Sparer als Bremser – Kreditnehmer als Beleber – Inflation, Fluch oder Segen | OekoHuman

Geld und Spekulation und „ewig grüßt das Murmeltier“.

Isaac Newton, die Südsee und das Geld – DENNIS KREMERAKTUALISIERT AM 

Der Physiker Isaac Newton

So genial Isaac Newton als Physiker war, so töricht verhielt er sich als Spekulant. Der Finanzwelt hat er trotzdem einen guten Dienst erwiesen. 

Der Engländer Isaac Newton (1643-1727) hat der Welt eine Anekdote hinterlassen, die zu schön ist, um wahr zu sein. Angeblich stand Newton eines schönen Sommertages im Jahr 1666 in seinem Garten und betrachtete einen Apfelbaum voller Früchte. Da fiel auf einmal ein Apfel herunter, und Newton fragte sich: „Warum fällt ein Apfel stets zu Boden? Warum fällt er nicht zur Seite oder bewegt sich wieder nach oben?“ Dieses Alltagserlebnis, so geht die Legende, steht am Anfang von Newtons revolutionären Forschungen zur Gravitationslehre, der Theorie der Schwerkraft. Die Welt der Physik und der Mathematik verehrt den Mann bis heute als einen der bedeutendsten Wissenschaftler aller Zeiten. Weniger bekannt dagegen ist, dass Newton sich auch um die Finanzwelt verdient gemacht hat.

Er hatte nach seinen Jahren als Wissenschaftler mit Mitte 50 nämlich eine Aufgabe übernommen, mit der sich nicht nur gutes Geld verdienen ließ, sondern die auch viel mit Geld zu tun hatte: Er wurde „Master of the Royal Mint“, was sich am ehesten mit „Vorstand der Königlichen Münzanstalt“ übersetzen lässt. Das war in der Praxis zwar eher ein lukrativer Versorgungsposten als ein Vollzeitjob, aber Newton nahm die Aufgabe sehr ernst. Man hätte kaum einen besseren Mann dafür finden können als den begabtesten Mathematiker seiner Zeit.

Die Königliche Münzanstalt

Es wäre nun zu viel des Guten, Isaac Newton, den Begründer der modernen Physik, auch noch zum Begründer der ersten modernen Finanzkonzepte auszurufen, die damals aufkamen. Aber er hatte einen wesentlichen Anteil daran, wie der Autor Thomas Levenson in seinem lesenswerten Buch argumentiert, das im Verlag „Head of Zeus“ erschienen ist (Money for nothing: The South Sea Bubble and the invention of modern capitalism; 455 Seiten; bislang nur auf Englisch erhältlich). Denn Newton übte sein Amt in der Münzanstalt über einen Zeitraum aus, in dem mehrere Entwicklungen zusammenkamen, die am Ende zu wichtigen Finanzinnovationen führten. Auch wenn, wie sich noch zeigen wird, der Umgang mit einigen dieser Innovationen viele Menschen viel Geld kosten sollte – unter anderem Isaac Newton selbst. Zu diesen besonderen Umständen der Zeit gehörte die Revolution des wissenschaftlichen Denkens, die von Newton höchstpersönlich angeführt wurde. Ihr Ziel: durch Beobachtung (Empirie) und durch Abstraktion allgemeingültige Naturgesetze herauszufinden. Das führte dazu, dass man abseits der Naturwissenschaften ebenfalls vieles überdachte, auch in der sich allmählich entwickelnden Welt des Geldes. Letzteres hatte auch einen ganz praktischen Grund: Die Königshäuser Europas, allen voran das englische, brauchten ständig Geld, um ihre Kriege zu finanzieren. Da kam es ihnen gerade recht, dass damals eine große Lust an der Spekulation aufkam, die man sich besonders in England zunutze machte.

Kriege und Staatsschulden

Mit dem Problem des mangelnden Geldes war Isaac Newton vom Beginn seiner Zeit in der Königlichen Münzanstalt konfrontiert. Er hatte damals vor allem ein praktisches Problem zu lösen, das mit Geld in seiner damals gebräuchlichsten Form zu tun hatte – mit Münzen. Die Silbermünzen, die die Basis des englischen Währungssystems bildeten, enthielten nämlich seit geraumer Zeit weniger Edelmetall, als das Gesetz versprach. Newton sprach sich damals für eine Abwertung der Münzen aus (ein eher modernes Konzept), fand aber ausgerechnet in seinem Freund, dem Staatsphilosophen John Locke, einen Gegner dieses Vorhabens. Auch am Hofe war man nicht amüsiert.

Newton musste trotzdem nicht um seine Stellung fürchten. Denn die Münzproduktion, für die seine Anstalt verantwortlich war, organisierte er mit Disziplin und harter Hand. Zeitweise, so schreibt Levenson, standen ihm dafür bis zu 500 Mann zur Verfügung. Die Herstellung physischen Geldes konnte einen Denker wie Newton aber intellektuell nicht wirklich erfüllen, weswegen er sich bald einer ganz anderen Geldfrage zuwandte. England hatte sich für seinen Krieg mit Frankreich zum Ende des 17. Jahrhunderts in hohem Maße verschuldet. Nach dem Ende dieser Auseinandersetzung entbrannte eine Diskussion: Waren Schulden in Form von Staatsanleihen eine gute oder eine verwerfliche Sache? Newton positionierte sich eher auf der Seite der Befürworter und äußerte mit Blick auf die Höhe des Zinssatzes eine ziemlich moderne Vorstellung: Dieser sollte sich am Markt bilden und nicht von der Regierung festgelegt werden. Nicht einmal ein so schlauer Mann wie Newton dürfte geahnt haben, dass aus dieser Diskussion um die Staatsschulden am Ende eine der ersten großen Finanzblasen der Geschichte entstehen sollte.

Die South Sea Company: Eine der ersten Finanzblasen der Geschichte

Und das kam so: Im Jahr 1711 hatte England scheinbar endlich einen Weg gefunden, um mit der steigenden Staatsverschuldung fertig zu werden. Eine neue Handelsgesellschaft, die South Sea Company, sollte einen Teil der Staatsschulden übernehmen. Im Gegenzug erhielt die Gesellschaft eine festgelegte Verzinsung und das Monopol auf den Handel mit dem Gebiet, das man damals als „Südsee“ bezeichnete – weiterlesen.

 

 

Deflation und Inflation zeigen sich im Geld, aber auch im Alltag – Bild: Wilhelmine Wulff / pixelio.de

Wachstum und Austausch als Lebensprinzip

Deflation und Inflation sind das Ergebnis von zwei Lebensprinzipien: Wachstum und Austausch. Diese finden wir im Leben allgemein und im Speziellen in der Art und Weise des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems begründet. Grundsätzlich sind alle Lebewesen und damit auch der Mensch vom Austausch abhängig. Einatmen und Ausatmen ist ein natürlicher Prozess, auch in der Kommunikation und Kooperation sprechen wir vom Austausch, so auch in der Sprache, verbal und nonverbal.

Haushalten und Wirtschaften in der Familie und in der Ökonomie, im Kleinen und im Großen, ist u.a. der Austausch von Leistungen, in Form von Waren und Dienstleitungen. Um diese Art von Austausch in der Ökonomie frei zu gestalten, wurde das Geld als Mittler eingeführt (siehe: Das Wesen des Geldes). Natur und der Mensch streben nach Wachstum in jeder Beziehung, der eine geistig, ein anderer seelisch und wieder ein anderer körperlich. Der Wunsch nach Austausch und Wachstum ist jedem Atom, jedem Molekül und  jeder Zelle im Menschen und der Natur im Allgemeinen vorhanden, der antrieb ist der Überlebenswille. Deflation und Inflation sind gewissermaßen ein Messinstrument, wie weit die Balance durch Wachstum aus dem Ruder läuft. Ähnlich einem trainierenden Sportler, dem der Atem anzeigt, dass die Kondition noch nicht mit seinem Ziel übereinstimmt.

Im Folgenden stelle ich die Beispiele auf der Ebene der Ökonomie gewissermaßen in Schwarz und Weiß dar und verzichte auf die verschiedenen Grautöne, da es sonst zu komplex würde. Allerdings gelten dieselben Gesetzmäßigkeiten auch innerhalb der Grautöne.

Nun gibt es Menschen, die wollen aus ihrem Ersparten wachsen, andere wollen wachsen, indem sie Kredite aufnehmen. Die, die sparen, nehmen keine Waren aus dem Markt und die, die Kredite aufnehmen, nehmen Waren aus dem Markt, obwohl sie selbst noch keine Leistung dafür erbracht haben. So nehmen wir es hier der Einfachheit halber an. In der Regel müssen letztere allerdings ihre Leistungsbereitschaft und -fähigkeit nachweisen und bestehen die Prüfung der Bank entsprechend ihrer Kreditwürdigkeit und -fähigkeit. Akzeptiert das Kreditinstitut diese Sicherheit, dann haftet es für den gesamten Betrag beim Ausfall des Kreditnehmers.

In unserem Beispiel, das lediglich schwarz und weiß darstellt an, begnügt sich die Bank mit dem guten Namen, der Bilanz, der Gewinn- und Verlustrechnung, den aktuellen Zahlen und der Prognose als Sicherheit.

1. Fazit: Der Sparer bringt seine erbrachte Leistung in Form von Geld zur Bank und verzichtet zunächst auf die Gegenleistung. Der Kreditnehmer erwirbt mit Hilfe des Kredites eine Leistung aus dem Markt, die er sich heute noch nicht leisten kann. Er glaubt allerdings fähig zu sein, seine eigene Leistung im Laufe der Zeit zu erbringen, um den Kredit inklusive der Zinsen rechtzeitig wieder zurückzuzahlen.

Der Sparer kauft und will immer in der Gegenwart wachsen, der Kreditnehmer kauft und wächst heute für ein Resultat, das in der Zukunft liegt. Der Sparer wirkt auf den Wirtschaftskreislauf bremsend und der Kreditnehmer belebend. Der Sparer geht das Risiko der Inflation ein und der Kreditnehmer das Risiko der Deflation.

Die Banken im Zusammenspiel mit den Zentralbanken haben im Kern die Aufgabe, Angebot und Nachfrage von Geld zu koordinieren. Das Angebot wird durch die Sparer hervorgerufen und die Nachfrage von den Kreditnehmern. Die Hauptaufgabe der Banken liegt in der Beachtung der Qualität. Die Kreditnehmer sind immer auf die Zukunft fixiert und glauben auch immer, dass heute der Vorteil für sie größer ist, als morgen. Dies gilt für den Konsumenten, Hauskäufer und den Unternehmer im gleichen Maße. Für unser Beispiel wenden wir uns dem Unternehmer zu.

Der Unternehmer „riecht“ gewissermaßen ein Geschäft. Wenn er überzeugt davon ist, einen Vorteil erkannt zu haben, kann ihn nur die Bank davon abhalten, diesen Vorteil auch für sich zu nutzen. Nehmen wir an, er konnte seine Bank von seiner Idee überzeugen und die Bank verlässt sich auf die seit Jahren bestehende gute Geschäftsbeziehung und den guten „Riecher“ ihres Kunden. Im Kern verlässt sich die Bank auf die Bilanzen, die Gewinn und Verlustrechnung (G + V) und Zahlen aus Gegenwart und Zukunft. Die Bilanz und die G +V stellt den Markt der Vergangenheit dar, die laufenden Zahlen den Markt der Gegenwart und die Prognosezahlen den Markt der Zukunft.

Der Unternehmer sieht in der Neuinvestition die Chance, Marktanteile dazu zu gewinnen, er schätzt die Einnahmen und Erträge höher ein, als die Ausgaben und Kosten, so dass am Ende ein Gewinn verbleibt, den er sonst nicht generiert hätte. In den Kosten sind die Zinsen für den Kredit enthalten und aus dem Gewinn wird die Tilgung aufgebracht. Steuerliche Überlegungen und staatliche Subventionen lasse ich außen vor, obwohl diese sehr entscheidende und tragende Entscheidungshilfen darstellen.

Vorausgesetzt unser Beispielsunternehmer hat die Lage richtig eingeschätzt und sich richtig an den vier Eskalationsstufen der Risikoeinschätzung orientiert, so wird er seinen Kredit inklusive der vereinbarten Zinsen in der vereinbarten Zeit zurückbezahlt haben. In diesem Fall sind Inflation und Deflation im ersten Blick in Balance.

Aus dem Gesagten ist zu erkennen, dass Inflation und Deflation immer stattfinden, beides gehört zu einem natürlichen Prozess, wie das Einatmen und Ausatmen. Es ist kein Ereignis, dass sich plötzlich und unerwartet ergibt. Es lässt sich auch erkennen, dass es sich um eine Folge oder ein Kind der Geld- bzw. Kreditschöpfung handelt. Wenn der Prozess unkontrolliert abläuft und ohne Führung sich selbst überlassen wird, dann kollabiert das System, ähnlich dem hyperventilieren bei der Atmung. Die Aufgabe der Führung und Kontrolle übernimmt in der Regel die unabhängige Zentralbank.

Im Teil 2 zur Inflation und Deflation wird es um die vier Eskalationsstufen der Risikoeinschätzung gehen. 

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