
Entscheidung – Etymologie.
Die Eigenschaft, ohne Verzögerung zu entscheiden und dabei zu bleiben, wird als Entschiedenheit bezeichnet (vgl. Führung oder Starrsinn). Die Statistik und Ökonomie befasst sich in der Entscheidungstheorie mit der Frage nach der optimalen Entscheidung. Etymologisch stammt das Verb „entscheiden“ von dem germanischen Wort „skaipi“ (Plural von „skeidir“ für Schwertscheide) für zwei getrennte Holzplatten, die ein Schwert schützten. Im Althochdeutschen wurde dieser Wortstamm zu „sceidan“ und dann zu „intsceidôn“ für „aus der Scheide ziehen, trennen“ weiterentwickelt. Das mittelhochdeutsche Wort „entscheiden“ bedeutete „absondern, aussondern, bestimmen und richterlich ein Urteil fällen“. Die Aussagen und Ansichten mussten durch den Richter voneinander getrennt werden („scheiden“), um zur richtigen Einsicht zu gelangen. Ein etymologisches Wörterbuch leitete im Jahre 1819 das Wort Entscheidung vom Verb „scheiden“ ab, weil der Entscheidungsträger mehrere Alternativen voneinander zu trennen hat
Begriffsklärungen und Übersicht:
Unter einer Entscheidung verstehen wir jeden Prozeß und sein Ergebnis, der dazu führt, daß eine oder mehrere Personen sich darauf festlegen, eine oder mehrere Optionen gegenüber anderen Optionen zu bevorzugen. Diese Übersicht befaßt sich jedoch nicht mit sozialen Entscheidungen, die in Gruppen oder anderen Organisationsformen von mehr als einem Mitglied getroffen werden. Wir beschränken uns auf Entscheidungen einer einzelnen Person; Prozesse der Interaktion zwischen Mitgliedern entscheidender Gruppen werden hier also nicht behandelt. Eine akzentuierende Abgrenzung der Entscheidung von zwei anderen zentralen Begriffen der Allgemeinen Psychologie erscheint hilfreich, von Konflikt und von Urteil.
Urteile stellen qualitative, quantitative oder relationale deskriptive Aussagen dar, die sich auf wahrgenommene oder erschlossene kognitive Sachverhalte beziehen. Bei Entscheidungen steht tendenziell der bewertende Bezug auf das eigene Verhalten im Vordergrund, insbesondere so weit, wie die möglichen Folgen der Optionen für eigene Werte und Ziele verglichen werden. Man kann, auch wenn das in der Literatur nicht durchgängig geschieht, Konflikt (conflict) und Entscheidung (decision) differenzieren. Die intraindividuelle Konfliktforschung findet in einem eher motivationstheoretischen Kontext statt und bezieht sich auf den Prozeß, der durch mindestens zwei gleichzeitig existierende, jedoch nicht gleichzeitig zu verwirklichende Verhaltenstendenzen ausgelöst und durch einen Entschluß beendet werden kann (Feger, 1978; Feger & Sorembe, 1983).
Typische verhaltensdeskriptive Variablen sind in dieser Forschungstradition Entscheidungszeit, Informationssuche, Entschluß und seine Stabilität, erlebnisdeskriptive Variablen, die subjektive Sicherheit, sich richtig entschieden zu haben, Konfliktstärke und Wichtigkeit der Entscheidung. In den letzten Jahrzehnten wird die Thematik auch aus der Perspektive kognitiver Forschung behandelt. Prozesse der Informationsverarbeitung und der mentalen Repräsentation stehen im Vordergrund, aber auch die Nachkonfliktphase und die Einbettung des Geschehens in den sozialen Kontext werden thematisiert (Ranyard, Crozier & Svenson, 1997). Während die Konfliktforschung sich eher mit personenbezogenen Variablen – konzipiert als Motive, Antriebe, Reaktionstendenzen u.ä. – und mit intraindividuellem Geschehen befaßt, etwa dem Sammeln, Ordnen und Gewichten von Informationen, setzt die Entscheidungsforschung bei schon gegebenen, vom Versuchsleiter definierten Optionen an. Den Personen schreibt man unterschiedliche Vorlieben für diese Optionen zu.
Ferner beachtet man unsichere entscheidungsrelevante Ereignisse der „Umwelt“, deren Eintretenswahrscheinlichkeiten berücksichtigt werden. Dies führt dazu, daß in der empirischen entscheidungstheoretischen Forschung die Struktur der Situation relativ explizit vorgegeben wird, während ein wesentlicher Teil der Konfliktforschung die Struktur der Situation erst explizieren will.
Für die weitere Gliederung dieses Forschungsbereiches ist die Unterscheidung zwischen Entscheidungen bei Sicherheit (Wahlen) gegenüber Entscheidungen bei Unsicherheit wesentlich. Die Sicherheit bezieht sich auf das Eintreten der Folgen einer geäußerten Bevorzugung: Bestellt man ein Auto vom Typ VW Golf, so kann man sicher sein, diesen Typ zu erhalten. Wünscht man sich Konzertkarten für die zweite Reihe, so gehört es zur Konvention einiger Agenturen, bei Ausverkauf auch einige andere Reihen anzubieten. Entscheidungen bei Sicherheit sind Gegenstand von Präferenztheorien, Entscheidungen unter Unsicherheit behandelt insbesondere die durch von Neumann und Morgenstern entwickelte Spieltheorie, an deren Seite einige neuere Ansätze getreten sind (als klassische systematische Darstellung: Luce & Suppes, 1965).
Entscheidungen bei Sicherheit: Präferenzen und Wahlen.
Präferenz ist ein hypothetisches Konstrukt, das sich auf die Bevorzugung einer oder mehrerer Optionen (Wahlmöglichkeiten, Alternativen) gegenüber einer oder mehreren anderen Optionen bezieht. In einigen Theorien wird Präferenz als Nettodifferenz von Nutzen und Schaden der einzelnen Optionen aufgefaßt und somit als integrierende Reaktion auf verschiedene Nutzenaspekte konzipiert (Präferenz). Andere Theorien der Entscheidung bei Sicherheit beginnen mit Wahl als Grundbegriff. In Anlehnung an Bush, Galanter und Luce legt man fest, daß eine Wahl immer dann getroffen wird, wenn ein Organismus, sei es in seiner natürlichen Umgebung oder im Labor, mit einer Menge von mindestens zwei einander ausschließenden Wahlmöglichkeiten (responses) konfrontiert wird und er eine Möglichkeit auswählt oder ausführt.
Dieser behaviorale Begriff läßt offen, ob die Wahl bewußt vollzogen wurde – eine Ratte „wählt'“ einen Arm im Labyrinth. In der Entscheidungsforschung schränkt man diesen breiten Wahlbegriff, der Experimente zur Psychophysik und zum Lernen einschließt, auf solche Wahlen ein, bei denen Optionen zu bewerten sind und zu diesem Zweck Informationen zur Verfügung stehen, wobei die Bewertungskriterien dem Forscher oft unbekannt sind. Erhebt man Präferenzen und Wahlen, so stößt man auf einige typische Probleme. Die Reaktionen sind ihrem Inhalt nach systematisch abhängig von der Darbietungsform der Fragen. Auf diese „framing effects“ haben besonders Kahneman und Tversky hingewiesen. Auch hinsichtlich der Reaktionsformen bestehen systematische Fehler als Präferenzen z. B. für die Antwort „Ja“ gegenüber „Nein“, als recency oder primacy Effekt u.ä. Für die Wahlen von Ratten im Labyrinth hat man z.B. intraindividuell konstante Präferenzen für Richtungen festgestellt.
Fehler dieser Art lassen sich durch Randomisieren und andere Versuchstechniken nicht beseitigen; diese Techniken erhöhen tendenziell die Variabilität. Für Präferenzen und Wahlen ergibt sich gleichermaßen die Frage, welche Struktur sie aufweisen. Oft wird diese Struktur als Präferenzrelation beschrieben. Diese Relation soll eine bestimmte Menge von Anforderungen erfüllen, die als Axiome formuliert werden. An dieser Stelle wird der Unterschied zwischen normativen und deskriptiven Theorien des Entscheidens wichtig. Deskriptive Theorien versuchen die empirischen Befunde konzis und widerspruchsfrei zu beschreiben und möglichst einfach zu erklären. Normative Theorien stellen Ratschläge für Entscheidungssituationen bereit, spezifizieren die Voraussetzungen für ihre Anwendungen und legen insbesondere die von ihnen eingesetzten Kriterien optimalen Entscheidens offen. (Inzwischen besteht eine gut etablierte professionelle Entscheidungsberatung.)
Theorien rationaler Entscheidungen haben besonders in den Wirtschaftswissenschaften großes Interesse gefunden, auch aufgrund der Annahme, irrationales Verhalten werde vom Markt verdrängt. Sozialwissenschaftler kritisieren die „unrealistischen“ Voraussetzungen wie beispielsweise unbegrenzte Unterscheidungs- und Rechenfähigkeiten des Entscheidungsträgers. Um die Präferenz für solche Optionen vorherzusagen, deren Zusammensetzung aus Merkmalen bekannt ist, muß man wissen, wie – mit welchem Gewicht und mit welcher Richtung – die einzelnen Merkmale zur Gesamtpräferenz beitragen, und wie diese Beiträge in einer Aggregationsformel kombiniert werden.
Sind jedoch diese Merkmale nicht hinreichend bekannt, dann kann man auf eine fundamentale Annahme zurückgreifen: Die Ähnlichkeit der Optionen und die Präferenz ihnen Gegenüberhängen zusammen; ähnliche Optionen werden in gleichem Grade bevorzugt. Für unähnliche Optionen treffen verschiedene Modelle unterschiedliche Aussagen. Statt Zuschreibungen von Merkmalen vor der weiteren Analyse zunächst in Ähnlichkeitskoeffizienten zu verwandeln, kann man multiattributive Optionen als Merkmalsvektoren direkt vergleichen. Dazu werden Regeln herangezogen, etwa die schon erwähnte Dominanzregel. Diese Regeln unterscheiden sich danach, welches Skalenniveau der Präferenzen für die Optionen sie annehmen und hinsichtlich der angenommenen Vergleichbarkeit der verschiedenen Optionsmerkmale. Die Dominanzregel beispielsweise ordnet die Präferenzen für Optionen auf Ordinalniveau.
Sie stellt keine Vergleiche zwischen den Merkmalen an. Hingegen nimmt das „Additive Differenzen-Modell“ wenigstens Intervallskalenniveau für die evaluierten Kennwerte aller Attribute (Nutzen der Merkmale) an. Die Differenzen werden attributweise zwischen je zwei Optionen berechnet (Vergleichbarkeit wird also postuliert). Dann werden die Differenzen über alle Attribute zusammengefaßt. Für die inzwischen zahlreichen Regelvorschläge versucht die Forschung derzeit, spezifische Gültigkeitsbedingungen zu finden.
Entscheidungen unter Unsicherheit.
Um Allgemeines über Entscheidungen aussagen zu können, die nach ihren Optionen so unterschiedlich wie die Wahl zwischen Nachspeisen oder wie der strategische Einsatz von Armeen sein können, hat die Forschung über sichere (risikofreie) Entscheidungen das Konzept der Präferenz eingeführt. Die entsprechende abstrakte Idee in der Spieltheorie, die sich mit unsicheren Entscheidungen befaßt, ist der Nutzen (utility) von Optionen – ein hypothetisches Konstrukt, um verschiedene Optionen vergleichbar zu machen. Wie läßt sich die Unsicherheit berücksichtigen, welche entscheidungsrelevanten Umweltbedingungen eintreten werden? Die Spieltheorie arbeitet mit der Idee des erwarteten Nutzens: Der quantifizierte Nutzen einer Option wird mit der Eintretenswahscheinlichkeit eben dieser Option multipliziert. Dann soll der Entscheidungsträger nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung jene Option wählen, deren erwarteter Nutzen am größten ist.

