Das mutlose BIP oder ein totes Pferd reiten.

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Der „Blinde Fleck“ in der Messung des BIP, der sich in der Messung der
Inflationsrate ebenso widerspiegelt!

„Wirtschaft“ zu messen, ist keine triviale Angelegenheit – selbst wenn man der Einfachheit halber nur das berücksichtigt, was für Geld zu haben ist. Preise sind ja nicht ohne weiteres über Zeit und Raum vergleichbar oder überhaupt immer zu zahlen: man denke an staatliche Leistungen, Gemüse aus dem eigenen Garten oder Wohnen im Eigenheim (wofür man sich selbst üblicherweise nichts bezahlt) oder werbefinanzierte Dienstleistungen (die man ja unmittelbar gratis nutzt) — Dinge, die ja mitunter schon irgendwie ins BIP hineingeschätzt werden (viele andere wiederum nicht, wie wir gleich sehen werden). Und dann stellt sich noch die Frage, ob solche und andere Dinge als Vorleistung oder als direkter Beitrag zur Wirtschaftsleistung verrechnet werden sollen (bspw. Ausgaben für Software oder Waffen). Bei alledem geht es aber doch stets um (vermeintlich) rein messtechnische Fragen danach, was in welchem Ausmaß positiv zur wirtschaftlichen Wertschöpfung beiträgt.

Anders bei der Frage nach den „blinden Flecken“ der ökonomischen Wertrechnung, der wir uns hier zuwenden: Da im BIP* ja alles, was einen Preis hat, auch Wert hat (aber nicht umgekehrt), ergibt sich das Problem, dass weitestgehend ausgeblendet wird, was 1) keinen Preis hat oder 2) statt Nutzen Schaden stiftet (bzw. diesen höchstens ausgleicht).

[AD 1] Nur was einen Preis hat, hat auch Wert. ÖkonomInnen sprechen hier von der „Produktionsgrenze“ („production boundary“), die definiert, was aus dem Universum an wirtschaftlichen Tätigkeiten letztlich als Beitrag zur Wertschöpfung berücksichtigt werden soll. Diese Grenze ist zwar ausdrücklich pragmatisch begründet, fließend und sie verschiebt sich laufend. Zugleich definiert sie, was Wirtschaft „eigentlich“ ist oder sein soll – mit ganz realen, weitreichenden Konsequenzen.

Unbezahlte Hausarbeit fließt bspw. nicht in die Wertrechnung ein – obwohl unter ÖkonomInnen wenigstens ihr indirekter Beitrag zur (Mehr-)Wertschöpfung aus Lohnarbeit allgemein anerkannt ist. Allgemein gilt das für Eigen- oder Subsistenzproduktion, deren Anteil bis heute als Indikator der (Unter-)Entwicklung einer Wirtschaft betrachtet wird: Je mehr Markt (und je größer, anonymer und komplexer die Abhängigkeiten), desto „entwickelter“ soll eine Wirtschaft demnach sein. Daraus spricht zum einen eine Geringschätzung gegenüber „primitiven“, haus- oder subsistenzwirtschaftlichen, traditionell meist weiblichen Ökonomien – zeitgemäßere Ansätze der Entwicklungsökonomik (vgl. Speich-Chassé 2013), aber v. a. feministische Ansätze wie Vorsorgendes Wirtschaften oder die Subsistenzperspektive möchten diese „verkehrte“ und totalitäre Sichtweise korrigieren.

Mit der Entwertung solcher Tätigkeiten ist aber auch die praktische, wirtschaftspolitische Zielsetzung verbunden, diese „unproduktiven“ Bereiche in den Markt zu integrieren – sie zu verwerten: mit dem Effekt, dass Eigen- in Lohnarbeit, Güter in Waren, Haushalte zu Konsumeinheiten verwandelt, das arbeitsteilige System geldabhängiger Produktion und Konsumtion vergrößert und damit zuguterletzt das BIP gesteigert wird – auch wenn mit alledem kein realer Nutzenzuwachs verbunden sein muss, nur weil plötzlich Geld ins Spiel kommt: „GDP is a measure of how ‚marketized‘ a society is“ (Fioramonti 2013 : 56). Arthur Cecil Pigou, bedeutender Vertreter der klassischen Wohlfahrtsökonomik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hat diesen paradoxen Sachverhalt in eine humorige Parabel verpackt: „Wenn ein Mann seine Haushälterin heiratet oder seine Köchin, verringert sich das Volkseinkommen.“ (zit. nach Lepenies 2013 : 46). Neben diesem als „Pigou-Paradox“ in die Ökonomie-Geschichte eingegangenen Problem weist die wirtschaftliche Wertrechnung noch eine ganze Reihe weiterer „blinder Flecken“ auf – zumindest wenn man ein anspruchsvolleres Konzept der Wohlstandsmessung vertritt.

Auch der Wert von Freizeit oder Muße, den ein Produktionssystem erwirtschaftet, spielt im BIP keine Rolle. Diesen Wert zu erfassen oder überhaupt als wirtschaftliche Zielgröße zu bestimmen, erscheint vielleicht auf den ersten Blick „verkehrt“, weil wir doch mit Wirtschaft gewöhnlich und zunehmend die Produktion von Arbeit (und Konsum) verbinden (vgl. zuletzt etwa Herrmann 2013 : 242f). Die Befreiung des Menschen vom Arbeitszwang war indes ein zentrales Ziel der modernen Ökonomik – spätestens seit John Stuart Mill, und auf jeden Fall noch bis John Maynard Keynes: Er stellte sogar „3-Stunden-Schichten“ noch für unsere Generation in Aussicht (vgl. Keynes 1972 [1930]).

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade die von Keynes mitkreierte, auf dem BIP basierende Makroökonomik dafür sorgen sollte, dass sich seine eigenen, optimistischen Prognosen für die Enkelgeneration nie erfüllen würden – sondern dass z. B. die Arbeitsbelastung seither sogar wieder stetig angestiegen ist (vgl. Fioramonti 2013 : 79f). Diese Wirtschaft ist nämlich nicht „enkeltauglich“, insofern die Lösung des „ökonomischen Problems“ (Keynes) effizienter Bedürfnisbefriedigung dem Ziel der Reproduktion des Wirtschaftssystems selbst gewichen ist — dieses ist so gesehen zum Selbstzweck bzw. selbst zum Problem geworden:
ein System „which ensures that the perceived economic ‚problem‘ will never be solved“ (Stiglitz 2008 : 63).

Insofern wäre es hoch an der Zeit, die Leistungsfähigkeit unseres Wirtschaftssystems auch daran zu messen, ob es uns von unnötiger und schädlicher Arbeitslast befreien kann – und nicht daran, wie sehr es uns in individuelle und systemische Abhängigkeit von wachsender Arbeit und Konsum als Quellen eines fiktiven und zerstörerischen Wachstums verstrickt. Dazu braucht es aber völlig neue Herangehensweisen an wirtschaftliche Wertschöpfung, die es erlauben, den Wert von Freizeit oder „Zeitwohlstand“, aber auch von reproduktiver Arbeit in die Wertrechnung zu integrieren. Vorschläge dazu — wie bspw. im S/MEW – Sustainable/Measure of Economic Welfare — gibt es bereits seit den 1970ern. Sie zeichnen ein realistischeres Bild wirtschaftlicher Wertschöpfung, das mit seiner Wertschätzung für Eigen-Arbeit und Muße eine Umkehr von totaler Marktabhängigkeit und dumpfer Maßlosigkeit signalisiert, die unbedingt not tut – und zwar im Kern der wirtschaftspolitischen Steuerung, nicht als nette Staffage.

„Blinde Flecken“ gibt es aber nicht nur im Bereich menschlicher Arbeit, sondern auch bei der Wertschätzung der Natur. Ein Eigenwert von Natur – die Schönheit eines alten Baums, die Intaktheit eines Ökosystems, das Lebensrecht einer Kreatur – ist aus ökonomischer Sicht schlicht sinnlos, solange er sich nicht bepreisen, d. h. in einen Geldwert übersetzen lässt. „Produktiv“ im ökonomischen Sinn wird Natur überhaupt erst, wenn sie verwertet, d. h. (üblicherweise gewaltsam) privat angeeignet, zum „Produktionsfaktor“ verwandelt und bearbeitet wird.

Die Ausbeutung einer häufig als äußerlich, feindlich und unerschöpflich wahrgenommenen „Natur“ reicht in ihrer Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung und die damit verbundene Vorstellung von „Wachstum“ freilich viel weiter zurück als die wirtschaftliche Wertrechnung (vgl. Grober 2010). Das BIP übernimmt und institutionalisiert indes einen verhängnisvollen Kategorienfehler, der im Gedanken eines „produktiven Verbrauchs“ von Natur zum Ausdruck kommt – darauf hat etwa schon E. F. Schumacher in den 1970ern hingewiesen: Die Ausbeutung nicht-erneuerbarer Rohstoffe und der lebenden Natur würden nämlich – basierend auf der klassisch-ökonomischen „Arbeitswertlehre“ – fälschlich als „Ertragsposten“ verrechnet, und nicht als „Kapital“, mit dem haushälterisch umzugehen sei: „Wenn wir unsere fossilen Brennstoffe verschleudern, bedrohen wir die Zivilisation; doch wenn wir das Kapital verschleudern, das die lebende Natur um uns herum darstellt, bedrohen wir das Leben direkt.“ (Schumacher 2013 : 25).

Das BIP repräsentiert damit ein fehlgeleitetes ökonomisches Denken, das Natur — sofern sie überhaupt wertmäßig erfasst wird — nur als Produktionsfaktor und fiktive „Wertanlage“ erfassen kann – mehr erfahren.

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