Millionen Stimmen jeden Tag

Kampagnenmotiv von Avaaz (Ausschnitt)

Es ist gar nicht so einfach, ein oekohumanes Beispiel aus der politischen Praxis zu finden. Denn diese ist mit am anfälligsten dafür, zum Handlanger von Korruption und Ausbeutung und damit letztlich zum Wegbereiter von  Krisen und Revolutionen zu werden, begünstigt durch fehlenden „Durchblick“ der Akteure. Hinzu kommt in vielen Fällen, dass wer es in der Politik ganz nach oben schafft, also dorthin, wo Einzelne auch Veränderungen anstoßen könnten, bereits vom System der Wenigen indirekt oder direkt korrumpiert ist. Jüngstes Beispiel: Christian Wulff, der es heute noch nicht versteht. Mit anderen Worten er gehört schon zur Familie der Wenigen, ohne es gemerkt zu haben.

Praxisbeispiele für oekohumanes Handeln sind in der Politik also spärlich. Mit der Menschenrechts-Organisation Avaaz haben wir einen politischen Akteur gefunden, auf den die Prinzipien von Mitgefühl und des Einsatzes der eigenen Stimme für eine gute Sache noch am besten zutreffen. Denn die Stimme verwandelt im oekohumanen Sinn die Kraft und die Stärke in Macht.

Avaaz bedeutet in vielen osteuropäischen und asiatischen Sprachen Stimme und die Organisation hat es sich seit 2007 zur Aufgabe gemacht, eben diese Stimmen zu sammeln und gemeinsam gegen ein erkanntes Unrecht zu erheben. Mittels des Internets mobilisieren die Aktivisten Unterschriften-Aufrufe und Kampagnen, um vor allem zu protestieren. So machen sie auf Ausbeutung von Mensch und Natur aufmerksam oder legen den Finger bei offensichtlichem Unrecht in die Wunde.

Mit ihren eigenen Worten:

Die Avaaz-Bewegung kann wie ein Sprachrohr handeln und die Aufmerksamkeit auf neue Themen lenken; wie ein Blitzableiter, der das zerstreute öffentliche Interesse in eine spezifische und vor allem zielgerichtete Kampagne kanalisiert; wie ein Löschfahrzeug, das rasch zu einem dringenden Notfall eilt; eine Art Stammzelle, die eine passende Form annimmt, um für ein plötzlich auftretendes Problem einzustehen.“

Man kann nun einwenden, dass es erheblich leichter ist, gegen etwas zu sein, als genau erklären zu können, wofür man ist und wie die Welt aussehen sollte. Aber immerhin schaffen es die Avaaz-Macher, Menschen dazu zu bewegen, ihre Stimme nicht ruhen zu lassen (was gleichbedeutend ist, mit der Zustimmung zum Status Quo), sondern sie (nahezu) tagtäglich zu erheben. Schon wenig Aktivität gibt den Impuls für eine bessere Welt!

Dass Avaaz im Moment nicht durch eine bestimmte Ideologie (Kraft und Stärke) dominiert wird, verhindert nicht nur eine ernst zu nehmende Gegenkraft, sondern lässt manche Kampagnen etwas kopflos wirken, weil die Ziele und deren Konsequenzen nicht bis zum Ende durchdacht wurden. Meiner Meinung nach fehlt z.B. ein grundlegendes Wissen über Geld und (gesunden) Kapitalismus.

Bleibt es dabei, drohen antikapitalistische Auswüchse, mit dem Ergebnis von mutwilliger Zerstörung, hervorgerufen von Wut und Zorn. Kernanliegen der OekoHuman Initiative ist es, eine sinnvolle Ausrichtung für all unser Handeln und eben auch solche Aktivitäten zu geben: Die Zukunft für unsere Kinder und Kindeskinder nachhaltig und lebenswert zu gestalten. Denn wir haben nur diese eine Erde, für uns und alle Kinder.

Insofern wünsche ich mir, dass möglichst viele Avaaz als Beispiel wahrnehmen, wie jeder aktiv werden kann und wie einfach es ist, seine Stimme klug neu zu vergeben und für seine Überzeugung und sein Mitgefühl einzusetzen. Mit Avaaz haben wir die Chance, die kraft unserer (politischen) Stimme völlig neu wahrzunehmen!

Kurz & Kompakt IV/2012

Die Struktur von Wasserringen mag komplex erscheinen, ausgelöst wurde sie von einem Tropfen - Bild: Sara Hegewald / pixelio.de

Ob menschliches Verhalten oder globale Politik: Prozesse erscheinen oft als komplex oder gänzlich unsteuerbar. Doch wer sich der grundlegenden Ursachen und Wirkungsketten bewusst wird, erkennt auch seine Möglichkeiten etwas zu verändern und die daraus entstehende Verantwortung.

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Nicht-Wählen ist keine Alternative!

Sie haben die Wahl – Bild: Wilhelmine Wulff / pixelio.de

Neben dem Stimmzettel Geld ist der Wahlschein wohl die am häufigsten verwendete Methode, seine Stimme zu delegieren. Schließlich leben wir in Europa in sogenannten repräsentativen Demokratien – mit Ausnahme der Schweiz. Repräsentativ sind unsere Demokratien, weil wir unsere Stimme an einen geeignet erscheinenden Repräsentanten in der Volksversammlung – in Deutschland dem Bundestag bzw. dem jeweiligen Landtag und nachgeordneten kommunalen Organen – vergeben. Der Ursprungsgedanke der repräsentativen Demokratie besagt, dass bestimmte Volksgruppen, die eine ausreichende Schnittmenge bei ihrer politischen Meinung aufweisen, Parteien bilden und sich von diesen vertreten lassen. Also wähle ich am Tag X die Partei oder den einzelnen Politiker (z.B. bei Bürgermeisterwahlen), von der bzw. dem ich denke, dass sie bzw. er meine Interessen am besten vertritt.

Dieses System hat so lange sehr gut funktioniert, wie deutliche Unterschiede bei den Politiken der unterschiedlichen Parteien sichtbar waren. Doch diese Unterschiede sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr zusammengeschrumpft, vor allem in Deutschland. Verortungen auf einer politischen Links-Rechts-Achse sind mittlerweile inadäquat, andere Versuche wie etwa der von der Piratenpartei verwendete politische Kompass helfen auch nicht viel weiter. Ein sinnvolles Unterscheidungsmerkmal scheint noch die Staatsgläubigkeit zu sein, also inwieweit ein politischer Akteur darauf vertraut, Probleme staatlich zu lösen. Diese etatistischen Haltungen finden sich jedoch mittlerweile sogar bei der FDP, der ehemals liberalen Partei, insofern verschwindet auch hier die Differenzierungsfähigkeit. Einige Probleme löst der freie Markt bzw. der Kapitalismus jedoch erheblich besser und effektiver als der Staat mit seiner überbordenden Bürokratie. Wer das jedoch glaubt, findet kaum noch politische Vertreter in der Parlamenten.

Die daraus resultierende Alternativlosigkeit an der Urne führt seit Jahren zu abnehmender Wahlbeteiligung. Den aktuellen Bundestag wählten nur noch 70 Prozent der wahlberechtigten Deutschen, der absolute Tiefstand seit dem Zweiten Weltkrieg. Schlimmer noch sieht es bei den Landtagen aus, hier lag die Wahlbeteiligung im Jahr 2011 selten bei mehr als 60 Prozent, Spitzenreiter war Baden-Württemberg mit 66 Prozent (und das auch nur aufgrund des sogenannten Fukushima-Effektes). Meist geben bei Umfragen die Bürger bis kurz vor den Wahlen an, noch nicht zu wissen, wen sie wählen wollen. Nicht umsonst sagen wir Politikwissenschaftler angesichts des schwindenden Bindungspotenzials der Parteien, dass Wahlkämpfe in den letzten zwei Wochen entschieden werden. Finden die Bürger jedoch keine Antworten mehr (wenn sie sie überhaupt noch suchen), dann bleiben sie am Wahltag zu Hause.

Der steigende Nicht-Wähler-Anteil bei jeder Wahl ist allerdings ein schwerwiegendes Problem für unsere Demokratie. Denn die Nachricht an „die da oben“ heißt dann: macht doch was ihr wollt! Vor allem aber bedeutet die sinkende Wahlbeteiligung, dass die daraus resultierenden Regierungen demokratisch nicht mehr ausreichende legitimiert sind, wenn es sich nicht gerade um eine große Koalition handelt. So traten beispielsweise im Jahr 2006 bei der vorletzten Landtagswahl in Berlin nur 58 Prozent der Wahlberechtigten an die Urne. Die anschließende rot-rote Regierung wurde also nur von gut einem Viertel der Berliner gewählt. Selbst der Volksentscheid zur Offenlegung der Wasserprivatisierungsverträge Anfang 2011 erreichte mit 27 Prozent mehr Zustimmung.

Nichtwählen ist also eine Zustimmung zu den aktuellen Zuständen und zur aktuellen Politik. Und wer möchte die nicht ändern? Wer sich seiner Stimme bei Wahlen enthalten will, kann dies hierzulande weder durch Nichtwählen noch durch Ungültig-Wählen oder das in der Schweiz üblich „Leer-Einlegen“, also einen unausgefüllten Wahlzettel deutlich machen.

Nun ist es mehr als verständlich, wenn man keine Lust hat, sich durch Hunderte Seiten von Wahlprogrammen und (leeren!) Wahlversprechen zu lesen. Doch es gibt mehrere Möglichkeiten, schnell und mit nur wenig Aufwand herauszufinden, wem man seine Stimme noch am meisten geben kann:

Der Wahl-O-Mat: Welche Partei passt zu mir?

Für den Wahl-O-Mat, bereitgestellt von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), werden die zu einer Wahl antretenden Parteien aufgefordert, zu über 80 Thesen ihre Zustimmung bzw. Ablehnung zu äußern, außerdem gibt es die Möglichkeit, die Entscheidung kurz zu begründen. Mit knapp der Hälfte der Thesen, nach denen die Parteien statistisch am unterscheidbarsten sind, geht der Wahl-O-Mat dann online. Jeder Wähler bzw. Interessierte kann nun ebenfalls seine Zustimmung oder Ablehnung zu diesen Thesen per Mausklick äußern, auch neutral abstimmen oder sich sogar enthalten. Sind alle Thesen durchgeklickt, können wichtige Politikfelder auch noch doppelt gewichtet werden, dann zählt die Übereinstimmung mit den Parteien hier mehrfach.

Anschließend kann sich der Bürger mit bis zu sieben Parteien vergleichen, die Auswahl der Parteien kann jederzeit geändert werden. In der Zusammenfassung wird ersichtlich, welche Partei die größte Übereinstimmung mit den persönlichen Präferenzen aufweist. Außerdem kann die Übereinstimmung für jede einzelne These verglichen werden. Letztlich ist es sehr interessant, sich die jeweilige Begründung der Partei zum politischen Vorschlag durchzulesen.

Ihr Wahlkreiskandidat im Check

Nun gibt es bei den meisten Wahlen in Deutschland zwei Stimmen zu vergeben. Ein geeigneter Platz für das Kreuz bei der  sogenannten Zweitstimme für eine Partei ist über den Wahl-O-Mat gut zu finden. Um zu herauszufinden, welcher Kandidat im eigenen Wahlkreis am geeignetsten ist (Erststimme), kann man ihm entweder über www.abgeordnetenwatch.de eine Frage stellen bzw. dort die Antworten zu schon von anderen gestellten Fragen lesen. Oder aber man benutzt den sogenannten Kandidatencheck, erstellt von Spiegel und Abgeordnetenwatch. Hier sollten sich die einzelnen Kandidaten ebenfalls zu einer gewissen Zahl von Thesen äußern und man kann nun seine persönliche Übereinstimmung prüfen. Das Ganze funktioniert also im Prinzip wie der Wahl-O-Mat. Diesen Kandidatencheck findet man immer über die Themenseite zur jeweiligen Wahl bei Spiegel Online, z.B. für die anstehende Wahl in NRW (für Schleswig-Holstein scheint kein Kandidatencheck vorzuliegen).

Der Vorteil der letztgenannten Online-Wahlhilfe ist, dass sie kaum verfälscht werden kann – im Gegensatz zum Beispiel zu den bei Abgeordnetenwatch an die Kandidaten zu stellenden Fragen, wo bei einigen Wahlen z.T. Kandidaten diskriminiert werden und wo man sich als Kuratorium vorbehält, besser zu wissen, was die Wahlkreiskandidaten antworten dürfen.

Alleine gegen Shell

Heute möchte ich an einem Beispiel zeigen, wie wichtig es ist, sich seiner Stimme bewusst zu sein und mit großem Engagement andere dazu zu bewegen, sich dem Engagement mit seiner Stimme anzuschließen. So, wie kürzlich mit unserem Aufruf mit seiner Stimme Geldschein den Benzinpreis zu senken. Passend dazu hat Shell heute einen durch die hohen Preise begründeten Gewinn von 9 Milliarden Dollar (!) im ersten Quartal 2012 angekündigt. Nun habe ich den Briten John Donovan am Samstag im ARD Euromagazin gesehen und fand sein Engagement beeindruckend. Auf seiner Webseite Royal Dutch Shell PLC berichtet er ausführlich und regelmäßig über die Missstände bei Shell. Ganz klar, eine Stimme der Demonstration und Empörung(!), mit großer Wirkung in der Öffentlichkeit.

Bis vor 20 Jahren waren John Donovan und der Shell-Konzern Geschäftspartner. Mit seinem Vater betrieb der Brite eine Werbeagentur, die Gewinnspiele für Shell-Kunden entwarf. Nach einem Gerichtsprozess aufgrund von geklauten Ideen durch einen Shell-Mitarbeiter war die kleine Firma pleite und Donovan wurde zu einem der größten Kritiker des britisch-niederländischen Konzerns.“

So beschreibt das ARD Europamagazin den Widerständler in einer Videodokumentation. Mittlerweile habe der Dauerprotest Donovans zu mehreren Milliarden Euro Verlust bei dem Ölmulti geführt. Etwa als der Brite die russische Regierung über mangelnde Sicherheitsvorkehrungen bei einem Ölbohrprojekt von Shell und Gazprom aufmerksam machte.

Die Stimme gehört unseren Kindern. Wir können viel ändern, wenn wir uns an gute Kampagnen anschließen oder selber eine gute Kampagne ins Leben rufen, für eine lebenswertere Welt, für uns und vor allem für unsere Kinder. Sie haben es verdient.

Wie immer gilt: Die Zukunft mit den Augen unserer Kinder sehen.

Die eigene Stimme nutzen

Mit dem Geldschein eine Stimme abgeben - Bild: CFalk / pixelio.de

Eines unserer Hauptanliegen ist es aufzuzeigen, dass jeder jeden Tag etwas verändern kann – er muss nur seine Stimme nutzen. Denn seine Stimme kann man nicht nur alle vier oder fünf Jahre bei Wahlen abgeben, sondern jeden Tag – z.B. mit dem Stimmzettel Geld.

In der Präsentation zeige ich, wie wir, vorausgesetzt wir arbeiten zusammen, die Wenigen erfolgreich austricksen und dabei den Benzinpreis senken können. [ref]Die Idee wurde mir in einer allerdings veralteten Präsentation mit unbekanntem Autor/Urheber von einem Freund zugesandt. Ich fand sie grundlegend gut, wesewegen ich sie für die OekoHuman-Webseite als Praxisbeispiel überarbeitet habe.[/ref]

[slideshare id=12586738&doc=prsentation-oekohuman-simme-bezinpreis2012-04-13-120418060006-phpapp01]