum Stillstand bringen, um das Virus zu bekämpfen. Der Rest lief weiter. Obwohl der wirtschaftliche Schaden momentan groß ist, werden wir in 2021 das Schlimmste überstanden haben. Unterm Strich sind die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie viel geringer als die Schäden nach der Finanzkrise 2008.

Wenn die Weltwirtschaft sich so schnell erholt, wie Sie und viele Ökonomen es prophezeien, können wir uns dann den Streit über Schuldenberge und eine neue Austeritätspolitik sparen?
Nein, wir müssen über diese Themen sprechen. Die wirtschaftliche Erholung wird die Form einer Schildkröte haben: Die Volkswirtschaften der meisten Industrieländer sind vom Panzer in den Nacken der Schildkröte gestürzt und jetzt wieder auf dem Weg nach oben – ohne allerdings das vorherige Niveau zu erreichen. Das ist erst möglich, wenn die Pandemie ganz vorüber ist – lesen Sie hier das ganze Interview:

Diese Länder eint, dass ihr Erfolg im Kampf gegen Corona oft falsch interpretiert wird: China, Ruanda, Taiwan, Australien, Uruguay und Haiti

Die größten Mythen über die Corona-Bändiger – drei Mythen.

Geografische Besonderheiten, Reichtum, autoritäre Politik: In der Diskussion um Länder, die den Kampf gegen Corona bestehen, werden die immer gleichen Gründe für deren Erfolg beschworen. Dabei zeigt ein genauer Blick, dass diese Annahmen oft wenig mit der Realität zu tun haben. Die Corona-Pandemie hat Teile der Welt wieder – oder noch immer – fest im Griff. In etlichen europäischen Ländern steigen die Infektionszahlen stärker als je zuvor, es gelten Lockdowns, Intensivbetten werden knapp – ohne dass ein Ende der Pandemie absehbar wäre. Anderswo geht das Leben dagegen beinah normal weiter. Und nicht nur das: Es gibt etliche Länder auf der Welt, die bis heute wenige Corona-Tote beklagen und die kaum von den Auswirkungen der Pandemie gelähmt wurden. Sehnsüchtig schaut man aus stark betroffenen Ländern auf diese Beispiele. Allzu oft scheint es einfache Erklärungen dafür zu geben, warum die Pandemie gerade dort unter Kontrolle ist oder weniger verheerende Konsequenzen hat. Dass Allgemeinplätze dieser Pandemie aber nicht gerecht werden, zeigt der Blick auf jene Länder, welche die größten Corona-Mythen widerlegen.

Mythos 1: Nur autoritäre Staaten können die Pandemie schnell eindämmen

Ein häufig gebrauchtes Argument: „Nur autoritäre Staaten haben die Möglichkeiten, die Pandemie schnell einzudämmen“. Besonders gern wird hier das Beispiel Chinas herangezogen, wo die Infektionszahlen nach katastrophalen Zuständen im Frühling mittlerweile flächendeckend niedrig sind. Als Grund für diesen Turnaround wird nicht zu Unrecht auf ein Herrschaftssystem verwiesen, das es erlaubt, Maßnahmen zur Eindämmung des Virus rigoros durchzusetzen – weil weder die Achtung von Grundrechten, noch politische Debatten oder schleppende Bürokratie den Kampf gegen das Virus behindern. Doch es gibt etliche echte Demokratien die ebenso oder noch erfolgreicher sind.  Taiwan etwa ist keine 200 Kilometer von China entfernt, wirtschaftlich eng mit der Volksrepublik verbunden und dicht besiedelt. Trotzdem zählt die Johns Hopkins Universität bis heute nur knapp über 700 Corona-Infektionen und gerade einmal sieben Tote. Es brauchte jedoch kein totalitäres Regime für diese beeindruckende Bilanz. Taiwan reagierte schlicht umsichtig und frühzeitig: wenige Tage nach dem ersten Fall im Januar wurde der Flugverkehr mit China ausgesetzt, Passagiere aus Wuhan wurden schon im Dezember bei ihrer Ankunft getestet – zum Artikel.

    

 

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Joanna
Joanna
10 days ago

Tia!

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