Das Fleisch ist stark, aber der Geist ist schwach? In unserem Schwerpunkt „Sport für den Geist“ widmen wir uns den inneren Kräften. Denn das Gehirn und die Psyche haben ungeahnte Ressourcen.

CPH 4 heißt die synthetische Droge, die Lucy im gleichnamigen Science-Fiction-Film zum Übermenschen macht. Plötzlich kann sie Gedanken lesen, durch die Zeit reisen und Gegenstände per bloßer Willenskraft bewegen. Denn sie nutzt angeblich volle hundert Prozent ihrer Gehirnkapazität, statt nur der üblichen zehn. So jedenfalls wird es im Film erklärt. Das ist natürlich wissenschaftlich gesehen Unsinn. Genau wie der Mythos, der Mensch nutze gerade einmal zehn Prozent seiner geistigen Kapazitäten. Aber es wäre schon großartig, mehr aus dem eigenen Gehirn herauszuholen: für ein besseres Gedächtnis, mehr Kreativität und eine blitzschnelle Auffassung. Und das ist möglich. Ohne Drogen. Ein wichtiger Motor für die geistige Leistungsfähigkeit sind die Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Sie wachsen und vernetzen sich bei Kindern zwar schneller als im Alter – aber sie wachsen ein Leben lang. Doch dafür braucht auch das Gehirn sein Fitnesstraining.

1. Hartnäckig dranbleiben.

Wenn wir lernen, bilden sich im Gehirn neue Verbindungen oder bestehende verfestigen sich. Nutzen wir die Fertigkeiten nicht mehr, verkümmern sie wieder. Je häufiger wir das Hirn fordern, desto leichter fällt es uns, Neues zu lernen. Neugier und Motivation sind dafür wichtige Voraussetzungen. Psychologen um die Amerikanerin Angela Duckworth halten aber noch einen weiteren Faktor für entscheidend: Grit (zu Deutsch etwa Biss oder Mumm). Duckworth und ihre Kollegen verstehen darunter die Fähigkeit, mit Ausdauer und Leidenschaft Ziele zu verfolgen. Denn Erfolg sei nicht nur das Ergebnis von Talent, sondern auch von Fleiß: Was nehme ich auf mich, um ein Ziel zu erreichen? Wie hartnäckig bleibe ich dabei? Wie lange halte ich durch?

Ob jemand Grit hat oder nicht, können Psychologinnen mithilfe von Fragebögen feststellen. Duckworths Probanden mussten etwa beantworten: „Sind Sie oft voller Begeisterung bei neuen Projekten dabei, aber verlieren dann nach kurzer Zeit das Interesse?“ oder „Haben Sie schon mal ein Ziel erreicht, auf das Sie viele Jahre lang hingearbeitet haben?“ Aus den Antworten zog das Forscherteam den Gritfaktor – und der habe sogar einen größeren Einfluss darauf, wer einmal eine Führungsrolle übernimmt, als Schulnoten oder der IQ (Journal of Personality and Social Psychology: Duckworth et al., 2007). Eine weitere Erkenntnis: Ältere Menschen haben meist mehr von diesem Biss und Durchhaltevermögen als junge – gut gebildete mehr als weniger gebildete. Grit lässt sich demnach trainieren.

Ein erster Schritt könnte darin bestehen, von einem statischen zu einem dynamischen Selbstbild zu wechseln. Ich kann kein Chinesisch? Macht nichts. Ich kann es noch nicht. Ich bin unsicher bei Präsentationen? Es lässt sich ändern! Dass einem auf dem Weg dorthin Fehler unterlaufen, ist klar – und auch in Ordnung. Wer Pannen in Kauf nimmt, bleibt länger am Ball. Viele Menschen schrecken außerdem vor allzu großen Zielen zurück. Wer jedoch jeden Tag nur versucht, ein wenig besser als gestern zu sein, verliert die Angst vor dem Scheitern und mutet sich mehr zu. Zuletzt ist auch das Umfeld wichtig: Menschen mit viel Grit stecken andere an, ebenfalls länger an Zielen festzuhalten und sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen.

2. Nicht ablenken lassen.

Wer Gelerntes nicht aufmerksam speichert, kann sein Wissen später schlechter abrufen. Das versteht jeder, nur leider schweifen wir im Alltag ständig ab. Die gängigen Lösungsvorschläge für eine bessere Konzentration sind simpel: Einfach das E-Mail-Programm ausschalten, das Smartphone in ein anderes Zimmer legen. Auch Kaffee ist ein altbekannter Verbündeter, der nachweislich die Aufmerksamkeit erhöhen kann (Advances in Phsysiology Education: Peeling & Dawson, 2007). Ebenso wie ein 20-minütiger Mittagsschlaf (Zbl Arbeitsmed: Walzl, 2007). Jeder kann also Bedingungen schaffen, um konzentrierter zu arbeiten. Kann man auch lernen, aufmerksamer bei einer Sache zu bleiben? Einen Hinweis darauf fanden Scott Rogers und Jan Jacobowitz von der University of Michigan. Sie untersuchten die Achtsamkeitsmeditation, die seit Jahren zur Stressbewältigung eingesetzt wird. Ursprünglich gingen sie der Frage nach, wie Achtsamkeitstraining Juristen hilft, in ethisch schwierigen Situationen effektiver zu arbeiten. Dabei fanden sie auch heraus, dass tägliche Meditation die Aufmerksamkeit stärken kann (Nevada Law Journal: Rogers & Jacobowitz, 2015). Sie baten die Versuchspersonen, ihre Konzentration auf ein Objekt zu richten – etwa auf den Bauch, der durch den Atem bewegt wird, statt auf den Atem selbst. Immer, wenn der Verstand abschweifte, sollten sie die Aufmerksamkeit wieder aktiv zurück auf ihren Bauch richten. Allzu große und schnelle Effekte sind mit so einem kurzen Training zwar nicht zu erwarten – selbst ein erfahrener Meditierender übt sich ein Leben lang in Achtsamkeit. Aber wer regelmäßig solche Übungen in den Alltag integriert, lässt sich vom hektischen Treiben weniger leicht hinfort tragen.

3. Herausforderungen suchen

Je häufiger Menschen also lernen, je hartnäckiger sie dranbleiben und je besser sie sich konzentrieren, desto leichter fällt ihnen das Lernen. Doch nicht genug: Wer sich sein Leben lang Herausforderungen stellt, wird mit etwas Glück zu einem „Superager“. Der Begriff stammt von dem US-Neurologen Marsel Mesulam und beschreibt Menschen im Alter von 65 oder sogar 80 Jahren, deren Gehirnleistungen denen von gesunden 25-Jährigen gleichen. Im Vergleich zu Altersgenossen schneiden sie deutlich besser bei Gedächtnistests ab und können sich länger konzentrieren. Was ist das Geheimnis dieser Menschen?

2016 warfen Forscherinnen und Forscher um Felicia Sun einen Blick in die Gehirne von Superagern (Journal of Neuroscience: Sun et al., 2016). Normalerweise werden im Alter einige Hirnregionen dünner, aber bei den Superagern waren sie noch immer so dick wie die Areale junger Erwachsener. Diese Anomalien traten jedoch nicht etwa an Stellen auf, die typischerweise kognitiven Prozessen zugeordnet werden (und die man beispielsweise mit Kreuzworträtseln trainieren kann). Stattdessen fand das Team Auffälligkeiten in bestimmten Teilen der Inselrinde und des cingulären Kortex – Hirnregionen, die mit Emotionen verbunden werden. Und die werden unter anderem dann aktiv, wenn wir uns schwierigen Aufgaben stellen, körperlicher oder geistiger Natur. Mach es, bis es wehtut – und dann noch ein bisschen mehr – Lisa Feldman Barrett, Psychologie-Professorin an der Northeastern University, Boston.

Welche Herausforderungen können ein Gehirn so jung halten? Um diese Frage hat sich eine ganze Industrie gebildet, mit Onlinelernangeboten von Firmen wie Lumosity oder CogniFi. Ihr Werbeversprechen: mit Spiel und Spaß Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Denken verbessern. Tatsächlich werden die Spieler mit der Zeit besser darin, sich die Reihenfolge von Zahlen zu merken oder blinkende Punkte zu verfolgen. Doch sie können ihre Fähigkeiten nicht auf andere Bereiche übertragen, so die ernüchternde Erkenntnis. Es gebe keine „Transfereffekte“, und die Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit habe sich nicht unterschieden von denen einer Kontrollgruppe, die bloß Computerspiele gespielt hatte, heißt es in einer Untersuchung (The Journal of Neuroscience: Kable, 2017).

Einen besseren Tipp gibt Lisa Feldman Barrett, Mitautorin der Superager-Studie, in der New York Times: „Work hard at something!“ Lernen Sie eine neue Sprache oder ein Instrument. Trainieren Sie für einen Marathon (die Effekte von Sport auf die Gehirnleistung sind gut belegt) oder lesen Sie Kant. Ganz egal was: Strengen Sie sich an, bis es wehtut, bis Sie müde und frustriert sind – „Do it till it hurts, and then a bit more.“ Wer sich ein Leben lang herausfordert, hat Chancen auf ein Superager-Gehirn.

4. Gedankliche Mauern durchbrechen

Alles, was wir im Leben bisher gelernt haben, prägt unsere Art zu denken. Unser Gehirn filtert einströmende Reize, gleicht neue Informationen mit vorhandenem Wissen ab und lässt nur einen Bruchteil zu unserem Bewusstsein durchdringen. Das macht unser Denken sehr effektiv und hilft dabei, sich in der Welt zurechtzufinden. Doch die eingeübten Denkmuster hemmen die Kreativität, denn sie sorgen auch dafür, dass wir Neuem nicht mehr unvoreingenommen gegenüberstehen. Geniale Erfindungen und zukunftsweisende Ideen aber erfordern einen gewissen Bruch mit Normen. Wie sich dieser Bruch herbeiführen lässt, um kreatives Denken anzuregen, haben Forscher in einem abenteuerlichen Experiment erprobt.

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