Der etwas andere Blick auf …

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Unser Motto stammt von George Santayana:
Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann,
ist dazu verdammt, sie zu wiederholen
”.

 

WECK-RUF ⇔ HALLO WACH!
Schein-Heiligkeit?

 

 

Effektiv, effizient und präzise eine Sache vom Anfang, Ende und Holistischen her denken.
Und dann: Was könnte schlimmstenfalls passieren?
Und dann: Was könnte bestenfalls passieren?

Um diesen Kern herum, die „OeHu-Farb-Brillen”

 


Wesen des GELDES – Qualität statt Quantität oder Quantität seinem Wesen nach einsetzen:

 


Russland und die Ukraine – Vortrag von Gabriele Krone-Schmalz.


„Putin war in seiner ersten Amtszeit eine Chance für Europa“!


Maja Göpel („Scientists For Future“) – Jung & Naiv ein Video-Interview mit Maja Göpel über Systeme  – Klima – konstruktive Nachhaltigkeit – Wirtschaft-Wissenschaft.

Vorbereitung auf den großen Knall – OekoHuman!

Die Lösung und die Antwort von UNS: WERT-Schöpfung = WERT-Schätzung!

1.Es wäre manches besser in der Welt, wenn alle gebildeten Menschen wüßten, was „Geld“ ist. Denn nicht nur wirtschaftliche Krisen, Kreditnot, Teuerung, sondern auch soziale Übel, wie Klassengegensätze und Massenverelendung, haben ihre wichtigsten Wurzeln nur allzu oft in der allgemeinen Unkenntnis vom Gelde. Die Wirtschaftswissenschaft hat manche geistvolle Definition des Geldes und manche konsequent durchgeführte Systematik geliefert. Aber da sie sich stets an die äußere Erscheinungsform, an das Geldzeichen klammerte und das Wesen des Geldes und seinen Rechtsinhalt, übersah, so redeten die verschiedenen Theorien aneinander vorbei“– Argentarius – Vom Gelde.

2. „Der Zustand des Geldwesens eines Volkes ist ein Symptom aller seiner Zustände“ – Joseph Schumpeter.

3. „Es ist schwierig, jemandem etwas verständlich zu machen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen“ – Upton Sinclair.

4. „Geld verdirbt nicht den Charakter, sondern offenbart den Charakter“– Jörg Adam Leo Schallehn.

Weitere Artikel zum GELD.


Update: 3. Okt. 2022:

„Die vierte Gewalt“:Sind Journalisten Manipulateure?

Harald Welzer und Richard David Precht behaupten: Die Meinungsvielfalt sei eingeschränkt, Medien betrieben moralischen Rigorismus, Redakteure gierten nach Lob ihrer Kollegen. Eine Konfrontation – Interview: Alexander Cammann und Martin Machowecz – Quelle: SZ.

DIE ZEIT: Herr Precht, Herr Welzer, Sie haben ein kritisches Buch über die Leitmedien geschrieben, Die Vierte Gewalt – und bringen uns in eine schwierige Lage: Sollen wir Sie besonders streng interviewen, damit wir den Journalismus abliefern, den Sie offenbar vermissen, oder werfen Sie uns dann vor, dass wir Ihre Kritik nicht annehmen?

Harald Welzer: Interessanter Move! Aber ich kann Sie beruhigen. Unser Buch ist keine Kampfschrift. Wir unterbreiten ein Angebot zur Reflexion über Journalismus, die Leitmedien und den ganzen Betrieb. Sie können uns ruhig hart dazu befragen.

Richard David Precht: Wenn man ein Buch über die Leitmedien schreibt, ist doch klar, dass man nicht jeden Journalisten und jedes Medium mit jeder Kritik ansprechen möchte. Wir kritisieren bestimmte Tendenzen.

ZEIT: Sie kritisieren vor allem, dass es in den Medien oft eine einhellige Meinung gebe.

Welzer: Die zentralen Probleme, um die es uns geht, sind eine extrem personalisierte Berichterstattung, eine wachsende Erregungskultur und die große Einhelligkeit der veröffentlichten Meinung. Viele dieser Tendenzen erklären sich durch wachsenden moralischen Rigorismus und den Einfluss der, wie wir das im Buch nennen, „Direktmedien“, sogenannter sozialer Netzwerke wie Twitter. Wir weisen das an drei Themenkomplexen nach: der Flüchtlingskrise, der Corona-Krise und jetzt dem Ukraine-Krieg.

ZEIT: Sie beide verdanken nun aber selbst Ihre Prominenz und viel von Ihrem Erfolg zahlreichen Auftritten in Massenmedien. Da kritisieren Sie doch jene, die Sie groß gemacht haben.

Welzer: Wir kennen die Mechanismen, wir haben teilweise davon profitiert – das heißt aber nicht, dass sie zwangsläufig alle gut sind.

ZEIT: Zum Ukraine-Krieg haben Sie Positionen eingenommen, die nicht unbedingt, sagen wir, Mainstream waren. Herr Welzer, Sie haben den ersten offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz unterzeichnet, der sich gegen die Lieferung schwerer Waffen richtete. Herr Precht, Sie haben in Talkshows und Interviews gegen Waffenlieferungen argumentiert. Haben Sie das Buch aus Enttäuschung über harsche mediale Reaktionen geschrieben?

Welzer: Ich würde nicht von Enttäuschung sprechen. Ich bin aber überrascht gewesen über den Grad der Dekontextualisierung.

ZEIT: Was heißt das?

Precht: Dekontextualisierung ist ein Thema unseres Buches: Der Trend, seine Meinung herauszuhauen über irgendjemanden – aber nicht nachzuweisen, wie sehr man sich mit einer Person beschäftigt hat oder ob man etwas von einer Sache versteht. Sätze, die jemand sagt, werden jedem Kontext entrissen und zum Gegenstand von Empörung, Erregung und Eifer gemacht. Ohne zu fragen: Was könnte das als redlich anzunehmende Motiv sein, warum jemand etwas sagt? Was ist der weitere Zusammenhang, der gedankliche Hintergrund der Aussage?

ZEIT: Kann man die vermeintliche mediale Einheitlichkeit, die Sie beklagen, überhaupt messen?

Welzer: Kommunikationswissenschaftler tun das permanent. Sie haben es für die Flüchtlings- und die Corona-Krise getan und in beiden Fällen festgestellt, dass die Leitmedien über lange Zeit genauso berichtet haben. Für den Ukraine-Krieg gibt es keine fertigen Studien, aber es ist offenkundig, dass Kommentare, Leitartikel und Kolumnen insgesamt in eine Richtung gehen: für die Lieferung schwerer Waffen. Der Bundeskanzler wird aufgefordert, sich mehr zu engagieren, die Regierung getrieben. Dabei sind die Deutschen den Umfragen zufolge da durchaus unterschiedlicher Meinung.

Precht: Der Grund für diese Einhelligkeit ist auch das, was wir Cursor-Journalismus nennen. Cursor-Journalismus heißt: Immer auf der richtigen Seite stehen zu wollen – der Seite, die unter Kollegen und in den sozialen Netzwerken Punkte bringt. Immer situativ die richtige moralische Position einzunehmen, mit äußerst flexiblen Grundsätzen. Man denkt an seine Kollegen, kennt deren DENKEN, will deren Lob und richtet sich an denen aus. Man empfindet sie als das eigentliche Publikum. Man vergisst, dass das echte Publikum da draußen viel diverser ist.

ZEIT: Vielleicht berichten Medien zu Beginn einer Krise eher ähnlich – aber sie differenzieren doch später. Das war in der Flüchtlingskrise so, in der Corona-Krise, wo es heute eine extrem diverse Berichterstattung gibt – aber auch im Ukraine-Krieg.

Welzer: Dem würde ich sogar zustimmen. Für all diese Geschichten hat ja zunächst niemand ein Skript. Da liegt es nahe, dass sich erst mal die einen an den anderen orientieren. Aber gerade in der Flüchtlingskrise hat es unheimlich lange gedauert, bis es Differenzierung gab; das zeigen mehrere Studien. Beim Ukraine-Krieg hat die Differenzierung bis heute nicht richtig eingesetzt –Auf einer Seite lesen.



Der Vortrag, den ich auf Ihren Wunsch zu halten habe, wird Sie nach verschiedenen Richtungen notwendig enttäuschen.

In einer Rede über Politik als Beruf werden Sie unwillkürlich eine Stellungnahme zu aktuellen Tagesfragen erwarten. Das wird aber nur in einer rein formalen Art am Schlusse geschehen anläßlich bestimmter Fragen der Bedeutung des politischen Tuns innerhalb der gesamten Lebensführung. Ganz ausgeschaltet werden müssen dagegen in dem heutigen Vortrag alle Fragen, die sich darauf beziehen: welche Politik man treiben, welche Inhalte, heißt das, man seinem politischen Tun geben soll. Denn das hat mit der allgemeinen Frage: was Politik als Beruf ist und bedeuten kann, nichts zu tun. – Damit zur Sache!

Was verstehen wir unter Politik? Der Begriff ist außerordentlich weit und umfaßt jede Art selbständig leitender Tätigkeit. Man spricht von der Devisenpolitik der Banken, von der Diskontpolitik der Reichsbank, von der Politik einer Gewerkschaft in einem Streik, man kann sprechen von der Schulpolitik einer Stadt- oder Dorfgemeinde, von der Politik eines Vereinsvorstandes bei dessen Leitung, ja schließlich von der Politik einer klugen Frau, die ihren Mann zu lenken trachtet. Ein derartig weiter Begriff liegt unseren Betrachtungen vom heutigen Abend natürlich nicht zugrunde. Wir wollen heute darunter nur verstehen: die Leitung oder die Beeinflussung der Leitung eines politischen Verbandes, heute also: eines Staates.

Was ist nun aber vom Standpunkt der soziologischen Betrachtung aus ein »politischer« Verband? Was ist: ein »Staat«? Auch er läßt sich soziologisch nicht definieren aus dem Inhalt dessen, was er tut. Es gibt fast keine Aufgabe, die nicht ein politischer Verband hier und da in die Hand genommen hätte, andererseits auch keine, von der man sagen könnte, daß sie jederzeit, vollends: daß sie immer ausschließlich denjenigen Verbänden, die man als politische, heute: als Staaten, bezeichnet, oder welche geschichtlich die Vorfahren des modernen Staates waren, eigen gewesen wäre. Man kann vielmehr den modernen Staat soziologisch letztlich nur definieren aus einem spezifischen Mittel, das ihm, wie jedem politischen Verband, eignet: der physischen Gewaltsamkeit. »Jeder Staat wird auf Gewalt gegründet«, sagte seinerzeit TROTZKIJ in Brest-Litowsk. Das ist in der Tat richtig.

Wenn nur soziale Gebilde beständen, denen die Gewaltsamkeit als Mittel unbekannt wäre, dann würde der Begriff »Staat« fortgefallen sein, dann wäre eingetreten, was man in diesem besonderen Sinne des Wortes als »Anarchie« bezeichnen würde. Gewaltsamkeit ist natürlich nicht etwa das normale oder einzige Mittel des Staates: – davon ist keine Rede –, wohl aber: das ihm spezifische. Gerade heute ist die Beziehung des Staates zur Gewaltsamkeit besonders intim. In der Vergangenheit haben die verschiedensten Verbände – von der Sippe angefangen – physische Gewaltsamkeit als ganz normales Mittel gekannt. Heute dagegen werden wir sagen müssen:
Staat ist diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes – dies: das »Gebiet« gehört zum Merkmal – das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht. Denn das der Gegenwart Spezifische ist: daß man allen anderen Verbänden oder Einzelpersonen das Recht zur physischen Gewaltsamkeit nur so weit zuschreibt, als der Staat sie von ihrer Seite zuläßt: er gilt als alleinige Quelle des »Rechts« auf Gewaltsamkeit.

»Politik« würde für uns also heißen: Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen den Menschengruppen, die er umschließt. Das entspricht im Wesentlichen ja auch dem Sprachgebrauch. Wenn man von einer Frage sagt: sie sei eine »politische« Frage, von einem Minister oder Beamten: er sei ein »politischer« Beamter, von einem Entschluß: er sei »politisch« bedingt, so ist damit immer gemeint: Machtverteilungs-, Machterhaltungs- oder Machtverschiebungsinteressen sind maßgebend für die Antwort auf jene Frage oder bedingen diesen Entschluß oder bestimmen die Tätigkeitssphäre des betreffenden Beamten. – Wer Politik treibt, erstrebt Macht: Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele (idealer oder egoistischer), – oder Macht »um ihrer selbst willen«: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen.

Der Staat ist, ebenso wie die ihm geschichtlich vorausgehenden politischen Verbände, ein auf das Mittel der legitimen (das heißt: als legitim angesehenen) Gewaltsamkeit gestütztes Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen. Damit er bestehe, müssen sich also die beherrschten Menschen der beanspruchten Autorität der jeweils herrschenden fügen.
Wann und warum tun sie das? Auf welche inneren Rechtfertigungsgründe und auf welche äußeren Mittel stützt sich diese Herrschaft?
Es gibt der inneren Rechtfertigungen, also: der Legitimitätsgründe einer Herrschaft – um mit ihnen zu beginnen – im Prinzip drei.

Einmal: die Autorität des »ewig Gestrigen«: der durch unvordenkliche Geltung und gewohnheitsmäßige Einstellung auf ihre Innehaltung geheiligten Sitte: »traditionale« Herrschaft, wie sie der Patriarch und der Patrimonialfürst alten Schlages übten.

Dann: die Autorität der außeralltäglichen persönlichen Gnadengabe (Charisma), die ganz persönliche Hingabe und das persönliche Vertrauen zu Offenbarungen, Heldentum oder anderen Führereigenschaften eines Einzelnen: »charismatische« Herrschaft, wie sie der Prophet oder – auf dem Gebiet des Politischen – der gekorene Kriegsfürst oder der plebiszitäre Herrscher, der große Demagoge und politische Parteiführer ausüben.

Endlich: Herrschaft kraft »Legalität«, kraft des Glaubens an die Geltung legaler Satzung und der durch rational geschaffene Regeln begründeten sachlichen »Kompetenz«, also: der Einstellung auf Gehorsam in der Erfüllung satzungsmäßiger Pflichten: eine Herrschaft, wie sie der moderne »Staatsdiener« und alle jene Träger von Macht ausüben, die ihm in dieser Hinsicht ähneln.

Es versteht sich, daß in der Realität höchst massive Motive der Furcht und der Hoffnung – Furcht vor der Rache magischer Mächte oder des Machthabers Hoffnung auf jenseitigen oder diesseitigen Lohn – und daneben Interessen verschiedenster Art die Fügsamkeit bedingen. Davon sogleich. Aber wenn man nach den »Legitimitäts« gründen dieser Fügsamkeit fragt, dann allerdings stößt man auf diese drei »reinen« Typen. Und diese Legitimitätsvorstellungen und ihre innere Begründung sind für die Struktur der Herrschaft von sehr erheblicher Bedeutung. Die reinen Typen finden sich freilich in der Wirklichkeit selten. Aber es kann heute auf die höchst verwickelten Abwandlungen, Übergänge und Kombinationen dieser reinen Typen nicht eingegangen werden: das gehört zu den Problemen der »allgemeinen Staatslehre«.

Uns interessiert hier vor allem der zweite von jenen Typen: die Herrschaft kraft Hingabe der Gehorchenden an das rein persönliche »Charisma« des »Führers«. Denn hier wurzelt der Gedanke des Berufs in seiner höchsten Ausprägung. Die Hingabe an das Charisma des Propheten oder des Führers im Kriege oder des ganz großen Demagogen in der Ekklesia oder im Parlament bedeutet ja, daß er persönlich als der innerlich »berufene« Leiter der Menschen gilt, daß diese sich ihm nicht kraft Sitte oder Satzung fügen, sondern weil sie an ihn glauben.

Er selbst zwar lebt seiner Sache, »trachtet nach seinem Werk«, wenn er mehr ist als ein enger und eitler Emporkömmling des Augenblicks. Seiner Person und ihren Qualitäten aber gilt die Hingabe seines Anhanges: der Jüngerschaft, der Gefolgschaft, der ganz persönlichen Parteigängerschaft. In den beiden in der Vergangenheit wichtigsten Figuren: des Magiers und Propheten einerseits, des gekorenen Kriegsfürsten, Bandenführers, Kondottiere andererseits, ist das Führertum in allen Gebieten und historischen Epochen aufgetreten. Dem Okzident eigentümlich ist aber, was uns näher angeht: das politische Führertum in der Gestalt zuerst des freien »Demagogen«, der auf dem Boden des nur dem Abendland, vor allem der mittelländischen Kultur, eigenen Stadtstaates, und dann des parlamentarischen »Parteiführers«, der auf dem Boden des ebenfalls nur im Abendland bodenständigen Verfassungsstaates gewachsen ist.

Diese Politiker kraft »Berufes« in des Wortes eigentlichster Bedeutung sind nun aber natürlich nirgends die allein maßgebenden Figuren im Getriebe des politischen Machtkampfes. Höchst entscheidend ist vielmehr die Art der Hilfsmittel, die ihnen zur Verfügung stehen. Wie fangen die politisch herrschenden Gewalten es an, sich in ihrer Herrschaft zu behaupten? Die Frage gilt für jede Art von Herrschaft, also auch für die politische Herrschaft in allen ihren Formen: für die traditionale ebenso wie für die legale und die charismatische.  Jeder Herrschaftsbetrieb, welcher kontinuierliche Verwaltung erheischt, braucht einerseits die Einstellung menschlichen Handelns auf den Gehorsam gegenüber jenen Herren, welche Träger der legitimen Gewalt zu sein beanspruchen, und andererseits, vermittels dieses Gehorsams, die Verfügung über diejenigen Sachgüter, welche gegebenenfalls zur Durchführung der physischen Gewaltanwendung erforderlich sind: den personalen Verwaltungsstab und die sachlichen Verwaltungsmittel.

Der Verwaltungsstab, der den politischen Herrschaftsbetrieb wie jeden anderen Betrieb in seiner äußeren Erscheinung darstellt, ist nun natürlich nicht nur durch jene Legitimitätsvorstellung, von der eben die Rede war, an den Gehorsam gegenüber dem Gewalthaber gekettet. Sondern durch zwei Mittel, welche an das persönliche Interesse appellieren: materielles Entgelt und soziale Ehre. Lehen der Vasallen, Pfründen der Patrimonialbeamten, Gehalt der modernen Staatsdiener, – Ritterehre, ständische Privilegien, Beamtenehre bilden den Lohn, und die Angst, sie zu verlieren, die letzte entscheidende Grundlage für die Solidarität des Verwaltungsstabes mit dem Gewalthaber. Auch für die charismatische Führerherrschaft gilt das: Kriegsehre und Beute für die kriegerische, die »spoils«: Ausbeutung der Beherrschten durch Ämtermonopol, politisch bedingte Profite und Eitelkeitsprämien für die demagogische Gefolgschaft.

Zur Aufrechterhaltung jeder gewaltsamen Herrschaft bedarf es gewisser materieller äußerer Sachgüter, ganz wie bei einem wirtschaftlichen Betrieb. Alle Staatsordnungen lassen sich nun danach gliedern, ob sie auf dem Prinzip beruhen, daß jener Stab von Menschen: – Beamte oder wer sie sonst sein mögen –, auf deren Gehorsam der Gewalthaber muß rechnen können, im eigenen Besitze der Verwaltungsmittel, mögen sie bestehen in Geld, Gebäuden, Kriegsmaterial, Wagenparks, Pferden oder was sonst immer, sich befinden, oder ob der Verwaltungsstab von den Verwaltungsmitteln »getrennt« ist, im gleichen Sinn, wie heute der Angestellte und Proletarier innerhalb des kapitalistischen Betriebes »getrennt« ist von den sachlichen Produktionsmitteln. Ob also der Gewalthaber die Verwaltung in eigener von ihm organisierter Regie hat und durch persönliche Diener oder angestellte Beamte oder persönliche Günstlinge und Vertraute verwalten läßt, welche nicht Eigentümer: Besitzer zu eigenem Recht, der sachlichen Betriebsmittel sind, sondern vom Herrn darin dirigiert werden, oder ob das Gegenteil der Fall ist. Der Unterschied geht durch alle Verwaltungsorganisationen der Vergangenheit hindurch.

Einen politischen Verband, bei dem die sachlichen Verwaltungsmittel ganz oder teilweise in der Eigenmacht des abhängigen Verwaltungsstabes sich befinden, wollen wir einen »ständisch« gegliederten Verband nennen. Der Vasall z.B. im Lehnsverband bestritt die Verwaltung und Rechtspflege des ihm verlehnten Bezirks aus eigener Tasche, equipierte und verproviantierte sich selbst für den Krieg; seine Untervasallen taten das Gleiche. Das hatte natürlich Konsequenzen für die Machtstellung des Herrn, die nur auf dem persönlichen Treubund und darauf ruhte, daß der Lehnsbesitz und die soziale Ehre des Vasallen ihre »Legitimität« vom Herrn ableiteten.

Überall aber, bis in die frühesten politischen Bildungen zurück, finden wir auch die eigene Regie des Herrn: durch persönlich von ihm Abhängige: Sklaven, Hausbeamte, Dienstleute, persönliche »Günstlinge« und aus seinen Vorratskammern mit Natural- und Gelddeputaten entlohnte Pfründner sucht er die Verwaltung in eigene Hand zu bekommen, die Mittel aus eigener Tasche, aus Erträgnissen seines Patrimoniums zu bestreiten, ein rein persönlich von ihm abhängiges, weil aus seinen Speichern, Magazinen, Rüstkammern equipiertes und verproviantiertes Heer zu schaffen. Während im »ständischen« Verband der Herr mithilfe einer eigenständigen »Aristokratie« herrscht, also mit ihr die Herrschaft teilt, stützt er sich hier entweder auf Haushörige oder auf Plebejer: besitzlose, der eigenen sozialen Ehre entbehrende Schichten, die materiell gänzlich an ihn gekettet sind und keinerlei konkurrierende eigene Macht unter den Füßen haben. Alle Formen patriarchaler und patrimonialer Herrschaft, sultanistischer Despotie und bürokratischer Staatsordnung gehören zu diesem Typus. Insbesondere: die bürokratische Staatsordnung, also die, in ihrer rationalsten Ausbildung, auch und gerade dem modernen Staat charakteristische.

Überall kommt die Entwicklung des modernen Staates dadurch in Fluß, daß vonseiten des Fürsten die Enteignung der neben ihm stehenden selbständigen »privaten« Träger von Verwaltungsmacht: jener Eigenbesitzer von Verwaltungs- und Kriegsbetriebsmitteln, Finanzbetriebsmitteln und politisch verwendbaren Gütern aller Art, in die Wege geleitet wird. Der ganze Prozeß ist eine vollständige Parallele zu der Entwicklung des kapitalistischen Betriebs durch allmähliche Enteignung der selbständigen Produzenten. Am Ende sehen wir, daß in dem modernen Staat tatsächlich in einer einzigen Spitze die Verfügung über die gesamten politischen Betriebsmittel zusammenläuft, kein einziger Beamter mehr persönlicher Eigentümer des Geldes ist, das er verausgabt, oder der Gebäude, Vorräte, Werkzeuge, Kriegsmaschinen, über die er verfügt. Vollständig durchgeführt ist also im heutigen »Staat« – das ist ihm begriffswesentlich – die »Trennung« des Verwaltungsstabes: der Verwaltungsbeamten und Verwaltungsarbeiter, von den sachlichen Betriebsmitteln. Hier setzt nun die allermodernste Entwicklung ein und versucht vor unseren Augen, die Expropriation dieses Expropriateurs der politischen Mittel und damit der politischen Macht in die Wege zu leiten.

Das hat die Revolution wenigstens insofern geleistet, als an die Stelle der gesetzten Obrigkeiten Führer getreten sind, welche durch Usurpation oder Wahl sich in die Verfügungsgewalt über den politischen Menschenstab und Sachgüterapparat gesetzt haben und ihre Legitimität – einerlei, mit wie viel Recht – vom Willen der Beherrschten ableiten. Eine andere Frage ist, ob sie aufgrund dieses – wenigstens scheinbaren – Erfolges mit Recht die Hoffnung hegen kann: auch die Expropriation innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsbetriebe durchzuführen, deren Leitung sich trotz weitgehender Analogien im Innersten nach ganz anderen Gesetzen richtet als die politische Verwaltung. Dazu nehmen wir heute nicht Stellung. Ich stelle für unsere Betrachtung nur das rein Begriffliche fest: daß der moderne Staat ein anstaltsmäßiger Herrschaftsverband ist, der innerhalb eines Gebietes die legitime physische Gewaltsamkeit als Mittel der Herrschaft zu monopolisieren, mit Erfolg getrachtet hat und zu diesem Zweck die sachlichen Betriebsmittel in der Hand seiner Leiter vereinigt, die sämtlichen eigenberechtigten ständischen Funktionäre aber, die früher zu Eigenrecht darüber verfügten, enteignet und sich selbst in seiner höchsten Spitze an deren Stelle gesetzt hat.

Im Verlaufe dieses politischen Enteignungsprozesses nun, der in allen Ländern der Erde mit wechselndem Erfolge spielte, sind, und zwar zuerst im Dienste der Fürsten, die ersten Kategorien von »Berufspolitikern« in einem zweiten Sinn aufgetreten, von Leuten, die nicht selbst Herren sein wollten, wie die charismatischen Führer, sondern in den Dienst von politischen Herren traten. Sie stellten sich in diesem Kampfe den Fürsten zur Verfügung und machten aus der Besorgung von deren Politik einen materiellen Lebenserwerb einerseits, einen ideellen Lebensinhalt andererseits. Wieder nur im Okzident finden wir diese Art von Berufspolitikern auch im Dienst anderer Mächte als nur der Fürsten. In der Vergangenheit waren sie deren wichtigstes Macht- und politisches Expropriationsinstrument.

Machen wir uns, ehe wir näher auf sie eingehen, den Sachverhalt, den die Existenz solcher »Berufspolitiker« darstellt, nach allen Seiten unzweideutig klar. Man kann »Politik« treiben – also: die Machtverteilung zwischen und innerhalb politischer Gebilde zu beeinflussen trachten – sowohl als »Gelegenheitspolitiker« wie als nebenberuflicher oder hauptberuflicher Politiker, genau wie beim ökonomischen Erwerb. »Gelegenheitspolitiker« sind wir alle, wenn wir unseren Wahlzettel abgeben oder eine ähnliche Willensäußerung: etwa Beifall oder Protest in einer »politischen« Versammlung, vollziehen, eine »politische« Rede halten usw., – und bei vielen Menschen beschränkt sich ihre ganze Beziehung zur Politik darauf. »Nebenberufliche« Politiker sind heute z.B. alle jene Vertrauensmänner und Vorstände von parteipolitischen Vereinen, welche diese Tätigkeit – wie es durchaus die Regel ist – nur im Bedarfsfalle ausüben und weder materiell noch ideell in erster Linie daraus »ihr Leben machen«.

Ebenso jene Mitglieder von Staatsräten und ähnlichen Beratungskörperschaften, die nur auf Anfordern in Funktion treten. Ebenso aber auch ziemlich breite Schichten unserer Parlamentarier, die nur in Zeiten der Session Politik treiben. In der Vergangenheit finden wir solche Schichten namentlich unter den Ständen. »Stände« sollen uns heißen die eigenberechtigten Besitzer militärischer oder für die Verwaltung wichtiger sachlicher Betriebsmittel oder persönlicher Herrengewalten. Ein großer Teil von ihnen war weit davon entfernt, sein Leben ganz oder auch nur vorzugsweise oder mehr als gelegentlich in den Dienst der Politik zu stellen. Sie nützten vielmehr ihre Herrenmacht im Interesse der Erzielung von Renten oder auch geradezu von Profit und wurden politisch, im Dienst des politischen Verbandes, nur tätig, wenn der Herr oder wenn ihre Standesgenossen dies besonders verlangten. Nicht anders auch ein Teil jener Hilfskräfte, die der Fürst im Kampf um die Schaffung eines politischen Eigenbetriebes, der nur ihm zur Verfügung stehen sollte, heranzog. Die »Räte von Haus aus« und, noch weiter zurück, ein erheblicher Teil der in der »Curia« und den anderen beratenden Körperschaften des Fürsten zusammentretenden Ratgeber hatten diesen Charakter.

Aber mit diesen nur gelegentlichen oder nebenberuflichen Hilfskräften kam der Fürst natürlich nicht aus. Er mußte sich einen Stab von ganz und ausschließlich seinem Dienst gewidmeten, also hauptberuflichen, Hilfskräften zu schaffen suchen. Davon, woher er diese nahm, hing zum sehr wesentlichen Teil die Struktur des entstehenden dynastischen politischen Gebildes und nicht nur sie, sondern das ganze Gepräge der betreffenden Kultur ab. Erst recht in die gleiche Notwendigkeit versetzt waren diejenigen politischen Verbände, welche unter völliger Beseitigung oder weitgehender Beschränkung der Fürstenmacht sich als (sogenannte) »freie« Gemeinwesen politisch konstituierten, – »frei« nicht im Sinne der Freiheit von gewaltsamer Herrschaft, sondern im Sinne von: Fehlen der kraft Tradition legitimen (meist religiös geweihten) Fürstengewalt als ausschließlicher Quelle aller Autorität.

Sie haben geschichtlich ihre Heimstätte durchaus im Okzident, und ihr Keim war: die Stadt als politischer Verband, als welcher sie zuerst im mittelländischen Kulturkreis aufgetreten ist. Wie sahen in all diesen Fällen die »hauptberuflichen« Politiker aus?

Es gibt zwei Arten, aus der Politik seinen Beruf zu machen. Entweder: man lebt »für« die Politik, – oder aber: »von« der Politik. Der Gegensatz ist keineswegs ein exklusiver. In aller Regel vielmehr tut man, mindestens ideell, meist aber auch materiell, beides: wer »für« die Politik lebt, macht im innerlichen Sinne »sein Leben daraus«: er genießt entweder den nackten Besitz der Macht, die er ausübt, oder er speist sein inneres Gleichgewicht und Selbstgefühl aus dem Bewußtsein, durch Dienst an einer »Sache« seinem Leben einen Sinn zu verleihen. In diesem innerlichen Sinn lebt wohl jeder ernste Mensch, der für eine Sache lebt, auch von dieser Sache. Die Unterscheidung bezieht sich also auf eine viel massivere Seite des Sachverhaltes: auf die ökonomische. »Von« der Politik als Beruf lebt, wer danach strebt, daraus eine dauernde Einnahmequelle zu machen, – »für« die Politik der, bei dem dies nicht der Fall ist.

Damit jemand in diesem ökonomischen Sinn »für« die Politik leben könne, müssen unter der Herrschaft der Privateigentumsordnung einige, wenn Sie wollen, sehr triviale Voraussetzungen vorliegen: er muß – unter normalen Verhältnissen – ökonomisch von den Einnahmen, welche die Politik ihm bringen kann, unabhängig sein. Das heißt ganz einfach: er muß vermögend oder in einer privaten Lebensstellung sein, welche ihm auskömmliche Einkünfte abwirft. So steht es wenigstens unter normalen Verhältnissen. Zwar die Gefolgschaft des Kriegsfürsten fragt ebensowenig nach den Bedingungen normaler Wirtschaft wie die Gefolgschaft des revolutionären Helden der Straße. Beide leben von Beute, Raub, Konfiskationen, Kontributionen, Aufdrängung von wertlosen Zwangszahlungsmitteln: – was dem Wesen nach alles das Gleiche ist.

Aber das sind notwendig außeralltägliche Erscheinungen: in der Alltagswirtschaft leistet nur eigenes Vermögen diesen Dienst. Aber damit allein nicht genug: er muß überdies wirtschaftlich »abkömmlich« sein, d.h. seine Einkünfte dürfen nicht davon abhängen, daß er ständig persönlich seine Arbeitskraft und sein Denken voll oder doch weit überwiegend in den Dienst ihres Erwerbes stellt. Abkömmlich in diesem Sinn ist nun am Unbedingtesten: der Rentner, derjenige also, der vollkommen arbeitsloses Einkommen, sei es, wie die Grundherren der Vergangenheit, die Großgrundbesitzer und die Standesherren der Gegenwart, aus Grundrenten – in der Antike und im Mittelalter auch Sklaven- oder Hörigenrenten –, sei es aus Wertpapier- oder ähnlichen modernen Rentenquellen bezieht. Weder der Arbeiter noch – was sehr zu beachten ist – der Unternehmer, auch und gerade der moderne Großunternehmer, ist in diesem Sinn abkömmlich.

Denn auch und gerade der Unternehmer – der gewerbliche sehr viel mehr als, bei dem Saisoncharakter der Landwirtschaft, der landwirtschaftliche Unternehmer – ist an seinen Betrieb gebunden und nicht abkömmlich. Es ist für ihn meist sehr schwer, sich auch nur zeitweilig vertreten zu lassen. Ebensowenig ist dies z.B. der Arzt, je hervorragender und beschäftigter er ist, desto weniger. Leichter schon, aus rein betriebstechnischen Gründen, der Advokat, – der deshalb auch als Berufspolitiker eine ungleich größere, oft eine geradezu beherrschende Rolle gespielt hat. – Wir wollen diese Kasuistik nicht weiter verfolgen, sondern wir machen uns einige Konsequenzen klar.

Die Leitung eines Staates oder einer Partei durch Leute, welche (im ökonomischen Sinn des Wortes) ausschließlich für die Politik und nicht von der Politik leben, bedeutet notwendig eine »plutokratische« (Herrschaft des Geldes) Rekrutierung der politisch führenden Schichten. Damit ist freilich nicht auch das Umgekehrte gesagt: daß eine solche plutokratische Leitung auch zugleich bedeutete, daß die politisch herrschende Schicht nicht auch »von« der Politik zu leben trachtete, also ihre politische Herrschaft nicht auch für ihre privaten ökonomischen Interessen auszunutzen pflegte. Davon ist natürlich gar keine Rede. Es hat keine Schicht gegeben, die das nicht irgendwie getan hätte.

Nur dies bedeutet es: daß die Berufspolitiker nicht unmittelbar für ihre politische Leistung Entgelt zu suchen genötigt sind, wie das jeder Mittellose schlechthin in Anspruch nehmen muß. Und andererseits bedeutet es nicht etwa, daß vermögenslose Politiker lediglich oder auch nur vornehmlich ihre privatwirtschaftliche Versorgung durch die Politik im Auge hätten, nicht oder doch nicht vornehmlich »an die Sache« dächten. Nichts wäre unrichtiger. Dem vermögenden Mann ist die Sorge um die ökonomische »Sekurität« seiner Existenz erfahrungsgemäß – bewußt oder unbewußt – ein Kardinalpunkt seiner ganzen Lebensorientierung. Der ganz rücksichts- und voraussetzungslose politische Idealismus findet sich, wenn nicht ausschließlich, so doch wenigstens gerade bei den infolge ihrer Vermögenslosigkeit ganz außerhalb der an der Erhaltung der ökonomischen Ordnung einer bestimmten Gesellschaft [interessierten Kreise] stehenden Schichten: das gilt zumal in außeralltäglichen, also revolutionären, Epochen.

Sondern nur dies bedeutet es: daß eine nicht plutokratische Rekrutierung der politischen Interessenten, der Führerschaft und ihrer Gefolgschaft, an die selbstverständliche Voraussetzung gebunden ist, daß diesen Interessenten aus dem Betrieb der Politik regelmäßige und verläßliche Einnahmen zufließen. Die Politik kann entweder »ehrenamtlich« und dann von, wie man zu sagen pflegt, »unabhängigen«, d.h. vermögenden Leuten, Rentnern vor allem, geführt werden. Oder aber ihre Führung wird Vermögenslosen zugänglich gemacht, und dann muß sie entgolten werden. Der von der Politik lebende Berufspolitiker kann sein: reiner »Pfründner« oder besoldeter »Beamter«.

Entweder bezieht er dann Einnahmen aus Gebühren und Sporteln für bestimmte Leistungen – Trinkgelder und Bestechungssummen sind nur eine regellose und formell illegale Abart dieser Kategorie von Einkünften –, oder er bezieht ein festes Naturaliendeputat oder Geldgehalt, oder beides nebeneinander. Er kann den Charakter eines »Unternehmers« annehmen, wie der Kondottiere oder der Amtspächter oder Amtskäufer der Vergangenheit oder wie der amerikanische Boss, der seine Unkosten wie eine Kapitalanlage ansieht, die er durch Ausnutzung seines Einflusses Ertrag bringen läßt. Oder er kann einen festen Lohn beziehen, wie ein Redakteur oder Parteisekretär oder ein moderner Minister oder politischer Beamter. In der Vergangenheit waren Lehen, Bodenschenkungen, Pfründen aller Art, mit Entwicklung der Geldwirtschaft aber besonders Sportelpfründen das typische Entgelt von Fürsten, siegreichen Eroberern oder erfolgreichen Parteihäuptern für ihre Gefolgschaft; heute sind es Ämter aller Art in Parteien, Zeitungen, Genossenschaften, Krankenkassen, Gemeinden und Staaten, welche von den Parteiführern für treue Dienste vergeben werden.

Alle Parteikämpfe sind nicht nur Kämpfe um sachliche Ziele, sondern vor allem auch: um Ämterpatronage. Alle Kämpfe zwischen partikularistischen und zentralistischen Bestrebungen in Deutschland drehen sich vor allem auch darum, welche Gewalten, ob die Berliner oder die Münchener, Karlsruher, Dresdener, die Ämterpatronage in der Hand haben. Zurücksetzungen in der Anteilnahme an den Ämtern werden von Parteien schwerer empfunden als Zuwiderhandlungen gegen ihre sachlichen Ziele. Ein parteipolitischer Präfektenschub in Frankreich galt immer als eine größere Umwälzung und erregte mehr Lärm als eine Modifikation des Regierungsprogramms, welches fast rein phraseologische Bedeutung hatte. Manche Parteien, so namentlich die in Amerika, sind seit dem Schwinden der alten Gegensätze über die Auslegung der Verfassung reine Stellenjägerparteien, welche ihr sachliches Programm je nach den Chancen des Stimmenfangs abändern. In Spanien wechselten bis in die letzten Jahre in Gestalt der von obenher fabrizierten »Wahlen« die beiden großen Parteien inkonventionell feststehendem Turnus ab, um ihre Gefolgschaft in Ämtern zu versorgen.

In den spanischen Kolonialgebieten handelt es sich sowohl bei den sogenannten »Wahlen« wie den sogenannten »Revolutionen« stets um die Staatskrippe, an der die Sieger gefüttert zu werden wünschen. In der Schweiz repartieren die Parteien im Wege des Proporzes die Ämter friedlich untereinander, und manche unserer »revolutionären« Verfassungsentwürfe, so z.B. der Erste für Baden aufgestellte, wollte dies System auf die Ministerstellen ausdehnen und behandelte so den Staat und seine Ämter als reine Pfründnerversorgungsanstalt. Vor allem die Zentrumspartei begeisterte sich dafür und machte in Baden die proportionale Verteilung der Ämter nach Konfessionen, also ohne Rücksicht auf die Leistung, sogar zu einem Programmpunkt. Mit steigender Zahl der Ämter infolge der allgemeinen Bürokratisierung und steigendem Begehr nach ihnen als einer Form spezifisch gesicherter Versorgung steigt für alle Parteien diese Tendenz und werden sie für ihre Gefolgschaft immer mehr Mittel zum Zweck, derart versorgt zu werden.

Dem steht nun aber gegenüber die Entwicklung des modernen Beamtentums zu einer spezialistisch durch, langjährige Vorbildung fachgeschulten hoch qualifizierten geistigen Arbeiterschaft, mit einer im Interesse der Integrität hoch entwickelten ständischen Ehre, ohne welche die Gefahr furchtbarer Korruption und gemeinen Banausentums als Schicksal über uns schweben und auch die rein technische Leistung des Staatsapparates bedrohen würde, dessen Bedeutung für die Wirtschaft, zumal mit zunehmender Sozialisierung, stetig gestiegen ist und weiter steigen wird. Die Dilettantenverwaltung durch Beutepolitiker, welche in den Vereinigten Staaten Hunderttausende von Beamten, bis zum Postboten hinunter, je nach dem Ausfall der Präsidentenwahl, wechseln ließ und den lebenslänglichen Berufsbeamten nicht kannte, ist längst durch die Civil Service Reform durchlöchert.

Rein technische, unabweisliche Bedürfnisse der Verwaltung bedingen diese Entwicklung. In Europa ist das arbeitsteilige Fachbeamtentum in einer Entwicklung von einem halben Jahrtausend allmählich entstanden. Die italienischen Städte und Signorien machten den Anfang; von den Monarchien die normannischen Erobererstaaten. Bei den Finanzen der Fürsten geschah der entscheidende Schritt. Bei den Verwaltungsreformen des Kaisers MAX3 kann man sehen, wie schwer selbst unter dem Druck der äußersten Not und Türkenherrschaft es den Beamten gelang, auf diesem Gebiet, welches ja den Dilettantismus eines Herrschers, der damals noch vor allem: ein Ritter war, am wenigsten vertrug, den Fürsten zu depossedieren. Die Entwicklung der Kriegstechnik bedingte den Fachoffizier, die Verfeinerung des Rechtsganges den geschulten Juristen. Auf diesen drei Gebieten siegte das Fachbeamtentum in den entwickelteren Staaten endgültig im 16. Jahrhundert. Damit war gleichzeitig mit dem Aufstieg des Absolutismus des Fürsten gegenüber den Ständen die allmähliche Abdankung seiner Selbstherrschaft an die Fachbeamten, durch die ihm jener Sieg über die Stände erst ermöglicht wurde, eingeleitet.

Gleichzeitig mit dem Aufstieg des fachgeschulten Beamtentums vollzog sich auch – wennschon in weit unmerklicheren Übergängen – die Entwicklung der »leitenden Politiker«. Von jeher und in aller Welt hatte es, selbstverständlich, solche tatsächlich maßgeblichen Berater der Fürsten gegeben. Im Orient hat das Bedürfnis, den Sultan von der persönlichen Verantwortung für den Erfolg der Regierung möglichst zu entlasten, die typische Figur des »Großwesirs« geschaffen. Im Abendland wurde die Diplomatie, vor allem unter dem Einfluß der in diplomatischen Fachkreisen mit leidenschaftlichem Eifer gelesenen venezianischen Gesandtschaftsberichte, im Zeitalter KARLS – der Zeit MACCHIAVELLIS – zuerst eine bewußt gepflegte Kunst, deren meist humanistisch gebildete Adepten sich untereinander als eine geschulte Schicht von Eingeweihten behandelten, ähnlich den humanistischen chinesischen Staatsmännern der letzten Teilstaatenzeit. Die Notwendigkeit einer formell einheitlichen Leitung der gesamten Politik, einschließlich der inneren, durch einen führenden Staatsmann entstand endgültig und zwingend erst durch die konstitutionelle Entwicklung.

Bis dahin hatte es zwar selbstverständlich solche Einzelpersönlichkeiten als Berater oder vielmehr – der Sache nach – Leiter der Fürsten immer wieder gegeben. Aber die Organisation der Behörden war zunächst, auch in den am weitesten vorgeschrittenen Staaten, andere Wege gegangen. Kollegiale höchste Verwaltungsbehörden waren entstanden. Der Theorie und, in allmählich abnehmendem Maße, der Tatsache nach tagten sie unter dem Vorsitz des Fürsten persönlich, der die Entscheidung gab. Durch dieses kollegialische System, welches zu Gutachten, Gegengutachten und motivierten Voten der Mehrheit und Minderheit führte, und ferner dadurch, daß er neben den offiziellen höchsten Behörden sich mit rein persönlichen Vertrauten – dem »Kabinett« – umgab und durch diese seine Entscheidungen auf die Beschlüsse des Staatsrats – oder wie die höchste Staatsbehörde sonst hieß – abgab, suchte der Fürst, der zunehmend in die Lage eines Dilettanten geriet, dem unvermeidlich wachsenden Gewicht der Fachschulung der Beamten sich zu entziehen und die oberste Leitung in der Hand zu behalten: dieser latente Kampf zwischen dem Fachbeamtentum und der Selbstherrschaft bestand überall.

Erst gegenüber den Parlamenten und den Machtaspirationen ihrer Parteiführer änderte sich die Lage. Sehr verschieden gelagerte Bedingungen führten doch zu dem äußerlich gleichen Ergebnis. Freilich mit gewissen Unterschieden. Wo immer die Dynastien reale Macht in der Hand behielten – wie namentlich in Deutschland –, waren nun die Interessen des Fürsten mit denen des Beamtentums solidarisch verknüpft gegen das Parlament und seine Machtansprüche. Die Beamten hatten das Interesse daran, daß auch die leitenden Stellen, also die Ministerposten, aus ihren Reihen besetzt, also Gegenstände des Beamtenavancements wurden. Der Monarch seinerseits hatte das Interesse daran, die Minister nach seinem Ermessen auch aus den Reihen der ihm ergebenen Beamten ernennen zu können. Beide Teile aber waren daran interessiert, daß die politische Leitung dem Parlament einheitlich und geschlossen gegenübertrat, also: das Kollegialsystem durch einen einheitlichen Kabinettchef ersetzt wurde.

Der Monarch bedurfte überdies, schon um dem Parteikampf und den Parteiangriffen rein formell enthoben zu bleiben, einer ihn deckenden verantwortlichen, das heißt: dem Parlament Rede stehenden und ihm entgegentretenden, mit den Parteien verhandelnden Einzelpersönlichkeit. Alle diese Interessen wirkten hier zusammen in der gleichen Richtung: ein einheitlich führender Beamtenminister entstand. Noch stärker wirkte in der Richtung der Vereinheitlichung die Entwicklung der Parlamentsmacht da, wo sie – wie in England – die Oberhand gegenüber dem Monarchen gewann. Hier entwickelte sich das »Kabinett«, mit dem einheitlichen Parlamentsführer, dem »Leader«, an der Spitze, als ein Ausschuß der von den offiziellen Gesetzen ignorierten, tatsächlich aber allein politisch entscheidenden Macht: der jeweils im Besitz der Mehrheit befindlichen Partei. Die offiziellen kollegialen Körperschaften waren eben als solche keine Organe der wirklich herrschenden Macht: der Partei, und konnten also nicht Träger der wirklichen Regierung sein. Eine herrschende Partei bedurfte vielmehr, um im Innern die Gewalt zu behaupten und nach außen große Politik treiben zu können, eines schlagkräftigen, nur aus ihren wirklich führenden Männern zusammengesetzten, vertraulich verhandelnden Organe: eben des Kabinetts, der Öffentlichkeit, vor allem der parlamentarischen Öffentlichkeit gegenüber, aber eines für alle Entschließungen verantwortlichen Führers: des Kabinettchefs.

Dies englische System ist dann in Gestalt der parlamentarischen Ministerien auf den Kontinent übernommen worden, und nur in Amerika und den von da aus beeinflußten Demokratien wurde ihm ein ganz heterogenes System gegenübergestellt, welches den erkorenen Führer der siegenden Partei durch direkte Volkswahl an die Spitze des von ihm ernannten Beamtenapparates stellte und ihn nur in Budget und Gesetzgebung an die Zustimmung des Parlaments band.

Die Entwicklung der Politik zu einem »Betrieb«, der eine Schulung im Kampf um die Macht und in dessen Methoden erforderte, so wie sie das moderne Parteiwesen entwickelte, bedingte nun die Scheidung der öffentlichen Funktionäre in zwei, allerdings keineswegs schroff, aber doch deutlich geschiedene Kategorien: Fachbeamte einerseits, »politische Beamte« andererseits. Die im eigentlichen Wortsinn »politischen« Beamten sind äußerlich in der Regel daran kenntlich, daß sie jederzeit beliebig versetzt und entlassen oder doch »zur Disposition gestellt« werden können, wie die französischen Präfekten und die ihnen gleichartigen Beamten anderer Länder, im schroffsten Gegensatz gegen die »Unabhängigkeit« der Beamten, mit richterlicher Funktion. In England gehören jene Beamten dazu, die nach fester Konvention bei einem Wechsel der Parlamentsmehrheit und deshalb des Kabinetts aus den Ämtern scheiden.

Besonders diejenigen pflegen dahin zu rechnen, deren Kompetenz die Besorgung der allgemeinen »inneren Verwaltung« umfaßt; und der »politische« Bestandteil daran ist vor allem die Aufgabe der Erhaltung der »Ordnung« im Lande, also: der bestehenden Herrschaftsverhältnisse. In Preußen hatten diese Beamten nach dem PUTTKAMERSCHEN Erlaß 4, bei Vermeidung der Maßregelung, die Pflicht, »die Politik der Regierung zu vertreten«, und wurden, ebenso wie in Frankreich die Präfekten, als amtlicher Apparat zur Beeinflussung der Wahlen benutzt. Die meisten »politischen« Beamten teilten zwar nach deutschem System – im Gegensatz zu anderen Ländern – die Qualität aller anderen insofern, als die Erlangung auch dieser Ämter an akademisches Studium, Fachprüfungen und einen bestimmten Vorbereitungsdienst gebunden war. Dieses spezifische Merkmal des modernen Fachbeamtentums fehlt bei uns nur den Chefs des politischen Apparates: den Ministern.

Preußischer Kultusminister konnte man schon unter dem alten Regime sein, ohne selbst jemals eine höhere Unterrichtsanstalt besucht zu haben, während man Vortragender Rat grundsätzlich nur aufgrund der vorgeschriebenen Prüfungen werden konnte. Der fachgeschulte Dezernent und Vortragende Rat war selbstverständlich – z.B. unter ALTHOFF im preußischen Unterrichtsministerium – unendlich viel informierter über die eigentlichen technischen Probleme des Faches als sein Chef. In England stand es damit nicht anders. Er war infolgedessen auch für alle Alltagsbedürfnisse der Mächtigere. Das war auch nichts an sich Widersinniges. Der Minister war eben der Repräsentant der politischen Machtkonstellation, hatte deren politische Maßstäbe zu vertreten und an die Vorschläge seiner [ihm] unterstellten Fachbeamten anzulegen oder ihnen die entsprechenden Direktiven politischer Art zu geben.

Fast identisch steht es ja in einem privaten Wirtschaftsbetrieb: der eigentliche »Souverän«, die Aktionärversammlung, ist in der Betriebsführung ebenso einflußlos wie ein von Fachbeamten regiertes »Volk«, und die für die Politik des Betriebes ausschlaggebenden Persönlichkeiten, der von Banken beherrschte »Aufsichtsrat«, geben nur die wirtschaftlichen Direktiven und lesen die Persönlichkeiten für die Verwaltung aus, ohne aber selbst imstande zu sein, den Betrieb technisch zu leiten. Insofern bedeutet auch die jetzige Struktur des Revolutionsstaates, welcher absoluten Dilettanten, kraft ihrer Verfügung über die Maschinengewehre, die Macht über die Verwaltung in die Hand gibt und die fachgeschulten Beamten nur als ausführende Köpfe und Hände benutzen möchte, keine grundsätzliche Neuerung. Die Schwierigkeiten dieses jetzigen Systems liegen anderswo als darin, sollen uns aber heute nichts angehen.

Wir fragen vielmehr nun nach der typischen Eigenart der Berufspolitiker, sowohl der »Führer« wie ihrer Gefolgschaft. Sie hat gewechselt und ist auch heute sehr verschieden. »Berufspolitiker« haben sich in der Vergangenheit, wie wir sahen, im Kampf der Fürsten mit den Ständen entwickelt im Dienst der ersteren. Sehen wir uns ihre Haupttypen kurz an.

Gegen die Stände stützte sich der Fürst auf politisch verwertbare Schichten nichtständischen Charakters. Dahin gehörten in Vorder- und Hinterindien, im buddhistischen China und Japan und in der lamaistischen Mongolei ganz ebenso wie in den christlichen Gebieten des Mittelalters zunächst: die Kleriker. Technisch deshalb, weil sie schriftkundig waren. Überall ist der Import von Brahmanen, buddhistischen Priestern, Lamas und die Verwendung von Bischöfen und Priestern als politische Berater unter dem Gesichtspunkt erfolgt, schreibkundige Verwaltungskräfte zu bekommen, die im Kampf des Kaisers oder Fürsten oder Khans gegen die Aristokratie verwertet werden konnten. Der Kleriker, zumal der zölibatäre Kleriker, stand außerhalb des Getriebes der normalen politischen und ökonomischen Interessen und kam nicht in Versuchung, für seine Nachfahren eigene politische Macht gegenüber seinem Herrn zu erstreben, wie es der Lehnsmann tat. Er war von den Betriebsmitteln der fürstlichen Verwaltung durch seine eigenen ständischen Qualitäten »getrennt«.

Ein zweite derartige Schicht waren die humanistisch gebildeten Literaten. Es gab eine Zeit, wo man lateinische Reden und griechische Verse machen lernte zu dem Zweck, politischer Berater und überwiegend politischer Denkschriftenverfasser eines Fürsten zu werden. Das war die Zeit der ersten Blüte der Humanistenschulen und der fürstlichen Stiftungen von Professuren der »Poetik«: bei uns eine schnell vorübergehende Epoche, die immerhin auf unser Schulwesen nachhaltig eingewirkt hat, politisch freilich keine tieferen Folgen hatte. Anders in Ostasien. Der chinesische Mandarin ist oder vielmehr: war ursprünglich annähernd das, was der Humanist unserer Renaissancezeit war: ein humanistisch an den Sprachdenkmälern der fernen Vergangenheit geschulter und geprüfter Literat. Wenn Sie die Tagebücher des LI HUNG TSHANG lesen, finden Sie, daß noch er am meisten stolz darauf ist, daß er Gedichte machte und ein guter Kalligraph war. Diese Schicht mit ihren an der chinesischen Antike entwickelten Konventionen hat das ganze Schicksal Chinas bestimmt, und ähnlich wäre vielleicht unser Schicksal gewesen, wenn die Humanisten seinerzeit die geringste Chance gehabt hätten, mit gleichem Erfolge sich durchzusetzen.

Die dritte Schicht war: der Hofadel. Nachdem es den Fürsten gelungen war, den Adel in seiner ständischen politischen Macht zu enteignen, zogen sie ihn an den Hof und verwendeten ihn im politischen und diplomatischen Dienst. Der Umschwung unseres Erziehungswesens im 17. Jahrhundert war mit dadurch bedingt, daß an Stelle der humanistischen Literaten hofadelige Berufspolitiker in den Dienst der Fürsten traten.

Die vierte Kategorie war ein spezifisch englisches Gebilde; ein den Kleinadel und das städtische Rentnertum umfassendes Patriziat, technisch »gentry« genannt: – eine Schicht, die ursprünglich der Fürst gegen die Barone heranzog und in den Besitz der Ämter des »selfgovernment« setzte, um später zunehmend von ihr abhängig zu werden. Sie hielt sich im Besitz der sämtlichen Ämter der lokalen Verwaltung, indem sie dieselben gratis übernahm im Interesse ihrer eigenen sozialen Macht. Sie hat England vor der Bürokratisierung bewahrt, die das Schicksal sämtlicher Kontinentalstaaten war.

Eine fünfte Schicht war dem Okzident, vor allem auf dem europäischen Kontinent, eigentümlich und war für dessen ganze politische Struktur von ausschlaggebender Bedeutung: die universitätsgeschulten Juristen. Die gewaltige Nachwirkung des römischen Rechts, wie es der bürokratische spätrömische Staat umgebildet hatte, tritt in nichts deutlicher hervor als darin: daß überall die Revolutionierung des politischen Betriebs im Sinne der Entwicklung zum rationalen Staat von geschulten Juristen getragen wurde. Auch in England, obwohl dort die großen nationalen Juristenzünfte die Rezeption des römischen Rechts hinderten. Man findet in keinem Gebiet der Erde dazu irgendeine Analogie. Alle Ansätze rationalen juristischen Denkens in der indischen Mîmâmsâ-Schule und alle Weiterpflege des antiken juristischen Denkens im Islâm haben die Überwucherung des rationalen Rechtsdenkens durch theologische Denkformen nicht hindern können.

Vor allem wurde das Prozeßverfahren nicht voll rationalisiert. Das hat nur die Übernahme der antik römischen Jurisprudenz, des Produkts eines aus dem Stadtstaat zur Weltherrschaft aufsteigenden politischen Gebildes ganz einzigartigen Charakters, durch die italienischen Juristen zuwege gebracht: der »Usus modernus« der spätmittelalterlichen Pandektisten und Kanonisten, und die aus juristischem und christlichem Denken geborenen und später säkularisierten Naturrechtstheorien. Im italienischen Podestat, in den französischen Königsjuristen, welche die formellen Mittel zur Untergrabung der Herrschaft der Seigneurs durch die Königsmacht schufen, in den Kanonisten und naturrechtlich denkenden Theologen des Konziliarismus, in den Hofjuristen und gelehrten Richtern der kontinentalen Fürsten, in den niederländischen Naturrechtslehrern und den Monarchomachen, in den englischen Kron- und den Parlamentsjuristen, in der Noblesse de Robe der französischen Parlamente, endlich in den Advokaten der Revolutionszeit hat dieser juristische Rationalismus seine großen Repräsentanten gehabt.

Ohne ihn ist das Entstehen des absoluten Staates so wenig denkbar wie die Revolution. Wenn Sie die Remonstrationen der französischen Parlamente oder die Cahiers 5 der französischen Generalstände seit dem 16. Jahrhundert bis in das Jahr 1789 durchsehen, finden Sie überall: Juristengeist. Und wenn Sie die Berufszugehörigkeit der Mitglieder des französischen Konvents durchmustern, so finden Sie da – obwohl er nach gleichem Wahlrecht gewählt war – einen einzigen Proletarier, sehr wenige bürgerliche Unternehmer, dagegen massenhaft Juristen aller Art, ohne die der spezifische Geist, der diese radikalen Intellektuellen und ihre Entwürfe beseelte, ganz undenkbar wäre. Der moderne Advokat und die moderne Demokratie gehören seitdem schlechthin zusammen, – und Advokaten in unserem Sinn, als ein selbständiger Stand, existieren wiederum nur im Okzident, seit dem Mittelalter, wo sie aus dem »Fürsprech« des formalistischen germanischen Prozeßverfahrens unter dem Einfluß der Rationalisierung des Prozesses sich entwickelten.

Die Bedeutung der Advokaten in der okzidentalen Politik seit dem Aufkommen der Parteien ist nichts Zufälliges. Der politische Betrieb durch Parteien bedeutet eben: Interessentenbetrieb, – wir werden bald sehen, was das besagen will. Und eine Sache für Interessenten wirkungsvoll zu führen, ist das Handwerk des geschulten Advokaten. Er ist darin – das hat uns die Überlegenheit der feindlichen Propaganda lehren können – jedem »Beamten« überlegen. Gewiß kann er eine durch logisch schwache Argumente gestützte, in diesem Sinn: »schlechte« Sache dennoch siegreich, also technisch »gut«, führen. Aber auch nur er führt eine durch logisch »starke« Argumente zu stützende, in diesem Sinn »gute« Sache siegreich, also in diesem Sinn »gut«. Der Beamte als Politiker macht nur allzu oft durch technisch »schlechte« Führung eine in jenem Sinn »gute« Sache zur »schlechten«: das haben wir erleben müssen.

Denn die heutige Politik wird nun einmal in hervorragendem Maße in der Öffentlichkeit mit den Mitteln des gesprochenen oder geschriebenen Wortes geführt. Dessen Wirkung abzuwägen, liegt im eigentlichsten Aufgabenkreis des Advokaten, gar nicht aber des Fachbeamten, der kein Demagoge ist und, seinem Zweck nach, sein soll, und wenn er es doch zu werden unternimmt, ein miserabler Demagoge zu werden pflegt. Der echte Beamte – das ist für die Beurteilung unseres früheren Regimes entscheidend – soll seinem eigentlichen Beruf nach nicht Politik treiben, sondern: »verwalten«, unparteiisch vor allem, – auch für die sogenannten »politischen« Verwaltungbeamten gilt das, offiziell wenigstens, soweit nicht die »Staatsräson«, d.h. die Lebensinteressen der herrschenden Ordnung, infrage stehen. Sine ira et studio, »ohne Zorn und Eingenommenheit« soll er seines Amtes walten.

Er soll also gerade das nicht tun, was der Politiker, der Führer sowohl wie seine Gefolgschaft, immer und notwendig tun muß: kämpfen. Denn Parteinahme, Kampf, Leidenschaft – ira et studium – sind das Element des Politikers. Und vor allem: des politischen Führers. Dessen Handeln steht unter einem ganz anderen, gerade entgegengesetzten Prinzip der Verantwortung, als die des Beamten ist. Ehre des Beamten ist die Fähigkeit, wenn – trotz seiner Vorstellungen – die ihm vorgesetzte Behörde auf einem ihm falsch erscheinenden Befehl beharrt, ihn auf Verantwortung des Befehlenden gewissenhaft und genau so auszuführen, als ob er seiner eigenen Überzeugung entspräche: ohne diese im höchsten Sinn sittliche Disziplin und Selbstverleugnung zerfiele der ganze Apparat. Ehre des politischen Führers, also: des leitenden Staatsmannes, ist dagegen gerade die ausschließliche Eigenverantwortung für das, was er tut, die er nicht ablehnen oder abwälzen kann und darf.

Gerade sittlich hochstehende Beamtennaturen sind schlechte, vor allem im politischen Begriff des Wortes verantwortungslose und in diesem Sinn: sittlich tief stehende Politiker: – solche, wie wir sie leider in leitenden Stellungen immer wieder gehabt haben: das ist es, was wir »Beamtenherrschaft« nennen; und es fällt wahrlich kein Flecken auf die Ehre unseres Beamtentums, wenn wir das politisch, vom Standpunkt des Erfolges ausgewertet, Falsche dieses Systems bloßlegen. Aber kehren wir noch einmal zu den Typen der politischen Figuren zurück.

Der »Demagoge« ist seit dem Verfassungsstaat und vollends seit der Demokratie der Typus des führenden Politikers im Okzident. Der unangenehme Beigeschmack des Wortes darf nicht vergessen lassen, daß nicht KLEON, sondern PERIKLES der Erste war, der diesen Namen trug. Amtlos oder mit dem – im Gegensatz zu den durchs Los besetzten Ämtern der antiken Demokratie – einzigen Wahlamt: dem des Oberstrategen, betraut, leitete er die souveräne Ekklesia des Demos von Athen. Die moderne Demagogie bedient sich zwar auch der Rede: in quantitativ ungeheuerlichem Umfang sogar, wenn man die Wahlreden bedenkt, die ein moderner Kandidat zu halten hat. Aber noch nachhaltiger doch: des gedruckten Worts. Der politische Publizist und vor allem der Journalist ist der wichtigste heutige Repräsentant der Gattung.

Die Soziologie der modernen politischen Journalistik auch nur zu skizzieren, wäre im Rahmen dieses Vortrags ganz unmöglich und ist in jeder Hinsicht ein Kapitel für sich. Nur weniges gehört unbedingt hierher. Der Journalist teilt mit allen Demagogen und übrigens – wenigstens auf dem Kontinent und im Gegensatz zu den englischen und übrigens auch zu den früheren preußischen Zuständen – auch mit dem Advokaten (und dem Künstler) das Schicksal: der festen sozialen Klassifikation zu entbehren. Er gehört zu einer Art von Pariakaste, die in der »Gesellschaft« stets nach ihren ethisch tiefst-stehenden Repräsentanten sozial eingeschätzt wird. Die seltsamsten Vorstellungen über die Journalisten und ihre Arbeit sind daher landläufig. Daß eine wirklich gute journalistische Leistung mindestens so viel »Geist« beansprucht wie irgendeine Gelehrtenleistung – vor allem infolge der Notwendigkeit, sofort, auf Kommando, hervorgebracht zu werden und: sofort wirken zu sollen, bei freilich ganz anderen Bedingungen der Schöpfung ist nicht jedermann gegenwärtig.

Daß die Verantwortung eine weit größere ist, und daß auch das Verantwortungsgefühl jedes ehrenhaften Journalisten im Durchschnitt nicht im mindesten tiefer steht als das des Gelehrten – sondern höher, wie der Krieg gelehrt hat –, wird fast nie gewürdigt, weil naturgemäß gerade die verantwortungslosen journalistischen Leistungen, ihrer oft furchtbaren Wirkung wegen, im Gedächtnis haften. Daß vollends die Diskretion der irgendwie tüchtigen Journalisten durchschnittlich höher steht als die anderer Leute, glaubt niemand. Und doch ist es so. Die ganz unvergleichlich viel schwereren Versuchungen, die dieser Beruf mit sich bringt, und die sonstigen Bedingungen journalistischen Wirkens in der Gegenwart erzeugen jene Folgen, welche das Publikum gewöhnt haben, die Presse mit einer Mischung von Verachtung und – jämmerlicher Feigheit zu betrachten. Über das, was da zu tun ist, kann heute nicht gesprochen werden. Uns interessiert hier die Frage nach dem politischen Berufsschicksal der Journalisten, ihrer Chance, in politische Führerstellungen zu gelangen. Sie war bisher nur in der sozialdemokratischen Partei günstig. Aber innerhalb ihrer hatten Redakteurstellen weit überwiegend den Charakter einer Beamtenstellung, nicht aber waren sie die Grundlage einer Führerposition.

In den bürgerlichen Parteien hatte sich, im Ganzen genommen, gegenüber der vorigen Generation die Chance des Aufstiegs zur politischen Macht auf diesem Wege eher verschlechtert. Presseeinfluß und dementsprechend Pressebeziehungen benötigte natürlich jeder Politiker von Bedeutung. Aber daß Parteiführer aus den Reihen der Presse hervorgingen, war – man sollte es nicht erwarten – durchaus die Ausnahme. Der Grund liegt in der stark gestiegenen »Unabkömmlichkeit« des Journalisten, vor allem des vermögenslosen und deshalb berufsgebundenen Journalisten, welche durch die ungeheure Steigerung der Intensität und Aktualität des journalistischen Betriebes bedingt ist. Die Notwendigkeit des Erwerbs durch tägliches oder doch wöchentliches Schreiben von Artikeln hängt Politikern wie ein Klotz am Bein, und ich kenne Beispiele, wo Führernaturen dadurch geradezu dauernd im Machtaufstieg äußerlich und vor allem: innerlich gelähmt worden sind. Daß die Beziehungen der Presse zu den herrschenden Gewalten im Staat und in den Parteien unter dem alten Regime dem Niveau des Journalismus so abträglich wie möglich waren, ist ein Kapitel für sich. Diese Verhältnisse lagen in den gegnerischen Ländern anders. Aber auch dort und für alle modernen Staaten galt, scheint es, der Satz: daß der journalistische Arbeiter immer weniger, der kapitalistische Pressemagnat – nach Art etwa des »Lord« NORTHCLIFFE – immer mehr politischen Einfluß gewinnt.

Bei uns waren allerdings bisher die großen kapitalistischen Zeitungskonzerne, welche sich vor allem der Blätter mit »kleinen Anzeigen«, der »Generalanzeiger«, bemächtigt hatten, in aller Regel die typischen Züchter politischer Indifferenz. Denn an selbständiger Politik war nichts zu verdienen, vor allem nicht das geschäftlich nützliche Wohlwollen der politisch herrschenden Gewalten. Das Inseratengeschäft ist auch der Weg, auf dem man während des Krieges den Versuch einer politischen Beeinflussung der Presse im großen Stil gemacht hat und jetzt, wie es scheint, fortsetzen will. Wenn auch zu erwarten ist, daß die große Presse sich dem entziehen wird, so ist die Lage für die kleinen Blätter doch weit schwieriger. Jedenfalls aber ist bei uns zurzeit die journalistische Laufbahn, so viel Reiz sie im Übrigen haben und welches Maß von Einfluß und Wirkungsmöglichkeit, vor allem: von politischer Verantwortung, sie einbringen mag, nicht – man muß vielleicht abwarten, ob: nicht mehr oder: noch nicht – ein normaler Weg des Aufstiegs politischer Führer.

Ob die von manchen – nicht allen – Journalisten für richtig gehaltene Aufgabe des Anonymitätsprinzips daran etwas ändern würde, läßt sich schwer sagen. Was wir in der deutschen Presse während des Krieges an »Leitung« von Zeitungen durch besonders angeworbene schriftstellerisch begabte Persönlichkeiten, die dabei stets ausdrücklich unter ihrem Namen auftraten, erlebten, hat in einigen bekannteren Fällen leider gezeigt: daß ein erhöhtes Verantwortungsgefühl auf diesem Wege nicht so sicher gezüchtet wird, wie man glauben könnte. Es waren – ohne Parteiunterschied – zum Teil gerade die notorisch übelsten Boulevard-Blätter, die damit einen erhöhten Absatz erstrebten und auch erreichten. Vermögen haben die betreffenden Herren, die Verleger wie auch die Sensationsjournalisten, gewonnen, – Ehre gewiß nicht. Damit soll nun gegen das Prinzip nichts gesagt sein; die Frage liegt sehr verwickelt, und jene Erscheinung gilt auch nicht allgemein.

Aber es ist bisher nicht der Weg zu echtem Führertum oder verantwortlichem Betrieb der Politik gewesen. Wie sich die Verhältnisse weiter gestalten werden, bleibt abzuwarten. Unter allen Umständen bleibt aber die journalistische Laufbahn einer der wichtigsten Wege der berufsmäßigen politischen Tätigkeit. Ein Weg nicht für jedermann. Am wenigsten für schwache Charaktere, insbesondere für Menschen, die nur in einer gesicherten ständischen Lage ihr inneres Gleichgewicht behaupten können. Wenn schon das Leben des jungen Gelehrten auf Hasard gestellt ist, so sind doch feste ständische Konventionen um ihn gebaut und hüten ihn vor Entgleisung. Das Leben des Journalisten aber ist in jeder Hinsicht Hasard schlechthin, und zwar unter Bedingungen, welche die innere Sicherheit in einer Art auf die Probe stellen wie wohl kaum eine andere Situation.

Die oft bitteren Erfahrungen im Berufsleben sind vielleicht nicht einmal das Schlimmste. Gerade an den erfolgreichen Journalisten werden besonders schwierige innere Anforderungen gestellt. Es ist durchaus keine Kleinigkeit, in den Salons der Mächtigen der Erde auf scheinbar gleichem Fuß, und oft allgemein umschmeichelt, weil gefürchtet, zu verkehren und dabei zu wissen, daß, wenn man kaum aus der Tür ist, der Hausherr sich vielleicht wegen seines Verkehrs mit den »Pressebengeln« bei seinen Gästen besonders rechtfertigen muß, – wie es erst recht keine Kleinigkeit ist, über alles und jedes, was der »Markt« gerade verlangt, über alle denkbaren Probleme des Lebens, sich prompt und dabei überzeugend äußern zu sollen, ohne nicht nur der absoluten Verflachung, sondern vor allem der Würdelosigkeit der Selbstentblößung und ihren unerbittlichen Folgen zu verfallen. Nicht das ist erstaunlich, daß es viele menschlich entgleiste oder entwertete Journalisten gibt, sondern daß trotz allem gerade diese Schicht eine so große Zahl wertvoller und ganz echter Menschen in sich schließt, wie Außenstehende es nicht leicht vermuten.

Wenn der Journalist als Typus des Berufspolitikers auf eine immerhin schon erhebliche Vergangenheit zurückblickt, so ist die Figur des Parteibeamten eine solche, die erst der Entwicklung der letzten Jahrzehnte und, teilweise, Jahre angehört. Wir müssen uns einer Betrachtung des Parteiwesens und der Parteiorganisation zuwenden, um diese Figur in ihrer entwicklungsgeschichtlichen Stellung zu begreifen. In allen irgendwie umfangreichen, das heißt über den Bereich und Aufgabenkreis kleiner ländlicher Kantone hinausgehenden politischen Verbänden mit periodischen Wahlen der Gewalthaber ist der politische Betrieb notwendig: Interessentenbetrieb. Das heißt, eine relativ kleine Zahl primär am politischen Leben, also an der Teilnahme an der politischen Macht, Interessierter schaffen sich Gefolgschaft durch freie Werbung, präsentieren sich oder ihre Schutzbefohlenen als Wahlkandidaten, sammeln die Geldmittel und gehen auf den Stimmenfang. Es ist unerfindlich, wie in großen Verbänden Wahlen ohne diesen Betrieb überhaupt sachgemäß zustande kommen sollten. Praktisch bedeutet er die Spaltung der wahlberechtigten Staatsbürger in politisch aktive und politisch passive Elemente, und da dieser Unterschied auf Freiwilligkeit beruht, so kann er durch keinerlei Maßregeln, wie Wahlpflicht oder »berufsständische« Vertretung oder dergleichen ausdrücklich oder tatsächlich gegen diesen Tatbestand und damit gegen die Herrschaft der Berufspolitiker gerichtete Vorschläge, beseitigt werden.

Führerschaft und Gefolgschaft, als aktive Elemente freier Werbung: der Gefolgschaft sowohl wie, durch diese, der passiven Wählerschaft für die Wahl des Führers, sind notwendige Lebenselemente jeder Partei. Verschieden aber ist ihre Struktur. Die »Parteien« etwa der mittelalterlichen Städte, wie die Guelfen und Ghibellinen, waren rein persönliche Gefolgschaften. Wenn man das Statuto dell aparte Guelfa ansieht, die Konfiskation der Güter der Nobili – das hieß ursprünglich aller diejenigen Familien, die ritterlich lebten, also lehnsfähig waren –, ihren Ausschluß von Ämtern und Stimmrecht, die interlokalen Parteiausschüsse und die streng militärischen Organisationen und ihre Denunziantenprämien, so fühlt man sich an den Bolschewismus mit seinen Sowjets, seinen streng gesiebten Militär- und – in Rußland vor allem – Spitzelorganisationen, [mit] der Entwaffnung und politischen Entrechtung der »Bürger«, das heißt der Unternehmer, Händler, Rentner, Geistlichen, Abkömmlinge der Dynastie, Polizeiagenten, und [mit] seinen Konfiskationen erinnert.

Und wenn man auf der einen Seite sieht, daß die Militärorganisation jener Partei ein nach Matrikeln zu gestaltendes reines Ritterheer war und Adlige fast alle führenden Stellen einnahmen, die Sowjets aber ihrerseits den hochentgoltenen Unternehmer, den Akkordlohn, das Taylorsystem, die Militär- und Werkstattdisziplin beibehalten oder viel mehr wieder einführen und nach ausländischem Kapital Umschau halten, mit einem Wort also: schlechthin alle von ihnen als bürgerliche Klasseneinrichtungen bekämpften Dinge wieder annehmen mußten, um überhaupt Staat und Wirtschaft in Betrieb zu erhalten, und daß sie überdies als Hauptinstrument ihrer Staatsgewalt die Agenten der alten Ochrana wieder in Betrieb genommen haben, so wirkt diese Analogie noch frappanter. Wir haben es aber hier nicht mit solchen Gewaltsamkeitsorganisationen zu tun, sondern mit Berufspolitikern, welche durch nüchterne »friedliche« Werbung der Partei auf dem Wahlstimmenmarkt zur Macht zu gelangen streben.

Auch diese Parteien in unserem üblichen Sinn waren zunächst, z.B. in England, reine Gefolgschaften der Aristokratie. Mit jedem aus irgendeinem Grunde erfolgenden Wechsel der Partei seitens eines Peer trat alles, was von ihm abhängig war, gleichfalls zur Gegenpartei über. Die großen Familien des Adels, nicht zuletzt der König, hatten bis zur Reformbildung die Patronage einer Unmasse von Wahlkreisen. Diesen Adelsparteien nahe stehen die Honoratiorenparteien, wie sie mit Aufkommen der Macht des Bürgertums sich überall entwickelten. Die Kreise von »Bildung und Besitz« unter der geistigen Führung der typischen Intellektuellenschichten des Okzidents schieden sich, teils nach Klasseninteressen, teils nach Familientradition, teils rein ideologisch bedingt, in Parteien, die sie leiteten. Geistliche, Lehrer, Professoren, Advokaten, Ärzte, Apotheker, vermögliche Landwirte, Fabrikanten – in England jene ganze Schicht, die sich zu den Gentlemen rechnet – bildeten zunächst Gelegenheitsverbände, allenfalls lokale politische Klubs; in erregten Zeiten meldete sich das Kleinbürgertum, gelegentlich einmal das Proletariat, wenn ihm Führer erstanden, die aber in aller Regel nicht aus seiner Mitte stammten.

In diesem Stadium bestehen interlokal organisierte Parteien als Dauerverbände draußen im Lande überhaupt noch nicht. Den Zusammenhalt schaffen lediglich die Parlamentarier; maßgebend für die Kandidatenaufstellung sind die örtlichen Honoratioren. Die Programme entstehen teils durch die Werbeaufrufe der Kandidaten, teils in Anlehnung an Honoratiorenkongresse oder Parlamentsparteibeschlüsse. Nebenamtlich und ehrenamtlich läuft, als Gelegenheitsarbeit, die Leitung der Klubs oder, wo diese fehlen (wie meist), der gänzlich formlose Betrieb der Politik seitens der wenigen dauernd daran Interessierten in normalen Zeiten; nur der Journalist ist bezahlter Berufspolitiker, nur der Zeitungsbetrieb kontinuierlicher politischer Betrieb überhaupt. Daneben nur die Parlamentssession. Die Parlamentarier und parlamentarischen Parteileiter wissen zwar, an welche örtlichen Honoratioren man sich wendet, wenn eine politische Aktion erwünscht erscheint. Aber nur in großen Städten bestehen dauernd Vereine der Parteien, mit mäßigen Mitgliederbeiträgen und periodischen Zusammenkünften und öffentlichen Versammlungen zum Rechenschaftsbericht des Abgeordneten. Leben besteht nur in der Wahlzeit.

Das Interesse der Parlamentarier an der Möglichkeit interlokaler Wahlkompromisse und an der Schlagkraft einheitlicher, von breiten Kreisen des ganzen Landes anerkannter Programme und einheitlicher Agitation im Lande überhaupt bildet die Triebkraft des immer strafferen Parteizusammenschlusses. Aber wenn nun ein Netz von örtlichen Parteivereinen auch in den mittleren Städten und daneben von »Vertrauensmännern« über das Land gespannt wird, mit denen ein Mitglied der Parlamentspartei als Leiter des zentralen Parteibüros in dauernder Korrespondenz steht, bleibt im Prinzip der Charakter des Parteiapparates als eines Honoratiorenverbandes unverändert. Bezahlte Beamte fehlen außerhalb des Zentralbüros noch; es sind durchweg »angesehene« Leute, welche um der Schätzung willen, die sie sonst genießen, die örtlichen Vereine leiten: die außerparlamentarischen »Honoratioren«, die neben der politischen Honoratiorenschicht der einmal im Parlament sitzenden Abgeordneten Einfluß üben. Die geistige Nahrung für Presse und örtliche Versammlungen beschafft allerdings zunehmend die von der Partei herausgegebene Parteikorrespondenz. Regelmäßige Mitgliederbeiträge werden unentbehrlich; ein Bruchteil muß den Geldkosten der Zentrale dienen.

In diesem Stadium befanden sich noch vor nicht allzu langer Zeit die meisten deutschen Parteiorganisationen. In Frankreich vollends herrschte teilweise noch das erste Stadium: der ganz labile Zusammenschluß der Parlamentarier und im Lande draußen die kleine Zahl der örtlichen Honoratioren, Programme durch die Kandidaten oder für sie von ihren Schutzpatronen im Einzelfall bei der Bewerbung aufgestellt, wenn auch unter mehr oder minder örtlicher Anlehnung an Beschlüsse und Programme der Parlamentarier. Erst teilweise war dies System durchbrochen. Die Zahl der hauptberuflichen Politiker war dabei gering und setzte sich im Wesentlichen aus den gewählten Abgeordneten, den wenigen Angestellten der Zentrale, den Journalisten und – in Frankreich – im übrigen aus jenen Stellenjägern zusammen, die sich in einem »politischen Amt« befanden oder augenblicklich ein solches erstrebten.

Die Politik war formell weit überwiegend Nebenberuf. Auch die Zahl der »ministrablen« Abgeordneten war eng begrenzt, aber wegen des Honoratiorencharakters auch die der Wahlkandidaten. Die Zahl der indirekt an dem politischen Betrieb, vor allem materiell, Interessierten war aber sehr groß. Denn alle Maßregeln eines Ministeriums und vor allem alle Erledigungen von Personalfragen ergingen unter der Mitwirkung der Frage nach ihrem Einfluß auf die Wahlchancen, und alle und jede Art von Wünschen suchte man durch Vermittlung des örtlichen Abgeordneten durchzusetzen, dem der Minister, wenn er zu seiner Mehrheit gehörte – und das erstrebte daher jedermann –, notgedrungen Gehör schenken mußte. Der einzelne Deputierte hatte die Amtspatronage und überhaupt jede Art von Patronage in allen Angelegenheiten seines Wahlkreises und hielt seinerseits, um wiedergewählt zu werden, Verbindung mit den örtlichen Honoratioren.

Diesem idyllischen Zustand der Herrschaft von Honoratiorenkreisen und vor allem: der Parlamentarier, stehen nun die modernsten Formen der Parteiorganisation scharf abweichend gegenüber. Sie sind Kinder der Demokratie, des Massenwahlrechts, der Notwendigkeit der Massenwerbung und Massenorganisation, der Entwicklung höchster Einheit der Leitung und strengster Disziplin. Die Honoratiorenherrschaft und die Lenkung durch die Parlamentarier hört auf. »Hauptberufliche« Politiker außerhalb der Parlamente nehmen den Betrieb in die Hand. Entweder als »Unternehmer« – wie der amerikanische Boss und auch der englische »Election agent« es der Sache nach waren –, oder als festbesoldeter Beamter. Formell findet eine weitgehende Demokratisierung statt. Nicht mehr die Parlamentsfraktion schafft die maßgeblichen Programme, und nicht mehr die örtlichen Honoratioren haben die Aufstellung der Kandidaten in der Hand, sondern Versammlungen der organisierten Parteimitglieder wählen die Kandidaten aus und delegieren Mitglieder in die Versammlungen höherer Ordnung, deren es bis zum allgemeinen »Parteitag« hinauf möglicherweise mehrere gibt.

Der Tatsache nach liegt aber natürlich die Macht in den Händen derjenigen, welche kontinuierlich innerhalb des Betriebes die Arbeit leisten, oder aber derjenigen, von welchen – z.B. als Mäzenaten oder Leitern mächtiger politischer Interessentenklubs (Tammany Hall) – der Betrieb in seinem Gang pekuniär oder personal abhängig ist. Das Entscheidende ist, daß dieser ganze Menschenapparat – die »Maschine«, wie man ihn in den angelsächsischen Ländern bezeichnenderweise nennt – oder vielmehr diejenigen, die ihn leiten, den Parlamentariern Schach bieten und ihnen ihren Willen ziemlich weitgehend aufzuzwingen in der Lage sind. Und das hat besonders Bedeutung für die Auslese der Führung der Partei. Führer wird nun derjenige, dem die Maschine folgt, auch über den Kopf des Parlaments. Die Schaffung solcher Maschinen bedeutet, mit anderen Worten, den Einzug der plebiszitären Demokratie.

Die Parteigefolgschaft, vor allem der Parteibeamte und -unternehmer, erwarten vom Siege ihres Führers selbstverständlich persönliches Entgelt: Ämter oder andere Vorteile. Von ihm – nicht oder doch nicht nur von den einzelnen Parlamentariern: das ist das Entscheidende. Sie erwarten vor allem: daß die demagogische Wirkung der Führerpersönlichkeit im Wahlkampf der Partei Stimmen und Mandate, damit Macht zuführen und dadurch jene Chancen ihrer Anhänger, für sich das erhoffte Entgelt zu finden, möglichst ausweiten werde. Und ideell ist die Genugtuung, für einen Menschen in gläubiger persönlicher Hingabe und nicht nur für ein abstraktes Programm einer aus Mittelmäßigkeiten bestehenden Partei zu arbeiten: – dies »charismatische« Element allen Führertums –, eine der Triebfedern.

In sehr verschiedenem Maß und in stetem latenten Kampf mit den um ihren Einfluß ringenden örtlichen Honoratioren und den Parlamentariern rang sich diese Form durch. In den bürgerlichen Parteien zuerst in den Vereinigten Staaten, dann in der sozialdemokratischen Partei vor allem Deutschlands. Stete Rückschläge treten ein, sobald einmal kein allgemein anerkannter Führer da ist, und Konzessionen aller Art müssen, auch wenn er da ist, der Eitelkeit und Interessiertheit der Parteihonoratioren gemacht werden. Vor allem aber kann auch die Maschine unter die Herrschaft der Parteibeamten geraten, in deren Händen die regelmäßige Arbeit liegt. Nach Ansicht mancher sozialdemokratischer Kreise sei ihre Partei dieser »Bürokratisierung« verfallen gewesen. Indessen »Beamte« fügen sich einer demagogisch stark wirkenden Führerpersönlichkeit relativ leicht: ihre materiellen und ideellen Interessen sind ja intim mit der durch ihn erhofften Auswirkung der Parteimacht verknüpft, und die Arbeit für einen Führer ist an sich innerlich befriedigender. Weit schwerer ist der Aufstieg von Führern da, wo – wie in den bürgerlichen Parteien meist – neben den Beamten die »Honoratioren« den Einfluß auf die Partei in Händen haben. Denn diese »machen« ideell »ihr Leben« aus dem Vorstands- oder Ausschußmitgliedspöstchen, das sie innehaben.

Ressentiment gegen den Demagogen als homo novus, die Überzeugung von der Überlegenheit parteipolitischer »Erfahrung« – die nun einmal auch tatsächlich von erheblicher Bedeutung ist – und[ die ideologische Besorgnis vor dem Zerbrechen der alten Parteitraditionen bestimmen ihr Handeln. Und in der Partei haben sie alle traditionalistischen Elemente für sich. Vor allem der ländliche, aber auch der kleinbürgerliche Wähler sieht auf den ihm von alters her vertrauten Honoratiorennamen und mißtraut dem ihm unbekannten Mann, um freilich, wenn dieser einmal den Erfolg für sich gehabt hat, nun ihm, umso unerschütterlicher anzuhängen. Sehen wir uns an einigen Hauptbeispielen dieses Ringen der beiden Strukturformen und das namentlich von OSTROGORSKI geschilderte Hochkommen der plebiszitären Form einmal an.

Zunächst England: dort war die Parteiorganisation bis 1868 eine fast reine Honoratioren-Organisation. Die Tones stützten sich auf dem Lande etwa auf den anglikanischen Pfarrer, daneben – meist – den Schulmeister und vor allem die Großgrundbesitzer der betreffenden County, die Whigs meist auf solche Leute wie den nonconformistischen Prediger (wo es ihn gab), den Posthalter, Schmied, Schneider, Seiler, solche Handwerker also, von denen – weil man mit ihnen am meisten plaudern kann – politischer Einfluß ausgehen konnte. In der Stadt schieden sich die Parteien teils nach ökonomischen, teils nach religiösen, teils einfach nach in den Familien überkommenen Parteimeinungen. Immer aber waren Honoratioren die Träger des politischen Betriebes. Darüber schwebten das Parlament und die Parteien, mit dem Kabinett und mit dem »leader«, der der Vorsitzende des Ministerrates oder der Opposition war. Dieser leader hatte neben sich die wichtigste berufspolitische Persönlichkeit der Parteiorganisation: den »Einpeitscher« (whip).

In seinen Händen lag die Ämterpatronage; an ihn hatten sich also die Stellenjäger zu wenden, er benahm sich darüber mit den Deputierten der einzelnen Wahlkreise. In diesen begann sich langsam eine Berufspolitikerschicht zu entwickeln, indem lokale Agenten geworben wurden, die zunächst unbezahlt waren und ungefähr die Stellung unserer »Vertrauensmänner« einnahmen. Daneben aber entwickelte sich für die Wahlkreise eine kapitalistische Unternehmergestalt: der »Election agent«, dessen Existenz in der modernen, die Wahlreinheit sichernden Gesetzgebung Englands unvermeidlich war. Diese Gesetzgebung versuchte, die Wahlkosten zu kontrollieren und der Macht des Geldes entgegenzutreten, indem sie den Kandidaten verpflichtete anzugeben, was ihn die Wahl gekostet hatte: denn der Kandidat hatte – weit mehr, als dies früher auch bei uns vorkam – außer den Strapazen seiner Stimme auch das Vergnügen, den Geldbeutel zu ziehen.

Der Election agent ließ sich von ihm eine Pauschalsumme zahlen, wobei er ein gutes Geschäft zu machen pflegte. – In der Machtverteilung zwischen »leader« und Parteihonoratioren, im Parlament und im Lande, hatte der erstere in England von jeher, aus zwingenden Gründen der Ermöglichung einer großen und dabei stetigen Politik, eine sehr bedeutende Stellung. Immerhin war aber der Einfluß auch der Parlamentarier und Parteihonoratioren noch erheblich. So etwa sah die alte Parteiorganisation aus, halb Honoratiorenwirtschaft, halb bereits Angestellten- und Unternehmerbetrieb. Seit 1868 aber entwickelte sich zuerst für lokale Wahlen in Birmingham, dann im ganzen Lande, das »Caucus«-System.

Ein nonconformistischer Pfarrer und neben ihm JOSEPH CHAMBERLAIN riefen dieses System ins Leben. Anlaß war die Demokratisierung des Wahlrechts. Zur Massengewinnung wurde es notwendig, einen ungeheuren Apparat von demokratisch aussehenden Verbänden ins Leben zu rufen, in jedem Stadtquartier einen Wahlverband zu bilden, unausgesetzt den Betrieb in Bewegung zu halten, alles straff zu bürokratisieren: zunehmend angestellte bezahlte Beamte, von den lokalen Wahlkomitees, in denen bald im ganzen vielleicht 10 % der Wähler organisiert waren, gewählte Hauptvermittler mit Kooptationsrecht als formelle Träger der Parteipolitik. Die treibende Kraft waren die lokalen, vor allem die an der Kommunalpolitik – überall die Quelle der fettesten materiellen Chancen – interessierten Kreise, die auch die Finanzmittel in erster Linie aufbrachten.

Diese neu entstehende, nicht mehr parlamentarisch geleitete Maschine hatte in absehbarer Zeit Kämpfe mit den bisherigen Machthabern zu führen, vor allem mit dem whip, bestand aber, gestützt auf die lokalen Interessenten, den Kampf derart siegreich, daß der whip sich fügen und mit ihr paktieren mußte. Das Resultat war eine Zentralisation der ganzen Gewalt in der Hand der wenigen und letztlich der einen Person, die an der Spitze der Partei stand. Denn in der liberalen Partei war das ganze System aufgekommen in Verbindung mit dem Emporsteigen GLADSTONES zur Macht. Das Faszinierende der GLADSTONESCHEN »großen« Demagogie, der feste Glaube der Massen an den ethischen Gehalt seiner Politik und vor allem an den ethischen Charakter seiner Persönlichkeit war es, der diese Maschine so schnell zum Siege über die Honoratioren führte. Ein cäsaristisch-plebiszitäres Element in der Politik: der Diktator des Wahlschlachtfeldes, trat auf den Plan. Das äußerte sich unmittelbar.

1877 wurde der Caucus zum ersten Mal bei den staatlichen Wahlen tätig. Mit glänzendem Erfolg: DISRAELIS Sturz mitten in seinen großen Erfolgen war das Resultat. 1886 war die Maschine bereits derart vollständig charismatisch an der Person orientiert, daß, als die Homerule-Frage aufgerollt wurde, der ganze Apparat von oben bis unten nicht fragte: Stehen wir sachlich auf dem Boden GLADSTONES?, sondern einfach auf das Wort GLADSTONES, mit ihm abschwenkte und sagte: Was er tut, wir folgen ihm, – und seinen eigenen Schöpfer, CHAMBERLAIN, im Stich ließ. Diese Maschinerie bedarf eines erheblichen Personenapparates. Es sind immerhin wohl 2000 Personen in England, die direkt von der Politik der Parteienleben. Sehr viel zahlreicher sind freilich diejenigen, die rein als Stellenjäger oder als Interessenten in der Politik mitwirken, namentlich innerhalb der Gemeindepolitik. Neben den ökonomischen Chancen stehen für den brauchbaren Caucus-Politiker Eitelkeitschancen. »J.P.« oder gar »M.P.« zu werden, ist naturgemäß Streben des höchsten (normalen) Ehrgeizes, und solchen Leuten, die eine gute Kinderstube aufzuweisen hatten, »Gentlemen« waren, wird das zuteil. Als Höchstes winkte, insbesondere für große Geldmäzenaten – die Finanzen der Parteien beruhten zu vielleicht 50 % auf Spenden ungenannt bleibender Geber – die Peers-Würde.

Was war nun der Effekt des ganzen Systems? Daß heute die englischen Parlamentarier, mit Ausnahme der paar Mitglieder des Kabinetts (und einiger Eigenbrötler) normalerweise nichts anderes als gut diszipliniertes Stimmvieh sind. Bei uns im Reichstag pflegte man zum mindesten durch Erledigung von Privatkorrespondenz auf dem Schreibtisch vor seinem Platz zu markieren, daß man für das Wohl des Landes tätig sei. Derartige Gesten werden in England nicht verlangt; das Parlamentsmitglied hat nur zu stimmen und nicht Parteiverrat zu begehen; es hat zu erscheinen, wenn die Einpeitscher rufen, zu tun, was je nachdem das Kabinett oder was der leader der Opposition verfügt. Die Caucus-Maschine draußen im Lande vollends ist, wenn ein starker Führer da ist, fast gesinnungslos und ganz in den Händen des leader. Über dem Parlament steht also damit der faktisch plebiszitäre Diktator, der die Massen vermittels der »Maschine« hinter sich bringt, und für den die Parlamentarier nur politische Pfründner sind, die in seiner Gefolgschaft stehen.

Wie findet nun die Auslese dieser Führerschaft statt? Zunächst: nach welcher Fähigkeit? Dafür ist – nächst den überall in der Welt entscheidenden Qualitäten des Willens – natürlich die Macht der demagogischen Rede vor allem maßgebend. Ihre Art hat sich geändert von den Zeiten her, wo sie sich, wie bei COBDEN, an den Verstand wandte, zu GLADSTONE, der ein Techniker des scheinbar nüchternen »Die-Tatsachen-sprechen-Lassens« war, bis zur Gegenwart, wo vielfach rein emotional, mit Mitteln, wie sie auch die Heilsarmee verwendet, gearbeitet wird, um die Massen in Bewegung zu setzen. Den bestehenden Zustand darf man wohl eine »Diktatur, beruhend auf der Ausnutzung der Emotionalität der Massen«, nennen. – Aber das sehr entwickelte System der Komiteearbeit im englischen Parlament ermöglicht es und zwingt auch jeden Politiker, der auf Teilnahme an der Führung reflektiert, dort mitzuarbeiten. Alle erheblichen Minister der letzten Jahrzehnte haben diese sehr reale und wirksame Arbeitsschulung hinter sich, und die Praxis der Berichterstattung und öffentlichen Kritik an diesen Beratungen bedingt es, daß diese Schule eine wirkliche Auslese bedeutet und den bloßen Demagogen ausschaltet.

So in England. Das dortige Caucus-System war aber nur eine abgeschwächte Form, verglichen mit der amerikanischen Parteiorganisation, die das plebiszitäre Prinzip besonders früh und besonders rein zur Ausprägung brachte. Das Amerika WASHINGTONS sollte nach seiner Idee ein von »Gentlemen« verwaltetes Gemeinwesen sein. Ein Gentleman war damals auch drüben ein Grundherr oder ein Mann, der Collegeerziehung hatte. So war es auch zunächst. Als sich Parteien bildeten, nahmen anfangs die Mitglieder des Repräsentantenhauses in Anspruch, Leiter zu sein wie in England zur Zeit der Honoratiorenherrschaft. Die Parteiorganisation war ganz locker. Das dauerte bis 1824. Schon vor den Zwanzigerjahren war in manchen Gemeinden – die auch hier die erste Stätte der modernen Entwicklung waren – die Parteimaschine im Werden. Aber erst die Wahl von ANDREW JACKSON zum Präsidenten7, des Kandidaten der Bauern des Westens, warf die alten Traditionen über den Haufen. Das formelle Ende der Leitung der Parteien durchführende Parlamentarier ist bald nach 1840 eingetreten, als die großen Parlamentarier – CALHOUN, WEBSTER – aus dem politischen Leben ausschieden, weil das Parlament gegenüber der Parteimaschine draußen im Lande fast jede Macht verloren hatte.

Daß die plebiszitäre »Maschine« in Amerika sich so früh entwickelte, hatte seinen Grund darin, daß dort, und nur dort, das Haupt der Exekutive und – darauf kam es an – der Chef der Amtspatronage ein plebiszitär gewählter Präsident und daß er infolge der »Gewaltenteilung« in seiner Amtsführung vom Parlament fast unabhängig war. Ein richtiges Beuteobjekt von Amtspfründen winkte also als Lohn des Sieges gerade bei der Präsidentenwahl. Durch das von ANDREW JACKSON nun ganz systematisch zum Prinzip erhobene »spoils system« wurde die Konsequenz daraus gezogen.

Was bedeutet dies spoils system – die Zuwendung aller Bundesämter an die Gefolgschaft des siegreichen Kandidaten – für die Parteibildung heute? Daß ganz gesinnungslose Parteien einander gegenüberstehen, reine Stellenjägerorganisationen, die für den einzelnen Wahlkampf ihre wechselnden Programme je nach der Chance des Stimmenfanges machen – in einem Maße wechselnd, wie dies trotz aller Analogien doch anderwärts sich nicht findet. Die Parteien sind eben ganz und gar zugeschnitten auf den für die Amtspatronage wichtigsten Wahlkampf: den um die Präsidentschaft der Union und um die Governorstellen der Einzelstaaten. Programme und Kandidaten werden in den »national conventions« der Parteien ohne Intervention der Parlamentarier festgestellt: – von Parteitagen also, die formell sehr demokratisch von Delegiertenversammlungen beschickt wurden, welche ihrerseits ihr Mandat den »primaries«, den Urwählerversammlungen der Partei, verdanken.

Schon in den primaries werden die Delegierten auf den Namen der Staatsoberhauptskandidaten gewählt; innerhalb der einzelnen Parteien tobt der erbittertste Kampf um die Frage der »nomination«. In den Händen des Präsidenten liegen immerhin 300000 bis 400000 Beamtenernennungen, die von ihm, nur unter Zuziehung von Senatoren der Einzelstaaten, vollzogen werden. Die Senatoren sind also mächtige Politiker. Das Repräsentantenhaus dagegen ist politisch relativ sehr machtlos, weil ihm die Beamtenpatronage entzogen ist und die Minister, reine Gehilfen des vom Volk gegen jedermann – auch das Parlament – legitimierten Präsidenten, unabhängig vom Vertrauen oder Mißtrauen [des Repräsentantenhauses] ihres Amtes walten können: eine Folge der »Gewaltenteilung«.

Das dadurch gestützte spoils system war in Amerika technisch möglich, weil bei der Jugend der amerikanischen Kultur eine reine Dilettantenwirtschaft ertragen werden konnte. Denn 300.000 bis 400.000 solcher Parteileute, die nichts für ihre Qualifikation anzuführen hatten als die Tatsache, daß sie ihrer Partei gute Dienste geleistet hatten, – dieser Zustand konnte selbstverständlich nicht bestehen ohne ungeheure Übelstände: Korruption und Vergeudung ohnegleichen, die nur ein Land mit noch unbegrenzten ökonomischen Chancen ertrug.

Diejenige Figur nun, die mit diesem System der plebiszitären Parteimaschine auf der Bildfläche erscheint, ist: der »Boss«. Was ist der Boss? Ein politischer kapitalistischer Unternehmer, der für seine Rechnung und Gefahr Wahlstimmen herbeischafft. Er kann als Rechtsanwalt oder Kneipwirt oder Inhaber ähnlicher Betriebe oder etwa als Kreditgeber seine ersten Beziehungen gewonnen haben. Von da ausspinnt er seine Fäden weiter, bis er eine bestimmte Anzahl von Stimmen zu »kontrollieren« vermag. Hat er es so weit gebracht, so tritt er mit den Nachbarbosses in Verbindung, erregt durch Eifer, Geschicklichkeit und vorzugsweise: Diskretion die Aufmerksamkeit derjenigen, die es in der Karriere schon weiter gebracht haben, und steigt nun auf. Der Boss ist unentbehrlich für die Organisation der Partei. Die liegt zentralisiert in seiner Hand. Er beschafft sehr wesentlich die Mittel. Wie kommt er zu ihnen?

Nun, teilweise durch Mitgliederbeiträge; vor allem durch Besteuerung der Gehälter jener Beamten, die durch ihn und seine Partei ins Amt kamen. Dann durch Bestechungs- und Trinkgelder. Wer eines der zahlreichen Gesetze ungestraft verletzen will, bedarf der Konnivenz der Bosses und muß sie bezahlen. Sonst erwachsen ihm unweigerlich Unannehmlichkeiten. Aber damit allein ist das erforderliche Betriebskapital noch nicht beschafft. Der Boss ist unentbehrlich als direkter Empfänger des Geldes der großen Finanzmagnaten. Die würden keinem bezahlten Parteibeamten oder irgendeinem öffentlich rechnunglegenden Menschen überhaupt Geld für Wahlzwecke anvertrauen. Der Boss mit seiner klüglichen Diskretion in Geldsachen ist selbstverständlich der Mann derjenigen kapitalistischen Kreise, welche die Wahl finanzieren. Der typische Boss ist ein absolut nüchterner Mann. Er strebt nicht nach sozialer Ehre; der »professional« ist verachtet innerhalb der »guten Gesellschaft«. Er sucht ausschließlich Macht, Macht als Geldquelle, aber auch: um ihrer selbst willen.

Er arbeitet im Dunklen, das ist sein Gegensatz zum englischen Leader. Man wird ihn selbst nicht öffentlich reden hören; er suggeriert den Rednern, was sie in zweckmäßiger Weise zu sagen haben, er selbst aber schweigt. Er nimmt in aller Regel kein Amt an, außer dem des Senators im Bundessenat. Denn da die Senatoren an der Amtspatronage kraft Verfassung beteiligt sind, sitzen die leitenden Bosses oft in Person in dieser Körperschaft. Die Vergebung der Ämter erfolgt in erster Linie nach der Leistung für die Partei. Aber auch der Zuschlag gegen Geldgebote kam vielfach vor, und es existierten für einzelne Ämter bestimmte Taxen: ein Ämterverkaufssystem, wie es die Monarchien des 17. und 18. Jahrhunderts mit Einschluß des Kirchenstaates ja auch vielfach kannten.

Der Boss hat keine festen politischen »Prinzipien«, er ist vollkommen gesinnungslos und fragt nur: Was fängt Stimmen? Er ist nicht selten ein ziemlich schlecht erzogener Mann. Er pflegt aber in seinem Privatleben einwandfrei und korrekt zu leben. Nur in seiner politischen Ethik paßt er sich naturgemäß der einmal gegebenen Durchschnittsethik des politischen Handelns an, wie sehr viele von uns in der Zeit des Hamsterns auch auf dem Gebiete der ökonomischen Ethik getan haben dürften. Daß man ihn als »professional«, als Berufspolitiker, gesellschaftlich verachtet, ficht ihn nicht an. Daß er selbst nicht in die großen Ämter der Union gelangt und gelangen will, hat dabei den Vorzug: daß nicht selten parteifremde Intelligenzen:

Notabilitäten also, und nicht immer wieder die alten Parteihonoratioren wie bei uns, in die Kandidatur hineinkommen, wenn die Bosses sich davon Zugkraft bei den Wahlen versprechen. Gerade die Struktur dieser gesinnungslosen Parteien mit ihren gesellschaftlich verachteten Machthabern hat daher tüchtigen Männern zur Präsidentschaft verholfen, die bei uns niemals hochgekommen wären. Freilich, gegen einen Outsider, der ihren Geld- und Machtquellen gefährlich werden könnte, sträuben sich die Bosses. Aber im Konkurrenzkampf um die Gunst der Wähler haben sie nicht selten sich zur Akzeptierung gerade von solchen Kandidaten herbeilassen müssen, die als Korruptionsgegner galten.

Hier ist also ein stark kapitalistischer, von oben bis unten straff durchorganisierter Parteibetrieb vorhanden, gestützt auch durch die überaus festen, ordensartig organisierten Klubs von der Art von Tammany Hall, die ausschließlich die Profiterzielung durch politische Beherrschung vor allem von Kommunalverwaltungen- auch hier des wichtigsten Ausbeutungsobjektes – erstreben. Möglich war diese Struktur des Parteilebens infolge der hochgradigen Demokratie der Vereinigten Staaten als eines »Neulandes«. Dieser Zusammenhang nun bedingt, daß dies System im langsamen Absterben begriffen ist. Amerika kann nicht mehr nur durch Dilettanten regiert werden. Von amerikanischen Arbeitern bekam man noch vor 15 Jahren8 auf die Frage, warum sie sich so von Politikern regieren ließen, die sie selbst zu verachten erklärten, die Antwort: »Wir haben lieber Leute als Beamte, auf die wir spucken, wie bei euch eine Beamtenkaste, die auf uns spuckt.

Das war der alte Standpunkt amerikanischer »Demokratie«: die Sozialisten dachten schon damals völlig anders. Der Zustand wird nicht mehr ertragen. Die Dilettantenverwaltung reicht nicht mehr aus, und die Civil Service Reform schafft lebenslängliche pensionsfähige Stellen in stets wachsender Zahl und bewirkt so, daß auf der Universität geschulte Beamte, genauso unbestechlich und tüchtig wie die unsrigen, in die Ämter kommen. Rund 100000 Ämter sind schon jetzt nicht mehr im Wahlturnus Beuteobjekt, sondern pensionsfähig und an Qualifikationsnachweis geknüpft. Das wird das spoils system langsam mehr zurücktreten lassen, und die Art der Parteileitung wird sich dann wohl ebenfalls umbilden; wir wissen nur noch nicht: wie.

In Deutschland waren die entscheidenden Bedingungen des politischen Betriebes bisher im Wesentlichen folgende. Erstens: Machtlosigkeit der Parlamente. Die Folge war: daß kein Mensch, der Führerqualität hatte, dauernd hineinging. Gesetzt den Fall, man wollte hineingehen, – was konnte man dort tun? Wenn eine Kanzleistelle frei wurde, konnte man dem betreffenden Verwaltungschef sagen: ich habe in meinem Wahlkreis einen sehr tüchtigen Mann, der wäre geeignet, nehmen sie den doch. Und das geschah gern. Das war aber so ziemlich alles, was ein deutscher Parlamentarier für die Befriedigung seiner Machtinstinkte erreichen konnte, – wenn er solche hatte. Dazu trat – und dies zweite Moment bedingte das erste –: die ungeheure Bedeutung des geschulten Fachbeamtentums in Deutschland. Wir waren darin die ersten der Welt.

Diese Bedeutung brachte es mit sich, daß dies Fachbeamtentum nicht nur die Fachbeamtenstellen, sondern auch die Ministerposten für sich beanspruchte. Im bayerischen Landtag ist es gewesen, wo im vorigen Jahre, als die Parlamentarisierung zur Diskussion stand, gesagt wurde: die begabten Leute werden dann nicht mehr Beamte werden, wenn man die Parlamentarier in die Ministerien setzt. Die Beamtenverwaltung entzog sich überdies systematisch einer solchen Art von Kontrolle, wie sie die englischen Komitee-Erörterungen bedeuten, und setzte so die Parlamente außerstand – von wenigen Ausnahmen abgesehen –, wirklich brauchbare Verwaltungschefs in ihrer Mitte heranzubilden.

Das Dritte war, daß wir in Deutschland, im Gegensatz zu Amerika, gesinnungspolitische Parteien hatten, die zum mindesten mit subjektiver bona fides behaupteten, daß ihre Mitglieder »Weltanschauungen« vertraten. Die beiden wichtigsten dieser Parteien: das Zentrum einerseits, die Sozialdemokratie andererseits, waren nun aber geborene Minoritätsparteien und zwar nach ihrer eigenen Absicht. Die führenden Zentrumskreise im Reich haben nie ein Hehl daraus gemacht, daß sie deshalb gegen den Parlamentarismus seien, weil sie fürchteten, in die Minderheit zu kommen und ihnen dann die Unterbringung von Stellenjägern wie bisher, durch Druck auf die Regierung, erschwert würde. Die Sozialdemokratie war prinzipielle Minderheitspartei und ein Hemmnis der Parlamentarisierung, weil sie sich mit der gegebenen politisch-bürgerlichen Ordnung nicht beflecken wollte. Die Tatsache, daß beide Parteien sich ausschlossen vom parlamentarischen System, machte dieses unmöglich.

Was wurde dabei aus den deutschen Berufspolitikern? Sie hatten keine Macht, keine Verantwortung, konnten nur eine ziemlich subalterne Honoratiorenrolle spielen und waren infolgedessen neuerlich beseelt von den überall typischen Zunftinstinkten. Es war unmöglich, im Kreise dieser Honoratioren, die ihr Leben aus ihrem kleinen Pöstchen machten, hochzusteigen für einen ihnen nicht gleichgearteten Mann. Ich könnte aus jeder Partei, selbstverständlich die Sozialdemokratie nicht ausgenommen, zahlreiche Namen nennen, die Tragödien der politischen Laufbahn bedeuteten, weil der Betreffende Führerqualitäten hatte und um eben des willen von den Honoratioren nicht geduldet wurde. Diesen Weg der Entwicklung zur Honoratiorenzunft sind alle unsere Parteien gegangen. BEBEL z.B. war noch ein Führer, dem Temperament und der Lauterkeit des Charakters nach, so bescheiden sein Intellekt war.

Die Tatsache, daß er Märtyrer war, daß er das Vertrauen der Massen (in deren Augen) niemals täuschte, hatte zur Folge, daß er sie schlechthin hinter sich hatte und es keine Macht innerhalb der [sozialdemokratischen] Partei gab, die ernsthaft gegen ihn hätte auftreten können. Nach seinem Tode hatte das ein Ende, und die Beamtenherrschaft begann. Gewerkschaftsbeamte, Parteisekretäre, Journalisten kamen in die Höhe, Beamteninstinkte beherrschten die Partei, ein höchst ehrenhaftes Beamtentum – selten ehrenhaft darf man, mit Rücksicht auf die Verhältnisse anderer Länder, besonders im Hinblick auf die oft bestechlichen Gewerkschaftsbeamten in Amerika, sagen –, aber die früher erörterten Konsequenzen der Beamtenherrschaft traten auch in der Partei ein. Die bürgerlichen Parteien wurden seit den Achtzigerjahren vollends Honoratiorenzünfte. Gelegentlich zwar mußten die Parteien zu Reklamezwecken außer parteiliche Intelligenzen heranziehen, um sagen zu können: »diese und diese Namen haben wir«. Möglichst vermieden sie es, dieselben in die Wahl hineinkommen zu lassen, und nur wo es unvermeidlich war, der Betreffende es sich nicht anders gefallen ließ, geschah es.

Im Parlament [herrschte] der gleiche Geist. Unsere Parlamentsparteien waren und sind Zünfte. Jede Rede, die gehalten wird im Plenum des Reichstages, ist vorher durch rezensiert in der Partei. Das merkt man ihrer unerhörten Langeweile an. Nur wer als Redner bestellt ist, kann zu Wort kommen. Ein stärkerer Gegensatz gegen die englische, aber auch – aus ganz entgegengesetzten Gründen – die französische Gepflogenheit ist kaum denkbar. Jetzt ist infolge des gewaltigen Zusammenbruchs, den man Revolution zu nennen pflegt, vielleicht eine Umwandlung im Gange. Vielleicht – nicht sicher. Zunächst traten Ansätze zu neuen Arten von Parteiapparaten auf. Erstens Amateurapparate. Besonders oft vertreten durch Studenten der verschiedenen Hochschulen, die einem Mann, dem sie Führerqualitäten zuschreiben, sagen: wir wollen für Sie die nötige Arbeit versehen, führen Sie sie aus. Zweitens geschäfts-männische Apparate. Es kam vor, daß Leute zu Männern kamen, denen sie Führerqualitäten zuschrieben, und sich erboten, gegen feste Beträge für jede Wahlstimme die Werbung zu übernehmen.

Wenn Sie mich ehrlich fragen würden, welchen von diesen beiden Apparaten ich unter rein technisch-politischen Gesichtspunkten für verläßlicher halten wollte, so würde ich, glaube ich, den letzteren vorziehen. Aber beides waren schnell aufsteigende Blasen, die rasch wieder verschwanden. Die vorhandenen Apparate schichteten sich um, arbeiteten aber weiter. Jene Erscheinungen waren nur ein Symptom dafür, daß die neuen Apparate sich vielleicht schon einstellen würden, wenn nur – die Führer da wären. Aber schon die technische Eigentümlichkeit des Verhältniswahlrechts schloß deren Hochkommen aus. Nur ein paar Diktatoren der Straße entstanden und gingen wieder unter. Und nur die Gefolgschaft der Straßendiktatur ist in fester Disziplin organisiert: daher die Macht dieser verschwindenden Minderheiten.

Nehmen wir an, das änderte sich, so muß man sich nach dem früher Gesagten klarmachen: die Leitung der Parteien durch plebiszitäre Führer bedingt die »Entseelung« der Gefolgschaft, ihre geistige Proletarisierung, könnte man sagen. Um für den Führer als Apparat brauchbar zu sein, muß sie blind gehorchen, Maschine im amerikanischen Sinne sein, nicht gestört durch Honoratioreneitelkeit und Prätensionen eigener Ansichten. LINCOLNS Wahl war nur durch diesen Charakter der Parteiorganisation möglich, und bei GLADSTONE trat, wie erwähnt, das Gleiche im Caucus ein. Es ist das eben der Preis, womit man die Leitung durch Führer zahlt. Aber es gibt nur die Wahl: Führerdemokratie mit »Maschine« oder führerlose Demokratie, das heißt: die Herrschaft der »Berufspolitiker« ohne Beruf, ohne die inneren, charismatischen Qualitäten, die eben zum Führer machen. Und das bedeutet dann das, was die jeweilige Parteifronde gewöhnlich als Herrschaft des »Klüngels« bezeichnet.

Vorläufig haben wir nur dies letztere in Deutschland. Und für die Zukunft wird der Fortbestand, im Reich wenigstens, begünstigt einmal dadurch, daß doch wohl der Bundesrat wiedererstehen und notwendig die Macht des Reichstages und damit seine Bedeutung als Auslesestelle von Führern beschränken wird. Ferner durch das Verhältniswahlrecht, so wie es jetzt gestaltet ist: eine typische Erscheinung der führerlosen Demokratie, nicht nur weil es den Kuhhandel der Honoratioren um die Placierung begünstigt, sondern auch weil es künftig den Interessentenverbänden die Möglichkeit gibt, die Aufnahme ihrer Beamten in die Listen zu erzwingen und so ein unpolitisches Parlament zu schaffen, in dem echtes Führertum keine Stätte findet. Das einzige Ventil für das Bedürfnis nach Führertum könnte der Reichspräsident werden, wenn er plebiszitär, nicht parlamentarisch, gewählt wird.

Führertum auf dem Boden der Arbeitsbewährung könnte entstehen und ausgelesen werden vor allem dann, wenn in den großen Kommunen, wie in den Vereinigten Staaten überall da, wo man der Korruption ernstlich zuleibe [rücken] wollte, der plebiszitäre Stadtdiktator mit dem Recht, sich seine Büros selbständig zusammenzustellen, auf der Bildfläche erscheinen würde. Das würde eine auf solche Wahlen zugeschnittene Parteiorganisation bedingen. Aber die durchaus kleinbürgerliche Führerfeindschaft aller Parteien, mit Einschluß vor allem der Sozialdemokratie, läßt die künftige Art der Gestaltung der Parteien und damit all dieser Chancen noch ganz im Dunkel liegen.

Es ist daher heute noch in keiner Weise zu übersehen, wie sich äußerlich der Betrieb der Politik als »Beruf« gestalten wird, noch weniger infolgedessen: auf welchem Wege sich Chancen für politisch Begabte eröffnen, vor eine befriedigende politische Aufgabe gestellt zu werden. Für den, der »von« der Politik zu leben durch seine Vermögenslage genötigt ist, wird wohl immer die Alternative: Journalistik oder Parteibeamtenstellung als die typischen direkten Wege, oder eine der Interessenvertretungen: bei einer Gewerkschaft, Handelskammer, Landwirtschaftskammer, Handwerkskammer, Arbeitskammer, Arbeitgeberverbänden usw., oder [werden] geeignete kommunale Stellungen in Betracht kommen. Weiteres läßt sich über die äußere Seite nicht sagen als nur dies: daß der Parteibeamte mit dem Journalisten das Odium der »Deklassiertheit« trägt. »Lohnschreiber« dort – »Lohnredner« hier, wird es leider immer, sei es noch so unausgesprochen, in die Ohren klingen; wer dagegen innerlich wehrlos ist und sich selbst nicht die richtige Antwort zu geben vermag, bleibe dieser Laufbahn fern, die in jedem Falle neben schweren Versuchungen ein Weg ist, der fortwährende Enttäuschungen bringen kann.

Was vermag sie nun an inneren Freuden zu bieten, und welche persönlichen Vorbedingungen setzt sie bei dem voraus, der sich ihr zuwendet?

Nun, sie gewährt zunächst: Machtgefühl. Selbst in den formell bescheidenen Stellungen vermag den Berufspolitiker das Bewußtsein von Einfluß auf Menschen, von Teilnahme an der Macht über sie, vor allem aber: das Gefühl, einen Nervenstrang historisch wichtigen Geschehens mit in Händen zu halten, über den Alltag hinauszuheben. Aber die Frage ist nun für ihn: durch welche Qualitäten kann er hoffen, dieser (sei es auch im Einzelfall noch so eng umschriebenen) Macht und also der Verantwortung, die sie auf ihn legt, gerecht zu werden? Damit betreten wir das Gebiet ethischer Fragen; denn dahin gehört die Frage: was für ein Mensch man sein muß, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen zu dürfen.

Man kann sagen, daß drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß. Leidenschaft im Sinn von Sachlichkeit: leidenschaftliche Hingabe an eine »Sache«, an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter ist. Nicht im Sinne jenes inneren Gebarens, welches mein verstorbener Freund GEORG SIMMEL als »sterile Aufgeregtheit« zu bezeichnen pflegte, wie sie einem bestimmten Typus vor allem russischer Intellektueller (nicht etwa: allen von ihnen!) eignete, und welches jetzt in diesem Karneval, den man mit dem stolzen Namen einer »Revolution« schmückt, eine so große Rolle auch bei unseren Intellektuellen spielt: eine ins Leere verlaufende »Romantik des intellektuell Interessanten« ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl. Denn mit der bloßen, als noch so echt empfundenen Leidenschaft ist es freilich nicht getan.

Sie macht nicht zum Politiker, wenn sie nicht, als Dienst an einer »Sache«, auch die Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache zum entscheidenden Leitstern des Handelns macht. Und dazu bedarf es – und das ist die entscheidende psychologische Qualität des Politikers – des Augenmaßes, der Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, also: der Distanz zu den Dingen und Menschen. »Distanzlosigkeit«, rein als solche, ist eine der Todsünden jedes Politikers und eine jener Qualitäten, deren Züchtung bei dem Nachwuchs unserer Intellektuellen sie zu politischer Unfähigkeit verurteilen wird. Denn das Problem ist eben: wie heiße Leidenschaft und kühles Augenmaß miteinander in derselben Seele zusammengezwungen werden können? Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers oder der Seele. Und doch kann die Hingabe an sie, wenn sie nicht ein frivoles intellektuelles Spiel, sondern menschlich echtes Handeln sein soll, nur aus Leidenschaft geboren und gespeist werden. Jene starke Bändigung der Seele aber, die den leidenschaftlichen Politiker auszeichnet und ihn von den bloßen »steril aufgeregten« politischen Dilettanten unterscheidet, ist nur durch die Gewöhnung an Distanz – in jedem Sinn des Wortes – möglich.

Die »Stärke« einer politischen »Persönlichkeit« bedeutet in allererster Linie den Besitz dieser Qualitäten. Einen ganz trivialen, allzu menschlichen Feind hat daher der Politiker täglich und stündlich in sich zu überwinden: die ganz gemeine Eitelkeit, die Todfeindin aller sachlichen Hingabe und aller Distanz, in diesem Fall: der Distanz sich selbst gegenüber. Eitelkeit ist eine sehr verbreitete Eigenschaft, und vielleicht ist niemand ganz frei davon. Und in akademischen und Gelehrtenkreisen ist sie eine Art von Berufskrankheit. Aber gerade beim Gelehrten ist sie, so antipathisch sie sich äußern mag, relativ harmlos in dem Sinn: daß sie in aller Regel den wissenschaftlichen Betrieb nicht stört. Ganz anders beim Politiker. Er arbeitet mit dem Streben nach Macht als unvermeidlichem Mittel. »Machtinstinkt« – wie man sich auszudrücken pflegt – gehört daher in der Tat zu seinen normalen Qualitäten. Die Sünde gegen den heiligen Geist seines Berufs aber beginnt da, wo dieses Machtstreben unsachlich und ein Gegenstand rein persönlicher Selbstberauschung wird, anstatt ausschließlich in den Dienst der »Sache« zu treten.

Denn es gibt letztlich nur zwei Arten von Todsünden auf dem Gebiet der Politik: Unsachlichkeit und – oft, aber nicht immer, damit identisch – Verantwortungslosigkeit. Die Eitelkeit: das Bedürfnis, selbst möglichst sichtbar in den Vordergrund zu treten, führt den Politiker am stärksten in Versuchung, eine von beiden, oder beide, zu begehen. Um so mehr, als der Demagoge auf »Wirkung« zu rechnen gezwungen ist, – er ist eben deshalb stets in Gefahr, sowohl zum Schauspieler zu werden, wie die Verantwortung für die Folgen seines Tuns leicht zu nehmen und nur nach dem »Eindruck« zu fragen, den er macht. Seine Unsachlichkeit legt ihm nahe, den glänzenden Schein der Macht statt der wirklichen Macht zu erstreben, seine Verantwortungslosigkeit aber: die Macht lediglich um ihrer selbst willen, ohne inhaltlichen Zweck, zu genießen. Denn obwohl, oder vielmehr: gerade weil Macht das unvermeidliche Mittel und Machtstreben daher eine der treibenden Kräfte aller Politik ist, gibt es keine verderblichere Verzerrung der politischen Kraft, als das parvenümäßige Bramarbasieren mit Macht und die eitle Selbstbespiegelung in dem Gefühl der Macht, überhaupt jede Anbetung der Macht rein als solcher. Der bloße »Machtpolitiker«, wie ihn ein auch bei uns eifrig betriebener Kult zu verklären sucht, mag stark wirken, aber er wirkt in der Tat ins Leere und Sinnlose.

Darin haben die Kritiker der »Machtpolitik« vollkommen recht. An dem plötzlichen inneren Zusammenbruch typischer Träger dieser Gesinnung haben wir erleben können, welche innere Schwäche und Ohnmacht sich hinter dieser protzigen, aber gänzlich leeren Geste verbirgt. Sie ist Produkt einer höchst dürftigen und oberflächlichen Blasiertheit gegenüber dem Sinn menschlichen Handelns, welche keinerlei Verwandtschaft hat mit dem Wissen um die Tragik, in die alles Tun, zumal aber das politische Tun, in Wahrheit verflochten ist. Es ist durchaus wahr und eine – jetzt hier nicht näher zu begründende – Grundtatsache aller Geschichte, daß das schließliche Resultat politischen Handelns oft, nein: geradezu regelmäßig, in völlig unadäquatem, oft in geradezu paradoxem Verhältnis zu seinem ursprünglichen Sinn steht. Aber deshalb darf dieser Sinn: der Dienst an einer Sache, doch nicht etwa fehlen, wenn anders das Handeln inneren Halt haben soll. Wie die Sache auszusehen hat, in deren Dienst der Politiker Macht erstrebt und Macht verwendet, ist Glaubenssache.

Er kann nationalen oder menschheitlichen, sozialen und ethischen oder kulturlichen, innerweltlichen oder religiösen Zielen dienen, er kann getragen sein von starkem Glauben an den »Fortschritt« – gleichviel in welchem Sinn – oder aber diese Art von Glauben kühl ablehnen, kann im Dienst einer »Idee« zu stehen beanspruchen oder unter prinzipieller Ablehnung dieses Anspruches äußeren Zielen des Alltagslebens dienen wollen, – immer muß irgendein Glaube da sein. Sonst lastet in der Tat – das ist völlig richtig – der Fluch kreatürlicher Nichtigkeit auch auf den äußerlich stärksten politischen Erfolgen. Mit dem Gesagten sind wir schon in der Erörterung des letzten uns heute abend angehenden Problems begriffen: des Ethos der Politik als »Sache«. Welchen Beruf kann sie selbst, ganz unabhängig von ihren Zielen, innerhalb der sittlichen Gesamtökonomie der Lebensführung ausfüllen? Welches ist, sozusagen, der ethische Ort, an dem sie beheimatet ist? Da stoßen nun freilich letzte Weltanschauungen aufeinander, zwischen denen schließlich gewählt werden muß. Gehen wir resolut an das neuerdings wieder – nach meiner Ansicht in recht verkehrter Art – aufgerollte Problem heran.

Befreien wir es aber zunächst von einer ganz trivialen Verfälschung. Es kann nämlich zunächst die Ethik auftreten in einer sittlich höchst fatalen Rolle. Nehmen wir Beispiele. Sie werden selten finden, daß ein Mann, dessen Liebe sich von einer Frau ab- und einer anderen zuwendet, nicht das Bedürfnis empfindet, dies dadurch vor sich selbst zu legitimieren, daß er sagt: sie war meiner Liebe nicht wert, oder sie hat mich enttäuscht, oder was dergleichen »Gründe« mehr sind. Eine Unritterlichkeit, die zu dem schlichten Schicksal: daß er sie nicht mehr liebt und daß die Frau das tragen muß, in tiefer Unritterlichkeit sich eine »Legitimität« hinzudichtet, kraft deren er für sich ein Recht in Anspruch nimmt und zu dem Unglück noch das Unrecht auf sie zu wälzen trachtet. Ganz ebenso verfährt der erfolgreiche erotische Konkurrent: der Gegner muß der wertlosere sein, sonst wäre er nicht unterlegen. Nichts anderes ist es aber selbstverständlich, wenn nach irgendeinem siegreichen Krieg der Sieger in würdeloser Rechthaberei beansprucht: ich siegte, denn ich hatte recht. Oder, wenn jemand unter den Fürchterlichkeiten des Krieges seelisch zusammenbricht und nun, anstatt schlicht zu sagen, es war eben zu viel, jetzt das Bedürfnis empfindet, seine Kriegsmüdigkeit vor sich selbst zu legitimieren, indem er die Empfindung substituiert: ich konnte das deshalb nicht ertragen, weil ich für eine sittlich schlechte Sache fechten mußte.

Und ebenso bei dem im Kriege Besiegten. Statt nach alter Weiber Art nach einem Kriege nach dem »Schuldigen« zu suchen – wo doch die Struktur der Gesellschaft den Krieg erzeugte –, wird jede männliche und herbe Haltung dem Feinde sagen: »Wir verloren den Krieg, – ihr habt ihn gewonnen. Das ist nun erledigt: nun laßt uns darüber reden, welche Konsequenzen zu ziehen sind entsprechend den sachlichen Interessen, die im Spiel waren, und – die Hauptsache – angesichts der Verantwortung vor der Zukunft, die vor allem den Sieger belastet.« Alles andere ist würdelos und rächt sich. Verletzung ihrer Interessen verzeiht eine Nation, nicht aber Verletzung ihrer Ehre, am wenigsten eine solche durch pfäffische Rechthaberei. Jedes neue Dokument, das nach Jahrzehnten ans Licht kommt, läßt das würdelose Gezeter, den Haß und Zorn wieder aufleben, statt daß der Krieg mit seinem Ende wenigstens sittlich begraben würde. Das ist nur durch Sachlichkeit und Ritterlichkeit, vor allem nur: durch Würde möglich. Nie aber durch eine »Ethik«, die in Wahrheit eine Würdelosigkeit beider Seiten bedeutet.

Anstatt sich um das zu kümmern, was den Politiker angeht: die Zukunft und die Verantwortung vor ihr, befaßt sie sich mit politisch sterilen, weil unaustragbaren Fragen der Schuld in der Vergangenheit. Dies zu tun, ist politische Schuld, wenn es irgendeine gibt. Und dabei wird überdies die unvermeidliche Verfälschung des ganzen Problems durch sehr materielle Interessen übersehen: Interessen des Siegers am höchstmöglichen Gewinn – moralischen und materiellen –, Hoffnungen des Besiegten darauf, durch Schuldbekenntnisse Vorteile einzuhandeln: wenn es irgend etwas gibt, was »gemein« ist, dann dies, und das ist die Folge dieser Art von Benutzung der »Ethik« als Mittel des »Rechthabens«.

Wie steht es denn aber mit der wirklichen Beziehung zwischen Ethik und Politik? Haben sie, wie man gelegentlich gesagt hat, gar nichts miteinander zu tun? Oder ist es umgekehrt richtig, daß »dieselbe« Ethik für das politische Handeln wie für jedes andere gelte? Man hat zuweilen geglaubt, zwischen diesen beiden Behauptungen bestehe eine ausschließliche Alternative: entweder die eine oder die andere sei richtig. Aber ist es denn wahr: daß für erotische und geschäftliche, familiäre und amtliche Beziehungen, für die Beziehungen zu Ehefrau, Gemüsefrau, Sohn, Konkurrenten, Freund, Angeklagten die inhaltlich gleichen Gebote von irgendeiner Ethik der Welt aufgestellt werden könnten? Sollte es wirklich für die ethischen Anforderungen an die Politik so gleichgültig sein, daß diese mit einem sehr spezifischen Mittel: Macht, hinter der Gewaltsamkeit steht, arbeitet? Sehen wir nicht, daß die bolschewistischen und spartakistischen Ideologen, eben weil sie dieses Mittel der Politik anwenden, genau die gleichen Resultate herbeiführen wie irgendein militaristischer Diktator? Wodurch als eben durch die Person der Gewalthaber und ihren Dilettantismus unterscheidet sich die Herrschaft der Arbeiter- und Soldatenräte von der eines beliebigen Machthabers des alten Regimes?

Wodurch die Polemik der meisten Vertreter der vermeintlich neuen Ethik selbst gegen die von ihnen kritisierten Gegner von der irgendwelcher anderer Demagogen? Durch die edle Absicht!, wird gesagt werden. Gut. Aber das Mittel ist es, wovon hier die Rede ist, und den Adel ihrer letzten Absichten nehmen die befehdeten Gegner mit voller subjektiver Ehrlichkeit ganz ebenso für sich in Anspruch. »Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen«, und Kampf ist überall Kampf. Also: – die Ethik der Bergpredigt? Mit der Bergpredigt – gemeint ist: die absolute Ethik des Evangeliums – ist es eine ernstere Sache, als die glauben, die diese Gebote heute gern zitieren. Mit ihr ist nicht zu spaßen. Von ihr gilt, was man von der Kausalität in der Wissenschaft gesagt hat: sie ist kein Fiaker, den man beliebig halten lassen kann, um nach Befinden ein- und auszusteigen. Sondern: ganz oder gar nicht, das gerade ist ihr Sinn, wenn etwas anderes als Trivialitäten herauskommen soll. Also z.B. der reiche Jüngling: »Er aber ging traurig davon, denn er hatte viele Güter.« Das evangelische Gebot ist unbedingt und eindeutig: gib her, was du hast – alles, schlechthin. Der Politiker wird sagen: eine sozial sinnlose Zumutung, solange es nicht für alle durchgesetzt wird.

Also: Besteuerung, Wegsteuerung, Konfiskation, – mit einem Wort: Zwang und Ordnung gegen alle. Das ethische Gebot aber fragt danach gar nicht, das ist sein Wesen. Oder: »Halte den anderen Backen hin!« Unbedingt, ohne zu fragen, wieso es dem anderen zukommt, zu schlagen. Eine Ethik der Würdelosigkeit – außer: für einen Heiligen. Das ist es: man muß ein Heiliger sein in allem, zum mindesten dem Wollen nach, muß leben wie JESUS, die Apostel, der heilige FRANZ und seinesgleichen, dann ist diese Ethik sinnvoll und Ausdruck einer Würde. Sonst nicht. Denn wenn es in Konsequenz der akosmistischen Liebesethik heißt: »dem Übel nicht widerstehen mit Gewalt«, – so gilt für den Politiker umgekehrt der Satz: du sollst dem Übel gewaltsam widerstehen, sonst – bist du für seine Überhandnahme verantwortlich. Wer nach der Ethik des Evangeliums handeln will, der enthalte sich der Streiks – denn sie sind: Zwang – und gehe in die gelben Gewerkschaften. Er rede aber vor allen Dingen nicht von »Revolution«. Denn jene Ethik will doch wohl nicht lehren: daß gerade der Bürgerkrieg der einzig legitime Krieg sei. Der nach dem Evangelium handelnde Pazifist wird die Waffen ablehnen oder fortwerfen, wie es in Deutschland empfohlen wurde, als ethische Pflicht, um dem Krieg und damit: jedem Krieg, ein Ende zu machen. Der Politiker wird sagen: das einzig sichere Mittel, den Krieg für alle absehbare Zeit zu diskreditieren, wäre ein Statusquo-Friede gewesen.

Dann hätten sich die Völker gefragt: wozu war der Krieg? Er wäre ad absurdum geführt gewesen, – was jetzt nicht möglich ist. Denn für die Sieger – mindestens für einen Teil von ihnen – wird er sich politisch rentiert haben. Und dafür ist jenes Verhalten verantwortlich, das uns jeden Widerstand unmöglich machte. Nun wird – wenn die Ermattungsepoche vorbei sein wird – der Frieden diskreditiert sein, nicht der Krieg: eine Folge der absoluten Ethik. Endlich: die Wahrheitspflicht. Sie ist für die absolute Ethik unbedingt. Also, hat man gefolgert: Publikation aller, vor allem der das eigene Land belastenden Dokumente und auf Grund dieser einseitigen Publikation: Schuldbekenntnis, einseitig, bedingungslos, ohne Rücksicht auf die Folgen. Der Politiker wird finden, daß im Erfolg dadurch die Wahrheit nicht gefördert, sondern durch Mißbrauch und Entfesselung von Leidenschaft sicher verdunkelt wird; daß nur eine allseitige planmäßige Feststellung durch Unparteiische Frucht bringen könnte, jedes andere Vorgehen für die Nation, die derartig verfährt, Folgen haben kann, die in Jahrzehnten nicht wieder gutzumachen sind. Aber nach »Folgen« fragt eben die absolute Ethik nicht.

Da liegt der entscheidende Punkt. Wir müssen uns klarmachen, daß alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann »gesinnungsethisch« oder »verantwortungsethisch« orientiert sein. Nicht daß Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: »Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim« –,  oder unter der verantwortungsethischen: daß man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Sie mögen einem überzeugten gesinnungsethischen Syndikalisten noch so überzeugend darlegen: daß die Folgen seines Tuns die Steigerung der Chancen der Reaktion, gesteigerte Bedrückung seiner Klasse, Hemmung ihres Aufstiegs sein werden, – und es wird auf ihn gar keinen Eindruck machen. Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung übel sind, so gilt ihm, nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen oder – der Wille des Gottes, der sie so schuf.

Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit eben jenen durchschnittlichen Defekten der Menschen, – er hat, wie FICHTE richtig gesagt hat, gar kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen, er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen. Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet. »Verantwortlich« fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, daß die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z.B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen.

Aber auch damit ist das Problem noch nicht zu Ende. Keine Ethik der Welt kommt um die Tatsache herum, daß die Erreichung »guter« Zwecke in zahlreichen Fällen daran gebunden ist, daß man sittlich bedenkliche oder mindestens gefährliche Mittel und die Möglichkeit oder auch die Wahrscheinlichkeit übler Nebenerfolge mit in den Kauf nimmt, und keine Ethik der Welt kann ergeben: wann und in welchem Umfang der ethisch gute Zweck die ethisch gefährlichen Mittel und Nebenerfolge »heiligt«.

Für die Politik ist das entscheidende Mittel: die Gewaltsamkeit, und wie groß die Tragweite der Spannung zwischen Mittel und Zweck, ethisch angesehen, ist, mögen Sie daraus entnehmen, daß, wie jedermann weiß, sich die revolutionären Sozialisten (Zimmerwalder Richtung) schon während des Krieges9 zu dem Prinzip bekannten, welches man dahin prägnant formulieren könnte: »Wenn wir vor der Wahl stehen, entweder noch einige Jahre Krieg und dann Revolution oder jetzt Friede und keine Revolution, so wählen wir: noch einige Jahre Krieg!« Auf die weitere Frage: »Was kann diese Revolution mit sich bringen?«, würde jeder wissenschaftlich geschulte Sozialist geantwortet haben: daß von einem Übergang zu einer Wirtschaft, die man sozialistisch nennen könne in sei nem Sinne, keine Rede sei, sondern daß eben wieder eine Bourgeoisiewirtschaft entstehen würde, die nur die feudalen Elemente und dynastischen Reste abgestreift haben könnte. – Für dies bescheidene Resultat also: »noch einige Jahre Krieg«! Man wird doch wohl sagen dürfen, daß man hier auch bei sehr handfest sozialistischer Überzeugung den Zweck ablehnen könne, der derartige Mittel erfordert. Beim Bolschewismus und Spartakismus, überhaupt bei jeder Art von revolutionärem Sozialismus, liegt aber die Sache genau ebenso, und es ist natürlich höchst lächerlich, wenn von dieser Seite die »Gewaltpolitiker« des alten Regimes wegen der Anwendung des gleichen Mittels sittlich verworfen werden, – so durchaus berechtigt die Ablehnung ihrer Ziele sein mag.

Hier, an diesem Problem der Heiligung der Mittel durch den Zweck, scheint nun auch die Gesinnungsethik überhaupt scheitern zu müssen. Und in der Tat hat sie logischerweise nur die Möglichkeit: jedes Handeln, welches sittlich gefährliche Mittel anwendet, zu verwerfen. Logischerweise. In der Welt der Realitäten machen wir freilich stets erneut die Erfahrung, daß der Gesinnungsethiker plötzlich umschlägt in den chiliastischen Propheten, daß z.B. diejenigen, die soeben »Liebe gegen Gewalt« gepredigt haben, im nächsten Augenblick zur Gewalt aufrufen, – zur letzten Gewalt, die dann den Zustand der Vernichtung aller Gewaltsamkeit bringen würde, – [ebenso] wie unsere Militärs den Soldaten bei jeder Offensive sagten: es sei die letzte, sie werde den Sieg und dann den Frieden bringen. Der Gesinnungsethiker erträgt die ethische Irrationalität der Welt nicht. Er ist kosmisch-ethischer »Rationalist«. Sie erinnern sich, jeder von Ihnen, der DOSTOJEWSKIJ kennt, der Szene mit dem Großinquisitor, wo das Problem treffend auseinandergelegt ist. Es ist nicht möglich, Gesinnungsethik und Verantwortungsethik unter einen Hut zu bringen oder ethisch zu dekretieren: welcher Zweck welches Mittel heiligen solle, wenn man diesem Prinzip überhaupt irgendwelche Konzessionen macht.

Der von mir der zweifellosen Lauterkeit seiner Gesinnung nach persönlich hochgeschätzte, als Politiker freilich unbedingt abgelehnte Kollege F. W. FOERSTER glaubt, in seinem Buch um die Schwierigkeit herumzukommen durch die einfache These: aus Gutem kann nur Gutes, aus Bösem nur Böses folgen. Dann existierte freilich diese ganze Problematik nicht. Aber es ist doch erstaunlich, daß 2500 Jahre nach den Upanishaden eine solche These noch das Licht der Welt erblicken konnte. Nicht nur der ganze Verlauf der Weltgeschichte, sondern jede rückhaltlose Prüfung der Alltagserfahrung sagt ja das Gegenteil. Die Entwicklung aller Religionen der Erde beruht ja darauf, daß das Gegenteil wahr ist. Das uralte Problem der Theodizee ist ja die Frage: Wie kommt es, daß eine Macht, die als zugleich allmächtig und gütig hingestellt wird, eine derartig irrationale Welt des unverdienten Leidens, des ungestraften Unrechts und der unverbesserlichen Dummheit hat erschaffen können? Entweder ist sie das eine nicht oder das andere nicht, oder es regieren gänzlich andere Ausgleichs- und Vergeltungsprinzipien das Leben, solche, die wir metaphysisch deuten können, oder auch solche, die unserer Deutung für immer entzogen sind. Dies Problem: die Erfahrung von der Irrationalität der Welt war ja die treibende Kraft aller Religionsentwicklung.

Die indische Karmanlehre und der persische Dualismus, die Erbsünde, die Prädestination und der Deus absconditus sind alle aus dieser Erfahrung herausgewachsen. Auch die alten Christen wußten sehr genau, daß die Welt von Dämonen regiert sei, und daß, wer mit der Politik, das heißt: mit Macht und Gewaltsamkeit als Mitteln, sich einläßt, mit diabolischen Mächten einen Pakt schließt, und daß für sein Handeln es nicht wahr ist: daß aus Gutem nur Gutes, aus Bösem nur Böses kommen könne, sondern oft das Gegenteil. Wer das nicht sieht, ist in der Tat politisch ein Kind.

Die religiöse Ethik hat sich mit der Tatsache, daß wir in verschiedene, untereinander verschiedenen Gesetzen unterstehende Lebensordnungen hineingestellt sind, verschieden abgefunden. Der hellenische Polytheismus opferte der Aphrodite ebenso wie der Hera, dem Dionysos wie dem Apollon und wußte: sie lagen untereinander nicht selten im Streit. – Die hinduistische Lebensordnung machte jeden der verschiedenen Berufe zum Gegenstand eines besonderen ethischen Gesetzes, eines Dharma, und schied sie kastenmäßig für immer voneinander, stellte sie dabei in eine feste Ranghierarchie, aus der es für den hierin Geborenen kein Entrinnen gab, außer in der Wiedergeburt im nächsten Leben, und stellte sie dadurch in verschieden große Distanz zu den höchsten religiösen Heilsgütern. So war es ihr möglich, das Dharma jeder einzelnen Kaste, von den Asketen und Brahmanen bis zu den Spitzbuben und Dirnen, den immanenten Eigengesetzlichkeiten des Berufs entsprechend auszubauen. Darunter auch Krieg und Politik. Die Einordnung des Krieges in die Gesamtheit der Lebensordnungen finden Sie vollzogen im Bhagavadgîtâ, in der Unterredung zwischen KRISHNA und ARJUNA. »Tue das notwendige« – das heißt das nach dem Dharma der Kriegerkaste und ihren Regeln pflichtmäßige, dem Kriegszweck entsprechend sachlich notwendige – »Werk«: das schädigt das religiöse Heil nach diesem Glauben nicht, sondern dient ihm.

INDRAS Himmel war dem indischen Krieger beim Heldentod von jeher ebenso sicher wie Walhall dem Germanen. Nirvâna aber hätte jener ebenso verschmäht, wie dieser das christliche Paradies mit seinen Engelchören. Diese Spezialisierung der Ethik ermöglichte der indischen Ethik eine gänzlich ungebrochene, nur den Eigengesetzen der Politik folgende, ja diese radikal steigernde Behandlung dieser königlichen Kunst. Der wirklich radikale »Macchiavellismus« im populären Sinn dieses Wortes ist in der indischen Literatur im Arthashâstra des KAUTILYA (lange vorchristlich, angeblich aus CHANDRAGUPTAS Zeit) klassisch vertreten; dagegen ist MACCHIAVELLIS »Principe« harmlos. – In der katholischen Ethik, der Professor FOERSTER sonst nahesteht, sind bekanntlich die »consilia evangelica« eine Sonderethik für die mit dem Charisma des heiligen Lebens Begabten. Da steht neben dem Mönch, der kein Blut vergießen und keinen Erwerb suchen darf, der fromme Ritter und Bürger, die, der eine dies, der andere jenes, dürfen. Die Abstufung der Ethik und ihre Einfügung in einen Organismus der Heilslehre ist minder konsequent als in Indien, mußte und durfte dies auch nach den christlichen Glaubensvoraussetzungen sein.

Die erbsündliche Verderbtheit der Welt gestattete eine Einfügung der Gewaltsamkeit in die Ethik als Zuchtmittel gegen die Sünde und die seelengefährdenden Ketzer relativ leicht. – Die rein gesinnungsethischen, akosmistischen Forderungen der Bergpredigt aber und das darauf ruhende religiöse Naturrecht als absolute Forderung behielten ihre revolutionierende Gewalt und traten in fast allen Zeiten sozialer Erschütterung mit elementarer Wucht auf den Plan. Sie schufen insbesondere die radikal-pazifistischen Sekten, deren eine in Pennsylvanien das Experiment eines nach außen gewaltlosen Staatswesens machte, – tragisch in seinem Verlauf insofern, als die Quäker, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, für ihre Ideale, die er vertrat, nicht mit der Waffe eintreten konnten. – Der normale Protestantismus dagegen legitimierte den Staat, also: das Mittel der Gewaltsamkeit, als göttliche Einrichtung absolut und den legitimen Obrigkeitsstaat insbesondere.

Die ethische Verantwortung für den Krieg nahm LUTHER dem Einzelnen ab und wälzte sie auf die Obrigkeit, der zu gehorchen in anderen Dingen als Glaubenssachen niemals schuldhaft sein konnte. – Der Kalvinismus wieder kannte prinzipiell die Gewalt als Mittel der Glaubensverteidigung, also den Glaubenskrieg, der im Islâm von Anfang an Lebenselement war. – Man sieht: es ist durchaus nicht moderner, aus dem Heroenkult der Renaissance geborener Unglaube, der das Problem der politischen Ethik aufwirft. Alle Religionen haben damit gerungen, mit höchst verschiedenem Erfolg, – und nach dem Gesagten konnte es auch nicht anders sein. Das spezifische Mittel der legitimen Gewaltsamkeit rein als solches in der Hand menschlicher Verbände ist es, was die Besonderheit aller ethischen Probleme der Politik bedingt.

Wer immer mit diesem Mittel paktiert, zu welchen Zwecken immer – und jeder Politiker tut das-, der ist seinen spezifischen Konsequenzen ausgeliefert. In besonders hohem Maß ist es der Glaubenskämpfer, der religiöse wie der revolutionäre. Nehmen wir getrost die Gegenwart als Beispiel an. Wer die absolute Gerechtigkeit auf Erden mit Gewalt herstellen will, der bedarf dazu der Gefolgschaft: des menschlichen »Apparates«. Diesem muß er die nötigen inneren und äußeren Prämien – himmlischen oder irdischen Lohn – in Aussicht stellen, sonst funktioniert er nicht. Also innere: unter der Bedingung des modernen Klassenkampfes, Befriedigung des Hasses und der Rachsucht, vor allem: des Ressentiments und des Bedürfnisses nach pseudo-ethischer Rechthaberei, also des Verlästerungs- und Verketzerungsbedürfnisses gegen die Gegner. Äußere: Abenteuer, Sieg, Beute, Macht und Pfründen.

Von dem Funktionieren dieses seines Apparates ist der Führer in seinem Erfolg völlig abhängig. Daher auch von dessen – nicht: von seinen eigenen – Motiven. Davon also, daß der Gefolgschaft: der roten Garde, den Spitzeln, den Agitatoren, deren er bedarf, jene Prämien dauernd gewährt werden können. Was er unter solchen Bedingungen seines Wirkens tatsächlich erreicht, steht daher nicht in seiner Hand, sondern ist ihm vorgeschrieben durch jene ethisch überwiegend gemeinen Motive des Handelns seiner Gefolgschaft, die nur im Zaum gehalten werden, solange ehrlicher Glaube an seine Person und seine Sache wenigstens einen Teil der Genossenschaft: wohl nie auf Erden auch nur die Mehrzahl, beseelt. Aber nicht nur ist dieser Glaube, auch wo er subjektiv ehrlich ist, in einem sehr großen Teil der Fälle in Wahrheit nur die ethische »Legitimierung« der Rache-, Macht-, Beute- und Pfründensucht: – darüber lassen wir uns nichts vorreden, denn die materialistische Geschichtsdeutung ist auch kein beliebig zu besteigender Fiaker und macht vor den Trägern von Revolutionen nicht halt! –, sondern vor allem: der traditionalistische Alltag kommt nach der emotionalen Revolution, der Glaubensheld und vor allem der Glaube selbst schwindet oder wird – was noch wirksamer ist – Bestandteil der konventionellen Phrase der politischen Banausen und Techniker.

Diese Entwicklung vollzieht sich gerade beim Glaubenskampf besonders schnell, weil er von echten Führern: Propheten der Revolution, geleitet oder inspiriert zu werden pflegt. Denn wie bei jedem Führerapparat, so auch hier, ist die Entleerung und Versachlichung, die seelische Proletarisierung im Interesse der »Disziplin«, eine der Bedingungen des Erfolges. Die herrschend gewordene Gefolgschaft eines Glaubenskämpfers pflegt daher besonders leicht in eine ganz gewöhnliche Pfründnerschicht zu entarten. Wer Politik überhaupt und wer vollends Politik als Beruf betreiben will, hat sich jener ethischen Paradoxien und seiner Verantwortung für das, was aus ihm selbst unter ihrem Druck werden kann, bewußt zu sein. Er läßt sich, ich wiederhole es, mit den diabolischen Mächten ein, die in jeder Gewaltsamkeit lauem. Die großen Virtuosen der akosmistischen Menschenliebe und Güte, mochten sie aus Nazareth oder aus Assisi oder aus indischen Königsschlössern stammen, haben nicht mit dem politischen Mittel: der Gewalt, gearbeitet, ihr Reich war »nicht von dieser Welt«, und doch wirkten und wirken sie in dieser Welt, und die Figuren des PLATON KARATAJEW und der DOSTOJEWSKIJschen Heiligen sind immer noch ihre adäquatesten Nachkonstruktionen.

Wer das Heil seiner Seele und die Rettung anderer Seelen sucht, der sucht das nicht auf dem Wege der Politik, die ganz andere Aufgaben hat: solche, die nur mit Gewalt zu lösen sind. Der Genius, oder Dämon, der Politik lebt mit dem Gott der Liebe, auch mit dem Christengott in seiner kirchlichen Ausprägung, in einer inneren Spannung, die jederzeit in unaustragbarem Konflikt ausbrechen kann. Das wußten die Menschen auch in den Zeiten der Kirchenherrschaft. Wieder und wieder lag das Interdikt – und das bedeutete damals eine für die Menschen und ihr Seelenheil weit massivere Macht als die (mit FICHTE zu reden) »kalte Billigung« des kantianischen ethischen Urteils – auf Florenz, die Bürger aber fochten gegen den Kirchenstaat. Und mit Bezug auf solche Situationen läßt MACCHIAVELLI an einer schönen Stelle, irre ich nicht: der Florentiner Geschichten, einen seiner Helden jene Bürger preisen, denen die Größe der Vaterstadt höher stand als das Heil ihrer Seele.

Wenn Sie statt Vaterstadt oder »Vaterland«, was ja zur Zeit nicht jedem ein eindeutiger Wert sein mag, sagen: »die Zukunft des Sozialismus« oder auch der »internationalen Befriedung«, – dann haben Sie das Problem in der Art, wie es jetzt liegt. Denn das alles, erstrebt durch politisches Handeln, welches mit gewaltsamen Mitteln und auf dem Wege der Verantwortungsethik arbeitet, gefährdet das »Heil der Seele«. Wenn ihm aber mit reiner Gesinnungsethik im Glaubenskampf nachgejagt wird, dann kann es Schaden leiden und diskreditiert werden auf Generationen hinaus, weil die Verantwortung für die Folgen fehlt. Denn dann bleiben dem Handelnden jene diabolischen Mächte, die im Spiel sind, unbewußt. Sie sind unerbittlich und schaffen Konsequenzen für sein Handeln, auch für ihn selbst innerlich, denen er hilflos preisgegeben ist, wenn er sie nicht sieht. »Der Teufel, der ist alt.« Und nicht die Jahre, nicht das Lebensalter ist bei dem Satz gemeint: »so werdet alt, ihn zu verstehen«. Mit dem Datum des Geburtsscheines bei Diskussionen überstochen zu werden, habe auch ich mir nie gefallen lassen; aber die bloße Tatsache, daß einer 20 Jahre zählt und ich über 50 bin, kann mich schließlich auch nicht veranlassen zu meinen, das allein wäre eine Leistung, vor der ich in Ehrfurcht ersterbe. Nicht das Alter macht es. Aber allerdings: die geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens, und die Fähigkeit, sie zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein.

Wahrlich: Politik wird zwar mit dem Kopf, aber ganz gewiß nicht nur mit dem Kopf gemacht. Darin haben die Gesinnungsethiker durchaus recht. Ob man aber als Gesinnungsethiker oder als Verantwortungsethiker handeln soll, und wann das eine und das andere, darüber kann man niemandem Vorschriften machen. Nur eins kann man sagen: wenn jetzt in diesen Zeiten einer, wie Sie glauben, nicht »sterilen« Aufgeregtheit – aber Aufgeregtheit ist eben doch und durchaus nicht immer echte Leidenschaft –, wenn da plötzlich die Gesinnungspolitiker massenhaft in das Kraut schießen mit der Parole: »Die Welt ist dumm und gemein, nicht ich; die Verantwortung für die Folgen trifft nicht mich, sondern die anderen, in deren Dienst ich arbeite, und deren Dummheit oder Gemeinheit ich ausrotten werde«, so sage ich offen: daß ich zunächst einmal nach dem Maße des inneren Schwergewichts frage, das hinter dieser Gesinnungsethik steht, und den Eindruck habe: daß ich es in neun von zehn Fällen mit Windbeuteln zu tun habe, die nicht real fühlen, was sie auf sich nehmen, sondern sich an romantischen Sensationen berauschen.

Das interessiert mich menschlich nicht sehr und erschüttert mich ganz und gar nicht. Während es unermeßlich erschütternd ist, wenn ein reifer Mensch – einerlei ob alt oder jung an Jahren –, der diese Verantwortung für die Folgen real und mit voller Seele empfindet und verantwortungsethisch handelt, an irgendeinem Punkte sagt: »Ich kann nicht anders, hier stehe ich.« Das ist etwas, was menschlich echt ist und ergreift. Denn diese Lage muß freilich für jeden von uns, der nicht innerlich tot ist, irgendwann eintreten können. Insofern sind Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht absolute Gegensätze, sondern Ergänzungen, die zusammen erst den echten Menschen ausmachen, den, der den »Beruf zur Politik« haben kann.

Und nun, verehrte Anwesende, wollen wir uns nach zehn Jahren über diesen Punkt einmal wieder sprechen. Wenn dann, wie ich leider befürchten muß, aus einer ganzen Reihe von Gründen, die Zeit der Reaktion längst hereingebrochen und von dem, was gewiß viele von Ihnen und, wie ich offen gestehe, auch ich gewünscht und gehofft haben, wenig, vielleicht nicht gerade nichts, aber wenigstens dem Scheine nach wenig in Erfüllung gegangen ist – das ist sehr wahrscheinlich, es wird mich nicht zerbrechen, aber es ist freilich eine innerliche Belastung, das zu wissen –, dann wünschte ich wohl zu sehen, was aus denjenigen von Ihnen, die jetzt sich als echte »Gesinnungspolitiker« fühlen und an dem Rausch teilnehmen, den diese Revolution bedeutet, – was aus denen im inneren Sinne des Wortes »geworden« ist. Es wäre ja schön, wenn die Sache so wäre, daß dann SHAKESPEARES 102. Sonett gelten würde:

Damals war Lenz und unsere Liebe grün,

Da grüßt‘ ich täglich sie mit meinem Sang,

So schlägt die Nachtigall in Sommers Blühn –

Und schweigt den Ton in reifrer Tage Gang.

Aber so ist die Sache nicht. Nicht das Blühen des Sommers liegt vor uns, sondern zunächst eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte, mag äußerlich jetzt siegen welche Gruppe auch immer. Denn: wo nichts ist, da hat nicht nur der Kaiser, sondern auch der Proletarier[559] sein Recht verloren. Wenn diese Nacht langsam weichen wird, wer wird dann von denen noch leben, deren Lenz jetzt scheinbar so üppig geblüht hat? Und was wird aus Ihnen allen dann innerlich geworden sein? Verbitterung oder Banausentum, einfaches stumpfes Hinnehmen der Welt und des Berufes oder, das dritte und nicht Seltenste: mystische Weltflucht bei denen, welche die Gabe dafür haben, oder – oft und übel – sie als Mode sich anquälen? In jedem solchen Fall werde ich die Konsequenz ziehen: die sind ihrem eigenen Tun nicht gewachsen gewesen, nicht gewachsen auch der Welt, so wie sie wirklich ist, und ihrem Alltag: sie haben den Beruf zur Politik, den sie für sich in sich glaubten, objektiv und tatsächlich im innerlichsten Sinn nicht gehabt. Sie hätten besser getan, die Brüderlichkeit schlicht und einfach von Mensch zu Mensch zu pflegen und im übrigen rein sachlich an ihres Tages Arbeit zu wirken.

Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, daß man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre. Aber der, der das tun kann, muß ein Führer und nicht nur das, sondern auch – in einem sehr schlichten Wortsinn – ein Held sein. Und auch die, welche beides nicht sind, müssen sich wappnen mit jener Festigkeit des Herzens, die auch dem Scheitern aller Hoffnungen gewachsen ist, jetzt schon, sonst werden sie nicht imstande sein, auch nur durchzusetzen, was heute möglich ist. Nur wer sicher ist, daß er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, daß er all dem gegenüber: »dennoch!« zu sagen vermag, nur der hat den »Beruf« zur Politik.[560]

Fußnoten:
1. Zweiter Vortrag im Rahmen einer Vortragsreihe »Geistige Arbeit als Beruf«, gehalten im Revolutionswinter 1918/19 vor dem Freistudententischen Bund in München. Ausarbeitung des Verfassers auf Grund einer stenographischen Nachschrift, im Druck erschienen im Oktober 1919. (D.H.)

2. Das Nähere ergibt die posthum veröffentlichte Abhandlung des Verfassers »Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft« [Preußische Jahrbücher, 187. Band (1922), S. 1-12]. (D.H.)

3. MAXIMILIAN I. (D.H.)

4. 1882. (D.H.)

5. Cahiers de doléances. (D.H.)

6. 1831; Reformakte 1832. (D.H.)

7. 1829-1837. (D.H.)

8. 1904. (D.H.)

9. 1914-1918. (D.H.)

Quelle:
Max Weber: Gesammelte politische Schriften. Hrsg. von Johannes Winckelmann. Tübingen 51988, S. 561.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20011441720 – Lizenz: Gemeinfrei.


Immer schön cool bleiben – Leon Battista Alberti riet schon 1445 zu mehr Gelassenheit.

Der Traum von einstiger Macht und Größe.

Ob Russland, Serbien oder die Türkei: Revisionistische Mächte sind die größte Herausforderung jeder Friedensordnung. Es gibt genau drei Strategien, ihnen zu begegnen – ein Gastbeitrag von Herfried Münkler.

Bis Ende Februar konnte man noch rätseln, ob es dem russischen Präsidenten Putin bei seinen aggressiven Aktionen seit dem Georgien-Krieg von 2008 „nur“ darum gehe, ein Vorrücken der Nato bis an die Grenzen Russlands zu verhindern, oder ob er eine leidlich funktionierende Demokratie in einem postsowjetischen Staat als Bedrohung seines eigenen Regimes fürchtete oder ob er Russland in den Grenzen des einstigen Zarenreichs oder auch der untergegangenen Sowjetunion wiederherstellen wollte. In der Analyse haben sich diese drei Zielsetzungen nicht ausgeschlossen, aber für das eigene Gegenhandeln war ausschlaggebend, welches Motiv Putin wesentlich antrieb. Inzwischen ist klar, dass der Mann im Kreml eine groß angelegte Revision der europäischen Ordnung anstrebt.

Wie umfassend diese Revision sein soll, ist indes weiterhin unklar: Geht es bloß um Belarus, Kasachstan und die Ukraine – insgesamt oder nur in Teilen –, oder wird eine russische Herrschaft über ganz Ost- und Ostmitteleuropa angestrebt, wie sie im 19. Jahrhundert und im Gefolge des Zweiten Weltkriegs bestand? Bei der Beantwortung dieser Frage ist auch zu bedenken, dass über den Ausgang der Bestrebungen nicht allein die Absichten der revisionistischen Macht, sondern auch der Widerstandswille der für die bestehende Ordnung Eintretenden entscheidet. Letzterer ist freilich auch davon abhängig, wie weit die Revisionen gehen sollen, ob nur kleinere Veränderungen oder eine Totalrevision angestrebt wird.

Revisionistische Mächte sind die größte Herausforderung jeder Friedensordnung. Kluge und weitsichtige Konstrukteure von Friedensverträgen sind deswegen darauf bedacht, die Entstehung revisionistischer Mächte zu verhindern oder aber, wenn sich das nicht vermeiden lässt, diese so weit zu schwächen, dass sie nicht revisionsfähig sind. Europa betreffend ist das eigentlich nur im Westfälischen Frieden und im Wiener Kongress gelungen – und in Letzterem auch nur um den Preis, dass die nationalen Aspirationen der Deutschen unbefriedigt blieben. Nach dem Frankfurter Frieden von 1871 war Frankreich eine revisionistische Macht, die Elsass-Lothringen zurückhaben wollte; nach dem Versailler Friedensvertrag war es Deutschland, das auf eine Gesamtrevision der Pariser Friedensordnung aus war. Dass nach 1945 in Europa keine Revisionsvorstellungen aufkamen, lag am atomaren Patt und an der militärischen Präsenz der Siegermächte. Dass nach dem Zerfall der Sowjetunion dann Russland eine latent revisionistische Macht war, dürfte den kompetenten Beobachtern klar gewesen sein, und schließlich, dass es seit Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer manifest revisionistischen Macht wurde. Die Herausforderung der Europäer bestand darin, den russischen Revisionismus unterhalb der Schwelle des Akutwerdens zu halten. Daran sind sie gescheitert.

Prinzipiell lassen sich drei Typen des Umgangs mit revisionistischen Akteuren unterscheiden: der Abkauf von Revisionsideen durch Wohlstandstransfer, die Besänftigung der Revisionswünsche durch politisches Entgegenkommen und die Abschreckung des Revisionisten durch den Aufbau überlegener militärischer Fähigkeiten und die unbezweifelbare Bereitschaft zu deren Einsatz. Das sind die grundsätzlichen Optionen, die politisch zumeist kombiniert werden, weil man sich bei den Absichten des revisionistischen Akteurs nicht sicher ist und zugleich nach der für einen selbst „kostengünstigsten“ Lösung sucht. Und natürlich hängt viel davon ab, wie der revisionistische Akteur auf das jeweilige Gegenhandeln reagiert. Revisionsabkauf durch Wohlstandstransfer läuft in der Regel auf wirtschaftliche Verflechtung hinaus, auf gegenseitige Abhängigkeiten, die über die damit verbundenen Ströme von Gütern und Kapital die Erinnerung an einstige Macht und Größe verblassen lassen. Nationaler Stolz wird durch materielles Wohlergehen relativiert, der Genuss der Gegenwart zehrt die verbitterte Erinnerung an das Vergangene auf.

Dieses Modell hat die Deutschen seit den 1950er-Jahren mehr und mehr pazifiziert; darüber hinaus war es die Grundlage des Europaprojekts von der Montanunion bis zur EU. Das Vorhaben, Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion auf diesem Weg in die europäische Friedensordnung einzubinden, war also naheliegend. Die Fülle der Energiepipelines aus Russland nach Europa – Nord Stream 2 ist ja nur eine davon – zeugt von der Intensität, mit der die Europäer diese Lösung verfolgt haben. Sie hat, wie wir inzwischen wissen, nicht die gewünschte Wirkung gezeitigt, da die NATO, die USA ist und diese andere Interessen hatten und haben – weiterlesen in der ZEIT.


Update 24.08.2022 – eine Rezension von Alexander Cammann:


Leon Battista Alberti (1404 – 1472) © Hulton Archive/​Getty Images

Merkwürdig ist es ja schon, dass der Mensch so viel auf die Beine stellt: Kunst und Technik zum Beispiel, Krieg und Frieden, ständig Fortschritt und Rückschritt, Aufbau und Zerstörung. Und das gelingt ihm alles ziemlich gut, oder sagen wir besser: intensiv, obwohl ja der moderne Mensch ein durch und durch krisengeschütteltes Wesen ist. Denn Optimismus ist im Normalfall doch nur eine kurzlebige Angelegenheit zwischen diversen Abgründen. Außerirdische müssen das für paradox halten an den seltsamen Erdenbewohnern: Das hemmungslose Leiden an uns selbst, die Niedergeschlagenheit, die millionenfache Verzweiflung, all die schlechte Stimmung und Übellaunigkeit angesichts täglicher Düsternis und auswegloser Lagen führen eben nicht zur logisch daraus folgenden totalen Apathie, zum allgemeinen „Füße hoch“ und In-den-Himmel-Starren. Nein, stattdessen rollen, rumpeln und rackern wir Mängelwesen hienieden immer weiter.
Mit den Abgründen wird man heutzutage beim Weiterruckeln dennoch nicht allein gelassen:

Eine Flut an Ratgeberliteratur erklärt einem, wie man am besten mit ihnen umgeht, den Gefühlsnöten und inneren Dramen, den psychischen Dellen oder Kratern.

Früher half die Bibel, auch haben sich die Philosophen seit der Antike um das menschliche Innere gekümmert. Jetzt liegt eine der zauberhaftesten und formvollendetsten Grübeleien darüber kongenial übersetzt und hervorragend kommentiert erstmals auf Deutsch vor:

Leon Battista Albertis bald 600 Jahre alte Schrift Über die Seelenruhe. Der bahnbrechende Florentiner Architekturtheoretiker und Baumeister, der Humanist und Kunsttheoretiker fingiert hier in typischer Renaissancemanier einen Dialog zweier kluger, ganz realer Geister, denen er angeblich lauscht:

Agnolo Pandolfini und Nicola de’ Medici, „Männer voll Bürgersinn und Erfahrung“, spazieren mit Alberti um 1445 in Florenz um die Kathedrale Santa Maria del Fiore und philosophieren dabei über die ach so unruhige menschliche Seele – diesem Trio heute lesend hinterherzuflanieren ist das reinste Vergnügen. „Bei allen empfiehlt es sich, zögerlich zu sein mit dem Glauben und der Überzeugung, jeder Mensch sei gut“, weiß Agnolo Pandolfini, während Alberti rätselt: „Wir Menschen aber, die wir dazu geboren sind, sanftmütig, genügsam und umgänglich zu sein, scheinen doch immer versucht, anderen Menschen gegenüber anmaßend, zudringlich und feindselig zu sein.“

Sie erwägen mit allen griechischen Göttern Tugenden und Techniken des Selbst, wie man heute sagen würde („Mäßige Meinung und Urteil, und du wirst die Affekte und Regungen der Seele besänftigen“) – und sie haben als Psycho-Profis immer, wenn es zu versponnen wird, eine zeitlose Ratgeberweisheit parat: „Die zur rechten Zeit gereifte Frucht kommt nie zu spät“ – Leon Battista Alberti: „Über die Seelenruhe“. Hrsg. v. Hana Gründler; aus d. Italienischen von Victoria Lorini; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022.


Update 19.08.2022:
Deutschland jammert über Gasknappheit, Inflation und die Kosten durch Putins Krieg. Aber jetzt, in der Krise, entsteht ein gewaltiger Modernisierungsschub! Von Michael Thumann – ZEIT.

Erwischen Sie sich auch manchmal beim hungrigen Konsumieren der neuesten Hiobsbotschaften? Wenn ich durch die Morgennachrichten blättere, reiht sich eine schlechte Nachricht an die andere. Dann kann ich gar nicht genug davon lesen, wie schlecht es uns geht. Putin kürzt erneut das Gas für Deutschland. Jetzt kommt auch noch die Gasumlage. Die Industrie will Arbeitsplätze streichen. Die Inflation wuchert weiter. Im Büro wird nur bis 19 Grad Celsius geheizt. Dazu prophezeit ein Wetterfrosch einen eiskalten Winter. Erst wenn ich mich in Gänze durch die Bundesjammerlage gezittert habe, kann ich mein Tagwerk beginnen.

Und das beginnt heute mit einer Kolumne darüber, dass vielleicht nicht alles so schlimm ist, wie es uns scheint. Unverändert furchtbar ist Putins Krieg gegen die Ukraine, mit dem Ziel ihrer Vernichtung. Sein Angriff auf Europa mit Gas-Embargo, Hackerangriffen und politischer Bearbeitung von Europas Weichteilen wie europäischen Rechten und Linken soll uns schwächen. Aber kommt er damit durch? Tatsächlich sehe ich derzeit gute Gelegenheiten und Chancen, Deutschland und Europa zu stärken.

Abschied von einer toxischen Energiepolitik.

Beginnen wir mit der Energie. Deutschland verabschiedet sich endlich von einer toxischen Energiepolitik, die vor über zwanzig Jahren von der Regierung Schröder-Fischer erfunden und unter Merkel-Gabriel-Scholz bruchlos fortgesetzt wurde. Diese Politik betrachtete Erdgas als zentralen Rohstoff der Energiewende. Für die Heizung, für den Strom, für die Industrie. Der notwendige Umbau unserer Energiesysteme weg von Öl und Gas ist schwer und teuer, aber unausweichlich.

Noch vor Kurzem priesen Heizungsingenieure Gasheizungen an, wie die Autoindustrie ihre PS-Monster. Nun werden in vielen Häusern in den kommenden Jahren Wärmepumpen und andere CO₂-freie Heizungen eingebaut werden. Viele Deutsche denken über das Sparen im Alltag nach. Deutsche Industriekonzerne reduzieren ihre Abhängigkeit vom Gas mit hohem Tempo. Neue Planungsbeschleunigungs-Gesetze sollen das systematische Blockieren von Windrädern und Stromtrassen erheblich erschweren. Bisher konnten einige wenige die Modernisierung der Energieinfrastruktur für alle verhindern. Künftig sollen die Erneuerbaren zum energetischen Regelfall werden.

Zugleich erhöht Deutschland endlich die Zahl seiner Rohstofflieferanten. Die abnehmende Menge von Gas, die wir noch brauchen, kommt künftig aus der Nordsee, Amerika, vom Arabischen Golf, vom Kaspischen Meer und nach dem Ausbau der spanisch-französischen Pipelines vielleicht auch aus Nordafrika. Da Wladimir Putin es offenbar darauf anlegt, aus jedem Rohstoff eine politische Waffe zu machen, fällt Russland aus als Lieferant. Andere Länder in Amerika, Afrika und Asien werden diese Lücke füllen. Und manche Rohstoffe gibt es sogar in Deutschland, sie waren nur bisher nicht zu konkurrenzfähigen Preisen förderbar. Putins Erpressungen dürften das ändern.

Gasumlage: Das kleinere Übel?

Gasumlage: Gassparen muss man sich erst mal leisten können
Doch das vielleicht größte Umdenken hat Putin bei der Verteidigung ausgelöst. Seit den Nullerjahren rüstete Putin Russland systematisch auf, was in Deutschland nur wenige beunruhigte. Berlin rüstete ab und wog sich in der falschen Sicherheit, es werde schon nicht zum Krieg kommen, denn dagegen stünden wirtschaftliche Interessen, auch Russlands. Das war gefährlich, weil sich die Deutschen vor den ungläubigen Augen ihrer Verbündeten praktisch selbst entwaffneten.

Ein neues Interesse an Strategie?

Nun könnte in Deutschland ein neues Bewusstsein für die Notwendigkeit von Verteidigung entstehen, ein neues Interesse an Strategie, Kräftegleichgewicht und Abschreckung. Verteidigung wird auch eine starke digitale Seite haben. Diese Zeitenwende hat gerade erst begonnen. Putin aber schwächt seit Beginn dieses Jahres seine Armee mit einem Abnutzungskrieg gegen die Ukraine. Für einen konventionellen Angriff auf die Nato fehlen ihm ausreichende Mittel. Dies schenkt Europa einen Zeitvorteil. Der Überlebenskampf der Ukraine mit westlicher Unterstützung gibt vor allem Berlin die Chance, die Bundeswehr wieder abwehrbereit zu machen. Gerade letzteres ist nicht an sich erfreulich. Natürlich wäre es viel schöner, wenn die Europäer mit Russland in Sicherheit und Frieden leben könnten und statt Sanktionen Waren austauschen würden. Es ist Putin, der sich für Krieg und die Zerstörung der europäischen Sicherheitsordnung entschieden hat.


Scheinheiligkeit des Westens:Was unterscheidet uns von Russland?

Wladimir Putin lügt, er lässt morden, er gefällt sich dabei. Und er sagt Richtung Nato: Ihr seid nicht besser, ihr tut nur so. Hat er recht? Von Viktoria Morasch.

In der Serie „Politisch motiviert“ ergründen unsere Autorinnen und Autoren das überwölbende politische Thema der Woche. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende Ausgabe 22/2022. Es hilft, sich seinen Feind anzusehen, um sich selbst zu erkennen. Klingt wie ein Spruch auf dem Zettelchen eines Tees mit viel Süßholz, stimmt aber und trifft auch auf die Politik zu. Der Blick auf den anderen führt zu sich selbst und zur Frage: Was unterscheidet uns?

Seit drei Monaten, seit dem Beginn des umfassenden Angriffskriegs gegen die Ukraine, schaut sich die Welt Wladimir Putin näher an und sieht: Er lügt, er lässt morden, er gefällt sich dabei. Er sagt in Richtung Westen und Nato: Ich bin genau wie ihr, euer Spiegel. Nichts unterscheidet uns in dem, wie wir vorgehen. Als Hobbyhistoriker gilt Putins Interesse vorwiegend den angeblichen Demütigungen Russlands und der Scheinheiligkeit des Westens. Er spürt ihr nach – und findet sie. Verbrechen, Lügen, Folter. Sein Krieg hat auch ein vermeintlich pädagogisches Motiv, die Lektion: Was ihr könnt, kann ich auch. Ihr seid nicht besser, ihr tut nur so.

Putin ist nicht der Erste und der Einzige, dem die Scheinheiligkeit westlicher Politik aufgefallen ist. Vor allem im Rückblick wird sie ersichtlich. Sie geht mindestens zurück bis zur Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, in der das Recht jedes Menschen auf Leben und Freiheit festgeschrieben wurde. Versklavte Menschen waren davon aber ausgenommen. Der Unabhängigkeitskrieg wurde sogar durch Tabaklieferungen finanziert, die Sklaven erwirtschaftet hatten. Gerade aber betonen primär all jene diese Doppelmoral, die von russischen Verbrechen ablenken wollen. Ob in Russland selbst oder im Rest der Welt. Das will ich nicht. Aber Wladimir Putin und seinen Freunden auch nur in einem Punkt recht geben zu müssen (aber der Irakkrieg, aber die Massenvernichtungswaffen!), stört so sehr, dass er vielleicht mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die letzte Woche gab leider einen aktuellen Anlass dazu:

Gerade bereitet die Türkei – Nato-Partnerin, riesige Armee – einen weiteren Angriff beziehungsweise eine „Militäroperation“ im Nordosten Syriens vor. Ein Gebiet, das von Kurdinnen und Kurden kontrolliert wird. Erdoğan spricht von einer Sicherheitszone, die Menschen vor Ort sprechen von „ethnischen Säuberungen“ und internationale Beobachterinnen von einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Seit Jahren geht das so. Aber die Kritik ist zurückhaltend.

Erdoğan bleibt ein wichtiger Partner, einer, der womöglich im Ukraine-Krieg vermitteln kann und nebenbei Flüchtlinge aus anderen Konflikten aufhält, bevor sie weiter in Richtung Westen ziehen. Kurdische Aktivisten und Politikerinnen werden nach wie vor auch aus Deutschland in die Türkei abgeschoben – zuletzt stieg ihre Zahl sogar sprunghaft an. Und die Türkei erpresst Schweden und Finnland in den Verhandlungen um deren Nato-Beitritt. Politiker aus beiden skandinavischen Ländern erkennen die Autonomieregion in Nordsyrien an. Schweden liefert wegen der türkischen Invasionen seit 2019 keine Waffen mehr an die Türkei. Erdoğan will das ändern und es sieht so aus, als gelänge es ihm. Weil Putin einen Krieg gegen „uns“ führt, darf Erdoğan weitestgehend ungehindert seine autoritären, islamistischen und nationalistischen Pläne umsetzen.

Dabei geht es auch für die Kurden in Nordsyrien um Autonomie und Selbstverteidigung. Zwar hatten sie bisher kein völkerrechtlich zugesichertes Staatsgebiet, aber auch sie kämpfen wie die Menschen in der Ukraine gegen Faschismus und gegen die Auslöschung ihrer Kultur. Bejubelt und unterstützt vom Westen haben sie ihre Gebiete vom sogenannten Islamischen Staat befreit. Ihr heutiger Kampf aber bleibt beinahe ungesehen. Sie haben nicht genug Einfluss und werden zur Verfügungsmasse in Deals zwischen Großmächten.

Warum? Weil Politik, auch westliche, oft heuchlerisch ist. Und wahnsinnig kurzsichtig. Um auf die Schnelle eine Lösung für ein Problem zu finden, verspielt man das Potenzial, das eine aufrichtige Politik auf lange Sicht hätte. Die kurdische Soziologin Dilar Dirik erinnert auf Twitter daran, dass der Kampf der Kurdinnen und Kurden für mehr Demokratie und Selbstbestimmung eine Massenbewegung ist, „eine der beliebtesten und fortschrittlichsten in Europa“. Sie schreibt weiter: „Wer diese Bewegung stigmatisiert, stigmatisiert Protest und politischen Aktivismus generell.“

Ist „der Westen“, ist die Nato also genauso kaputt wie das System von Wladimir Putin? Ist jede Politik letztlich eigennützig, pragmatisch und bestenfalls scheinheilig – oder können wir mehr von ihr erwarten?

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev sagt in einem Podcast, er beantworte sich solche Fragen so (er bezieht sich auf den Irakkrieg ab 2003): Der wesentliche Unterschied liege nicht darin, was das Militär tue, sondern darin, wie eine Gesellschaft reagiere. Folter und Gräueltaten gebe es auf beiden Seiten, aber im Westen folgten darauf Empörung, Aufarbeitung, eine Analyse der Befehlskette, eine Suche nach Schuldigen. In Russland gebe es so was nicht. Im Gegenteil: Putin erklärte diejenigen, die für die brutalen Verbrechen in Butscha verantwortlich sein sollen, zu Helden.

Stimmt. Immerhin Empörung. Aber reicht das?

Heute weiß jeder, dass George W. Bushs Irakkrieg eine Farce war, die etwa einer halben Million Menschen den Tod gebracht hat. In jüngster Vergangenheit ging ein Video um die Welt, in dem Bush eine Art Witz macht oder einen Versprecher. Dabei nennt er die Invasion des Irak brutal und ungerechtfertigt. Das Publikum in Texas lacht.

Die Schuhe, die der irakische Journalist Montazer al-Zaidi Bush auf einer Pressekonferenz in Bagdad entgegenwarf, bleiben wohl die einzige Konsequenz für den ehemaligen amerikanischen Präsidenten. Al-Zaidi landete im Gefängnis. Das wird Bush nie passieren. Die USA erkennen den internationalen Strafgerichtshof nicht einmal an. Genauso wenig wie Russland oder die Türkei. Wenn man sich also seinen Feind vornimmt, um sich selbst zu erkennen, sieht man: Es gibt einen Unterschied zwischen denen, die keine Ideale haben, und denen, die welche haben, aber zugeben, immer wieder an ihnen zu scheitern. Und es gibt einen Unterschied zwischen denen, die Ungerechtigkeit zynisch umarmen, und denen, die gegen sie ankämpfen. Wer wollen wir sein?

Wer die Ukraine unterstützt, muss es aufrichtig tun. Und muss auch den Kurdinnen und Kurden helfen. Allein, um glaubwürdig zu bleiben. Was aus der Einsicht folgt, etwas falsch gemacht zu haben, ist: Es darf nicht wieder passieren.


Steven Covey hat in seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität“ diesen Gedanken populär gemacht. Er empfiehlt, das eigene Wirken vom Ende her zu denken. Was soll übrig bleiben? Wie lautet das Vermächtnis, das man hinterlässt?

1. Klarheit schaffen.

Vom Ende her denken sorgt für Klarheit im Kopf und im Handeln. Wie von allein und nahezu mühelos sortiert sich Unwichtiges von Wesentlichem, wenn man vom Ergebnis kommend denkt und handelt. Die Klarheit, die diese Perspektive mit sich bringt, bewahrt einen auch vor manchem Umweg.

2. Versöhnte Beziehungen leben.

Wer vom Ende her denkt, priorisiert versöhnte Beziehungen, denn er weiß, dass bei allem Wettbewerb es wichtig ist, die Brücken zu anderen Menschen, also auch zu Mitbewerbern, offenzuhalten.
Versöhnte Beziehungen beginnen zu Hause, im engsten Kreis, jenseits der Öffentlichkeit.

3. Klären, wer wirklich wichtig ist.

Mein Kollege Glenn Carlson, der mich zur Trauerfeier von Dolf van de Vegte begleitete, meinte nachher, als wir über das herzerschütternde Weinen eines Enkels am Grab sprachen: „Dolf hat etwas richtig gemacht. Er hat nicht nur große Projekte lanciert. Er hat auch im Leben seiner Kindeskinder eine Rolle gespielt. Jetzt vermissen ihn seine Enkel.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

4. Dankbarkeit.

Dankbarkeit ist eine besonders gut wahrnehmbare Form versöhnter Beziehungen. Sie ist anziehend. Das liegt auch daran, dass dankbare Menschen in der Regel sich bewusst diese Haltung angewöhnt haben. Sie haben die Entscheidung getroffen, zufrieden zu sein.

Echte Dankbarkeit am Ende eines Lebens signalisiert, dass etwas Wesentliches gelungen ist. Und ist das nicht das, wonach wir alle streben: ein gelungenes Leben?

Überdies zeigt Dankbarkeit, dass Prioritäten gut gewählt wurden:

5. Prioritäten setzen.

Die Australierin Bronnie Ware hat als Krankenschwester auf der Palliativstation eines Krankenhauses gearbeitet. Ihre Erfahrungen aus der Betreuung sterbender Menschen hielt sie in ihrem Blog fest. Später veröffentlichte sie ein Buch, dessen deutsche Übersetzung im März 2013 unter dem Titel „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“, erschienen ist.
Kurz und knapp: Niemand hat es bereut, nicht noch länger im Büro gearbeitet zu haben. Dafür haben viele es bedauert, nicht den Mut aufgebracht zu haben, ihr eigenes Leben zu leben – im Kontext der „Goldenen Regel, versteht sich. Sich über das bewusst zu werden, wer man am Ende sein will und darauf zielstrebig zuzuleben, erspart viele traurige Momente.

6. Der Berufung folgen.

Zurück zu meinem Geschäftsfreund Dolf van de Vegte: In seinem Fall gibt es noch einen Faktor zu bedenken, ohne den sein Leben und Handeln kaum zu verstehen sind. Er lebte seine Berufung. Tief in seinem christlichen Glauben verwurzelt, wirkte sie sich auf jeden Aspekt seines Lebens und Arbeitens aus. Früh in seinem beruflichen Werdegang hatte Dolf van de Vegte für sich die Warum- und Wozu-Fragen geklärt. Das gab ihm Kraft und Klarheit, privat und beruflich gute Entscheidungen zu treffen. „Hut ab, Dolf, für dein Vorbild!”

7. OekoHuman-Standpunkt:

Wer vom Ende her denkt, ist nicht am Ende, sondern es ist für ihn der Beginn seines holistischen Fühlens, Spürens, Empfindens und Denkens. So ist es für ihn eine Herausforderung, was vor ihm noch keiner gefühlt und gedacht hat, zu suchen und zu finden.

Hut ab, auch vor diesen Persönlichkeiten!

Die OekoHuman-Frage im Zeichen des aktuellen Krieges:

Würde heute Krieg herrschen, wenn sich die Führenden an die o.g. Aussage gehalten hätten?

Dies die Antwort auf den Dialog zwischen Mensch und Christus:


Der neueste Artikel wird am Anfang veröffentlicht,
danach in die richtige Reihenfolge eingeordnet.

Inhaltsverzeichnis:

1. Buchauszug: Wie ich lernte, die Welt zu verstehen – 01.12.2019 – Hans Rosling und Fanny Härgestam.
2. Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit.
3.  Was heißt denn hier frei und gleich? Buch über US-Geschichte – „Diese Wahrheiten” erzählt die Historikern Jill Lepore die Geschichte der Vereinigten Staaten auf unterhaltsame und unprätentiöse Art – QuelleRezension SZ.
4. Psychologie: Ich war nie gut genug!

5. Wie bezahlen wir das?

Die Katastrophen dieser Tage lassen sich nicht mehr einfach mit Geld bewältigen. Die Wahrheit ist: Wir müssen verzichten lernen – Von Mark Schieritz – ZEIT.

Kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brachte der britische Ökonom und Regierungsberater John Maynard Keynes eine kurze Streitschrift heraus.

Titel: How to Pay for the War. Keynes geht darin der Frage nach, was die Aufrüstung und der Kriegseintritt des Vereinigten Königreichs für die wirtschaftliche Lage bedeuten. Seine Schlussfolgerung: nichts Gutes. Das „Zeitalter des Überflusses“ werde abgelöst von einem „Zeitalter der Knappheit“, in dem sich alle einschränken müssten. Womöglich steht ein solcher Epochenbruch nun auch in Deutschland bevor, beziehungsweise: Vielleicht steckt die Republik schon mittendrin. Das würde bedeuten, dass sich die Probleme des Landes nicht mehr so einfach mit frischem Geld vom Staat für die Pendler, das Klima oder die Bundeswehr lösen lassen. Weil nämlich etwas anderes knapp wird: der Mensch und das Material.

Damit würde sich für die Regierung politisch so ungefähr alles ändern. Deren Lehre aus den Großkrisen der vergangenen Jahre war ja diese: Es ist eigentlich nie etwas knapp. Weil der Staat im Zweifel recht leicht für Nachschub sorgen kann. Das fängt beim Geld an: Es lässt sich heutzutage praktisch unbegrenzt vermehren, weil es nicht mehr aus Gold oder seltenen Muscheln besteht. Sondern aus bedrucktem Baumwollpapier. Davon gibt es auf der Welt mehr als genug. Der Unterschied zwischen 10 Euro und 10.000 Euro sind am Ende nur drei Nullen.

  1. 400.000Wohnungen will die Regierung bauen.
  2. 100Milliarden soll es für die Bundeswehr geben
  3. 50 Prozent ihres Vermögens mussten Reiche nach dem Zweiten Weltkrieg abgeben.
  4. Von den Investitionen, um den Klima-Wandel abzufedern ganz zu schweigen.

Geld allein baut keine Windräder und keine Wohnungen. Erst recht keine Panzer!

Auf die kommt es aber an: Wann immer die Beschäftigungslosigkeit zu steigen drohte, hat die Regierung Schulden aufgenommen und mit dem Geld Straßen gebaut. Oder Schulen saniert. Die Folge: Die Arbeitslosen hatten wieder Arbeit und das Land mehr Straßen und bessere Schulen. Und alle waren zufrieden. Die Arbeitslosenquote in Deutschland ist auch dank der vielfältigen staatlichen Rettungsmaßnahmen selbst auf dem Höhepunkt der Corona-Krise nur leicht gestiegen – und sinkt seit Monaten schon wieder. Ein wenig ist es wie in der Geschichte vom Baron Münchhausen, der sich an den eigenen Haaren aus der Misere zieht. Nur dass das im Kapitalismus tatsächlich funktionieren kann. Der Koalitionsvertrag der Ampel ist ein Produkt dieser Philosophie der unbegrenzten Vermehrbarkeit der Dinge, die Knappheiten als prinzipiell behebbares Investitionsdefizit begreift. Denn im Wesentlichen will die neue Regierung bauen, um das Land möglichst zumutungsfrei, sozial, klimaneutral und verteidigungsfähig zu machen. 400.000 Wohnungen, ein paar Tausend Windräder und jetzt noch: neue Panzer und Flugzeuge. Wenn dabei die Schuldenbremse im Weg ist, wird eben wie im Fall der Bundeswehr ein Sondervermögen in die Verfassung geschrieben, da? es erlaubt, über die festgelegten Grenzen hinaus Kredite aufzunehmen.

Die Operation Münchhausen kann allerdings nur klappen, wenn es genug Arbeitslose gibt, die in Arbeit gebracht werden können. Denn Geld allein baut keine Windräder. Und auch keine Wohnungen. Und gewiss keine Panzer. Das tun Menschen. Und davon gibt es nicht unendlich viele. Die nun ausgerufene Zeitenwende fällt mit dem Beginn der kritischen Phase des demografischen Wandels zusammen. Bereits in diesem Jahr werden in Deutschland 300.000 Personen mehr in Ruhestand gehen, als neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Bis zum Jahr 2030 summiert sich diese Lücke Schätzungen zufolge auf fünf Millionen Menschen. Und schon heute sind Fachkräfte knapp. Im Handwerk, in der Industrie, in der Pflege. Allein Rheinmetall plant, 3000 Stellen zu schaffen, um die zusätzlichen Rüstungsaufträge abarbeiten zu können. Diese Leute fehlen dann anderswo. Wenn man sie überhaupt bekommt.

Es fehlen auch: Zement, Stahl, Weizen, Benzin, Gas. Was wiederum mit der Globalisierung zu tun hat, beziehungsweise mit ihrem Niedergang. Denn ökonomisch betrachtet ist Globalisierung der Zugriff auf Menschen und Material jenseits der eigenen Grenzen. Auf billige Arbeit aus China etwa. Oder eben auf billiges Gas aus Russland. Doch erstens altert auch die chinesische Gesellschaft; zweitens hat sich gezeigt, dass das russische Gas zwar billig war, dass die deutschen Zahlungen dafür aber zur Finanzierung eines Angriffskriegs dienten. Weshalb die Regierung sich nun Gas aus Katar sichern will, was unter geostrategischen Gesichtspunkten auch nicht ideal ist: Ein demokratischer Musterstaat ist das Emirat sicher nicht. Und dann muss das Zeug aus aller Welt auch noch irgendwie nach Deutschland geschafft werden. Was nicht so einfach ist, wenn sich wie jetzt gerade wegen coronabedingter Engpässe in den Häfen die Container stauen.

So zeigt sich in diesen Tagen, wie anfällig ein Wirtschaftsmodell ist, das auf die ständige globale Verfügbarkeit von Waren angewiesen ist, seien es elektronische Bauteile aus China oder Energie aus dem Nahen Osten. Deshalb setzt sich die Regierung dafür ein, verstärkt national zu produzieren. Doch die Ressourcenknappheit wird dadurch nicht geringer. Im Gegenteil: Für Sachsen-Anhalt mag es ein Glücksfall sein, wenn Intel auch als Reaktion auf die Anfälligkeit der globalen Lieferketten nun in Magdeburg eine neue Chipfabrik eröffnet. Doch gesamtwirtschaftlich gilt: Ein Arbeiter, der Halbleiter baut, kann nicht gleichzeitig Panzer bauen oder Häuser isolieren. Inzwischen müssen Unternehmen schon weit in die Ferne gehen, um den Fachkräftemangel durch mehr Zuwanderung zu lösen. In Polen etwa sind Handwerker längst auch knapp.

Im Zeitalter von Vollbeschäftigung und Deglobalisierung zählen also nicht die monetären, sondern die tatsächlich vorhandenen Ressourcen. Und die lassen sich nicht so leicht vermehren. Damit verliert das Geld einen Teil seiner Münchhausenkräfte. Es gelangt eben nicht in den Wirtschaftskreislauf, weil die entsprechenden Mittel nicht abgerufen werden. Rund drei Jahre nach dem Start des Digitalpakts für die Schulen ist bislang nur knapp ein Fünftel der 6,5 Milliarden Euro an Fördergeldern ausgegeben worden. Oder aber es gelangt in den Wirtschaftskreislauf, hingegen weil die Produktion nicht ausgeweitet werden kann, steigen lediglich die Preise. Bauholz war 2021 rund 70 Prozent teurer als im Vorjahr, Stahlmatten für den Rohbau 50 Prozent.

Damit ändert sich die Arbeitsgrundlage für die Politik. Denn was nicht vermehrt werden kann, muss verteilt werden. Fehlt beispielsweise das Material für neue Wohnungen, könnte man vielleicht in den bestehenden zusammenrücken. Wenigstens in jenen, die groß genug sind. Die pro Einwohner genutzte Wohnfläche betrug 2020 in Deutschland im Schnitt 47,4 Quadratmeter. Nur dass manchmal eine vierköpfige Familie auf 80 Quadratmetern lebt und ein Alleinstehender auf 180. Beides muss eigentlich nicht sein. Der Staat könnte Anreize für einen Ausgleich schaffen – zum Beispiel durch eine Steuer auf einen besonders hohen Quadratmeterverbrauch (darüber wird in der Wissenschaft schon diskutiert).

Auch das Mobilitätsgeld, der Tankrabatt oder die Pendlerpauschale sind Formen der staatlichen Umverteilung. Sie zaubern schließlich nicht magisch mehr Benzin herbei, sondern bürden die Kosten der Spritknappheit der Allgemeinheit auf. Die muss nämlich die Vergünstigungen für die Autofahrer finanzieren. Und diese Zuteilungsmethode dürfte an ihre Grenzen stoßen, wenn die Bundesregierung dem internationalen Druck nachgibt und die Einfuhr von russischem Gas und Öl doch noch komplett stoppt und sich die Ressourcenkrise verschärft. Dann würden wahrscheinlich nicht die Preise, sondern die Mengen reguliert. Die Bundesnetzagentur würde entscheiden, welche Unternehmen noch mit Energie versorgt werden und welche nicht, weil einfach nicht genug für alle da ist. Möglicherweise würde der Spritverbrauch über ein Tempolimit begrenzt. Die Rationierung ist gewissermaßen die maximale Eskalationsstufe der Verteilungspolitik.

So könnte eine Erkenntnis dieser Tage sein, dass sich der Staat nicht einfach so aus einer Krise herausinvestieren kann. Weil man Benzin oder Gas nicht einfach so herbeischaffen kann. Vor allem aber, weil für eine Investition Menschen und Material benötigt werden, die dann an anderer Stelle fehlen. Keynes hat daraus den Schluss gezogen, dass die höheren Verteidigungsausgaben nicht durch neue Kredite finanziert werden sollten – und das, obwohl er sonst immer vehement für staatliche Konjunkturprogramme plädiert hatte. Doch so wie heute in Deutschland waren damals auch in Großbritannien die volkswirtschaftlichen Kapazitäten bereits stark ausgelastet, Unternehmen konnten also einfach nicht mehr produzieren. Und Keynes fürchtete, dass weitere kreditfinanzierte Staatsausgaben die Inflation anheizen, weil die zusätzliche Nachfrage in einer solchen Lage nicht so leicht durch eine Ausweitung des Angebots aufgefangen werden kann.

Tatsächlich besteht der Clou einer Schuldenfinanzierung öffentlicher Aufgaben im besten Fall darin, dass mit den Schulden neue Vermögensgegenstände geschaffen werden (Windräder, Schulen, Straßen) und die ganze Angelegenheit sich für den Staat am Ende rechnet. Weil das Vermögen mehr wert ist als die Schulden. Oder zumindest nicht viel weniger. So wie es sich für ein Unternehmen rechnet, einen Kredit für die Anschaffung einer Maschine aufzunehmen. Wenn aber mangels Material kein neues Vermögen entstehen kann, dann geht die Rechnung nicht mehr auf.

Diesmal kann sich der Staat nicht einfach aus der Krise herausinvestieren.

Keynes sprach sich deshalb dafür aus, die Rüstungsausgaben durch höhere Steuern zu finanzieren. Auf diese Weise würde der Wirtschaft die zusätzliche Nachfrage an anderer Stelle wieder entzogen. Denn die Privathaushalte hätten wegen der gestiegenen Steuerbelastungen weniger Geld übrig, das sie ausgeben können. Für Restaurantbesuche. Oder neue Schuhe. Außerdem würden dann mehr Kriegswaffen produziert und weniger Konsumartikel, weil sich die Unternehmen an das veränderte Nachfrageverhalten anpassen. Zugespitzt formuliert: mehr Kanonen, weniger Butter. Was dann nicht mehr geht: mehr Kanonen und mehr Butter. So zeichnet sich ab, dass die Zeitenwende nicht umsonst zu haben sein wird. Sie bedeutet Verzicht, zumindest bis die Bundeswehr auf dem neusten Stand und die Energiewende vollzogen ist. Also wahrscheinlich für 15 oder 20 Jahre, wenn alles gut läuft. Wer verzichten muss, ist allerdings eine politische Entscheidung. Nach den letzten großen Kriegen in Europa wurden hohe Vermögen mit einer Abgabe besteuert, um Kriegskosten zu bezahlen und den Wiederaufbau zu finanzieren – man hat also die Konsummöglichkeiten der Vermögenden eingeschränkt, damit die weniger Vermögenden mehr konsumieren können: im Jahr 1919 durch das sogenannte Reichsnotopfer, im Jahr 1952 durch den Lastenausgleich, eine einmalige Abgabe in Höhe von 50 Prozent auf alle Vermögen, zahlbar in vierteljährlichen Raten über einen Zeitraum von 30 Jahren.

Danach kam das Wirtschaftswunder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13/2022. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.


1. Buchauszug: Wie ich lernte, die Welt zu verstehen –
01.12.2019 – Hans Rosling und Fanny Härgestam.

Für seine faktenbasierte Weltsicht war Hans Rosling international bekannt und berühmt. Vorlesungen vor Studierenden in Stockholm, Vorträge auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, Freundschaften wie mit Melinda und Bill Gates oder Gespräche mit dem Revolutionsführer Fidel Castro bestärkten ihn in seiner Botschaft:

Wir müssen unser vermeintliches Wissen über den Zustand der Welt hinterfragen und uns den Fakten zuwenden – denn die Wirklichkeit ist oft viel besser, als wir glauben. Im Folgenden handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch „Wie ich lernte, die Welt zu verstehen“, im Ullstein Buchverlag erschienen, von Hans Rosling und Fanny Härgestam.
Ich war neunundzwanzig Jahre alt, hatte zwei Kinder und Krebs. Agneta und ich umarmten uns und weinten. Würde ich die Kinder aufwachsen sehen? Würde ich überleben? In mir vereinten sich das schwärzeste Chaos und die stärkste Liebe. Wenn sich das ganze Leben solchermaßen verändert, braucht man einen Plan. Was geschieht jetzt – und morgen? Darum kümmerte sich Agneta. Sie managte alles und trug mich durch die Tage, Wochen und Monate. Innerhalb einer Stunde organisierte sie unbezahlten Urlaub von ihrer Arbeit für die kommenden Monate. Sie vereinbarte mit ihrer Tante Eda, dass die ganze Familie auf deren Hof außerhalb von Uppsala wohnen durfte statt zu Hause in Hudiksvall.

Sie erklärte den Kindern, dass wir nicht nach Afrika führen, sondern stattdessen bei Tante Eda wohnen würden, wo wir immer Weihnachten feierten. Wir beluden das Auto. Mir fiel die Aufgabe zu, mit den Kindern die Spielsachen einzupacken. Agneta hatte gerade erst den Führerschein gemacht und fuhr nicht gern Auto. Doch sie brachte uns dorthin. Es war ein Sonntag, und als wir nach Uppsala hineinfuhren, war ich ergriffen vom Anblick des Schlosses und des Doms. Hier war ich aufgewachsen, und ganz plötzlich wurde ich traurig. Agneta hielt an, und ich stieg aus, um mich zu beruhigen. In der folgenden Woche begannen die Tests und die Bestrahlung. Es war die Hölle. Nachdem die Leberwerte Anomalitäten aufgewiesen hatten, wurden vermeintliche Metastasen in den Lymphknoten und in die Leber entdeckt. Die Lymphknoten konnte man bestrahlen, aber Metastasen in der Leber bedeuten den Tod innerhalb eines Jahres.

Das ganze Leben kam zum Stillstand. Mosambik existierte nicht. Alles drehte sich nur ums Überleben. Ich weinte tagelang, während Agneta sich um die Kinder kümmerte und mich tröstete. Die Krankheit führte dazu, dass ich gegenüber meiner Umgebung missgünstig wurde. Sie hatten ein schönes Leben, während ich selbst der Bote von Trauer und Elend war. Ich konnte nur im Garten in der Hollywoodschaukel liegen und Kommissar Maigret lesen. Meine Mutter kam damit nicht zurecht. Sie war zu traurig, als dass sie mir eine Stütze hätte sein können. Agnetas Tante Eda und deren Mann Per ignorierten meine Krankheit, was sehr angenehm war. Sie fragten mich nicht, wie es mir ging, sondern halfen uns einfach mit praktischen Dingen. Per, der zweiter Hafenmeister in Sigtuna war, organisierte für uns ein kleines Segelboot. Das Haus war groß, und die ganze Familie fand in der oberen Etage Platz. Vom Hof aus war ich schnell in der Onkologie in Uppsala für meine Bestrahlungen.

Mein Ziel war es, solange zu leben, dass ich dabei sein konnte, wenn die Kinder eingeschult wurden. Einige Tage später saß ich auf meinem Bett in der oberen Etage von Edas Hof und schaute hinaus auf die Apfelbäume. Da fiel mir plötzlich etwas ein: Vor zehn Jahren hatte ein Arzt schon einmal zu mir gesagt, dass meine Leberwerte erhöht seien und ich meinen Alkoholkonsum einschränken solle. Das war merkwürdig, da ich überhaupt keinen Alkohol trank. Die Werte hätten damals beobachtet werden sollen, aber dazu war es nicht gekommen.

Die Patientenakte musste noch existieren, in der Infektiologie, wo ich gearbeitet hatte. Dort kannte ich außerdem die sehr kompetente Stationsschwester. Innerhalb einer Minute wusste ich, was zu tun war: die Notiz finden und mir die damaligen Laborergebnisse ansehen. Ich gebe nie auf, solange ich nicht völlige Klarheit habe. Viele finden deshalb meine Gegenwart schwer zu ertragen. Diesen Charakterzug hatte ich schon, als ich durch Europa trampte. Ich saß vor der Jugendherberge in Marseille, wo ich der jüngste der Tramper war. Die anderen nannten mich »der Junge mit dem blauen Buch«, denn ich hatte immer den Europaatlas des schwedischen Automobilclubs Motormännens Riksförbund in der Hand. Der Atlas enthielt auch Fakten über europäische Städte, weshalb ich Aussagen, die jemand in meiner Umgebung machte, überprüfen und kommentieren konnte, wie: »Nein, du irrst dich, Prag ist viel älter, als du gesagt hast.« Meine ganze Forschung und die Lehrtätigkeit, der ich mein Leben gewidmet habe, beruhten darauf, herauszufinden, wie die Dinge wirklich sind.

Ich fuhr zum Krankenhaus, und es dauerte eine Stunde, bis ich die Erlaubnis der Krankenschwester hatte und die Beschreibung, wo ich die handgeschriebene Patientenakte im Kellerarchiv finden könne. Wir legten die Akte im Archiv auf einen kleinen Tisch. Durch das Kellerfenster über uns fiel ein Lichtstrahl herein. Ja, ich hatte die gleichen erhöhten Leberwerte schon vor zehn Jahren gehabt, also waren sie womöglich nicht auf den Krebs zurückzuführen. Jetzt konnte ich Hoffnung schöpfen, ohne gleich überschwänglich zu werden. Ich war immer noch ganz weit unten. Nun musste ich herausfinden, was Sache war. Eine Woche später hatte ich die Diagnose Chronische Hepatitis statt Leberkrebs – ein echter Lichtblick. Zwei Wochen später wurden auch die Lymphknoten noch einmal überprüft, und die Ergebnisse besagten, dass ich auch keine Lymphmetastasen hatte. Die zweite Serie an Bestrahlungen wurde abgebrochen.

Es war sehr verwirrend – würde mein Leben noch einmal neu beginnen? Hatte ich keine Metastasen? Wir zogen wieder in unsere Wohnung in Hudiksvall. Ich ging jeden Monat zur Kontrolle, dann jeden zweiten Monat. Die Zeit verging, und der Krebs kam nicht wieder. Es fiel mir erstaunlich schwer, an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Viele Kollegen wussten nicht einmal, dass ich krank gewesen war. Im Aufzug begegnete ich einem Kollegen, der ausrief: »Du bist wieder zurück! Wie war es in Afrika?« Allen von meiner Krankheit zu erzählen – oder mich zu entscheiden, eben nichts zu erzählen – war aufreibend. Aber das Leben ging weiter, und die Motivation, nach Mosambik zu gehen, wurde wieder größer. Ein Jahr verging. Die Frage war, ob ich nach den Bestrahlungen gesund genug war und wie die neue Diagnose der Leberkrankheit meine Möglichkeiten, in Afrika zu arbeiten, beeinflusste. Agneta und ich führten darüber abends eingehende und innige Gespräche. Fahren wir, fahren wir nicht? Wie wollen wir leben? Wir wollten fahren. Wir spürten, dass uns das bestimmt war. Unser bisheriges Leben war die Vorbereitung darauf gewesen, die Reise durch Asien ebenso wie unsere Fortbildungen und unser Engagement für ARO.

Falls ich nur noch ein paar Jahre zu leben hätte, wäre es da nicht besser, uns in dieser Zeit auf das zu konzentrieren, was wir wirklich wollten? Oder sollten wir lieber zu Hause bleiben und Zeit mit unseren Kindern verbringen? Unser Umfeld versuchte, uns von der Reise abzubringen. Doch der Entschluss reifte heran. Wir entschieden ganz allein: Wir fahren. Ein entscheidender Punkt war die Frage der Versicherung. Der Onkologe verweigerte mir die Unterschrift auf der Bescheinigung, die ich brauchte, um die notwendige Versicherung zu erhalten. Ich wurde an den Leiter der Infektiologie, Folke Nordbring, verwiesen, für den ich früher einmal gearbeitet hatte und dem ich nun einen Brief schrieb, in dem ich ihm die Situation schilderte. Als ich sein Büro betrat, wusste ich, dass sein Urteil über den Rest meines Berufslebens entscheiden würde. Doch ich vertraute Folke Nordbring und hatte ein gutes Gefühl dabei, dass gerade er die Beurteilung schreiben sollte.

»Setzen Sie sich doch bitte. Eine körperliche Untersuchung ist nicht notwendig, wir sprechen nur miteinander. Ich habe Ihre Patientenakte gelesen«, sagte er und legte seine rechte Hand auf den Papierstapel vor sich. Er fragte mich, welcher Art meine Arbeit in Mosambik sein würde und ob ich mich dabei Infektionsrisiken durch Nahrungsmittel, Wasser, Malaria oder Mücken aussetzen würde. In dieser Art fuhr er fort, und ich bejahte alle Fragen. Wäre ich medizinisch gut versorgt, falls ich krank würde? Gäbe es dort Ärzte, die mich behandeln könnten? Wie sähe es mit Labors aus? Auf diese Fragen antwortete ich mit Nein. Er nickte ruhig und ließ mich erzählen. Als ich mich reden hörte, dachte ich, dass das Ganze natürlich ein Ding der Unmöglichkeit sei. Er fragte mich, weshalb ich unter derartigen Bedingungen arbeiten wolle, und ich schilderte ihm, welchen riesigen Bedarf an Ärzten das erst kürzlich unabhängig gewordene Mosambik hatte. Ich erzählte, dass ich mich jahrelang vorbereitet hatte und meine Frau ebenfalls dort arbeiten würde, als Hebamme. Er betrachtete mich schweigend. »Ich sehe keinen Grund, warum Sie nicht fahren sollten. Ich werde alle erforderlichen Dokumente unterschreiben.« Viele Jahre später traf ich Folke Nordbring auf einer Konferenz über Antibiotika in Vietnam wieder. Als ich zu ihm ging, um ihm für die wichtige Entscheidung zu danken, rief er aus: »Wow, Sie leben.« Überrascht antwortete ich: »Natürlich lebe ich. Ich wollte Ihnen dafür danken, dass Sie mich nach der Bestrahlung gesund geschrieben haben. Dadurch konnte ich nach Mosambik gehen und danach die internationale Arbeit beginnen, mit der ich mich jetzt beschäftige.« »Ja, Hans, ich habe bescheinigt, dass Sie gesund waren, aber in Wahrheit habe ich sehr daran gezweifelt. Ich habe geglaubt, dass Sie schon bald an einer aggressiven Form von Krebs sterben
würden. Aber ich konnte in Ihren Augen sehen, dass Sie unbedingt fahren wollten, um die Arbeit zu tun, für die Sie und Ihre Frau sich vorbereitet hatten. Ich dachte mir, wenn er nur noch ein paar Jahre zu leben hat, warum soll er dann nicht das tun dürfen, was er so schrecklich gern will? Deshalb habe ich die unzutreffende Beurteilung geschrieben, mit der Sie nach Mosambik reisen konnten.« Diese Verantwortung hatte Folke Nordbring auf sich genommen. Am 23. Oktober 1979 gingen Agneta, Anna, Ola und ich an Bord des Flugzeugs nach Maputo, der Hauptstadt von Mosambik – Quelle.

Wie ich lernte, die Welt zu verstehen



2. Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit (Ungekürzte Lesung)
von Rutger Bregman – Gesprochen von Julian Mehne – Link zu
SCRIBD.


3.  Was heißt denn hier frei und gleich? Buch über US-Geschichte – „Diese Wahrheiten” erzählt die Historikern Jill Lepore die Geschichte der Vereinigten Staaten auf unterhaltsame und unprätentiöse Art – Quelle – Rezension SZ.

Im Mittelpunkt in: „Diese Wahrheiten“, stehen die Zentralwerte der Unabhängigkeitserklärung: der Anspruch auf klassen- wie rassen- und geschlechterübergreifende Freiheit und Gleichheit. Um sie herum bündelt sich eine komplexe Erzählung, der es insbesondere um die Ambivalenzen der amerikanischen Geschichte zu tun ist. Warum kämpften gerade Sklavenhalter im Namen der Freiheit gegen ein britisches Parlament, das sich doch denselben Freiheiten verpflichtet wusste? Wie wirkten sich die schwierigen, durch die Tradition der Sklaverei begründeten Beziehungen zwischen Weiß und Schwarz über die nächsten Jahrhunderte nach der Revolution von 1776 aus? Welche Rolle spielten Gewalt und Unterdrückung in der Freiheitsgeschichte?

Pessimismus ist ihre Sache nicht, aber ebenso wenig huldigt sie einem Optimismus.

Lepore verzichtet sowohl auf den liberalen Triumphalismus früherer Jahrzehnte, als man noch eine eindimensionale Fortschrittsgeschichte erzählen konnte, als auch auf jene düsteren, pessimistischen und anklägerischen Narrative, wie sie Howard Zinn oder Ibram X. Kendi vorgelegt haben. Sie arbeitet dagegen differenziert die Probleme und die immer nur vorläufigen Lösungsansätze in den spannungsreichen Rassenbeziehungen in den USA heraus. Pessimismus ist ihre Sache nicht, aber ebenso wenig huldigt sie einem Optimismus, der sich gegenüber den Fehlern der amerikanischen Gesellschaft blind stellt.

Dieser Nuancenreichtum macht den Wert der Darstellung aus, ohne dass Lepore auf eine eigene Stellungnahme verzichten würde. Das ist alles gewiss nicht neu, aber selten derart lebendig und konstruktiv erzählt worden. Natürlich, man hätte bestimmte Schwerpunkte im chronologischen Ablauf anders setzen können. Beispielsweise wird die gesellschaftlich formative Phase der Hochindustrialisierung und des Aufstiegs der USA zur ökonomischen Weltmacht etwas stiefmütterlich abgehandelt. Zudem handelt es sich überwiegend um eine eher traditionelle politisch-soziale Ideengeschichte. Für das 18. und 19. Jahrhundert, so der Eindruck, gibt es keine amerikanische Kultur, keine Rezeption von Walter Scott, keinen Nathaniel Hawthorne, keinen James Fenimore Cooper, keine Hudson River School, keine Transzendentalisten.

Aber derartige Schwerpunktsetzungen sind wissenschaftlich und schriftstellerisch vollkommen legitim. Weit weniger legitim sind die zahlreichen sachlichen Fehler, die sich vorrangig in den Kapiteln zur Kolonialzeit und zur frühen Republik finden. Nein, die von antipuritanischen Baptisten und Quäkern gegründete Kolonie Rhode Island kannte keine Toleranz gegenüber Katholiken. 1680 lebte dort kein einziger Katholik, weil der Gründer dieses Staatswesens, Roger Williams, ganz im Sinne der Aufklärungsphilosophie von John Locke, die Anhänger des römischen Papsttums explizit von der religiösen Toleranz ausgenommen hatte. Echte Duldungstoleranz fand sich, von Lepore nicht erwähnt, einzig bei den Quäkern von Pennsylvania und – ausgerechnet – im katholischen Maryland bis in die 1680er-Jahre, als dort die Protestanten die Herrschaft übernahmen.

Nein, Benjamin Franklin war nicht nur ein Rassist, er hasste hauptsächlich deutsche Immigranten, weil er sich bis in die 1760er-Jahre in erster Linie als britischer Patriot verstand, wie nahezu alle amerikanischen Kolonisten. Nein, Andrew Jackson war nicht der erste Präsident, der ein Veto einlegte und damit eine Verfassungskrise heraufbeschwor, sondern George Washington, der erste Präsident der USA, machte 1792, drei Jahre nach seiner Wahl, erstmals von seinem verfassungsgemäßen Vetorecht Gebrauch. Was Jackson von seinen Vorgängern unterschied, war die Häufigkeit, mit der er dieses Instrument im parteipolitischen Kampf einsetzte. Viel bedeutsamer war demgegenüber seine bewusste Missachtung des Obersten Bundesgerichts, die Lepore nur beiläufig erwähnt.

Es fällt auf, dass nicht nur die spanische Monarchie verkürzt und einseitig dargestellt wird, sondern mehr noch die britische.

Nein, nicht nur Engländer, sondern auch die Spanier waren nach Amerika gekommen, um zu siedeln, auch wenn die Spanier es angesichts des Wirtschaftsbooms im Mutterland weniger nötig hatten, ihre gesellschaftlichen Konflikte nach Übersee zu exportieren. Überdies kamen die Engländer schon gar nicht, wie ein Text des englischen Geografen Richard Hakluyt suggerierte, um den Indianern die Freiheit zu bringen. Weil sie nicht über vertiefte Kenntnissen zur spanischen Kolonialpraxis verfügt, kann Lepore nicht erklären, warum es im spanischen Amerika trotz der Gräuel der Konquista weitaus mehr überlebende Indianer gab als in den britischen Kolonien. Mit Ausnahme von Bartolomé de Las Casas weiß sie nichts von den intensiven theologischen Kontroversen um die natürlichen Eigentums- und Herrschaftsrechte der Indianer, wie sie beispielsweise von Francisco de Vitoria angestoßen worden waren, und die man in Großbritannien deshalb nicht führte, weil Indianer schlicht zur Natur gerechnet wurden, weswegen sie gar nicht erst als eigentumsfähig angesehen wurden.

Liest man weiter, so fällt auf, dass nicht nur die spanische Monarchie verkürzt und einseitig dargestellt wird, sondern mehr noch die britische. Wieder einmal wird die Amerikanische Revolution zu Unrecht als Konflikt zwischen König und Kolonisten dargestellt, obwohl es sich in der Genese um einen Konflikt der Kolonisten mit dem britischen Parlament handelte. Dadurch versteht man dann nicht, warum neben den schwarzen Sklaven und vielen Indianern eine gehörige Anzahl gerade armer, sozial marginalisierter und subalterner Kleinbauern aus dem Hinterland der dreizehn Festlandskolonien erbittert für Krone und Parlament kämpften. Im Gegensatz zu Lepore war ihnen der oligarchische Charakter der amerikanischen Revolution vollkommen bewusst.

Eine Unwucht, die erzählerisch nicht mehr aufgefangen werden kann.

Nicht einmal am Rande erwähnt Lepore die gewalttätigen sozialen Konflikte zwischen 1760 und 1798, die nicht unmittelbar mit der Revolution oder der ansonsten im Vordergrund stehenden Sklavenfrage verknüpft waren. An dieser Stelle rächt es sich, dass sie die Rassenbeziehungen narrativ derart konsequent in den Vordergrund stellt, dass soziale Konflikte innerhalb der Weißen erst knapp in den 1830er- und 1840er-Jahren mit der Immigration katholischer Iren und dann nach 1865 ausführlicher behandelt werden. Damit aber entsteht eine Unwucht, die erzählerisch nicht mehr aufgefangen werden kann. Die Ambivalenz der amerikanischen Geschichte umfasst viele Ebenen, und Rassenkonflikte bezeichnen nur eine davon.

Diese Unwucht des Buches verdankt sich nicht etwa einer schlampigen Recherche. Sie entspringt den in der Einleitung dargelegten Grundannahmen zur amerikanischen Geschichte. Sie erweisen sich als tragfähig für die Entwicklungen ab 1865, für die Zeit davor aber oft genug als anachronistisch. Lepore geht davon aus, die Hinwendung der amerikanischen Revolutionäre zum aufgeklärten Naturrecht habe eine entsakralisierte, nichttheologische, gewissermaßen naturwissenschaftliche Herleitung universaler, rational erfassbarer Menschenrechte mit den Idealen von Freiheit und Gleichheit im Zentrum ermöglicht. Zum einen hat aber etwa Michal Rozbicki anhand intensiver Quellenanalysen nachweisen können, dass das Gros der amerikanischen Revolutionäre unter Freiheit etwas ganz anderes, sehr viel begrenzteres verstand als wir Heutigen. Und J. C. D. Clark hat gezeigt, dass der revolutionäre Vordenker Thomas Paine primär der Vergangenheit und nicht der liberalen Zukunft verhaftet war.

Rechte freier Engländer“ statt universale Menschenrechte.

Zum anderen klärt Lepore nicht, was überhaupt, abstrakt und zu einem jeweiligen Zeitpunkt, unter Freiheit verstanden wurde. Die Unterscheidung zwischen instrumenteller Freiheit von oder Freiheit zu etwas und einer absolut gesetzten Freiheit des autonomen Subjekts, wie sie erst im Laufe des 18. Jahrhunderts überhaupt denkbar wird, taucht ebenso wenig auf wie die theologisch verortete gnadenbewirkte Freiheit von der Sünde. Ähnliches gilt für das Gleichheitskonzept. Geht es um Gleichheit der Lebensumstände, Gleichheit vor dem Recht, Gleichheit vor Gott, Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit? Unter der Hand, und das ist erstaunlich für eine Historikerin, führt Lepore einen transhistorischen, überzeitlichen, inhaltlich unbestimmten, essenzialistischen Begriff von Freiheit und Gleichheit ein und folgt damit Thomas Jeffersons ebenso vagen Vorgaben aus der Unabhängigkeitsbegründung, in der beide Zentralwerte im Anschluss an John Locke mehr behauptet als begründet werden.

Wie wenig es den Amerikanern mehrheitlich um ein abstraktes Verständnis von Freiheit und Gleichheit ging, zeigen die Quellen. Sie sprechen bevorzugt von den „Rechten freier Engländer“, also von partikularen Bürgerrechten, nicht von universalen Menschenrechten. Vor die Wahl gestellt, die Konzepte zu historisieren oder sie philosophisch zu vertiefen und damit zu relativieren, verweigert Lepore die Diskussion und flüchtet sich in eine inhaltsarme Apodiktik. Die negativen Effekte dieser Verweigerung lassen freilich nach, je näher die Darstellung an die Gegenwart heranrückt und die sozial und kulturell grundgelegten Intuitionen, die wir in der Gegenwart mit beiden Zentralbegriffen verbinden, besser zu den Quellenaussagen passen. Kurz, den Anspruch des Buches, eine Gesamtdarstellung zur Geschichte der Vereinigten Staaten zu geben, wird man relativieren müssen. Jill Lepore hat eine großartige Geschichte der USA von 1865 bis zur Gegenwart geschrieben, deren Vorgeschichte aber durch ihre weltanschaulichen Prämissen eher verzerrt als geklärt wird – Michael Hochgeschwender lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2016 veröffentlichte er „Die Amerikanische Revolution. Geburt einer Nation 1763 – 1815“.


4. Psychologie: Ich war nie gut genug!

Eltern werden oft für Probleme ihrer erwachsenen Kinder verantwortlich gemacht. Zu Recht? Forscher haben viele Jahre lang Familien begleitet und sind zu einem erstaunlichen Schluss gekommen –
von Sebastian Herrmann.

Die Erinnerung an das Leben puzzelt sich aus Momenten zusammen. Manche dieser Momente zeichnet das Gedächtnis in einem kitschigen Gegenlicht süßer Verklärung. Ach, wie war das alles unbeschwert und unschuldig damals. Die Sorgen bestanden schlimmstenfalls darin, dass die Eltern auf einem Abendessentermin bestanden, der in einem Konflikt mit dringenden Spielverpflichtungen mit den Kinderkollegen kollidierte. Die anderen Momente aus der Vergangenheit melden sich hingegen eher in Phasen akuter Niedergeschlagenheit. Dann zerrt die Erinnerung jene Momente hervor, in denen der Schmerz regierte. Der wütende Vater oder die abweisende Mutter spielen darin tragende Rollen, es tauchen alte Ängste aus der Schulzeit auf oder Einsamkeitsgefühle. Diese miesen Momente aus der biografischen Vergangenheit dienen einem gerne dazu, um Unzulänglichkeiten oder Probleme zu deuten. Natürlich, so sagt man sich dann, rühren gegenwärtige Anfechtungen aus den Kränkungen der Jugendzeit her: Schwere Kindheit, schweres Leben, lautet die populäre Gleichung.

Aber stimmt das denn auch wirklich, was man sich über die eigene Kindheit erzählt? Sind diese Erinnerungen zuverlässig? Entwicklungsforscher um Marissa Nivison und Glenn Roisman von der University of Minnesota haben gerade eine Studie vorgelegt, die dem Hang zur autobiografischen Selbstgewissheit einen Dämpfer verpassen sollte. Im Fachjournal Psychological Science berichten die Wissenschaftler, dass das Verhältnis zu den Eltern in der Retrospektive recht verzerrt erinnert wird. Es sind aktuelle Zustände, welche die Interpretation der Vergangenheit maßgeblich prägen. Rückblickende Aussagen über die Qualität der Beziehung zu den Eltern und der genossenen Erziehung sollten deshalb mit großer Vorsicht betrachtet werden, sagen die Entwicklungsforscher um Nivison und Roisman.

Wer heute mit Problemen kämpft, erinnert sich eher an schlimme Momente.

Die Beziehung zu den Eltern übt einen Einfluss auf die Entwicklung und das Leben der Kinder aus, eine Binsenweisheit, natürlich. Aber welchen Effekt sie genau hat, ist alles andere als leicht zu beantworten. Eine viel beachtete Studie von Forschern um Vincent Felitti legte 1998 einen recht klaren Weg nahe. Die Erinnerung an widrige Umstände in der Kindheit, so berichteten die Wissenschaftler, korrelierte mit ähnlichen Umständen im Erwachsenenalter. Wer mit Übergewicht, Alkoholismus, Depressionen kämpfte oder Suizidversuche unternommen hatte, entsann sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schlimmer Momente aus ferner Vergangenheit mit den eigenen Eltern: Missbrauchserfahrungen, aggressive Streitereien zwischen Mutter und Vater oder andere böse Ereignisse. William Chopik und Robin Edelstein publizierten 2019 dann Daten, die diesen Zusammenhang auch für positive Gedächtnisinhalte zeigte: Wer sich an Momente emotionaler Nähe zu den Eltern erinnerte, war mit höherer Chance ein Erwachsener von guter geistiger und körperlicher Gesundheit.

So weit, so klar: „Ein Problem von diesen einflussreichen Studien ist jedoch, dass sie Erziehungserfahrungen retrospektiv gemessen haben“, schreiben nun die Forscher um Nivison und Roisman. Aber wie vertrauenswürdig sind Erinnerungen an Ereignisse, die teils Jahrzehnte in der Vergangenheit liegen? Es existieren zahlreiche Studien, die zu Skepsis an solchen Gedächtnisinhalten auffordern. Schon 1935 zeigten Forscher, dass sich Mütter nach weniger als einem Jahr nicht mehr an das Geburtsgewicht ihrer Kinder erinnerten. Und Marian Yarrow zeigte 35 Jahre später, dass selbst grundlegende Erinnerungen an eigentlich prägende Zeiten mit Kindern im Kopf der Eltern verschwimmen. Besonders eindrücklich ist eine Nebenbeobachtung aus der Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study, für die Probanden seit Jahrzehnten begleitet werden. Dabei beobachteten die Entwicklungsforscher, dass sich drei Viertel der Eltern von Kindern mit ADHS nach einigen Jahrzehnten nicht mehr an die Diagnose erinnern konnten. Und das, obwohl diese Eltern in den Jahren direkt nach der Diagnose in den Interviews mit den Forschern über nichts anderes so ausgiebig klagten wie über das schwierige Verhalten ihrer Kinder mit ADHS. Das Leiden hatte Leben und Alltag der Väter und Mütter dominiert – und trotzdem hatten sie das in der Mehrzahl vergessen. Warum also sollten die Erinnerungen der Kinder aus dieser Zeit zuverlässiger sein?

Aussagen über die einstige emotionale Nahbarkeit der Eltern haben oft wenig mit der Realität zu tun.

„Es ist gut möglich, dass das gegenwärtige Verhältnis zu den Eltern die Rückschau stärker prägt als die tatsächlichen Ereignisse“, sagen Nivison, Roisman und ihre Kollegen. Die Gegenwart färbt die Bewertung der Vergangenheit, das ist auch aus anderen Bereichen der Psychologie bekannt. Wer unter anderem seine generelle Lebenszufriedenheit bewerten soll, gibt auch häufig eher ein Urteil darüber ab, wie gut es ihm jetzt im Moment geht. Diese Frage lässt sich schließlich auch deutlich leichter beantworten. Um diese Form der Verzerrung auszuschließen, werteten Nivison und Roisman nun Daten zweier prospektiver Langzeitstudien aus, für die der Lebensweg von Kindern über Jahrzehnte begleitet wird. Dazu wurden über viele Jahre immer wieder Interaktionen zwischen den Müttern, den Vätern und ihren Kindern beobachtet. Außerdem gaben sowohl die Eltern als auch die Kinder regelmäßig Einschätzungen zu ihrem gegenseitigen Verhältnis und der emotionalen Nähe zueinander ab. Als die Kinder schließlich junge Erwachsene waren, wurden sie abermals befragt, im Alter von 26 Jahren. Die Probanden gaben dazu an, wie nah ihr Verhältnis gegenwärtig zu Mutter und Vater ist, wie es um den Familienzusammenhalt steht und ob sie selbst unter depressiven Symptomen oder Verstimmungen litten. So ließen sich erinnerte und tatsächliche Erfahrungen gut vergleichen.

Dabei zeigte sich, dass die erinnerten Aussagen über die emotionale Nahbarkeit der Eltern während der Kindheit in einem eher losen Zusammenhang mit den Beobachtungen und den Einschätzungen der Eltern aus jener Zeit standen. Die eigenen Angaben aus der Kindheit deckten sich zwar etwas genauer mit den Aussagen, die die Probanden dann als Erwachsene machten. Doch auch hier wichen die Einschätzungen aus der Vergangenheit und die Erinnerungen daran meist voneinander ab. Vor allem die gegenwärtige seelische Verfassung sowie das aktuelle Verhältnis zur Familie prägten die retrospektive Bewertung der Kindheit stark. Dieses Ergebnis decke sich mit anderen Studien aus der Forschungsliteratur, dass depressive Episoden den Blick auf die eigene Vergangenheit stark verzerren, so die Forscher um Nivison und Roisman. Wenn in der Gegenwart alles auf der Kippe steht und die Seele friert, dann verengt sich der Blick zurück. Wer schwere Zeiten erlebt, sucht nach schweren Momenten, die diese aktuelle Lage erklären könnten. Dabei kann es sein, dass die Erinnerung trügt – oder jene vergegenwärtigten Momente aus der Vergangenheit untypische Ausreißer waren, die vielleicht gar keine wesentliche Bedeutung hatten. Erst der Blick zurück ändert alles. Was aber stimmt, was war damals wirklich, und welche Wirkung hatte es? Wer weiß das schon?

Entwicklungsforscher arbeiten mit komplexen Methoden daran, den Einfluss der Kindheit auf den späteren Weg eines Menschen zu entschlüsseln. Über eine Expedition an die Quelle des Ichs – SZ.

In der siebten Klasse drängelte sich Latein in den Lebenslauf und bereitete die Bühne für eine Serie von Demütigungen. Dieses Fach bestraft Schüler unbarmherzig: Ein, zwei Monate improvisieren, halten den Kopf gerade so über Wasser, dann ertrinkt der faule Schüler im Rubikon, statt ihn zu überschreiten und glorreiche Siege einzufahren. Also im übertragenen Sinne natürlich. Vater wollte das nicht zulassen und helfen. Insbesondere wollte er das deshalb, weil ihn seine Eltern Jahrzehnte zuvor im Stich gelassen und bei ersten Problemen in der zehnten Klasse, zack, von der Schule genommen hatten. Daran knabberte er ein Leben lang. Vaters Motive waren edel, die Umsetzung grauenhaft. Konjugieren, deklinieren, übersetzen, Ablativus absolutus, all das eskalierte zu einem galligen Krieg der Generationen. Vater nörgelte, war ungeduldig und frustriert, dass er sich in seiner knappen Freizeit mit diesem lästigen Mist herumärgern musste. Oft wurde er laut, manchmal brüllte er. Nie war er zufrieden, immer fand er einen Fehler. Auf der anderen Seite dieser pädagogischen Bruchlinie verfestigten sich Frust, Bockigkeit und Abwehr zu der Überzeugung, dass es niemals reichte, egal, wie groß die Bemühungen waren. Fast immer flossen Tränen. Ein Foto im Familienalbum hält die Verwundungen noch Jahrzehnte später frisch. Vater hatte sich eine Spiegelreflexkamera gekauft, eine Nikon F-301, damals sein ganzer Stolz. An einem Wochenende war die Lektion routinemäßig eskaliert, Tränen kullerten, der Heulrotz in der Nase musste geräuschstark gehindert werden, auf dem Aufgabenblatt die Vokabeln zu verschmieren – da begann Vater zu fotografieren. Das Bild ist im Album mit einer knappen Unterschrift versehen: „Oktober 1986. Latein mit Sebastian“.

Die Erinnerung bleibt wach; wegen des Fotos und weil der Schmerz von damals als Erklärungsschablone für gegenwärtiges Unbehagen dient. Haben die Versagensängste ihren Ursprung in den Lateinschlachten? Rührt daher das Gefühl, dass Leistungen nie gut genug und empfundene Ansprüche unerfüllbar sind? Persönliche Unzufriedenheiten aktivieren den inneren Küchenpsychologen. Als melde sich ein vulgärer Sigmund Freud zu Wort, gelten erinnerte Konflikte oder singuläre Kindheitsereignisse als Keimzelle erwachsener Fehlbarkeiten – meist unabhängig von der tatsächlichen Schwere der Begebenheiten. Die Lateinstunden zum Beispiel sind in der Rückschau ehrlicherweise vor allem: banal. Doch die Erinnerung bleibt.

Selbstverständlich hinterlässt die Kindheit Spuren, doch fundierte Antworten sind viel komplexer.

Solche simplen Erklärungen wirken, als Seelenbalsam und haben mit der Realität wenig zu tun. Populäre Vorstellungen über die persönlichkeitsformenden Kräfte der Kindheit stecken meist in Plattitüden fest, sagen die Entwicklungspsychologen Jay Belsky, Avshalom Caspi, Terrie Moffitt und Richie Poulton. Dazu gehörten Kernbehauptungen wie: Es steckt alles nur in den Genen. Oder: Lediglich der Einfluss von Familie und Gesellschaft formt den Menschen. Natürlich auch: Die ständigen Zweifel rühren von den Lateinstunden mit dem Vater her. Derlei Vereinfachungen würden der Komplexität des Menschen nicht gerecht, sagt also das Quartett, zu dem sich diese vier Virtuosen der Entwicklungsforschung zusammengeschlossen haben. Selbstverständlich hinterlässt die Kindheit Spuren im Erwachsenen, natürlich prägen die Jugendjahre, zu was für einem Menschen ein gerade frühpubertierender Plagegeist einmal wird, der sich gegen schulische Unterstützung sträubt. Doch welche Kraft welche Weiche umstellt, welche Faktoren Wege vorzeichnen und Wirkungskaskaden in Gang setzen, ist unendlich schwer zu klären. Wer nach fundierten Antworten sucht, muss sich auf eine Reise durch ein komplexes, unübersichtliches Labyrinth aus unzähligen Einflüssen begeben. Die Quelle der Schrullen des erwachsenen Selbst hingegen mit einigen spärlichen Kindheitserinnerungen zu deuten, gleicht dem Versuch, mit der Pipette eine Wasserprobe aus dem Amazonas zu nehmen, um daraus den vollständigen Verlauf dieses Flusssystems zu erklären.

Den Einfluss der Kindheit zu erforschen, bedeute, auf eine Abenteuerreise aufzubrechen, schreiben auch die Entwicklungsforscher Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton, die gerade ihr Lebenswerk in dem Buch „The Origins of You. How Childhood Shapes Later Life“ (Harvard University Press, 2020) zusammengefasst haben. Die vier Forscher haben sich in jahrzehntelanger Arbeit einer Leitfrage unterworfen: Warum sind wir so, wie wir sind, und anders als andere? „Unsere Ergebnisse bestätigen und fordern weit verbreitete Ansichten über die Natur menschlicher Entwicklung heraus“, schreiben sie. Die einzelnen Kapitel in ihrem Buch stehen unabhängig voneinander und verknüpfen sich noch nicht zu einem großen, geschlossenen Bild – die Reise führt von Fragen der Kontinuität der Persönlichkeit über genetische Faktoren rund ums Rauchen bis hin zu der Beobachtung, wonach eine Kindheit in prekären Verhältnissen bei Mädchen die Pubertät beschleunigen kann. Die Antworten sind weit entfernt davon, die Quellen des erwachsenen Ichs vollständig zu erklären; aber sie sind ein ernst zu nehmender Versuch.

Das Kind sei tatsächlich der Vater des Mannes, sagen Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton, mit Verweis auf ein Gedicht von William Wordsworth, in dem diese Zeile vorkommt. Die Persönlichkeit in jungen Jahren steht – natürlich – in starker Verbindung zu der Persönlichkeit im späteren Erwachsenenalter. Wenn das Kind voller Zweifel ist, dann stecken diese wahrscheinlich auch noch im Erwachsenen – und zwar nicht notwendigerweise, weil das Lernen mit dem Vater zu Quälend war. Die Qual damals war hingegen auch Ausdruck dessen, was schon im Kind steckte: Die Zweifel haben das Lernen kompliziert gemacht, sie waren mehr Ursache der Konflikte als deren Folge. Manche Ergebnisse wirken offensichtlich. Und doch strahlen sie, weil sie erstens Themen aus dem Gestrüpp des weltanschaulich Erwünschten lösen, insbesondere die langfristigen Effekte frühkindlicher Betreuung, von Cannabiskonsum oder sozialen Unterschieden. Zweitens sind die Ergebnisse wertvoll, weil sie die Grenzbereiche ausloten, also die Frage, unter welchen Bedingungen tatsächlich Effekte zu erwarten sind.

Die besondere Magie steckt in der unglaublich aufwendigen Methode, mit der Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton zu den kindlichen Quellen des erwachsenen Selbst vorzudringen suchen. Denn wie kann man den Verlauf eines Lebens erforschen? Indem man es begleitet, solange und so eng wie möglich. Das Werk der vier Expeditionsteilnehmer beruht auf dem Lebensweg von mehr als 4000 Menschen, die sie in drei prospektiven Kohortenstudien in Neuseeland, Großbritannien und den USA teilweise seit ihrer Geburt begleiten. Die bekannteste dieser Untersuchungen ist die Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study, welche den Lebensweg von 1000 Menschen beobachtet, die in den Jahren 1972 und 1973 in dieser Stadt im Südosten Neuseelands geboren wurden. Alle paar Jahre besuchen Mitarbeiter die Teilnehmer dieser Studie, erst als Babys, dann als Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und schließlich als Erwachsene. Größe, Gewicht und andere körperliche Merkmale werden vermessen, Blutproben genommen, Tests zu kognitiven, zur sozialen und emotionalen Entwicklung durchgeführt, Verhalten und Persönlichkeitsmerkmale erfasst, das Familienumfeld einbezogen und befragt, Freunde und Bekannte interviewt, das Umfeld in der Nachbarschaft, dem Kindergarten und der Schule berücksichtigt. Seit es die Technik zulässt, werden genetische Faktoren berücksichtigt. Mit dem gleichen Instrumentarium untersuchten die Forscher mehr als 1000 eineiige Zwillingspaare in Großbritannien im Rahmen der Environmental-Risk Study; und schließlich auch in den USA, wo im Rahmen der NICHD Study of Early Child Care and Youth Development 1300 Kinder von der Geburt bis zum Alter von 15 Jahren begleitet wurden, um spezifisch die Effekte frühkindlicher Betreuung in Krippen oder Kindergärten zu erfassen.

„Dort, wo die empirischen Chips hinfallen, dort fallen sie hin.“

Die Forscher fragen nicht danach, wie die Entwicklung eines Kindes optimalerweise verlaufen sollte. Sie wollen beobachten, wie sich Biografien tatsächlich gestalten und welche Mächte dabei wirken, mehr nicht. Ihre Forschung sei niemals interessengeleitet, betonen sie in jenen Kapiteln, deren Themen heute ideologisch aufgeladen sind: „Dort, wo die empirischen Chips hinfallen, dort fallen sie hin.“ So haben sie in den Daten aus Dunedin beobachtet, dass jahrzehntelanger, regelmäßiger Cannabis-Konsum kognitive Spuren hinterlässt: Der gemessene Intelligenzquotient ist im Erwachsenenalter im Vergleich um wenige Punkte niedriger. Je früher Marihuana ins Leben tritt, desto ausgeprägter der Effekt. Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton betonen in diesem Kapitel mehrmals, dass sie keinerlei Agenda verfolgten: Weder wollten sie Gefährlichkeit, noch Unbedenklichkeit von Cannabis belegen, sondern schlicht prüfen, was ist. Die nüchterne Beschreibung von Beobachtungen provoziert mitunter Widerstand – meist dann, wenn diese Aussagen auf Werte und Vorstellungen treffen, wie die Dinge idealerweise sein sollten. In ihrem Kapitel zu den Effekten frühkindlicher Betreuung formulieren Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton deshalb besonders behutsam. Das Thema Kita ist hochumstritten und berührt zahlreiche Zwänge, Werte und Vorstellungen: über das Familienbild, darüber, wie sich Arbeit und Familie vereinbaren lassen, welchen Einfluss die Mutter auf die Entwicklung eines Kindes hat und vieles mehr.

Interessen und Werte dominieren diese Diskussion und trüben den Blick auf die Daten. Die Ergebnisse der vier Entwicklungsforscher legen also nahe, dass das Familienumfeld prägender bleibe. Für Kitas und Kindergarten gelte, dass deren (pädagogische) Qualität im Vergleich zur täglichen Dauer, die die Kinder dort verbringen, nahezu unerheblich sei – jedoch nur, wenn eine gesunde Bindung zwischen Eltern und Kind bestehe.

Der soziale Vergleich schürt destruktive Wut.

Diese Grenzbedingungen – etwas gilt, wenn etwas anderes auftritt – fördern die spannendsten Ergebnisse der großen Kohortenstudien zutage. So haben sich Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton der Frage angenommen, wie sich die sozio-demografische Zusammensetzung einer Nachbarschaft auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. Besonderen Fokus legten sie auf die Frage, wie und ob eine Jugend in armen Stadtvierteln antisoziales Verhalten fördert. Und ja, es bestehe ein Zusammenhang, wenig überraschend, vor allem, weil Kinder dort häufiger in dysfunktionalen Familien aufwachsen. Aber: Vor allem Jungen fielen dann häufiger als antisoziale Charaktere auf, wenn sie in gemischten Vierteln aufwuchsen – in denen Armut und Wohlstand nebeneinander existierten. Schmerzt der direkte Vergleich mit Bessergestellten so sehr, daß sich daraus erst destruktive Wut speist? Vielleicht. Gewiss sei, dass diese Beobachtung stadtplanerischen Ideen widerspricht, Viertel sozio-demografisch gut durchzumischen, sagen die Forscher.

Aus einer solchen Einsicht ließen sich womöglich Interventionen ableiten. Doch selbst die stärkste Evidenz kann nicht helfen, das Lebensglück aller Menschen zu verbessern: Mit den großen prospektiven Kohortenstudien betrieben sie probabilistische Wissenschaft, betonen Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton. Aus einzelnen Faktoren, Kräften und Ereignissen im Leben folgten niemals zwingend immer die gleichen Ergebnisse für alle Menschen. Ein Stein fällt zu Boden, wenn man ihn loslässt. Das besorgt die Schwerkraft, da ist die Vorhersage klar. Wollen Forscher aber den Lebensweg eines dreijährigen Kindes mit impulsivem Verhalten prognostizieren, verhandeln sie über Wahrscheinlichkeiten. Die Chance ist unter anderem hoch, dass eine Frau mit ihren kleinen Kindern umgeht, wie sie das selbst einst mit der eigenen Mutter erlebt und mitgenommen hat. Und zeigten Kinder in den Untersuchungen mehr Selbstkontrolle, erhöhte das die Wahrscheinlichkeit für positive Effekte im Erwachsenenalter: Gesundheit und Wohlstand zum Beispiel.

Doch es folgt daraus keine Zwangsläufigkeit. Genug Kinder wandern auf Wegen durch ihr Leben, die ihr individuelles Gepäck zunächst unwahrscheinlich erscheinen ließ. Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton verdeutlichen dies mit einem Vergleich: Im Juli sei es in New York City stets heißer als im April; aber an manchen Tagen im April ist es heißer als an manchen Tagen im Juli, nur eben seltener. Gemobbte Kinder zeigen als junge Erwachsene häufiger Verhaltensauffälligkeiten, aber nicht alle gemobbten Kindern kämpfen später mit diesen Problemen. Wer in späteren Lebensjahren an sich selbst leidet, der findet in derlei Aussagen vermutlich wenig Trost. Das aber liegt nicht an den Forschungsergebnissen, sondern daran, welche Erinnerungen aus der Kindheit präsent sind. Diese fallen im Wesentlichen in zwei Kategorien. Süße Nostalgie auf der einen Seite: Wie war das schön damals, das Abenteuer der Kindheit und der Jugend, meine Güte, wann sind wir aus diesem Paradies vertrieben worden? Die andere Kategorie besteht aus Schmerz, aus Erinnerungen wie jener aus der Lateinarena mit dem Vater, die im Vergleich zu wirklichen Kindheitskatastrophen natürlich harmlos ist.

Es sind die leidvollen Momente, auf die sich das Denken vieler Erwachsener häufig richtet, wenn sie an ihrem aktuellen Selbst leiden. Auch das haben Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton beobachtet: Traurigkeit fokussiert die Erinnerungen auf Szenen der Vergangenheit, die einem Schmerz bereitet haben. Wer glücklich ist, richtet seine persönliche Rückschau hingegen auf die fröhlichen Bilder aus vergangenen Zeiten. Das Latein-Foto im Familienalbum rahmen auch schöne Bilder ein: von gemeinsamen Bergtouren, Familienfesten, Ausflügen. Diese spielen im Gedächtnis nur keine Rolle, wenn gegenwärtige Zweifel die Suche auf Spuren längst vergangener kindlicher Unzufriedenheit zentrieren.

Es sind die leidvollen Momente, auf die sich das Denken häufig richtet.

Der Wert dieser prospektiven Kohortenstudien liegt gerade darin, dass sie diese Form der Verzerrung ausschließen. Die Wissenschaftler fragen die Teilnehmer, bevor etwas eintritt, und können dann Jahre später auf diese Aussagen rekurrieren. In anderen Studien werden Teilnehmer hingegen nur nach Erinnerungen gefragt, um Erkenntnisse zu sammeln: Wie war Ihre Kindheit? Wie haben Sie sich ernährt? Wie war das Verhältnis zu Ihrem Vater, Ihrer Mutter? Wie fehlerhaft Antworten auf solche Fragen sind, zeigte sich unter anderem, als Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton das Thema ADHS untersuchten. Nach Jahrzehnten konnten sich die meisten betroffenen Eltern in den Befragungen gar nicht mehr daran erinnern, wie sehr sie unter dem Verhalten ihrer damals hyperaktiven Kinder gelitten hatten. Die meisten wussten so gar nicht einmal mehr von der ADHS-Diagnose ihrer Kinder, obwohl sie den Studienmitarbeitern damals Stunde um Stunde davon erzählt hatten. Erinnerungen trügen, eigene Introspektion sagt viel darüber aus, wer man heute ist, und wenig, wie man dazu geworden ist. Aber vielleicht könnte die Wissenschaft eines sehr, sehr fernen Tages dank Abenteurern wie Belsky, Caspi, Moffitt und Poulton einen klaren Blick auf die verschlungenen Pfade des Lebens anbieten. Die Entschlüsselung menschlicher Entwicklung gleiche am ehesten der Meteorologie, sagen die vier. Das Wetter und das Klima ohnehin hängen von unzähligen Einflussgrößen ab, die komplex interagieren. Der Mensch erlebe im Laufe seines Lebens seine Stürme, regnerische Momente, er sieht emotionalen Sonnenschein, er wandert durch fruchtbare Landschaften und erträgt Dürreperioden.

Das Ziel der Forscher, so könnte man sagen, um im Bild zu bleiben, ist eine Art Klimamodell oder wenigstens Wettervorhersage für den Menschen: Wie wird sich ein Individuum in den kommenden Jahrzehnten entwickeln? Bis dahin wird die Forschung auf eine sehr, sehr lange Reise ins Ungewisse, in das Labyrinth des Lebens, Liebens, Lachens und Leidens gehen müssen. Aber die Wettervorhersage funktioniert heute ja auch ziemlich gut, wenn auch nur für ein paar Tage im Voraus.

 



… dafür hat er den Menschen geschaffen, um sicherzustellen,
daß die Energie „ewig” in Bewegung bleibt!

GENIAL oder ….

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Joanna
Joanna
4 months ago

„Die Welt braucht nicht noch mehr erfolgreiche Menschen.

Der Planet Erde braucht dringend mehr Menschen des Friedens, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebhaber jeder Art.

Sie braucht Menschen, um gut zu leben.

Sie braucht Menschen mit Zivilcourage, die bereit sind, sich für eine menschlichere und einladendere Welt einzusetzen. Und diese Werte haben wenig mit Erfolg in dem Sinne zu tun, wie die moderne Zivilisation ihn definiert.

David W. Orr

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Joanna
Joanna
4 months ago

DAS GEISTIGE ELEMENT – DAS ELEMENT, DAS DIE ANDEREN ELEMENTE VEREINT. Das Element Geist leitet alle anderen Elemente im Menschen und strebt nach einem Gleichgewicht zwischen Erde, Luft, Feuer und Wasser in jedem von uns. Der Geist liegt jenseits des Körpers und ist mit Visualisierung und spiritueller Entwicklung verbunden, unabhängig von den individuellen Eigenschaften eines jeden Menschen.

Der Mensch ist seit Jahrtausenden durch die Auferlegung bestimmter sozialer Codes, die auf Instinkten beruhen, eingeschränkt worden. Im physischen Körper sind die Elemente wie folgt verteilt:

das rechte Bein ist für die Materie, den Besitz und die Verwurzelung in der Realität zuständig;
linkes Bein – für Feuer, Prozesse, Transformation, Ideen;
rechte Hand – für Wasser;
linke Hand für Luft – das Element des Denkens.
Es ist das Gleichgewicht, die perfekte Alchemie des Menschen, der Geist über den Elementen. Anstelle der Elemente haben wir nun Begierden, die sich in verdichteter Form wie folgt zeigen: auf der Seite des Wassers/der Emotionen äußern sie sich in Form von Problemen mit dem Selbst, hormonellen Problemen; ein Übermaß an Feuer – Leidenschaft, Besessenheit, die dunkle Seite des Begehrens; ein Übermaß an Luft – Depressionen, Angstprobleme; ein Übermaß an Erdelement – Verfallen in totalen Materialismus. Es ist wichtig, sich um die Energie der einzelnen Elemente zu kümmern und das Gleichgewicht wiederherzustellen, z. B. das Erdelement durch Pflanzen und Mineralien wieder in Harmonie zu bringen.

Das geistige Element ist dasjenige, in dem sich die anderen Elemente vereinen. Wenn ein Mensch ein hochentwickeltes Luftelement hat, ist das Geistelement meist schon ausgebildet; wenn hingegen das Erdelement dominiert, entwickelt sich das Geistelement zuletzt.

Wie bringt man die Elemente zusammen?

Manchmal ändert sich der Charakter eines Menschen in einem bestimmten Lebensabschnitt. Jeder Mensch hat in der Regel ein dominantes Element in sich, das sich an der Art und Weise seiner Reaktion erkennen lässt. Menschen mit einem dominanten Wasserelement reagieren emotional, sie überlegen sich alle Szenarien, was passieren würde, wenn jemand etwas anders machen würde. Sie sind Spezialisten für Theorien und Szenarien. Erdbeherrschung bringt das Leben der Materie mit sich – was habe ich davon, wird es sich lohnen. Der Geist ist der Grund, es ist zuerst unsere Seele, die sagt, dass sie etwas tun will, und dann sucht eines der Elemente nach einem Weg, dies zu tun, nicht umgekehrt. Wenn eines der Elemente ausschlägt, haben wir es vielleicht mit dem Einfluss von Mode, Götzen oder Trends zu tun und nicht mit dem Willen des Geistes. Zeit, Raum und Umstände wirken zusammen, wenn wir im Einklang mit dem Plan der Seele handeln. Gleichgewicht aller Elemente – Achtsamkeit, Geduld, um die Vorgänge in sich selbst zu beobachten, sich Zeit zu lassen, bevor man reagiert; wenn wir keine gut entwickelte Intuition haben, heißt es zu überlegen: Was steckt hinter meiner Reaktion? Selbstbeobachtung, z. B. warum wir auf eine bestimmte Person in einer bestimmten Weise reagieren. Gefühle vs. Emotionen

Gefühle sind ein höherer Zustand der Emotion, wir fühlen sie im Herzen. Emotionen befinden sich im Solarplexus-Chakra. Das Herzchakra befindet sich in der Nähe des Solarplexus. Emotionen sind größtenteils hormonell bedingt. Wenn wir uns unsicher sind, ob wir etwas richtig oder falsch einsetzen, nutzen wir es nicht aus, sondern denken nur darüber nach. Emotionen und damit auch Gedanken können kontrolliert werden. Gedanken sind mit unseren Sinnen verknüpft. Auf einer hohen Schwingungsebene können die Gedanken genutzt werden, um z. B. das nächste Jahr zu planen. Auf einer niedrigen Schwingung bewirken Gedanken auf der Grundlage von Angst, anstatt im Äußeren verwirklicht zu werden, ein Absinken und einen inneren Verfall. Der Fall aus der Schwingung zeigt, wie stark wir sind und wie viel wir durchmachen können.

Gedanken sind sehr oft in Gefühle eingebettet, die wiederum in Hormone eingebettet sind. Wenn wir an unseren Elementen und unserem Geist arbeiten wollen, haben einige von uns nicht die Möglichkeit, auf der Hier-und-Jetzt-Ebene auf altes Wissen zuzugreifen, weil wir uns selbst nicht vertrauen. Um sich selbst zu vertrauen, muss man ehrlich an sich arbeiten und sich mit sich selbst anfreunden.

Wunsch versus Traum

Desire – die von Ihnen gesendete E-Mail. Das Verlangen kann einen Wunsch in sich tragen, während der Wunsch keinen Wunsch in sich trägt.

Um einen Wunsch oder einen Traum zu konstruieren, der in Erfüllung geht, ist es von Vorteil, sich vorzustellen, wie wir aussehen und wie viele Sinnesreize wir empfinden, wenn wir das Ziel erreichen.

Träume bedeuten weniger als ein Ziel, das in Zeit und Raum eingebettet ist, und ein Traum hat keine bestimmte Frist für seine Verwirklichung. Die Seele kommuniziert mit uns durch Intuition. In der Sehnsucht treffen sich alle unsere Elemente. Der Wunsch ist meistens das Element der Luft, nur auf der Ebene des Denkens, ohne konkrete Maßnahmen zur Verwirklichung zu ergreifen.

Es gibt keine schlechten Seelen, alle Seelen sind gut. Auf der Ebene der Seele ist die Wahrnehmung von Gut und Böse unterschiedlich. Die Seele braucht Erfahrungen, um sich unter verschiedenen Bedingungen zu erproben. Der Weg des Wachstums, der spirituellen Entwicklung, besteht darin, zur Quelle zu gehen und sich daran zu erinnern, dass es in uns Licht gibt.

Den eigenen Schatten zu verstehen – ein wichtiger Schritt für das Wachstum, man kann nicht vor ihm weglaufen, je mehr wir vor ihm weglaufen, desto mehr wird er uns holen. Wenn wir den Schatten nicht verstehen, sind wir in Gefahr. Wir werden dazu erzogen, höflich zu sein, und suchen nicht nach einer Gelegenheit, unserem eigenen Schatten ins Auge zu sehen. Den meisten von uns passieren Dinge, die für uns logisch sind, wenn wir mit etwas in den Energien einverstanden sind, passiert es uns. Das geistige Element sollte das stärkste sein, unerschütterlich.

Furcht und Flucht stärken den Schatten. Da wir in der Materie sind, können wir nicht wurzellos sein. Wenn der Schatten nicht bekämpft wird, wird er unter Umständen zurückkehren. Es ist nützlich zu wissen, was unsere Schwäche ist.

Innere Harmonie manifestiert sich im Schatten und in der Ausstrahlung. Die Entscheidung, ob man sich im Schatten oder im Glanz verwirklichen will, die bedingungslose Selbstannahme ohne Bewertung, ob wir mit uns selbst vollkommen zufrieden sind oder nicht. Auf dem Weg der spirituellen Entwicklung erkennen wir, dass in jedem von uns ein Licht steckt. Jemand hat es einmal bildlich so beschrieben: Wenn wir einen Schatten sehen, bedeutet das, dass es in der Nähe auch Licht gibt. In der Dunkelheit kann man den Schatten nicht sehen, man braucht Licht, um ihn zu sehen. Erhöhte Schwingungen

Alles, was wir uns zuführen, wird dann in unserer Realität umgesetzt. Deshalb ist es hilfreich, einen möglichst umfangreichen Katalog von Inspirationen zu haben, der zeigt, was wir anstreben, und sich bewusst zu machen, wie etwas auf uns wirkt. Die rettende Gnade besteht darin, Dinge zu tun, die die eigene Schwingung erhöhen – Energie an eine Sache zu schicken, die wir unterstützen, oder an einen geliebten Menschen.

Bei hormonellen oder emotionalen Problemen kann das Hören von Musik einer bestimmten Musikrichtung helfen. Es lohnt sich, eine kurze Übung zu machen, bei der du dir dein Herzchakra vorstellst und ihm Worte sagst, die du für wichtig hältst, die es nähren, wie Glück, Liebe, Inspiration, und beobachte, wie es wächst und erblüht. In dem Moment, in dem Sie ihn in die physische Zone bringen, wird der Körper erkennen, dass er sich in einem besseren Zustand befindet, als er tatsächlich ist. Bei einem Vibrationsabfall ist es ebenfalls wichtig, nicht in Panik zu geraten. Die Angst hält uns in dieser Zeit, in diesem Raum auf. Um die Emotionen zu beruhigen, lohnt es sich, ein Bad mit Kräutern zu nehmen, z. B. Lavendel, Kornblume, Nachtkerze. Das Element Wasser hat eine beruhigende Wirkung. Es ist auch eine gute Idee, sich auf die Atmung zu konzentrieren, zu meditieren, zu beten und um Hilfe zu bitten.

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Joanna
Joanna
4 months ago

Ad Zukunft/Die Menschheit entwickelt sich weiter, was wird aus ihr? „In ein paar Jahren wird dieser Markt Milliarden wert sein. Wer zuerst da ist, verdient das meiste Geld. Wie Sie das Metaverse zum Wachstum Ihres Unternehmens nutzen können
Das Metaversum, eine hochgradig interaktive dreidimensionale virtuelle Welt, ist einer der wichtigsten Trends der Jahre 2021 und 2022. Diese Bewegung verwischt die Grenzen zwischen der physischen und der virtuellen Welt. Sie baut auf dem Wunsch der Verbraucher nach Erlebnissen, der wachsenden Akzeptanz aller digitalen Dinge und der Entwicklung von Technologien der erweiterten Realität (AR) und der virtuellen Realität (VR) auf. Das Metaverse wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu einer Milliardeninvestition werden, so dass frühe Anwender am meisten profitieren werden.“

Joanna
Joanna
3 months ago

So

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Joanna
Joanna
3 months ago

Ooo, nichts:)

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Joanna
Joanna
2 months ago

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Joanna
Joanna
20 days ago

So es ist

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