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Update: 01.03.2021

Bald beim ZDF: Mai Thi Nguen-Kim.Viele Zahlen, noch mehr Unwissen – unser Umgang mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 erfordert robuste und anpassbare Strategien.
MAI THI NGUYEN-KIM IM GESPRÄCH:Lager bilden hilft nicht – von ANNE AMERI-SIEMENS

Wir brauchen ein besseres naturwissenschaftliches Grundwissen, um uns gegen Desinformation zur Wehr zu setzen. Ein Gespräch mit der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim.

Ihr Buch heißt „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ – was verstehen Sie darunter?

Wir alle erleben seit einem Jahr sehr deutlich, wie unsere Gesellschaft auseinanderdriftet. Auch vor Corona war dieser Prozess erkennbar, wenngleich nicht so emotional aufgeladen wie jetzt. Aber auch wenn es um die Klimakrise geht, liegen die Überzeugungen darüber, was wahr ist und was nicht, zum Teil weit auseinander. Wir müssen als Gesellschaft zueinanderfinden und sehen, was wirklich ist. In dem Buch nehme ich mir verschiedene Themenbereiche vor und zeige, was wissenschaftlich plausibel ist, gehe der Frage nach, auf welche „kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ wir uns einigen können.

Nun ist es aber doch gerade in den letzten 12 Monaten so gewesen, dass wir täglich Stimmen aus der Wissenschaft gehört und uns als Gesellschaft mit wissenschaftlichen Inhalten beschäftigt haben. Trotzdem gibt es Menschen, die Corona leugnen – oder den Klimawandel, um bei Ihren Beispielen zu bleiben.
Stimmt. Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, was müssen wir tun, um Menschen klarzumachen, dass es keine Alternative zu Fakten gibt, hätte ich gesagt: Am besten hören wir tagtäglich Stimmen aus der Wissenschaft. Aber ich hatte ein zu idealistisches Bild davon, was so bewirkt werden kann.

Grundsätzlich ist meine Lehre aus dem letzten Jahr: Wir brauchen mehr Dolmetscher – und damit meine ich Experten, Wissenschaftsjournalisten –, um komplexe Inhalte verständlich zu vermitteln und Informationen, den Wust an immer neuen Nachrichten, in das größere Bild einzuordnen.

Woran hat es am meisten gefehlt?

Besser zu erklären, mit welcher Methodik Daten erhoben wurden und was sie aussagen können.

Es gibt leider einige, aber ich möchte vorher noch etwas zur Methodik und ihrer Bedeutung sagen.

Ja?

Wichtig ist eine saubere Trennung zwischen Debatten innerhalb der Wissenschaft und solchen, die in der Gesellschaft darum kreisen. Wir erleben in Echtzeit mit, wie die Wissenschaft versucht, den Umgang mit einem hochansteckenden Virus zu finden, während wir alle zuschauen. Und wir alle haben ja erlebt, dass wissenschaftliche Debatten sich im letzten Jahr mit gesellschaftlichen Debatten vermischt haben, sie folgen aber unterschiedlichen Prinzipien. In der Wissenschaft geht es um den wissenschaftlichen Konsens als Navigationspunkt, nicht darum, wie sehr man etwas als zustimmungswürdig empfindet.

Dazu gehört auch, dass man eigentlich nicht zwingend unterschiedliche Wissenschaftler braucht, die ihren Standpunkt zu Corona vertreten. Sinnvoll wäre gewesen, in der Kommunikation stärker den Fokus darauf zu legen, wie der wissenschaftliche Konsens ist. In der Wissenschaft bestimmt das beste Argument mit der stärksten Methode die Diskussion. Man muss immer wieder erklären, das ist der wissenschaftliche Konsens. Der hat sich natürlich immer wieder verändert, das ließ sich ja nicht vermeiden. Aber wahrscheinlich schien es für manche Menschen, als sei richtig, was von welchem Experten besonders lautstark vertreten werde. Aufklärung ist jetzt ein wichtiges Ziel – auf verständliche Art und verbunden mit Empathie, um Menschen in einer Zeit von großer Verunsicherung und Krise angemessen zu informieren. Das ist sicher eine der größten Herausforderungen für den Bundestagswahlkampf. Viele Bürger erfahren täglich von neuen Studienergebnissen, aber die Einordnung – die Aufklärung – hinkt hinterher. Das hat auch damit zu tun, dass wir Deutschen einem soliden naturwissenschaftlichen Basiswissen einen zu geringen Stellenwert einräumen.

Wie meinen Sie das?

Wir wertschätzen Wissen in Geschichte, Politik, Kunst, Literatur – aber wer kann auf Anhieb die drei Hauptsätze der Thermodynamik erklären, wenn er ein paar Jahre aus der Schule raus ist – oder den Unterschied zwischen einem Bakterium und einem Virus? Wenn ich über meinen Beruf spreche, wird mir oft Respekt ausgesprochen, auch Bewunderung – aber auch in dem Sinne: wow, dass du dich dafür interessierst. Als sei Chemie eine Nische. Wir brauchen als Gesellschaft eine bessere Quellenkompetenz, um wissenschaftliche Inhalte einordnen zu können, und ein besseres naturwissenschaftliches Basiswissen.

Folgt man Ihrem Gedanken, dass es diese Schieflage gibt, und blickt nun auf die nächsten Monate vor der Bundestagswahl und das Ziel, Wissenschaftskommunikation zu verbessern – wo würden Sie ansetzen?

Medien und Social Media kommt natürlich große Verantwortung zu, damit Verschwörungstheorien und Desinformation nicht noch mehr wachsen. Man kann es nicht oft genug sagen – gerade Medien können unmittelbar reagieren, journalistisch sauber arbeiten, Fehlinformationen in Kommentaren kenntlich machen. Ich habe den Eindruck, dass bis heute nicht alle Journalisten verstanden haben, was sie gesellschaftlich – auf lange Sicht – damit anrichten, schnell mal eine Schlagzeile ins Netz zu stellen, die falsch informiert, im schlimmsten Fall Verschwörungstheorien nährt. Ist doch interessant, dass es darüber nicht viel mehr Empörung gibt.

Die Berichterstattung über den AstraZeneca-Impfstoff, die dazu führt, dass Menschen ihren Fokus auf den Vergleich zu anderen Impfstoffen richten und die Schutzwirkung dieses Impfstoffs in Zweifel ziehen.

Man könnte entgegnen, dass Sie doch dazu auffordern zu hinterfragen.

Aber hier ist die Debatte einfach fehlgeleitet, denn man muss in der jetzigen Situation vergleichen: Was bringt mir eine Impfung mit Astra-Zeneca im Vergleich zu keiner Impfung. Der nächste Schritt ist dann die Auseinandersetzung mit Studien darüber, ob ein längeres Impfintervall zu größerer Wirksamkeit führt. Aber zu sagen: Ich will einen anderen Impfstoff, und so lange warte ich lieber, ist irrational. Wir wissen, dass die britische Mutante B.1.1.7 ansteckender ist – deswegen wird eine schnelle Impfung immer wichtiger. Ich möchte betonen, dass ich es wichtig finde, Sachverhalte zu hinterfragen, aber das geschieht hier nicht. Hier fördern Medien Vorbehalte, die Gesundheit und Gesellschaft schaden. Ich würde mich sofort mit Astra-Zeneca impfen lassen und auch meinen Eltern dazu raten.

Für diese Haltung zur Impfung werden Sie im Internet in teils hasserfüllten Kommentaren als Marionette der Pharmaindustrie beschimpft.

Solche Kommentare gibt es immer wieder. Sie zeigen, wie weit wir auseinandergedriftet sind. Ich sage bewusst wir, denn wir sind eine Gesellschaft. Diese Krise werden wir nur gemeinsam lösen können. Ich ignoriere oft Anfeindungen oder Verschwörungserzählungen, obwohl es nur ein paar Sätze brauchte, um den Unsinn zu widerlegen. Würde man sich dabei in die Augen schauen können, wäre das Gespräch wahrscheinlich konstruktiv. Aber in Kommentaren ist das nie zielführend.

Warum?

Einerseits möchte ich natürlich gegen jeden Funken von Desinformation vorgehen, aber eine der wichtigsten Ressourcen in unserem Zeitalter, das so stark vom Internet geprägt ist, ist Aufmerksamkeit. Ginge ich auf die Kommentare in allen möglichen Foren ein, würde ich die Aufmerksamkeit der Leute dort halten, in ihrer Blase. Ich will ihnen dort keine Bedeutung zukommen lassen. Am Rande bemerkt: Es ist interessant, dass Corona-Leugner lautstark vertreten, nicht die Schafe sein zu wollen, die der Herde nachlaufen, also den Direktiven des Politikapparats – dann aber Aufrufen bei Telegram folgen, zum Beispiel mein Video zu „stürmen“ und es mit Dislikes und bösen Kommentaren zu bombardieren. Allerdings ohne sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen und sich selbständig und mündig eine eigene Meinung dazu zu bilden.

Nein, ich schenke Hasskommentaren und Verleumdungen möglichst wenig Beachtung. Aber mein Leben hat sich verändert. Im letzten Jahr war als Teil der Lesereise zu meinem letzten Buch eigentlich noch eine Veranstaltung geplant. Der Verlag buchte für mich einen Security Service, das gab es vor Corona nicht. Die Lesung musste dann wegen der Pandemie abgesagt werden. Aber der Security Service wird wohl ein Thema für mich bleiben, ich falle jetzt in das Raster „kontroverse Autorin“. Das hätte ich mir vor ein paar Jahren nicht vorstellen können.

Um noch einmal auf die Verantwortung der sozialen Medien zu sprechen zu kommen: Welche Maßnahmen halten Sie für richtig, um gegen Desinformation vorzugehen?

Desinformation wird ja von vielen Plattformen inzwischen gezielt gekennzeichnet. Gut finde ich, wie es bei Youtube bereits gemacht wird: dass gut sichtbar unter jedem Corona-Video ein Link zu offiziellen Seiten steht, die auf die Fakten hinweisen.

Sie sehen dennoch skeptisch aus, während Sie das sagen.

In einer Krisenzeit sind solche Maßnahmen sinnvoll. Aber langfristig kann man Solidarität und Aufklärung nicht erzwingen, man kann nur konstruktiv dazu auffordern. Gerade überlagert die Pandemie andere drängende Themen, aber mein Plädoyer gilt natürlich auch für den Umgang mit der Klimakrise, Energiewende, alle Bereiche, die damit verknüpft sind. Desinformation wird ja nicht nur gezielt von Querdenkern verbreitet, es gibt einfach auch viele Menschen, die alleingelassen sind mit der Einordnung dessen, was durch die Öffentlichkeit schwirrt. Der Titel meines Buchs, „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“, stand schon 2019 fest, vor Corona. Die letzten Monate haben uns deutlich gemacht, dass es Spaltungen in der Gesellschaft gibt, aber die existieren schon länger. Lager zu bilden hilft uns nicht.

Für Ihr Buch haben Sie sich mit verschiedenen Themenbereichen beschäftigt, wo haben Sie am meisten dazugelernt?

Mich hat bei der Recherche am meisten überrascht, wie schwierig es ist, eine Drogenreform wissenschaftlich einzuordnen. Im Grunde müsste jede Droge für sich im Hinblick auf ihre Schädlichkeit bewertet werden – und nicht die Drogen im Vergleich zueinander.

 

Steigt die Zahl der Corona-Fälle, weil mehr getestet wird? Stand: 23.10.2020 15:38 Uhr.

Grundlage für den Spiegel-Artikel vom 04.02.2021 – siehe weiter unten.

Dreimal so viele Tests wie im Frühjahr und gleichzeitig steigende Neuinfizierten-Zahlen: Gibt es einen Zusammenhang? Experten bezeichnen die Frage nach der Höhe der Dunkelziffer als „Millionen-Frage“.

von Anja Martini, Marvin Milatz

Es ist nur ein Gedankenspiel, zeigt aber einen wichtigen Punkt in der Debatte um die Stichhaltigkeit der Corona-Zahlen: Wollte man wissen, wie viele Corona-Infizierte es in Deutschland wirklich gibt, müsste man an einem Tag die gesamte Bevölkerung testen. Nur dann ließe sich eine repräsentative Aussage über die Größe einer vermeintlichen zweiten Welle treffen, dann gäbe es keine Dunkelziffer und es ließe sich eine zentrale Frage vollständig klären: Lässt sich der jüngste Anstieg der Infizierten-Zahlen damit erklären, dass die Zahl der Tests stark gestiegen ist?

Fakt ist: Betrachtet man die Entwicklung der gemeldeten Fälle, steigt die Zahl der Neuinfektionen seit Kalenderwoche 29, also seit der Woche ab dem 13. Juli, wieder an. Dieser Anstieg beschleunigt sich langsam, aber zunehmend. Inwiefern ist die Zahl der Testungen, die in den vergangenen zwei Monaten von mehreren 100.000 auf rund eine Million Tests pro Woche angestiegen ist, dafür verantwortlich?

Die „Million-Dollar-Question“

Die kurze Antwort darauf ist: Man weiß es nicht. Die Hypothese lautet: Je mehr getestet wird, desto niedriger müsste die Dunkelziffer liegen. „Natürlich ist es so, dass, wenn ich dreimal mehr teste, auch mehr Menschen finde, die infiziert sind“, sagt Dirk Brockmann. Als Professor am Institut für Biologie der Humboldt-Universität in Berlin beschäftigt er sich mit statistischen Modellierungen von Epidemien und forscht auch am Robert Koch-Institut (RKI). Wie stark dieser Effekt sich allerdings bemerkbar mache, das könne derzeit niemand verlässlich sagen. Eine Aussage, die alle Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, mit denen der NDR für diese Recherche sprach, grundsätzlich teilen. Ein Forscher bezeichnete die Frage nach der Höhe der Dunkelziffer sogar als „Million-Dollar-Question“.

RKI-Daten sind nicht für solche Aussagen gemacht

Das Problem: Die Daten, die das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht, lassen Berechnungen, die dafür nötig wären, gar nicht zu. Ihr Zweck ist nicht, eine repräsentative Aussage zu treffen, sondern als Alarmanlage zu fungieren: Bricht die Pandemie irgendwo aus, müssen Behörden schnell reagieren können, um die Bevölkerung zu schützen. Jede wissenschaftliche Studie wäre dafür zu langsam. Genauso falsch wäre es aber, aus den RKI-Daten Ergebnisse wie den Zusammenhang zwischen der Zahl der Testungen und der Zahl der Corona-Neuinfektionen berechnen zu wollen. Dafür sind die Daten nicht verlässlich genug. „Man darf die Daten nicht überinterpretieren“, warnt Jürgen May, Professor für Epidemiologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.

„Pandemie-Verlauf gleicht einem Schwelbrand“

Es spricht also einiges dafür, dass die derzeitige breite Teststrategie ein realistischeres Bild der Pandemie zeichnet als noch im Frühjahr, als die Testungen eingeführt wurden um Schlimmeres zu verhindern. Wobei auch hier weiterhin unbekannt ist, wie stark dieser Effekt ist. So ist es auch weiterhin verfrüht, Entwarnung zu geben: Zwar blieb das explosive Wachstum der Fallzahlen bisher aus, die zweite Welle gleicht eher einem Plateau. Doch der Physiker Brockmann vergleicht die aktuelle Situation mit einem Schwelbrand, der jederzeit wieder auflodern kann: „Ich glaube, dass ein Plateau, das sich über Monate hinwegzieht, ebenso gefährlich ist wie eine zweite Welle“ – den ganzen Bericht lesen.

Update 04.02.2021

Die wichtigsten Zahlen für Deutschland – allen Graphiken im Artikel:

Wie viele Menschen infizieren sich derzeit, wie viele sind gestorben? Welche Regionen in Deutschland sind besonders betroffen? Wie angespannt ist die Lage in den Kliniken? Die aktuellen Zahlen – von Marcel Pauly Impfungen. Mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland haben sich nachweislich mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert. Ein Großteil von ihnen gilt als wieder gesund, doch schon mehr als 50.000 Infizierte sind gestorben. Nach einem Rückgang des Infektionsgeschehens über den Sommer ist die Zahl der bestätigten Neuinfektionen seit Herbst deutlich angestiegen. Zuletzt sanken die Zahlen wieder. Die meisten Städte und Landkreise liegen über der Marke von 50 Neuinfektionen in sieben Tagen je 100.000 Einwohner. (Lesen Sie hier, warum für diese sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz verschiedene Werte kursieren und mit welchen Werten der SPIEGEL arbeitet. Die Dynamik der Pandemie kann nicht nur durch die Infektionszahlen allein beschrieben werden, sondern auch durch deren Veränderung. Dafür stellen wir die bestätigten Neuinfektionen der jüngsten sieben Tage jenen der vorangegangenen sieben Tage gegenüber.
Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht:

 allen Graphiken im Artikel

Bei der Übersterblichkeit werden auch Nebeneffekte offenkundig: Gehen Menschen mit anderen Erkrankungen aus Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus nicht mehr zum Arzt oder ins Krankenhaus, kann das zu einem tödlichen Krankheitsverlauf führen, der mit einer entsprechenden Behandlung vermeidbar gewesen wäre. Auch solche Todesfälle sind letztlich indirekt durch die Pandemie verursacht und steigern die Übersterblichkeit. Andersherum führen weniger persönliche Kontakte auch zu einer Abnahme anderer Infektionskrankheiten. Sie werden demnach als Todesursache seltener und beeinflussen so ebenfalls die Übersterblichkeit.

Mehr zum Thema.

Update 15.01.2021

»Ich bin wieder gesund, lass uns treffen, ich kann niemanden mehr anstecken!«

Wenn Corona-Kranke wieder gesund sind, können sie angeblich ihre Mitmenschen nicht mehr anstecken. Demnach könnten die Corona-Regeln für sie hinfällig sein. Doch ist es so einfach?
Update 13.01.2021

Was ist dran an den Sorgen vor der Impfung?


Über die Covid-Impfung kursieren Gerüchte, die einige Menschen verunsichern. Der Faktencheck zeigt: zu Unrecht – siehe auch weiter unten Petra Falb, sie Gutachterin in der Zulassung für Impfstoffe.

Alternative – gleiche Aussage.


Petra Falb, Austria, ist Veterinärmedizinerin und nach einigen Zwischenstationen mit virologischer Forschung an FIV und Dengue-Viren, Veterinärpathologie und tierärztlicher Praxis letztlich vor mehr als 17 Jahren in der Arzneimittelbehörde gelandet. Dort ist sie Gutachterin in der Zulassung für Impfstoffe.

Einer der meistgesagten Sätze während der letzten Wochen: „Aber wir haben überhaupt keine Langzeitdaten für diese neuen Impfstoffe! Da kann man ja keine Spätfolgen abschätzen!“ Bevor wir uns an den grundlegenden Irrtum hinter dieser Aussage und natürlich auch ausführlichere Erklärungen heranwagen: es gibt in der Zulassung keine Definition oder Vorgabe für „Langzeit“. Und warum das so ist, sollte nach dem Lesen dieses Artikels klar sein. In erster Linie ist es wichtig zu wissen: Impfstoffe haben eine gänzlich andere Wirkungsweise als die sogenannten „klassischen Pharmazeutika“ – unter diesem Begriff fassen wir alle Arzneimittel zusammen, die nicht mittels biologischer Methoden hergestellt werden. Klassische Pharmazeutika sind z.B. Antibiotika, Psychopharmaka, Wundsalben, Blutdrucksenker, Fieberzäpfchen, Schmerztabletten….

Was sind nun die bedeutsamen Unterschiede zwischen einem „klassischen“ Arzneimittel und einem Impfstoff?

  • Pharmazeutika haben eine sogenannte „Pharmakokinetik“. Darunter versteht man „den Weg des Arzneimittels durch den Organismus“. Man hat zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Konzentrationen davon im Körper, sie können sich bei längerer Therapie anreichern, werden abgebaut (dabei entstehen neue Zwischenprodukte), sie werden in der Leber metabolisiert, über die Nieren ausgeschieden… Ein Impfstoff hat keine Pharmakokinetik, da hier nichts verstoffwechselt wird. Es gibt hier nur eine sogenannte „Pharmakodynamik“ – darunter versteht man die Wirkung, die ein Arzneimittel im Körper auslöst – in diesem Fall eine immunologische Reaktion.
  • Man bekommt Pharmazeutika meist für längere oder sogar lange Zeiträume verordnet. Man nimmt Antibiotika eine Woche lang, Antihistaminika oder Cortison für die Dauer der Pollenallergiesaison, ein Schmerzmittel, bis der Rücken nicht mehr wehtut oder einen Blutdrucksenker lebenslänglich. Einen Impfstoff bekommt man jedoch niemals als „Dauertherapie“. Man bekommt ihn einmal, vielleicht im Rahmen einer Grundimmunisierung ein zweites oder drittes Mal, aber auch das dann in Abständen von Wochen oder Monaten, danach vielleicht nie mehr oder vielleicht alle 5 oder 10 Jahre.

Bei einem Impfstoff gibt es demnach schon aus biologischen Gründen keine „Spätnebenwirkungen“, die 5 Jahre nach der Impfung plötzlich auftreten. Es werden keine neuen Metaboliten im Körper erzeugt, es reichert sich nichts an. Nebenwirkungen zeigen sich binnen weniger Stunden bis 1 – 2 Tage nach der Impfung, bei Lebendimpfstoffen nach der Inkubationszeit der natürlichen Erkrankung (z.B. sogenannte – ungefährliche – „Impfmasern“ können ca. 10 – 12 Tage nach der Masernimpfung auftreten). Auch allergische Reaktionen – ob leicht oder schwerwiegend – kommen bald nach der Verabreichung. Als sehr seltene Nebenwirkungen sind unterschiedliche Autoimmunreaktionen möglich, aber selbst diese treten spätestens nach wenigen Wochen auf.

Warum also sind Daten über einen längeren Zeitraum dennoch grundsätzlich wichtig, wenn doch ohnehin „nach Jahren“ nichts mehr zu erwarten ist? Das liegt an möglichen seltenen und sehr seltenen Nebenwirkungen. Wenn eine bestimmte Nebenwirkung nur bei einer von 20.000 oder einer von 50.000 oder 100.000 Personen auftritt, brauchen wir eine sehr große Anzahl geimpfter Personen, um diese überhaupt zu erkennen – und bis genug Personen geimpft sind, dauert das einfach normalerweise eine längere Zeit. Auch eine umfangreiche klinische Studie kann sehr seltene Nebenwirkungen im Allgemeinen nicht zeigen. „Langzeit“ bezieht sich bei Impfstoffen also nicht auf die Zeit, nach der eine Nebenwirkung auftritt, sondern auf die Zeit, nach der überhaupt genug Personen geimpft sind, um selbige dem Impfstoff sicher zuordnen zu können!

Wie kommt es nun zu dieser falschen Interpretation von „fehlenden Langzeitdaten“?

Beispiel 1: Sehen wir uns eine „alte“ Impfung an, die Pockenimpfung. Für diese herrschte Impfpflicht, Ende der 1970er Jahre konnten die Pocken als ausgerottet erklärt werden; die weltweite Impfkampagne war also ein durchschlagender Erfolg. Die Pockenimpfung war jedoch im Vergleich zu unseren modernen Impfungen deutlich reaktiver, in seltenen Fällen gab es auch Impfschäden durch eine impfbedingte Encephalitis (Gehirnentzündung). Diese Impfung konnte somit Langzeitschäden verursachen – einfach, weil JEDE Encephalitis dauerhafte Schäden hinterlassen kann, egal, wodurch sie entsteht. Das Wort „Langzeitschaden“ hat sich hier im täglichen Sprachgebrauch etabliert und wird vielfach fälschlich – übertragen auf die aktuelle Situation – interpretiert als „Schaden, den die Impfung erst nach langer Zeit verursacht“. Das Auftreten dieser Encephalitis geschah jedoch im Schnitt innerhalb einer Woche nach der Impfung. Das heißt, das AUFTRETEN dieser Schädigung geschah zeitnah, nicht erst nach Jahren, auch wenn die Auswirkungen jahrelang bestehen blieben!

Kleine Bemerkung am Rande: diese damaligen Impfstoffe würden es nach heutigen Kriterien nicht durch ein Zulassungsverfahren schaffen.

Beispiel 2: derzeit vielfach und gerne erwähnt: Narkolepsie beim Impfstoff Pandemrix© zu Zeiten der sogenannten „Schweinegrippe“. Die detaillierten molekularen Mechanismen für den Zusammenhang mit der Impfung sind noch immer nicht restlos geklärt, aber es liegt wohl an einem Bestandteil des verwendeten Adjuvans (Wirkverstärker) in Kombination mit einer genetischen Veranlagung der Betroffenen. Die Häufigkeit dieser Nebenwirkung liegt bei etwa 1:20.000, das Auftreten geschah im Schnitt innerhalb weniger Wochen nach der Impfung, in einigen einzelnen Fällen etwa 4 Monate danach. Bemerkt hat man es aber eben auch erst nach etwa einem Jahr, gesichert noch später, weil erst dann genügend Personen geimpft waren, um diesen Zusammenhang zu erkennen. Erschwert war die Situation noch dadurch, dass diese Nebenwirkung nur in einigen wenigen – vorwiegend skandinavischen – Ländern auftrat. Auch hier hat sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt: „Ein Spätschaden! Das war ja erst nach einem oder zwei Jahren!“. Nein, war es nicht! Es trat viel früher auf, aber aufgrund der erst dann erreichten ausreichenden Durchimpfungsraten hat man es erst nach diesem Zeitraum sicher zuordnen können!

Zusätzlich muss noch ein wichtiger Faktor zur Beurteilung von Nebenwirkungen erwähnt werden: die sogenannte Hintergrundinzidenz. Als Hintergrundinzidenz bezeichnet man die Menge an Fällen einer bestimmten Erkrankung, die auch in einer ungeimpften Population innerhalb eines bestimmten Zeitraumes auftreten würde. Hier gibt es auch etwas Aktuelles vom ersten zugelassenen COVID – Impfstoff Comirnaty©. Es traten während der Studien 4 Fälle von Gesichtslähmung auf. Diese 4 Fälle entsprechen allerdings genau der bekannten Hintergrundinzidenz: während eines vergleichbaren Zeitraumes entsprechen 4 Fälle von Gesichtslähmung bei einer vergleichbaren Population also genau der erwarteten Anzahl, auch ohne jegliche Impfung. Dennoch wurde diese potenzielle Nebenwirkung in die Fach- und Gebrauchsinformation aufgenommen, weil sie in der Impfstoffgruppe und nicht in der Placebogruppe auftrat und ein Zusammenhang somit nicht ausgeschlossen werden kann.

Wir können also zusammenfassen: aufgrund der Eigenschaften und Wirkungsweise eines Impfstoffes sind Nebenwirkungen ziemlich bald – nach Stunden oder Tagen – zu erwarten, selbst in seltenen Fällen von Autoimmunerkrankungen meist nach wenigen Wochen. Langzeitdaten brauchen wir also nicht, weil Nebenwirkungen so lange nach einer Impfung auftreten können, sondern um sehr seltene Nebenwirkungen überhaupt erkennen zu können – es muss eine ausreichende Menge an Personen geimpft sein, damit diese Nebenwirkung überhaupt erstmals auftritt und dann dem Impfstoff zugeordnet werden kann. Diese – somit durchaus notwendige – Langzeitbeobachtung findet immer und für alle Arzneimittel erst in der sogenannten „klinischen Phase IV“ – in der Beobachtung nach der Zulassung – statt!

Inwieweit sind diese Erkenntnisse nun umsetzbar auf die aktuellen COVID – Impfstoffe?

Wir haben hier 2 vorteilhafte Situationen:

  • die Anzahl der Probanden schon in den klinischen Studien vor der Zulassung war auffallend groß (bei anderen – ebenfalls ganz neu zugelassenen – Impfstoffen in Europa während der letzten Jahre bewegten sich die Probandenzahlen meist in Bereichen von 10.000 – 15.000; beim ersten zugelassenen COVID – Impfstoff bei ca. 40.000)
  • bedingt durch die durchgeführte Massenimpfkampagne ist eine notwendige Anzahl Geimpfter für das Erkennen seltener Nebenwirkungen sehr schnell erreicht – alleine in England wurden während der ersten beiden Wochen der Impfkampagne rund eine halbe Million Personen geimpft. Da die Impfkampagnen mittlerweile weltweit laufen, ist die Anzahl der Personen, von denen sehr schnell Daten zur Verfügung stehen also hier extrem hoch – ein unter normalen Umständen quasi unerfüllbarer Traum auch für die Behörden 😉

Wer sein Wissen über Impfnebenwirkungen ein bisschen vertiefen will, dem empfehle ich, diese beiden Publikationen zu lesen (ich hatte die Ehre, beide mit zu Verfassen):

Impfungen – kein Nutzen ohne Risiko? und Reaktionen und Nebenwirkungen nach Impfungen.

 

 

Havarie-Konzepte, sind auf das schlimmste vorbereitet und so situationselastisch,
um dann vom Besten auszugehen!

Absturz oder Aufschwung – bis März entscheidet sich Deutschlands und damit Europas Schicksal

Viele Unternehmen überleben aktuell nur dank staatlicher Hilfen. Wie lange kann die Bundesrepublik das noch durchhalten? Ökonomen erklären, welche Faktoren nun für die Wende zum Guten entscheidend sind – und wann harte Rezession und Massenarbeitslosigkeit drohen. Die Rechnung ist schon jetzt gewaltig: 212.808.600.000 Euro hat Deutschland bisher die Corona-Pandemie an Wohlstand gekostet. Selbst wenn bis Frühjahr das Schlimmste überstanden ist und die Wirtschaft sich danach langsam erholt, sind es am Ende der Krise noch einmal fast 179 Milliarden Euro mehr, also insgesamt gut 391 Milliarden. Das ergaben Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) für WELT AM SONNTAG. Die Ökonomen verglichen dafür das tatsächliche und prognostizierte Wachstum mit dem sogenannten Potenzialwachstum. Es sagt aus, wie stark die deutsche Wirtschaft ohne die Pandemie in den Jahren 2020 bis 2022 gewachsen wäre. Die Summen klingen hoch. Und gleichzeitig gering, bedenkt man, was dem Land, den Unternehmen und Millionen von Arbeitnehmern ohne die Milliardenhilfen gedroht hätte. Auch im zweiten Lockdown soll es Unterstützung geben. Dass dies aber nicht ewig durchzuhalten ist, zeichnet sich bereits ab.

Sinken die Infektionen bis März nicht, droht die Katastrophe

2021 wird ein Schicksalsjahr. Alle Hoffnungen ruhen auf dem Impfstoff und den höheren Temperaturen im Frühjahr, die das Infektionsgeschehen beruhigen und der Wirtschaft Auftrieb verleihen sollen. Doch reichen die Hilfen, um bis dahin die Bundesrepublik vor einer Pleitewelle und daraus folgender Massenarbeitslosigkeit zu bewahren? Was ist, wenn die Seuche länger wütet als erwartet? Kommt es noch einmal zum Absturz, da sind sich Ökonomen einig, würde das Land auf Jahre in der Rezession verharren. „Sollten wir es bis März nicht schaffen, die Infektionszahlen deutlich zu drücken, wäre das eine Katastrophe“, sagt DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Sobald die Staatshilfen auslaufen, könnte dann ein Pleite-Tsunami über Deutschland hereinbrechen.

„Die meisten Menschen, die dann arbeitslos würden, hätten es sehr schwer, auf absehbare Zeit eine neue Anstellung zu finden. Die Nachfrage würde deutlich sinken – europaweit. Es würde Jahre dauern, bis sich Europa und insbesondere Deutschland erholt, da es stark von Exporten in die Euro-Zone abhängt.“ Das Risiko ist hoch. Die Folgen wären dramatisch. Doch bislang erwarten Ökonomen, dass sich die Wirtschaft ab dem zweiten Quartal erholen wird, dass es zu keinem Absturz kommt, dass alles gut wird. Das gilt für führende Wirtschaftsinstitute wie das DIW genauso wie für die Commerzbank. „Ich gehe fest davon aus, dass die Corona-Infektionen im Frühjahr deutlich zurückgehen werden“, sagt deren Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Es wird sich neue Zuversicht unter den Menschen verbreiten – sie werden sehr viel tun, wonach sie sich in den vergangenen Monaten gesehnt haben: essen gehen, reisen oder sich etwas Schönes kaufen.“

Steigender Konsum allein reicht nicht für kräftigen Aufschwung

Geld dafür ist vorhanden. 90 Milliarden Euro haben die Deutschen in den ersten neun Monaten aus Mangel an Konsummöglichkeiten zusätzlich zur Seite gelegt. „Zahlen für das vierte Quartal liegen noch nicht vor, aber ich gehe davon aus, dass die Ersparnisse weiter gestiegen sind“, sagt Krämer. Würde all das Geld auf einmal ausgegeben, würde der private Konsum um vier Prozent und das Bruttoinlandsprodukt um zwei Prozent steigen. „Das ist natürlich ein Extremfall und dürfte so auch nicht eintreffen, da sich viele Dienstleistungen schlicht nicht nachholen lassen – man kann ja nicht plötzlich doppelt so oft zum Friseur gehen –, aber der Konsum wird definitiv deutlich steigen.“

Doch reicht das? Für einen längeren kräftigen Aufschwung bedarf es Investitionen von Firmen. „Wir beobachten aber, dass die Gewinne der deutschen Unternehmen deutlich gesunken sind, sie weniger Rücklagen bilden und die Verschuldungsquote steigt“, sagt Gabriel Felbermayr, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. „Selbst bei Nullzinsen werden sich dann kleinere Unternehmen schwertun, Kredite zu bekommen, um Anschaffungen zu tätigen.“ Das werde den Aufschwung bremsen.

Hinzu kommt: Die Pandemie hat in einigen Branchen dauerhaft Spuren hinterlassen. Die Menschen haben sich an die Vorteile des Onlineshoppings gewöhnt, Firmen haben erkannt, wie viel Geld man durch Videokonferenzen sparen kann, Angestellte verbringen ihre Mittagspause lieber im Homeoffice als beim Italiener und bereiten sich ihren Kaffee selbst zu. Der stationäre Einzelhandel hat damit ein grundsätzliches Problem, Vermieter von Büros, Fluggesellschaften, Hotelbetreiber und zahlreiche Gastronomen ebenso. „Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen wird nächstes Jahr steigen“, sagt DIW-Ökonomin Geraldine Dany-Knedlik. Wie stark, hänge auch davon ab, wie schnell sich der Staat zurückziehe und seine Hilfen für bestimmte Branchen kürze. Aktuell sind die Firmenpleiten auf einem Tiefpunkt. In den ersten neun Monaten dieses Jahres gingen sie um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Das lag auch daran, dass die Anmeldepflicht für Insolvenzen ausgesetzt wurde. Für Insolvenzen aufgrund von Überschuldung gilt das weiterhin bis mindestens Ende Januar. Seit Oktober müssen allerdings Unternehmen, die zahlungsunfähig geworden sind, wieder Insolvenz anmelden. Mehrwertsteuersenkung? Für den Handel ein 20 Milliarden Euro teurer Fehler

„Zahlungsunfähigkeit ist der häufigste Grund für Insolvenzen von kleineren Unternehmen. Man hätte erwarten können, dass deren Insolvenzen Ende des Jahres sprunghaft anziehen – auch wegen des erneuten Lockdowns. Doch dies lässt sich den aktuellen Zahlen nicht entnehmen“, sagt Dany-Knedlik. Für die Ökonomin gibt es eine Erklärung: Die Hilfen kommen genau bei den Unternehmen an, die sie brauchen, sodass sich auch kleinere Firmen über Wasser halten können. „Wird die Unterstützung bis zum Sommer aufrechterhalten und hat sich bis dahin das Infektionsgeschehen beruhigt, bin ich zuversichtlich, dass der Anstieg der Insolvenzen moderat bleiben wird.“ Unter diesen Voraussetzungen, so glaubt das DIW, werde die Arbeitslosigkeit dann eine halbe Million Menschen mehr betreffen als vor Ausbruch der Pandemie. Die Kosten der Krise fallen in der Euro-Zone sehr unterschiedlich aus. Andere Länder trifft die Pandemie in Relation zur Größe der Wirtschaft noch einmal sehr viel härter. Deutschland kommt im Vergleich zu Frankreich, Italien, Spanien und auch zu den Niederlanden mit einem blauen Auge davon – vorausgesetzt, das Virus wird gebändigt.

Kreativität – Innovation – Alleinstellungs-Merkmale

Weiter unten: Hans-Werner Sinn warnt vor Kontrollverlust: „Die Politik verliert das Maß“.
Und nach der Pandemie wird es eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben. Der in Stanford lehrende Historiker prophezeit nach dem Ende der Pandemie in 2021 einen wirtschaftlichen Boom – und warnt vor Inflation und Schuldenbergen. Niall Ferguson hat die Corona-Pandemie bereits Anfang 2020 vorausgesagt – das ganze Interview

 

1. Die Impfstoffe und die Mutationen eines jeden Virus.

Virusvarianten sind wohl deutlich ansteckender als das bisher bekannte Coronavirus. Es ist wahrscheinlich, dass ein Impfstoff auch gegen die Mutationen wirkt. Sicher ist es allerdings nicht. Deshalb werden „Up-Dates“ entwickelt, wie es bei der Grippe_Impfung Usus ist.

2. Die Impfung verändert die DNA nicht.

Comirnaty ist ein sogenannter mRNA-Impfstoff. Dieser enthält kein abgeschwächtes oder abgetötetes Virusmaterial, sonst würde die Gefahr bestehen, durch eine Impfung an COVID-19 zu erkranken. Der mRNA enthält ausgewählte Teile vom Erbgut eines Virus. Der Impfstoff wird lediglich ins Muskelgewebe gespritzt, wo das Immunsystem ihn als fremd erkennt und Antikörper bildet (für mich: eine Infektion wird simuliert).

3. Impftypischen Nebenwirkungen: 

  • Bei allergischen Vorerkrankungen:
  • Schmerzen und Jucken an der Einstichstelle der Impfnadel.
  • Kopfschmerzen.
  • Übelkeit.
  • Durchfall.
  • Fieber.
  • Muskel- und Gelenkschmerzen.
  • Leichter Schüttelfrost.

4. Der Impfschutz hält keine zwei Wochen

Tatsache ist: Die Wissenschaft kann noch nicht genau bestimmen, wie lange der Impfschutz wirkt. Uğur Şahin, Mitbegründer von Biontech, erklärte auf einer Pressekonferenz kurz vor Weihnachten, er und sein Team gehen von einem Impfschutz für „mindestens drei Monate“ aus. Man wolle allerdings im Laufe der Anwendung eine Schutzdauer von bis zu zwei Jahren erreichen. Was die Immunität angeht, gab es auch bei den schon mit Corona Infizierten bisher keine konkreten Ergebnisse. Mittlerweile hat sich ein Team um Assistenzprofessor Menno van Zelm von der Monash University in Melbourne aber dem Thema angenommen und ist zu einem überraschenden Ergebnis gekommen. Die Forscher untersuchten Blutproben von 25 Corona-Patienten zwischen Tag 4 und Tag 242 nach der Infektion. Dabei konnte fest gestellt werden, dass die für die Immunität entscheidenden „Gedächtniszellen“ auch nach acht Monaten noch vorhanden waren. Zwar ist die Studie durch die kleine Stichprobe nicht repräsentativ, aber gibt doch zumindest Hoffnung auf einen länger andauernden Immunschutz. Der Biontech/Pfizer-Impfstoff wird in zwei Dosen im Abstand von rund drei Wochen verabreicht. Knapp vier Wochen nach der ersten Impfung besteht wohl ein vollständiger Impfschutz – siehe dazu auch 1.. 

 

Soyeon Schröder-Kim im Interview mit Gabor Steingart über die Corona Politik in ihrem Heimatland.

Wo sich in China gerade Finanzmarktrisiken aufbauen.

Der chinesische Finanzmarkt könnte vor einer harten Belastungsprobe stehen. Quelle: dpa Geld-Gewitter über Peking. Der chinesische Finanzmarkt könnte vor einer harten Belastungsprobe stehen. (Foto: dpa).
Auch Aufseher Guo von der staatlichen Regulierungsbehörde CBIRC schaut sehr genau auf die Zahlen – und die Folgen für die Kreditgeber: Der Druck durch notleidende Kredite im Bankensektor sei wieder angestiegen, schrieb er in seinem Grundsatzaufsatz. Nach der offiziellen Statistik ist die Quote der ausfallgefährdeten Darlehen im dritten Quartal auf 1,96 Prozent geklettert – den höchsten Stand seit mindestens sechs Jahren.

Durch die Coronakrise sind auch die Gefahren für das Finanzsystem der Volksrepublik gestiegen. Experten schlagen Alarm. Die Regierung will gegenhalten. In China passieren gerade Dinge, die lange Zeit für nahezu unmöglich gehalten wurden: Kurz hintereinander mussten mehrere große Staatsunternehmen einräumen, dass sie ihre Schulden nicht pünktlich zurückzahlen können. Die Ausfälle bei den Anleihen ließen die Finanzmärkte aufschrecken, denn es sind durchaus prominente Namen dabei: Im Oktober war es Huachen, der Mutterkonzern von BMWs chinesischem Joint-Venture-Partner Brilliance, der einen Bond in Höhe von einer Milliarde Yuan (rund 120 Millionen Euro) nicht zurückzahlen konnte. Im November erging es dem staatseigenen Bergbauunternehmen Yongcheng Coal and Electricity Holding Group ähnlich. In einem dritten Fall konnte die Tsinghua Unigroup, ein Chiphersteller, der von Pekings renommierter Tsinghua-Universität unterstützt wird, gleich zwei Anleihen nicht pünktlich zurückzahlen. Das sind längst keine Einzelfälle mehr: In den ersten zehn Monaten des Jahres kam es nach Berechnungen der Ratingagentur Fitch zu einem Rekordausfall bei Bonds von staatseigenen Unternehmen in Höhe von 40 Milliarden Yuan (rund fünf Milliarden Euro).
Der Plaque-Assay von HSV-1 infizierten Vero B Zellen (Färbung mit Coomassie).

Wir verbinden Biologie und Technik:
Wie können wir Ressourcen und das Klima schützen? Wie die Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung mit Wasser, Nahrung und Rohstoffen sicherstellen? Und was können wir tun, um Erkrankungen präzise zu diagnostizieren, Wirkstoffe zu bezahlbaren Kosten zu testen und die Gesundheit einer alternden Gesellschaft mit personalisierten Therapien zu verbessern?

Das Fraunhofer IGB entwickelt Verfahren, Technologien und Produkte für Gesundheit, Nachhaltige Chemie und Umwelt. Dabei setzen wir auf die Kombination biologischer und verfahrenstechnischer Kompetenzen, um mit dem Systemansatz der Bioökonomie und bioinspirierten, biointegrierten und biointelligenten Lösungen zum Wohlergehen des Menschen, einer nachhaltigen Wirtschaft und einer intakten Umwelt beizutragen.

Unseren Kunden bieten wir Komplettlösungen vom Labor- bis zum Pilotmaßstab, ergänzt durch ein breites Spektrum an Analyse- und Prüfleistungen. Neben dem an anderer Stelle beschriebenen Antiviralen Assay AVA, bieten wir weitere zellbasierte Testsysteme an, um den Titer zytopathischer Viren in unterschiedlichen Proben zu bestimmen. Die Assays können unter unterschiedlichen Qualitätssicherungskategorien, von der Anforderung in Forschung und Entwicklung bis zum zertifizierten GLP-Standard, durchgeführt werden. Zytopathogene Viren können durch die Anzahl der Plaques quantifiziert werden, die sie in einem Zellmonolayer verursachen. Mittels dieses Testsystems kann nach Wirkstoffen mit antiviraler Aktivität gesucht werden, welche diese Plaquebildung inhibieren – Quelle: Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB.

Norbert Hofstätter
COVID-19 Mutanten und erhöhte Ansteckungsfähigkeit.
Für alle die es interessiert: Wie kann man feststellen, ob so eine neue Variante tatsächlich ansteckender ist? Das scheint ja nicht so leicht zu sein – weil die Transmission der Virionen ja von vielen Faktoren – zu allermeist vom menschlichen Verhalten (social distancing, Hygieneregeln) – abhängt. Wie misst man das daher? Tatsächlich sind derartige Aussagen die Ansteckungsfähigkeit betreffend gestützt durch gut etablierte Verfahren mit menschlichen epithelialen (aus inneren Lungengewebeoberflächen) Zellkulturen. Vergleiche über die Ansteckungsfähigkeit unterschiedlicher Virentypen/Mutanten sind schon lange standardisiert und wurden natürlich auch schon für MERS, seasonal Flu Viruses und alle anderen Covid-Varianten gemacht und natürlich auch für die Entwicklung antiviraler Medikamente die zuvor in Zellkultur getestet werden. Deshalb konnte man auch zu Beginn der Covid-19 Pandemie das Ausbreitungspotential des SARS-Cov-2 schon sehr früh gut einschätzen. Man geht dabei wie folgt vor: Man exponiert eine definierte Menge von menschlichen Lungenepithelzellen mit Virionen in Zellkultur und misst die notwendige Menge an Virionen um 50% der Zellen zu befallen (TCID50 – tissue culture infection dose 50). Das Verhältnis der TCID50 von verschiedenen Viren/Mutationen zueinander beschreibt dann deren relative Infektiosität zueinander. So einfach geht das, gut etabliert und eine IM VERGLEICH VON VIREN zuverlässige Aussage.
So sind daher derartige Feststellung vermutlich wissenschaftlich ziemlich solide – und die Verschärfung der Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung gerechtfertigt.

 

Klinische Prüfung der Impfstoffentwicklung in drei Phasen

 

Uniklinikum Salzburg – SALK – Update zur Corona-Impfung.

Die Phase-3-Studie zum RNA-Impfstopf BNT162b2 von BioNTech/Pfizer liegt vor:
• 21.720 Geimpfte (16 bis 91 Jahre, 42 % über 55) mit BNT162b2, 21.728 mit Placebo.
• Zwei Injektionen in Oberarm im Abstand von 21 Tagen.

• Probanden waren gesund oder hatten stabile chronische Erkrankungen, Immunsupprimierte waren ausgeschlossen.

Effektivität
• 8 COVID-Fälle bei Geimpften, 162 in Placebogruppe – 95 % Effektivität.
• Erkrankungsrate unterschied sich ab Tag 12 nach 1. Dosis mit 52 % Teilschutz.

• Daten zu asymptomatischen Infektionen liegen noch nicht vor.

Nebenwirkungen
• Milde bis moderate Schmerzen an Injektionsstelle gaben bis 55 Jahre 83 bzw. 78 % an, über 55 Jahre 71 bzw. 66 %, in der Placebogruppe bis zu 14 %. Unter 1 % hatte starke Schmerzen.
• Milde oder moderate Rötung und/oder Schwellung wurde in 5 bis 7 % berichtet, schwere in unter 1 %.
• Lokale Reaktionen dauerten ein bis zwei Tage.
• In sieben Tagen nach der Impfung gaben bis 55 Jahre 59 bzw. 52 % und über 55 Jahren 51 bzw. 39 % milde bis moderate Müdigkeit und Kopfschmerzen an, in der Placebogruppe 14 bis 34 %.
• Stark erschöpft waren 3,8 %, 2 % hatten starke Kopfschmerzen.
• Fieber über 38 °C bekamen 4 bzw. 16 % der jüngeren Geimpften und 1 bzw. 11 % der älteren.
• Fieber bis 40 °C trat bei 0,2 % der Geimpften und 0,1 % unter Placebo nach 1. Dosis und bei 0,8 % bzw. 0,1 % nach 2. Dosis auf.
• Je zwei Personen der Impf- und Placebogruppe hatten mehr als 40 °C Fieber.
• Fieber kam in den ersten beiden Tagen und dauerte nur kurz.
• 64 Geimpfte und 6 aus der Placebogruppe hatten geschwollene Lymphknoten.
• Vier schwere Nebenwirkungen gehen auf die Impfung zurück (Schulterverletzung, axilläre Lymphadenopathie, paroxysmale Kammerrhythmusstörung, Beinparästhesie).
• 6 Personen starben während der Studie – zwei in der Impfgruppe (Arteriosklerose und Herztod). Es wurde kein Zusammenhang mit der Impfung gesehen.

Quelle: New England Journal of Medicine, https://www.nejm.org.

Wie gefährlich ist die mutierte Variante in England?

Im Südosten Englands verbreitet sich ein verändertes Coronavirus aus: Die Variante mit der H69/V70-Mutation scheint schneller zu sein, als andere. Experten halten sie sogar für doppelt so ansteckend. Und: Was bedeuten Mutationen für den Impfstoff? Es war eine beunruhigende Nachricht, die der britische Gesundheitsminister Matt Hancock am Montag im Unterhaus bekannt gab: „In den letzten Tagen haben wir eine neue Variante des Coronavirus entdeckt, die vielleicht im Zusammenhang mit der schnelleren Ausbreitung des Virus im Südosten Englands steht.“ Eine erste Analyse habe ergeben, dass sich diese Variante schneller ausbreite als andere. Bei mehr als 1000 Menschen hätten die lokalen Behörden bereits eine Infektion mit der neuen Variante nachgewiesen, und das vor allem im Südosten Englands. Man wisse noch nicht, in welchem Ausmaß dies der neuen Virus-Variante zuzuschreiben sei. Der Minister rief an dieser Stelle nochmals zu entschiedenem Handeln auf, um die tödliche Krankheit zu stoppen.

Unter Wissenschaftlern, die sich mit Covid-19-Mutationen beschäftigen, brach erhebliche Verwirrung und auch Ärger aus – denn nähere Einzelheiten nannte Hancock zunächst nicht. So konnten die Experten nur mutmaßen, von welcher der vielen bekannten Virus-Varianten der Minister überhaupt gesprochen hatte. „Es ist frustrierend, dass solche Behauptungen gemacht werden, ohne dass die dazugehörige Evidenz für eine wissenschaftliche Einschätzung präsentiert wird“, so äußerte sich etwa Lucy van Dorpe vom UCL Genetics Intstiute. Inzwischen aber hat das Covid-19 Genomics UK Consortium (COG-UK) näherere Einzelheiten bekannt gegeben.

Die neue Virus-Variante vereint eine Reihe von Mutationen, die Genetikern schon länger bekannt sind. Eine Mutation – die sogenannte H69/V70-Mutation – ist es vor allem, die Aufmerksamkeit erregt, denn sie bewirkt eine Veränderung in einem besonders wichtigen Teil des Virus, dem Spike-Protein. Spike-Proteine sitzen auf der Außenhülle des Virus, mit ihnen bindet das Virus an bestimmte Rezeptoren auf menschlichen Körperzellen, den ACE2-Rezeptoren. Die Bindungsstelle des Spike-Proteins wird durch die H69/V70-Mutation in seiner Form leicht verändert.

zum Artikel.
Für sich genommen ist die Mutation keineswegs neu: Sie ist schon an vielen Orten auf der Welt entdeckt worden und tritt entweder allein oder zusammen mit anderen Mutationen auf. Von Mutationen spricht man, wenn durch Kopierfehler bei der Vermehrung Veränderungen im genetischen Code des Virus entstehen. Das passiert bei allen Viren, allerdings mutieren manche Viren langsamer, manche schneller. Das Coronavirus mutiert deutlich seltener als etwa Grippeviren. Dennoch haben sich inzwischen Tausende von Mutationen angesammelt, seit das Virus erstmals 2019 auf den Menschen übersprang.

Corona-Impfzentren: Der große Impfplan
Der Impfplan
Bald schon soll auch in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft werden. Wie wird das ablaufen? Ein Überblick zu den wichtigsten Fakten und allen bekannten Impfzentren. Von  und .

So schnell lässt sich Corona nicht wegimpfen

Zu Recht setzen im Kampf gegen die Pandemie alle auf die Impfstoffe. Doch die Hoffnungen auf eine schnelle Besserung sind übertrieben. Jetzt also ist sie gestartet in Europa, die erste Impfkampagne gegen das Virus Sars-CoV-2. Während wir in Deutschland angesichts der hohen Infektionszahlen über eine schnelle Verschärfung des Lockdowns diskutieren, schauen wir hoffnungsvoll und vielleicht auch ein wenig neidisch nach Großbritannien, wo die ersten Menschen am Dienstag mit dem Biontech/Pfizer-Vakzin geimpft wurden. Vom „V-Day“ sprach der britische Gesundheitsminister.Die Aktienkurse steigen weltweit in Erwartung, dass mit der Immunisierung alles besser wird. In den USA erreichten die wichtigen Börsenindizes am Dienstag neue Rekorde. Der S&P 500 schloss erstmals über der Marke bei 3700 Punkten. Die Covid-geplagte Weltmacht könnte schon an diesem Freitag mit den ersten Impfungen beginnen. Die EU-Staaten dann spätestens Ende des Monats. Die Impfungen sind ein wichtiger Lichtblick in einer Zeit, in der Covid-Neuinfektionen und tägliche Todesfälle weltweit auf Rekordniveau gestiegen sind, in der die europäischen Staaten in ihren zweiten Lockdowns stecken und sich eine Corona-Müdigkeit wie Mehltau über das Gemüt der Menschen ausbreitet. Wir brauchen diese Aussicht, dass die Einschränkungen wegfallen, privat, gesundheitlich, wirtschaftlich. Doch ein halbwegs Covid-freies Leben werden wir als Gesellschaft vermutlich nicht so schnell erreichen, wie viele dies derzeit hoffen. Auch 2021 wird es weitere lokale, regionale, vielleicht auch nationale Ausbrüche geben.

Das hat mehrere Gründe: Die ersten zugelassenen Impfstoffe sind noch rar, sodass es dauern wird, bis die Impfungen zu sinkenden Infektionszahlen führen werden. In Deutschland hofft Gesundheitsminister Spahn auf Massenimpfungen ab Sommer kommenden Jahres. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt, dass eine Immunisierung von etwa zwei Dritteln der Bevölkerung ausreicht, um die Verbreitung von Corona aufzuhalten. Diesen Wert müssen die Länder erst einmal erreichen. Lokale Epidemien sind auch Ende 2021 möglich. Nicht umsonst warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO, es sei noch lange nicht ausgemacht, dass überall in Europa ein dritter Lockdown verhindert werden könne. Lokale Epidemien kann es auch Ende kommenden Jahres noch geben – mit den daraus folgenden Einschränkungen zur Eindämmung des Virus. Weltweit müssen rund fünf Milliarden Menschen geimpft werden, um die nötigen zwei Drittel zu erreichen – mit jeweils zwei Impfdosen. In vielen Schwellenländern wird es weitaus länger dauern, auf solch einen Wert zu kommen, weil sie auf die einfacher zu handhabenden und günstigeren herkömmlichen Vektorimpfstoffe setzen müssen.

Daneben gibt es weitere Risiken: Nebenwirkungen der im Eilverfahren zugelassenen Impfstoffe können auftreten und zu Verzögerungen der Impfkampagnen oder zu einer sinkenden Impfbereitschaft führen. Südkorea etwa wartet trotz millionenfacher Bestellung mit dem Einsatz des Impfstoffes, weil das Land sich erst einmal die Resultate im Massentest der anderen Länder anschauen will. Ebenso können Produktionsprobleme auftreten, wie es sich zuletzt bei Biontech/Pfizer, aber auch bei Astra-Zeneca im britischen Werk gezeigt hat. Noch ist nicht klar, ob und nach welcher Zeit Menschen das Virus nach einer Immunisierung übertragen können. Auch Mutationen des Virus wie zuletzt in einzelnen Fällen in Dänemark sind Risiken, die zu Rückschlägen auf dem Weg aus der Pandemie führen können.

Rückschläge einkalkulieren

Die Erwartungen an eine schnelle Wirkung der Impfstoffe sind aber so hoch, dass die Gefahr einer Enttäuschung derzeit groß ist. Wir müssen mit Rückschlägen rechnen. Nicht umsonst bezeichnete die Ratingagentur Fitch etwa Probleme oder Verzögerungen bei der Einführung der Impfstoffe in dieser Woche als das Schlüsselrisiko ihrer Wirtschaftsprognose für die kommenden beiden Jahre. Institutionelle Investoren in den USA sind derzeit – mitten in der heftigen zweiten Corona-Welle im Land – so optimistisch wie seit Anfang 2018 nicht mehr. Und die Impfstoffe sind neben den Rettungsaktionen von Staaten und Notenbanken ein wichtiger Grund.

Erste Aktienstrategen raten da bereits zur Wette gegen den schnellen Impferfolg, weil die Hoffnungsbewertungen an den Finanzmärkten übertrieben seien. Und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Zentralbank der Notenbanken, warnt vor überzogenen Bewertungen bei Aktien und Anleihen. Es ist gut und berechtigt, dass die Impfungen Hoffnung machen. Wir sollten nur darauf vorbereitet sein, dass nach dem Covid-Jahr 2020 zumindest auch das kommende Jahr 2021 ein Covid-Jahr wird. Und uns von Rückschlägen auf dem Weg heraus aus der Pandemie nicht frustrieren lassen, weil wir zuvor übertrieben optimistisch waren.

Der frühere Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung sagt: „Man muss nur Corona rufen, und schon fließen die Milliarden.“ Quelle: dpa
Hans-Werner Sinn warnt vor Kontrollverlust: „Die Politik verliert das Maß“.

Der Ökonom spricht über Inflationsgefahren und eine drohende Zombifizierung der Marktwirtschaft. Große Chancen für Deutschland sieht Sinn im Machtwechsel in den USA.
Herr Sinn, ein denkwürdiges Jahr geht zu Ende. Immerhin gibt es zum Jahresschluss Hoffnungssignale: einen Impfstoff und die Abwahl eines US-Präsidenten, der, vorsichtig ausgedrückt, an den Grundfesten der Weltordnung rüttelte. Wie blicken Sie auf dieses Jahr zurück? Oder besser: Mit welchem Gefühl gehen Sie in das neue?
Ich gehe mit einem großen Gefühl der Erleichterung ins nächste Jahr. Auf dem Höhepunkt der Pandemie kam nun der Impfstoff aus Mainz, der die Welt retten wird. Es reißen sich alle darum. Nachdem die Kontrollbehörden von Kanada, Großbritannien, den USA und einer wachsenden Zahl anderer Länder den deutschen Impfstoff freigegeben haben, sollte Europa ebenfalls sofort mit den Impfungen beginnen. Der Lockdown ist zwar im Moment alternativlos, doch jeder Tag, den wir früher impfen, erspart uns Hunderte von Toten und eine Milliarde ökonomischer Kosten.

Wie steht es um den zweiten Aspekt, also die Abwahl Donald Trumps?
Welche Erleichterung! Trump hat einen Zweifronten-Krieg mit China und Europa geführt. Der demokratische Wahlgewinner Joe Biden ist klug genug zu wissen, dass das nicht funktionieren kann. Der neue US-Präsident wird sich auf China konzentrieren und sich wieder stärker um die europäischen Verbündeten kümmern. Auch ein neuer transatlantischer Freihandelsvertrag ist wieder möglich.

Sie glauben also, der Trumpismus verschwindet mit Trump?
Nein, da soll man sich nichts vormachen. Die Polarisierung und auch die Rassenkonflikte in den USA, die mit der Coronakrise aufbrachen, werden nicht verschwinden. Ich glaube nicht, dass Trump die Spannungen in der amerikanischen Gesellschaft verursacht hat, sondern dass die Spannungen Trump hervorbrachten.

Sie meinen die Spannungen zwischen Arm und Reich beziehungsweise Weiß und Schwarz?
Ja, sehen Sie, ich erinnere mich gut an das Jahr 1968. Ich bin damals auf die Straße gegangen und habe wegen der Ermordung Martin Luther Kings demonstriert. Diese Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen sind nach wie vor riesengroß. Reihenweise wurden zuletzt die Statuen und Denkmäler der Helden der amerikanischen Geschichtsbücher gestürzt – etwa die von Robert Lee. Das lässt sich in seiner Wucht durchaus mit dem Sturz der Lenin-Statuen in der Sowjetunion vergleichen – zum Artikel.

Nach der Pandemie wird es eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben. Der in Stanford lehrende Historiker prophezeit nach dem Ende der Pandemie in 2021 einen wirtschaftlichen Boom – und warnt vor Inflation und Schuldenbergen. Niall Ferguson hat die Corona-Pandemie bereits Anfang 2020 vorausgesagt. Aus historischer Sicht werde es Covid-19 nicht unter die 20 schlimmsten Pandemien der Menschheitsgeschichte schaffen. „Die schnelle Entwicklung der Impfstoffe wird dafür sorgen, dass die Pandemie Ende nächsten Jahres in den meisten Orten der Welt Geschichte ist“, sagte Ferguson, der in Stanford lehrt, im Interview mit dem Handelsblatt. „Und dann setzt die kollektive Amnesie ein, durch die wir auch frühere Pandemien schnell vergessen haben.“ Die Corona-Pandemie wird nach Meinung des gebürtigen Schotten keine bleibenden wirtschaftlichen Schäden hinterlassen. Unterm Strich seien die wirtschaftlichen Auswirkungen sogar geringer als nach der Finanzkrise 2008. Die US-Haushalte haben laut Ferguson in 2020 rund eine Billion Dollar zwangsweise gespart. Dieses Geld werde ausgegeben, wenn dies wieder möglich sei. „Es wird eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben, und die Sparrate in den USA wird wieder auf ihr historisches Maß sinken.“

Der konjunkturelle Boom in 2021 werde die Notenbanken dazu zwingen, früher als geplant auf die Bremse zu treten. Überschattet bleibe der Aufschwung vom neuen kalten Krieg zwischen den USA und China, dem sich auch Europa nicht entziehen könne.

Der Historiker befürchtet außerdem, dass Deutschland und Frankreich nach dem Abgang von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) politisch unterschiedliche Richtungen einschlagen werden. „Die CDU hat die Frage, wer folgt auf Merkel, so schlecht gemanagt, dass niemand eine Ahnung hat, wer in ihre Fußstapfen tritt“, sagte Ferguson. Die entscheidende Frage sei, wer in der Post-Merkel-Ära den Ton in Europa angibt. „Der französische Präsident Emmanuel Macron hat schon deutlich gemacht, dass er diese führende Rolle übernehmen will.“

Herr Ferguson, hat die Pandemie die Weltwirtschaft nachhaltig geschädigt?
Ökonomisch betrachtet wird die Coronakrise die stärkste, aber auch kürzeste Rezession sein, die es je gegeben hat. Das Tempo der wirtschaftlichen Erholung in den USA und anderswo ist schon jetzt enorm, obwohl die Impfungen gerade erst begonnen haben. Nur etwa fünf Prozent unserer Volkswirtschaft mussten wir zum Stillstand bringen, um das Virus zu bekämpfen. Der Rest lief weiter. Obwohl der wirtschaftliche Schaden momentan groß ist, werden wir in 2021 das Schlimmste überstanden haben. Unterm Strich sind die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie viel geringer als die Schäden nach der Finanzkrise 2008.

Wenn die Weltwirtschaft sich so schnell erholt, wie Sie und viele Ökonomen es prophezeien, können wir uns dann den Streit über Schuldenberge und eine neue Austeritätspolitik sparen?
Nein, wir müssen über diese Themen sprechen. Die wirtschaftliche Erholung wird die Form einer Schildkröte haben: Die Volkswirtschaften der meisten Industrieländer sind vom Panzer in den Nacken der Schildkröte gestürzt und jetzt wieder auf dem Weg nach oben – ohne allerdings das vorherige Niveau zu erreichen. Das ist erst möglich, wenn die Pandemie ganz vorüber ist – lesen Sie hier das ganze Interview:

Diese Länder eint, dass ihr Erfolg im Kampf gegen Corona oft falsch interpretiert wird: China, Ruanda, Taiwan, Australien, Uruguay und Haiti

Die größten Mythen über die Corona-Bändiger – drei Mythen.

Geografische Besonderheiten, Reichtum, autoritäre Politik: In der Diskussion um Länder, die den Kampf gegen Corona bestehen, werden die immer gleichen Gründe für deren Erfolg beschworen. Dabei zeigt ein genauer Blick, dass diese Annahmen oft wenig mit der Realität zu tun haben. Die Corona-Pandemie hat Teile der Welt wieder – oder noch immer – fest im Griff. In etlichen europäischen Ländern steigen die Infektionszahlen stärker als je zuvor, es gelten Lockdowns, Intensivbetten werden knapp – ohne dass ein Ende der Pandemie absehbar wäre. Anderswo geht das Leben dagegen beinah normal weiter. Und nicht nur das: Es gibt etliche Länder auf der Welt, die bis heute wenige Corona-Tote beklagen und die kaum von den Auswirkungen der Pandemie gelähmt wurden. Sehnsüchtig schaut man aus stark betroffenen Ländern auf diese Beispiele. Allzu oft scheint es einfache Erklärungen dafür zu geben, warum die Pandemie gerade dort unter Kontrolle ist oder weniger verheerende Konsequenzen hat. Dass Allgemeinplätze dieser Pandemie aber nicht gerecht werden, zeigt der Blick auf jene Länder, welche die größten Corona-Mythen widerlegen.

Mythos 1: Nur autoritäre Staaten können die Pandemie schnell eindämmen

Ein häufig gebrauchtes Argument: „Nur autoritäre Staaten haben die Möglichkeiten, die Pandemie schnell einzudämmen“. Besonders gern wird hier das Beispiel Chinas herangezogen, wo die Infektionszahlen nach katastrophalen Zuständen im Frühling mittlerweile flächendeckend niedrig sind. Als Grund für diesen Turnaround wird nicht zu Unrecht auf ein Herrschaftssystem verwiesen, das es erlaubt, Maßnahmen zur Eindämmung des Virus rigoros durchzusetzen – weil weder die Achtung von Grundrechten, noch politische Debatten oder schleppende Bürokratie den Kampf gegen das Virus behindern. Doch es gibt etliche echte Demokratien die ebenso oder noch erfolgreicher sind.  Taiwan etwa ist keine 200 Kilometer von China entfernt, wirtschaftlich eng mit der Volksrepublik verbunden und dicht besiedelt. Trotzdem zählt die Johns Hopkins Universität bis heute nur knapp über 700 Corona-Infektionen und gerade einmal sieben Tote. Es brauchte jedoch kein totalitäres Regime für diese beeindruckende Bilanz. Taiwan reagierte schlicht umsichtig und frühzeitig: wenige Tage nach dem ersten Fall im Januar wurde der Flugverkehr mit China ausgesetzt, Passagiere aus Wuhan wurden schon im Dezember bei ihrer Ankunft getestet – zum Artikel.

    

 

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