Wahrheit | OekoHuman

Die Benchmark für Wahrheit, sind die heiligen Gesetze und die Natur-Gesetz-Mäßigkeiten

Im Leben Wahrheit hat viele Gesichter – wie in den nachfolgenden Texten deutlich wird


Authentizität ist die Wahrheit, die für den Einzelnen zählt – Authentizität hält – Körper – Seele – Geist zusammen und gesund. Zusätzlich ist „die Wahrheit ist ein pfadloses Land“ – Jiddu Krishnamurti. 

Wahrheit ist nicht etwas, das man bekommt, das man hat, das man besitzt. Es ist ein pfadloses Land; niemand kann dich durchführen. Du musst von Anfang das Licht für dich selbst sein. So stehst du allein, dich zu reinigen von all dem Absurden und Wirren, dass von anderen Menschen, über äußere Anstrengung, Suche und Erklärung entdeckt wurde. Aber die meisten von uns verlassen sich gerne auf einen Guru – Machthabenden, und so sind die Gurus und Machthabenden hier, um den Menschen auszunutzen. Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille, damit der Mensch lernt, das Licht in sich zu entdecken – Jiddu Krishnamurti. Sinn und Zweck der beiden Seiten ist es, individuell die dritte Seite – den Rand – sein persönlichen Leben in Balance zu leben. Dies in Abstimmung mit seinem persönlichen Umfeld, in Frieden und Freiheit, mit entsprechender Toleranz. Dazu gehört ein dynamischer Horizont von beiden Seiten. Dieser ist nur zu erreichen, wenn der Detaillierungsgrad stimmt – Lucifer steckt im Detail. Lucifer ist der Lichtbringer, der Licht ins Dunkel bringt.
Aus diesem Grund gibt es die tiefste Angst im MenschenSatyagraha nannte es Mahatma Gandhi

Gewissen: ist die innere Stimme und Instanz, des persönlichen inneren Widerstands, um die
individuelle Wahrheit in sich zu finden!

 

die OekoHuman-Perspektive und der praktische Weg:

Das Leben ist eine immerwährende GÜTE-Regie-Reife-Statik-Prüfung

der OekoHuman-Ansatz: konstruktive und innere Statik mit Intuition ist erlernbar,
um Logik und Gesetz-Mäßigkeiten, fühlen – empfinden – spüren zu lernen bis hin zur Meisterschaft im Leben.

Grundlagen:
EthikWeisheitVernunftGÜTESystemStatikGELD – NeugierSIEBENRelativitätElektrizitätStrom – ÖkoMüheReflektionS.E.X., sind die zentralsten Begriffe im OekoHuman – Holistik – Know-Zentrum.
Sie sind eine Regie-Empfehlung mit Sinn, und Dynamik, bis zur persönlichen Meisterschaft im Leben, gebunden an ein freudvolles – langes Leben mit Innenschau – MissionVision – Außenschau und dem Motto: die individuelle Mischung macht`s.

Start
:

Wer bin ICH – Wer möchte ICH SEIN –  Status-QuoLagebeurteilung
Basis:
MenschTalentAnamnesisHermetikGewissenWahrheitEinstellungHermeneutik  Source-CodeGÜTETUNNahrung-ErnährungStromVernunftControllingProfitumLoyalitätWundernBuddy-SystemAnpassungsfähigkeit

PotentialEntfaltung:
KraftStärkeWilleDisziplinRegieToleranzResilienzVolitionAuthentizitätWettbewerb– und Widerstands-FähigkeitKnow-HowMarke 

Umsetzung:

LIEBEMutMüheRitualMACHTKAIZENPartkdolg-Pflicht (Duty)Know-Howschöpferische Zerstörungdie Mischung macht`sEntscheidungWirksamkeit

Fallen:
BequemlichkeitDenkgefängnisseVerschlimmbesserungProjektionKausalitätKomfortzoneDurchhaltevermögenWechselwirkungWirkzusammenhängeKonkurrenzKredit

Weg:
HaltungTON – ResonanzHorchenErziehungUnterweisungWiderstandStatikDurchsetzungBildungVollendung

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Ziele:
FokussierungAutonomieGesundheitKlimaKulturRespekt – WürdeGelingenReEvolutiondynamischer Schöpfungs-Prozeß, „wer rastet der rostet

Resultate:
ReifeOrdnungNiveauQualitätWeisheitFriedendynamischer Horizontewiger Schöpfungs-ProzeßNachhaltigkeitGeltung

weitere Stichworte:
Universal-Prinzipien-Gesetz-Mäßigkeiten – GlaubeHoffnungDienen mit DemutLernenAnstrengungCharakter-DesignKonsequenz –  KompatibilitätERPHidden-ChampionsEntrepreneurPräventionVeredelungÄsthetikQuintessenz – Unternehmer-Privat-Sekretär



in Wikipedia zu lesen:

Der Begriff der Wahrheit wird in verschiedenen Zusammenhängen gebraucht und unterschiedlich gefasst. Gemeinhin wird die Übereinstimmung von Aussagen oder Urteilen mit einem Sachverhalt,[1][2] einer Tatsache oder der Wirklichkeit im Sinne einer korrekten Wiedergabe als Wahrheit bezeichnet. Im Weiteren wird unter „Wahrheit“ auch die Übereinstimmung einer Äußerung mit einer Absicht oder einem bestimmten Sinn beziehungsweise einer normativ als richtig ausgezeichneten Auffassung („truism“ oder Gemeinplatz) oder mit den eigenen Erkenntnissen, Erfahrungen und Überzeugungen verstanden (auch „Wahrhaftigkeit“ genannt). Tiefergehende Betrachtungen sehen Wahrheit als Ergebnis eines offenbarenden, freilegenden oder entdeckenden Prozesses des Erkennens ursprünglicher Zusammenhänge oder wesenshafter Züge.

Das zugrundeliegende Adjektiv „wahr“ kann auch die EchtheitRichtigkeit, Reinheit oder Authentizität einer Sache, einer Handlung oder einer Person, gemessen an einem bestimmten Begriff, beschreiben („Ein wahrer Freund“).[3] Alltagssprachlich kann man die „Wahrheit“ von der Lüge als absichtlicher Äußerung der Unwahrheit und dem Irrtum als dem fälschlichen Fürwahrhalten abgrenzen.

Die Frage nach der Wahrheit gehört zu den zentralen Problemen der Philosophie und der Logik und wird von verschiedenen Theorien unterschiedlich beantwortet. Dabei können grob die Fragen nach einer Definition der Wahrheit und nach einem Kriterium dafür, ob etwas zu Recht „wahr“ genannt wird, unterschieden werden. In bestimmten formalen Semantiken werden Sätzen Wahrheitswerte zugeordnet, die das Erfülltsein in bestimmten Kontexten beschreiben. Der etwa für die Grundlagen der Mathematik bedeutende Begriff der Beweisbarkeit lässt sich mitunter mit solchen semantischen Wahrheitsbegriffen in Verbindung bringen, ein Beweis demonstriert dann die Wahrheit.

In Naturwissenschaft und Technik wird die Wahrheit (wahrer Wert) grundsätzlich mittels Messen angestrebt. Wahre Werte sind zwar nicht direkt messbar, werden aber erfolgreich durch Wertintervalle (des vollständigen Messergebnisses) eingegrenzt.

Inhaltsverzeichnis

Wortherkunft

Wahrheit ist als Abstraktum zum Adjektiv „wahr“ gebildet, das sich aus dem indogermanischen Wurzelnomen (ig.) *wēr- „Vertrauen, Treue, Zustimmung“ entwickelt hat.[4]

Wahrheit in der Philosophie

Dem Begriff der Wahrheit entsprechen in der Philosophie der Antike altgriechisch ἀλήθεια – aletheia und lateinisch veritas. In modernen Theorieansätzen bezeichnet „Wahrheit“ üblicherweise eine Eigenschaft von Überzeugungen, Meinungen oder Äußerungen, die sich auf jeden möglichen Wissensbereich (Alltagsgegenstände, Physik, MoralMetaphysik etc.) beziehen können.

Eine Eingrenzung des Bezugs wahrheitsfähiger Propositionen auf bestimmte Gegenstandsbereiche, z. B. auf den Bereich derjenigen Gegenstände, die der Erfahrung zugänglich sind, ist umstritten, ebenso wie die genaue Bestimmung der Objekte, welchen diese Eigenschaft zugeschrieben wird (der „Wahrheitsträger“: Urteile, Überzeugungen, Aussagen, Gehalte etc.). Aber auch die Natur der Wahrheit als Eigenschaft der Wahrheitsträger ist Gegenstand von Debatten (z. B. Korrespondenz zu „Wahrmachern“, also Gegenstände, Sachverhalte etc. oder „Kohärenz “ als Übereinstimmung mit anderen Wahrheitsträgern). Ebenfalls strittig ist, wie wir Kenntnis von dieser Eigenschaft erhalten: nur durch empirischen Wissenserwerb oder zumindest für bestimmte Gegenstände auch vorab, „a priori“.

Unterschiedliche Ausarbeitungen von Wahrheitstheorien beantworten einige oder alle dieser Fragen auf verschiedene Weise.

Schematischer Überblick

PositionWahrheitsdefinitionWahrheitsträgerWahrheitskriterium
Ontologisch-metaphysische Korrespondenztheorie„Veritas est adaequatio intellectus et rei“
Wahrheit ist die Übereinstimmung von erkennendem Verstand und Sache
DenkenSachen in der Welt
Dialektisch-materialistische WiderspiegelungstheorieÜbereinstimmung zwischen Bewusstsein und objektiver RealitätBewusstsein (orthodoxer Marxismus)
oder Aussage (moderner Marxismus)
Praxis[1]
Logisch-empiristische BildtheorieÜbereinstimmung der logischen Struktur des Satzes mit der des von ihm abgebildeten SachverhaltsSatzstrukturStruktur der Sachverhalte
Semantische Theorie der Wahrheit„x ist eine wahre Aussage dann und nur dann, wenn p“[5] (Für „p“ ist eine beliebige Aussage, für „x“ ein beliebiger Eigenname dieser Aussage einzusetzen.)Satz (der Objektsprache)Diskursuniversum (der Objektsprache)
RedundanztheorieDer Begriff der Wahrheit wird nur aus stilistischen Gründen verwendet, oder um der eigenen Behauptung Nachdruck zu verleihen.Sätze
Performative Theoriedas, was man tut, wenn man sagt, eine Aussage sei wahrHandlung / Sprechakt / Selbstverpflichtungeigenes Verhalten
KohärenztheorieWiderspruchsfreiheit / Ableitungsbeziehungen einer Aussage zum System akzeptierter AussagenAussageKein Widerspruch von Aussage und bereits akzeptiertem Aussage-System
Konsensustheoriediskursiv einlösbarer Geltungsanspruch, der mit einem konstativen Sprechakt verbunden istAussage/Proposition[6]begründeter Konsens unter Bedingungen einer idealen Sprechsituation[7]

Die Korrespondenz-Theorie der Wahrheit

Die in der Philosophiegeschichte über weite Strecken dominierende Wahrheitstheorie war die Korrespondenz- oder Adäquationstheorie der Wahrheit. Diese Theorie geht von Wahrheit als Übereinstimmung gedanklicher Vorstellungen mit der Wirklichkeit aus. Ihre Vertreter verstehen Wahrheit grundsätzlich als eine Relation zwischen zwei Bezugspunkten und bezeichnen diese als Übereinstimmung, Entsprechung, Adäquation, Übereinkunft etc. Auch die Relata werden unterschiedlich bestimmt: anima(Seele)/ens, Denken/Sein, Subjekt/Objekt, Bewusstsein/Welt, Erkenntnis/Wirklichkeit, Sprache/Welt, Behauptung/Tatsache etc.

Die annähernd gegenteilige Sicht ist die des antiken Skeptizismus, der die Möglichkeit einer gesicherten, nachweisbaren Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit in Frage stellt.

Aristoteles

Aristoteles formulierte das Grundprinzip der Korrespondenztheorie

Als erster Korrespondenztheoretiker wird vielfach Aristoteles genannt, der in seiner Metaphysik formulierte:

„Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nichtseiende sei nicht, ist wahr. Wer also ein Sein oder Nicht-Sein prädiziert, muss Wahres oder Falsches aussprechen.[8]
[…] Nicht darum nämlich, weil unsere Meinung, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten.[9]

Aristoteles spricht in dieser berühmten Formulierung allerdings nicht von Korrespondenz oder Adäquation. Daher gibt es über die Zuordnung des Aristoteles zur Korrespondenztheorie keinen wissenschaftlichen Konsens.

Thomas von Aquin

Innerhalb der mittelalterlichen Philosophie[10] ist Thomas von Aquin einer der bekanntesten Vertreter einer Korrespondenz- oder Adäquationstheorie der Wahrheit.[11] In den Quaestiones disputatae de veritate findet sich die klassische Formulierung der ontologischen Korrespondenztheorie der Wahrheit als „adaequatio rei et intellectus (Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand)“:[12]

   
„Respondeo dicendum quod veritas consistit in adaequatione intellectus et rei […]. Quando igitur res sunt mensura et regula intellectus, veritas consistit in hoc, quod intellectus adaequatur rei, ut in nobis accidit, ex eo enim quod res est vel non est, opinio nostra et oratio vera vel falsa est. Sed quando intellectus est regula vel mensura rerum, veritas consistit in hoc, quod res adaequantur intellectui, sicut dicitur artifex facere verum opus, quando concordat arti.“[13][14] „Ich antworte, es sei zu sagen, dass Wahrheit in der Übereinstimmung von Verstand und Sache besteht […]. Wenn daher die Sachen Maß und Richtschnur des Verstandes sind, besteht Wahrheit darin, dass sich der Verstand der Sache angleicht, wie das bei uns der Fall ist; aufgrund dessen nämlich, dass die Sache ist oder nicht ist, ist unsere Meinung und unsere Rede davon wahr oder falsch. Wenn aber der Verstand Richtschnur und Maß der Dinge ist, besteht Wahrheit in der Übereinstimmung der Dinge mit dem Verstand; so sagt man, der Künstler verfertige ein wahres Kunstwerk, wenn es seiner Kunstvorstellung entspricht.“

Den Hintergrund dieser Wahrheitsdefinition stellt ein dreifaches Verständnis von Wahrheit dar:[15]

  • von der Seite der Übereinstimmung aus (ontologische Wahrheit);
  • von der Seite des erkennenden Subjekts aus, dessen Wissen mit dem Seienden übereinstimmt (logische Wahrheit) – ausgedrückt in der Formel „adaequatio intellectus ad rem“
  • von der Seite des erkannten Objekts aus, dessen Sein mit dem Wissen des erkennenden Subjekts übereinstimmt (ontische Wahrheit) – ausgedrückt in der Formel „adaequatio rei ad intellectum“

Neuzeit, Kant

Ein korrespondenztheoretischer Wahrheitsbegriff wurde bis ins 19. Jahrhundert sehr oft vertreten. So erklärt z. B. Kant in der Kritik der reinen Vernunft: „Die Namenerklärung der Wahrheit, daß sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande sei, wird hier geschenkt, und vorausgesetzt“ (A 58 / B 82). Kant selbst vertritt jedoch eine differenziertere Theorie der Wahrheit, die von der Quelle der jeweiligen Erkenntnis abhängt. So vertritt er für Einzelurteile über Erfahrungsobjekte einen Verifikationismus (Korrespondenz zwischen Erfahrung und Denken), dieser kann jedoch durch die Bedingungen der Kohärenz der Erfahrungen eingeschränkt oder sogar aufgehoben werden. Für allgemeine Erfahrungsurteile und Naturgesetze einen gemäßigten Fallibilismus.

Neuthomismus

In der neueren Philosophie verteidigen die Korrespondenztheorie vor allem die Neuthomisten (Emerich CorethKarl RahnerJohannes Baptist Lotz). Wahrheit bezeichnet dort generell eine Übereinstimmungs- bzw. Angleichungsbeziehung zwischen dem Wissen eines erkennenden Subjekts und einem Seienden, auf das sich dieses Wissen bezieht. Coreth definiert Wahrheit in typischer Formulierung als „Übereinstimmung zwischen dem Wissen und dem Seienden“.[16] Den Hintergrund bildet die Auffassung von einer grundsätzlichen Identität von Sein und Wissen: „Sein ist ursprünglich und eigentlich Sich-Wissen, wissendes Bei-sich-Sein im geistigen Vollzug“.[17]

Dialektisch-materialistische Widerspiegelungstheorie

Marx formuliert mit dem Dialektischen Materialismus eine Widerspiegelungstheorie der Wahrheit. Wahrheit ist demnach eine Übereinstimmung des Bewusstseins mit dem bewussten Objekt. Sie steht im Dienst der Praxis und wird allein daran gemessen. Marx drückt dies in seiner zweiten These über Feuerbach aus:

„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.[18]

Während im orthodoxen Marxismus das Bewusstsein als „Abbild“ des Sachverhalts angenommen wird, gehen neuere Richtungen dazu über, diese Funktion sprachlichen Gebilden wie Aussagen zuzuschreiben:

„Sie [die Wahrheit] wird definiert als Eigenschaft der Aussagen, mit dem widergespiegelten Sachverhalt übereinzustimmen.[19]

Die Wahrheit stellt immer ein Verhältnis dar – nämlich das Verhältnis von dem abgebildeten Objekt im Bewusstsein und dem Objekt selbst. Falls die Widerspiegelung adäquat ist, spricht man hier von (relativer) Wahrheit. Das Kriterium hierfür ist die Praxis. Der dialektische Materialismus unterscheidet die relative Wahrheit von der absoluten Wahrheit. Beide werden als dialektische Einheit angesehen: Eine absolute Wahrheit ist danach z. B. die Abstammung des Menschen von den Tieren. Die Relativität dieser Wahrheit ergibt sich z. B. aus der Entwicklung der Erkenntnis der Menschheit, welche die Naturprozesse immer vollkommener nachvollzieht und somit „neue“, genauere, höhere Wahrheiten herausfindet. Darwins These gilt als absolut wahr, doch sie kann ergänzt und immer genauer bestimmt werden. Demzufolge erlangen die Menschen eine immer höhere relative Wahrheit auf der Basis absoluter Wahrheiten. Eine endgültige, ewige Wahrheit gibt es im dialektischen Materialismus nicht.

Logisch-empiristische Bildtheorie

Auch innerhalb des Logischen Empirismus findet sich eine Abbildtheorie der Wahrheit. Klassisch wird diese im Werk des frühen Wittgenstein ausgearbeitet. Im Tractatus Logico-Philosophicus[20] geht Wittgenstein zunächst davon aus, dass wir uns Bilder von der Wirklichkeit machen. Sie sind ein „Modell der Wirklichkeit“ (2.12). Bilder drücken sich in Gedanken aus, deren Gestalt „der sinnvolle Satz“ darstellt (4).

Wittgenstein definiert die Wirklichkeit als „die Gesamtheit der Tatsachen“ (1.1). Tatsachen sind bestehende Sachverhalte, die von bloßen, nicht bestehenden Sachverhalten zu unterscheiden sind (2.04–2.06). Sie bestehen aus Gegenständen oder Dingen und der Verbindung zwischen ihnen (2.01). Auch der Satz ist eine Tatsache (3.14). Eine Tatsache wird zum Bild durch die „Form der Abbildung“, die sie mit dem Abgebildeten gemeinsam hat. Wittgenstein versucht, dies an folgendem Beispiel deutlich zu machen:

„Die Grammophonplatte, der musikalische Gedanke, die Notenschrift, die Schallwellen, stehen alle in jener abbildenden Beziehung zueinander, die zwischen Sprache und Welt besteht.“

– Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus. 4.014.

Ebenso wie die Notenschrift ein Bild der durch sie dargestellten Musik ist, stellt der Satz „ein Bild der Wirklichkeit“ dar (4.021). Ein Satz besteht aus Namen und den Beziehungen zwischen ihnen. Er ist wahr, wenn die in ihm enthaltenen Namen auf reale Gegenstände referieren und die Beziehung zwischen den Namen der zwischen den referierten Gegenständen entspricht.

Probleme der Korrespondenztheorie

In der Korrespondenztheorie wird Wahrheit als eine zweistellige Relation der Form aRb gedacht. Bei all diesen drei Strukturmomenten ergeben sich Probleme, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verstärkt thematisiert wurden, was zur Entwicklung alternativer Wahrheitstheorien führte.

So gibt es Schwierigkeiten bei der Bestimmung des Wahrheitsträgers (truthbearer). Um welche Gegenstände oder Entitäten handelt es sich, die mit den Tatsachen oder der Wirklichkeit übereinstimmen sollen, und die wir in diesem Sinne wahr nennen?

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage nach dem Wahrmacher (truthmaker), nämlich von welcher Art dasjenige ist, womit Aussagen übereinstimmen müssen, um wahr zu sein. Es herrscht zwar unter den Korrespondenztheoretikern weitgehende Einigkeit darüber, dass es sich bei den Wahrmachern um Tatsachen handelt, allerdings besteht Uneinigkeit darüber, was Tatsachen eigentlich sind. So drückt Günther Patzig eine in der analytischen Philosophie weit verbreitete Ansicht aus, dass man weder den allgemeinen Begriff der Tatsache definieren noch einzelne Tatsachen identifizieren könne, ohne auf Aussagen zu rekurrieren. Tatsachen müssten daher als erfüllte Wahrheitsbedingungen von Sätzen angesehen werden.[21] Für die Korrespondenztheorie ergibt sich daraus das Dilemma, dass sie in einen definitorischen Zirkel gerät, da der Begriff der Tatsache bereits den Begriff der Wahrheit enthält, den es eigentlich erst zu definieren gilt:

„Dabei ist es wichtig zu sehen, daß es zunächst ganz unklar ist, ob das, was Tatsachen sind, über W.[ahrheit], oder ob W.[ahrheiten] über Tatsachen zu erläutern sind. Eben daher ist eine Definition, nach welcher wahr sei, was mit den Tatsachen übereinstimmt, ebenso richtig wie leer: Es handelt sich um eine Tautologie […].[22]

Das dritte Problem betrifft die Korrespondenzrelation selbst. Dies zeigt sich bereits daran, dass zu ihrer Beschreibung in den verschiedenen Theorien eine Vielzahl an Ausdrücken verwendet wurde: Korrespondenz, Entsprechung, Übereinstimmung, Adäquation, Abbildung oder Widerspiegelung.

Gegen das Konzept einer echten bildlichen Beziehung gab es den Einwand, dass unklar bleibe, wie die Übereinstimmungsrelation von zwei so unterschiedlichen „Entitäten“ wie Wissen und Gegenstand überhaupt gedacht werden soll (z. B. zwischen meinem Wissen, dass der konkrete Gegenstand vor mir rot ist und dem Gegenstand selbst). Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, versuchten Vertreter von sprachanalytisch orientierten Korrespondenztheorien, die Relation zwischen Aussagen und Tatsachen abstrakter als Strukturgleichheit oder Isomorphie zu fassen. Auch dieses Konzept erweist sich jedoch bereits bei einfachen Beispielen als problematisch, da in vielen Fällen eine eindeutige Zerlegung einer Tatsache in ihre Elemente nicht möglich zu sein scheint:

„Nehmen wir das in der Wahrheitsdiskussion seit langem notorische Beispiel: Die Katze ist auf der Matte. Diese Aussage kann man vielleicht noch halbwegs plausibel in ihre Bestandteile zerlegen. Aber wie steht es mit der entsprechenden Tatsache? Kann man wirklich sagen, daß diese Tatsache aus den und den Bestandteilen besteht, etwa aus der Katze, der Matte und einer bestimmten räumlichen Relation?[23]

Auf noch größere Schwierigkeiten stößt man zum Beispiel bei negativen Aussagen und ihrem Pendant auf Seiten der Tatsachen. Worin besteht etwa die Übereinstimmung, wenn ich erkenne, dass ein bestimmter Gegenstand nicht vorhanden ist bzw. dass ihm bestimmte Eigenschaften nicht zukommen? Wie soll man sich eine Übereinstimmung mit etwas nicht Bestehendem denken? Noch schwieriger lassen sich irreale Konditionalsätze interpretieren wie: „Wenn ich dies nicht getan hätte, wäre jenes (vielleicht) nicht passiert.“

Dennoch ist Karen Gloy zuzustimmen: „Das adaequatio-Verständnis der Wahrheit ist zweifellos das bekannteste und verbreitetste, das sowohl unser alltägliches, vorwissenschaftliches Denken wie auch unser wissenschaftliches beherrscht.“ Im Alltag stellt die (vage) Rede von der Übereinstimmung einer sprachlichen Aussage mit einem objektiven Sachverhalt oft kein Problem dar.

Sprachanalytisch orientierte Wahrheitstheorien

Mit dem Aufkommen der sprachanalytischen Philosophie erwachte im 20. Jahrhundert wieder ein verstärktes Interesse an der Wahrheitsproblematik. Der Begriff der Wahrheit wurde teilweise innerhalb hochkomplexer Wahrheitstheorien ausgebaut. Die dabei vertretenen Positionen unterscheiden sich sowohl hinsichtlich der Frage, welchen „Gegenständen“ der Prädikator „wahr“ zugesprochen werden kann als auch hinsichtlich der Kriterien, wann von Wahrheit gesprochen werden kann.

In diesen Theorien wird Wahrheit nicht mehr wie bei der Korrespondenztheorie als Eigenschaft des Bewusstseins oder Denkens, sondern als Eigenschaft von sprachlichen Gebilden wie Sätzen oder Propositionen aufgefasst.

Semantische Theorie der Wahrheit

Die einflussreichste sprachanalytisch orientierte Theorie ist die semantische Wahrheitstheorie von Alfred Tarski (auch logisch-semantische oder formal-semantische Wahrheitstheorie). Tarskis Ziel ist eine Definition der Wahrheit im Anschluss an den Gebrauch der Umgangssprache und in Präzisierung der Korrespondenztheorie. Darüber hinaus gibt er zusätzlich an, wie und unter welchen Bedingungen von einem vorgelegten Ausdruck bewiesen werden kann, dass er wahr sei.

Für Tarski bezieht sich der Begriff der Wahrheit stets auf eine bestimmte Sprache. Zur Vermeidung von Antinomien schlägt Tarski vor, die semantischen Prädikate wie „wahr“ oder „falsch“ einer jeweiligen Metasprache vorzubehalten. In dieser Metasprache sollen mit „wahr“ oder „falsch“ Aussagen bezeichnet werden, die in einer von der Metasprache getrennten Objektsprache formuliert sind. Da für jede Sprache L das Prädikat „wahr in L“ aus L selbst verbannt werden soll, kommt es zu einer Hierarchisierung der Sprachen, für die Wahrheitsprädikate widerspruchsfrei definiert werden können.

Auf der Basis des klassischen Wahrheitsbegriffs geht Tarski davon aus, dass aus einer adäquaten Wahrheitsdefinition Sätze des Typs folgen sollten:

„Die Aussage ‚Schnee ist weiß‘ ist wahr genau dann, wenn Schnee weiß ist.[24]

Oder zu einem Schema verallgemeinert:

(T) X ist wahr genau dann, wenn p.[25]

Bei dieser „Äquivalenz der Form (T)“ handelt es sich nach Tarski nicht um eine Definition der Wahrheit, da hier keine Aussage, sondern nur das Schema einer Aussage vorliegt:

„Wir können nur sagen, daß jede Äquivalenz der Form (T), die wir nach Ersetzung von ‚p‘ durch eine partikuläre Aussage und von ‚X‘ durch den Namen dieser Aussage erhalten, als eine partielle Definition der Wahrheit betrachtet werden kann, die erklärt, worin die Wahrheit dieser einen individuellen Aussage besteht. Die allgemeine Definition muß in einem gewissen Sinne die logische Konjunktion all dieser partiellen Definitionen sein.[25]

Für seine formale Definition geht Tarski dann allerdings zunächst vom Begriff der Erfüllung aus. In der Logik erfüllt ein Subjekt eine Aussagefunktion, wenn die Funktion durch Einsetzen des Namens des Subjekts wahr wird. Hier wird also der Begriff „Erfüllung“ mittels des Begriffs „wahr“ definiert. Diese Definition kann man umdrehen und für Aussagenfunktionen mit nur einer freien Variablen sagen: Wahr ist eine Aussage, wenn ihr Subjekt die Aussagefunktion erfüllt. Der Begriff „Erfüllung“ muss jetzt aber zur Vermeidung eines Zirkels ohne Rekurs auf den Begriff „wahr“ definiert werden. Nach Tarski ist dies wiederum mit Hilfe eines Schemas möglich: Ein Subjekt erfüllt eine Aussagefunktion, wenn ihm die im Prädikat ausgedrückte Eigenschaft zukommt, also:

„für jedes a – a erfüllt die Aussagefunktion x dann und nur dann, wenn p[26]

Durch entsprechende Einsetzungen entstehen Aussagen, die den Begriff des Erfülltseins verdeutlichen und als partielle Definitionen dieses Begriffs gelten können. Für ein auf die Umgangssprache bezogenes Beispiel können wir etwa für „x“ den Anführungsnahmen „„x ist weiss““ der Aussagenfunktion „x ist weiss“ und für „p“ die Aussagenfunktion „a ist weiss“, die durch Ersetzung von „x“ durch „a“ entsteht, einsetzen, um folgende Aussage zu erhalten:

„für jedes a – a erfüllt die Aussagefunktion „x ist weiss“ dann und nur dann, wenn a weiss ist[26]

Das angegebene Schema lässt sich für Aussagenfunktionen mit mehreren freien Variablen oder ohne freie Variablen verallgemeinern und für eine große Klasse formaler Sprachen so präzisieren, dass damit zunächst eine Definition des Erfülltseins und darauf aufbauend eine der Wahrheit erstellt werden können.

Zum Nachweis der Wahrheit eines konkreten Satzes geht man laut Tarski von einer Liste von Fundamentalaussagen aus, die als erfüllt vorausgesetzt werden. Diese Fundamentalaussagen sind Axiome oder Beobachtungsdaten, die den Anschluss an die Wirklichkeit darstellen. Gelingt es mit Hilfe der Logik, den fraglichen Satz aus den Fundamentalaussagen abzuleiten, ist auch er erfüllt.[27]

Eine allgemeine Definition von Wahrheit ist für Tarski nur im Rahmen formaler Sprachen möglich. In der normalen Sprache kann immer nur geklärt werden, „worin die Wahrheit dieser einen individuellen Aussage besteht.“[25] So auch in seinem berühmt gewordenen Beispiel: „‚Es schneit‘ ist eine wahre Aussage dann und nur dann, wenn es schneit“.[5] Er sagt jedoch:

„Die für formalisierte Sprachen gewonnenen Ergebnisse haben auch in Bezug auf die Umgangssprache eine gewisse Geltung, und zwar dank des Universalismus der letzteren: indem wir eine beliebige Definition einer wahren Aussage […] in die Umgangssprache übersetzen, erhalten wir eine fragmentarische Definition der Wahrheit.[28]

Scheinbar bezieht sich diese Definition auf eine Korrespondenz zwischen Aussage („es schneit“) und Tatsache („wenn es schneit“), sodass häufig angenommen wird, der logisch-semantische Wahrheitsbegriff Tarskis gehe vom Gedanken der Korrespondenz aus. Mag dies auch Tarskis Ziel, einer Präzisierung der Korrespondenztheorie, entsprechen, so wurde doch eingewandt, Tarskis Theorie basiere systematisch auf der Annahme, dass „die Rahmentheorie, die axiomatische Mengenlehre konsistent ist, also keinen Widerspruch, keine Formel der Form ‚A und non-A‘ gemäß der Schlußregeln der klassischen Logik zu deduzieren erlaubt.“[29] Daher beruhe die „oft so genannte ‚Korrespondenztheorie‘ der W.[ahrheit] der Tarski-Nachfolge auf einer reinen Kohärenztheorie“.[29] Dennoch ist Tarskis Einfluss nicht zu leugnen:

„Wie kaum eine andere hat diese Wahrheitstheorie in der neueren Philosophie breite Resonanz gefunden und sich problemlos, nahezu von selbst, in die Wissenschaftstheorie wie in die Metamathematik […] eingefügt. Den tarskischen Wahrheitsbegriff benutzen heute alle modernen Wahrheitstheorien.[30]

Deflationistische Wahrheitstheorien

Redundanztheorie

Die Redundanztheorie der Wahrheit besagt, dass Sätze, in denen das Wort „wahr“ vorkommt, in der Regel redundant sind. Dieser Begriff kann danach ohne Informationsverlust aus der Sprache eliminiert werden; es ist in einem gewissen Sinne überflüssig. Als Hauptvertreter der Redundanztheorie werden gewöhnlich Frank Plumpton RamseyAlfred Jules Ayer und Quine genannt. Dieser Ansatz kann gemäß Dummett bis auf Gottlob Frege zurückgeführt werden, der in seinem Werk Über Sinn und Bedeutung 1892 den Grundgedanken der Redundanztheorie formulierte:

„Man kann ja geradezu sagen: ‚Der Gedanke, dass 5 eine Primzahl ist, ist wahr.‘ Wenn man aber genauer zusieht, so bemerkt man, dass damit eigentlich nicht mehr gesagt ist als in dem einfachen Satz ‚5 ist eine Primzahl‘. […] Daraus ist zu entnehmen, dass das Verhältnis des Gedankens zum Wahren doch mit dem des Subjekts zum Prädikate nicht verglichen werden darf.[31]

Frege drückt hier bereits die zentrale Idee der Redundanztheorie aus, dass der Ausdruck „wahr“ im Grunde nichts zum Sinn der Sätze, in denen er vorkommt, beiträgt und daher inhaltlich redundant ist. In klassischer Form wird dieser Gedanke in Ramseys Facts and Propositions formuliert, wo es lapidar heißt, dass „es in Wirklichkeit kein gesondertes Wahrheitsproblem gibt, sondern lediglich eine sprachliche Verwirrung [linguistic muddle]“.[32] Wahrheit oder Falschheit können primär Propositionen (propositions) zugeschrieben werden. Wenn einer sage, „p ist wahr“, bejahe er damit nur p, und wenn er sage, „p ist falsch“, behaupte er damit nicht-p. Damit würde aber der Inhalt der Proposition p nicht erweitert. So meine beispielsweise der Satz „Es ist wahr, dass Cäsar ermordet wurde“ nicht mehr als der Satz „Cäsar wurde ermordet“. Eine Satzform wie „es ist wahr“ werde nur aus stilistischen Gründen verwendet, oder um der eigenen Behauptung Nachdruck zu verleihen.

Frege selbst weist jedoch eine Redundanztheorie zurück, für ihn ist Wahrheit eine undefinierbare logische Grundvorstellung und „Das Wahre“ ein abstrakter Gegenstand.

Gegen die Redundanztheorie wurde eingewendet,[33] dass der Begriff „wahr“ nicht erklärt und nicht definiert wird. So kann gegen das Cäsar-Beispiel von Ramsey ein Satz konstruiert werden, in dem die Bezeichnung „wahr“ wesentlich vorkommt und zum Verständnis nicht wegfallen kann: „Alles, was der Papst sagt, ist wahr.“

Prosententiale Theorie

Dorothy L. Grover, Joseph L. Camp Jr. und Nuel D. Belnap Jr. arbeiteten nach einer Idee von Franz Brentano die prosententiale Wahrheitstheorie aus.[34]

Minimaltheorie

Die Minimaltheorie von Paul Horwich besagt, dass die Eigenschaft „wahr“ sich jeglicher begrifflicher und wissenschaftlicher Analyse entziehe.[35]

Disquotationstheorie

Die Disquotationstheorie sagt: Wahrheit hängt mit der Realität zusammen. Der Satz „Schnee ist weiß“ ist genau dann wahr, wenn Schnee weiß ist. Kein Satz ist für sich wahr, die Realität macht ihn wahr.

Performative Theorie

Ramseys Redundanztheorie hatte eine große Wirkung auf die Diskussion des Wahrheitsbegriffs in der sprachanalytischen Philosophie. Einen der wichtigsten Versuche einer kritischen Ausarbeitung unternahm Peter Frederick Strawson im Jahre 1949 in seinem Aufsatz Truth, in dem er eine performative Theorie der Wahrheit entwickelte.[36] Strawson gibt der Redundanztheorie insofern Recht, als er behauptet, dass „man keine neue Aussage macht, wenn man sagt, dass eine Aussage wahr ist“. Dennoch sei die Nennung der Wahrheit nicht überflüssig, da „man etwas über die bloße Aussage Hinausgehendes tut, wenn man sagt, diese Aussage sei wahr“.[37]

Der Ausdruck „ist wahr“ ist für Strawson kein metasprachliches Prädikat, das zum Sprechen über Sätze verwendet wird. Er stellt vielmehr eine „Äußerung ohne Sinn und Zweck (pointless utterance)“ dar. Der Gebrauch von „ist wahr“ ist ein „sprachlicher Vollzug“, mit dem man eine Aussage bloß noch bestätigt, ohne dass inhaltlich etwas Neues ausgesagt wird. Der Ausdruck „es ist wahr, dass“ ist demnach nur der Modus des Aussagens, ein „Performator, welcher eine zunächst bloß mögliche Aussage in eine wirkliche (freilich möglicherweise falsche) Behauptung überführt.“[38]

Kohärenz-Theorie

Die Kohärenztheorie der Wahrheit tauchte Ende des 19. Jahrhunderts im Neuhegelianismus des angelsächsischen Raums auf, etwa bei Francis Herbert Bradley und Brand Blanshard.[39] Sie spielte auch in den Diskussionen des logischen Empirismus und des Wiener Kreises eine Rolle, wobei Otto Neurath eine Kohärenztheorie präferierte, während Moritz Schlick einer Theorie der Korrespondenz den Vorzug gab.[40] In ihrer einfachsten Form besagt die Kohärenztheorie, dass die Wahrheit oder Richtigkeit einer Aussage darin besteht, sich widerspruchslos in ein System von Aussagen einfügen zu lassen. So formuliert Otto Neurath:

„Die Wissenschaft als ein System von Aussagen steht jeweils zur Diskussion. […] Jede neue Aussage wird mit der Gesamtheit der vorhandenen, bereits miteinander in Einklang gebrachten Aussagen konfrontiert. Richtig heißt eine Aussage dann, wenn man sie eingliedern kann. Was man nicht eingliedern kann, wird als unrichtig abgelehnt. Statt die neue Aussage abzulehnen, kann man auch, wozu man sich im allgemeinen schwer entschließt, das ganze bisherige Aussagensystem abändern, bis sich die neue Aussage eingliedern lässt […].[41]

Neuraths programmatischer Ansatz wurde von Nicholas Rescher zu einer umfassenden Theorie ausgearbeitet.[42] Allerdings benutzt Rescher den Kohärenzbegriff explizit nur als Kriterium, aber nicht zur Definition von Wahrheit. Bei der Definition von „wahr“ schließt er sich der Korrespondenztheorie an: Wahrheit meine die Übereinstimmung einer Proposition mit einer Tatsache.[43]

Rescher unterscheidet zwei Arten von Wahrheitskriterien: garantierende (guaranteeing) und legitimierende (authorizing) Kriterien. Erstere geben vollkommene Sicherheit in Bezug auf das Vorliegen von Wahrheit, während letztere lediglich einen stützenden Charakter haben. Nach Reschers Ansicht genügt es, wenn ein solches Kriterium das Vorliegen von Wahrheit wahrscheinlicher macht. Rescher schränkt die Geltung des Kohärenzbegriffs weiter auf die Explikation von Tatsachenaussagen – Rescher spricht von „Daten“ – ein, während für die Wahrheit von logisch-mathematischen Aussagen nach seiner Auffassung pragmatische Kriterien herangezogen werden müssen. Daten sind dabei von vornherein als sprachliche Entitäten konzipiert und nicht als reine Tatsachen. Die Akzeptierbarkeit von Daten wird ebenfalls nach pragmatischen Kriterien gerechtfertigt.

Eine Theorie oder ein Aussagensystem kann nach Rescher dann als kohärent bezeichnet werden, wenn folgende Aspekte erfüllt sind:

  1. Umfassendheit (comprehensiveness): Alle relevanten Sätze werden berücksichtigt; die Theorie ist logisch geschlossen.
  2. Konsistenz (consistency): Die Theorie enthält keine logisch-kontradiktorischen Sätze.
  3. Zusammengefügtheit (cohesiveness): Die Sätze der Theorie werden in ihren Beziehungen bzw. Kontexten zu den anderen Sätzen expliziert; die Beziehungen zwischen den Sätzen sind logisch einwandfrei.

Pragmatismus und Intersubjektivitätstheorien

Der Gedanke der Intersubjektivität wurde bereits stark im Deutschen Idealismus herausgearbeitet. Die Verbindung zum Wahrheitsproblem erkannte aber erst Charles S. Peirce. Intersubjektivität wird von Peirce als Resultat einer unbegrenzten Forschergemeinschaft aufgefasst.

„Andererseits sind alle Vertreter der Wissenschaft von der frohen Hoffnung getragen, dass die Prozesse der Forschung, wenn sie nur weit genug voran getrieben werden, zu jeder Frage, auf die sie angewendet werden, eine sichere Lösung ergeben werden. […] Sie mögen zuerst unterschiedliche Ergebnisse erhalten, aber wenn jeder seine Methoden und Prozesse perfektioniert, wird man feststellen, dass die Ergebnisse sich stetig auf ein vorbestimmtes Zentrum hinbewegen. […] Die Meinung, der alle Forscher schicksalhaft am Ende zustimmen müssen, ist das, was wir mit Wahrheit meinen, und der Gegenstand, der durch diese Meinung repräsentiert wird, ist das Reale.“

– Charles S. Peirce[44]

Während Peirce hier sowohl Intersubjektivität als auch Korrespondenz mit Tatsachen als Aspekte der Wahrheit andeutet, vertritt er an anderer Stelle Grundsätze einer pragmatischen Theorie der Wahrheit:

“For truth is neither more nor less than that character of a proposition which consists in this, that belief in the proposition would, with sufficient experience and reflection, lead us to such conduct as would tend to satisfy the desires we should then have. To say that truth means more than this is to say that it has no meaning at all.”

„Denn die Wahrheit ist weder mehr noch weniger als der Charakter eines Satzes, der darin besteht, dass die Überzeugung von diesem Satz uns bei genügender Erfahrung und Reflexion zu einem Verhalten führen würde, das darauf zielen würde, die Wünsche, die wir dann haben würden, zu befriedigen. Sagt man, dass Wahrheit mehr bedeutet als das, so heißt das, dass sie überhaupt keinen Sinn hat.“

– Charles S. Peirce[45]

Auf Peirce beriefen sich William James und John Dewey, die Hauptvertreter der Wahrheitstheorie des Pragmatismus.[46] Der Sinn von Wahrheit besteht demnach im praktischen Unterschied zwischen wahren und unwahren Ideen. Nach James „besteht ein interner Zusammenhang zwischen der Frage, was Wahrheit ist, und der Frage, wie wir Wahrheit erreichen.“[47] Mit Blick auf den Verifikationsprozess lässt sich sagen:

„[D]ie Definition von Wahrheit hängt mit dem Wahrheitskriterium zusammen.[47]

Für das Wahrheitskriterium der Nützlichkeit in der Praxis wurde auf eine mögliche Verbindung zu den Wahrheitstheorien von Hegel und Marx hingewiesen.[48]

Bertrand Russell kritisierte diese Vermischung von Definition und Kriterium der Wahrheit. Festzustellen, ob die Wirkungen eines Glaubens (auf lange Sicht) gut seien, könne noch schwieriger sein als andere Formen der Verifikation. Andere Menschen könnten zudem solche Wirkungen für schädlich halten, die wir als positiv erachten. „Intersubjektive Wahrheit setzt daher voraus, daß alle Einzelinteressen harmonieren.“[49] Für Herbert Keuth stellt die pragmatistische Wahrheitstheorie im Grunde eine Theorie des Fürwahrhaltens dar; auch kommen wir, um den Erfolg einer Aussage beurteilen zu können, nicht darum herum, die Übereinstimmung mit den Tatsachen zu überprüfen.[50]

Ausgehend von den Überlegungen des Pragmatismus und der Sprachphilosophie Wittgensteins entwickelte sich im deutschsprachigen Raum die Intersubjektivitätstheorie der Wahrheit vor allem als Konsensustheorie (Jürgen HabermasKarl-Otto Apel[51]) und als dialogische Theorie (Erlanger Schule).

Konsens-Theorie der Wahrheit (Habermas)

Für die Konsenstheorie (auch Diskurstheorie) ist eine Aussage dann wahr, wenn sie Anerkennung von allen vernünftigen Gesprächspartnern verdient und über sie ein – prinzipiell unbegrenzter – Konsens hergestellt werden kann. Jürgen Habermas legte 1973 in seinem Aufsatz Wahrheitstheorien[52] den wohl bislang präzisesten Entwurf einer solchen Theorie vor. Er definiert darin „Wahrheit“ wie folgt:

„Wahrheit nennen wir den Geltungsanspruch, den wir mit konstativen Sprechakten verbinden. Eine Aussage ist wahr, wenn der Geltungsanspruch der Sprechakte, mit denen wir, unter Verwendung von Sätzen, jene Aussage behaupten, berechtigt ist.“

– Jürgen Habermas[53]

Träger der Wahrheit ist die Aussage, sofern deren Gehalt in der Standardform der Behauptung einer Tatsache (sog. konstativer Sprechakt) formuliert werden kann. Wenn eine solche Formulierung als Tatsachenaussage möglich ist, wird mit der Aussage ein Geltungsanspruch erhoben, der berechtigt oder unberechtigt sein kann. Ein Geltungsanspruch ist nach Habermas dann berechtigt, wenn er diskursiv eingelöst werden kann.

Geltungsansprüche

Habermas unterscheidet vier Arten von Geltungsansprüchen, die weder aufeinander noch auf ein gemeinsames Fundament zurückgeführt werden können.[54] Ihre Erfüllung müssen die Sprecher im kommunikativen Handeln unterstellen. Solange die Verständigung gelingt, bleiben die wechselseitigen Ansprüche unthematisiert; scheitert sie, sind die Unterstellungen daraufhin zu überprüfen, welche von ihnen unerfüllt blieb. Je nach Geltungsanspruch existieren unterschiedliche Reparaturstrategien:

  • Verständlichkeit: Der Sprecher unterstellt das Verständnis der gebrauchten Ausdrücke. Bei Unverständnis wird zur Explikation durch den Sprecher aufgefordert.
  • Wahrhaftigkeit: Die Sprecher unterstellen sich gegenseitig Wahrhaftigkeit. Wird diese angezweifelt, können die Zweifel kaum durch den der Unwahrhaftigkeit verdächtigten Sprecher selbst zerstreut werden.
  • Wahrheit: Bezüglich des propositionalen Gehalts der Sprechakte wird Wahrheit unterstellt. Wird diese bezweifelt, muss ein Diskurs klären, ob der Anspruch des Sprechers zu Recht besteht.
  • Richtigkeit: Die Richtigkeit der Norm, die mit dem Sprechakt behauptet wird, muss anerkannt werden. Auch dieser Geltungsanspruch ist nur diskursiv einlösbar.[55]

Diskurs

Der Geltungsanspruch der Wahrheit einer Aussage wird im Diskurs eingelöst. Die Einlösung erfolgt im Konsens, der aber kein zufälliger, sondern ein begründeter Konsens sein muss, sodass „jeder andere, der in ein Gespräch mit mir eintreten könnte, demselben Gegenstand das gleiche Prädikat zusprechen würde“. Voraussetzung für einen solchen begründeten Konsens ist eine „ideale Sprechsituation“.

„Die ideale Sprechsituation ist weder ein empirisches Phänomen noch bloßes Konstrukt, sondern eine in Diskursen unvermeidliche reziprok vorgenommene Unterstellung.[56]

Damit eine ideale Sprechsituation nicht bloße Fiktion bleibt, müssen vier Bedingungen der Chancengleichheit aller Diskursteilnehmer erfüllt sein, zunächst zwei triviale, dann zwei nicht triviale:

  1. Chancengleichheit bezüglich der Verwendung kommunikativer Sprechakte, sodass jeder „jederzeit Diskurse eröffnen sowie durch Rede und Gegenrede, Frage und Antwort“ fortsetzen kann;
  2. Chancengleichheit bezüglich der Thematisierung und Kritik sämtlicher Vormeinungen, sodass „keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt“, und demnach problematisiert, begründet oder widerlegt werden kann („Postulat der Redegleichheit“);
  3. Chancengleichheit bezüglich der Verwendung repräsentativer Sprechakte, sodass es allen möglich ist, „ihre Einstellungen, Gefühle und Intentionen zum Ausdruck zu bringen“, um die Wahrhaftigkeit der Sprecher sich selbst und anderen gegenüber zu garantieren („Wahrhaftigkeitspostulat“);
  4. Chancengleichheit bezüglich der Verwendung regulativer Sprechakte, sodass alle „die gleiche Chance haben, […] zu befehlen und sich zu widersetzen, zu erlauben und zu verbieten, […] usf.“, damit „Privilegierungen im Sinne einseitig verpflichtender Handlungs- und Bewertungsnormen“ ausgeschlossen sind.[57]

Zur Unterscheidung zwischen Wahrheit und Falschheit nach der Konsenstheorie ist es wichtig, vernünftige Konsense zu identifizieren:

„Ein vernünftiger Konsensus kann von einem trügerischen in letzter Instanz allein durch Bezugnahme auf eine ideale Sprechsituation unterschieden werden. […] Die Bedingungen der empirischen Rede sind [jedoch] auch dann, wenn wir der erklärten Absicht, einen Diskurs aufzunehmen, folgen, sehr oft nicht mit denen einer idealen Sprechsituation identisch.[58]

Doch um „den vernünftigen Charakter von Rede“ nicht preisgeben zu müssen, setzen wir voraus, dass ein erzielter Konsens ein vernünftiger Konsens sei, solange „jeder faktisch erzielte Konsensus auch in Frage gestellt und daraufhin überprüft werden kann, ob er ein hinreichender Indikator für einen begründeten Konsensus ist.“[56]

Dialogische Theorie der Wahrheit (Erlanger Schule)

Die Grundlage der dialogischen Theorie der Wahrheit (auch Dialogtheorie) stellt die Schrift Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens dar. Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen entwickeln darin die Grundtermini der Lehre vom vernünftigen Reden, wozu sie auch die Wörter „wahr“ und „falsch“ zählen. Sie betonen die Bedeutung der „Homologie“, also des Konsenses der Gesprächsteilnehmer:

„Da wir bei […] Beurteilung der Wahrheit von Aussagen auf das Urteil anderer rekurrieren, die mit uns dieselbe Sprache sprechen, können wir dieses Verfahren interpersonale Verifizierung nennen. Wir stellen auf diesem Wege, durch diese ‚Methode‘, Übereinstimmung zwischen dem Sprecher und seinen Gesprächspartnern her, eine Übereinstimmung, die in der Sokratischen Dialogik ‚Homologie‘ genannt wurde.[59]

„Wahr“ und „falsch“ sind für Kamlah und Lorenzen Beurteilungsprädikatoren. Was diese Termini bedeuten, kann in der natürlichen Sprache rekonstruiert werden. Anhand eines Aufsatzes von Lorenzens Schüler Kuno Lorenz[60] erläutert Jürgen Habermas den Unterschied zwischen Konsenstheorie und dialogischer Theorie der Wahrheit: Die Festlegung der „Wahrheitsbedingungen einer Aussage mit den Verwendungsregeln der in dieser Aussage auftretenden sprachlichen Ausdrücke“ bedeute eine Verwechslung von Verständlichkeit und Wahrheit.[61] Wegen dieser „analytische[n] Wahrheitstheorie“[62] trage der Erlanger Ansatz „zur Begründung einer von der Konsensustheorie der Wahrheit geforderten Logik des Diskurses […] Wesentliches nicht bei.“[63]

Wahrheit im Deutschen Idealismus

Die Vertreter des Deutschen Idealismus stellen das Prinzip der Subjektivität in den Mittelpunkt ihrer Philosophie. Für sie gibt es im Grunde keine außerhalb des Subjekts befindliche Gegenständlichkeit. Wahrheit kann daher nicht einfach im Sinne der Korrespondenztheorie als Übereinstimmung des Urteils eines Subjekts mit einem außerhalb des Subjekts befindlichen Gegenstand bestimmt werden.

Die Korrespondenztheorie der Wahrheit ist für diese idealistischen Philosophen nur für die aposteriorische Wahrheit von Erfahrungsgegenständen relevant. Ohne unabhängig von den erkennenden Subjekten existierende Außenwelt hat die Frage nach der Wahrheit keine große Bedeutung. Daher gilt das primäre Interesse der Deutschen Idealisten der Frage nach den „Bedingungen der Möglichkeit“ von Wahrheit.

Bezeichnend für den veränderten Status der Wahrheit ist die Position Friedrich Schlegels:

„Es gibt keine wahre Aussage, denn die Position des Menschen ist die Unsicherheit des Schwebens. Wahrheit wird nicht gefunden, sondern produziert. Sie ist relativ.[64]

Fichte

Nach Johann Gottlieb Fichte darf die Wahrheit nicht vom Wahrheitserlebnis des Subjekts getrennt werden. Wahrheit, die nicht von einer (allgemeinen) Subjektivität erlebt wird, ist ein Widerspruch in sich. Gleichwohl muss zwischen Denkakt und Denkinhalt unterschieden und der Anspruch auf objektive Gültigkeit von Wahrheit aufrechterhalten werden. Eine psychologistisch-solipsistische Position wie die von Berkeley lehnt Fichte als „dogmatischen Idealismus“ ab.

Wahrheit liegt für Fichte dann vor, wenn eine Übereinstimmung zwischen demjenigen, was das Ich passiv erlebt bzw. erleidet und den aktiven Ich-Vollzügen vorliegt. Das Objekt ist für Fichte identisch mit passiv und begrenzt erlebten Vollzügen des Subjekts. Wenn diese mit dessen aktiven Vollzügen zusammenstimmen, spricht Fichte von Wahrheit.

Dennoch wird Wahrheit von Fichte als etwas Überindividuelles verstanden. Es gibt nicht viele, psychologistisch verstandene Wahrheiten, sondern nur eine unteilbare Wahrheit. Sie hängt nicht vom Individualwillen der einzelnen Subjekte ab, sondern von den allgemeinen Strukturen eines immer schon vorausgesetzten vernünftigen Subjekts:

„[D]as Wesen der Vernunft ist in allen vernünftigen Wesen Eins und ebendasselbe. Wie andere denken, wissen wir nicht, und wir können davon nicht ausgehen. Wie wir denken sollen, wenn wir vernünftig denken wollen, können wir finden; und so, wie wir denken sollen, sollen alle vernünftigen Wesen denken. Alle Untersuchung muß von innen heraus, nicht von außen herein, geschehen. Ich soll nicht denken, wie andere denken; sondern wie ich denken soll, so, soll ich annehmen, denken auch andere. – Mit denen übereinstimmend zu seyn, die es mit sich selbst nicht sind, wäre das wohl ein würdiges Ziel für ein vernünftiges Wesen?“

– Johann Gottlieb Fichte[65]

Wahrheit hat so einen An-sich-Charakter: aus der Perspektive des individuellen Subjekts erschafft sie sich scheinbar von selbst; die transzendentale, allgemeine Subjektivität weiß dagegen um sich selbst als den Konstitutionsgrund der einheitlichen Wahrheit. Absolute Wahrheit besteht in völliger Selbstidentität und erweist sich für das endliche Ich als eine unendliche Aufgabe, ein letztlich nie zu erreichendes Ideal.

Hegel

Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel bezeichnet der „gewöhnliche“ Begriff der Wahrheit, der diese als Übereinstimmung zwischen Urteil und Realität auffasst, eine bloße Richtigkeit. Hegel verlegt den Begriff der Übereinstimmung von der Ebene des Verhältnisses zwischen dem Denken und der Sache auf die Ebene des Denkens und des die Sache erfassenden Gedankens. In diesem Sinne ist Wahrheit die Übereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst, d. h. mit seinem Begriff.

„Wahrheit“ ist damit bei Hegel ein „immanenter“ Prozess „der Sache selbst“. Hegel unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen dem „gewöhnlichen“ und dem „philosophischen oder spekulativen“ Satz. Der gewöhnliche Satz hat die Form eines Urteils. Es werden seine Komponenten, Subjekt und Prädikat, zuerst als voneinander getrennt verstanden und als solche in eine Beziehung zueinander gesetzt.[66] Diese ist dann wahr oder falsch. Im positiv-vernünftigen oder spekulativen Satz wird dagegen die dialektische Bewegung der Sache selbst festgehalten.

Der „Begriff“ stellt im hegelschen Sinne die substantielle Verfasstheit aller „Dinge“ (Sachen) und des „Ganzen“ dar. Der Begriff einer Sache übertrifft prinzipiell und notwendigerweise diese Sache selbst, und zwar wegen des endlichen Momentes der Sache. Die absolute Wahrheit ist Gott als Geist. Er allein stellt die absolute Übereinstimmung des Begriffs und der Realität dar:

„Gott allein ist die wahrhafte Übereinstimmung des Begriffs und der Realität; alle endlichen Dinge aber haben eine Unwahrheit an sich, sie haben einen Begriff und eine Existenz, die aber ihrem Begriff unangemessen ist […].[67]

Der Grund für eine Nichtübereinstimmung von Begriff und Sache liegt für Hegel darin, dass die Dinge eine „Unwahrheit“ in sich haben. Diese ist darin begründet, dass sie endlich sind, während der sie fassende Begriff selbst unendlich ist. „Deshalb müssen sie [die endlichen Dinge] zu Grunde gehen, wodurch die Unangemessenheit ihres Begriffs und ihrer Existenz manifestiert wird. Das Tier als Einzelnes hat seinen Begriff in seiner Gattung, und die Gattung befreit sich von der Einzelheit durch den Tod“.[67] Die „ontologische Verfasstheit“ eines endlichen Dinges besteht nach Hegel also darin, dass es sich aufhebt; das Zugrundegehen ist das Resultat der Dialektik, die deswegen einsetzt, weil das Sein der endlichen Dinge seinem eigenen Begriff nicht angemessen ist. Entsprechendes gilt von der „Wahrheit“ der endlichen Dinge: Diese „Wahrheiten“ sind „endliche Wahrheiten“, die zugrunde gehen müssen. Dabei werden sie nicht vernichtet, dies kann dem Geistigen im Gegensatz zum Materiellen nicht passieren, sondern sie bilden zusammen mit dem Fassen ihrer Entwicklung das Resultat. Hier zeigt sich Wahrheit im eigentlichen Sinne – als Zusammenkommen, Übereinstimmung (Identität) von Verschiedenen in einem gemeinsamen Medium. Hegel meint es wörtlich, wenn er sagt:

„Die Wahrheit des Seins sowie des Nichts ist daher die Einheit beider; diese Einheit ist das Werden.[68]

Einwände gegen den Begriff der Wahrheit

Siehe auch: Münchhausen-TrilemmaLogische Einwände

Aus der Annahme oder dem Prinzip, dass es eine einzige Wahrheit gebe, folgt zumeist ein Wahrheitsbegriff, der eine unbedingte Geltung des als „wahr“ Bezeichneten impliziert. Ein solcher Wahrheitsbegriff impliziert damit zugleich eine vollständige Unabhängigkeit oder Trennung des als „wahr“ Bezeichneten vom Beurteilenden (siehe Dualismus). Gegen einen solchen rigiden Wahrheitsbegriff können Einwände vorgebracht werden.

Das grundsätzliche Problem aller Wahrheitstheorien ist ihre Zirkularität.[69] Es stellt sich die Frage, in welchem Sinne sie selbst wahr oder richtig sein sollen. Ein Anspruch auf Wahrheit in dem von ihnen selbst definierten Sinne wäre willkürlich; ein Zurückgreifen auf eine ihrer Definition vorausliegende Norm würde den Begriff der Wahrheit bereits voraussetzen, den es ja erst zu ermitteln galt.Nietzsche und die Folgen

Starke Kritik kam erstmals von Friedrich Nietzsche, der auf die menschlichen Interessen, Neigungen, den Willen, und das Triebhafte hingewiesen hat, das hinter aller Erkenntnis steht. Im Anschluss daran entwickelte Wilhelm Dilthey eine Typologie der Metaphysiker, in der er versuchte philosophische Grundansichten auf verschiedene psychologische Typen zurückzuführen.

Zusammen mit dem starken historischen Bewusstsein und der verstärkten Kenntnis anderer Völker und Kulturen herrschte Ende des 19. Jahrhunderts generell eine Phase der Skepsis und des Zweifels, ob nicht generell jede Wahrheit nur von kulturellen Ansichten abhängig ist (siehe Kulturrelativismus). Dabei geht es nicht darum, dass Naturgesetze angezweifelt würden, sondern um die Frage, ob es nicht vielerlei Sichtweisen geben kann, und ob Wahrheiten abhängig von kulturellen Entwicklungen sein können, mit anderen Worten, ob Wahrheiten als Konstruktionen innerhalb einer Kultur angesehen werden können.

Auf kognitivistischer Ebene hat etwa Jakob Johann von Uexküll die Subjektivität aller Wahrnehmung herausgearbeitet, indem er die Wahrnehmungsapparate von verschiedenen Tieren und Insekten verglich.Postmoderne

Philosophen der Postmoderne weisen den Gedanken einer einzigen Wahrheit als Mythos zurück (Gilles Deleuze: „Die Begriffe WichtigkeitNotwendigkeit, Interesse sind tausendmal entscheidender als der Begriff der Wahrheit.“).Konstruktivismus

Der Radikale Konstruktivismus (RK) nimmt für sich in Anspruch, das Wahrheitsproblem gelöst zu haben, indem er aus dieser Zirkularität heraustritt. Da alle Wahrnehmung subjektiv ist, ist auch die Sicht der Welt oder die Sicht von Dingen ausschließlich subjektiv. Es gibt daher nur miteinander konkurrierende subjektive Wahrheiten. Ein Vergleich mit der Sache selbst ist aus systematischen Gründen nicht möglich. Ernst von Glasersfeld bezieht sich dabei unter anderem auf die Sapir-Whorf-Hypothese, die besagt, dass man mit der Muttersprache die in dieser enthaltenen und ausgedrückten Wahrheiten erlernt. Verschiedene Muttersprachen stehen somit auch für verschiedene Wahrheiten. Der RK gibt daher konsequent den Begriff der einen Wahrheit und damit der Wahrheit selbst aus systematischen Gründen auf.Kritischer Rationalismus

Der Kritische Rationalismus hält an der absoluten Wahrheit als regulativer Idee fest und verweist auf die verheerenden Folgen, die entstehen, wenn man sie aufgibt. Er erklärt Unterschiede in den Meinungen mit deren unterschiedlicher Wahrheitsnähe. Auch wenn Meinungen oft Irrtümer und daher falsch sind, können sie dennoch mehr oder weniger gut mit der Wahrheit übereinstimmen. Die vermeintliche Zirkelhaftigkeit des Wahrheitsbegriffs löst der Kritische Rationalismus mit der Aufgabe eines an Begründungen orientierten Denkens zugunsten von nicht auf Begründung abzielender Kritik. Der Kritische Rationalismus lehnt also die Auffassung ab, dass es Wahrheitskriterien gibt. Wahrheit ist somit erreichbar, aber es kann nicht begründet, bewiesen oder wahrscheinlich gemacht werden, dass sie erreicht wurde (Fallibilismus), und ebenso kann das Fürwahrhalten nicht begründet werden (Erkenntnisskeptizismus). Dennoch ist es durch kritische Beurteilung (u. a. durch Wahrnehmung) möglich, ohne Willkür Vermutungen darüber anzustellen, welche vorhandene Theorie für einen gegebenen Anwendungsbereich der Wahrheit am nächsten kommt (Negativismus; wechselseitige Kontrolle von Vermutungen durch Vermutungen; ‚Checks and Balances‘).

Wahrheit in den Wissenschaften

Wahrheit, Wissenschaft und Wirklichkeit stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Ziel jeder Erkenntnis (Wissenschaft) ist die Wahrheit. Wissenschaft als Form des gesellschaftlichen Bewusstseins „widerspiegelt“ (beschreibt) die objektive Realität.[19] Dabei wird mit dem Begriff der Wahrheit die Genauigkeit der Widerspiegelung der Wirklichkeit charakterisiert. Mit absoluter Wahrheit (Genauigkeit) ist eine „perfekte, exakte“ Wiedergabe gemeint, die nur für numerische Sachverhalte gelingt, wie z. B. bei der richtigen Angabe der Anzahl von Gegenständen. Im Allgemeinen sind jedoch wissenschaftliche Aussagen wie jegliches Wissen mit einer mehr oder weniger großen Unsicherheit verbunden, so dass dann von relativer Wahrheit gesprochen wird.

Wahrheit in den Natur- und Technischen Wissenschaften

Für die Natur- und Technischen Wissenschaften ist die Praxis (z. B. das Experiment) als praktischer Beweis das primäre und hinreichende Kriterium der Wahrheit. Die Natur- und Technischen Wissenschaften haben wie die Wahrheit objektiven Charakter (Siehe oben: Materialistische Widerspiegelungstheorie) – Andere Wahrheitstheorien werden nicht benötigt.[19][70] In den Natur- und Technischen Wissenschaften ist mit dem Geltungsanspruch eines Ergebnisses meistens auch ein Genauigkeitsanspruch verbunden. Wie mit dem dialektischen Verhältnis von absoluter und relativer Wahrheit in Wissenschaft und Technik umgegangen wird, macht die Metrologie deutlich. Der Messunsicherheit, die den wahren Wert verdeckt, wird nicht nur durch genauere Messungen begegnet, sondern auch mit statistischen Methoden bei der Auswertung von Wiederholungsmessungen (DIN 1319). Die Wahrheit in Gestalt wahrer Werte ist zwar nicht direkt messbar, doch kann sie eingegrenzt werden. Eine Bestätigung von Naturgesetzen gelingt im Rahmen der Messunsicherheit. Die Metrologie zeigt, wie der Begriff der Wahrheit in Naturwissenschaft und Technik durch Messungen enger determiniert wird.

Wahrheit in den Sozial- und Geisteswissenschaften

In den Sozial- und Geisteswissenschaften kann das Experiment als Kriterium der Wahrheit kaum angewendet werden. So O. Schwemmer: „Eine methodische Konstruktion der Wirklichkeit, wie sie im Experiment vorgenommen wird, ist in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht möglich. Und wo dort dennoch von Experimenten die Rede ist, unterscheiden diese sich grundlegend von den Experimenten der Naturwissenschaften. Dies schon darum, weil wir keine isolierten Systeme mit Menschen aufbauen, weil wir die prägenden Einflüsse aus den physischen, sozialen und semantischen Umgebungen der Menschen nicht zu einer ‚idealen‘ Modellsituation rückbauen können.“[71] Es bleiben die sekundären Wahrheitskriterien (s. o.). Doch diese sind nur von notwendigem aber nicht hinreichendem Charakter. Der subjektive Einfluss des Erkennenden lässt sich nicht völlig eliminieren. Die Folge ist, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften den Anspruch einer Wissenschaft auf Objektivität und Allgemeingültigkeit nur bedingt erfüllen können.[72]

Wahrheit in den Religionen

Judentum und Christentum

Altes Testament

Dem Ausdruck „Wahrheit“ entspricht im Hebräischen das Wort אֶמֶת (eh‘-meth). Es ist stammverwandt mit amen (אָמַן (‚aman)) und bedeutet so viel wie Verlässlichkeit, die unverbrüchliche Tragfähigkeit einer Sache oder eines Wortes, die Treue von Personen. Dieser hebräische Begriff ist damit stärker prozess- und handlungsorientiert als das griechische aletheia (objekt- und zustandsbezogen, vgl. Heideggers Verdeutschung zu „Ent-Bergung“). Im zwischenmenschlichen Bereich hat der Begriff der Wahrheit eine enge Beziehung zum Recht. Im religiösen Sinne ist Gott selbst die Quelle aller Wahrheit: „Ja, mein Herr und Gott, du bist der einzige Gott, und deine Worte sind wahr“ (2 Sam 7,28 EU). Seine Worte und sein Tun sind die Gewähr unbedingter Verlässlichkeit: „Denn das Wort des Herrn ist wahrhaftig, all sein Tun ist verläßlich“ (Ps 33,4 EU). Auch die in der Tora niedergelegten göttlichen Gebote werden als „Wahrheit“ bezeichnet: „Deine Gerechtigkeit bleibt ewig Gerechtigkeit, deine Weisung ist Wahrheit“ (Ps 119,142 EU). Der Mensch soll sich an diese Wahrheit halten – schon im Interesse seines eigenen Lebens: „Denn wenn du dich an die Wahrheit hältst, wirst du bei allem, was du tust, erfolgreich sein“ (Tob 4,6 EU).

Neues Testament

Nikolai Nikolajewitsch GeWas ist Wahrheit (1890); Pontius Pilatus zu JesusJoh 18,38 EU

Im Neuen Testament wird der Wahrheitsbegriff vor allem bei Paulus und im Johannesevangelium theologisch bedeutsam.

Paulus tritt mit dem Anspruch auf, die Wahrheit zu verkündigen (2 Kor 4,2 EU). Wahrheit und Evangelium werden bei ihm gleichgesetzt. Die Wahrheit ist „Jesus“ (Eph 4,21 EU); es gilt, ihr zu gehorchen (Gal 5,7 EU). Liebe zur Wahrheit bedeutet gleichzeitig eine Absage an Ungerechtigkeit und Bosheit (2. Thess 2,10 ff EU). Paulus spricht in den Pastoralbriefen auch von einer „Erkenntnis der Wahrheit“. Wahrheit wird bei ihm zum Synonym für die Orthodoxie, die gegen falsche „Irrlehren“ verteidigt werden muss.

Im Johannesevangelium ist der Wahrheitsbegriff stark christologisch konnotiert. Jesus spricht von sich als der „Wahrheit“. Er sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6 EU). Auch alle Worte, die Jesus gesprochen hat, sind Wahrheit. Die Erkenntnis dieser Wahrheit, das Annehmen und Bleiben in dieser Wahrheit führt zu „Freiheit“ und „Leben“ (Joh 8,31-32 EU). Diese Wahrheit setzt eine Empfänglichkeit der Menschen voraus, verlangt aber auch, dass sie sich im Tun bewährt (1 Joh 1,6 EU; 2,4 EU; 3,18 EU). Der Geist der Wahrheit (auch Heiliger Geist genannt) (Joh 14,17 EU1 Joh 5,7 EU) setzt das Heilswerk Christi fort (Joh 16,13 EU); er wirkt in den Jüngern weiter und führt sie, um gegenüber der Welt Zeugnis für Jesus Christus abzugeben (Joh 15,26-27 EU).

Das Johannesevangelium (Joh 18 EU) berichtet, wie Jesus von Pilatus verhört wurde. Pilatus: „So bist du dennoch ein König?“, Jesus: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ Pilatus winkt ab: „Was ist Wahrheit?“ – Das Zitat wird auch als Hinweis auf die Beschränktheit der menschlichen Erkenntnis gedeutet, die nur durch Glauben oder Offenbarung überwunden werden kann.

Christliche Theologie

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Geschichte der christlichen Theologie stand die Wahrheit des christlichen Glaubens immer wieder im Zentrum heftiger Kontroversen. Schon im Mittelalter wurde versucht, den Streit so zu schlichten, dass man eine Theorie der „doppelten Wahrheit“ entwarf, nach der im subjektiven religiösen Glauben oder auch in der wissenschaftlichen Theologie durchaus wahr sein kann, was in der Philosophie falsch ist. Diese Auffassung wurde zwar auf dem 5. Laterankonzil 1513 als Irrlehre verurteilt. Aber die Frage nach der Einheit und Allgemeingültigkeit der religiösen Wahrheit wurde in der Reformation und Aufklärung wieder aufgenommen. Die konfessionelle Glaubensspaltung, die Emanzipation der Einzelwissenschaften von der traditionell beanspruchten sachlichen Priorität der Theologie, die neuzeitliche Religionskritik und die Konfrontation mit den Wahrheitsansprüchen anderer Religionen sind die wichtigsten Faktoren, die in der Neuzeit zur Entstehung und Erhaltung dieser Krise beigetragen haben.

In der modernen Religionsphilosophie wurde der Wahrheitsbegriff christlicher Theologien in unterschiedlichster Weise angegriffen, darunter:

  • Werden in der christlichen Glaubensrede überhaupt Aussagen mit einem genuinen Wahrheitsanspruch formuliert? Oder handelt es sich hier nicht vielmehr um sprachliche Äußerungen, die nicht beanspruchen können, etwas auszusagen, was der Fall ist, sondern die Gefühle, Einstellungen und Handlungsmaximen des Sprechers wiedergeben? (sog. AntirealismusNonkognitivismusEmotivismusFiktionalismus oder Pragmatismus)
  • Falls religiöse Aussagen einen genuinen Wahrheitsanspruch erheben, können sie dann in irgendeiner Form als wahr erkannt bzw. als wahr erwiesen werden (Verifikationsproblem)?

Letzterer Einwand setzt einen Verifikationismus voraus, wie er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts teilweise populär war, inzwischen aber von vielen Wissenschaftstheoretikern abgelehnt wird. Beide Einwände setzen voraus, dass religiöse Wahrheit nach dem Modell von Aussagenwahrheit verstehbar sei. Diese Voraussetzung wurde in der Theologie des 20. Jahrhunderts vielfach kritisiert. Unter Rückgriff auf die alttestamentliche Bedeutung von „Wahrheit“ (אמת, emet) wurde religiöse Wahrheit stattdessen beispielsweise als personale Begegnung interpretiert oder (meist von Seiten lutherisch oder dialektisch geprägter Theologie) als Ereignis verstanden, das geschieht, wenn das Wort Gottes den Menschen im Glauben wahr macht. In der neueren Religionsphilosophie wird die metaphilosophische Debatte über realistische Interpretationen religiöser Überzeugungen und Aussagen intensiv und kontrovers geführt. (sog. Theologischer Realismus oder Kritischer Realismus in der Religionsphilosophie)

Römisch-Katholische Kirche

Visualisierung der Wahrheitszuordnung nach Lumen Gentium[73].

Die römisch-katholische Kirche erhob lange Zeit einen Absolutheitsanspruch für die eigene religiöse Wahrheit und Heilsvermittlung. Diese Position hat v. a. in der fundamentaltheologischen Diskussion der 2. Hälfte des 20. Jh. unterschiedliche Präzisierungen und Modifikationen erfahren. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird von offizieller Seite ein moderater Inklusivismus vertreten. Besonders in Nostra Aetate, der Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, wird erklärt, dass die Menschen einzig in Christus, „der Weg, Wahrheit und Leben“ (Joh 14,6 EU) ist, die Fülle des religiösen Lebens finden. Doch auch andere Religionen haben Anteil am durch Christus unüberbietbar vermittelten Heil, denn ihre Handlungs- und Lebensweisen können „nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet“.[74] Die Kirche sieht die Menschen auf verschiedene Weise der Wahrheit hin zugehörend und zugeordnet: Zuerst „die katholischen Gläubigen, die anderen an Christus Glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes zum Heile berufen sind.“[73]

Der aktuelle Papst Franziskus[75] und sein Vorgänger, Papst Benedikt XVI.[76], beschrieben Wahrheit als Beziehung der Menschen zu Gott, über die jedoch niemand absolut verfügt, sondern die im Rahmen eines Weges immer neu erschlossen werden muss.

Buddhismus

Der Mahayana-Buddhismus kennt das Konzept der zweifachen Wahrheit (satya-dvaya). Es wurde von Nagarjuna eingeführt, um den erkenntnistheoretischen Stellenwert der Lehre Buddhas zu klären. Da Nagarjuna wegen der logischen Aporien des begrifflichen Denkens jedem Begriff eine deskriptive Gültigkeit abspricht, entsteht das Problem, ob die Lehre Buddhas wahr ist. Für Nagarjuna ist sie – verstanden als zutreffende Wirklichkeitsbeschreibung – ebenso falsch wie alle anderen Systeme. Was im höchsten Sinne wahr (paramartha-satya) ist, lässt sich begrifflich nicht fassen. Doch ist die Lehre Buddhas relativ wahr (samvriti satya), da sie zur überbegrifflichen Erkenntnis der höchsten Wahrheit hinführt, wobei sie sich selbst aufhebt. Die Auffassung einer zutreffenden Beschreibbarkeit der Wirklichkeit wird als Form des zu überwindenden Anhaftens verstanden. Die buddhistische Lehre, die sich zunächst des „anhaftenden“, das heißt begrifflichen Denkens bedient, ist das geeignete Mittel für diese Überwindung.

Gemäß dem Konzept ist zwischen der „Wahrheit im höchsten Sinn“ (paramartha satya) und einer „relativen Wahrheit“ oder „Verhüllungs-Wahrheit“ (samvriti satya) zu unterscheiden.

Die „relative Wahrheit“ bezeichnet jegliche Form von begrifflich gefasster Wahrheit, besonders aber die buddhistische Lehre, die zwar deskriptiv unzutreffend, aber „relativ“ wahr ist, weil sie zur Erkenntnis der höchsten Wahrheit führt. Diese ist hingegen weder begrifflich fassbar, noch sprachlich artikulierbar. Sie ist jene in der Erleuchtung zuteilwerdende, heilshafte Erkenntnis (prajña), zu der alle sprachliche, begriffliche Artikulation hinführen will.

Buddha Shakyamuni hat im Kalama-Sutta -Kâlâma Sutta (Anguttara Nikâya III. 66)- Folgendes zur Ermittlung von Wahrheit gesagt:

„Glauben Sie an nichts, nur weil Sie es gehört haben. Glauben Sie nicht einfach an Traditionen, weil sie von Generationen akzeptiert wurden. Glauben Sie an nichts, nur auf Grund der Verbreitung durch Gerüchte. Glauben Sie nie etwas, nur weil es in Heiligen Schriften steht. Glauben Sie an nichts, nur wegen der Autorität der Lehrer oder älterer Menschen.

Aber wenn Sie selber erkennen, dass etwas heilsam ist und dass es dem Einzelnen und Allen zugute kommt und förderlich ist, dann mögen Sie es annehmen und stets danach leben.“

– Kālāma Sutta Anguttara-Nikāya III, 66[77]

In einer Lehrrede für seinen Sohn Rahula hat er ebenfalls auf die Bedeutung von Wahrheit hingewiesen.[78]

Wahrheit in der deutschen Literatur von der Aufklärung bis zur Moderne

Der Begriff der Wahrheitsfindung wird zum ersten Mal in der Literatur der Aufklärung benutzt. Im Zeitalter der Aufklärung, als die alten Normen und Werte der Gesellschaft und der Wissenschaft als falsch angesehen werden, liegt es beim Schriftsteller und Philosophen, nach der Wahrheit zu suchen. Gotthold Ephraim Lessing sieht diese Wahrheit im Streben nach Toleranz und Humanität, wie er es in der Ringparabel darlegt. Denn genau dieses Streben allein macht, nach Lessing, den Menschen aus: „Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine [des Menschen] Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht.“ Auch ein anderer Denker der Aufklärung, Lichtenberg, macht sich in seinen Aphorismen Gedanken über die Wahrheit, bzw. wie die Menschen sich im Bezug dazu verhalten: „Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten mäßig entstellt“. In der Aufklärung bezieht der Begriff Wahrheit sich also vor allem auf des Menschen Streben, seine Lebensziele zu finden, und damit seine persönliche Freiheit bzw. Mündigkeit zu erreichen.

In der Weimarer Klassik ist der Begriff der Wahrheit eher doppeldeutig. Zum einen beschreibt er ein Menschenideal, wie zum Beispiel bei Goethe „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut…“. Er gibt sozusagen Anweisung, wie man sein Leben gestalten soll, um tugendhaft zu leben. Im Faust geht es darum, inwiefern der Mensch zur absoluten Wahrheit gelangen kann, und ob das Streben nach der Wahrheit alle Mittel rechtfertigt. Faust selbst zeigt eigentlich, dass der Mensch dabei nur versagen kann; die Wahrheit bleibt göttlich, bzw. „teuflisch“. Für den Menschen ist sie unerreichbar. Er ist durch ein „strebendes Bemühn“ gekennzeichnet, aber erreichen kann er die Wahrheit nie.

Die Romantiker haben eine ganz andersartige Auffassung der Wahrheit. Für sie ist diese eine dem Menschen verschleierte bzw. schwer zugängliche Welt, die parallel zu unserer Wirklichkeit existiert. Des Dichters, oder des Künstlers Aufgabe ist es, den anderen Menschen diese Welt zu offenbaren; nur er allein kennt das „Zauberwort“, das die Welt zum „Klingen“ bringt. Die romantische Wahrheit findet man in sich selbst oder im Einklang mit der Natur. Es ist eine stille, eine einsame Erfahrung, und die Sehnsucht danach zeichnet den Romantiker aus. In einer Zeit, in der Revolution und Restauration sehr schnell aufeinanderfolgen, sucht er außerhalb der Gesellschaft in der Natur seine eigene persönliche Wahrheit.

Die Naturalisten haben eine ganz andere Ansicht, was die Wahrheit nun sei. Sie sehen den Menschen als Produkt seiner Zeit, Rasse und Milieus (nach Hippolyte Taine), und reduzieren ihn somit auf ein wissenschaftlich erklärbares Subjekt. Die Wahrheitsfindung besteht darin, diese Bestimmung aufzudecken. Im Sekundenstil geben die Naturalisten die Wirklichkeit so genau als möglich wieder: Im Zeigen der Realität besteht für sie die absolute Wahrheit.

Um 1900, nach der zweiten Industrialisierungswelle, wird die Suche nach der Wahrheit zur essentiellen Frage. Der einzelne Mensch wird auf einen Teil der großen Masse beschränkt; das Individuelle geht verloren. Ziel- und orientierungslos irrt er umher. Einige Autoren suchen diese verlorenen Werte bei Gott neu zu entdecken; Rilke beschreibt einen, „der dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält“. Er vertraut auf eine göttliche Kraft. Nietzsche ist anderer Auffassung: „Gott ist tot“, und wer sich auf die Suche nach der Wahrheit macht, muss sich bewusst sein, dass es kein Zurück gibt. Der Weg ist einsam und schwer, und sogar sein Erfolg ist ungewiss.

Die Autoren der Moderne werden sich bewusst, dass der Mensch im Konsum und in der Anonymität versinkt. In der Reizüberflutung vereinsamt er zusehends. In „Homo faber“ zeigt Max Frisch einen rationalen Menschen, der dem „American Way of Life“ folgt und glaubt, über allen Gefühlen zu stehen. Er ist also eigentlich der ideale Mensch seiner Zeit; ein gewissenhafter Techniker, der sich ab und zu auf Partys vergnügt, und sich im Allgemeinen nicht allzu viele Gedanken über das Leben macht. Doch seine Fassade bröckelt schon; laut Max Frisch gibt es mehr als die objektive Wahrheit der Technik – der Mensch hat Gefühle und soll sie nicht verleugnen.

Die Position des radikalen Konstruktivismus ist noch nicht ausgelotet, da sich in ihm auch die ‚objektive Wahrheit der Technik’ als die Wahrheit derer herausstellt, die an dieser Technik verdienen. Es steht die ‚Wahrheit der Besitzenden‘ gegen die ‚Wahrheit der Habenichtse‘.

Wahrheit in der Erzählforschung

In der Erzählforschung stand früher die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der als Einfache Formen bezeichneten traditionellen Textsorten wie MärchenMythenSageSchwank oder Witz im Vordergrund. Die moderne Erzählforschung betrachtet aber auch AlltagsgeschichtenAnekdoten, Familien-Erinnerungsgeschichte, Krankheitserlebnisse und moderne Sagen etc. und untersucht dabei eher den Anspruch auf Wahrheit, mit dem eine Geschichte erzählt wird, als die Frage nach dem ‚Wahren Kern‘. Durch die Untersuchung von Varianten einer Erzählung lässt sich so ihre Verbreitung nachverfolgen, und inwiefern sie auf dem Weitergeben der Geschichte (und nicht etwa auf dem erneuten Auftreten der beschriebenen Erfahrungen) beruht.

Wahrheit in der Rechtswissenschaft

Die Rechtsprechung entscheidet Rechtsstreitigkeiten durch Anwendung von Rechtsnormen auf einen bestimmten Sachverhalt. Neben der Ermittlung des Inhalts der anzuwendenden Normen (Auslegung) muss deshalb jedes Gericht auch den Sachverhalt ermitteln (Beweisaufnahme); nicht selten liegt hier sogar der Schwerpunkt des Rechtsstreits, weil die Parteien Widersprüchliches behaupten.

Wie das Gericht die Wahrheit ermittelt, hängt von der jeweiligen Prozessordnung ab. So können etwa feste Beweisregeln gelten oder der Grundsatz der freien Beweiswürdigung, und es können bestimmte Beweismittel vorgeschrieben oder ausgeschlossen (Beweisverbot, z. B. Folter) sein. Ein Recht zur Verweigerung der Aussage kann eingeräumt sein, weil bestimmte Konfliktsituationen zu Lasten der Wahrheitsfindung gelöst werden (ärztliches Schweigerecht, Angehörige, Seelsorgegeheimnis usw.). Mitunter kommt es auch auf die Wahrheit bestimmter Behauptungen nicht an, weil sie unterstellt wird (Fiktionunwiderlegliche VermutungTatbestandswirkung usw.). Auch die notwendigerweise beschränkte Verfahrenszeit setzt der Wahrheitsfindung Grenzen; mit (materieller) Rechtskraft der Entscheidung ist sie grundsätzlich bindend und in diesem Umfang jeder weiteren Wahrheitsermittlung entzogen. Die Möglichkeit der Wiederaufnahme des Verfahrens ist besonders krassen Widersprüchen zwischen dem der Entscheidung zu Grunde gelegten Sachverhalt und der später zu Tage tretenden Wahrheit vorbehalten.

Allen Prozessen gemeinsam ist, dass nur erhebliche Behauptungen auf ihre Wahrheit hin untersucht werden; kommt es für die Entscheidung darauf nicht an, weil sie in allen Fällen gleich ausfallen muss, bleibt die Frage offen und ein dahingehender Beweisantrag muss abgelehnt werden. Im deutschen Prozessrecht gibt es darüber hinaus einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Wahrheitsbegriff im Zivilprozess einerseits und dem im Straf- und Verwaltungsprozess andererseits: Im durch den Beibringungsgrundsatz geprägten Zivilprozess wird grundsätzlich die formelle Wahrheit ermittelt. Es wird also nur geprüft, ob eine bestrittene Behauptung der beweisbelasteten Partei zur Überzeugung des Gerichts feststeht. Bestreitet die Gegenseite die Behauptung nicht, so ist sie als unstreitig jeder weiteren Ermittlung entzogen und der Entscheidung zu Grunde zu legen, selbst wenn sie nicht zutreffend sein sollte. Im Straf-, Verwaltungsprozess und den Verfahren der freiwilligen Gerichtsbarkeit gilt dagegen der Untersuchungsgrundsatz, sodass die materielle Wahrheit zu ermitteln ist. Der Angeklagte kann demnach beispielsweise auch dann freigesprochen werden, wenn er gesteht und die Staatsanwaltschaft die Tat für erwiesen hält, das Gericht aber zur Überzeugung gelangt, der Angeklagte habe sich – etwa um den wahren Täter zu decken – unrichtig eingelassen.

Bleibt die Wahrheit offen (non liquet), wird nach der (objektiven) Beweislast (in der freiwilligen Gerichtsbarkeit: Feststellungslast) entscheiden. Im Strafprozess wird der Angeklagte freigesprochen (in dubio pro reo), sofern nicht, weil jede denkbare Wahrheit eine Straftat darstellt, ausnahmsweise Wahlfeststellung möglich ist. Im Zivilprozess richtet sich die Beweislast nach dem materiellen Recht; kann der Kläger die Tatbestandsvoraussetzungen der geltend gemachten Anspruchsgrundlage nicht beweisen, wird die Klage abgewiesen; kann er das, der Beklagte aber nicht die Voraussetzungen der erheblichen Einwendungen beweisen, wird ihr stattgegeben.

Die Parteien im Zivilprozess stehen unter Wahrheitspflicht, ebenso Zeugen und Sachverständige; unwahre Angaben können als Betrug bzw. Aussagedelikt strafbar sein. Der Angeklagte darf dagegen im Strafprozess nicht nur schweigen, sondern auch lügen (Nemo tenetur se ipsum accusare).

Literatur

Wahrheit in der Philosophie

Klassiker (chronologisch geordnet)

Wahrheit im Yoga-Wiki

Wahrheit ist das was wahr ist. Es gibt Absolute Wahrheit und relative Wahrheit. Relative Wahrheit ist das, was in einem relativen Kontext für wahr gehalten wird. Absolute Wahrheit ist das, was in allen Kontexten Wahrheit ist.

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Die Absolute Wahrheit, auf Sanskrit Sat, ist transzendent, mit dem Intellekt nicht fassbar, nur schwer umschreibbar, in tiefer Meditation im Überbewusstsein erfahrbar. Auf der relativen Ebene ist Wahrheit genau das, nämlich relativ. Verschiedene Menschen haben ihre eigenen Wahrheiten.

Wenn man friedvoll und liebevoll mit anderen Menschen umgehen will, gilt es, ihre unterschiedlichen Wahrheiten anzunehmen und zu berücksichtigen. Gerade Rechthaberei, also das Bestehen auf seiner eigenen Wahrheit, auf der einzig gültigen Wahrheit, führt oft zu Konflikten.

Auf der relativen Ebene ist oft nicht Wahrheit das was das Miteinander bestimmen sollte, sondern das Abwägen von Anliegen, BedürfnissenInteressen, das Bemühen, einen guten Weg für gemeinsame Ziele oder auch eine gute Vorgehensweise, einen guten Kompromiss für unterschiedliche Ziele zu finden. In anderen Kontexten, z.B. in manchen Teilen der Wissenschaft, ist das Ringen nach Wahrheit, auch in einem relativen Sinn, etwas sehr Wichtiges.

Wahrheit – eine Tugend. Was ist Wahrheit ? Woher stammt das Wort? Wozu ist Wahrheit gut? Was sind Synonyme, was das Gegenteil von Wahrheit? Umfangreicher Artikel mit Vortragsvideo und Tipps.

Inhaltsverzeichnis

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Wahrheit und Religion

(Artikel von Swami Sivananda)

„Es gibt keine Religion, die höher ist als die Wahrheit. Es gibt keine Tugend, die höher ist als die Wahrhaftigkeit (Satya). Es gibt kein Dharma (Gesetzt), das höher ist als die Wahrheit. Die Wahrheit ist Gott. Gott ist die Wahrheit. Es gibt nur eine Wahrheit. Die Weisen geben ihr verschiedene Namen: „Ekam sat vipra bahudha vadanti.“

Vishuddha Chakra, Zentrum der Sprache

Wo die Wahrheit herrscht, dort herrscht auch die Gewaltlosigkeit (Ahimsa). Wo vollkommene Gewaltlosigkeit besteht, da besteht auch Wahrheit. Wahrhaftigkeit und Gewaltlosigkeit sind die zwei Seiten ein und derselben Wirklichkeit. Wahrhaftigkeit ist Pflicht. Wahrhaftigkeit ist Buße. Wahrhaftigkeit ist Yoga. Wahrheit ist das Absolute. Wahrheit ist die letzte Zuflucht. Unterwirf dich der Wahrheit in großer Verehrung. Es gibt nur eine einzige Wahrheit; es gibt nur eine einzige Realität.

Und diese Wahrheit ist dein Selbst. Strebe nach der Wahrheit. Sei wahrhaftig. Verwirkliche diese Wahrheit und sei frei. Wer in dieser Welt die Wahrheit spricht, selbst wenn sein Leben auf dem Spiele steht, der setzt ein Beispiel dafür, wie alle Schwierigkeiten überwunden werden müssen. Seelenkraft, Mitgefühl, Großmut, Ausdauer, Unparteilichkeit, SelbstbeherrschungEntsagungMeditation, Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit sind alles Formen der Wahrheit. Die Wahrheit spricht im Inneren des Menschen ohne den Lärm der Worte. Sie ist die Sprache des Schweigens. Sie ist die feine Stimme Gottes. Ein reines Gewissen gibt Freude ohne Nadelstiche.“

Swami Sivananda über Wahrheit. Auszug aus „Die Botschaft“.

Wert der Wahrheit

Auszüge aus dem Buch „Samadhi Yoga“ von Swami Sivananda Copyright by Divine Life Society

Werden fünftausend Rajasuya Yagas auf einer feingestimmten Waage gegen Wahrheit (Satyam) abgewogen, wiegt die Wahrheit ohne jeden Zweifel mehr als die fünftausend Rasasuya Yagas. Aus diesem Grund bekunden die Srutis: „Satyaneva jayate nanritam – allein die Wahrheit triumphiert, nicht die Falschheit“. Selbst Yudhishthira musste die Hölle sehen, als er einmal eine Lüge erzählte – eine abgeänderte, verzerrte Wahrheit, geschickt gedreht.

Schüler sollten aufrichtig danach streben, allzeit die Wahrheit zu sagen. Wenn sie fest in der Wahrheit verankert sind, werden ihnen alle anderen Tugenden von selbst anhaften. Brahman ist die Wahrheit und dadurch, dass man die Wahrheit sagt, kann man ihn erkennen. Selbst einige Sadhus und Sannyasins lügen über nichtige Dinge, um ihr Ansehen und ihre Position zu Wahren und von der Gesellschaft mit Respekt belohnt zu werden. Das ist ein schrecklicher Fehler. Arbeitende Menschen können noch zu gewissem Grad entschuldigt werden, aber für Sadhus und Sannyasins kann es niemals Nachsicht geben. Wenn der Geist unrein ist, kann man keine Selbsterkenntnis erlangen, selbst wenn man täglich 20 Stunden meditiert.

Swami Sivananda

Die Falschheit kam als erstes durch das Haus eines Anwaltes. Dann zog sie weiter zum Laden des Goldschmieds. Dann marschierte sie geradewegs weiter in den Laden des Stoffhändlers. Eine durch eine Lüge verdeckte Lüge führt zu weiteren Lügen. Eine Sünde, die mit einer anderen kaschiert wird, führt zu mehr Sünde. Gute wie schlechte Taten tragen stets ihre Früchte. Ein tugendhafter Mensch, der immer Gutes tut, ohne sich davon Früchte zu erwarten, wird schnell zum Brahma Jnani bzw. zum Jivanmukta.

Die Angewohnheit, zu lügen, geht Hand in Hand mit der Angewohnheit, lange Finger zu machen. Manche Schüler lügen selbst in belanglosen Dingen. In manchen Menschen ist die Angewohnheit zu lügen, schon fest verwurzelt. Wenn der Lehrer den Schüler fragt: „Oh Ram, hast du heute Morgen schon deine Chinin-Mixtur eingenommen?“ antwortet er: „Ja, Swamiji, ich habe sie schon genommen.“ Ram lügt wegen so einer unbedeutenden Sache und wenn dann näher nachgeforscht wird, stellt sich heraus, dass er ein Lügner ist. Viele Schüler stellen sich als große Yogis hin, wenn sie nichts als ein paar Asanas und Mudras kennen und nur den „Vichara Sagara“ und die „Panchadasi“ gelesen haben. Das ist auch ein großes Hindernis auf dem Weg.

Ein weltlicher Mensch, ein Moralist und ein spiritueller Mensch haben unterschiedliche Auffassungen davon, was Wahrheit ist. Wenn A B fragt: „Bist du verheiratet?“ und B antwortet „Ich bin Junggeselle“, obwohl er eigentlich verheiratet ist, ist das für einen weltlichen Menschen eine Lüge. Und wenn er antwortet „Ja, ich bin ein verheirateter Mann„, dann ist das die Wahrheit. Ein Moralist interessiert sich für die Wirkung der Wahrheit. Wenn ein Mensch das Leben vieler Unschuldiger retten kann, indem er lügt, ist das für einen Moralisten Wahrheit, denn die Unwahrheit hat das größte Wohl bewirkt. Wenn es für viele Menschen zu größerem Schaden führt, dass einer die Wahrheit spricht, ist das einem Moralisten nach die Unwahrheit. Für einen spirituellen Menschen ist Brahman die Wahrheit und diese Welt ist nicht wirklich.

Auch nur zum Spaß zu lügen ist negativ. Über andere zu tratschen, selbst wenn es humorvoll gemeint ist, ist negativ. Lass von diesen zwei negativen Gewohnheiten ab. Dann wirst du in der Gesellschaft leuchten. Man wird dich hoch achten. Sage zu keinem etwas und tue keinem etwas, das dir selbst nicht gefallen würde. Wenn man sich darin übt, stets die Wahrheit zu sagen, wird das Antahkarana von seinem Schmutz gereinigt. Es erstrahlt wie ein sauberer Spiegel und zeigt die göttliche Gestalt Gottes mit großem Glanz.

Sei der Wahrheit ohne Unterlass verpflichtet. Sei bereit, alles für sie aufzugeben. So wirst du einen starken Willen entwickeln. Du wirst furchtlos. Du beziehst immense Stärke und großen Mut vom Atman, dem Höchsten Selbst, in dir. Du wirst Selbsterkenntnis erlangen. Ein Mensch, der seine eigenen Fehler sehen kann genauso wie jene, die er bei anderen wahrnimmt, wird sich rasch zu einer großen Seele entwickeln. Brüte nicht über vergangene Fehler oder Misserfolge. Das erfüllt deinen Geist nur mit Schmerz, Bedauern und Niedergeschlagenheit. Wiederhole sie einfach in der Zukunft nicht mehr. Sei vorsichtig.

Denke einfach an die Faktoren, die zu deinen Misserfolgen geführt haben, und versuche sie in Zukunft auszuschalten. Sei wachsam und umsichtig. Stärke dich. Bewaffne dich mit neuer Kraft und neuen Tugenden. Entwickle langsam deinen Willen. Dann wirst du bei allem, was du unternimmst, erfolgreich sein. Jeder Fehler bringt seine eigene Lektion mit sich. Fehler sind unsere Gurus, unsere Lehrer. Bessere deine eigenen Unzulänglichkeiten aus. Schau nicht nach den Fehlern der anderen. Das geht dich nichts an. Alle entwickeln sich. Gott allein kennt die Position, an der sich jeder auf dem Entwicklungspfad befindet.

Sei wachsam. Sei umsichtig. Sei kühn. Sei frohgemut. Sei rein. Sei freundlich. Sei demütig. Sei geduldig. Verliere das Ziel nicht aus den Augen. Schieße nicht am Ideal vorbei. Halte dir die Vision von deinem Ziel klar vor Augen. Lebe jeden Moment danach, das Ideal deines Lebens zu verwirklichen. Verbessere deine Fehler. Erkenne das Selbst durch direkte, intuitive Erfahrung.

Meditiere über die Wahrheit, überwinde Negativitäten

– ein Vortrag von Sukadev Bretz 2018 –

Mund der Wahrheit in Rom

Bist du vielleicht momentan in einem negativen GemütszustandÄrgerAngstNiedergeschlagenheit, Unsicherheit, innere Unruhe. Patanjali empfiehlt dir, meditiere über einen Aspekt der Wahrheit.

Patanjali 32. Vers des 1. Kapitel des Yoga Sutra

32. तत्प्रणतषधे ाथभय ए् कतत्त्वाभ्यास् ॥ ३२॥

tatpratishedhartham ekatattvabhyasah

„Zur Beseitigung dieser Hindernisse sollte man einen Aspekt der Wahrheit üben.“

Zwei Verse davor, hat er gesprochen über die verschiedenen Hindernisse auf dem Weg. Von Krankheit über TrägheitZweifel, Gefühl der SinnlosigkeitFaulheitGierinnere UnruheUnstetigkeitZerstreuung usw.

Gemütszustände die dir vielleicht nicht ganz unbekannt sind. Wie kannst du diese überwinden. Darüber spricht er von Vers 32 bis Vers 39.

Übe einen Aspekt der Wahrheit

Man sollte einen Aspekt der Wahrheit üben. Tatpra heißt hier das Prinzip oder die Wahrheit, Abhyasa heißt Übung und Eka heißt ein. Pratishedhartha führt zur Beseitigung, zur Beherrschung aller Hindernisse. Es gilt einen Aspekt, ekatattva, der Wahrheit abhyasa, zu üben. Welche das sind, schreibt er in den nächsten Versen. Eine Möglichkeit kann sein, vergegenwärtige dir, die unendliche ewige Wirklichkeit.

Wenn du jetzt in diesem Moment unruhig bist, irgendwo nicht weißt wie es weiter geht und einen Zustand der inneren Unruhe hast. Es hilft dir bewusst zu machen, egal wie dein momentaner Gemütszustand ist. Du bist das unendliche, das ewige tief in dir ist Atman das höchste Selbst. Purusha unberührt von allem.

Wenn du dich bedroht fühlst und du weißt nicht wie es weiter gehen soll. Vergegenwärtige dir, dir selbst kann nichts geschehen. Du bist das unsterbliche Selbst. Selbst wenn du eine Krankheit hast, wo du nicht weißt ob sie wieder geheilt werden kann oder ob du sogar daran sterben wirst. Oder jemand anderes in deinem Bekannten- oder Verwandtenkreis hat eine schlimme Krankheit bekommen. Das Selbst ist davon nicht berührt.

Krankheit betrifft den Körper. Du bist das unsterbliche Selbst. Wenn du verärgert bist, was andere dir angetan haben. Es ist nicht so relevant. Sei dir bewusst, auch bei dem der dir Schlimmes antut, oder angetan hat oder antun wird, ist das höchste Selbst. Du bist in der Tiefe deines Wesens Eins mit ihm. Das Ganze ist lila, ein kosmisches Spiel. Löse dich von diesem Spiel immer wieder, sei dir bewusst, du bist das unsterbliche Selbst.

Praktisches Beispiel

Das Leben ist wie ein Film

Angenommen du bist in einem Kinofilm und dort kommt etwas ganz Schlimmes. Die Hauptperson wird bedroht, da kommt gleich ein Mörder oder die Geliebte wird umgebracht. Du zitterst und erbebst. Was kannst du tun? Mache dir bewusst, es ist nur ein Film. Die Schauspieler haben diese Szene hundertmal aufgeführt, letztlich ist es nur eine Szene.

So ähnlich kannst du dir auch sagen, du bist gerade im kosmischen Spiel. Der kosmische Regisseur Gott, die Göttin lässt gerade ein kosmisches Drama ablaufen. Du bist ein Schauspieler darin. Vielleicht so ein guter Schauspieler, das du dich mit deiner Rolle ganz identifizierst. Geh heraus aus dieser Rolle, mindestens einmal vorübergehend. Mache dir bewusst, du bist das unsterbliche Selbst, der Atman. Nichts kann dir etwas antun.

Du magst sagen, das hilft mir gar nichts, ich bin weiter in der Situation. Mag sein. Wenn du im Kino hilflos sitzt auf einem Stuhl und vor dir geschieht Schreckliches auf der Leinwand. Es hilft dir sehr wohl zu wissen, es ist nur ein Film. So kann es dir helfen zu wissen, das Ganze ist nur ein Film, lila ein kosmisches Spiel.

Du bist das Unsterbliche Selbst

Du selbst und alle anderen, sind Ausdruck der einen kosmischen Seele. Mache dir bewusst, einen bestimmten Aspekt der Wahrheit zu vergegenwärtigen hilft jetzt. Das kann Unterschiedliches sein. Du könntest sagen, Gott hilft mir, Gott steht mir bei. Dieses Bhakti Gefühl kann dir helfen mit Schwierigkeiten umzugehen. Du kannst sagen, die ganze Welt ist ein Traum, es gibt nur ein unendliches Brahman. Diese Jnana Wahrheit kann dir helfen.

Oder du könntest dir sagen, wir gehen durch so viele Inkarnationen und jede hat ihren Sinn. Wir wachsen beständig durch alle Erfahrungen und irgendwie wird es gut sein, für alle Beteiligten um daran zu wachsen. Vor dem Hintergrund von 1000enden und Millionen von Inkarnationen. Das Leiden in einem Leben, ist nur ein kleiner Aspekt und es ist etwas Hilfreiches. Diese Karma Yoga Einstellung kann helfen.

Spüre eine höhere Wirklichkeit

Du kannst sagen, Körper und Psyche sind relativ. Sie spielen keine allzu große Rolle. Diese Jnana Yoga Einstellung kann dir helfen. Meditiere über einen Aspekt der Wahrheit und das hilft dir Leiden zu überwinden.

Darüber steht auch ekatattvabhyasah, er sagt du könntest irgendetwas üben, was dich dort herausholt. In diesem Sinne erwähnt Patanjali in den nächsten Versen, welche Abhyasas, welche Übungen du machen kannst, um aus dem Leiden herauszukommen. Darüber spreche ich das nächste Mal.

Vielleicht magst du kurz innehalten und über einen Aspekt der Wahrheit meditieren. Es heißt das Gott hinter allem ist. Das heißt dass du lernen kannst, von allen ErfahrungenSatchitananda – Sein Wissen und Glückseligkeit.

Das ist ein Vortrag, der Raja Yoga Reihe. Weitere Informationen und Kommentare in unserer Yoga Vidya Internetseite.

Verfasser: Sukadev Bretz, Gründer von Yoga Vidya, Schüler von seinem Guru Swami Vishnu-devananda, dieser wiederum Schüler von Swami Sivananda, nach der Yoga Vedanta Tradition, die sich zum großen Teil auf den großen Meister Shankaracharya bezieht.

Video – Meditiere über die Wahrheit

 D ieses ist ein Audio- bzw. Video-Vortrag aus der Vortragsreihe „Yoga Vidya Schulung – Der ganzheitliche Yogaweg

Eine wahre Philosophie des Lebens

Artikel von Swami Sivananda

Wenn der strahlend blaue Himmel einen gleißenden Strom hellen Lichtes auf eine Ansammlung von blinden Menschen werfen würde, so würden diese Menschen lediglich die Wärme, aber nicht das Licht, wahrnehmen. Und ebenso, wenn ein heiliger Mann uns mit den lebensspendenden Weisheiten durch seine Ausführungen, seine Rede oder seine Schriften versorgen würde, so würden wir vielleicht aufgerüttelt durch die unfreiwillige Folge der gnadenvollen rhythmischen Sätze, oder wir würden (von unserer Eitelkeit getrieben) vorgeben, dass wir dies alles verstünden und dazu zustimmend mit unseren Köpfen nicken.

Wenn dann einige von uns wirklich die Substanz der Reden oder auch der Schriften durchdringen und die dahinterliegende Wahrheit beginnen zu verstehen oder sogar anfangen, diese Wahrheit in Handlungen umzusetzen oder diese in ihrem tagtäglichen Leben anzuwenden, so sind wir doch meist unaufrichtig. Oder wir werden dennoch unaufrichtig gehalten durch die subtilen Bedürfnisse, die geheimen Muster und die vernebelten Hoffnungen, die wir in den innersten Ausbeulungen unser Herzen in uns tragen.

Ich meine nicht, dass wir zu grob oder zu trübe sind, um den Pfad der Wahrheit zu verfolgen oder nach dem Licht und der Wahrheit zu streben. Es ist an sich nichts falsch an und in uns, lediglich haben sich die Ignoranz und die Dunkelheit in praktisch jeden Winkel und in jede Faser unseres Daseins eingeschlichen. Wir mögen Narren sein, aber gleichzeitig sind wir Gott gleich. Wir sind vielleicht auch jämmerlich, aber es könnte lediglich eine Verschleierung des Göttlichen sein. Wir könnten lebendige Schreine der Dunkelheit sein, aber wir haben trotzdem eine Laterne mit unsterblicher Schönheit in uns. Wir mögen die Bewohner einer Hölle auf und in dieser Welt sein, aber wir haben auch die schwache Erinnerung an den Himmel in uns. Auch wenn wir uns tief in Sinnesfreunden verstrickt haben, so haben wir doch immer auch ein Gefühl für das Göttliche.

Unsere größte Tragödie liegt nicht darin, was wir sind, sondern darin, dass wir nicht wissen, was wir sind und auch, was wir in unserem Innersten wirklich sind. Unsere größte Dummheit und unser schlimmster Fehler sind, dass wir uns selbst nicht richtig studieren. In Wirklichkeit sind wir Wahrheit und diese Wahrheit ist nicht eine Folge von Logik, oder auch nicht eine metaphysische Idee und auch nicht ein moralisches Prinzip. Sie ist auch nicht ein unergründliches Rätsel oder ein Problem, welches zu einer bestimmten Lösung gehört. Es ist letztlich das tiefste Bewusstsein in uns, eine Wirklichkeit, die erfahren werden will, ein Werden und ein Sein.

Als ein Prinzip des Lebens beseelen wir die gesamte Existenz, und in jeder Ader einer jeden Kreatur pulsiert dieses Prinzip. Als eine Quelle des Lichtes machen wir die Sonne und den Mond zu dem, was sie sind. Als der unermessliche und alldurchdringende Geist umspannen wir die unendlichen Lüfte oder Himmel. Wir sind überall und immerwährend. Wir existieren als ein universelles „Hier“ und ein immerwährendes „Jetzt“.

Und was verschleiert nun diese Tatsachen über uns selbst? Was bindet unseren unsterblichen Geist an diesen gebrechlichen Körper? Welche Hürden versperren uns den Weg zu grenzenlosem Licht und der höchsten Wahrheit? Nichts, nur die vermeintlich dünnen Fäden, die uns gefangen halten. In einigen eher ungewöhnlichen Zuständen, wie den Momenten der Meditation, in den Stunden der Selbstanalyse und Selbstbefragung, können wir dann das Wechselspiel der beiden Welten – der spirituellen und weltlichen Welt – auf der Bühne unseres Herzens beobachten.

Und dann können wir auch die Schleier, die unseren universellen Geist verhüllen, wahrnehmen wie auch die feinen Fäden, die unser unendliches Selbst gefangen halten, erkennen. Gefangen im Treibsand der Ignoranz, hin und her geworfen von den Winden der Leidenschaften, beherrscht von den pietätlosen Impulsen, den ruinösen Begierden unterworfen, verloren in den Sinneslüsten eines nach außen gerichteten Lebens halten wir an einer verdrehten und verquasten Sicht auf unser Leben fest. Und damit beginnt dann die Tragödie, der Verlust des Urteilsvermögens, die Unfähigkeit, uns selbst zu gehören und uns selbst zu studieren. Und letztlich entsteht damit dann die Unfähigkeit, höhere Fähigkeiten zu erreichen, und auch die universellen Prinzipien und die grundsätzlichen Probleme anzugehen.

Unsere kommerzielle Welt, die angefüllt ist mit einer Vielzahl an technischen Geräten und unser Zeitalter der Maschinen, hat uns zu Automaten werden lassen. Und diese Automaten haben uns unserer Gedanken beraubt, damit werden wir als Menschen zurück in das Königreich der Tiere gestoßen. Unsere uns drängenden Sorgen und Ängste absorbieren uns und unsere kleinen Wünsche und Hoffnungen lassen unsere Augen für die wirkliche Größe und den Glanz unseres Selbst erblinden. Wir leben in Zweifeln, die uns verkümmern lassen und die uns verängstigen. So werden wir zu Feiglingen, wenn wir uns den Fakten unseres Lebens und der Wahrheit der Weisheit stellen müssen.

Eine falsche Zivilisation hat den Kern unserer Kultur verschlungen. Die nach außen gerichteten Verhaltensweisen und die Erziehung an unseren Universitäten trüben unsere Sichtweise auf die groben Personen, mit denen wir in Kontakt treten. Und zusammen mit den geschliffenen Mogeleien und den übertünchten Grobheiten werden wir selbst dann klobig und blind auch in Hinblick auf die Religion. Und damit sind wir dann auch dem endgültigen und letztendlichen Zentrum unserer Erholung und unserer Mitte gegenüber blind. Ebenso auch gegenüber der wahren Substanz unseres Lebens (ohne die wir nur Schatten und Asche wären). Wir prangern Männer an, die weise sind und viel Weisheit haben, und wir steinigen Heilige. Und was schlimm ist, ob wir uns dessen bewusst sind oder auch nicht, ist, dass wir dies in jedem Moment unseres Lebens zu tun pflegen.

Die allererste Voraussetzung für Weisheit ist, dass wir uns unsere Schwachheiten, unsere Beschränkungen und unsere Narrheit ansehen. Und wir müssen diesen Dingen ins Auge sehen und über sie hinwegkommen. Wir müssen über diese Schwachheiten triumphieren. Und wir müssen letztendlich uns eine gesunde Philosophie des Lebens aneignen. Und mit deren Hilfe werden wir dann unsere eigene Natur meistern und zu perfekteren Menschen werden, und somit an der Grenze unserer wahren Natur leben und damit die Gesamtheit an Kraft, Schönheit und Wonne ausleben.

Wir sollten unsere Seele von all dem Unsinn reinigen, und den Müll aus unseren Gedanken entfernen. Ebenso müssen wir die verschlingenden Wölfe der brutalen Instinkte in uns selbst ausrotten und auch die Nebel, die aus unseren Vorurteilen entstehen, vertreiben und die krankmachenden Gefühle in unseren Herzen. Wir müssen Frieden und heitere Gemütsruhe im spirituellen Leben finden und damit auch neue Augen und Herzen erzeugen. Dann können wir ein Leben in der vollendeten Reinheit und Vollkommenheit führen.

Ich möchte hier betonen, dass eine wahre Religion, eine Religion des Herzens sein muss. EhrlichkeitLiebe und Reinheit sind die Grundlagen einer jeden wahren Religion. Kontrolle über die niedere Natur, die Bändigung des Geistes, die Kultivierung der Tugenden, der Dienst am Menschen, die Güte, die Kameradschaft oder die Nächstenliebe und die Freundlichkeit sind die Bausteine einer wahren Religion. Und diese versuche ich durch mein Beispiel zu vermitteln, den das Vorbild ist oft wichtiger als alle Anweisungen.

Ich glaube, dass Güte, sowohl im Sein als auch im Tun, die Grundlage eines jeden Lebens darstellt. Mit Güte meine ich auch die Fähigkeit, sich auch in andere Menschen hinein zu versetzen und somit wie diese zu erleben und zu fühlen. Dies beinhaltet auch, niemandem zu schaden. Güte ist damit das Gesicht der Gottgleichheit oder Ähnlichkeit mit Gott. Ich denke, dass gut und gütig zu sein, aus dem Innersten eines jeden Herzens kommen muss, und dies ist nicht einfach. Auch wenn dies vielleicht in den Lehren an sich einfach erscheinen mag, so ist es doch eines der schwierigsten Dinge im Leben, wenn wir nur ehrlich genug zu uns selbst wären.

Die Philosophie, die ich vertrete, stellt nicht eine verträumte oder verbrämte, subjektive und die Welt verneinende Doktrin der Illusion dar. Ebenso stellt diese nicht eine grobe, die Welt bestätigende Theorie eines sinnesgetriebenen Humanismus. Sondern diese Philosophie beinhaltet die Göttlichkeit des Universums, die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die Einheit der gesamten Schöpfung mit dem Absoluten, und ich denke, diese Doktrin ist die Einzige, mit der es sich lohnt, sich zu beschäftigen. So wie sich auch Brahman in den unterschiedlichen Universen auf verschiedenen Ebenen manifestiert, so sollte auch der spirituelle Aspirant seine Wertschätzung auch den niederen Manifestationen entgegenbringen, bevor er sich mit höheren beschäftigt.

Eine gute Gesundheit, ein scharfer Verstand, tiefes Wissen und Verständnis sowie ein starker Wille und eine hohe moralische Integrität sind alles notwendige Voraussetzungen für den Prozess der Verwirklichung der höheren Ideals des Humanismus als Ganzem. Sich anzupassen, sich einzustellen, entgegenkommend sein, das Gute in allen Dingen sehen können und alle Prinzipien der Natur nutzenstiftend auf dem eigenen Weg zur Selbstverwirklichung einzusetzen, sind wichtige Prinzipien auf dem eigenen Weg zur Verwirklichung.

Ebenso ist es wichtig, auf diesem Weg eine umfassende Anpassung der menschlichen Kräfte und Fähigkeiten zu erreichen. Für mich bedeutet Philosophie nicht nur eine Liebe zur Weisheit, sondern auch der Besitz dieser Weisheit. In all meinen Schriften habe ich verschiedene Methoden wie ein Mensch die physischen, die vitalen, die mentalen und die intellektuellen Schichten seines Daseins und Bewusstseins durchlässig machen kann und wie er Meisterschaft auf und in diesen Schichten erlangen kann, beschrieben. Damit kann er dann in seinem Sadhana voranschreiten auf seinem Weg zur Selbstperfektion. Jene Menschen, die dies erreichen sind die sogennanten „Sarvabhutahite Ratah“ (Die Menschen, die uneigennützig dienen zum Wohle aller).

Um den Atman in allen Wesen und in allen Formen zu erkennen, um Brahman überall zu erfahren, zu jeder Zeit und in allen Lebensumständen, ihn zu sehen, zu hören, und wahrzunehmen als diesen Atman, dies ist mein Glaubensbekenntnis. Durch das Schwelgen und Verweilen in dieser göttlichen Einheit und durch den Einsatz der Hände, des Geistes, der Sinne und des Körpers für den Dienst am Menschen das Singen der Namen Gottes, die Erhebung der Anhänger, für die Weitergabe der Anweisungen an ernsthafte Aspiranten und für die Verbreitung des Wissens zu arbeiten, dies ist der Zweck meines Daseins. Es ist mein heiligstes Glaubensbekenntnis, den Kranken zu dienen und sie mit großer Hingabe zu pflegen und mit Sympathie und Liebe und ebenso die Niedergeschlagenen aufzumuntern. Und dabei ihnen Kraft sowie Freude zu geben. So kann ich die Einheit mit jedem und allem fühlen und allen mit dem gleichen Blick begegnen. In meinem höchsten Glaubensbekenntnis gibt es keine Bauern und keine Könige, ebenso gibt es keine Bettler und keine Eroberer, es gibt auch keine Männer und keine Frauen, und letztendlich auch keine Lehrer und Schüler.

Der erste Schritt ist meist der schwierigste. Aber nachdem man diesen ausgeführt hat, werden die restlichen Schritte einfacher. Es gibt einen Bedarf für mehr Courage und Geduld gegenüber den Mitmenschen, denn diese sind meist ausweichend oder vermeidend, zögern oft und sind angsterfüllt. Und dies beruht auf der Unkenntnis über die Aufgabe eines jeden Einzelnen. Ein gewisser Grad an Erziehung und Kultur ist notwendig, um ein ausreichend klares Verständnis über die Position eines Menschen in der Welt zu erhalten. Dennoch benötigt unser Erziehungssystem eine Überholung oder Verbesserung, denn es bleibt nur an der Oberfläche und berührt nicht die Tiefen eines jeden Menschen. Und um dies zu erreichen, benötigt es nicht nur die Kooperation mit der Gesellschaft, sondern auch die Kooperation mit der Regierung. Und Erfolg ist ohne diese Zusammenarbeit zweifelhaft. Der Verstand und das Herz sollten Hand in Hand gehen, und ebenso das Ideal und die Realität. Mit diesem Wissen zu arbeiten ist wahres Karma Yoga. Der Herr hat diese Wahrheit in der Bhagavad Gita erläutert. Ich bete, dass dieses höchste Ideal sich in dem täglichen Leben eines jeden Individuums verwirklichen wird. Und so kann dann ein echter Himmel auf Erden entstehen. Und dies ist nicht nur ein Wunsch, sondern es ist eine reale Möglichkeit, die nicht verleugnet werden kann. Und sie wird Wirklichkeit, wenn das Leben so verstanden wird, wie es wirklich verstanden werden sollte.

Möget ihr alle eure göttliche Natur in eurem täglichen Leben durch euer sprituelles Sadhana verwirklichen. Möge euer spiritueller Kern auf immer wie ein Fixstern leuchten und den Weg von vielen Aspiranten erhellen, und diese zu dem großen Ziel so führen helfen.

Wahrheit – Ziel und Grundlage von Tugend

Aus einem Vortrag von Sukadev Bretz

Was ist Wahrheit? Es gibt verschiedene Arten von Wahrheit. Zunächst mal kann man unterscheiden zwischen relativer Wahrheit und absoluter Wahrheit. In der relativen Wahrheit gibt es auch wieder äußere Wahrheit und psychologische Wahrheit und letztlich auch kommunikative Wahrheit.

Gehen wir zunächst mal ein auf die absolute Wahrheit, die will ich jetzt nur kurz jetzt behandeln, nachher will ich sie mehr behandeln. Absolute Wahrheit ist das, was losgelöst ist, absolvere heißt loslösen. Die absolute Wahrheit ist die höchste Wahrheit, die Wahrheit hinter dem Universum.

Im Yoga sprechen wir davon, dass das Ziel des Lebens ist, die absolute Wahrheit zu erfahren und zu verwirklichen. Das will ich am Ende mehr betonen. Relative Wahrheit,- relative Wahrheit gibt es wieder, relative Wahrheit ist alles, was in Relation zum anderen ist, man würde sagen, alle äußere Wahrheit ist relative Wahrheit. Da gibt es auch wieder, auch in der relativen Wahrheit, eine gewisse objektive Wahrheit und es gibt eine subjektive Wahrheit. Objektive Wahrheit betrifft dann das Universum.

Also, man könnte z.B. sagen, was ist die objektive Wahrheit über ein Stück Eisen, oder die objektive Wahrheit über die Entstehung des Universums. Das Ideal der Wissenschaft ist, nach objektiver Wahrheit zu streben, wobei die Wissenschaftstheorie auch sagt, die vollständige Wahrheit ist nicht da, sondern die Wissenschaft ist immer im Begriff der Fortentwicklung. Das heißt, man versucht, herauszufinden, was ist jetzt ein Modell von der Wirklichkeit, das ist jetzt die momentane Wahrheit und dann macht man irgendwelche VersucheExperimente und schaut, das, was man bis jetzt als wahr annimmt, kann man das falsifizieren oder nicht.

Ist sie falsifiziert, dann kann man eine neue Hypothese aufstellen, so lange bis die falsifiziert ist. Und so ist physikalische Wahrheit immer in der Entwicklung begriffen. Das ist diese Art von objektiver Wahrheit. Diese Art von objektiver Wahrheit, die in der Entwicklung begriffen ist, ist etwas, was in der Wissenschaft wichtig ist.

Und es ist auch gut, dass man das versteht, denn z.B. in der Medizin, da wird mal gesagt, das muss man machen, das muss man machen, das ist richtig, das ist die Ursache davon. Und zehn Jahre später heißt es was ganz anderes. Dann fragt man sich: „Ja, vor zehn Jahren, da galt das und heute was anderes, was soll denn das?“

Aber das ist in der Wissenschaft üblich und der Vorteil der westlichen Wissenschaft ist eben auch, das einzubeziehen, Wahrheit ist in Entwicklung begriffen, unsere Erkenntnisse über die Wahrheit wachsen. Das ist also die äußere Wahrheit und so solltest du auch umgehen mit Erkenntnissen in der Medizin und der WissenschaftWissen, was heute wahr ist, ist morgen nicht mehr wahr. Nicht, dass es wirklich nicht mehr wahr ist, aber was wir für wahr halten. Das ist die scheinbar objektive Wahrheit, in Entwicklung begriffen, der Wahrheitsbegriff in der Wissenschaftslehre.

Dann gibt es natürlich die psychologische Wahrheit und hier, was der eine Mensch sieht, ist etwas anderes als was der andere Mensch sieht. Und hier hilft es sehr, dass man erkennt, dass diese relative Wahrheit subjektiv ist. Der eine z.B. mag jetzt diesen Vortrag lesen und daraus Inspiration ziehen, der andere mag sagen: „So ein Unsinn.“ Der nächste mag das ein oder andere finden, was ihm passt oder auch nicht passt.

Jetzt in dem Fall, wem das nicht passt, der liest das nicht und deshalb habe ich jetzt mehr mit Menschen zu tun, die bis jetzt immer noch dabei sind, die vielleicht das irgendwo interessant finden. Aber die, die fanden, das ist unsinnig oder das ist für sie irrelevant oder es ist Wiederholung von dem, was sie kennen, das war ihre Wahrheit.

Und jemand anderes mag diesen Vortrag interessant finden, überlegen und nachdenken: „Was meine ich dazu? Was meint Sukadev? Wie könnte das in meinem Alltag auch von Bedeutung sein?“ Also, unterschiedliche subjektive Wahrheiten. Und das ist auch etwas Wichtiges, dass man das weiß, es gibt unterschiedliche Weisen, etwas zu sehen.

Und es ist manchmal auch faszinierend, die Wahrheiten der anderen zu verstehen. Man kann wissen: „Konstruktion der Welt ist etwas Subjektives. Was für mich wahr ist, ist für den anderen nicht unbedingt wahr.“ Und es ist eines der faszinierendsten Dinge, die man als Mensch machen kann, zu versuchen, herauszufinden: „Wie meint er das? Wie versteht er es? Was ist von ihrem Gesichtspunkt aus Wahrheit?“

Ich will dir also vermitteln, dass du nicht in deiner Wahrnehmung der Welt gefangen bleibst, EinfühlungsvermögenMitgefühlLiebe heißt auch, andere zu verstehen. Andere verstehen kannst du, wenn du verstehst, es gibt unterschiedliche Weisen, Dinge zu sehen, es gibt unterschiedliche Weisen, Wahrhaftigkeit zu definieren, daher mein Tipp, versuche, andere zu verstehen, gehe mit Offenheit an andere heran.

Auch wenn du in einen neuen Arbeitsbereich, Aufgabenbereich gehst oder in eine neue Gruppe von Menschen gehst oder auch in deine gewohnte Umgebung gehst, immer wieder Offenheit haben, und gehe nicht davon aus, dass du diese Wahrheit gepachtet hast.

Noch ein paar Worte zur absoluten Wahrheit. Yogis sagen, es gibt eine absolute Wahrheit, es gibt nicht nur die relative Wahrheit. Und die absolute Wahrheit ist losgelöst von ZeitRaumKausalität, die absolute Wahrheit ist losgelöst von dem, was beobachtbar ist.

Absolute Wahrheit ist SeinWissenGlückseligkeit, sagen wir im Yoga, ist Brahman, das Absolute, ein Göttliches. Absolute Wahrheit ist deshalb Sein, absolute Wahrheit ist aber unveränderlich, deshalb auch absolut, losgelöst von allen Veränderungen.

Es gibt ein Seiendes, wie man in der Philosophie sagt. Dieses Seiende ist aber nicht nur abstrakt seiend, sondern es ist auch Bewusstsein. Wenn man alles wegnimmt, was beobachtbar ist, was übrig bleibt, ist der Beobachter selbst. Man kann sagen, die relative Wirklichkeit ist beobachtbar, sie ist aber auch irrtumsbehaftet, irrtumsbehaftet durch die Sinne, irrtumsbehaftet durch die Vorstellungen, irrtumsbehaftet durch die geistig-emotionalen Prozesse, man könnte auch sagen, durch Hirnchemie und den ganzen psychologischen Beobachtungsprozess.

Alles Beobachtbare ist relativ, subjektiv und daher nicht absolut wahr. Aber es gibt etwas, was alles beobachtet, und dieses, was alles beobachtet, das könnte man sagen, das ist die absolute Wahrheit, das unveränderliche Bewusstsein. Und dieses unveränderliche Bewusstsein ist nicht nur abstraktes Bewusstsein, sondern dieses unveränderliche Bewusstsein ist deine wahre Natur, daher Sat, und es ist FreudeAnanda.

Die absolute Wahrheit ist erfahrbar als Satchidananda, als Unendlichkeit und EwigkeitSat, als reines BewusstseinChid, als AnandaFreude. Natürlich, die absolute Wahrheit ist nicht nur intellektuell ergründbar, obgleich man vieles darüber nachdenken kann und es ist auch gut, darüber nachzudenken.

Am wichtigsten ist, du kannst lernen, dich von deinen psychologisch-geistig-emotionalen Prozessen zu lösen, du kannst SakshiBeobachter, werden und auf dieser Basis kannst du dich lösen vom Relativen und die absolute Wahrheit erfahren. Dies ist dann nicht in Worte zu bringen und aus der heraus kannst du jetzt keine Alltagsempfehlungen geben, aber du kannst auch Techniken üben, Meditation üben, um diese Wahrheit zu erfahren. Und um die höchste Wahrheit zu erfahren, hilft es auch, dich von relativen Wahrheiten zu distanzieren, dich von relativen Wahrheiten zu lösen.

Wahrheit in Beziehung zu anderen Eigenschaften

In diesem Yoga Wiki werden über 1000 Tugenden und Persönlichkeitsmerkmale beschrieben. Hier einige Erläuterungen, wie man die Eigenschaft der Wahrheit in Beziehung zu anderen Fähigkeiten und Verhaltensweisen sowie in Bezug auf Laster sehen kann:

Ähnliche Eigenschaften wie Wahrheit

Ähnliche Eigenschaften wie Wahrheit, also Synonyme zu Wahrheit sind z.B. WirklichkeitGottRealitätWahrhaftigkeitRichtigkeitUnanfechtbarkeitWissenExistenzLebenSein.

Ausgleichende Eigenschaften

Jede Eigenschaft, jede Tugend, die übertrieben wird, wird zu einer Untugend, zu einem Laster, einer nicht hilfreichen Eigenschaft. Wahrheit übertrieben kann ausarten z.B. in HochmutArroganzRücksichtslosigkeitGefühlskälte. Daher braucht Wahrheit als Gegenpol die Kultivierung von LiebeMitgefühlEinfühlungsvermögenFlexibilitätPragmatismusIdealismus.

Gegenteil von Wahrheit

Zu jeder Eigenschaft gibt es ein Gegenteil. Hier Möglichkeiten für Gegenteil von Wahrheit, Antonyme zu Wahrheit :

Wahrheit im Kontext von Tugendengruppen, Persönlichkeitsfaktoren und Temperamenten

Entwicklung von Wahrheit

Wahrheit kann man sehen als Tugend, als eine positive Eigenschaft. Vielleicht willst du ja Wahrheit in dir stärker werden lassen. Hierzu einige Tipps:

  • Nimm dir vor, eine Woche lang diese Eigenschaft der Wahrheit zu kultivieren. Vielleicht kannst du nicht alle guten Eigenschaften auf einmal kultivieren. Aber es ist möglich, innerhalb einer Woche oder innerhalb eines Monats eine Tugend, eine Eigenschaft, stark werden zu lassen.
  • Triff den Entschluss: „Während der nächsten Woche will ich die Tugend, die Eigenschaft, Wahrheit kultivieren, wachsen lassen, stärker werden lassen. Ich freue mich darauf, in einer Woche ein wahrhaftigerer Mensch zu sein.“
  • Nimm dir vor, jeden Tag mindestens eine Handlung auszuführen, die Wahrheit ausdrückt. Mache jeden Tag etwas, was du sonst nicht tun würdest, was aber diese Tugend zum Ausdruck bringt.
  • Wenn du morgens aufwachst, dann sage eine Affirmation, z.B.: „Ich entwickle Wahrheit.“
  • Am Tag wiederhole immer wieder eine Autosuggestion, Affirmation wie z.B.: Ich bin wahrhaftig.“

Affirmationen zum Thema Wahrheit

Hier einige Affirmationen für mehr Wahrheit. Unter dem Stichwort „Affirmation“ und „Wunderaffirmationen“ erfährst du mehr zu Funktion und Wirkungsweise von Affirmationen.

Klassische Autosuggestion für Wahrheit

Hier die klassische Autosuggestion:

  • Ich bin wahrhaftig.

Im Yoga verbindet man das gerne mit einem Mantra. Denn ein Mantra lässt die Affirmation stärker werden:

  • Ich bin wahrhaftig. Om Om Om.
  • Ich bin ein Wahrer, eine Wahre OM.

Entwicklungsbezogene Affirmation für Wahrheit

Manche Menschen fühlen sich als Scheinheiliger oder als Heuchler, wenn sie sagen „Ich bin wahrhaftig “ – und sie sind es gar nicht. Dann hilft eine entwicklungsbezogene Affirmation:

  • Ich entwickle Wahrheit.
  • Ich werde wahrhaftig.
  • Jeden Tag werde ich wahrhaftiger.
  • Durch die Gnade Gottes entwickle ich jeden Tag mehr Wahrheit.

Dankesaffirmation für Wahrheit

  • Ich danke dafür, dass ich jeden Tag wahrhaftiger werde.

Wunderaffirmationen Wahrheit

Du kannst es auch mit folgenden Affirmationen probieren:

  • Bis jetzt bin ich noch nicht sehr wahrhaftig. Und das ist auch ganz verständlich, ich habe gute Gründe dafür. Aber schon bald werde ich Wahrheit entwickeln. Jeden Tag wird diese Tugend in mir stärker werden.
  • Ich freue mich darauf, bald sehr wahrhaftig zu sein.
  • Ich bin jemand, der wahrhaftig ist.

Gebet für Wahrheit

Auch ein Gebet ist ein machtvolles Mittel, um eine Tugend zu kultivieren. Hier ein paar Möglichkeiten für Gebete für mehr Wahrheit:

  • Lieber Gott, bitte gib mir mehr Wahrheit
  • Oh Gott, ich verehre dich. Ich bitte dich darum, dass ich ein wahrhaftiger Mensch werde
  • Liebe Göttliche Mutter, ich danke dir. Ich danke dir dafür, dass ich jeden Tag die Tugend Wahrheit mehr und mehr zum Ausdruck bringe.

Was müsste ich tun, um Wahrheit zu entwickeln?

Du kannst dich auch fragen:

  • Was müsste ich tun, um Wahrheit zu entwickeln?
  • Wie könnte ich wahrhaftig werden?
  • Lieber Gott, bitte zeige mir den Weg zu mehr Wahrheit
  • Angenommen, ich will wahrhaftig sein, wie würde ich das tun?
  • Angenommen, ich wäre wahrhaftig, wie würde sich das bemerkbar machen?
  • Angenommen, ein Wunder würde geschehen, und ich hätte morgen Wahrheit kultiviert, was hätte sich geändert? Wie würde ich fühlen? Wie würde ich denken? Wie würde ich handeln? Als wahrhaftiger Mensch, wie würde ich reagieren, mit anderen kommunizieren?

Siehe auch

Eigenschaften im Alphabet vor Wahrheit

Eigenschaften im Alphabet nach Wahrheit

Wahrheit im Anthrowiki

Wahrheit (von idg. *wēr- „Vertrauen, Treue, Zustimmung“; lat. veritasgriech. ἀλήθεια Aletheia, aus α privativum und λῆθος, P.P.P. von λανθάνω, „verbergen“, bedeutet also wörtlich: „das Unverborgene“) ist ein philosophischer Grundbegriff, der aber von verschiedenen Denkern sehr unterschiedlich gefasst wurde → Wahrheit.

„Die Wahrheit ist aber nichts, worüber man Meinungen haben kann. Eine Wahrheit weiß man, oder man weiß sie nicht. Es kann niemand sagen, daß die drei Winkel im Dreieck 725 Grad haben statt 180.“ (Lit.:GA 93, S. 108)

Inhaltsverzeichnis

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Was ist Wahrheit?

Nikolai Nikolajewitsch GeWas ist Wahrheit – Quid est veritas? (1890); Pontius Pilatus zu Jesus (Joh 18,38 LUT).

Solange die Menschen noch von der alten Götterweisheit, die sie hellsichtig empfangen hatten, zehren konnten, und sei es auch nur durch Überlieferung, solange brauchten sie die Frage nach der Wahrheit nicht zu stellen. Paulus, als er noch Saulus war, vertraute noch ganz auf diese alte Offenbarung. Ein letzter Rest dieser – mittlerweile freilich substanzlos gewordenen – Gesinnung lebt noch in dem 1870 festgeschriebenen Dogma der Päpstlichen Unfehlbarkeit für alle ex cathedra verkündigten Glaubens– und Sittenlehren. Quelle der Wahrheit ist hier nicht der Mensch, aber ein allmächtiger Gott kann nach dem Anspruch dieses Dogmas die Unfehlbarkeit eines Menschen, nämlich des Papstes, bewirken.

Pilatus, als er den Christus verhörte, konnte sich der Wahrheit nicht mehr sicher sein:

„33 Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden? 34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben dir’s andere über mich gesagt? 35 Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? 36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. 37 Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. 38 Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.“

– Johannesevangelium: 18,33-38 LUT

Durch Luzifer war der Mensch in die irdischsinnliche Welt versetzt worden. Dadurch kam er zugleich immer mehr in den Einflussbereich Ahrimans und verfiel dem Irrtum und der Sünde.

„Dadurch, daß der Mensch verfrüht herunterversetzt worden ist in die irdische Sphäre, daß ihn seine irdischen Interessen und Begierden heruntergedrängt haben, dadurch kam es anders, wie es sonst gekommen wäre in der Mitte der atlantischen Zeit.

Dadurch haben sich hineingemischt in das, was der Mensch hat sehen und begreifen können, die ahrimanischen Geister, diejenigen Geister, die eben auch mit dem Namen mephistophelische Geister bezeichnet werden können. Dadurch verfiel der Mensch in Irrtum, verfiel in das, was man eigentlich erst die bewußte Sünde nennen könnte. Also von der Mitte der atlantischen Zeit an wirkt auf den Menschen die Schar der ahrimanischen Geister ein. Wozu hat nun diese Schar der ahrimanischen Geister sozusagen den Menschen verführt? Sie hat ihn dazu verführt, daß er das, was in seiner Umgebung ist, für stofflich, für materiell hält, daß er nicht durch dieses Stoffliche hindurchsieht auf die wahren Untergründe des Stofflichen, auf das Geistige. Würde der Mensch in jedem Stein, in jeder Pflanze und in jedem Tier das Geistige sehen, er würde niemals verfallen sein in Irrtum und damit in das Böse, sondern der Mensch würde, wenn nur die fortschreitenden Geister auf ihn gewirkt hätten, bewahrt geblieben sein vor jenen Illusionen, denen er immer verfallen muß, wenn er nur auf die Aussage der Sinneswelt baut.“ (Lit.GA 107, S. 244ff)

Erst nachdem der Mensch gelernt hatte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, der aber eben auch durch den Einfluss Ahrimans dem Irrtum unterliegen kann, stellt sich immer wieder die Frage, die auch Pontius Pilatus stellen musste: „Was ist Wahrheit?“

„Unter den hebräischen Menschen gab es Schriftgelehrte, die aus der Schrift wußten, was da noch aufbewahrt worden war von der alten Götterweisheit her. Aus diesen Schriftgelehrten heraus entstand das Urteil, das den Christus Jesus zum Tode verurteilt hat. Solch ein Mensch wie Paulus, als er noch Saulus war, sieht also hinauf zu der Urgötterweisheit. Aus der strömt herunter bis zu den Schriftgelehrten seiner Zeit dasjenige, was diese Götterweisheit dem Menschen geworden ist. Indem hervorragende Menschen sich hingegeben haben dem Schrifttum, konnte diese Götterweisheit nur dazu führen, daß gerechte Urteile gesprochen wurden. Ein Unschuldiger, der zum Kreuzestod verurteilt wird: unmöglich, unmöglich! wenn sich alles so vollzog, wie es sich vollzogen hat bei der Verurteilung des Christus Jesus. Nur der römische Landpfleger Pontius Pilatus, der war schon instinktiv hineinverstrickt in eine ganz andere Weltanschauung, der konnte das inhaltsvolle Wort aussprechen: Was ist Wahrheit? – Für Paulus, als er noch Saulus war, war keine Möglichkeit, auch nur daran zu denken, daß das, was nach gerechtem Urteile sich vollzogen hat, nicht hätte Wahrheit sein sollen.

Zu welcher Überzeugung mußte sich denn Paulus durchringen? Zu der Überzeugung, daß bei den Menschen Irrtum sein kann dasjenige, was einmal von den Göttern als Wahrheit gekommen ist, daß die Menschen es haben zum Irrtume machen können, zu solch starkem Irrtum, daß der Schuldloseste durch den Kreuzestod geht.

Um ganz klar zu werden, machen wir uns davon eine schematische Zeichnung:

GA 211, S 118

Ursprüngliche Götterweisheit, sie strömt herunter bis zu der Weisheit der Schriftgelehrten, die die Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha innerhalb des Hebräertums waren (weiß). Da kann nur die Wahrheit drinnen sein, so mußte Saulus denken. Aber man mußte anders denken. Paulus, als er noch Saulus war, sagte sich: Ist das wirklich der Christus, der Messias, der durch den Kreuzestod gegangen ist, so muß da drinnen in dieser Strömung (rot) Irrtum sein. Da muß Irrtum zugemischt sein der Wahrheit, denn der Irrtum muß es sein, der den Christus ans Kreuz gebracht hat; das heißt, die einstige Götter Wahrheit muß in den Menschen zum Irrtum geworden sein.

Selbstverständlich konnte der Saulus sich nur überzeugen durch die Tatsache, daß das so ist. Nur der Christus selbst konnte ihn überzeugen, wenn er ihm erschien, wie das durch das Ereignis von Damaskus geschehen ist. Was bedeutete das aber für den Saulus? Das bedeutete, daß eben nicht mehr die alte Götterweisheit war, sondern daß in diese das Ahrimanische hereingeströmt war.

So kam Paulus dazu, einzusehen, daß die Menschheitsentwickelung von einem Feinde ergriffen war, und daß dieser Feind der Quell des Irrtums auf der Erde ist.“ (Lit.GA 211, S. 117ff)

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben

Ich habe den MENSCHEN gesehn in seiner tiefsten Gestalt,
ich kenne die Welt bis auf den Grundgehalt.

Ich weiß, daß Liebe, Liebe ihr tiefster Sinn,
und daß ich da, um immer mehr zu lieben, bin.

Ich breite die Arme aus, wie ER getan,
ich möchte die ganze Welt, wie ER, umfahn.Christian Morgenstern[1]

Die Antwort auf die Frage des Pilatus nimmt der Christus schon während des Letzten Abendmahls in seinen Abschiedsreden voraus, wie sie im Johannesevangelium überliefert sind, wenn er sagt: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben». Christus selbst ist die lebendige Wahrheit, zu der er auch den Weg bereitet – und dieser Weg führt durch den Christus zum Vater, d.h. in das innerste Zentrum und die eigentliche Quelle des höchsten Göttlichen. Indem sich der Mensch aus freiem Entschluss auf ganz individuelle Weise mit der Christuskraft durchdringt, im Sinne des Paulinischen Wortes «Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir» (Gal 2,20 LUT), lebt in ihm die Wahrheit.

Hans Holbein der JüngereChristus im Elend, 1519

„1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. 4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr. 5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? 6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. 7 Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. 8 Spricht zu ihm Philippus: Herr, zeige uns den Vater und es genügt uns. 9 Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater! Wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir? Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst aus. Und der Vater, der in mir wohnt, der tut seine Werke. 11 Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater in mir; wenn nicht, so glaubt doch um der Werke willen. 12 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater. 13 Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater verherrlicht werde im Sohn. 14 Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.“

– Johannesevangelium: 14,1-14 LUT

Ecce homo

In dem Christus Jesus ist die Wahrheit erstmals und in vollem Umfang leibhaftig Mensch geworden. Mit vollem Recht spricht Pilatus daher, als er den gegeißelten, blutüberströmten, in den purpurnen Königsmantel gehüllten und mit der Dornenkrone gekrönten Jesus Christus dem Volk präsentiert, sein Ecce homo (griech. Ἰδοὺ ὁ ἄνθρωπος idoù ho ánthropos „Siehe, der Mensch“) (Joh 19,5 ELB).

Die Wahrheit erkennen heißt deshalb: Christus erkennen! Jenen Christus, dessen Wesen die reine Liebe ist, die sich frei verschenkt und darum auch Freiheit schenkt. Und wo immer ein Stück der Wahrheit erkannt wird, wird auch der Christus erkannt.

„Wenn wir von »Wahrheit« reden, meinen wir damit einen allgemeinen Sinnverhalt, nämlich die Tatsache, daß wir irgend etwas im Lichte der ewigen Wesenheit erkennen. Johannes aber sagt im Prolog: Das ist ein bloßer Zwischengedanke, der nur bedingt gilt. Im Letzten ist die Wahrheit Er, der Logos; und Erkennen bedeutet im Letzen, den Logos, Christus zu erkennen und alle Dinge in Ihm.“ (Lit.: Guardini, S. 103f)

Und weil der Christus wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich ist, ist auch die Wahrheit göttlich und menschlich zugleich.

Wahrheitstheorien

→ Hauptartikel: Wahrheitstheorie

Im Lauf der Philosophiegeschichte wurden verschiedene Wahrheitstheorien entwickelt. Nachstehende Tabelle gibt eine Übersicht über die wichtigsten Ansätze:

PositionWahrheitsdefinitionWahrheitsträgerWahrheitskriterium
Ontologisch-metaphysische Korrespondenztheorie„Veritas est adaequatio intellectus et rei“
Wahrheit ist die Übereinstimmung von erkennendem Verstand und Sache
DenkenSachen in der Welt
Dialektisch-materialistische WiderspiegelungstheorieÜbereinstimmung zwischen Bewusstsein und objektiver RealitätBewusstsein (orthodoxer Marxismus)
oder Aussage (moderner Marxismus)
Praxis[2]
Logisch-empiristische BildtheorieÜbereinstimmung der logischen Struktur des Satzes mit der des von ihm abgebildeten SachverhaltsSatzstrukturStruktur der Sachverhalte
Semantische Theorie der Wahrheit„x ist eine wahre Aussage dann und nur dann, wenn p“ (Für „p“ ist eine beliebige Aussage, für „x“ ein beliebiger Eigennahmen dieser Aussage einzusetzen.)Satz (der Objektsprache)Diskursuniversum (der Objektsprache)
RedundanztheorieDer Begriff der Wahrheit wird nur aus stilistischen Gründen verwendet, oder um der eigenen Behauptung Nachdruck zu verleihen.Sätze
Performative Theoriedas, was man tut, wenn man sagt, eine Aussage sei wahrHandlung / Sprechakt / Selbstverpflichtungeigenes Verhalten
KohärenztheorieWiderspruchsfreiheit / Ableitungsbeziehungen einer Aussage zum System akzeptierter AussagenAussageKein Widerspruch von Aussage und bereits akzeptiertem Aussage-System
Konsensustheoriediskursiv einlösbarer Geltungsanspruch, der mit einem konstativen Sprechakt verbunden istAussage/Proposition[3]begründeter Konsens unter Bedingungen einer idealen Sprechsituation[3]

Die Wahrheit ist ein freies schöpferisches Erzeugnis des Menschen

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„Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

– Johannes-Evangelium: 8,31-32 LUT

Rudolf Steiners Wahrheitsbegriff deckt sich in ihrem wesentlichen Kern mit keiner der genannten Wahrheitstheorien, sondern ist auf die schöpferische Freiheit des individuellen Menschen gegründet.

Für Fichte, an den Rudolf Steiner in seiner Dissertation anknüpft, muss die Wahrheit „thätig und mit Freiheit hervorgebracht werden, durch Anstrengung und eigne Kraftanwendung“[4] und besteht letztlich darin, mit sich selbst übereinstimmend zu denken.

„Die Frage ist ja gar nicht, ob wir mit andern, sondern ob wir mit uns selbst übereinstimmend denken. Ist das leztere, so können wir des erstern ohne unser Zuthun, und ohne erst die Stimmen zu sammeln, bey allen denen gewiß seyn, die mit sich selbst in Übereinstimmung stehen; denn das Wesen der Vernunft ist in allen vernünftigen Wesen Eins, und eben dasselbe. Wie andre denken, wissen wir nicht, und wir können davon nicht ausgehen. Wie wir denken sollen, wenn wir vernünftig denken wollen, können wir finden; und so, wie wir denken sollen, sollen alle vernünftige Wesen denken. Alle Untersuchung muß von innen heraus, nicht von aussen herein, geschehen. Ich soll nicht denken, wie andre denken; sondern wie ich denken soll, so, soll ich annehmen, denken auch andre. – Mit denen übereinzustimmend zu seyn, die es mit sich selbst nicht sind, wäre das wohl ein würdiges Ziel für ein vernünftiges Wesen?“

– Johann Gottlieb Fichte: Über Belebung und Erhöhung des reinen Interesses für Wahrheit[5]

Wahrheit ist nichts fertig in der Welt Vorhandenes, sondern etwas frei und individuell durch das Ich zu Schaffendes – diesen Standpunkt hat auch Rudolf Steiner in seinem philosophischen Grundlagenwerk «Wahrheit und Wissenschaft» (1892) vertreten:

„Das Resultat dieser Untersuchungen ist, dass die Wahrheit nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die ideelle Abspiegelung von irgendeinem Realen ist, sondern ein freies Erzeugnis des Menschengeistes, das überhaupt nirgends existierte, wenn wir es nicht selbst hervorbrächten. Die Aufgabe der Erkenntnis ist nicht: etwas schon anderwärts Vorhandenes in begrifflicher Form zu wiederholen, sondern die: ein ganz neues Gebiet zu schaffen, das mit der sinnenfällig gegebenen Welt zusammen erst die volle Wirklichkeit ergibt. Damit ist die höchste Tätigkeit des Menschen, sein geistiges Schaffen, organisch dem allgemeinen Weltgeschehen eingegliedert. Ohne diese Tätigkeit wäre das Weltgeschehen gar nicht als in sich abgeschlossene Ganzheit zu denken. Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“ (Lit.:GA 3, S. 11f)

Rudlof Steiner sieht sich damit im Einklang mit Goethe:

„Verschieden gestalten sich die subjektiven Erlebnisse bei verschiedenen Menschen. Für diejenigen, welche nicht an die objektive Natur der Innenwelt glauben, ist das ein Grund mehr, dem Menschen das Vermögen abzusprechen, in das Wesen der Dinge zu dringen. Denn wie kann Wesen der Dinge sein, was dem einen so, dem andern anders erscheint. Für denjenigen, der die wahre Natur der Innenwelt durchschaut, folgt aus der Verschiedenheit der Innenerlebnisse nur, dass die Natur ihren reichen Inhalt auf verschiedene Weise aussprechen kann. Dem einzelnen Menschen erscheint die Wahrheit in einem individuellen Kleide. Sie passt sich der Eigenart seiner Persönlichkeit an. Besonders für die höchsten, dem Menschen wichtigsten Wahrheiten gilt dies. Um sie zu gewinnen, überträgt der Mensch seine geistigen, intimsten Erlebnisse auf die angeschaute Welt und mit ihnen zugleich das Eigenartigste seiner Persönlichkeit. Es gibt auch allgemeingültige Wahrheiten, die jeder Mensch aufnimmt, ohne ihnen eine individuelle Färbung zu geben. Dies sind aber die oberflächlichsten, die trivialsten. Sie entsprechen dem allgemeinen Gattungscharakter der Menschen, der bei allen der gleiche ist. Gewisse Eigenschaften, die in allen Menschen gleich sind, erzeugen über die Dinge auch gleiche Urteile. Die Art, wie die Menschen die Dinge nach Maß und Zahl ansehen, ist bei allen gleich. Daher finden alle die gleichen mathematischen Wahrheiten. In den Eigenschaften aber, in denen sich die Einzelpersönlichkeit von dem allgemeinen Gattungscharakter abhebt, liegt auch der Grund zu den individuellen Ausgestaltungen der Wahrheit. Nicht darauf kommt es an, dass in dem einen Menschen die Wahrheit anders erscheint als in dem andern, sondern darauf, dass alle zum Vorschein kommenden individuellen Gestalten einem einzigen Ganzen angehören, der einheitlichen ideellen Welt. Die Wahrheit spricht im Innern der einzelnen Menschen verschiedene Sprachen und Dialekte; in jedem großen Menschen spricht sie eine eigene Sprache, die nur dieser einen Persönlichkeit zukommt. Aber es ist immer die eine Wahrheit, die da spricht. «Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß‘ ich’s Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.» Dies ist Goethes Meinung.“ (Lit.:GA 6, S. 65f)

Die „eine einzige Wahrheit“ kann sich nur auf das Vergangene, Gewordene, Tote beziehen – und versagt gegenüber dem Lebendigen.

„Dasjenige, was in dem gewöhnlichen Sinne des physischen Planes als wahr gilt, das kann sich im Grunde genommen, wenn wir unter Wahrheit verstehen, die Übereinstimmung mit dem, was schon ist, nur auf das Vergangene, das heißt auf das Notwendige beziehen. Was im lebendigen Entstehen ist, das müssen wir immer produzieren. Darinnen müssen wir leben. Darinnen müssen wir uns gerade aus dem Notwendigen herausfließende, lebendige Begriffe aneignen gegenüber dem Lebendigen. Da können wir nicht auf etwas, womit der Begriff übereinstimmt, hinschauen, sondern nur in dem Begriff selber leben.“ (Lit.:GA 163, S. 88)

Ganz deutlich betonte Rudolf Steiner diesen schöpferischen Charakter des Erkennens auch in dem Ausblick, mit dem seine 1900 veröffentlichen „Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert“ ausklingen, die später zu „Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt“ (GA 18) erweitert wurden:

„Wenn ich mit meinen Gedanken die Dinge durchdringe, so füge ich also ein seinem Wesen nach in mir Erlebtes zu den Dingen hinzu. Das Wesen der Dinge kommt mir nicht aus ihnen, sondern ich füge es zu ihnen hinzu. Ich erschaffe eine Ideenwelt, die mir als Wesen der Dinge gilt. Die Dinge erhalten durch mich ihr Wesen. Es ist also unmöglich, nach dem Wesen des Seins zu fragen. Im Erkennen der Ideen enthüllt sich mir gar nichts, was in den Dingen einen Bestand hat. Die Ideenwelt ist mein Erlebnis. Sie ist in keiner anderen Form vorhanden als in der von mir erlebten.“ (Lit.: Rudolf Steiner: Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert, Berlin 1900, S. 188)

Schon in den «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» hatte Rudolf Steiner geschrieben, dass der Mensch zwangsläufig einen offenbaren oder verhüllten Anthropomorphismus in seine Erkenntnistätigkeit hineinträgt, ja, dass dadurch, wenn es in richtiger Weise geschieht, überhaupt erst Erkenntnis möglich wird. Er entfernt sich dadurch keineswegs von der Wirklichkeit, die grundsätzlich nur in einem Subjekt und Objekt übergreifenden Prozess zu erreichen ist:

„Der Mensch muß die Dinge aus seinem Geiste sprechen lassen, wenn er ihr Wesen erkennen will. Alles, was er über dieses Wesen zu sagen hat, ist den geistigen Erlebnissen seines Innern entlehnt. Nur von sich aus kann der Mensch die Welt beurteilen. Er muß anthropomorphisch denken. In die einfachste Erscheinung, z. B. in den Stoß zweier Körper bringt man einen Anthropomorphismus hinein, wenn man sich darüber ausspricht. Das Urteil: «Der eine Körper stößt den andern», ist bereits anthropomorphisch. Denn man muß, wenn man über die bloße Beobachtung des Vorganges hinauskommen will, das Erlebnis auf ihn übertragen, das unser eigener Körper hat, wenn er einen Körper der Außenwelt in Bewegung versetzt. Alle physikalischen Erklärungen sind versteckte Anthropomorphismen. Man vermenschlicht die Natur, wenn man sie erklärt, man legt die inneren Erlebnisse des Menschen in sie hinein. Aber diese subjektiven Erlebnisse sind das innere Wesen der Dinge. Und man kann daher nicht sagen, daß der Mensch die objektive Wahrheit, das «An sich» der Dinge nicht erkenne, weil er sich nur subjektive Vorstellungen über sie machen kann.[6] Von einer andern als einer subjektiven menschlichen Wahrheit kann gar nicht die Rede sein. Denn Wahrheit ist Hineinlegen subjektiver Erlebnisse in den objektiven Erscheinungszusammenhang. Diese subjektiven Erlebnisse können sogar einen ganz individuellen Charakter annehmen. Sie sind dennoch der Ausdruck des inneren Wesens der Dinge. Man kann in die Dinge nur hineinlegen, was man selbst in sich erlebt hat. Demnach wird auch jeder Mensch, gemäß seinen individuellen Erlebnissen etwas in gewissem Sinne anderes in die Dinge hineinlegen. Wie ich mir gewisse Vorgänge der Natur deute, ist für einen andern, der nicht das gleiche innerlich erlebt hat, nicht ganz zu verstehen. Es handelt sich aber gar nicht darum, daß alle Menschen das gleiche über die Dinge denken, sondern nur darum, daß sie, wenn sie über die Dinge denken, im Elemente der Wahrheit leben. Man kann deshalb die Gedanken eines andern nicht als solche betrachten und sie annehmen oder ablehnen, sondern man soll sie als die Verkünder seiner Individualität ansehen. «Diejenigen, welche widersprechen und streiten, sollten mitunter bedenken, daß nicht jede Sprache jedem verständlich sei» (Natw. Schr., 4. Bd., 2. Abt., S. 355). Eine Philosophie kann niemals eine allgemeingültige Wahrheit überliefern, sondern sie schildert die inneren Erlebnisse des Philosophen, durch die er die äußeren Erscheinungen deutet.

Wenn ein Ding durch das Organ des menschlichen Geistes seine Wesenheit ausspricht, so kommt die volle Wirklichkeit nur durch den Zusammenfluß des äußeren Objektiven und des inneren Subjektiven zustande. Weder durch einseitiges Beobachten, noch durch einseitiges Denken erkennt der Mensch die Wirklichkeit. Diese ist nicht als etwas Fertiges in der objektiven Welt vorhanden, sondern wird erst durch den menschlichen Geist in Verbindung mit den Dingen hervorgebracht. Die objektiven Dinge sind nur ein Teil der Wirklichkeit. Wer ausschließlich die sinnliche Erfahrung anpreist, dem muß man mit Goethe erwidern, «daß die Erfahrung nur die Hälfte der Erfahrung ist» (Natw. Schr., 4. Bd., 2. Abt., S. 503). «Alles Faktische ist schon Theorie», d. h. es offenbart sich im menschlichen Geiste ein Ideelles, wenn er ein Faktisches betrachtet. Diese Weltauffassung, die in den Ideen die Wesenheit der Dinge erkennt und die Erkenntnis auffaßt als ein Einleben in das Wesen der Dinge, ist nicht Mystik. Sie hat aber mit der Mystik das gemein, daß sie die objektive Wahrheit nicht als etwas in der Außenwelt Vorhandenes betrachtet, sondern als etwas, das sich im Innern des Menschen wirklich ergreifen läßt. Die entgegengesetzte Weltanschauung versetzt die Gründe der Dinge hinter die Erscheinungen, in ein der menschlichen Erfahrung jenseitiges Gebiet. Sie kann nun entweder sich einem blinden Glauben an diese Gründe hingeben, der von einer positiven Offenbarungsreligion seinen Inhalt erhält, oder Verstandeshypothesen und Theorien darüber aufstellen, wie dieses jenseitige Gebiet der Wirklichkeit beschaffen ist. Der Mystiker sowohl wie der Bekenner der Goetheschen Weltanschauung lehnen sowohl den Glauben an ein Jenseitiges, wie auch die Hypothesen über ein solches ab, und halten sich an das wirkliche Geistige, das sich in dem Menschen selbst ausspricht.“ (Lit.GA 1, S. 335ff)

Hier macht Steiner auch deutlich, dass die verschiedenen Perspektiven, durch die sich die Wahrheit jeweils in ganz individueller Form zeigt, durch die Verschiedenheit der Verstandeswelten bedingt ist. Der Verstand zerschneidet gleichsam die Wiklichkeit auf ganz individuelle Weise in Begriffe. Die Vernunft fügt sie (im Idealfall) wieder zu den der Sache angemessenen Ideen zusammen:

„Alle Begriffe, die der Verstand schafft: Ursache und Wirkung, Substanz und Eigenschaft, Leib und Seele, Idee und Wirklichkeit, Gott und Welt usw. sind nur da, um die einheitliche Wirklichkeit künstlich auseinander zu halten; und die Vernunft hat, ohne den damit geschaffenen Inhalt zu verwischen, ohne die Klarheit des Verstandes mystisch zu verdunkeln, in der Vielheit die innere Einheit aufzusuchen. Sie kommt damit auf das zurück, wovon sich der Verstand entfernt hat, auf die einheitliche Wirklichkeit. Will man eine genaue Nomenklatur haben, so nenne man die Verstandsgebilde Begriffe, die Vernunftschöpfungen Ideen. Und man sieht, dass der Weg der Wissenschaft ist: sich durch den Begriff zur Idee zu erheben. Und hier ist der Ort, wo sich uns in der klarsten Weise das subjektive und das objektive Element unseres Erkennens auseinanderlegen. Es ist ersichtlich, dass die Trennung nur subjektiven Bestand hat, nur durch unsern Verstand geschaffen ist. Es kann mich nicht hindern, dass ich ein und dieselbe objektive Einheit in Gedankengebilde zerlege, die von denen meines Mitmenschen verschieden sind; das hindert nicht, dass meine Vernunft in der Verbindung wieder zu derselben objektiven Einheit gelangt, von der wir ja beide ausgegangen sind.

Zeichnung aus GA 1, S. 173

Das einheitliche Wirklichkeitsgebilde sei sinnbildlich dargestellt (Figur 1). Ich trenne es verstandesgemäß so, wie Fig. 2; ein anderer anders, wie Fig. 3.

Wir fassen es vernunftgemäß zusammen und erhalten dasselbe Gebilde. Damit wird es uns erklärlich, wie die Menschen so verschiedene Begriffe, so verschiedene Anschauungen von der Wirklichkeit haben können, trotzdem diese doch nur eine sein kann. Die Verschiedenheit liegt in der Verschiedenheit unserer Verstandeswelten. Damit verbreitet sich für uns ein Licht über die Entwicklung verschiedener wissenschaftlicher Standpunkte. Wir begreifen, woher die vielfachen philosophischen Standpunkte kommen, und haben nicht nötig, ausschließlich einer die Palme der Wahrheit zuzuerkennen. Wir wissen auch, welchen Standpunkt wir selbst gegenüber der Vielheit menschlicher Anschauungen einzunehmen haben.“ (Lit.:GA 1, S. 172f)

Wahrheitssinn

Jeder Mensch verfügt über einen Wahrheitssinn, mit dem er die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse auffassen und mit unbefangener Logik auch folgerichtig verstehen und prüfen kann.

„Jede Seele ist in sich selber veranlagt, wenn sie sich auch noch nicht dem gekennzeichneten einsamen Ringen hingegeben hat, durch eine unbefangene Logik und durch einen gesunden Wahrheitssinn in sich aufzunehmen, was von der Geisteswissenschaft mitgeteilt wird. Wenn auch ganz gewiß zugegeben werden muß, daß im weitesten Umkreis, in dem heute dieses oder jenes von der Geisteswissenschaft getrieben wird, bei der Aufnahme der Mitteilungen der Geistesforschung nicht überall dieser gesunde Wahrheitssinn und diese gesunde Logik herrschen, so ist das ein Mangel einer jeden Geistesbewegung. Im Prinzip ist es aber durchaus richtig, was gesagt ist. Ja, im Prinzip sollte sogar beachtet werden, daß es zu Irrtümern über Irrtümern führen muß, wenn leichten Herzens und mit einem blinden Glauben das entgegengenommen wird, was so oft heute als Geisteswissenschaft an die Menschheit herangebracht wird. Wer wirklich auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, fühlt sich in strenger Art verpflichtet, logisch und vernunftgemäß das mitzuteilen, was er zu sagen hat, so daß es wirklich von einem gesunden Wahrheitssinn und von aller Logik geprüft werden kann.“ (Lit.:GA 60, S. 18f)

Subjekt und Objekt

Johann Wolfgang Goethe
Vermächtnis

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebendgen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.

Das Wahre war schon längst gefunden,
Hat edle Geisterschaft verbunden;
Das alte Wahre, faß es an!
Verdank es, Erdensohn, dem Weisen,
Der ihr, die Sonne zu umkreisen,
Und dem Geschwister wies die Bahn,

Sofort nun wende dich nach innen:
Das Zentrum findest du da drinnen,
Woran kein Edler zweifeln mag.
Wirst keine Regel da vermissen:
Denn das selbständige Gewissen
Ist Sonne deinem Sittentag.

Den Sinnen hast du dann zu trauen,
Kein Falsches lassen sie dich schauen,
Wenn dein Verstand dich wach erhält.
Mit frischem Blick bemerke freudig
Und wandle sicher wie geschmeidig,
Durch Auen reichbegabter Welt.

Genieße mäßig Füll und Segen;
Vernunft sei überall zugegen,
Wo Leben sich des Lebens freut.
Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendige
Der Augenblick ist Ewigkeit.

Und war es endlich dir gelungen,
Und bist du vom Gefühl durchdrungen:
Was fruchtbar ist, allein ist wahr –
Du prüfst das allgemeine Walten,
Es wird nach seiner Weise schalten,
Geselle dich zur kleinsten Schar.

Und wie von alters her, im stillen,
Ein Liebewerk nach eignem Willen
Der Philosoph, der Dichter schuf,
So wirst du schönste Gunst erzielen:
Denn edlen Seelen vorzufühlen
Ist wünschenswertester Beruf. [7]

Tatsächlich lässt sich der Begriff der Wahrheit nur im Subjekt und Objekt übergreifenden, individuellen Bezug auf die Wirklichkeit sinnvoll formulieren, womit aber keineswegs ein willkürlicher Relativismus begründet wird. Der Quantenchemiker Hans Primas schreibt dazu:

„In der von René Descartes (1596 – 1650) begründeten Philosophie zerlegt das Subjekt die Welt in einfache Sachverhalte und betrachtet die objektive Welt einfach als Summe dieser elementaren Sachverhalte. Dagegen steht in der Quantenmechanik so etwas wie ein «Ding an sich» nicht mehr zur Diskussion. Ein Subjekt ist ein Subjekt, weil es in Relation zu einem Objekt steht. Ein Objekt ist ein Objekt, weil es in Relation zu einem Subjekt steht. Das bisher übliche Kompartimentalisierungsdenken muß aufgegeben werden. Die Quantenmechanik beschreibt die materielle Welt primär als ein unteilbares Ganzes; das Heraustrennen einzelner Objekte bedarf einer Rechtfertigung, welche prinzipiell außerhalb der Prinzipien der Quantenmechanik liegt.

In jeder ganzheitlichen Theorie kann man über ein Phänomen in Klarheit und Deutlichkeit nur sprechen, wenn man zugleich den Kontext angibt, von dem aus es bestimmt ist. Isolierte «Fakten» beweisen wenig, sie erlangen ihren Beweiswert erst durch die Angabe des Kontexts, in dem sie beobachtet wurden. Jeder Kontext hat seine implizierten Vorgaben, die wir als Bezugspunkte zur Beschreibung der Natur auswahlen. Entscheidet man sich für andere Vorgaben, so wählt man einen anderen Kontext mit anderer Perspektive, so daß die Natur anders gesehen wird.“ (Lit.: Primas, S. 114f.)

Ähnlich dachte schon Johann Wolfgang von Goethe:

„In monumentaler Weise hat Goethe den Gesichtspunkt der höchsten Erkenntnis in den Worten angedeutet:

«Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß‘ ich’s Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.»[8]

Jeder hat seine eigene Wahrheit: weil jeder ein individuelles, besonderes Wesen neben und mit anderen ist. Diese anderen Wesen wirken auf ihn durch seine Organe. Von dem individuellen Standpunkte aus, auf den er gestellt ist, und je nach der Beschaffenheit seines Wahrnehmungsvermögens bildet er sich im Verkehr mit den Dingen seine eigene Wahrheit. Er gewinnt sein Verhältnis zu den Dingen. Tritt er dann in die Selbsterkenntnis ein, lernt er sein Verhältnis zu sich selbst kennen, dann löst sich seine besondere Wahrheit in die allgemeine Wahrheit auf; diese allgemeine Wahrheit ist in allen dieselbige.

Das Verständnis für die Aufhebung des Individuellen, des einzelnen Ich zum All-Ich in der Persönlichkeit betrachten tiefere Naturen als das im Innern des Menschen sich offenbarende Geheimnis, als das Ur-Mysterium des Lebens. Auch dafür hat Goethe einen treffenden Ausspruch gefunden: «Und so lang du das nicht hast,dieses: Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.»

Nicht eine gedankliche Wiederholung, sondern ein reeller Teil des Weltprozesses ist das, was sich im menschlichen Innenleben abspielt. Die Welt wäre nicht, was sie ist, wenn sich das zu ihr gehörige Glied in der menschlichen Seele nicht abspielte. Und nennt man das höchste, das dem Menschen erreichbar ist, das Göttliche, dann muß man sagen, daß dieses Göttliche nicht als ein Äußeres vorhanden ist, um bildlich im Menschengeiste wiederholt zu werden, sondern daß dieses Göttliche im Menschen erweckt wird. Dafür hat Angelus Silesius die rechten Worte gefunden: «Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben; werd‘ ich zu nicht, er muß von Not den Geist aufgeben.» «Gott mag nicht ohne mich ein einzig’s Würmlein machen: erhalt‘ ich’s nicht mit ihm, so muß es stracks zerkrachen.» Eine solche Behauptung kann nur der machen, welcher voraussetzt, daß im Menschen etwas zum Vorschein kommt, ohne welches ein äußeres Wesen nicht existieren kann. Wäre alles, was zum «Würmlein» gehört, auch ohne den Menschen da, dann könnte man unmöglich davon sprechen, daß es «zerkrachen» müßte, wenn der Mensch es nicht erhielte.

Als geistiger Inhalt kommt der innerste Kern der Welt in der Selbsterkenntnis zum Leben. Das Erleben der Selbsterkenntnis bedeutet für den Menschen Weben und Wirken innerhalb des Weltenkernes.“ (Lit.GA 7, S. 33f)

Oder wie es Johannes Scottus Eriugena mit dem Hinweis auf Dionysius Areopagita ausdrückt:

„Denn die Gedanken der Dinge sind wahrhaft die Dinge selbst, wie der heilige Dionysius sagt: „die Erkenntnis des Seienden ist das Seiende selbst;“ aber ihre uranfänglichen Ursachen und Gründe werden durch Denktätigkeit, nicht durch die Dinge selbst zur Vereinigung geführt.“

– Johannes Scottus Eriugena: Über die Einteilung der Natur[9]

Die Subjekt-Objekt-Spaltung, ohne die unser Ich-Bewusstsein nicht möglich wäre, durch die sich aber die Wahrheit zunächst unter dem Schleier der Objekte verhüllt, wird durch das Ich auf jeweils individuelle Weise hervorgerufen und kann auch nur durch das individuelle Ich wieder enthüllt werden. Indem im Erkenntnisakt die Wahrheit aufleuchtet, wird die durch unser Ich-Bewusstsein aufgerissene Kluft zwischen Ich und Welt wieder überwunden.

Mit dem an Sinne gebundenen Verstand stehen wir den Dingen gegenüber, wir sind von ihnen getrennt. Wir sehen sie nur von außen und sie bleiben uns dadurch letztlich fremd. So ist es nicht in der wahren Erkenntnis, wie auch die Gnostiker betonen. Hier ist die Trennung aufgehoben. Wir werden selbst, was wir erkennen – und darum ist diese Subjekt und Objekt übergreifende Erkenntnis zugleich immer auch wahre Selbsterkenntnis. Im apokryphen valentinianischen Philippusevangelium heißt es entsprechend:

„Niemand kann etwas Unvergängliches wahrnehmen, außer er wird selbst unvergänglich.

Es ist mit der Wahrheit nicht so wie auf der Welt, wo der Mensch die Sonne sieht, ohne selbst Sonne zu sein, wo er den Himmel sieht und die Erde und alles Übrige, ohne selbst Himmel, Erde und dergleichen zu sein. Sondern im Reich der Wahrheit siehst du etwas von ihr und wirst selbst zu ihr. Du siehst den Geist und wirst selbst zu Geist. Du siehst Christus: du wirst Christus. Du siehst den Vater: du wirst zum Vater. Hier auf dieser Welt also siehst du alle Dinge, siehst aber dich selbst nicht. In der anderen Welt jedoch siehst du dich selbst. Denn was du dort siehst, das wirst du selbst.“

– Philippusevangelium: Spruch 44 [10]

Oder wie es der österreichische Arbeiterdichter Alfons Petzold poetisch ausdrückte:ICH BIN DIE WELT

Der Erde Dasein ist in mir begründet,
ich bin ihr Raum und bin auch ihre Zeit,
und was der Tag an Kraft in mir entzündet,
das nimmt sie auf in ihre Ewigkeit.

Ich bin die Welt, in meinem Pulsgetriebe
sagt dies mir laut und deutlich jeder Schlag,
und was mich ewig macht, das ist die Liebe,
mit der ein Gott erschuf den ersten Tag.– Alfons Petzold: Pfad aus der Dämmerung, Wien 1947

Die lebendige Wahrheit lebt im Ätherleib

Mit dem an das Werkzeug des physischen Gehirns gebundenen Verstandesdenken lassen sich nur tote Wahrheiten erfassen, die sich auf das bereits Gewordene beziehen, das bereits mehr oder weniger fertig in der Welt vorhanden ist. Zwar lassen sich auf diese Weise mannigfaltigste gesetzmäßige Beziehungen zwischen den einzelnen Erscheinungen der gewordenen Welt erhellen und in logisch zusammenhängender Weise darstellen, was durchaus zur Erkenntnis der physischen Welt notwendig ist, doch bleibt die Erkenntnis dennoch unvollständig, solange das heute fertig Gewordene nicht in seinem ursprünglichen Werden, aus dem es einst hervorgegangen ist, erfasst wird. Zwar lassen sich mit dem Verstandesdenken auch Veränderungen des bereits Gewordenen, das durchaus nicht starr und unveränderlich gedacht werden muss, beschreiben, in dem sie auf das gesetzmäßige Zusammenwirken einzelner Teilelemente des Gewordenen bezogen werden, doch ist damit das eigentliche lebendige Werden noch nicht erfasst. Man bleibt immer noch bei der bloßen Kombination fertiger toter Elemente stehen. Wahres Werden ist erst dort gegeben, wo etwas völlig Neues, zuvor noch nicht Vorhandenes und auch nicht aus bereits Vorhandenem Ableitbares gleichsam aus dem Nichts entsteht. Solange das lebendige Werden nicht begriffen wird, bleibt auch das Gewordene seinem eigentlichen Ursprung nach unverständlich, so wie der Leichnam unverständlich bleibt, solange er nicht als das Ergebnis eines ehemals Lebendigen erkannt wird. Die volle Wahrheit, die das lebendige Werden mit umfasst, kann erst durch die lebendige Tätigkeit des Ätherleibs ergriffen werden:

„Indem die Wahrheit in Form der Gedanken im Menschen lebt, lebt sie im ätherischen Leib. Wahrheit erfaßt unmittelbar den Ätherteil des Kopfes und überträgt sich da natürlich als Wahrheit auf den physischen Teil des Kopfes.“ (Lit.GA 170, S. 72)

„Das Wahre nimmt man eigentlich erst dann wahr, wenn es einem gelingt, die Urteile so zu erfassen, daß man sie losbekommt vom physischen Leibe, daß man den Ätherleib losbekommt vom physischen Leibe. Das erste Hellsehen ist schon das wirklich reine Denken. Derjenige, der einen reinen Gedanken faßt, ist schon hellsehend. Nur ist das gewöhnliche menschliche Denken eben kein reines Denken, sondern ein von sinnlichen Vorstellungen, von Phantasmen erfülltes Denken. Aber derjenige, der einen reinen Gedanken faßt, ist eigentlich schon hellsehend, denn der reine Gedanke kann nur im Ätherleibe gefaßt werden.“ (Lit.GA 176, S. 116)

„Weil der Mensch mit seinem Bewußtsein nicht so untertaucht in seinen Ätherleib, kommt ihm die Wahrheit als etwas Fertiges vor. Das ist gerade das Bestürzende, das Überraschende der Initiation, daß man beginnt, die Wahrheit, wie sie da hineinpulst in den Ätherleib, als etwas ebenso Freies zu empfinden, wie man sonst das Hereinpulsieren der Moralität empfindet oder der Schönheit in den astralischen Leib. Das ist dieses Bestürzende, Überraschende aus dem Grunde, weil es den Menschen, der irgendeine Initiation durchgemacht hat, in ein viel freieres Verhältnis zur Wahrheit bringt, und dadurch in ein viel verantwortungsvolleres Verhältnis zur Wahrheit. Tritt die Wahrheit ganz unbewußt in uns herein, dann ist sie fertig, und dann sagen wir einfach mit der gewöhnlichen Logik: das ist wahr, das ist unwahr. Dann hat man ein viel geringeres Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der Wahrheit, als wenn man weiß, daß die Wahrheit geradeso im Grunde abhängig ist von tiefliegenden Sympathie- und Antipathiegefühlen wie die Moralität und wie die Schönheit, so daß man ein gewisses freies Verhältnis zur Wahrheit hat. Hier liegt ein subjektives Mysterium vor, das sich darin äußert, daß manche, die nicht in richtiger, würdiger Weise sich dem Erlebnis der Initiation nähern, an ihrem Wahrheitsgefühl nicht so gewinnen, daß sie ein größeres Verantwortlichkeitsgefühl, das sie gegenüber der aufgezwungenen Wahrheit haben, verlieren und in ein gewisses unwahres Element hineinkommen.“ (Lit.GA 170, S. 72f)

Der Ursprung der Wahrheit auf der alten Sonne

Wahrheit, Schönheit und Güte sind die drei großen Tugenden des Eingeweihten, der in dieser Beziehung nur den anderen Menschen beispielgebend voranschreitet, damit sie sich diese Tugenden auch einmal im vollen Umfang erwerben. Die Anlage zu diesen Tugenden haben wir bereits in der Vergangenheit zu suchen, allerdings sind sie sehr unterschiedlichen Alters. Da die Wahrheit im Ätherleib lebt, müssen wir ihren Ursprung dort suchen, wo der Ätherleib des Menschen entstanden ist. Die erste Anlage des menschlichen Ätherleibs wurde auf der alten Sonne als Gabe der Geister der Weisheit gebildet. Damals wurde auch die Wahrheit veranlagt und sie ist damit die älteste der drei genannten Tugenden; die Schönheit geht auf das alte Mondendasein zurück, wo sich zugleich die Wahrheit weiter bis zur Weisheit geläutert hat, und der Sinn für das Gute wird erst auf der Erde entwickelt:

„So steht der Mensch zum Wahren, Schönen, Guten. Im Wahren öffnet er seinen Ätherleib, zunächst den Ätherteil des Kopfes, unmittelbar dem Kosmos. Im Schönen öffnet er seinen astralischen Leib unmittelbar dem Kosmos. In der Moralität öffnet er unmittelbar sein Ich dem Kosmos. Im Wahren – wir werden diese Dinge morgen weiter ausführen und dann auch die Gesetze des Lebens zwischen Geburt und Tod und auch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt anführen -, im Wahren haben wir etwas, was am längsten schon vorbereitet ist für den Menschen. Im Schönen haben wir etwas, was verhältnismäßig kürzer vorbereitet ist; und im Moralischen haben wir etwas, was erst jetzt auf der Erde seinen Anfang nimmt. Was in der Wahrheit lebt, die sich zur Weisheit läutert, nimmt eigentlich schon während der Sonnenentwickelung seinen ersten Anfang, hat dann in einer gewissen Weise seinen Höhepunkt in der Mondenentwickelung, lebt sich weiter ein in der Erdenentwickelung, und wird im wesentlichen schon vollendet sein bei dem, was wir als die Jupiterentwickelung kennen. Da wird das menschliche Wesen mit Bezug auf den Inhalt der Weisheit einen gewissen vollen Abschluß erlangt haben. Schönheit – was eine sehr innerliche Sache für den Menschen ist – nimmt ihren Anfang während der Mondenentwickelung, setzt sich während der Erdenentwickelung fort, wird den Abschluß erlangen während der Venusentwickelung, was wir die Venusentwickelung nennen.“ (Lit.GA 170, S. 74)

Auf der alten Sonne konnte die Wahrheit vom Menschen noch nicht individuell erfasst werden, ebensowenig auf dem alten Mond die Weisheit, die sich dort entwickelt hat. Das konnte erst auf der Erde beginnen, seit der Mensch hier sein Ich entwickelt. Seit dem tritt zur göttlichen Weisheit die individuelle menschliche hinzu.

Wahrheit und Wissenschaft (1892)

Vorspiel einer «Philosophie der Freiheit»

Diese erstmals 1892 als erweiterte Buchausgabe erschienene Dissertation Rudolf Steiners über Erkenntnistheorie behandelt bereits alle zentralen Punkte seines späteren Hauptwerkes «Die Philosophie der Freiheit».

„Das Resultat dieser Untersuchungen ist, dass die Wahrheit nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die ideelle Abspiegelung von irgendeinem Realen ist, sondern ein freies Erzeugnis des Menschengeistes, das überhaupt nirgends existierte, wenn wir es nicht selbst hervorbrächten. Die Aufgabe der Erkenntnis ist nicht: etwas schon anderwärts Vorhandenes in begrifflicher Form zu wiederholen, sondern die: ein ganz neues Gebiet zu schaffen, das mit der sinnenfällig gegebenen Welt zusammen erst die volle Wirklichkeit ergibt. Damit ist die höchste Tätigkeit des Menschen, sein geistiges Schaffen, organisch dem allgemeinen Weltgeschehen eingegliedert. Ohne diese Tätigkeit wäre das Weltgeschehen gar nicht als in sich abgeschlossene Ganzheit zu denken. Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.

Für die Gesetze unseres Handelns, für unsere sittlichen Ideale hat diese Anschauung die wichtige Konsequenz, dass auch diese nicht als das Abbild von etwas außer uns Befindlichem angesehen werden können, sondern als ein nur in uns Vorhandenes. Eine Macht, als deren Gebote wir unsere Sittengesetze ansehen müssten, ist damit ebenfalls abgewiesen. Einen «kategorischen Imperativ», gleichsam eine Stimme aus dem Jenseits, die uns vorschriebe, was wir zu tun oder zu lassen haben, kennen wir nicht. Unsere sittlichen Ideale sind unser eigenes freies Erzeugnis. Wir haben nur auszuführen, was wir uns selbst als Norm unseres Handelns vorschreiben. Die Anschauung von der Wahrheit als Freiheitstat begründet somit auch eine Sittenlehre, deren Grundlage die vollkommen freie Persönlichkeit ist.“ (Lit.GA 3, S. 11ff)

In der Praktischen Schlussbetrachtung fasst Rudolf Steiner zusammen:

„Die Stellung unserer erkennenden Persönlichkeit zum objektiven Weltwesen war es, worüber wir durch die vorhergehenden Betrachtungen Aufschluss verlangten. Was bedeutet für uns der Besitz von Erkenntnis und Wissenschaft? Das war die Frage, nach deren Beantwortung wir suchten. Wir haben gesehen, dass sich in unserem Wissen der innerste Kern der Welt auslebt. Die gesetzmäßige Harmonie, von der das Weltall beherrscht wird, kommt in der menschlichen Erkenntnis zur Erscheinung. Es gehört somit zum Berufe des Menschen, die Grundgesetze der Welt, die sonst zwar alles Dasein beherrschen, aber nie selbst zum Dasein kommen würden, in das Gebiet der erscheinenden Wirklichkeit zu versetzen. Das ist das Wesen des Wissens, dass sich in ihm der in der objektiven Realität nie aufzufindende Weltengrund darstellt. Unser Erkennen ist – bildlich gesprochen – ein stetiges Hineinleben in den Weltengrund […]

Die Erkenntnis dieser Gesetzmäßigkeit für das menschliche Handeln ist nur ein besonderer Fall des Erkennens. Die von uns über die Natur der Erkenntnis abgeleiteten Anschauungen müssen also auch hier anwendbar sein. Sich als handelnde Persönlichkeit erkennen heißt somit: für sein Handeln die entsprechenden Gesetze, d.h. die sittlichen Begriffe und Ideale als Wissen zu besitzen. Wenn wir diese Gesetzmäßigkeit erkannt haben, dann ist unser Handeln auch unser Werk. Die Gesetzmäßigkeit ist dann nicht als etwas gegeben, was außerhalb des Objektes liegt, an dem das Geschehen erscheint, sondern als der Inhalt des in lebendigem Tun begriffenen Objektes selbst. Das Objekt ist in diesem Falle unser eigenes Ich. Hat dies letztere sein Handeln dem Wesen nach wirklich erkennend durchdrungen, dann fühlt es sich zugleich als den Beherrscher desselben. Solange ein solches nicht stattfindet, stehen die Gesetze des Handelns uns als etwas Fremdes gegenüber, sie beherrschen uns; was wir vollbringen, steht unter dem Zwange, den sie auf uns ausüben. Sind sie aus solcher fremden Wesenheit in das ureigene Tun unseres Ich verwandelt, dann hört dieser Zwang auf. Das Zwingende ist unser eigenes Wesen geworden. Die Gesetzmäßigkeit herrscht nicht mehr über uns, sondern in uns über das von unserm Ich ausgehende Geschehen. Die Verwirklichung eines Geschehens vermöge einer außer dem Verwirklicher stehenden Gesetzmäßigkeit ist ein Akt der Unfreiheit, jene durch den Verwirklicher selbst ein solcher der Freiheit. Die Gesetze seines Handelns erkennen heißt sich seiner Freiheit bewusst sein. Der Erkenntnisprozess ist, nach unseren Ausführungen, der Entwicklungsprozess zur Freiheit.“ (Lit.GA 3, S. 90ff)

Zur Bedeutung der Praktischen Schlußbetrachtung, die in der Dissertationsfassung des Werkes noch nicht enthalten war bzw. weggelassen wurde, äußerte sich Rudolf Steiner 1919 wie folgt:

„Mein ganzes Entwickeln erkenntnistheoretischer Begriffe in meinem Büchlein «Wahrheit und Wissenschaft» klingt zuletzt, auf der letzten und vorletzten Seite, aus in dieses, daß der Mensch ein Schauplatz ist für dasjenige, was eigentlich der Kosmos in ihm tut, und daß er es in Verbindung mit dem Kosmos tut, von außen herein, nicht von innen hinaus tut. Es ist der wichtigste Teil, diese letzte und vorletzte Seite an meinem Schriftchen «Wahrheit und Wissenschaft». Und weil diese zwei Seiten am wichtigsten und bedeutsamsten sind, weil sie am intensivsten hineingreifen in das, was anders werden müßte an dem Vorstellen der Gegenwart, deshalb habe ich dieses Schriftchen, das damals auch meine Doktordissertation war, erst so gestalten können, nachdem die Doktordissertation vorbei war. In der Form, in der es vorgelegt worden ist als Dissertation, fehlten diese letzten zwei Seiten; denn das konnte man der Wissenschaft nicht zumuten, daß aus diesen Dingen die Folgerungen gezogen werden, die eine gewisse Bedeutung haben für das Umgestalten der gesamten Weltanschauung. Dasjenige, was erkenntnistheoretisch vorbereitet, das war verhältnismäßig harmlos in der Dissertation; denn das ist eine objektive philosophische Entwickelung. Aber das, worauf es hinauslief, das konnte erst im späteren Druck hinzugefügt werden.“ (Lit.:GA 190, S. 60f.)

Inhalt (Auswahl):

  • Kants erkenntnistheoretische Grundfrage
  • Der Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie
  • Erkennen und Wirklichkeit
  • Die voraussetzungslose Erkenntnistheorie und Fichtes Wissenschaftslehre
  • Erkenntnistheoretische und praktische Schlußbetrachtung

Wahrheitskriterium

Ein Kriterium (gr. κριτήριον, „Gerichtshof; Rechtssache; Richtmaß“) ist ein Merkmal, das bei einer Auswahl zwischen Personen oder Objekten (Gegenständen, Eigenschaften, Themen, usw.) relevant für die Entscheidung ist. (gemäß wikipedia: Kriterium).

Entsprechend ist ein Wahrheitskriterium ein Merkmal, das es ermöglicht, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Eine erkenntnistheoretische Schwierigkeit besteht darin, daß ein solches Merkmal, wie die Wahrheit selbst, eines Ausweises bedarf: In gewissen Hinsichten ist das Prüfkriterium, seine gültige Anwendbarkeit und dann seine korrekte Anwendung das eigentliche Erkenntnisproblem, in dem dann, bei gültiger Anwendbarkeit, über die korrekte Anwendung entschieden werden muß.

Ein Lösungsvorschlag für die Behebung oder Umgehung solchen infiniten Regresses oder ähnlicher Komplikationen wie Zirkularität etc. ist wissenschaftstheoretisch der Einsatz des Kriteriums der Intersubjektivität, durch das aber eine absolut sichere Erkenntnis niemals erreicht werden kann, sondern nur ein mehr oder weniger vollständiger Konsens[1] (vgl. Herrschende MeinungKonsenstheorie der Wahrheit), was wahr sei, bzw. was nicht widerlegt ist (Fallibilismus).

Der heute weitgehend herrschende Fallibilismus in der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie ist einmal der (auch Alltags-)Erfahrung geschuldet, daß sich angebliche Wahrheiten irgendwann doch als unwahr herausstellten. Aber auch einer Resignation, das Wahrheitsproblem, bzw. das Problem des Wahrheitskriteriums lösen zu können.

Die bequeme Intersubjektivitätsregel kann aber nicht die Notwendigkeit ersetzen, im Erkennen und in der Forschung ein Wahrheitskriterium verwenden zu müssen. Dies gilt natürlich im besonderen für die Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, weil auf dem „Gebiet“ des Geistes bisher erst nur wenige Forscher tätig sind, es keine größere Forschergemeinschaft gibt, mithin eine gegenseitige intersubjektive Kritik der jeweils einsam gewonnenen Erkenntnisse der Geistesforscher/innen kaum schon in einem Maße möglich ist, daß dadurch die Zweifel an den Behauptungen, was wahr sei, ausreichend in Richtung allgemeinen (intersubjektiven) Geltens behoben werden könnten.

Allerdings versteht sich die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners nicht als fallibilistisch[2]. Der ganzen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Anlage nach ist die anthroposophsiche Wissenschaft keine fallibilistische Wissenschaft, und benötigt grundsätzlich auch die kontrollierende Intersubjektivität nicht (obwohl diese wohl hilfreich sein mag). Daher muß die anthroposophische Wissenschaft das erkenntnistheoretische Problem des Wahrheitskriteriums positiv lösen können.

Ein Hinweis auf Evidenz als solche als Wahrheitskriterium ist keine solche Problemlösung, da Evidenz zunächst nur für ein subjektives Fürwahrhalten gelten kann, und insofern einen Irrtum nicht ausschließt. Es muß für evidente Einsicht als allgemeines Wahrheitskriterium gezeigt werden können, wie sie gültig zustande kommt, und es muß ihre objektive Gültigkeit gezeigt werden, bzw. die Voraussetzungen objektiver Gültigkeit müssen geklärt werden[3].

Inhaltsverzeichnis

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Voraussetzungslose Erkenntnis und Wahrheitskriterium

Das Problem des Wahrheitkriteriums ist gewissermaßen die Kehrseite des erkenntnistheoretischen Problems der Voraussetzungslosigkeit. Während die heute herrschende Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie gemeinhin von der Unmöglichkeit solcher Voraussetzungslosigkeit im strengen Sinne ausgeht, und darüber hinaus für die Wissenschaftspraxis für verzichtbar hält, kann die anthroposophische Wissenschaft solche Position nicht einnehmen, da sie von der Wahrheitsfähigkeit des Menschen überzeugt ist. Sie behauptet: Es gibt Wahrheit, und der Mensch ist ihrer fähig. Daher muß die anthroposophische Erkenntnis voraussetzungslos (d.h. auch wahr) beginnen können, und die gewonnenen Wahrheiten müssen positiv ausgewiesen werden können, d.h. letztlich auch auf den gültigen, wahren Anfang hin beziehbar sein.

Rudolf Steiner zur Irrtumsmöglichkeit auf geistigem Gebiet

„Um einem möglichen Irrtum vorzubeugen, sei hier gleich gesagt, daß auch der geistigen Anschauung keine Unfehlbarkeit innewohnt. Auch diese Anschauung kann sich täuschen, kann ungenau, schief, verkehrt sehen. Von Irrtum frei ist auch auf diesem Felde kein Mensch; und stünde er noch so hoch. Deshalb soll man sich nicht daran stoßen, wenn Mitteilungen, die aus solchen geistigen Quellen stammen, nicht immer völlig übereinstimmen. Allein die Zuverlässigkeit der Beobachtung ist hier eine doch weit größere als in der äußerlichen Sinnenwelt.“ (Lit.GA 011, S. 23)

„In einem noch viel höheren Maße als gewöhnlich ist für den Geistesforscher notwendig ein gesunder Tatsachensinn, ein echtes Gefühl für Wahrhaftigkeit. Alle Schwärmerei, alle Ungenauigkeit, die so leicht über das hinweghuscht, was wirklich ist, ist beim Geistesforscher vom Übel. Sieht man es schon im gewöhnlichen Leben, so wird es auf dem Gebiete der Geistesschulung sofort klar, daß der, welcher sich nur ein wenig gehenläßt in bezug auf Ungenauigkeit, merken lassen wird, daß von der Ungenauigkeit bis zur Lüge, zur Unwahrhaftigkeit, nur ein ganz kleiner Schritt ist. Daher muß beim Geistesforscher das Bestreben vorliegen, sich verpflichtet zu fühlen, der schon im gewöhnlichen Leben vorhandenen unbedingten Wahrheit in nichts nachzugeben und nichts zu vermischen, denn jedes Vermischen führt in der geistigen Welt von Irrtum zu Irrtum.“ (Lit.GA 062, S. 407)

Siehe auch –> Urteil

Äußerungen von anthroposophischen Philosophen zum Thema

C. A. GilbertAll is vanity

Herbert Witzenmann ist der Ansicht, daß im Erkenntnisprozeß gleichsam nebenbei eine Art fortlaufendes Experiment stattfindet. Beobachtungsexperimente nämlich, analog den Experimenten in den Naturwissenschaften (seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode), – die im Erkenntnisprozeß prüfen, ob jeweils Begriff und Wahrnehmung zusammenpassen. Das Wahrnehmliche, das schon längst nicht mehr das reine Wahrnehmliche als solches ist, sondern eine Leerstelle im Gefüge, akzeptiert nur den passenden Begriff, und weist andere, unpassende zurück. Nur der richtige, wahre Begriff „haftet“ an der Wahrnehmung. Dieses Anhaften ist nach Witzenmann das Wahrheitskriterium. Er erörtert dieses Geschehen allerdings an dem Beispiel der sinnlichen Wahrnehmung.[4]

Zur Erläuterung gibt es den Hinweis auf die Vexierbildphänomene, und andererseits, was Goethe über die Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit sagte, ein herabfallendes Blatt von einem herunterflatternden Vogel zu unterscheiden[5]. Bei den Vexierbildern gibt es zwar eine Zweideutigkeit, aber trotzdem wird gerade da deutlich, in welchem Maße das Wahrnehmliche die Herrschaft darüber ausübt, welcher Begriff gültig und wahr auf es angewendet werden darf.(Bei der Abbildung rechts hängt der Umschlag von einem Begriff zu einem anderen auch von der Entfernung ab, aus der das Bild betrachtet wird.) Das ist aber das schon vorkonstituierte Wahnehmliche. Um das Spezielle dieses Vexierbildes wahrnehmen zu können, sind schon unzählige Vereinigungen von Begriff und Wahrnehmung vorausgegangen, wie die Unterscheidung von schwarz und weiß z.B. Dann muß man wissen, was ein toter Schädel ist, und wie eine menschliche Person in Kleidung aussehen kann usw. Das sind für diese besondere Erkenntnisfrage: Smalltalk zweier Solondamen, bzw. eine Dame im Spiegel, oder Totenschädel Vorgegebenheiten. Die Varianten sind nur möglich innerhalb eines Gefüges, das schon als wahr vorausgesetzt ist.

Das Erkenntnisproblem ist bei dem Beispiel des vom Baume herabflatternden Objektes grundsätzlich das gleiche: Es sollen Begriff und Wahrnehmung wahrheitsgemäß zusammengebracht werden. Während jedoch das Vexierbild im Wahrnehmlichen zweideutig bleibt, und die Anwendung zweier verschiedener Begriffe erlaubt, womit man es da dann wohl mit zwei zu unterscheidenden Objekten zu tun haben muß, ist bei dem herabflatternden Objekt vorausgesetzt, daß es sich um ein einziges Objekt handelt. Die Möglichkeit, daß es sich sowohl um ein Blatt als auch um einen Vogel handelt, ist hier ausgeschlossen, von dem praktisch nie vorkommenden Fall abgesehen, daß bei der Wahrnehmung des Objektes dieses ein Vogel ist, und davor oder dahinter fällt zufällig auch ein Blatt herab, bzw. umgekehrt, und der erkennende Mensch hat für einem Moment die beiden Objekte in der Wahrnehmung deckungsgleich bzw. überlappend.

Angenommen, das Objekt sei in Wirklichkeit ein Vogel, der aber als ein Blatt erkannt wird. Kann man dann davon ausgehen, daß im Erkenntnisprozeß die Gültigkeit des Beobachtungsexperimentes: Begriff Blatt haftet an dem Wahrnehmlichen, das sich vom Baume zum Boden herabbewegt, sorgfältig geprüft wurde? Wohl kaum. Nach einem ersten Zögern wird spontan der Begriff Blatt zugeordnet. Es ist keine Zeit für eine sorgfältige Prüfung. Schon Sekunden später kann es zu der Überraschung kommen, daß das angebliche Blatt im Grase herumhüpft. Wenn der Vogel jedoch sitzen bleibt, klärt sich der Irrtum nicht auf.

Im Alltag kommen solche Fehler sehr häufig vor, und oft sind sie vernachlässigbar, und zeitigen meist keine problematischen Konsequenzen. Will man jedoch mit wissenschaftlichem Anspruch erkennen, dürfen solche Irrtümer nicht passieren. Die Schwierigkeit besteht hier bei dem Beispiel in der Entfernung der Wahrnehmung, und in der kurzen Zeit ihres Auftretens. Würde der Vogel von einem sehr hohen Baume herabflattern, oder würde man aus unmittelbarer Nähe beobachten: Dann würde man den Vogel leichter als einen solchen vom Blatt unterscheiden können.

Man müßte eigentlich in solchen Fällen mit seinem Urteil zurückhalten, auf die Erkenntnis verzichten, sich sagen: Es könnte ein Vogel oder ein Blatt sein, und eventuell noch etwas anderes (z.B. ein ferngesteuertes Spielflugzeug). Das bedeutet aber umgekehrt, das der Begriff Blatt in Wirklichkeit gar nicht an dem Wahrnehmlichen haften konnte: Man hat sich nicht nur bezüglich des Wahrnehmlichen als solchem getäuscht, sondern auch darin, daß der versuchte Begriff an der Wahrnehmung hafte.

Eine Möglichkeit für die Wissenschaft der von Bäumen herabflatternden Objekte, (falls die Entfernung nicht verringert werden kann und die Zeit des Herabflatterns zu kurz ist für ein gründlicheres Studium der Objekte), könnte es sein, eine Dauerbeobachtung durchzuführen. Ein Forscher, der täglich in der Herbstzeit bei unterschiedlichen Winden mehrere Stunden herabfallende Blätter beobachtet, und dazu die verschiedenen herabflatternden Vögel, wird bald eine sehr scharfe Wahrnehmung bekommen, wie sich Blätter und Vögel dann doch typisch in ihren Bewegungen auf dem Weg zum Erdboden unterscheiden.

Solch einem spezialisierten Forscher wird man eher vertrauen, als einer Gruppe von Laien, die sich „intersubjektiv“ darüber verständigen, ob es nun ein Blatt oder Vogel gewesen sein soll. Und wo dann die herrschende Meinung sich möglicherweise durchsetzt, obwohl sie unwahr sein mag. Der spezialisierte und erfahrene Forscher bzw. die Forscherin verfügt über Autorität, Reputation.

Das Wahrheitskriterium des Anhaftens ist nur anwendbar innerhalb eines schon als wahr vorausgesetzten (oder auch hypothetisch angenommenen) Kontextes, das ist die schon fertig konstituierte Wirklichkeit (das Gefüge, eine Verwebung unzähliger Vereinigungen von Begriffen mit Wahrnehmlichem, und von Begriffen untereinander). Wenn diese dem besonderen Erkenntnisakt, in dem sich ein zu erkennendes Wahrnehmliches zeigt, vorausgesetzte Wirklichkeit in sich schief, verzerrt oder widersprüchlich ist, oder sie auf falschen Grundannahmen beruht, im Ganzen also unwahr ist, dann ist es unmöglich, mittels des Wahrheitskriteriums des Anhaftens eines Begriffes an einem Wahrnehmlichen, innerhalb einer solchen in sich unstimmigen Wirklichkeit, ein Wahrheitsurteil zu fällen, daß ein Begriff mit einer Wahrnehmung zusammenpasse. Diese Tatsache wird in der Wissenschaft für das Umgekehrte genutzt, nämlich um mittels einer als wahr festgestellten Einzelbeobachtung, eine hypothetische Theorie zu überprüfen.

Bei den sinnlichen Wahrnehmungen gibt es einen sicheren, alltagsweltlichen Kontext, der als wahr vorausgesetzt werden kann. Dieser schließt in dem angeführten Beispiel z.B. aus, daß ein Blatt, wenn es zu Boden gefallen ist, auf diesem wie ein Vogel herumhüpfen könne. (Es mag vom Wind wieder aufgewirbelt werden können.)

Die Anwendbarkeit eines Wahrheitskriteriums bei geistigen Erkenntnissen ist ein schwierigeres Problem, das nicht nur darin besteht, eine Wahrheit gültig feststellen zu können, sondern auch darin, die Art des Zustandekommens der Wahrheit für die „Rezipienten“ der mitgeteilten Erkenntnisse generell nachvollziebar zu machen.

Herbert Witzenmann

„Ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Untersuchung ist die Abgrenzung der meditativ gewonnenen Bewußtseinsinhalte gegen visionäre Beeindruckungen und mediumistische Hervorbringungen. Das meditative Bewußtmachen des Übersinnlichen als eines von uns unterbewußt im Wirklichkeitsaufbau Vollzogenen führt stets zu solchen Erfahrungen, welche den Charakter des rückbestimmten Bestimmens[6] haben, der uns aus unseren Evidenzerlebnissen bekannt ist. Alles diese Charakteristik nicht Aufweisende kann nicht den Anspruch des Übersinnlichen erheben. Damit sind die übersinnlichen Erfahrungen erkenntniswissenschaftlich eingeordnet. Es ist damit aber auch ein Unterscheidungsmerkmal gewonnen, welches es ermöglicht, Verwirrung stiftende Verwechslungen, Selbsttäuschungen und unberechtigte oder gar bewußt irreführende Ansprüche auf eine in Wahrheit nicht vorhandene Zuständigkeit für „Übersinnliches“ als solche zu erkennen und gegen die echten Befunde der seelischen Beobachtung abzugrenzen.“ (Lit.: Herbert Witzenmann, Erkenntniswissenschaftliche Bemerkungen zur Bildhaftigkeit des übersinnlichen Schauens, S. 114)

Helmut Kiene

„Nicht das Mythische, sondern die Steigerung des Logischen, nicht das Aufgeben der Rationalität, sondern das Überwinden der Rationalität in ihrer bisher gängigen Form, nicht das Zurückbleiben hinter der Wissenschaft, sondern das Vordringen in eine von Unwissenschaftlichkeit bereinigte Gestalt der Wissenschaft ist die Möglichkeit zum Aufgang innerhalb des Niedergangs. Es können Schritte zu einer essentialen Wissenschaft, zu einer Wissenschaft der Wesenserkenntnis getan werden.“ (Lit.:Kiene, aus dem Vorwort)

„Es ist ein entscheidender Unterschied, ob ein Vorgang lediglich Tag für Tag beobachtet wird – soweit das Erinnerungsvermögen zurückreicht, alle Tage – oder ob man ein Verständnis für das Wesen der zugrundeliegenden Zusammenhänge gewonnen hat. Über diesen Unterschied kann sich letztlich nur ein anti-essentialistisches und falsifikationistisches Allsatz-Konzept“ [7] „hinwegtäuschen, und zwar deshalb, weil man sich bei diesem Konzept von vornherein auf die Auffassung festgelegt hat, daß es gar keine anderen Erkenntnisse geben könne als die Erkenntnisse von Regelmäßigkeiten. Ob das Wesen eines Zusammenhanges durchschaut und deshalb die Regelmäßigkeit begründbar ist oder nicht, macht keinen Unterschied aus, solange man auf dem falsifikationistischen Standpunkt beharrt. Man gibt sich dann nämlich der Überzeugung hin, daß, wie jede Theorie, so auch diese Begründung irgendwann wieder falsifiziert werden dürfte, ja, daß sie doch sogar prinzipiell falsifizierbar sein müsse, um überhaupt als wissenschaftlich gelten zu können.“ (Lit.:Kiene, S. 62)

Gegen diese Auffassung, daß eine wissenschaftliche Aussage grundsätzlich falsifizierbar sein müsse, führt Kiene ins Feld, daß es wahre, nicht falsifizierbare Aussagen bzw. Erkenntnisse gäbe. Popper hatte als ein Beispiel der Falsifikation angeführt, daß durch die Beobachtung, daß am Polarkreis die Sonne nicht alle 24 Stunden auf- und unterginge, der Allsatz: Die Sonne geht alle 24 Stunden auf und unter, widerlegt sei. Kiene kommentiert dazu:

„Es läßt sich der Grund erkennen, warum in den Polargebieten andere Sonnenauf- und Sonnenuntergangsverhältnisse herrschen als auf dem Breitengrad von Griechenland. Der Grund ist die sphärische Form der Erde, die schräggestellte Erdachse sowie die Rotations- und Zirkulationsbeziehungen zwischen Erde und Sonne. Der Grund ist das Wesen des Zusammenhangs zwischen Sonne und Erde.“ (S. 66)

Die Erkenntnis dieses Grundes, des Wesens des Zusammenhangs, ist nach Kiene eine wahre, nicht falsifizierbare Erkenntnis, eine „essentiale“ (lat. essentia = Wesen) Erkenntnis. Daß man sich über das Wesen einer Sache auch täuschen kann, wird an dieser Stelle von Kiene nicht thematisiert. Er meint, bereits an einem Einzelfall jeweils komme die essentiale Erkenntnis zum Erfolg:

„Es war ein erkenntnistheoretischer Fehler von David Hume, daß er meinte, ursächliche Zusammenhänge könnten nur durch eine statistische Zusammenfassung vieler Einzelbeobachtungen erkannt werden.“ (S. 68)

„Der kausale Zusammenhang wird entweder in einem bestimmten Einzelfall erkannt, oder er wird überhaupt nicht als kausale Beziehung erkannt.“ (S. 68)

Seite 104ff. dann trifft Kiene bezüglich des Induktionsverfahrens eine Unterscheidung zwischen formaler und essentialer Induktion. Ein Induktionsproblem gäbe es nur bei der Induktion, wie sie David Hume verstanden hatte, die in einem logischen Schluß vom einzelnen beobachteten Gegenstand (bzw. vielen gleichen Fällen) auf das Allgemeine, den Begriff desselben, auf das Gesetz, unter das das Einzelne fällt, kommt. Das Induktionsproblem besteht darin, das so ein Schluß genauer besehen gar nicht möglich ist. Dieser Humeschen Auffassung stellt Kiene die des Aristoteles entgegen, der die Induktion nicht als formalen Schluß, sondern als essentiale Wesenserkenntnis verstanden habe.

Es wird von Kiene mit seinen Ausführungen zur essentialen Wesenserkenntnis jedoch keine erkenntnistheoretische Position eingenommen, die von der Erkenntnistheorie Rudolf Steiners ausdrücklich abweichen würde, sondern es handelt sich um eine Interpretation und Beschreibung der Steinerschen Auffassungen:

„Aus dieser Einsicht ergibt sich nun der wichtigste Gesichtspunkt einer essentialen Theorie des sinnlichen Wahrnehmens: Es kann nur bewußt wahrgenommen werden, soweit begriffen wird, um was es sich im einzelnen handelt. Jedes Wahrnehmen ist ein erkennendes Wahrnehmen. Dieses erkennende Wahrnehmen wird ermöglicht durch das Hinzubringen des jeweiligen Begriffs zu dem unmittelbar sinnlich Gegebenen. Der hierbei erfolgende Übergang von dem Noch-nicht-Erkannten, d.h. ‚unmittelbar Gegebenen‘ zu der erkannten Wahrnehmung geschieht im Begreifen dessen, was gegeben ist; der Übergang geschieht im Hinzufügen des Begriffs.“ (S. 136)

Die dabei zum Zuge kommende Intuition beschreibt Kiene so:

„So wie das Wahrnehmen die Wahrnehmung ins Bewußtsein bringt – und zwar vermittelt durch den Begriff – so bringt die ‚Intuition‘ den Begriff selber ins Bewußtsein: ‚Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen Inhalts.[8]‚ (…)

Unter ‚Intuition‘ im erkenntnistheoretischen Sinne wird hier jene scharf umrissene Erkenntnis verstanden, wie sie z.B. ein Dolmetscher hat, der bei einer schwierigen Übersetzung lange und angestrengt suchen muß, um in der Fremdsprache eine begriffs- bzw. sinngerechte Ausdrucksweise zu finden; oder es ist z.B. jene andere klare Erkenntnis gemeint, die ein Mensch hat, der eine gezeichnete Strichfigur als Dreieck erkennen kann, weil er des Begriffs vom Dreieck ‚intuitiv‘ inne ist. ‚Intuition‘ ist in diesem Sinne ein Teilhaben am Geistigen, ist das im Denken geschehene Hervorbringen des Begriffs.

Wahrnehmen und Intuition bilden die Achse, die mit den beiden Teilen Wahrnehmung und Begriff die Totalität der zu erkennenden Wirklichkeit aufspannt.“ (S. 139)

Im weiteren kommt dann Kiene auf die Irrtumsmöglichkeit beim Erkennen zu sprechen, und gibt auch eine erste, noch eher allgemeine Antwort auf das Problem des Wahrheitskriteriums:

„Allerdings darf nun nicht übersehen werden, daß selbstverständlich nicht nur Erkenntnis möglich ist. Es bedarf keiner großen Weisheit, um auch die Möglichkeit des Irrtums zu bemerken. Da es aber nicht das Anliegen der Wissenschaft sein kann, Irrtümer in die Welt zu streuen, ist für den Schutz der Erkenntnisgüte in der Wissenschaft folgende Frage nicht minder wichtig: Wie ist Irrtum möglich? Deshalb muß die Frage ‚Wie ist Erkenntnis möglich‘ in zwei speziellere Fragen differenziert werden:

Wie ist wahre Erkenntnis möglich?

Wie ist scheinbare, d.h. falsche Erkenntnis möglich, wie ist Irrtum möglich?“ (S. 142f.)

„Ein Wissenschaftler kann aber nur dann sicher sein, etwas Wesenhaftes begriffen zu haben, wenn es ihm gelingt, den jeweiligen Begriff mit derselben gedanklichen Sourveränität zu handhaben, wie es der Mathematiker mit dem Begriff des geometrischen Kreises oder der Astronom mit dem Begriffder Mondfinsternis kann. Die geometrische Denkweise – nicht die Geometrie, sondern das Niveau und der Stil der geometrischen Denkweise! – ist das Vorbild für alles wissenschaftliche Denken und garantiert allein die Verwirklichung einer Wesenserkenntnis. Die Wahrheit eines solchen Wesen-erkennenden Denkens zeigt sich im jeweils lebendigen Denkvollzug selbst. Es kann dieses Denken deshalb das essentiale oder auch lebendige Denken genannt werden.“ (S. 147)

Allein schon die Lebendigkeit des Denkens als solche verbürge die Wahrheit des Erkennens.

„Die Antwort auf die neue Fragestellung ‚Wie ist Irrtum möglich?‘ beinhaltet nun folgende Einsicht: Irrtum bzw. falsche Erkenntnis ist möglich, weil der Mensch richtig und falsch denken kann. Er kann mit ‚lebendigen‘ Begriffen essential denken oder auch mit ‚toten‘ Begriffen vermutend spekulieren.

Auf dem Niveau dieses toten, spekulativen Denkens kann sich aber der Mensch der Wahrheit des Gedachten nicht gewiß sein. Der Gedanke hat nur den Rang einer vorläufigen Hypothese und sollte auch bewußt mit dieser Vorsichtigkeit behandelt werden. Wenn nun aber der Unterschied zwischen den beiden Denkweisen nicht bemerkt wird, und wenn für die vermutende Spekulation eine wissenschaftliche Gediegenheit in Anspruch genommen wird, dann verläßt diese Spekulation den Bereich der Vorsichtigkeit, mit der Hypothesen behandelt werden sollten, und überschreitet die Schwelle zum Irrtum – und dann wird die falsche Erkenntnis bzw. der Irrtum möglich.“ (S. 149)

Solche nähere Bestimmung des Problems der Wahrheit kann wohl nur dann über die offensichtliche Tautologie hinaus kommen, wenn das Wahrheitskriterium an dem Unterschied zwischen totem und lebendigem Denken festgemacht werden könnte. Man hätte sich also als Erkennender zu fragen, ob es sich um eine lebendige Wesenserkenntnis handelt, dann ist sie wahr. Handelt es sich nicht um essentiales lebendiges Erkennen, dann können die Erkenntnisse nicht wahr sein, oder sind zumindest zweifelhaft.

Wenn aber der Erkennende im lebendigen Erkennen sich der Wahrheit gewiß ist, und im toten, vermutenden, spekulativen Denken der Wahrheit nicht gewiß ist, dann ist entsprechend das Wahrheitkriterium, um zwischen totem und lebendigen Denken zu unterscheiden, die Gewißheit. Man weiß es, wenn man lebendig erkennt, und hat dadurch die Wahrheit gewiß inne. Die Ungewißheit beim Erkennen wäre das Anzeichen für bloßes Vermuten, für ein Probieren mit toten Begriffen.

Ein Irrtum besteht ja aber gerade darin, daß man sich einer Wahrheit gewiß ist, obwohl sie in Wirklichkeit nicht vorliegt. Es muß von Kiene also noch genauer bestimmt werden, worin genau diese Gewißheit der Wahrheit einer lebendigen Erkenntnis besteht, und wie man sie von der fälschlichen Gewißheit, die auf Irrtum beruht, unterscheiden kann.

Darüber hinaus ist natürlich auch die Frage weiter offen, ob es nicht innerhalb des lebendigen Erkennens auch Irrtümer geben könne. Auch innerhalb des lebendigen Denkens sind die Begriffe mit anderen Begriffen oder mit Wahrnehmlichem nicht von alleine richtig verbunden. Es scheint zwar so, daß der Vollzug der Erkenntnis mißlingt, wenn die Verbindung eine unwahre ist, und deshalb die Erkenntnis nicht zustande kommt. So würde man sich dann, wenn man unfähig ist, den wahren Begriff zu finden, sich des Erkennens enthalten.

Aber tut man das auch? Bemerkt man, daß ein verwendeter Begriff in Wirklichkeit gar nicht paßt? Auch innerhalb des lebendigen Denkens muß es ein Kriterium geben, gemäß dem dieses Zusammenpassen der Begriffe untereinander und mit Wahrnehmlichen beurteilt werden kann. Lebendiges Denken für sich allein ist kein Wahrheitsausweis, es sei denn, das lebendige Denken ist von vornherein so definiert, daß man darin der Wahrheit folgt. Folgen muß, gewissermaßen, zumindest innerhalb der Begriffe selbst, weil sie sich inhaltlich auseinander zwingend ergeben.

Aber ist auch im Verhältnis zum Wahrnehmlichen diese inhaltliche Einheitlichkeit so einfach und klar gegeben? Wenn das so wäre, müßten wir alle weise Menschen sein. Es dürfte da auch für das lebendige Denken die Tendenz bestehen, einen Begriff zu fassen, so gut wie es das eben kann. Er wird dem Wahrnehmlichen aufgestülpt, obwohl es nicht der richtige ist, oder nur ungefähr der richtige ist. Allein sich im lebendigen Denken zu bewegen, beseitigt diese Erkenntnisschwierigkeiten nicht, weil sie einem Herausfallen aus dem lebendigen Denken gleichkommen.

Zudem gibt es in der Lebenspraxis auch den Erkenntnisdruck. Ein Arzt beispielsweise muß ja eine Diagnose machen. Die Versuchung ist da groß, bloße spekulative Vermutungen als wahre Erkenntnis durchgehen zu lassen, und sich lediglich nachlässig zu täuschen, obwohl das gar nicht nötig wäre. Es ist natürlich besser, nicht zu urteilen, als falsch oder ungenau. Aber oft muß man auch heuristisch vorschreiten. Man sollte sich aber dann darüber im klaren sein.

Es wird noch näher zu untersuchen sein, ob diese Sicht Kienes auf das Wahrheitsproblem haltbar ist, und ob sie sich auch auf übersinnliche Erkenntnis anwenden läßt.

Die ganz oben im einführenden Beispiel angeführte Erkenntnis entweder eines Blattes oder eines Vogels würde Kiene noch nicht als die eigentliche Wesenserkenntnis ansehen. Er unterscheidet zwischen dem Auffinden eines „Kopie“-Begriffs, der zu einer Wahrnehmung hinzugefunden wird, und der Wesenserkenntnis, die diesen Kopie-Begriff in einen größeren Zusammenhang, dem Wesen des Erkannten Einzelnen, einordnet. Dieser erste Kopie-Begriff soll die Vorstellung als ein individualisierter Begriff, wie sie Rudolf Steiner erläutert hat, sein. Kiene spricht von „Kopie-Begriff“, weil das zu erkennende Wahrnehmliche und dieser für es passende Begriff identisch seien. Denn ohne diesen Begriff wird das Wahrnehmliche noch nicht als ein bestimmtes Wahrnehmliches wahrgenommen (vgl. angebenenes Zitat von S. 136 oben.) Die essentiale Induktion wäre demnach nicht als ein Auffinden des (Vorstellungs-)Begriffes zu einem noch unbestimmten Wahrnehmlichen zu verstehen, sondern als das Auffinden des allgemeinen Begriffs von einer Vorstellung aus.

„Die Vorstellung (z.B. die Vorstellung eines Baumes) steht in einem bestimmten Verhältnis zum Begriff (z.B. dem Begriff eines Baumes). Die Vorstellung ist in der Tat die Kopie der Wahrnehmung eines bestimmten Baumes. Sie ist das Erinnerungsbild eines individuellen Baumes aus der individuellen Perspektive des individuellen Beobachters.

Der Begriff dagegen – wie er im strengsten Sinne des Universalien-Programms … gefordert werden muß – ist der Gedanke, der das Wesen des Baumes im allgemeinen beingreift. (…)

Der Begriff ist die das Wesen erfassende Verallgemeinerung aller möglichen Einzelvorstellungen des entsprechenden Dinges bzw. der entsprechenden Sache.“ (S. 145)

„Dieses Verhältnis von Vorstellung und Begriff ist noch in eine schwerwiegende Problematik hinein verstrickt. Es dürfte ja heutzutage nicht allzu viele Menschen geben, die behaupten können, das Wesen z.B. eines Baumes in seinem allgemeinsten und tiefsten Sinne begriffen zu haben.

Das bedeutet, daß man meist zwar in einer vagen Weise so ganz allgemein weiß, was ein Baum ist, daß man zwar einen Begriff vom Baum hat, daß aber dieser Begriff nicht intellektuell klar und wesenbegreifend ist. Der Begriff ist lediglich von derselben unausgereiften Qualität wie der Kreisbegriff des Kindes, so wie dieser in den Erklärungen zum Unterschied von Identitätserkenntnis und Wesenserkenntnis erläutert wurde (siehe S. 112). Das Kind ‚weiß‘ zwar, was ein Kreis ist und kann Kreise identifizieren. Es kann aber dieses Wissen nicht begründen und ist nicht in der Lage, das Wesen des geometrischen Kreises intellektuell zu denken. Erst wenn es Geometrie gelernt hat, kann es über den wesenerfassenden Begriff des Kreises verfügen.“ (S. 145f.)

„Ein Wissenschaftler kann aber nur dann sicher sein, etwas Wesenhaftes begriffen zu haben, wenn es ihm gelingt, den jeweiligen Begriff mit derselben gedanklichen Souveränität zu handhaben, wie es der Mathematiker mit dem Begriff des geometrischen Kreises oder der Astronom mit dem Begriffder Mondfinsternis kann. Die geometrische Denkweise – nicht die Geometrie, sondern das Niveau und der Stil der geometrischen Denkweise! – ist das Vorbild für alles wissenschaftliche Denken und garantiert allein die Verwirklichung einer Wesenserkenntnis. Die Wahrheit eines solchen Wesen-erkennenden Denkens zeigt sich im jeweils lebendigen Denkvollzug selbst. Es kann dieses Denken deshalb das essentiale oder auch lebendige Denken genannt werden.“ (S. 147)

Es ist dabei nicht ganz klar, was Kiene mit „Souveränität“ des Mathematikers meint, die die Verwirklichung der Wesenserkenntnis garantieren würde, wenn bereits der jugendliche Mensch, der Geometrie gelernt hat, über wesenerfassende Begriffe in der Geometrie verfügen kann. Darüber hinaus ist von Kiene die Behauptung aufgestellt, daß im Unterschied zur Geometrie-Erkenntnis die Fähigkeit des Menschen, das Wesen der z.B. Bäume zu erkennen, bisher kaum entwickelt ist. Auch nicht vom typischen heutigen Wissenschaftler, der sich mit Bäumen beschäftigt, meint Kiene wohl. Das Ideal der Wesenserkenntnis wäre lediglich auf Gebieten wie der Geometrie für den heutigen Menschen durchschnittlich erreichbar. „Es dürfte ja heute nicht allzu viele Menschen geben“, die das „Wesen eines Baumes z.B. in seinem allgemeinsten und tiefsten Sinne“ begreifen könnten. Diese letztere Formulierung Kienes legt dazu noch nahe, das es einmal Wesenserkenntnis gäbe, und dann Wesenserkenntnis im allgemeinsten und tiefsten Sinne. Die Wesenserkenntnis würde unterschiedlich umfassend und tief sein können. Was bedeutet da dann „Souveränität“ des Erkennens, die die Wahrheit der Wesenserkenntnis garantieren soll? Und was könnte eine graduelle Wesenserkenntnis sein, die hinter der „allgemeinsten und tiefsten“ Wesenserkenntnis noch zurückbleibt, aber gleichwohl Wesenserkenntnis wäre, deren Wahrheit sich im „lebendigen“ Denkvollzug selbst zeigen soll, im Sinne einer unmittelbaren Gewißheit, wie man eine mathematische Wahrheit einsieht und sich ihrer gewiß ist?

Kiene will offenbar darauf hinaus, zu zeigen, daß das lebendige essentiale Denken ein Organismus ist, wo sich eins aus dem anderen ergibt. Die Gedanken sind durch sich selber mit einander in einer wahren Weise verbunden. Wenn ich mich in ihnen bewege, dann bewege ich mich in der Wahrheit selbst, insofern ich dem folge, was die Gedanken von sich aus meinem Denken inhaltlich vorgeben. Wenn ich von einem wahren Gedanken auf einen anderen Gedanken übergehe, wie es die Gedanken durch ihren Inhalt selbst vorschreiben, dann muß auch dieser neue Gedanke wahr sein.

Falle ich mit meinem Denken aus dem in sich wahren Gedankenorganismus heraus, dann bin ich mit meinen Gedanken nicht mehr lebendig mit der Wahrheit verbunden: Mein Denken kommt in die Möglichkeit hinein, willkürlich zu werden, weil es wie abgetrennt von dem lebendigen Denken verläuft. Ich kann falsch denken, da ich nicht mehr der inhaltlichen Wahrheit der lebendigen Gedanken folgen muß. Zwar ist ein logischer Schluß dann als solcher immer noch wahr, aber er ist für sich alleine wie ein Bruchstück, das aus dem lebendigen Denken herausgefallen ist. Dieses Denken, das sich außerhalb des lebendigen, essentialen Denkens bewegt, nennt Kiene das tote, hypothetische, spekulative Denken, das sich seiner Wahrheit nicht sicher sein kann, weil es von der Wahrheit wie getrennt ist. Deshalb muß es diesem spekulativen Denken für wahres Erkennen darum zu tun sein, in das lebendige, essentiale Denken hineinzukommen. Und das ist eben dann der Fall, wenn ihm eine essentiale Induktion gelingt, die von einer bloßen, toten Vorstellung von einem Gegenstand oder Sachverhalt aus, zum Wesen der Sache vordringt und dieses Wesen in seiner Wahrheit erfaßt, indem es den Zusammenhang dieses Wesens mit dem übrigen lebendigen Gedankenorganismus inne hat.

Wesenserkenntnis würde insofern immer auch die Erkenntnis des Zusammenhangs bedeuten, in dem ein Wesen mit anderen steht. Dies ist bei der Vorstellungserkenntnis, die einen Kopie-Begriff von einem Wahrnehmlichen bildet, noch nicht der Fall, und daher ist die identifizierende Erkenntnis eines einzelnen Wesens (es bleibt natürlich ein Wesen), noch nicht als die eigentliche, essentiale Wesenserkenntnis zu bezeichnen (Beispiel: Der Befund „Kopfschmerz“ ist noch keine Diagnose). Andererseits ist der Zusammenhang, in dem eine Wesenserkenntnis bzw. das Wesen selbst steht, der Grund, aus dem für das essentiale Denken eine Begründung möglich ist, z.B. ein mathematischer Beweis. Lebendige Gedanken begründen sich gegenseitig, und sie sind daher füreinander Wahrheitskriterium, und auch für den subjektiven Denkvollzug, z.B. einer Begründung, innerhalb des lebendigen Denkens sind sie Wahrheitskriterium[9].

Eine essentiale Deduktion als Pendant zur essentialen Induktion, wie sie Aristoteles nach Kiene gemeint haben soll, ist in Lit.: Kiene nicht Untersuchungsgegenstand. Aber wenn Aristoteles mit Induktion keinen formalen, rein logischen Schluß gemeint hatte, liegt nahe, sich zu Fragen, ob er die Deduktion auch anders verstanden habe, nämlich nicht als eine formallogische Ableitung, sondern als ein essentiales Erkennen eines einzelnen Wahrnehmlichen aus dem Wesen heraus, dem dieses Einzelne zugehört. Oder müßte man für solche Deduktion von einem phänomenologischen Erkennen sprechen, entsprechend der Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung? Wenn die Erkenntnis sich innerhalb des lebendigen Denkens bewegt, hat sie ja schon das Wesen generell inne. Aber es erscheint ein Phänomen, ein neues Wahrnehmliches. Die Erkenntnisaufgabe wäre dann nicht, von einem Wahrnehmlichen zu seinem Wesen vorzudringen, sondern das Phänomen aus dem schon gegebenen Wesen heraus zu verstehen, es einzuordnen.

Es sind dabei zwei Fälle denkbar, entweder läßt sich das Phänomen problemlos einordnen, und war mit dem Wesen, das man schon inne hatte, schon miterkannt. Oder aber das Phänomen sperrt sich gegen eine solche Einordnung, es paßt irgendwie nicht. Beispiel: Ausgehend von verschiedenen Symptomen wie Kopfschmerz usw. ist der Arzt auf das Wesen der Erkrankung eines Menschen gekommen. Es taucht dann später aber ein weiteres, neues, ungewöhnliches Symptom auf. Ist dieses Symptom auch dem Wesen der diagnostizierten Erkrankung zugehörig? Handelt es sich um ein Symptom einer anderen Krankheit? Stellt es möglicherweise die früher geleistete essentiale Wesenserkenntnis der Krankheit in Frage?

Diese letztere Möglichkeit ist definitionsgemäß ausgeschlossen, da Wesenserkenntnis mit wahrer Erkenntnis gleichgesetzt ist. Es würde gar keine Wesenserkenntnis vorgelegen haben. Für solche gescheiterte Wesenserkenntnis besteht nur die Schwierigkeit, sich ihrer bewußt zu sein. Die fälschliche Gewißheit, daß eine echte Wesenserkenntnis vorläge, ist Irrtum. Und diese fälschliche Gewißheit muß sich von der Wesenserkenntnis, die die Wahrheit gewiß inne hat, unterscheiden lassen, und zwar mittels eines Wahrheitskriteriums. Dieses ist von Kiene noch nicht genügend herausgearbeitet: Es genügt ja nicht, im Falle einer Wesenserkenntnis sich der Wahrheit unmittelbar gewiß zu sein, sondern es muß im Falle einer fehlgeschlagenen Wesenserkenntnis dieses Fehlschlagen zum Bewußtsein kommen können. Die fälschliche Gewißheit, daß es sich um Wesenserkenntnis handle, muß als Irrtum erkannt werden können. Dazu genügt es nicht, solches Fehlschlagen generell zu beschreiben, sondern es muß angegeben werden, wie es im Erkenntnisprozeß identifiziert werden kann[10].

In dem Fall, wo es das Symptom einer anderen Krankheit ist, ist die stattgefundene Wesenserkenntnis nicht zuständig. Das Symptom ist dem Wesen einer anderen Krankheit zugehörig. Freilich besteht ganz allgemein ein wesensmäßiger, allgemeinerer Zusammenhang, den man vielleicht als den Gesundheitszustand des Patienten bezeichnen könnte. Verschiedenste Krankheiten können Ausdruck eines solchen Gesundheitszustandes sein, oder auch, schon konkreter gefaßt, Folge einer schwächlichen Konstitution, einer Mangelernährung usw. In dem Falle, wo die diagnostierte Krankheit eine Infektion mit einem bestimmten Bakterium wäre, könnte das neue Symptom Anzeichen für eine Infektion mit einem anderen Bakterium sein. Dann hätte man zwei Krankheiten, durch unterschiedliche Bakterien verursacht (wenn man das einmal gelten lassen will, Bakterien als Krankheitsverursacher anzusehen), die aber das gemeinsame Wesen hätten, eine bakterielle Infektion zu sein. Für eine genau bestimmte diagnostische Wesenserkenntnis, für die dann auch eine bestimmte Therapie in Frage kommt, muß aber das neue Symptom als nicht zugehörig angesehen werden. Man müßte dann von diesem neuen, separaten Symptom zu einer Wesenserkenntnis einer zweiten Krankheit aufsteigen.

Mindestens ein weiterer Fall ist möglich, nämlich daß die diagnostizierte Krankheit eine andere Ausprägung angenommen hat oder in ein anderes Stadium eingetreten ist, wo neue Symptome auftreten. Es kann da auch der Fall vorliegen, daß ein Stadium eintritt, das so bisher noch nicht beobachtet wurde, weil die Menschen, die von der Krankheit befallen sind, normalerweise vorher sterben. In diesem besonderen Fall hätte der Patient aber eine so starke Kondition gehabt, daß er weiterlebt, und es tritt dieses neue, unbekannte Symptom auf. Wenn dieses Symptom nun als der Krankheit zugehörig erkannt wird, und nicht fälschlicherweise einer anderen Krankheit zugeordnet wird, könnte man von einer regelrechten Deduktion als Pendant zur essentialen Induktion sprechen.

Kiene thematisiert diese Deduktion nicht explizit, kommt aber in seiner Argumentation für die Unfalsifizierbarkeit von essentialer Erkenntnis auf diese drei Fälle zu sprechen.

„Es gibt nur zwei Bedingungen, unter den ein ‚Naturgesetz‘ falsifiziert werden kann: Erstens, wenn es sich lediglich um ein scheinbares Naturgesetz handelt, um einen Satz, welcher die Verallgemeinerung einer äußerlichen Assoziation von Phänomenen darstellt, ohne die Ursache für das Erscheinen der Phänomene erfaßt zu haben. (Dann allerdings wird eben kein Naturgesetz falsifiziert, sondern eine hypothetische Spekulation.) Zweitens, wenn der Bedingungszusammenhang ein anderer ist als jener, für den das Naturgesetz formuliert wurde. (Dann allerdings ist nicht das Naturgesetz falsifiziert; dann sind eben die Bedingungen anders, und das Gesetz ist für den betreffenden Fall nicht zuständig… .)“ (S. 192f.)

Die eigentliche Deduktion, ohne sie hier zum Thema zu haben, beschreibt Kiene indirekt so:

„Karl R. Popper vertritt den Standpunkt, die Physik Newtons habe die Physik Galileis, und die Relativitätstheorie Einsteins habe die Gesetze Newtons falsifiziert … Auch dies ist ein Irrtum. Einstein hat nicht Newtons Gesetze, und Newton hat nicht Galileis Auffassungen widerlegt, sondern schärfer erfaßt und erweitert. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man, wie bei dem Fortschritt von Galilei über Newton zu Einstein in das Wesen der Gravitationserscheinungen weiter und tiefer eindringt, oder ob man vorangegangene Erkenntnisse falsifiziert.“ (S. 192)

Die Erkenntnissituation für den Arzt kann in dem genannten Beispiel, etwas modifiziert, aber noch eine andere sein: Es könnte nur das späte Symptom auftreten. Die Symptome der Krankheit im Frühstadium traten bei dem Patienten nicht auf, oder sind für eine Anamnese nicht dokumentiert. Es ist unbekannt, welche Krankheit den Patienten befallen hat, eine Deduktion ist daher nicht möglich. Der Arzt kann nur eine Induktion aufgrund des späteren Symptoms versuchen. Sollte sie gelingen, müßte sie das gleiche Wesen, die gleiche Krankheit auffinden, die sich auch ausgehend von den Symptomen im Frühstadium ergeben hätte.

Man hat also einmal als Arzt die potentielle Möglichkeit, von Symptomen (Kopie-Begriffen von Wahrnehmlichem) zu dem Wesen einer Krankheit zu kommen (essentiale Induktion), und umgekehrt, von der Krankheit, dem Wesen von Symptomen (diese Simplifizierung sei bei dem Beispiel erlaubt), auf diese einzelnen Symptome, oder auf ein bestimmtes Einzelnes (Deduktion). Ein so durch Deduktion bestimmtes Einzelnes muß gleichzeitig ein Einzelnes sein, von dem aus, zumindest der Möglichkeit nach, mittels essentialer Induktion das gleiche Wesen aufgefunden werden kann, von dem aus die Deduktion erfolgte, die dieses Einzelne als dem Wesen der Krankheit zugehörig ergab.

Wenn von einem Einzelnen die Induktion auf ein Wesen vorgenommen wird, und von diesem Wesen aus die Deduktion das Einzelne ermittelt, dann muß sowohl bei der Induktion als auch bei der Deduktion es sich um das gleiche Einzelne und um das gleiche Wesen handeln. Der Unterschied zwischen Induktion und Deduktion bestünde lediglich in der Vertauschung von Ausgang und Ergebnis. Wenn daher nach einer Induktion die Deduktion zu dem Einzelnen so zurückführt, daß dieses Einzelne in einem präzisen Sinne genau das gleiche ist, wie das Einzelne, von dem die Induktion ausging, dann hätte man mit der durchgeführten Deduktion möglicherweise eine Bestätigung für die Wahrheit der Induktion. Es könnte dies eine Art des oben angeführten, von Witzenmann sogenannten rückbestimmten Bestimmens sein, in dem ein Wahrnehmliches als Phänomen involviert ist[11].

„Erstens: Was ist die Ursache dafür, daß etwas so ist, wie es ist? Zweitens: Was ist die Ursache dafür, daß sich etwas so verändert, wie es sich verändert?

Die jeweilige Antwort kann schließlich dann, aber auch nur dann gegeben werden, wenn man die Ursache der entsprechenden Sache oder Veränderung real kennt. Das Kriterium für das Kennen der Ursache ist die Fähigkeit, die verursachte Sache bzw. Veränderung ableiten zu können.“ (S. 182, Hervorh. n.i.Orig.)

(Unter Ursache ist hier Wesen zu verstehen, unter Ableitung Deduktion).

Die von Kiene als Ideal aufgestellte Souveränität der essentialen Wesenserkenntnis würde über diese Fähigkeit, entsprechend einer bestimmten Induktion auch eine Deduktion zurück vornehmen zu können, im Sinne einer Generalisierung hinaus gehen: Einmal die Entwicklung der Fähigkeit, von den unterschiedlichsten Kopiebegriffen, die zu einem Wesen gehören, durch Induktion zu diesem vorzudringen. Und dann umgekehrt vom Wesen aus generalisiert deduzieren zu können, also Individual-Erscheinungen des Wesens ableiten zu können, alle die es geben kann. Zur Souveränität gehört dann auch, nicht nur mit einem Wesen in diesem Sinne vertraut zu sein, sondern mit vielen. Das betrifft nicht nur die Anforderungen vom Ideal aus an den Wissenschaftler und praktischen Arzt z.B., sondern wird allgemein als Erkenntnisideal des Menschen anzusehen sein, insbesondere auch für die Praxis des sozialen Zusammenlebens und der Erziehung der Kinder.

„Die Aufgabe einer essentialen Wissenschaftstheorie ist es, einen Anstoß zu geben, so daß die dogmatische Verhärtung abfällt und ein Kulturwille zur Entwicklung neuer Denkformen und geistiger Techniken entsteht, die das Wesen der jeweiligen Sache erfassen können. (…)

[Dogmatisch] wird, ohne daß die Erkenntnisfähigkeiten des Menschen untersucht worden wären, geleugnet, daß für den Arzt in der Diagnostik und im therapeutischen Umgang mit Heilmitteln eine intellektuell klare essentiale Erkenntnis im Einzelfall möglich sein könne; und es wird bestritten, daß die Erfahrung eines Arztes, der über ein reichhaltiges diagnostisches und therapeutisches Repertoire verfügt, bereits in hohem Maße einen Zugriff zu dem Wesen des jeweiligen Krankheits- und Heilungsgeschehens haben könne (siehe S. 107f.).“ (S. 224)

Die heutige Schulmedizin laufe Gefahr, „einer dogmatischen und anti-wissenschaftlichen Tendenz anheimzufallen“. Es dürfe aber der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß, wenn diese Gefahr erkannt werde, sich auch der Wissenschaftsstreit in der Medizin auflösen lasse.

„Es wird dann nämlich der Position der statistischen Medizin ihre Berechtigung zuerkannt, und zwar soweit es gilt, dem einzelnen Arzt eine Orientierung zu geben, wenn seine eigene autonome Erkenntnis und Erfahrung für die Behandlung eines Patienten nicht ausreicht.“ (S. 224)

(Diese Ausführungen beruhen ausschließlich auf dem Werk Kienes: Grundlinien einer essentialen Wissenschaftstheorie, aus dem zitiert wird. Der in diesem Werk verfolgte Ansatz wird von Kiene in späteren Arbeiten nicht weiterverfolgt, er wendet sich der Gestaltpsychologie zu:

  • Komplementäre Methodenlehre der klinischen Forschung: Cognition-based Medicine, Springer Vlg., Heidelberg/New York 2001, Volltext online).

Siehe auch

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