100 Jahre Nahostkonflikt – Ehrenhafter Frieden | OekoHuman

Überarbeitetes Schlußkapital:

Ehrenhafter Friede – und wie er erreicht werden kann

 Eine visionäre politische Perspektive

Eine Weile, nachdem ich mein Buch im UN-Zentrum in Wien präsentiert und über meine Idee gesprochen hatte, dass der Premierminister Israels die versöhnende Geste Jakobs vor den führenden Politikern der muslimischen Welt nachvollzieht, fragte mich ein Freund, warum ich so viel von meiner Zeit auf diesen Konflikt verwende. Ich sagte ihm, dass all das begonnen hat mit meinem zweiten Besuch in Ägypten 1981/82, als ich ein Jahr lang in Kairo lebte in der spirituellen Gemeinschaft von Scheich Mohammed Osman aus Khartum, einem außerordentlich weisen Sufi-Lehrer, in einer der beiden Wohnungen, die ihm gehörten, in dem Haus direkt gegenüber dem Eingang in das Heiligtum der Hussein-Moschee.

Dieses Heiligtum, so wird gesagt, bewahrt das Haupt von Hussein, Sohn von Ali und Kalif der Schiiten. Er ist in einer Schlacht gegen eine sunnitische Armee in Kerbala getötet worden, und zwar am 10. Oktober 680. Daher ist dieses Heiligtum für die Schiiten von allergrößter Bedeutung – aber, da Hussein ein Enkel des Propheten Mohammed war, war er auch für die Sunniten außerordentlich wichtig. Auch sie sind damals durch seinen Tod traumatisiert worden. Ein Kämpfer der sunnitischen Armee, Yazid mit Namen, hat Hussein damals getötet und die Schiiten führen die große Spaltung innerhalb des Islam bis heute auf dieses tragische Ereignis zurück, obwohl sein Tod durchaus nicht im Sinn der sunnitischen Angreifer war, eben weil Hussein doch ein Enkel des Propheten war.

Nicht weit von der Hussein Moschee liegt eine andere Moschee, die berühmte Al Azhar, deren Großscheich, Dr. Al-Tayyeb, heute das geistige Oberhaupt des sunnitischen Islam ist. Beide Moscheen wurden aber vor mehr als tausend Jahren von den schiitischen Fatimiden erbaut, die damals die Herrscher Ägyptens waren.

Auch die Al Azhar habe ich oft besucht. Dass diese beiden Moscheen von Schiiten erbaut worden sind und dass die Al Azhar inzwischen gewissermaßen zum Wahrzeichen des gesamten sunnitischen Islam geworden ist, fand ich als Historiker höchst interessant. So feindlich konnten sich die beiden Richtungen des Islam im Laufe der Geschichte gar nicht gegenübergestanden haben, sonst würden diese Bauwerke heute nicht mehr existieren.

Meine damaligen Erfahrungen bilden eine wichtige Voraussetzung für meinen späteren Versuch, eine friedliche Lösung für den Nahostkonflikt zu finden, auch wenn mich erst die Attentate des Elften September 2001 motiviert haben, mich ganz der Suche nach einer Lösung zu widmen.

Heute, mehr als siebzig Jahre nach der Gründung des Staates Israel, scheint wirklicher Frieden noch immer kaum erreichbar. Während die UNO 1947 vorgeschlagen hatte, das Gebiet Palästinas zu teilen und einen Teil den Juden zuzuweisen, wiesen die muslimischen Nachbarn diese Idee entschieden zurück. Aber, so unmittelbar nach dem unvorstellbaren Grauen des Holocaust war den jüdischen Bewohner Palästinas voll bewusst, dass sie als Juden dringendst Schutz brauchten – nämlich die Art von Schutz, den nur ein eigener Staat gewähren kann. Daher riskierten die Juden Palästinas eine militärische Auseinandersetzung gegen sämtliche ihrer Nachbarn – und ihr Kampf war erfolgreich.

Für die muslimischen Bewohner Palästinas und der Nachbarstaaten kam das als ein Schock. Es war eine tiefe Demütigung, denn jetzt entstand da ganz plötzlich ein jüdischer Staat in der direkten Nachbarschaft eines der heiligsten Orte das Islam, al Haram ash Sharif, wo Muslime der Himmelfahrt ihres Propheten gedenken. Das veränderte die Beziehungen zwischen Muslimen und Juden radikal – die doch während der Zeit muslimischer Herrschaft dort, also dreizehnhundert Jahre lang, in Frieden zusammenleben hatten können.

Während dieser langen Zeit hatten die Juden ihren Status als Dhimmis, also als dem Islam real untergeordnete Schutzbefohlene des Islam, problemlos akzeptiert. Aber genau das war den Bürgern des neuen Staates Israel nicht mehr möglich. Weil dies nun ein erklärtermaßen jüdischer Staat war, in traditionell islamisches Gebiet implantiert, konnten seine Bürger keine Oberhoheit des Islam mehr anerkennen – und genau aus diesem Grund konnten die Muslime diesen neuen Staat nicht anerkennen. Deshalb haben sich die islamischen Nachbarn von Anfang an geweigert, den Teilungsvorschlag der UNO zu akzeptieren. Deshalb haben sie Krieg gegen diese Eindringlinge geführt – diesen Krieg allerdings nicht gewonnen, sondern diese nach dem Waffenstillstand von 1949 schließlich doch dulden müssen. Aber Frieden gab es dadurch nicht. Und ein ehrenhafter Frieden war unter solchen Bedingungen schon gar nicht möglich.

Bereits vor dem Jahr 2000 hat der langjährige israelische Ministerpräsident Netanyahu seine Vorstellung von einem möglichen Frieden in seinem Buch „A Durable Peace“ formuliert. Netanyahu geht davon aus, dass die bis heute anhaltende und in der Bevölkerung der Nachbarstaaten tief eingeprägte Ablehnung des Staates Israel sich nicht durch Verträge, wie jene von Oslo, verändern lässt. Als Konsequenz meint er, dass ein eventueller neuer Staat Palästina niemals die Rechte haben kann, die normale Staaten haben, weil die Gefahr zu groß wäre, dass ein souveräner Staat Palästina sich beispielsweise mit dem Iran verbündet und iranische Raketen auf seinem Gebiet stationiert, die die Existenz des Staates Israel nicht nur in Frage stellen, sondern tatsächlich auslöschen könnten. Unter solchen Voraussetzungen, meint Netanyahu, können die Palästinenser niemals die gleichen Rechte genießen wie die Israelis.

Während auch ich die tief eingeprägte Ablehnung des Staates Israel bei seinen Nachbarn als einen wesentlichen Grund des israelisch-palästinensischen Konflikts sehe, ist mir doch klar, dass die erzwungene Implantation eines jüdischen Staates in diesem Gebiet mit seiner mehr als tausend Jahre alten muslimischen Tradition nur tiefe Ablehnung hervorrufen konnte. Weil es mir aber um eine wirkliche Lösung des Konflikts geht und ich, im Gegensatz zu Netanyahu, keinesfalls dazu raten würde, sich mit einem erzwungenem Arrangement zufrieden zu geben, ist meine Schlussfolgerung eine völlig andere – und das hat zu tun mit den bereits erwähnten Erfahrungen, die ich in der spirituellen Gemeinschaft von Scheich Mohammed Osman in Kairo gemacht habe. Da konnte ich nämlich sehen, dass die Muslime durchaus friedenswillig sind, dass ein Frieden jedoch nicht ehrverletzend sein darf, dass also nur ein ehrenhafter Frieden die Chance hat, zu einem für alle fühlbaren Frieden zu werden. Das aber bedeutet, dass der Friede den Muslimen nicht aufgezwungen werden darf – was aber bei allen bisherigen Friedensmodellen der Fall war – sondern dass der Friede letztlich von den Muslimen selbst ausgehen muss.

Der Friede mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und mit allen, die sich diesem Frieden anschließen werden, weist bereits in diese Richtung. Beide Seiten haben ihren Vertrag „Abraham Accords“, „Abraham Übereinstimmung“ genannt in klarer Referenz auf die gemeinsamen religiösen Wurzeln – und auch in Übereinstimmung mit der Intention des in diesem Buch präsentierten Vorschlags. Daher ist dieser Vertrag von höchster Bedeutung. Er wird helfen, den hier angesprochenen „wahren“ Frieden vorzubereiten, weil sich in ihm viel von der immer noch sehr fühlbaren Feindschaft nach und nach „in Luft auflösen“ wird. Die neue Übereinkunft könnte sogar Palästina mit einbeziehen, aber in absehbarer Zeit wird sie sich wahrscheinlich noch nicht auf die gesamte muslimische Umma ausdehnen. Zumindest mit dem Iran wird das nicht so leicht gelingen. Aber der „wahre“ Friede, von dem ich hier spreche, wird erst fühlbar werden, wenn er für die gesamte islamische Welt gilt. Das aber wird erst möglich werden, wenn der massiv ehrverletzende Zwang der gewaltsamen Staatsgründung Israels aus der Welt geschafft ist.

Wie aber kann jener Zwang wegfallen, durch den der jüdische Staat 1948 real installiert wurde? Dieser Zwang ist doch ein Faktum der Geschichte! Wie kann ein solches Faktum aus der Welt geschafft werden?

Die Juden könnten dieses Faktum niemals aus der Welt schaffen. Auch die in dem Kapitel „Mein Traum“ beschriebene Bitte des israelischen Premierministers um Verständnis für die gewaltsame Durchsetzung des Staates Israel wird dafür nicht ausreichen. Die verletzte Ehre kann letztlich nur heilen, wenn die Muslime durch irgendetwas dazu motiviert werden, von sich aus das gesamte heutige Staatsgebiet Israels den Juden zum Geschenk zu machen. Aber was könnte die Muslime zu einem derartig großartigen Geschenk veranlassen?

Es ist nicht so unmöglich, wie es scheint. Erstaunlicherweise könnten sich die Muslime tatsächlich dazu veranlasst fühlen, nämlich indem sie sich an die Linie ihrer Propheten erinnern! Fast alle muslimischen Propheten sind ja biblische Propheten. Der Islam verdankt dem Volk der Bibel daher sehr viel! Durch die gegenwärtigen Feindseligkeiten ist dieses Bewusstsein allerdings völlig in den Hintergrund getreten, aber die Tatsachen sprechen für sich. Muslimische Autoritäten können daher das Bewusstsein dafür wieder wecken, denn – ist der Prophet Mohammed nicht nach Jerusalem geführt worden, in die Stadt der biblischen Könige und des jüdischen Tempels, in die Hauptstadt des biblischen Israel, um seine biblischen Vorläufer zu treffen? Daran zu erinnern wäre nur ein Bewusstmachen der Realität, in der nun aber eine natürliche Dankbarkeit erwachen kann. Und aus dieser Dankbarkeit heraus können die Muslime das Land, das die Juden 1948 wieder „Israel“ genannt haben, den Juden zum Geschenk gemacht werden – ein durchaus angemessenes Geschenk, wenn man die Vorarbeit bedenkt, die die biblischen Propheten geleistet haben, wenn man also bedenkt, dass ein Entstehen des Islam ohne das vorherige Wirken der biblischen Propheten nur schwer vorstellbar wäre. Genau das hat der Prophet Mohammed in seiner „Nachtreise“ bestätigt.

Eine ganz wesentliche Rolle in dem Prozess der Bewusstmachung dieser Zusammenhänge wird dem Großscheich der Al Azhar zukommen, Dr. Al-Tayyeb, der sich meines Erachtens bereits vor Jahren zu genau dieser Aufgabe auf den Weg gemacht hat. Dr. Al-Tayyeb hat damals nämlich den Papst in Rom besucht, an jenem Ort, an dem vor nicht allzu langer Zeit ein berühmtes Konzil stattgefunden hat, durch das sich die Einstellung der katholischen Kirche zum Islam und zum Judentum radikal zum Positiven hin verändert hat.

Ein solches Konzil, eine große muslimische Konferenz vergleichbarer Art heute, in Kairo, könnte in ähnlich revolutionärer Weise die ganze Welt verändern, nämlich, weil eine solche Konferenz auch innerhalb des Islam Frieden schaffen könnte – getragen von der Wirkung des Ortes, an dem diese Konferenz stattfinden würde, nämlich Al Azhar und der Hussein Moschee, weil diese beiden bedeutsamsten Moscheen Kairos, die heute geradezu zum Wahrzeichen für die Sunniten geworden sind, von Schiiten gegründet worden sind. Der Veranstaltungsort macht es daher selbstverständlich, dass die Schiiten, deren Zentrum heute im Iran liegt, zu dieser großen Konferenz nach Kairo eingeladen werden und dass sie dort eine wichtige Rolle spielen werden.

Und damit bietet sich nun, vielleicht erstmalig in der Geschichte, die Chance, dass die Schiiten zusammen mit ihren sunnitischen Glaubensbrüdern sogar die abgrundtiefe Verletzung zum Abheilen bringen, die entstanden ist, als im Jahr 680 in der Schlacht von Kerbala der Kalif der Schiiten, Hussein, von einem Soldaten der Sunniten getötet wurde, obwohl er doch ein Enkel des Propheten Mohammed war!

 Jetzt können beide Seiten gleichermaßen das Grauen dieser Situation nachempfinden! Und dadurch werden die heutigen Verantwortlichen der Sunniten, allen voran der Groß-Imam der Al Azhar, Dr. Al Tayyeb, sich imstande fühlen, sich für die damalige Tötung des Enkels des Propheten bei den Vertretern der Schiiten, deren Kalif Hussein war, formell zu entschuldigen.

Diese Entschuldigung würde ihre Wirkung nicht verfehlen. Durch dieses Eingeständnis der Sunniten könnte eine gewaltige, mehr als tausend Jahre alte Last von den Schiiten abfallen, sodass sie in bis jetzt ungeahnter Weise aufatmen könnten. Und dieses Aufatmen könnte es ihnen ermöglichen, auch das andere, viel neuere Trauma mit ganz neuen Augen zu betrachten, nämlich die gewaltsame Einrichtung eines jüdischen Staates in der Nachbarschaft des großen muslimischen Heiligtums der Al Aqsa in Jerusalem. In diesem entspannten Zustand könnte es den Schiiten nun möglich sein, die Leistung des Volkes der Bibel uneingeschränkt zu würdigen. Und damit könnten sie zunächst jedem Einzelnen aus diesem Volk erlauben, sich überall im gesamten biblischen Gebiet niederzulassen und in einem weiteren Schritt könnten sich die Schiiten jetzt sogar an der Schenkung des Landes mit dem Namen „Israel“ an das Volk der Bibel beteiligen! Und damit könnten die Menschen im gesamten Nahen Osten ganz tief aufatmen!

Wahrscheinlich würde die Unterscheidung zwischen Schiiten und Sunniten auch danach noch weiterbestehen, dennoch könnte diese Konferenz zu wirklichem, für alle fühlbaren Frieden zwischen den beiden Fraktionen führen – und damit, zusammen mit dem Frieden mit Israel, zu wirklichem Frieden im gesamten Nahen Osten.

Es ist selbstverständlich, dass sich die so großzügig beschenkten Juden auch ihrerseits den Palästinensern gegenüber großzügig erweisen würden, die jetzt doch sehr lange unter der israelischen Besatzung zu leiden hatten. Und nach dieser langen Phase des sich gegenseitig unter Druck Setzens ist es weiters nur logisch, dass der gesamte Nahe Osten als Konsequenz dieser so natürlichen Entspannung einen bis jetzt noch gar nicht vorstellbaren ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung erleben würde.

Manche meiner Freunde, die meine Arbeit am Rande verfolgt haben, meinten, ich bildete mir ein, den Konfliktparteien gewissermaßen „von oben herab“ Vorschriften machen zu können – etwa, dass Netanyahu die Vertreter der muslimischen Welt um Verständnis bittet für die Gründung des Staates Israel und für all die Unannehmlichkeiten, die für die Muslime daraus entstanden sind.  Aber mein Vorgehen ist nicht dieser Art. Als Psychotherapeut habe ich aus der Schatzkammer therapeutischer Vorgehensweisen die sogenannte „Wunderfrage“ gewählt. Ich habe viele Jahre lang hochrangige Vertreter der Religionen und der Politik auf beiden Seiten besucht und sie gefragt, wenn der Konflikt durch ein wirkliches Wunder über Nacht gelöst wäre, ohne dass sie davon wüssten, woran würden sie bei anderen und auch bei sich selbst erkennen, dass das Wunder geschehen ist. Nun, keiner hat direkt von einer solchen Geste gesprochen, aber sie haben übereinstimmend erklärt, dass sie dann (im Fall des Wunders) sowohl bei sich selbst wie bei den anderen klare Gesten des Mitgefühls sehen würden. Und das hat mich an die biblische Geschichte der Versöhnung der tödlich verfeindeten Brüder Jakob und Esau erinnert. Diese archetypische Geschichte habe ich aufgegriffen und auf den Konflikt zwischen Israel und der muslimischen Welt angewandt in der Hoffnung, dass damit Lesern und auch Politikern klar wird, wie auch in diesem unlösbar erscheinenden Konflikt echte Versöhnung erreicht werden kann.

Nun verbleibt noch eine möglicherweise aber entscheidende Schwierigkeit zu lösen, nämlich die Beschuldigung von Seiten eines bedeutenden Teils der Linken des Westens, der neue Staat Israel würde doch nur versuchen, die Palästinenser unter seine Kolonialmacht zu zwingen – und die Behauptung der Juden, sie bräuchten den Schutz eines eigenen Staates, um vor künftigen Verfolgungen sicher zu sein, sei nur vorgeschoben. In Erscheinung getreten ist diese Sicht erst kürzlich wieder in dem Streit um eine Einladung an den kamerunischen Historiker Mbembe, die Eröffnungsrede zur deutschen Ruhrtriennale zu halten, weil er Israel zuvor mit dem südafrikanischen Apartheitsregime verglichen hatte [mehr dazu bei Thierry Chavel, Je nach Schmerz. Perlentaucher, 24.5.2020].

Die Kolonialperspektive ist in der Realität des neuen Staates Israel natürlich nicht irrelevant: Der Großteil des Gebietes wurde den Palästinenser ja in dem Krieg, der zur Gründung des Staates Israel geführt hat, abgenommen. Hundertausende von Palästinensern wurden von ihrem Grund und Boden und damit von den Quellen ihres Einkommens vertrieben. Und nach dem Krieg von 1967 besetzte Israel den Rest des palästinensischen Territoriums, das bis dahin unter jordanischer Verwaltung gestanden hatte. Ein anderer Aspekt der Wirklichkeit ist, dass die Verhandler auf arabischer Seite nie Bezug genommen haben auf das Abkommen zwischen Emir Faisal und Chaim Weizmann von 1919. Darin wurde die Balfour Erklärung von 1917 bestätigt, die von einer „nationalen Heimat für das jüdische Volk“ gesprochen hatte. Sogar nachdem die UNO Generalversammlung 1947 eine Teilung Palästinas vorgeschlagen hatte, um einen jüdischen Staat zu ermöglichen, und auch nach der Gründung dieses Staates und sogar noch nach dem Waffenstillstand von 1949 gab es keine wie immer geartete Anerkennung von jüdischen Ansprüchen. Das konfrontierte den bereits etablierten jüdischen Staat mit der unmöglichen Wahl, entweder aufzugeben, was bereits erreicht worden war oder für ihr Überleben als Volk weiter dafür zu kämpfen. Daraus resultierte der Krieg von 1967, die Niederlage der vereinten arabischen Armeen und die nachfolgende Besatzung, samt der mit ihr verbundenen Hoffnung der Israelis, dass dieser verstärkte Druck die Palästinenser bereit machen könnte, einen Friedensvertrag und damit die Legitimität des neuen Staates Israel zu akzeptieren.

Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Stattdessen versuchten die arabischen Staaten, die Besetzung mit militärischen Mitteln rückgängig zu machen. Zwei Friedensverträge folgten – mit Jordanien und mit Ägypten – aber kein Friede für die Palästinenser. Israel zog sich aus der Halbinsel Sinai zurück in der Hoffnung, dass dieses Beispiel einen Frieden mit Palästina fördern würde, aber vergeblich. Der palästinensische Widerstand wuchs – und damit der Druck Israels gegen diesen palästinensischen Widerstand, sehr ähnlich dem Muster kolonialer Unterdrückung. Das wiederum bestärkte die Linke im Westen darin, das gesamte zionistische Bemühen als von Anfang an kolonialistisch zu interpretieren.

Diese kolonialistische Interpretation übersieht aber die historische Tatsache, dass der Zionismus aus der massiven Judenverfolgung im Russland des neunzehnten Jahrhunderts hervorgegangen ist. In der damaligen Blütezeit nationalstaatlicher Ordnung hat das russische Pogrom zu der Forderung nach einem eigenen Staat für die Juden geführt. Die zionistische Bewegung, zu deren Wortführer dann Herzl geworden ist, hat damals weltweit großen Widerhall gefunden, nicht nur unter Juden. Der britische Außenminister Balfour hat sich diese Idee auf seine Fahnen geschrieben. Und der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Chaim Weizmann konnte damals, wie schon erwähnt, sogar mit Faisal ibn Hussein, dem Sohn des damaligen Scherifen von Mekka, ein Abkommen unterzeichnen, das Faisal-Weizmann Abkommen, das, wie die Balfour Erklärung, einen jüdischen Staat in Palästina befürwortet. Wegen der übermächtigen britischen Kolonialinteressen wurde das Faisal-Weizmann Abkommen allerdings nicht umgesetzt, sondern durch das britische Mandat in Palästina ersetzt. Und es brauchte erst den Nationalsozialismus und dessen grauenhafte Ermordung von sechs Millionen Juden im Holocaust, um der Idee eines eigenen Staates für das Volk der Juden in der großen Völkergemeinschaft der UNO Gehör zu verschaffen. Und selbst das genügte noch nicht, um diesen Staat zu schaffen, weil die muslimischen Nationen einhellig dagegen votierten, wodurch sich die Juden Palästinas, die wussten von der Realität des Holocaust, vor die Wahl gestellt sahen, entweder alle Hoffnung auf Sicherheit für immer fahren zu lassen oder jetzt alles einzusetzen und ihren eigenen Staat notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen.

Sie kämpften um ihr Überleben – und weil sie das wählten, was ja überhaupt keine Wahl war – sagt  nun ein erheblicher Teil der Linken des Westens – und damit auch Israels – die Juden hätten damals nur die Gelegenheit ergriffen, sich zur Kolonialmacht aufzuschwingen. Der westliche Kolonialismus ist einfach zu lange eine dominante Realität gewesen. Aus diesem Grund mussten die Muslime die jüdische Präsenz in Palästina als Kolonialismus sehen. Als der Staat Israel ausgerufen wurde, sah sich daher keiner der muslimischen Staaten veranlasst, Mitgefühl zu empfinden für das Volk der Bibel; sie sahen nur sich selbst als Opfer einer neuen Kolonialmacht!

Trotz all dem wird wirklicher Friede möglich werden, sobald die Muslime fähig werden zu fühlen, was der Holocaust für die Juden bedeutete. Sobald sie das fühlen werden, wird muslimische Barmherzigkeit erwachen und die wird die Muslime dazu inspirieren — den Juden das gesamte Gebiet als Geschenk zu übergeben! – Aber, damit sie dieses Stadium erreichen können, werden sie tiefe nicht-ideologische Begründung brauchen. Nichts könnte die Muslime mehr dazu befähigen, als zu sehen, dass nur ein eigener Staat die Juden vor einem möglichen neuen Holocaust schützen wird. Und dann – wie damals, nach der Vertreibung der Juden (und der Muslime) aus Spanien – wird islamische Barmherzigkeit erwachen. Wenn das geschieht, wird einem wahren muslimisch-jüdischen Frieden im Nahen Osten nichts mehr im Wege stehen. Jetzt, das ist meine Hoffnung und mein Gebet, steht einem muslimisch-jüdischen Frieden im Nahen Osten nichts mehr im Wege!

Nur eine ehrenhafte Lösung kann wirklichen Frieden für den Nahen Osten bringen, denn in diesem Konflikt geht es um weit mehr als um Land. Die Ehre der Muslime war aufs Tiefste verletzt, als der neue jüdische Staat nach dem Zweiten Weltkrieg in ihr Land eingepflanzt wurde, in bedrohlicher Nähe zu einer ihrer heiligsten Stätten, der Al- Aqsa-Moschee, die wiederum den Platz des früheren jüdischen Tempels einnimmt.

Dreizehnhundert Jahre lang hatten die Juden im islamischen Reich weitgehend in Frieden leben können, weil sie sich der muslimischen Oberhoheit untergeordnet hatten. Mit ihrem eigenen Staat war das keine Option mehr. Wie könnte es nun wirklich „ehrenhaften Frieden“ geben? Es braucht die Muslime, die sich an Sure 5:49 im Koran erinnern, die den „Wettbewerb in der Tugend“ mit den anderen Buchreligionen gebietet.

Die Juden können Wesentliches beitragen, indem sie bekunden, dass ihnen vollkommen bewusst ist, welche Zumutung ihre plötzliche Gegenwart für die Gemeinschaft aller Muslime darstellt, indem sie zweitens um Verständnis dafür bitten, dass die tödliche Bedrohung den jüdischen Überlebenden 1947 jedoch gar keine andere Wahl ließ, als die UNO die Teilung Palästinas beschloss, und indem sie drittens um Aufmerksamkeit bitten für den archetypischen biblischen Bruder-Konflikt, dem der Name „Israel“ entsprungen ist.
Auch die Christen hatten ihren Anteil an der Entstehung des Konflikts. Sie müssen sich jetzt in besonderer Weise um ihren höchsten Wert, den Frieden, bemühen.

 

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