Minder-Wertigkeits-Gefühle stehen in Zeiten der „Ent-Spannung” gleichwertig neben den Ur-Instinkten Überlebens-Trieb und Art-Erhaltung-Trieb (Sexualität), wenn diese keine Gefahr darstellen. Wenn die Ur-Instinkte durch Gefahr angesprochen werden rückt das Minder-Wertigkeits-Gefühl zu nächst in den Hintergrund, bis der Überlebens-Trieb befriedigt ist.

Art-Erhaltung-Trieb (Sexualität) und Minder-Wertigkeits-Trieb gehen,
aus meiner Beobachtung i.d.R. eine Symbiose ein.

Der Mensch ist kein reines Geisteswesen. Mit seinem Körper gehört er dem Reich der lebenden Natur an. Auch sein Verhalten ist biologisch mitbedingt, besonders deutlich im Bereich von Angst, Wut, Hunger, Durst und Sexualität. Diese Feststellung steht im Einklang mit den Aussagen aller anthropologischen Wissenschaften und mit den Selbsterfahrungen jedes einzelnen Menschen. Trotzdem gehört es unabdingbar zum Selbstverständnis des Menschen, prinzipiell willensfrei und verantwortlich handeln zu können, in entscheidenden Augenblicken also keinem naturbedingten Antriebsdiktat zu unterliegen. Wären wir in allem, was wir tun, durch die Umstände und durch Naturgesetze gezwungen – es gäbe keine Schuld und kein Verdienst, keine Selbstbestimmung und keine Mündigkeit.

Nur wenn ich frei etwas will und es durchführe, kann ich als Mensch dafür einstehen; nur dann geht es auf mein Konto und nicht auf das der mich zwingenden Umstände. Aber das Handeln nach freiem Entschluß fällt uns bisweilen nicht in den Schoß; man hat es manchmal nicht nur gegen äußere, sondern auch gegen eigene innere Widerstände – Antriebe und Bedürfnisse – durchzusetzen. Ein Autofahrer sitzt am Steuer seines Wagens und kämpft, um wachzubleiben, gegen die biologische Gewalt der Schläfrigkeit. Ein Schuljunge hat es sich in den Kopf gesetzt, zum ersten Mal vom Fünfmeterbrett ins Wasser zu springen, aber es gelingt ihm nicht; die Angst bleibt stärker. Freier Entschluß und biologisch bedingte Verhaltenstendenzen können beim Menschen um die Führung des Verhaltens ringen.

Je stärker nun irgendwelche biologisch bedingten verhaltensbestimmenden Tendenzen sind, desto eher setzen sie sich beim Einzelmenschen durch, und desto weitergehend bestimmen sie auch, wenn sie viele Menschen erfassen, die Verhaltensrichtungen des Kollektivs. Dies ist ein Grundgesetz der menschlichen Verhaltenssteuerung. Es gilt für gesunde biologische Tendenzen (Hunger, Durst, Schläfrigkeit, Furcht vor realer Gefahr) genauso wie für krankhafte (Sucht, grundlose Ängste). Wohlverstanden: Das Gesetz sagt nicht, der Mensch sei den biologisch bedingten Verhaltenstendenzen widerstandslos unterworfen; sondern: Die biologisch bedingten Verhaltenstendenzen setzen sich umso eher durch, je stärker sie sind. Niemand streitet das im Ernst ab.

Allein Heilige und Märtyrer könnten die volle und immerwährende Meisterschaft über ihre Natur erringen oder erringen wollen. Das eben formulierte Grundgesetz kennzeichnet den Menschen, ohne ihn zu verklären oder zu unterschätzen. Der Mensch ist z. T. Naturwesen; er kann aber auch entscheidungsfrei und verantwortlich handeln. Dieser zweifachen Bedingtheit des menschlichen Verhaltens (Natur und Entscheidungsfreiheit) ist in der Geistesgeschichte tausendfältig Ausdruck verliehen worden: „Alles Tierliebe steckt im Menschen, aber nicht alles Menschliche steckt im Tier“, sagt ein chinesisches Sprichwort. – Der Mensch sei „ni ange ni bete“, also weder Engel noch Tier, so drückte es der Philosoph Blaise Pascal (1623–1662) aus. Und von nichts anderem spricht Shakespeare in „Viel Lärm um nichts“, wenn er sagt: „Denn noch bis jetzt gab’s keinen Philosophen, der mit Geduld das Zahnweh konnt‘ ertragen, ob er der Götter Sprache auch geredet und Schmerz und Zufall als ein Nichts geachtet.“

Der Mensch kann seine biologisch bedingten Verhaltenstendenzen kontrollieren und damit seine Entscheidungsfreiheit ins Spiel bringen. Die Verhaltensbiologie kann die biologisch bedingten Verhaltenstendenzen beurteilen; die Inhalte und Ziele der freien Entscheidungen des Menschen sind Gegenstand anderer Wissenschaftsrichtungen, etwa der Ethik. Die Verhaltensbiologie befaßt sich also – wenn man das oben formulierte Grundgesetz der menschlichen Verhaltenssteuerung ins Auge faßt – mit Verhaltenstendenzen, die sich im Handeln des Menschen durchsetzen können, aber nicht müssen, und die sich umso eher durchsetzen, je stärker sie sind. Die Verhaltensbiologie befaßt sich bei den Tieren mit allem Verhalten, beim Menschen nur mit einem Teil seiner Verhaltens-tendenzen, dem biologisch bedingten Teil.

Nicht nur die Verhaltenstendenzen des Menschen, auch sein Verhalten kann biologisch bedingt sein, nämlich wenn er den biologischen Tendenzen mit seinem Verhalten folgt. Das geschieht z. B., wenn er von ihnen überwältigt wird, wie in panischer Angst. Es geschieht auch, wenn er „sich gehen läßt“, weil er aus Bequemlichkeit der Stimme der freien Entscheidung nicht gehorcht. Man kann aber in vielen Lebenslagen auch nach bewußter freier Entscheidung dasselbe wollen wie „die Stimme der Natur“. Dann ist man hinsichtlich dieser Tendenzen „mit sich selbst im Einklang“. Aus all dem folgt, daß man den Menschen nur z. T. versteht, wenn man die Verhaltensbiologie vernachlässigt; denn diese beschäftigt sich mit biologischen menschlichen Verhaltenstendenzen, die tatsächlich einen Teil des menschlichen Individual- und Sozialverhaltens steuern. Soziologische und politologische Wissenschaftsrichtungen, die davon keine Notiz nehmen, behalten weiße Flecken auf ihrer
Landkarte. Als Ursache für die biologisch bedingten Verhaltenstendenzen des Menschen kommen funktionelle Zusammenhänge in Frage, die auch bei anderen Lebewesen vorkommen – Quelle.

Minderwertigkeitsgefühl, subjektiv erlebte Mangellage, das Gefühl, unzulänglich bzw. minderwertig zu sein, zentraler Begriff in der Individualpsychologie von Alfred Adler. Minderwertigkeit, die nicht nur aus Organminderwertigkeit, sondern auch aus zu karger, aber auch verwöhnender Erziehung entsteht, führe zu einer Übersteigerung des Selbstbehauptungsstrebens, das Adler zusammen mit dem Geltungsstreben als treibende Kraft der menschlichen Entwicklung ansah. Lebensneid, Unterschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit und Überschätzung der Überlegenheit anderer sowie ein überhöhtes, kompensatorisches Leistungs- und Machtstreben, das andere abwertet und die eigene Wertigkeit betont, sind u.a. charakterliche Folgeerscheinungen. So könne z.B. übersteigerter Ehrgeiz („Ehrsucht“) zum Selbstzweck werden und Folge von Minderwertigkeitsgefühlen sein.

Minderwertigkeitskomplexe, die „Verschränkung” (Quanten-Mechanik) von Minderwertigkeitsgefühlen ist ein seelisches Empfinden, das ein Gefühl der eigenen Unvollkommenheit ausdrückt. Der Psychotherapeut Alfred Adler hat den bis dahin nur in der Kunst- und Literaturtheorie verwendeten Stilbegriff für Psychologie und Psychotherapie entdeckt und als zentralen Begriff der Individualpsychologie eingeführt.

Weitere holistische Begriffe zum Thema:

So wie der Säugling in seinen Bewegungen das Gefühl seiner Unzulänglichkeit verrät, das unausgesetzte Streben nach Vervollkommnung und nach Lösung der Lebensanforderungen, so ist die geschichtliche Bewegung der Menschheit als die Geschichte des Minderwertigkeitsgefühls und seiner Lösungsversuche anzusehen. Einmal in Bewegung gesetzt, war die lebende Materie stets darauf aus, von einer Minus-Situation in eine Plus-Situation (ähnlich wie Wechsel-Strom) zu gelangen. Diese Bewegung, die ich bereits im Jahre 1907 in der zitierten »Studie über Minderwertigkeit der Organe« geschildert habe, ist es, die wir im Begriffe der Evolution erfassen.

Diese Bewegung, die durchaus nicht als zum Tode führend angesehen werden darf, ist viel- mehr darauf gerichtet, zur Bewältigung der äußeren Welt zu gelangen, keineswegs zu einem Ausgleich, nicht zu einem Ruhezustand. Wenn Freud behauptet, daß der Tod die Menschen anzieht, so daß sie ihn im Traum oder auch sonst wie herbeisehnen, so wäre dies sogar in seiner Auffassung eine voreilige Antizipation. Dagegen kann nicht daran gezweifelt werden, daß es Menschen gibt, die den Tod einem Ringen mit den äußeren Umständen vorziehen, weil sie in ihrer Eitelkeit allzu sehr die Niederlage fürchten.

Es sind die Menschen, die sich stets nach Verwöhnung sehnen, nach persönlichen Erleichterungen, die durch andere bewerkstelligt sein sollen. Der menschliche Körper ist nachweisbar nach dem Prinzip der Sicherung aufgebaut. Meltzer hat in »The Harvard Lectures« im Jahre 1906 und 1907, also ungefähr um dieselbe Zeit, wie ich in der oben zitierten Studie, nur gründlicher und umfassender, auf dieses Prinzip der Sicherung hingewiesen. Für ein geschädigtes Organ tritt ein anderes ein, wie bei einer funktionierenden Organ-isation auch. Ein geschädigtes Organ erzeugt aus sich heraus eine ergänzende Kraft. Alle Organe können mehr leisten, als sie bei normaler Beanspruchung leisten müßten, ein Organ genügt oft mehrfachen, lebenswichtigen Funktionen usw.

Das Leben, dem das Gesetz der Selbsterhaltung vorgeschrieben ist, hat auch die Kraft und Fähigkeit dazu aus seiner biologischen Entwicklung gewonnen. Die Abspaltung in Kinder und in jüngere Generationen ist nur ein Teil dieser Lebenssicherung. Aber auch die stets steigende Kultur, die uns umgibt, weist auf diese Sicherungstendenz hin und zeigt den Menschen in einer dauernden Stimmungslage des Minder-Wertigkeits-Gefühls, das stets unser Tun anspornt, um zu größerer Sicherheit zu gelangen. Lust oder Unlust, die dieses Streben begleiten, sind nur Hilfen und Prämien auf diesem Wege. Eine Anpassung aber an die gegebene Realität wäre nichts anderes als Ausnützung der strebenden Leistungen anderer, wie es das Weltbild des verwöhnten Kindes verlangt.

Das dauernde Streben nach Sicherheit drängt zur Überwindung der gegenwärtigen Realität zugunsten einer besseren. Ohne diesen Strom der vorwärts drängenden Kultur wäre das menschliche Leben unmöglich. Der Mensch müßte dem Ansturm der Naturkräfte unterliegen, wenn er sie nicht zu seinen Gunsten verwendet hätte. Ihm fehlt alles, was stärkere Lebe- wesen zum Sieger über ihn gemacht hätte. Die Einflüsse des Klimas zwingen ihn,  sich vor Kälte mit Stoffen zu schützen, die er besser geschützten Tieren abnimmt. Sein Organismus verlangt künstliche Behausung, künstliche Zubereitung der Spei- sen. Sein Leben ist nur gesichert bei Arbeitsteilung und bei genügender Vermehrung.

Seine Organe und sein Geist arbeiten stets auf Überwindung, auf Sicherung. Dazu kommt seine größere Kenntnis der Gefahren des Lebens, sein Wissen vom Tode. Wer kann ernstlich daran zweifeln, daß dem von der Natur so stiefmütterlich bedachten menschlichen Individuum als Segen ein starkes Minderwertigkeitsgefühl mitgegeben ist, das nach einer Plus-Situation drängt, nach Sicherung, nach Überwindung? Und diese ungeheure zwangsweise Auflehnung gegen ein haftendes Minderwertigkeits­gefühl als Grundlage der Menschheitsentwicklung wird in jedem Säugling und Kleinkind aufs neue erweckt und wiederholt.

Mehr dazu lesen:

Alfred Adler Minderwertigkeitsgefühle bei jedem Menschen an. Er sah eine kompensatorische Wechselwirkung zwischen dem Gefühl der Unvollkommenheit und dem Streben auf ein Ziel hin.

Oliver Brachfeld beschrieb das Problem der Minderwertigkeitsgefühle 1935 umfassend in seinem Buch Minderwertigkeitsgefühle beim Einzelnen und in der Gemeinschaft. Er stellte das Minderwertigkeitsgefühl und seine Überwindung als ein Grund-Motiv dar, das seit der Neuzeit Dichter und Philosophen beschäftigte. Von den Minderwertigkeitsgefühlen ausgehend, wollte er die Grundlage zu einer neuen Theorie des Selbst-Wert-Gefühls schaffen.

OeHu-Haltung:

„Sich über die Mitmenschen Gedanken zu machen. Denn wer anderen hilft und sich bemüht gemeinsame Ziele kooperativ zu erreichen, wird glücklicher werden, als wer nur den eigenen Vorteil sucht. Das Minderwertigkeitsgefühl im Sinne Adlers bedarf daher der Kompensation durch das Hinwenden zur Gemeinschaft. (Stangl, 2023)”.

Diese Aussage versucht auf: „Liebe deinen Nächsten, wie DICH SELBST”, einzuzahlen!

Echte Nächsten-Liebe ist ein Drahtseil-Akt und kann nur greifen, wenn das SELBST, auf dem immerwährenden und konstruktivem Weg der Überwindung von Minder-Wertigkeits-Gefühlen, von der einen zur anderen Seite sich genügend wertschätzende SELBST-LIEBE hat geben können. Wenn dem nicht so ist, führt Eigen-Liebe (Eigen-Dünkel), die von Selbst-Liebe zu unterscheiden ist, zu einem destruktiven „Überlegenheits-Gefühl” (nach A. Adler), das sich in einem „Pseudo-Selbst-Wert-Gefühl”, als kranker „Narzißmus” äußert. Somit wird es immer darum gehen, die beiden Seiten, der gleichen Medaillie – SELBST – auszubalancieren.